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Full text of "Germania: Vierteljahrsschrift für deutsche Alterthumskunde..."

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^30 • i" 



^3o . i' 



GERMANIA. 



VIERTELJAHRSSCHRIFT 



fOb 



DEUTSCHE ALTERTHUMSKUNDE. 



BEGRÜNDET VON FRANZ PFEIFFER 



HEBAUSQEGEBEN 
VON 



KARL BARTSCH. 



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• • 



VIERUNDZWANZIGSTEB JAHROANO. 
NKUE REIHE ZWÖLFTER JAHRaANO. 



THE 

HILDEBRA.ND 
UBEARY. 



WIEN. 

VEBLAG VON CABL GEBOLD'S SOHN. 

1879. 




R. -^M^^^. 



DIE BEIDEN LITERARHISTORISCHEN STELLEN 

BEI RUDOLF VON EMS. 



Die literarischen Stellen im Wilhelm und Alexander haben wegen 
ihrer Wichtigkeit und der sich daran knüpfenden Folgerungen die For- 
schung immer wieder aufs neue beschäftigt. Zuletzt hat Johannes 
Schmidt in den Beiträgen von Paul und Braune 3, 140 — 181 die Frage 
wieder aufgenommen, ob der. Wilhelm oder der Alexander das frtther 
verfaßte Gedicht sei. 

Man hat sich gewöhnt davon auszugehen, daÜ, als Rudolf den Wil- 
helm dichtete, die dort erwähnten Dichter mit Ausnahme des TürheimerS) 
Hesses und Fasolts sämmtlich gestorben waren. Aber wo steht denn das? 
Rudolf sagt nichts weiter, als daß zu der Zeit, wo die im voraufgehenden 
genannten Dichter die von Rudolf aufgeftlhrten Werke verfaß ten^ die 
Aventiure von Wilhelm noch 'in welsch verborgen' war; specicU was den 
Stricker betrifft, als derselbe seinen Daniel von Blumental schrieb. Daß 
dieser eine Jugendarbeit des Dichters ist; darüber sind alle wohl einig; 
denn er bedient sich darin noch gewisser sprachlicher und metrischer 
Freiheiten, die er sich später nicht mehr gestattete. Aber daß der Stricker 
zur Zeit der Abfassung dos Wilhelm gestorben war, sagt Rudolf durch- 
aus nicht. Und die Art und Weise, wie er von Albrecht von Keme- 
naten redet, der genannt wird der wise mauj der meisterliche tihten kan, 
deutet entschieden auf einen noch lebenden Dichter. Denn w^ennSchmidt 
dem gegenüber bemerkt (S. 160), daß man auch von den Leistungen 
eines verstorbenen Dichters das Präsens anwenden kann, so ist das 
wohl im allgemeinen ganz richtig, aber hier ist zu erwidern : bei allen 
Dichtern, von denen wir mit Bestimmtheit wissen, daß sie zur Zeit 
der Abfassung des Wilhelm gestorben waren, braucht Rudolf das 
Präteritum; und ferner nennt er unmittelbar nach Albrecht von Keme- 
naten denjenigen Dichter, von dem es eben so sicher ist, daß er zur 
Abfassungszeit des Wilhelm noch gelebt hat, Ulrich von TteVÄ^sEl^ 
von diesem braucht er das Präsens und 2.^w ^«etvöÄ ^\^'«^^Jö^ ^ ^"^^ 

GERMANIA. Neae Reihe. XII. (XXIV. Jahrg.) ^ 



2 K. BARTSCH 

dung : der wol guotiu nuiere ze meistei'schefte tihten kan. Die Ge- 
schmacklosigkeit und Ungeschicklichkeit, den ganz gleichen Ausdruck 
in einem Athem von einem verstorbenen und einem lebenden anzu- 
wenden, traue ich zwar Herrn Schmidt — 'der diese auffallende Über- 
einstimmung gar nicht bemerkt oder, wenn bemerkt, absichtlich ver- 
schwiegen hat — aber nicht dem gewandten Rudolf von Ems zu. 

Das zweite Bedenken gegen die Annahme ^ Rudolf rede bis zu 
den Worten der Frau Aventiure nur von verstorbenen Dichtem, liegt 
in Gottfried von Ilohenlohe. Mit dem stolzen Gefühle eines Mannes, 
der alle Schwierigkeiten spielend aus dem Wege räumt, sucht Hr. S. 
den Nachweis zu führen, daß der von Rudolf erwähnte Gottfried nicht 
der im J. 1254 oder 1255 gestorbene sein könne, sondern dessen Vater 
sein müsse, der 1219 oder frühestens Ende 1218 gestorben sei. Es 
soll der in einer Urkunde Friedrichs H. vorkommende Gottfried von 
Hohenlohe der Dichter sein. Wir wollen einmal annehmen, diese mit 
der größten Keckheit vorgetragene Behauptung sei richtig, so entstehen 
dadurch erhebliche Schwierigkeiten für die chronologische Ordnung der 
Dichter bei Rudolf, welche Hr. S. doch verficht. Der im Jahre 1218 
gestorbene Dichter, der fünf erwachsene Söhne hinterließ, wird das von 
Rudolf erwähnte Gedicht doch schwerlich immittelbar vor seinem Tode 
gedichtet haben« Wir sind vielmehr berechtigt, dann die Dichtung 
sicherlich ins erste Jahrzehnt des 13. Jahrhs. hinaufzurücken. Dann 
geht also dem Gottfried voraus der Stricker, der nach 1236 noch ge- 
dichtet hat, also frühestens gegen 1240 gestorben ist; es folgt ein um 1219 
gestorbener Dichter, dessen Thätigkcit bald nach 1200 fallen würde, 
dann wieder einer, der um 1230 dichtete. Soll das chronologische 
Ordnung sein? 

Aber die Urkunde von 1218 ist unecht, und damit ist S. 
einfach der Boden unter den Ftlßen weggezogen. Ich verweise auf 
die ausführliche Begründung der Uncchtheit durch E. von Wattenwyl, 
Geschichte der Stadt und Landschaft Bern I (1867), 353 ff. Der 
Gottfried von Hohenlohe, der der Dichter sein soll, ist urkundlich 
überhaupt gar nicht belegbar, und der seit 1220 auftretende ist der- 
selbe, der im J. 1254 oder 1255 gestorben ist, der also erwiescner- 
massen zur Zeit wo der Wilhelm verfaßt wurde, noch gelebt hat. 

Dadurch wird selbstverständlich auch für Albrecht von Keme- 
naten dargethan, was schon in den Worten Rudolfs liegt, daß auch er 
zur Abfassungszeit des Wilhelm noch ein Lebender war. Nur die 
durchaus unnöthige Annahme, daß alle die dem Türheimer voraus- 
£rehenden Dichter gestorben waren, macht Rudolf zu einem *" unlogischen 



DIE BEIDEN LITERARHISTORISCHEN STELLEN BEI RUDOLF V. EMS. 3 

Scbwätzer\ Wie hätte auch Rudolf von allen den genannten Dichtem, 
die zum Theil seine unmittelbaren Zeitgenossen waren, mit Sicherheit 
behaupten können, daß sie alle verstorben waren? Von den großen 
Meistern am Ende des zwölften und am Anfang des 13. Jahrhs. konnte 
er es natürlich wissen, wie aber z. B. vom Stricker, der im fernen 
Osterreich wohnte und von dessen Tode schwerlich rasch eine Kunde 
zu Rudolf gedrungen ist? Freilich wenn er die Sicherheit der Behaup- 
tungen von Herrn S. gehabt hätte, so konnte er recht gut die Leute 
auch etliche Jahre früher sterben lassen. 

Worin besteht denn nun aber der Unterschied zwischen jener 
Dichterreihe und dem allein stehenden Türheimcr? Auch bei diesem 
wird zunächst auf seine bisherige dichterische Thätigkeit hingewiesen, 
auf seinen Clies. Dieser muß, nach dem Gedankengange Rudolfs zu 
schließen, gedichtet sein, nachdem die welsche Quelle Rudolf zugäng- 
lich geworden und Rudolf bereits das Gedicht begonnen hatte, wäh- 
rend die Werke der vorausgehenden Dichter sämmtlich vor diesen 
Zeitpunkt fallen. Warum aber kommt die Aventiure bei dem Tür- 
heimer noch nicht an? Offenbar weil er jetzt mit einem andern Ge- 
dichte beschäftigt ist, und unter diesem werden wir zunächst die Fort- 
setzung des Tristan zu verstehen haben, da die des Willehalm ent- 
schieden zu spät ist. 

Der Einwand, den Frau Aventiure erhebt, ist also der: zu der 
Zeit, als die von Dir (Rudolf) genannten Dichter ihre von Dir ge- 
nannten Werke verfiaßten, war ich noch in Wälsch verborgen. Sie 
alle dichten jetzt keine epischen Gedichte mehr, sie sind theils ver- 
storbene^ theils haben sie ihre dichterische Thätigkeit eingestellt. Nun 
macht Rudolf eine Einwendung mit dem Hinweis auf einen Dichter, 
der in unmittelbarer Gegenwart auf dem Gebiete erzählender Dichtung 
thätig ist. Aber auch bei ihm kann die Aventiure nicht ankommen, 
weil er eben gerade mit einem anderen Werke beschäftigt ist. Wir 
haben uns zu erinnern, daß es in jener Zeit keineswegs allgemein war, 
daß jemand sein ganzes Leben dem dichterischen Berufe widmete. 
Wir wissen von einer Menge von Dichtern , die eben nur ein einziges 
Werk geliefert und damit ihre dichterische Thätigkeit abschlössen. 
Die Annahme, daß von gar manchen uns eben nur ein Werk erhalten^ 
das übrige aber verloren gegangen, wäre durchaus unberechtigt; denn 
gerade die beiden Dichterverzeichnisse lehren uns, daß von den meisten 
Dichtem, von denen überhaupt etwas auf uns gekommen, wir diejenigen 
Werke besitzen, welche Rudolf namhaft mächt. Und so k.o\u[i\j^^ ^^\>s^ 
auch Rudolf, was gar nicht zu erweisen iat, von gat ttt»sid!öÄ\si^^s^öNÄX 



4 K. BARTSCH 

wußte, daß er nocb am Leben war, er ihn recht wohl in Reiche Linie 
mit den Terstorbenen älteren Meistern stellen, weil er literarisch todt 
war, oder, wie der Stricker, sich einer ganz anderen Biehtong zuge- 
wendet hatte. 

Veranschaulichen wir es uns durch ein modernes Beispiel. Ge- 
setzt, um das Jahr 1840 wäre aus einer damals aufgefundenen alt- 
firanzdsischen Dichtung ein wunderschöner Bomanzenstoff nach Deutsch- 
land gekommen, und ein junger Dichter hätte ihn zur Bearbeitung ge- 
wählt, dabei aber im Zweifel an seinen eigenen Kräften ähnlich wie 
Budolf die Muse an ältere Dichter gewiesen. Er hätte Uhland genannt, 
und namentlich Terwandte ühlandsche Bomanzen angefbhrt, die ge- 
raume Zeit Torher gedichtet waren. Wenn darauf die Muse, ähnlich 
wie bei Budolf erwiedert hätte: ja damals war ich noch in Wälsch 
verborgen — würde daraus zu schließen sein, daß Uhland im Jahre 
1840 bereits todt war? 

Ich sehe in diesem Gedankengange nichts unlogisches. Und end- 
lich, wenn Budolf jene Dichter als yerstorben hätte bezeichnen wollen, 
wfirde er nicht gesagt haben frt ir tagen, bei ihren Lebzeiten? Er 
sagt bi den tagen, in jener Zeit, als sie die genannten Dichtungen 
verfaßten. 

Damit fallen aber auch die Einwände, welche S. 168 f. bezüglich 
des Strickers vorgebracht werden. Denn sie stützen sich auf die, wie 
wir gesehen haben, unrichtige Behauptung, er sei zur Abfassungszeit 
des Wilhelm gestorben gewesen. Die auf S. 168 als 'natürlich' be. 
zeichnete Folgerung, es sei unnöthig gewesen, da die maere des 
Strickers, als der Alexander gedichtet wurde, noch allen frisch im 
Gedächtniss waren, dieselben namentlich zu nennen, während sie zur 
Zeit, wo der Wilhelm geschrieben ward, durch die späteren anders- 
artigen Dichtungen des Strickers in den Hintergrund gedrängt waren — 
diese Folgerung scheint mir im Gegentheil wenig natürlich. Das erstere 
setzt voraus, daß der Daniel überhaupt zu irgend einer Zeit einmal 
eine bedeutende Bolle beim Publicum gespielt habe, worauf doch nichts 
hinweist. 

Weiter kommt dann S. auf das von mir Wetzel beigelegte Mar- 
garetengedicht. Er weist auf die Beliebtheit der Legende in jener 
Zeit, auf die Menge von Bearbeitungen, die damals sicherlich von ihr 
existierten, hin. Welche Zeit meint er denn? Spricht er allgemein vom 
deutschen Mittelalter oder von der Zeit Budolfs? Für das Mittelalter 
darf es zugegeben werden, und Hr. S. hätte bei einiger Umsicht sogar 
ni>ch Büf einige andere theils noch nicht edierte, theils erst seit meiner 



DIE BEIDEN LITERARHISTORISCHEN STELLEN BEI RUDOLF V. EMS. 5 

Abhandlung überhaupt bekannt gewordene Bearbeitungen verweisen 
können, von denen F. Vogt bei Paul-Braune I, 263 ff. handelt. Aber 
von diesen Legenden gehört keine der Blüthezeit unserer mhd. Poesie 
an, sie fallen entweder vor die Blüthezeit (ins 12. Jahrh.) oder nach 
derselben, 14. und 15., vielleicht noch Ausgang des 13. Jahrhs. Daß 
aber die von mir aufgefundenen Fragmente der guten Zeit höfischer 
Dichtung angehören wird durch den ganzen Stil und noch sicherer 
durch die historischen Beziehungen erwiesen. Wie steht es denn nun 
mit der Legendendichtung überhaupt in diesem Zeitraum, der hier in 
Betracht kommt, von 1220 — 1250? Wir haben Rudolfs Legenden, und 
dazu Reinbots Georg. Also im Ganzen vier Legenden!*) Deutet das 
etwa auf Beliebtheit der Legendendichtung? Nun wird eine fbnfte 
(resp. siebente) aufgefunden, die durch ihre localen Beziehungen auf 
dieselbe Zeit und Gegend passt, in welcher Wetzeis von Rudolf erwähnte 
Margarete entstanden ist — sind wir da nicht berechtigt eine Identität 
dieser namenlos aufgefundenen und der verlornen Wetzeischen anzu- 
nehmen ? Ist es wohl irgend wahrscheinlich nach der damaligen Lite- 
raturrichtung, bei der spärlichen Pflege der Legendendichtung in jenen 
Jahren, daß in derselben Zeit und derselben Gegend zwei Dichter dieselbe 
Legende sollten behandelt haben? Natürlich ein mathematischer Beweis 
fbr die Identität ist nicht zu liefern; aber in wie vielen Fällen sind 
wir dazu überhaupt auf dem Gebiete der altdeutschen Literatur im 
Stande? Also mit einer blossen 'Kritik des Kopfschütteins', um mit 
Altmeister Diez zu reden, ist es da nicht abgethan. Herr S. zeige 
mit Gründen die Unwahrscheinlichkeit meiner Ansicht, sonst ist sein 
Negieren eine müssige Zweifelsucht, über die wir ruhig zur Tagesord- 
nung übergeben können. 

Wenn auch nicht mit voller Sicherheit behauptet werden kann, daß 
Wetzeis Margarete nicht bei Lebzeiten Bertholds von Zäringen (f 1218) 
gedichtet sein könne, so steht doch auch durchaus nichts im Wege sie 
nach 1235 zu setzen. Denn daß dementia nicht freigegeben worden 
sei, daß sie nicht auch nachher noch einen Dichter freigebig unter- 
stützen konnte, läßt sich nicht behaupten. Schöpflin sagt doch nichts 
weiter als: es ist nicht gewiß, ob der Verfügung Friedrichs 11., de- 
mentia freizugeben und in ihr Witthum wieder einzusetzen, Folge ge- 
leistet wurde. Die Behauptung von Hm. S., es sei das Folgeleisten 

*) Rechnen wir noch Konrad von Heimesfurt mit seinen beiden zwar nicht Le- 
genden, aber doch biblische Stofto behandelnden Dichtungen dazu, so sind es sechs. 
Aber nach der Stellung, die dieser Dichter in Rudolfs VvYie;\cXwv\TO wcvwVkvovX.^ ^«t^wsv 
wir ihn eher rar 1220 eu setzen haben. 



6 K. BARTSCH 

ZU bezweifeln^ ist ebenso^ als wenn man das Gegentheil mit Sicherheit 
behaupten wollte. Und wenn 'Friedrich 1235 besonders Ursache hatte, 
sich nicht so mächtige Fürsten zu Feinden zu machen', weil er ihre 
Hülfe brauchte — warum, muß man fragen, erließ er dann überhaupt 
jene Verftlgung bez. Clementias? Wenn er nachher in freundlichem 
Verhältniss zu den Grafen von Urach stand, so kann das ebensogut 
80 erklärt werden, daß die Grafen der Verfügung des Königs nach- 
kamen und in Folge dessen jeder Anlaß zu einem unfreundlichen 
Verhältniss weggeräumt war? Also von einem Beweise seitens des 
Hm. S. , von einem Urostossen meiner Annahme, die Margarete sei 
nach 1235 gedichtet, kann gar nicht die Rede sein. Nun wird aber von 
einer zweiten Ehe Clementias mit einem Grafen Eberhard von Kirch- 
berg, dem sie gegen 1500 Mark Silbers Burgdorf und Rheinfelden, von 
dem Herzoge von Zähringen^morgengabsweise herrührend, abgetreten, be- 
richtet. Diese Ehe, wenn sie mit Sicherheit festzustellen ist (vgl. Watten- 
wyl a. a. O. I, 26), würde allerdings den Beweis liefern, daß dementia 
freigegeben ward und in den Besitz ihres Witthums kam. 

Die Zeit nach 1235 paßt übrigens auch viel besser in die von 
S. angenommene chronologische Reihenfolge als die Zeit vor 1218. 
Es folgen im Alexander aufeinander: Albrecht von Kemenaten, um 
1230, dann, wenn wir von dem unbestimmbaren Heinrich von Linouwe 
absehen, der Stricker, um dieselbe Zeit und noch 1236, dann Wetzel, 
dann Ulrich von Türheim, zwischen 1230 — 1240. Ein Dichter, der vor 
1218 bereits dichtete, unterbricht diese Reihe in die unmittelbare Ge- 
genwart reichender Dichter sicherlich störender, als einer, der nach 
meiner Annahme zwischen 1235 — 40 dichtete. 

Und noch ein weiteres. Stellen wir uns einmal auf den Stand- 
punkt, daß die im Wilhelm dem Türheimer gegenüber gestellten Dichter 
wirklich verstorbene waren, warum dann nannte er nicht auch Wetzel, 
wenn dieser schon vor 1218 als Dichter auftrat? — mochte er nun 
zur Zeit der Abfassung des Wilhelm *ein noch Lebender sein, neben 
dem Türheimer, und, war er gestorben, unter der Reihe der Verstor- 
benen? Rudolf ist mit Freundeslob nicht karg; was hätte ihn veran- 
lassen sollen, hier einem früher (im Alexander) genannten Freunde die 
Kränkung des Verschweigens anzuthun? Man halte nicht entgegen, daß 
es mit zwei anderen Freunden ähnlich stehen würde, wenn man die 
Reihenfolge Wilhelm — Alexander annimmt. Denn die Hülfe dieser beiden, 
Hesses und Fasolts, erbittet Rudolf nicht insofern sie Dichter, sondern 
insofern sie Kritiker sind, und darum nennt er sie in dem späteren 
Alexander nicht, ireil er hier überhaupt nur von dichterischer, nicht 



DIE BEIDEN LITERARHISTORISCHEN STELLEN BEI RUDOLF V. EMS. 7 

auch von kritischer Thätigkeit redet. War aber Wetzel zur Zeit, wo 
der Wilhelm gedichtet wurde, noch nicht als Dichter aufgetreten^ son- 
dern erst als er den Alexander schrieb, dann erklärt sich alles ganz 
natürlich. Darum nennt er Wetzel hier neben dem Türheimer. Weit 
entfernt also davon, die Abfassung der Margarete vor 1218 fUr wahr- 
scheinlich zu halten, erblicke ich vielmehr in der aus Betrachtung der 
Rudolfschen Stellen sich ergebenden Wahrscheinlichkeit, daß sie nach 
1235 fiült, eine Stütze des durch historische Quellen nicht zu erwei- 
senden Factums, daß dementia wirklich 1235 freigegeben wurde und 
das geraubte Witthuni zurückerhielt. Ich mache damit nur dasselbe 
Recht geltend, welches S. für sich bezüglich Gottfrieds von Hohenlohe 
(freilich wie wir sahen ^ sehr mit Unrecht) in Anspruch nimmt: ein 
literarisches Zeugniss für die Geschichte zu verwerthen. 

Wenn S. es auffallend findet, daß an der Stelle des Alexander, 
wo Rudolf seine früheren Werke erwähnt, er nicht auch des Wilhelm 
gedenkt, wenn derselbe vor dem Alexander entstand, und aus diesem 
Nichterwähnen schließt^ der Wilhelm sei eben nach dem Alexander 
gedichtet, so kann man umgekehrt fragen: wenn der Alexander vor 
dem Wilhelm gedichtet war, wie kommt es, daß er dann in letzterem 
nicht neben den früheren Werken erwähnt wird? Und weiter. Im 
Alexander wird erwähnt das Gedicht vom heiligen Eustachius, nach 
dem Barlaam. War der Alexander vor dem Wilhelm gedichtet, dann 
war es der Eustachius erst recht, und dann ist wieder auffallend, daß 
im Wilhelm auch der Eustachius nicht genannt wird. Bei der schlechten 
Überlieferung des Alexander, die an dieser ganzen Stelle auf einer 
einzigen jungen Handschrift beruht^ ist es gar nicht so undenkbar, wie 
es S. hinstellen möchte (S. 164), daß wenn auch nicht eine Ent- 
stellung bezüglich des Eustachius, wohl aber eine Lücke anzunehmen 
ist (vor oder nach dem Eustachius), in welcher des Wilhelm gedacht 
war. Aber wenn man sich auch zu einer solchen Annahme nicht ent- 
schließen will, so heben sich WÜhelm und Alexander durch ihre gegen- 
seitige Nichterwähnung auf, d. h. aus ihr ist nichts fUr die Chronologie 
zu schliessen. Dagegen spricht die Erwähnung des Eustachius im 
Alexander, aber nicht im Wilhelm, dafür, daß der Alexander nach dem 
Wilhelm gedichtet ist. Wenn man den Wilhelm und den Alexander 
in Bezug auf ihren dichterischen Werth mit einander vergleicht, wird 
man ersterem unbedingt den Vorzug geben. Der Alexander ist breiter, 
geschwätziger, nüchterner; und dieso Eigenschaften treten in Rudolfs 
entschieden jüngstem Werke, der Weltchrouik^ am \iTk«ccv^<Kvv^\SÄ\fc\v 
hervor. Auch die d/chterische Entwickelvmg «\äo x«vä.ä\V. ^^^ '^^^^ 



8 K. BAHT8CH, DIE BEIDEN LlTERARUiSTOBISCHEN STELLEN ete. 

Wilhelm — Alexander — Weltchronik viel wahrscheinlicher als die an- 
dere Alexander — Wilhelm — Weltchronik. Und die beiden literarischen 
Stellen selbst unterstützen^ mit einander vei^Iichen, jene Reihenfolge. 
Die Stelle im Willehalm, wenngleich anch sie anf Nachahmung bemht, 
ist entschieden dichterisch gehobener; die des Alexander fidlt dagegen 
ab. Hier hat Rudolf sich selbst nachgeahmt, und blieb er schon bei 
der Nachahmung seines ersten Vorbildes weit hinter diesem zurQck, so 
wiederum noch mehr in der zweiten, in der er zugleich sich selbst 
copierte. 

Daß Rudolf von Ems von niemand ausser ihm selbst und von 
seinem Fortsetzer erw&hnt werde (S. 164) durfte jetzt nicht mehr be- 
hauptet werden (vgl. Germania 12, 478 f.). 

Wie steht es nun mit der scharfen und schlagenden Widerlegung, 
deren Herr S. sich rühmt (S. 160)? Ich vermag in seinem ganzen 
langen Aufsatz nichts von hallbaren positiven AufsteUungen zu ent- 
decken. Das einzige, was sich hören läßt, die Conjectur Alsolon statt 
cdto Ion im Alexander wird durch einen dabei zu Tage tretenden Mangel 
an kritischer Methode wieder herabgedrückt. Schon Paul (S. 181) hat 
auf das bedenkliche hingewiesen, gegenüber der gut überlieferten Lesung 
Abialon oder Absolon im Wilhelm die Lesung Alsolon^ die auf einem 
offenbaren Mißverständniss der jungen Alexanderhandschrift beruht, zu 
bevorzugen. Mit flrgötzen wird man die Versuche auf S. 154 lesen, 
in AUolon den Namen eines Ortes zu entdecken. Bequem ist es frei- 
lich, das Auffinden dieses Ortes anderen zu überlassen. Die Möglich- 
keit, welche Paul am Schlüsse andeutet, ??iin friwit auf den folgenden 
Albrecht von Kemenaten zu beziehen, will mir nicht einleuchten. Ich 
halte daher min friunt Absoldn ftlr die richtige Lesart, und theile, was 
die Erklärung des nicht zu ändernden oder von Ahsalone im Wilhelm 
betrifft, die Meinung Pauls, daß das von an den Nachsatz, nicht an den 
Vordersatz angeknüpft ist Daß Rudolf den Dichter an beiden Stellen nur 
mit dem Vornamen nennt, hat seine Analogie im Wilhelm in Fasolt, 
im Alexander in Wetzel. Bei einem häufigem Namen als Absalon, 
Wetzel, Fasolt würde die kurze Nennung des Vornamens auch ftlr 
die nähern Bekannten und den Kreis Rudolfs mehrdeutig gewesen 
sein. Das überlieferte ^n hebele ist freilich nicht zu brauchen, aber 
der Vorschlag Schmidts, statt sin zu lesen sinty ebensowenig ; denn ein 
solches 'später oder ^seitdem' als Übergang zu einem andern Dichter 
hat durchaus keine Analogie in den beiden Dichterverzeichnissen Rudolb. 
Ich lese mit Verändernnjr eines einzigen Buchstabens sin tlebetey 'seinen 



10 R. BECHSTEIN 

Es handelt sich um die Verse 15246, 47 (M. 383, 8, 9): 

da von wänd'er ontsete 

von sinem neven äne sin. 

Sprenger vermißt eine Erklärung bei mir*). Ich habe keine ge- 
geben, weil ich mir sagte, daÜ ein Leser, der bis zu diesem Verse 
gelangt ist, wohl die Erklärung dieser an sich gar nicht schwierigen 
Stelle selbst finden würde, nachdem äne c. gen. schon öfters da war 
und auch erklärt wurde. Nach der Einrichtung dieser Ausgaben soll 
doch nicht immer und immer wieder dasselbe gesagt und erklärt wer- 
den. Ausdrücklich habe ich mich auch darüber in der Einleitung aus- 
gesprochen**). Hätte Sprenger im Wörterverzeichnisse nachgesehen, so 
wäre er unter äne adj. c. gen. verwiesen worden zunächst auf V. 1490 : 
des üetmzes unde min mit eren ledec und äne sin mit der Erklärung: 
„äne erscheint in solchen Wendungen als unflect. Adjectiv und Syno- 
nym von 2edtc, frei, los [los und ledig]." Femer verzeichnet das Wör- 
terbuch in der 2. Auflage V. 4368: sus mtioz ich äne vater s7n, ztceier 
väter^ die ich geumnnen hän\ dazu die Erklärung: „<$7ie vaJler^ scheinbar 
äne praep. mit acc; der folgende als Apposition stehende Genetiv 
zweier väter beweist, daß äne hier adj. mit gen. ist, wenn es auch dem 
Subst. vorangeht; vgl. 5158. 8662. 15278 und zu 1490." Hier sind also 
noch drei Citate gegeben, die allesammt, namentlich aber 5158, die 
fragliche spätere Stelle erklären konnten. Es ist rein zufällig, daß sie 
nicht auch als Citat der Anmerkung zu 4368 hinzugefiigt worden ist« 
Daß nntcBte der zu äne gehörige Genetiv ist, war auch unschwer zu 
erkennen. Und das andere macht sich dann von selbst. Natürlich muß 
der Leser sorgi^tig jedes Wort erwägen, wenn er nicht weiter kann, 
und namentlich muß er richtig construiereu. 

Sprenger hat also die in der Ausgabe gebotenen Hilfsmittel nicht 
ausgenutzt, wohl aber hat er versucht, durch eigene Bemühung der 
ihm schwierig scheinenden Stelle Herr zu werden. Er theilt zunächst 
den Text mit, ändert auch gleich, um von vornherein ein besseres Ver- 
ständniss zu erzielen, die von mir gegebene Interpunction; er ändert 



*) Ein Erklärer ist sich öfters der Schwierigkeit einer Stolle g,ir nicht bewußt; 
er denkt, weil er si« verstehe, müßten sie auch andere verstehen. So wurde mir ein- 
mal von einem Freunde, einem hochgelehrten Fachgenossen, brieflich die Frage vor- 
gelegt, wie y. 4680 zu erklären sei: daz edele herze iht lache cUiv. In der zweiten 
Auflage setzte ich deshalb: edeU herze = ein edelez h. 

**) Hier ist ein recht eclatanter Fall, der beweist, daß diese Ausgaben gar nicht 
so bequem eingerichtet sind und das eigene Studium so entbehrlich machen, wie es 
'^'^HMch nnä öfters in wenig frenndlicher Weise behauptet worden ist. 



zu GOTTFRIEDS TRISTAN 15246 fg. U 

aber auch stillschweigend ein Wort, ohne daß er dann darüber das 
geringste verlauten läßt. Ich muß zunächst seinen Text wiederholen. 

15241 (383, 3) 

sin zwivel unde sin arcwän^ 

die er e haete gar verlän, 

ze den so was er aber geweten: (Maßmann u. Bechstein Komma) 

wan er den estrich unbetreten 

vor dem bette funden hsete, (M. u. 6. Semicolon) 

dsk von wand' er unteete 

von sinem neven äne sin ; 

Die Interpunction Sprenger's ist genauer, aber hier macht die 
verschiedene Interpunction keinen wesentlichen Unterschied. Aber äne 
sin? Wie kommt das auf einmal in den Text? Maßmann und ich 
schreiben doch stn (: künigln). Da über diese Abweichung nichts gesagt 
ist, war ich anfangs geneigt, Druckfehler anzunehmen; aber aus der 
folgenden Erklärung Sprenger's, die weder äne sin noch äne sm mit 
heranzieht , darf doch geschlossen werden , daß äne sin mit Ab- 
sicht steht. Ist es wegen des reimenden Femininums formal mög- 
lich? Ja, es ist möglich. Denn, wenn auch Gottfried neben der zwei- 
silbigen Femininbildung auf ^inne die einsilbige mit langem Vocal weit- 
aus bevorzugt, so begegnet doch auch einmal -in: kUnigin (: hin) 10879. 
Aber was soll äne sin heißen? Ohne Sinn, sinnlos? Es würde sich an 
neven anschließen, also eine Bezeichnung für Tristan sein. Würde das 
gerade in dieser Situation, in der Marke geneigt ist, seinen Neflfen zu 
entschuldigen, angemessen sein ? 

Sprenger lobt die Übersetzung von Hermann Kurz, weil sie ihm 
den Sinn trefflich wiederzugeben scheine. Allerdings, die Übersetzung 
ist sinnentsprecheud , aber doch sehr frei und darum flir die philolo- 
gische Erklärung des Einzelnen ungeeignet. (Auch Simrock ist frei, 
femer auch Wilhelm Hertz). — Sprenger fährt dann fort: t^Diq Schwie- 
rigkeit liegt in der Erklärung von V. 15246. Was heißt: da von 
wand' er untsete von sinem neven? Wenn wir untät in der gewöhn- 
lichen Bedeutung von übele That, Missethat nehmen , so würden wir 
gerade das Qegentheil von dem erhalten, was der Sinn verlangt : *Des- 
halb, weil er den Estrich unbetreten fai^ vermuthete er das Verbrechen 
von seinem Neffen . Mir scheint hier untät in einer ungewöhnlichen Be- 
deutung zu nehmen, nämlich als Negation der That überhaupt, 
nicht als Negation der guten That. In dem Adj. iintaitxc \\t!s.W^v n^V 
noch diese Bedeutung erhalten." 



12 R. BECHSTEIM, ZU GOTTFRIED S TRISTAN 15246 fg. 

Um zonäcbst bei der letzten Erklärung von uniät stehen za blei- 
ben, 80 ist die gefundene Bedeutung allerdings sehr ungewöhnlich, ja 
noch mehr: sie ist unerhört. Mir ist weder aus alter noch aus neuer 
Zeit irgend eine SteUe bekannt, die utität als das Hauptwort zu un- 
serem untaetig erscheinen ließe. Dieses ttniaetig in der heutigen Bedeu- 
tung = nicht thätigy unfleißig, ist ganz neuen Ursprungs; früher ist 
wnUdie das Adjectiv zn uniät und heißt ausschließlich: ttbelthätig, ver- 
brecherisch; in neuerer Zeit dagegen ist untcdig die Negation von 
taiigy welches im Mhd. als einfaches Wort kaum vorkommt. 

Aber sollte Gottfried, der sou veraine Gottfried, nicht vom Ge- 
wöhnlichen abgewichen sein, und hat er nicht vielleicht untdt in seiner 
originellen, in seiner geistreich spielenden Weise doch als das Gegen- 
theil von tat genommen? Die Stellen, in denen er sonst das Wort ge- 
braucht, sprechen nicht dafür, der zwivel unde der arcwän, den er 
zem neven solte hän , der töte in z^allen stunden , und in oueh uner- 
funden und unervaren haete an aller slahte untcäe 13726. daz er. . . 
die küniginne mitalle unschuldic hsste vor aller slahte unttete 14232. 
Eben mit diesen Stellen, namentlich mit der ersten, correspondiert 
augenscheinlich die später kommende, mit der wir uns beschäftigen. 

Somit sind wir durch Sprenger's Erklärung nicht befriedigt Auf 
seine Frage: „Was heißt: da von wand' er untsete von sinem neven?'' 
antworte ich : Das heißt gar niclits. Lassen wir doch den Dichter aus- 
reden, es konmit ja noch etwas : äne sin. 

Habe ich auch Eingangs meine Erklärung eigentlich schon ge- 
geben, so will ich zur größeren Deutlichkeit doch noch genauer Con- 
stmction und Übersetzung hinzufügen: 

Da von = darum, deshalb; wand* er, wähnte er, glaubte er; äne 
shi, ledig, los, überhoben zu sein; untcete, der oder einer Unthat, 
Missethat; von einem neven, Genetivbegriff: seines Neffen oder von 
Seite seines Neffen. Oder freier : deshalb glaubte er sich einer Unthat 
Seitens seines Neffen nicht zu versehen; deshalb hielt er seinen Neffen 
fbr schuldlos. 

ROSTOCK. REINHOLD BECHSTEIN. 



K. KÖHUSR, ÜBER EIK HEI8TKHLIBD VON DEM ROTHEN KAISER. 13 



ÜBER EIN MEISTERLIED VON DEM ROTHEN 

KAISER. 



Oben 23; 51 f. ist ein leider nicht vollständig erhaltenes Meister- 
lied*) mitgetheilt worden von folgendem Inhalt: Zu Rom lebte ein 
Kaiser, genannt der rothe Kaiser, der immer bei seinem Bart schwur 
und das wie einen Eid hielt. Auf Veranlassung des Papstes zog der 
Kaiser mit einem großen Heere gegen die Heiden. Der Papst aber, 
der den Kaiser haßte y schrieb heimlich den Heiden , sie sollten sich 
recht zur Wehr setzen und den Kaiser, wenn sie Friede von ihm 
haben wollten, tödten. Die Heiden besiegten den Elaiser und sein Heer 
und nahmen den Kaiser gefangen. Der Herrscher der Heiden zeigte 
dem Kaiser den Brief des Papstes und erbot sich^ ihn frei zu lassen, 
wenn er den Papst den Heiden schicken wolle. Der Kaiser schwört 
dies bei seinem Bart und kehrt nach Rom zurück. Alsbald flieht der 
Papst in seine Geburtsstadt Venedig, die der Kaiser mit einem neuen 
grossen Heer belagert. Nach einem Jahr imd zwei Monaten knüpft der 
Rath mit dem Kaiser Friedensunterhandlungen an, aber der Kaiser er- 
klärt, sie müßten ihm den Papst herausgeben oder alle sterben. 

Hiermit bricht das Lied ab, und wir wissen also nicht, ob der 
Kaiser den Heiden seinen Schwur hat halten können. Wie der weitere 
Verlauf des Liedes aber auch gewesen sein mag, wir haben jedenfalls 
in ihm eine eigenthümliche Variante einer Sage von Kaiser Friedrich 
Barbarossa und Papst Alexander HI., der ich in mehreren deutschen 
und italienischen Fassungen begegnet bin. Deutsch habe ich sie am 
ausführlichsten erzählt gefunden in dem von F. Pfeiffer in Haupts 
Zeitschrift V, 250 ff., neu herausgegebenen alten Volksbüchleiii von Kaiser 

'^) Dasselbe ist doch, wie ich nachträglich gefundeD, vollständig erhalten, nur 
mit etwas anderem Anfange *£in keyser war zu Rom bekaut', in einem Nürnberger 
Dmck von Hans Guldeumundt (4 Bl. 8); vgl. Weilers Annalen 1, 212; Goedekes Gnmd- 
riß S. 231, Nr. 13. Aber wo findet sich ein Exemplar des Druckes? Wenn Goedeke 
beifügt, es habe noch andere Meisterlieder auf Kaiser Friedrich gegeben und sich dabei 
auf das von ihm unter Nr. 94 angeführte beruft, das 'im thon wie man keyser Friderioh 
oder den Ritter auß Steiermarck singt', so bemerke ich, daß darunter keineswegs ein 
Lied von Kaiser Friedrich dem Rothbart, sondern das Lied von Hersog Ernst su ver- 
stehen ist, welches beginnt 'Es war ein herr was erentrejch geheyssen kayser Fride- 
reich' ; denn auch der Ritter aus Steiermark ist in H. Emsts Ton. 



14 K. KÖHLEK 

Friedrich Barbarossa *). Hicrnacb (Haupts Z. V, 259-66) hatte Papst 
Alexander, als der Kaiser Im gelobten Lande war, ihn heimlich ab- 
malen lassen und das Bild dem König Soldan von Babiloni geschickt 
nebst einem Briefe worin er den König bat^ den Kaiser zu fangen. 
I>arauf ließ der König dem auf der Heimkehr begriffenen Ejiiser in 
Annenion nachstellen^ und als der Kaiser eines Tages sich mit sei- 
nem Kaplan in einem Fluß baden wollte, wurden beide heimlich von 
den Soldanischen überfallen, gefangen genommen und zum Soldan ge- 
bracht. Der Kaiser gab sich anfangs fttr seinen Thürhütcr aus, aber 
Aar Holdan ließ sein Bild bringen und den Brief des Papstes lesen. 
Nach ein(*m Jnlir wurde dor Kaiser freigelassen , mußte aber ver- 
sprecheni nach seiner Heimkehr 100.000 Ducaten Lösegeld zu schicken, 
und dafdr eine consecricrte lIoHtio und den Kaplan als Pfand zurück- 
lassen. Als der Kaiser nach seiner Heimkehr mit einem Heer nach 
Rom zog , floh der Papst nach Venedig , welches der Kaiser hierauf 
belagerte, bis endlich der Friede zu Stande kam. 

Fast das ganze Volksbüchicin vom Kaiser Friedrieh hat Johannes 
Adelphus (Adolfus) in sein Buch über Barbarossa aufgenommen, und 
so iindet sich darin auch obige Sage '*"'*'). Kürzer ist sie erzählt in der 
Schrift 'Bapsttrow Hndriani iiij. vnd Alexanders III. gegen Keyser 
Frideriehon Barbarossa geübt. Aus der Historia zusamcn gezogen nütz- 
lich zuleson. Mit einer Vorrhedo Dr. Mar. Luthers', Wittemberg 1545, 
4", S. (}^ - - llij, und mit ein paar Zeilen gedenkt ihrer Caspar Hedio 
in dor von Pfeiffer a. a. O. S. 2(57 mitgetlieilten Stelle seiner ^Chronica 
aller ohristlichen Kirclien\ 

Italienisch ist mir die Sage vorgekommen in der 49. Novelle des 
MHSuocio von Salorno, der in der zweiton Hftifte des 15. Jahrhunderts 
lebte, und in oinoni italienischen Volks^cdicht, betitelt 'Istoria di Papa 
Alosaandro 111. o di Federico Barbarossa Imperatore*, von welchem 
A. F. Ozannm, Lob poetos franciscains en Italic au treizi&me siecle, 
Paris 185:;, S. 18 ff., einen Auszug gegeben hat. 

In Masucoio*s Novelle besohlioli»t Federico Barbarossa insgeheim 
als Pilger das heilige lirah zu besuchen , aber der Papst Alessandro 

*^ Vfrl« ilnrilhor mieh riilHudü Schriften xnr (ioschichte der DiclituD^ and 
SR)»«» K 4t)9 rt\ und Vll. MU t\, O. Voijrt in der Historisehen Zeitschrift XXM, 163 f. 
und K. Weller. Uepertorium typopr«phiciiui. Die dentsehe Literatur im ersten Viertel 
de» seoh lehnten Jiihrhunderts. Nr. \\\^0 

••> In der mir rorliefrenden Ausgehe des ' HjurbÄTOSsa', Strasburg, Johannes GrBeni- 
);er, tS^V (M . S. l.Vr - 1A\ - Thomas hat in Rflsehiugrs Wöchentlichen Nachrichten IF. 
t4<^ tf. Miflheihin^n mi< deü Adelphn^ B.^rhAro^Sx'« CTomacht. ilininter anch nnsere 8age. 



ÜBER EIN MEISTERLIED VON DEM ROTHEN KAISER. 15 

'quarto^ (!) erfährt dies, und schickt dem Sultan von Babilonia ein 
Bildnis des Kaisers. Der Kaiser wird mit seinen zwei Begleitern vom 
Sultan gefangen, erfährt von ihm den Verrath des Papstes und wird 
alsbald wieder freigelassen ^ wogegen er dem Sultan 500.000 Ducaten 
zu schicken versprechen muß , und dafür eine geweihte Hostie ver- 
pfändet. Nach seiner Rückkehr verjagte er den Papst aus Rom und 
ließ ihn in Siena im Hospital arm und elend sterben. 

In dem Gedicht ist die Sage im päpstlichen Sinne umgeändert. 
Nicht der Papst ist es^ der den im heiligen Lande als Pilger verkleidet 
weilenden Kaiser dem Sultan verräth^ sondern ein Cardinal schreibt 
im Namen und mit dem Siegel des Papstes^ aber ohne sein Wissen, 
einen Brief an den Sultan, worin er ihm den Kaiser genau abschil- 
dert. Dadurch wird der verkleidete Kaiser erkannt und festgenommen. 
Er gesteht zu, daß er der Kaiser sei, bittet aber den Sultan, ihm zu 
sagen, wie er ihn entdeckt habe. Der Sultan thut dies und bietet ihm 
nach einigen Tagen die Freiheit an, wenn er ihm so viel Gold als er 
wiege schicken wolle und als Pfand eine geweihte Hostie zurücklasse. 
Vor dem zurückgekehrten Kaiser flieht der unschuldige Papst aus Rom, 
erst nach Spoleto, dann nach Frankreich, zuletzt nach Venedig, wo 
er unerkannt und ganz verschollen 14 Jahre in einem Kloster lebt. 
Endlich wird er erkannt und von den Venetianern hoch geehrt. Kaiser 
Friedrich verlangt die Auslieferung des Papstes, welche von Venedig 
verweigert wird. Es wird nun ein Seekrieg zwischen dem Kaiser 
und Venedig geführt, worin letzteres siegreich ist. Endlich kömmt es 
zum Frieden und zur Versöhnung*). 

Schließlich sei noch erwähnt, daß nach einer Andeutung im 
Schimpf und Ernst von Johannes Pauli (Cap. 511) auch der bekannte 
Felix Hemmerlin unsere Sage von Kaiser Barbarossa erzählt zu haben 
scheint. Vielleicht im Viridarium Imperatorum (s. B. Reber, Felix Hem- 
merlin, S. 356)? 

WEIMAR, September 1878. KEINHOLD KÖHLER. 

*) Das Gedicht gehört zu den italienischen Volksbüchern, und es scheinen nur 
moderne Drucke bekannt zu sein. Ozanam citiert einen Dnick aus Todi von 1812, 
ich besitze einen aus Lucca ohne Jahr, aber wohl auch aus unserem Jahrhundert 
Das Gedicht mag ursprünglich im 16., wenn nicht gi^r schon im 15. Jahrhundert ver- 
faßt sein. 



! j 

16 K. BARTSCH 



EIN ALTES BÜCHERVERZEICHNISS. 



Im Serapeum 21 (1860), 299 ff. theilte E. G. Vogel ein 'Ver- 
zeichniss von Büchern, ehemals in der Schloßkapelle zu Wittenberg 
befindlich' mit, welches die Beachtung, die es verdient, nicht gefunden 
zu haben scheint. Es ist aus einer Handschrift des kdnigl. sächsischen 
Hauptstaatsarchivs copiert. Ich wiederhole es hier und ftige am Schlüsse 
einige Bemerkungen bei. 

Librorum ordo in Wittenberg (1434 feria IV post Simonis et Judae). 

In cista sicud intratur cappellae'^) ad manum dexteram infra 
scripti continentur libri. 

1. Primb magnus liber qui incipit, Ich sage dir lob ihu crist etc. 
Et finitur, Dy nymant ane dich und ane got zcu gebin hat, Cum notifl 

2. Item liber magnus qui incipit, Alpha et O. Gpt reyne etc. El 
finitur, Vnd weren synes trostes gerende etc. Cum notis 

3. Item alius liber, qui incipit, Ir Cristen alle schreyet etc. El 
finitur, wann du verloren werc etc. Et est dictamen Hermann von der 
Dhame, Cum notis 

4. Item alius über mangnus, qui incipit, Do ere ires houes erst be- 
gan etc. Et finitur, Sus leret Herman von der Dhame, Cum notis 

5. Item alius liber mangnus, qui incipit, Salich man etc. Et est 
psalterium wlgarc. Et finitur, wir bitcn dich mildeclichen roere etc. 

6. Item alius liber mangnus qui incipit, wir wollen nu schriben 
von den Sachsen etc. Et finitur, von gotz burt, ubir MCC vnd 
XXIX yare. 

7. Item alius liber Ritter Johann, des grosen lantferers, qui inci- 
pit, Ich Otto von Dymeringen etc. Et finitur. Do habe ich von ge- 
schriben do ich von Hispanieu lande sprach. 

8. Item alius liber, qui incipit, In den gecziten karls des ko- 
niges etc. Et finitur, Do gebot Gerhard den Doyen etc. 

9. Item alius liber, qui incipit, Is ist ein dingk, das wol ge- 
czympt etc. Et finitur, Ein wunder wird in allen lande etc. Et vocatui 
disß buch heiset Truwere. 

10. Item alius liber qui incipit, dyne wesinde gotheit, so stad etc. 
Et finitur, wann der Jude beiden keczczer ist etc. Cum notis 

11. Item alius liber qui incipit, vcrnemit alle ich wil uch sagen etc. 
Et finitur, dem waren wigand, Et est dictamen Tristran. 



*) omniam sanctonim. 



£:iN ALTES bOcherverzeichniss. 17 

12. Item alius liber qui incipit, Ein man san sunder lagch etc. 
Et finitm*; Min dangken hat er auch verschalt etc. Et est dietamen 
Rudolffi Brinkind. 

13. Item alius liber qui incipit, Dat dis hemelische vater etc. Et 
finitur^ Das ist stete an alle missewant 

Secunda cista. 
Item in alia cista ex opposito hostij infra scripti continentur libri. 

14. Primo liber mangnus, qui incipit, starcker got Adonaij etc. 
Et finitur, do wolde ich wesin in dir lesin, Et est passionale simctam 
(sanctorum ?) 

15. Item alius liber mangnus, qui iocipit^ do troija dis merc etc. 
Et finitur, das were ein teil zu früe. Et est historia troijana. 

16. Item alius liber qui incipit ^ Nu vememit alle gemeyne etc. 
Et finitur, disser herren orloug und ere etc. Et est Cronica. 

kerstanus kune dixit bunc librum quondam domine ducisse obtu- 
lisse dummodo f'uit schosserus in Wittenberg. 

1 7. Item alius liber mangnus^ qui incipit, Hir begijnnet der herren 
geburt von dem lande etc. Et finitur , wer zcu allen dingen gerne 
sprichet recht etc. Et est speculum Saxonicum. 

18. Item alius liber, qui incipit, Richer got herre, voit hymelischer 
herschaft etc. Et finitur, In iherusalem, nach wünsche gar, Et est biblia 
in wulgari. 

19. Item alius liber, qui incipit, vber alle dink hastu gewalt etc. 
Et finitur. Als mich got gelart, Et est liber Regis Alexandri. 

20. Item alius liber, qui incipit, was der synne kan Ingegissen etc. 
Et finitur, kind tustu das dir mag misselingen etc. Et est vita sancti 
Wenczeslai. 

21. Item alius liber qui incipit, dy bete mynnen is benan etc. 
Elt /finitur, Hetten e's nit gut seilen iegin wind etc. 

22. Item alius liber qui incipit, Ein gülden vaß gecziret, Et finitur, 
Hit vnser sele müsse riehen etc. 

23. Item alius liber qui incipit. In nomine patris et filii et spiritus 
sancti amen, wir sollen disses buches begynne etc. Et finitur, das er 
das wider thun wolle, so hat er etc. 

24. Item alius liber qui incipit, Nu vememit mir alle besundem etc. 
Et finitur, Synnet was er wunders begünnet etc. 

25. Item alius liber, qui incipit auwe, der leiden mere etc. Et 
finitur, Regni autem nostri nono decimo, Et est historia Soldani de strage 
commissa in anackers in christianos. 

OEHMANIA Neo<» Reihfi XIl. (XXIV.) Jahrg. ^ 



18 K. BARTSCH 

26. Item alius über qui incipit. Also der summer grünet etc. Et 
finitur, zcu dem fronen hymmelrich. Et intitalatur der Rosengarte 

27. Item alius libellus qui incipit Also Ichs nu vemomen han Et 
finitur, Du vil reyne magetn, Et intitulatur Wygoleis 

28. Item alius libellus qui incipit, fugetus, der andere was ge- 
bom etc. Et finitur Clemens der fünfte was gebom etc. 

29. Item aUus libellus qui incipit mit Angsst vnd mit jame'r etc. 
Et finitur des abindes nach etc. 

30. Item alius libellus qui incipit, diss buch ist von hübschen 
synnen etc. Et finitur, Sy kernen auch wol an dy wybe. Et habet co- 
operturam auream 

31. Item alius libellus, qui incipit, Wann iis sich wol fueget, vnd 
nutcze ist etc. Et finitur verretheniß irslagen vnd tut auch tÜ czeichen etc. 

Das Verzeichniss unterscheidet sich dadurch von allen bekannt 
gewordenen, daß Anfang und Schluß der einzelnen Handschriften an- 
gegeben ist. Dadurch erlaubt es uns, den Inhalt genauer zu be- 
stimmen als sonst möglich wftre. 

Nr. 1 ist ein Minnesängercodex gewesen, wie schon der Beisatz 
am Schlüsse *cum notis', d. h. mit Musiknoten ergibt Das den Anfang 
bildende Lied ist mir unbekannt ; die Handschrift schloß mit Walthers 
Leich, dessen letzte Zeile angefahrt wird, und zwar in einer Lesart, 
die mit keiner der erhaltenen Handschriften ganz übereinstimmt. Da 
die Handschrift als ^M agnus Über' bezeichnet ist, so war es eine Lieder- 
handschrift von beträclitlichem Umfange. Auch der *liber magnus* 
Nr. 2, gleichfalls * cum notis' war eine Liederhandschrift; das Anfangs- 
und Schlußcitat zu ermitteln ist mir nicht gelungen. 

Nr. 3. 4 enthielten Lieder von Hermann dem Damen, oder wie 
er hier heißt Hermann von der Dame. Durch diese Bezeichnung wird 
erwiesen, daß der Dichter in der That seinen Namen von dem Fluße 
Dame fahrt (vgl. MSH. 4, 742). Das Nr. 3 eröfihende Gedicht war 
der allein in der Jenaer Hs. stehende Leich; die Hs. muß aber mehr 
enthalten haben als die Jenaer, wenn nämlich die Angabe des Ver- 
zeichnisses genau ist und sich Hermanns Name auf die ganze Ha., 
und nicht bloß auf das erste Stück bezieht. Nr. 4 ist ebenfalls eine 
Liederhandschrift mit Noten; da sie als 'über magnus' bezeichnet ist, 
so haben wir kaum anzunehmen, daß sie nur Lieder Hermanns ent- 
hielt, was auch der Schluß der Angabe nicht besagt, denn es ist der 
Schluß von Hermanns Leich (MSH. 3, 162* sus leret Herman der 
Damen, amen, amen, amen!). Das Anfangscitat ist mir unbekannt. 

Nr. 6 ist wohl eine Handschrift der repgow* eben Chronik. 



EIN ALTES BÜCUERVERZEICHNISH. 19 

Nr. 7 ist die Übersetzung von Johannes von Maundevilles Reise- 
beschreibung durch Otto von Diemringen; die Hs. wav durch ihr Alter 
(vor 1434) von Interesse. 

Nr. 8 scheint ein Prosaroman aus dem kärlingischen Sagenkrebe 
gewesen zu sein. 

Nr. 9 mit dem Titel Truwere" weiß ich nicht zu bestimmen; es 
scheint nach dem citierten Anfang und Schlüsse zu urtheilen eine Dich- 
tung gewesen zu sein. 

Nr. 10, wieder mit der Bezeichnung *cum notis' ist also wohl 
eine Liederhandschrift gewesen, deren Anfang und Schluß ich jedoch 
nicht zu verificieren vermag. 

Nr. 11 ist von besonderem Interesse; es war offenbar eine Hand- 
schrift des Eilhartschen Tristrant Das Schlußcitat 'dem waren wigand' 
stimmt mit dem Schlüsse der Heidelberger Hs. überein, in welcher der 
letzte Vers lautet* dem kunen wyganden\ Diese Obereinstimmung macht 
wahrscheinlich, daß H gegen D wie so oft Recht hat; Lichtensteins 
Text folgt D. War nun diese Handschrift ein anderer Text der Be- 
arbeitung X, oder war es der ursprüngliche Text? Gegen erstere An* 
nähme spricht der abweichende Anftmg; es fehlte nämlich der Witten- 
berger Hs, der Eingang V. 1—46, und sie begann erst mit V. 47 (Vor- 
nemet recht als ich üch sage). Freilich ist auch denkbar, daß eine Hand- 
schrift der Bearbeitung X den Eingang wegließ, was bei erzählenden 
Dichtungen bekanntlich nicht selten vorkommt War es eine Hand- 
schrift des alten Textes, so folgt noch keineswegs, daß die Verse 1 — 46 
ein Zusatz des Überarbeiters sind ; es konnte ebensogut ein Abschreiber 
des alten Textes den Eingang weglassen wie einer des überarbeiteten. 
In jedem Falle aber stellt sich dieser Text mehr auf Seite von H als 
auf die von D, und das Vertrauen der Kritik auf H gewinnt Die 
sprachliche Färbung der Hs. war mitteldeutsch. 

Nr. 12 nennt einen Dichter Rudolf Brinkind als Verfasser; er ist 
gänzlich unbekannt 

Nr. 13 ist zu unbestimmt bezeichnet, als daß man eine Vermu- 
thung aussprechen könnte; nach dem Schlußcitat möchte man auf eine 
Dichtung schließen. 

Nr. 14 war eine Handschrift des dritten Buches des Passionais; 
sie schloß mit dem strophischen Epilog, von dessen letzter Strophe das 
Verzeichniss den Anfang citicrt. 

Nr. 15 war wohl ein Prosatext des trojanischen Krieges. 

Nr. 16 ist die Repgowische Chronik mit der gbi^Vn^u N ^Tt^^. 



20 K BARTSCH, EIN ALTES BÜCHERVERZBICHNISS. 

Nr. 18 eue Handschrift der fiadolfischen Weltchronik. 

Nr. 19 ist keine der bekannten Alexanderdichtnngen. 

Nr. 20 scheint, nach dem citierten Anfang and Schloß zu urtheilen, 
ein poetisches Leben des h. Wenceslaos gewesen zu sein; von einem 
solchen, und überhaupt von einer deutschen Legende, die vermuthlich 
auf latein. Quelle fußte^ ist mir nichts bekannt. 

Nr. 21 war eine niederdeutsche Handschrift, wahrscheinlich eines 
Gedichtes; in dem Schlußcitat ist zu lesen het en es. Das Anfangscitat 
ist unklar. 

Nr. 22, eine mir ebenfalls unbekannte Dichtung. 

Nr. 23, wohl ein Prosawerk. 

Nr. 24 kann recht wohl eine Handschrift des Herzog £m8t ge- 
wesen sein; die Bearbeitung B beginnt fS&st wörtlich ebenso *Nu ver- 
nemet alle besunder . Freilich sind derartige Anfange üblich, aber ich 
habe keinen so übereinstimmend gefunden. Und noch eins ftLhrt darauf 
und zwar auf eine Handschrift des Textes A: das Schlußcitat Offen- 
war war die Vorlage wie Prosa geschrieben , die letzte Zeile des im 
Verzeichniss abgeschriebenen Textes lautete sinnet waz er wunders 
beginnet, was der Abschreiber ftir äine Zeile nahm. 

Nr. 25 enthielt den besonders ausgehobenen Abschnitt über Accons 
Fall aus der Reimchronik Ottackers, der auch in anderen Einzelhand- 
schriften sich findet und in einer solchen Handschrift Püterich bekannt 
war (Strophe 110). 

War Nr. 26 wirklich eine Handschrift des Rosengarten, dann 
wohl eine jener Bearbeitung, von weicher W. Ghrimm 1859 zuerst 
Bruchstücke herausgab (vgL Germania 8, 196 ff.), denn diese trfigt 
am meisten den höfischen Charakter, den man nach dem Anfangs- und 
Schlußcitat diesem verlorenen Texte zutrauen möchte. 

Nr. 27, eine Handschrift des Wigalois, war am Anfang unvoU- 
stftndig und begann erst mit 9, 36. Den abweichenden Schluß erkläre 
ich mir so, daß die Hs. ein paar Schreiberverse am Ende hatte. 

Nr. 28, ein Verzeichniss von Päpsten. 

Nr. 29, ein nicht näher zu bestimmendes Prosawerk. 

Nr. 30 scheint ein lehrhaftes Werk in Prosa zu sein ; und Prosa 
war unzweifelhaft auch die Nr. 31. 

Von den Schätzen, die in diesen 31 Bänden enthalten waren, 
scheint nichts erhalten zu sein. Eine an Herrn Director Rhode in 
Wittenberg gerichtete Anfrage hat zu keinem Resultate geführt. Was 
mag allein in den Liederhandschriften gesteckt haben! Und wenn 



F. LIEBRECHT, DIE KRACHENDE BETTSTATT. 21 

diese 31 Bände schon so vieles enthalten, was uns unbekannt ist, so 
dflrfen wir einen Schluß machen^ wie viel überhaupt untergegangen und 
verloren ist, das nicht in einem so sorgfältigen Verzeichniss wenigstens 
eine Spur seines Daseins hinterlassen hat. 

HEIDELBERG, 23. October 1878. K. BARTSCH. 



DIE KRACHENDE BETTSTATT. 

Ein Sprachschwank. 



Das in Erlach^s Volksliedern 1 , 80 ff. mitgetheilte Hochzeitslied 

von Peter Denaisius (1561 — 1610) schließt mit der Strophe: 

„That Mund mit Mond beschließen, 

Wie Muscheln an der Bach, 

Mit Armen und mit Fußen 

Thut's grSnem Epheu nach, 

Laßt Bettstatt wacker krachen, 

Kein Musik besser laut, 

Und wer's wollt anders machen. 

Der bleib nur ohne Braut. ** 

Dieses fescenninische Krachen der Bettstatt findet sich in viel- 
fachen Volksliedern und andern Dichtungen wieder, wovon ich im Fol- 
genden einige Beispiele zusammenstelle. 

In einem Volkslied von der Mosel , mitgetheilt von Hocker, 

Zeitschr. f. d. Mythologie 1, 92, wo der als Jungfrau verkleidete junge 

Markgraf bei der Königstochter schläft, heißt es : 

„Des Nachts wohl um die halbe Nacht 
Das Bett fing an zu krachen. 
Und dies vernahm ein Küchenjung, 
Der fing wohl an zu lachen." 

Ebenso bei Simrock Nr. 178 ^Ausrede", wo zwei Liebende die 

Nacht bei einander zubringen: 

,,Des Nachts wohl um die halbe Nacht 
Das Bettchen fieng an und kracht« 
Die Mutter, die thät rufen. 
Wer ist denn bei dir da?"* 

In der Erzählung „von dem Mulner** (Erzählungen aus altd. 

Handschriften ges. durch A. von Keller. 35. Publ. des litter. Vereins) 

läßt sich ein Pfafie statt des vom Wagen gefallenen trunkenen Müllers 

KU dessen schönem Weibe bringen, die ihn ohne den Ittüiwxa -t^äätät 

nehmen, in ihr Bett legen beißt und (S. 262, 21 ff.^ 



22 ^"' UEBBECHT 

,Nye ein wort er gesprach. 

Er het mit ir gut gemach, 

Wann das das bet wart krachen. 

Von herczen wart sie lachen." 

Auch im Englischen findet eich bei gleicher Gelegenheit der ent- 
sprechende Ausdruck to crack. Von seiner Liebsten, Namens Jinnye 
(Jenny) ^ die zum Verkauf braut und bäckt, singt ein lustiger Bruder: 

nffoll oft I haue beene her man, 

her markett for to make; 
& after I haue rjdden 

a lonmey for her sake, 
Her pannel I cold take, 

& gallopp all amaine; 
Ide make both bedsides craeke. 

That Jynnye were here again!* 

Bishop Percy's Folio Manuscript Lond. 1867 vol. IV (Loose and 
faumorous Songs) p. 69: „When as I doe reccord". 

Der lat Ausdruck fUr dieses Krachen ist ingemere; so in den 

Priapeia 83, wo Albius Tibullus über die Pflichtvergessenheit seines 

„Ebenalten^ klagt und ihm Strafe androht: 

«Sceleste penis, o meam malom grave! 
Gravi plaque lege noxiam Ines, 
Licet querare: nee tibi tener poer 
Patebit nllos, ingemente qni toro 
Juvante verset arte mobilem natem cet. 

Für diesen ingemens torus steht bei Juven. 9^ 78 „lecti sonus*', 

bei CatuU 6, 10 „tremuli quassa lecti argutatio^,^während Ovid 

Amor. 14, 26 daftlr nur die „schütternde Bettstatt^ nennt: 

«Spondaque lasciva mobilitate tremat.' 
Auf das Knarren hingegen weist wieder ein neugriechisches Lied 
bei Passow Tgayovdm Pmiiatxd Nr. 473 ,, To Magio^^ wo eine Mutter 
durch das Knarren des Bettes ihrer Tochter auf den Gedanken kommt, 
daß der Liebste bei ihr liege: 

^Magio iiov xi i% ^ nUvt^ öov xal rgl^n öäv xalafii;" 
und ebenda Nr. 472 j^O ayovgog^ fragt eine Schwester die andere, 
welche heimlich den Geliebten bei sich hat, warum denn das Bett 
so knarre: 

^MiOQ'^y öäv X ^x 4 xA^'^^ <foVy xi oAo xgi^oxoxiBxat;* 
während in einem verwandten Liede bei Chasiotis Uvlloy^ etc. Athen 
1866^ p. 136, Nr. 7 „%) ^ivog xal 17 xoQfi^ es wieder die Mutter ist, welche 
die Tochter fragt warum denn ihr Bett so schüttere: 

„xoQij fioVy rd XQißßavi öov xi öeiexat xi Xv{y)ixai\'^ 



DIE KRACHENDE BETTSTATT. 23 

Auf dieses Schüttern oder ErscliUttem der Bettstatt spielt auch 
der Prior Fulco in seinem Trostscbrciben an Abälard an^ worin er 
nftmlich sagt: y,Hoc quoque magni aestimare debes quod nulli suspectus 
ab omni hospite hospes tutissime recipiaris. Maritus uxoris violationem 
ex te vel lectuli concussionem minime formidabit." Oeuvres d' Abö- 
lard. Paris 1616, p. 217. Diese Erschütterung wird in einem kreten- 
sischen Volksliede bei Jeannaraki "Ae^iaxa Kgr^uxci. Leipzig 1876, 
p. 124 jj'O igxo^os tov ayaxrjTixov*^ als so stark geschildert, daß ein 
Brautpaar dabei in einer Nacht sechs Betten entzweibricht: 

yTp/ia ötQcinata gaiceav mq vi xaga^ iq '[ligay 
KC aXka xgCa gatöavs äözs va ßyrj 6 ^Kiog.** 

Um das in Rede stehende Krachen noch deutlicher und vernehm- 
licher zu machen ; geschah es ehedem in England^ daß Spaßvögel bei 
Hochzeiten unter das Brautbett eine Schelle befestigtan; s. Brand's 
Pop. Antiqu. etc. ed. Hazlitt Lond. 1870. 11^ 114^ wo es heißt: It ap- 
pears to have been a waggish custom at weddings to hang a bell 
under the party's bed. See Fletcher's Night Walker act. I.* Ähnliches 
scheint auch anderwärts stattgefunden zu haben; denn in Bolza's 
Canzoni Pop. Comasche, Sitzungsber. der phil.-hist. Classe der Wiener 
Akad.Bd.LIII, p.667 ^11 Pellegrino^ sagt der Pilger zu einem Mädchen, 
dem er die Heirath verspricht: 

„Pol faremo d*un bei letto 

Coi lenzuoll tütt de Ud, 
E faremo ana coperta 

Tütta piena de baciocchin *). 
Nel voltarsi e rivoltarsi 

Bacioccbin faran din-din. 
Qui che p&ssan per la strada 

Sentirän stö fracassin; 
Crederim che sieno i firati 

A sonar el malutin " 

Die Bettdecke des Brautbettes soll also ringsum mit Schellen 
besetzt sein, damit diese beim Hin- und Herdrehen der darunter Lie- 
genden erklingen und die Vortlbergehenden diesen Schall vernehmen. 

LÜmCH. FELIX LIEBRECHT. 



*) i, e. souagli. 



24 O. BEHAOUEL 

BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX 



I. VertauBchung von Genetiv, Dativ, Accusativ beim per- 
sönlichen Pronomen. 

Scfaerer hat „ein sicheres Zeugniss flir die Schriftsprache'' ent- 
deckt, und zwar bereits ftir das elfte Jahrhundert., Ztschft. f. dtsch. 
Altth. 22, 321. Er findet, daß der Schreiber der Leydener Handschrift 
des Williram sich als Berliner gebahre, wenn er mir und dir ftir mich 
und dich der oberdeutschen Vorlage verwendet und umgekehrt mich 
und dich setzt da , wo wir den Dativ erwarten. Nach der Ansicht 
Scherer's hätte der Schreiber jenes Codex ursprünglich mi und di 
ftir Dativ wie Accusativ gesprochen, sei aber durch den Einfluß der 
hochdeutschen Schriftsprache veranlaßt worden, mir und mich anzu- 
wenden, deren unrichtigen Gebrauch er sich so zu eigen machte, daß 
er sie auch im oberdeutschen Original einftlhrte. 

Das wäre immerhin ein seltsamer Einfluß der Schriftsprache : sie 
soll bewirken, daß derjenige, der ihr zustrebt, das richtige Hochdeutsch 
seiner Vorlage verfälscht. Man ist daher einigermaßen berechtigt, sich 
zu fragen, ob jene Erscheinungen keiner anderen Erklärung fähig sind, 
auf welche Scherer sich stützt. Man darf es um so mehr, wenn man 
sich vergegenwärtigt, daß jenes vermeintliche Berlinerthum auf Ge- 
bieten erscheint und in Fällen sich zeigt , wo Schcrer's Erklärung 
schlechterdings ausgeschlossen ist. 

Accusativ für Dativ liegt vor im dän. und schwed. mig und 
dig, die sowohl mihi und tibi als me und U bedeuten; femer in nhd. 
euch = vobis und vos. 

Dativ für Accusativ erscheint in as. mi und thiy ags. me und 
the neben mik und thic, mec und thec, sowie in afries. mi und thi; 
ferner in mhd. uns gegenüber ahd. unsih. 

Gehen wir über das Deutsche hinaus, so finden wir im Lateini- 
schen die Ablativformen me und te auch für den Accusativ verwendet. 
Im Neugriechischen sind nhifidvu, öl-ieiva^ r^liccg-iidgy cäg-iaag sowohl 
Accusativ^ als Dativ (Mullach, Gramm, d. griech. Vulgärspr. p. 332, 11). 

Dadurch ist die Möglichkeit einer anderen AuflPassung ftir die 
fraglichen Stellen der Leidener Handschrift sichergestellt: sie müssen 
nicht nothwendig aus der Einwirkung der hochdeutschen Schriftsprache 
hervorgegangen sein, sie können auf ^rirklicher syntactischer Vertau- 
Bchung beruhen und der dem Schreiber angeborenen Mundart an- 
gehören. 



BEITRÄGE ZUB DEUTSCHEN SYNTAX, 26 

Indessen Möglichkeit ist nicht Wahrscheinlichkeit. 

Wenn von zwei Formen die eine durch die andere verdrängt 
wird; so sind zwei Möglichkeiten denkbar. Entweder erobert die eine 
Form das Gebiet der andern^ ohne selbst jemals in ihrem Besitz durch 
die ändere gestört zu werden ^ oder die Sache liegt so: während die 
Form A in Fällen erscheint, wo ursprünglich die Form B berechtigt 
war, wird gleichzeitig B auch Air A verwendet, und es tritt eine Zeit 
ein, wo A und B unterschiedlos gebraucht werden. Aber auf die Dauer 
ist dieser letztere Zustand unhaltbar. Rtlckkehr in die alten Verhält- 
nisse ist unmöglich; es bleibt daher nur ein Weg: eine der beiden 
Formen wird von der Sprache aufgegeben. Wir müssen also, wenn 
wir jene Casusvertauschungen der Mundart des Schreibers beilegen, 
in späterer Zeit irgendwo eine Mundart nachweisen, wo die eine der 
beiden Formen — mir und dir oder mich und dich — zur ausschließ- 
lichen Geltung gekommen. Seherer selbst hat schon an Veldeke's 
Servaes erinnert, wo mich und dich auch für den Dativ steht. Und 
zwar stelle ich fest, daß dies nahezu ausnahmslos geschieht; einige 
wenige mtund di begegnen noch: II, v. 1958, 2398, 2715, aber kein 
Tnir oder dir. Diese Sachlage ist nicht dazu angetlian, Scherer's Auf- 
fassung zu stützen. Wenn das Hochdeutsche eingewirkt haben soll, 
so müssen wir fragen, warum mir und dir gänzlich verschmäht worden 
sind. Und femer möchte man fragen, weshalb nicht auch sonst sich 
hochdeutscher Einfluß im Servaes geltend mache. Ich könnte gleich 
hier durch eine Reihe von Beispielen darthun, daß auch andere Lite- 
raturdenkmäler sich gerade so verhalten, wie der Servaes^ allein wie 
gewöhnlich kennen wir nicht genau Ort und Zeit der Abfassung, 
beziehungsweise der Niederschrift , und schließlich könnte man noeh 
irgend einen scharfsinnigen Ausweg finden , um den hochdeutschen 
Einfloß zu retten. Ich appelliere daher an Zeugen^ welche von allen 
diesen Übelständen frei sind: an die heutigen Dialekte. Dort finden 
wir auf niederfränkischem Gebiete einen ganzen großen 
Bezirk, in welchem für Dativ und Accusativ nur mich 
und dich gilt. Wir könnten diesen Bezirk das Mich-Land nennen, 
nach dem Vorgange der Brabanter, welche den östlichen Theil von 
Brabant als Et Mich Kwattier bezeichnen. (Firmenich, Anhang zu Gcr- 
maniens Völkerstimmen, p. 650, a.) 

Ich beginne mit meinen Beispielen im Norden des Gebietes. 
'' Nä , nä ! gei jagt sc mech (Firmenich, Völkerstimroen I, 598, a ; 
Mundart der Stadt Meurs). — Loot mech mar ena (398, ^V — 
J'S ja, dat wohr mech en Börschken (398, b"). — "NVm 'S.««! ^^ ^Äiw^^t, 



26 O. BEHAGHEL 

as woU et mech fas breken (399 b). -— Well ech dech wat seggen 
(408 a; Mundart von Krefeld). — well ech dech gär behölplich 
Seen (409, a). — ech schwemm möt dech an't angere Ufter (409, a). 
wat batt mech all mi Goud oa Geld (409, b). — ech lov mech vor 
alles et Baureiäven (410, b). — De hatt' mech nigen Dutzend Kasten- 
schlöt bestault {besUlU ; 415, a; Mundart von Velbert). — Dat donn 
du mftr, die steit dech jut (423, a; Mundart von Wttlfrath im 
Kreise Elberfeld). — nu sag ech dech vor allen Dengen (423, a). 
— jo, Frau, ech sal mech alles merken. — de Sack sali ech dech da 
wall faulen (423, b). — Biärt, riepen Hetz, wat fällt dech enn. — dutt 
mech de led*ge Sack mär beer. — O Litschen, leew Litschen, säie 
meck; wie doht meck setten de Galtrock min? (427, a; Mundart 
von Elberfeld und Umgegend). — du best meck verdorwen den 
Galtrock min (427, a). — Roop meck den Käarl geschwend hervor! 
Dat, scheent meck, es 'nen Flocken (427, a). — de Koschte Broat de 
göff meck nit (427, b). — eck seng deck, wie de Kuckuck sengt 
(427, b). — lot ne Frau meck eenen Schoppen Kiänschabbau vam 
Mönsterlänger holen (427, b). — Du bosz mech äwer de räite Vugel 
(431, b; Mundart von Ratingen). — Wells de mech woll mi Gäd 
beschlage? (433, a; Mundart von Düsseldorf). — drom well ech 
dech wat vorschlage on met dech 'ne Akkort mache (433, a). — zehn 
Johr breng ech dech dat Geld alle Dags (433, a). — ewwer esch mosz 
de mech noch 'ne Gefalle donn (433, b). — gäf mech min Hankschrefty 
dann lot ech dech herus (434, a). — lop du mar, du löps mech noch 
lang jot , en der Tid kös mech de Wuesch anbrenne (Xu, 510, a; 
Mundart von München-Gladbach). — wenn mech nur mar de 
Kruuk net üverlöpt! (510, b). — de Wuesch kös doch äwel dech ver- 
brenne (510, b). — dann nömms de dech jet te eäte möt (511, a). — 
Loope se dech ? (512, b). — waröm has de mech dat och net geseit? 
(513, a). — Et wor mich su goot, et woor mich su licht öm et Herz 
(484, a; Mundart von Jülich). — et wor mich, ich weesz selfs net 
wie (484, b). — jez gevilt mich kenn Blom (485, a). — ich wönsch 
mich al mi Lebdag maar, da'ch emmer sage kann etc. (484, b). -— 
[on denks bei dich : ich han (485, b)]. — Äves onger desera Kolle es 
mech och jet bei gefalle (487, a; Mundart in der Gegend von 
Heinsberg und Dremmen). — Nohm ich mich en der Sen, ze 
geh, noch ih ich kühm no Hus, noh Märubeldeke hen (488, a; Mund- 
art von Aachen). — schwig stell doch, du mags dich märr selver 
bang (488, b). — der Ohm (Athem) geeht mich us (488, b). — ühr 
halt mich Hus en Jade rcng (489, a). — loss dich de Ögelcher weische 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX. 27 

(489, a). — helpt mich, dat ich hörn ens wed quitt (489, b). — M'haat 
m'g van Auertitts decker vertaut (496, b; Mundart vonEupen). — 
mäy saat h'dou, wat felld d'g? mftrr änne? wat ess d'g? wat Ädd d'g? 
(497, a). — dat glöyv m'g (497, a). — verteil m'g d'Leyd! D'weys 
jo, dat ig d'g t*faäUepe weyt (497, b). — och, schwyg m'g dervanne 
(497, b). — T'es mich lieet (leid)^ da ich httm ni entweifel s-chübbe 
gegeven hob (Anhang p. 642, b; Mundart von St. Truyen). — Eh 
wel, as ge mich oere beste pand geft, dan aal ich oech äser bringen 
vor seve joor lange te werken (645, a; Mundart von Hoegaar- 
den). — gef mich 'ne kur een van oer bore (645, b). [die neve mich 
sat, 648 a; Mundart von Diest]. — 'T is dan noe bepoold dat ich 
mich vandoog e neui pak moot lote make (701, a; Mun dart von Maa- 
8 triebt). — de President van 't tribenool, ene grappege keel, mer dee 
mich nog neet 't geringste proces besorg hat (701, b). — do ig noch 
so veul neet oon verdeene kon , öm mich e miserabel rökske te lote 
make (701, b). — de ganssen doog spektakel mit diin vrouw, de dich 
verwitinge deit (701, b). — ger moot mich ins segge (702, a). — as 
ger mich de woorheit neet sekt (702 b). — nömp 'et mich neet koelik 
(702, b). — wat vor ein coleur van lake dinkste dat ich mich sou 
oetsöke? (703, b). — [Dou bes mer eine swetser, mit tig wil ich 
neet meer wirke 707, a; Mundart von Roermonde]. — Sogst mich 
op, boum tou jankst of kriest; ich hölp dich want ich kan (708, a; 
Mundart von Weert). 

Dazu noch einige Beispiele, welche zur Anschauung bringen, daß 
nicht nur in Lauten und Formen, sondern auch bei syntactischen Din- 
gen allmählige Uebergänge von einem Sprachgebiet zum andern 
stattfinden. In den Sprachproben aus der Umgegend Altendorfs bei 
Hattingen an der Ruhr (Firm. I , p. 366 ff.) erscheinen fast durch- 
gängig die Formen mi und di f[lr Dativ wie Accusativ; ich zähle 17 
Beispiele. Daneben findet sich aber doch ein Beispiel, in dem mich 
und zwar als Dativ begegnet: nain Grulden soll er mich noch in Koap 
ffibben (367, a). In der Mundart von Neviges (416 ff.) heißt der Accu- 
sativ fhich, der Dativ mir ; vom letzteren erscheinen in den mitgetheilten 
Proben 16 Belege; daneben dreimal der Dativ mich: kei Weder makt 
mech hcmg (418, b); du make mech bang (419, a) und da ealVt deeh nit 
schaden^ wann du an Düwel on Oespengster gläufa (420, a). — Aus dem 
Nordwesten des Gebiets finden wir diese Erscheinung in der Mundart 
des Ländchens Kessel , oberhalb Venloo am linken Maasufer (Mone, 
Quellen und Forschungen zur Geschichte der teutschen Literatnx >\w^ 
Sprache I, p. 477 ff.): einerseits den Dativ mich*. g«f wicK, ^<id«r^ V* 



28 O BEHAOHRL 

deä van het got^ dat mich gehurt (a. a. O. p. 478), anderseits den Dativ 
mei: en gei hebt mei nait enen bück gegeven. 

Nach dem Aufgeführten ergibt sieh etwa folgende Linie als die 
Umgrenzung des Mich-Landes: Meurs- Velbert-Elberfeld (Duis- 
burg, Mühlheim an der Ruhr, Schwelm haben schon mi und di ftbr 
beide Casus). — Düsseldorf- Mtlnchen - Gladbach - Jülich- 
Aachen (Düren scheidet mir und mtcA) — Eupen — von da nach 
Westen an der französischen Sprachgrenze; im Westen ist 
die Linie nicht genau zu bestimmen, doch geht sie wohl über Tirle- 
mont-Diest, von da jedenfalls nach Weert und Venloo. 

Damit ist nicht nur ein interessantes syntactisches Phänomen in 
seiner Verbreitung festgestellt, sondern auch ein nicht unwichtiges Hfllfs- 
mittel gewonnen, um die Gegend zu bestimmen, wo gewisse Uterarische 
Denkmäler abgefasst oder geschrieben wurden. Man darf freilich nicht 
sagen: jedes Schriftstück, das in dem von mir eben umgrenzten Ge* 
biete geschrieben warde, muü mich und dich aufweisen flir den Dativ 
Sgl. der persönlichen Pronomina, denn wir wissen ja nicht, ob besagte 
Erscheinung sich gleichzeitig auf dem ganzen Gebiete entwickelt hat; 
es ist nicht einmal wahrscheinlich. Aber das Umgekehrte steht nach 
dem pg. 25 Gesagten wohl sicher: ein Denkmal, das jene Vertauschung 
aufweist, muß innerhalb dieses Gebietes geschrieben sein. 

Danach gehören folgende Literaturdenkmäler ihrer Abfassung oder 
ihrer Niederschrift nach in das bezeichnete Territorinm. 

L Wahrscheinlich die Leydener Handschrift des Williram; eine 
Berücksichtigung der Lautverhältnisse würde hier zu weit führen, auch 
vorderhand kaum möglich sein. 

II. Das Marienleben , dessen Fragmente im deutschen Museum 
(Leipzig, in der Weygand'schen Buchhandlung) 1788, I, p. 72 ff. und 
112 ff. veröffentlicht sind. Zwar nicht das Original , denn im ersten 
Fragmente reimt der Dativ dt auf hi v. 22, und im zweiten v. 178 der 
Dativ fni auf ai. Dagegen die Handschrift scheint die Verallgemeine- 
rung des Accusativs zu zeigen. Einige Male nämlich erscheint noch die 
Form mi oder dii I, 27; II, 133, 134, 180; dazu die beiden Reim- 
stellen. Sonst steht im Drucke durchaus mie bezw. diei I, 110, 112, 
113, 114, 121, 137, 140, 147, 149, 165, 171, 175, 178. II, 61, 135, 
137, 174, 176, sowohl Dative als Accusative. 

Da nun in den beiden Fragmenten — zusammen 396 Verse — nur 
zwei anderweitige Beispiele von ie ftlr £ begegnen, so liegt der Verdacht 
ausserordentlich nahe, daü, sei es in der abgedruckten Handschrift selbst, 
sei es in deren Vorlage, statt dieses mie und die mic und die gestan- 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX. 29 

den habe; besonders wenn man bedenkt, daß die gutturale Tenuis in 
dem Stücke fast durchweg mit c bezeichnet wird, und wenn man I, 
138 vroghedie fllr vroghedic liest. 

III. Der Minneleich vom Niederrhein , Zs, f. dtseh. Alterth. lU^ 
218 ff. Mir und dir stehen an ihrer alten Stelle v. 1^ 2, 3, 6, 7; 18, 
21, 27, 49, 67, 76, 97, 103, 122, 129, 130, 137, also 17 mal. Zweimal 
steht daftir die Accusativform : 

V. 44. Ihr tuegeut die sint menichfalt, 

6od huet si mich voer lejde. 
V. 91. Vyl sorghen swachet mich der scyn, 
der US haer oghen blicket 

Zweimal ersetzt der Dativ den Accusativ: 

V. 97. ob got mir des ghewerte, 

dan weer so groys min vreuden teyl, 
das mir vur alle sorgen wol ernerte. 

IV. Adolf von Nassau, Zs. f. dtsch. Alterth. III, 1 ff. Er bietet 
ein Beispiel für Accusativ statt Dativ : 

v. 83: Hey bescheit an gerethe (gerihte) hey 
sine wort, die mich sagen, wey 
eyn ritter hait gedeynit vil 

auf 22 Behge, wo mir und dir die ursprüngliche Stellung behauptet 
haben: vv. 18, 47, 52, 54, 62, 71, 115, 168, 172, 184, 237, 267, 369, 
387, 388, 389, 465, 466, 483, 488, 493, 564. 

V. Das angeblich mittelniederländische Osterspiel , das Zacher 
Zs. f. dtsch. Alterth. II, 302 — 50 veröffentlicht hat, das aber bekannt- 
lich nicht niederländisch ist (Braune, Ztschft. f. dtsch. Phil. IV, p. 251 ; 
Heinzel, Gesch. d. Niederfränkischen Geschäftssprache p. 255). Hier 
kam die Vertauschung schon dem Originale zu: 

407 y,din lof ende din ere 

musze immer irmeren sich^. 

„siet willeküme, ir heren, mig.^ 
[627 Such (1. sich), die godis dime ben ich, 

heilich engel, inde an mich 

volge (= vol ge) die susze boitschaf din] 
816 dar umbe rade ich ug alle, 

dat ir willet volgen mich. 

ig sal ug machen vrouden rieh. 
1139 Dat uperstentinisse ben ich, 

des Salt du gelouven mich. 



90 O. BEUAGUEL 

Demgemäß findet sich außerhalb des Reims eine erhebliche Zahl 
von Belegen: 

411 dat sult ir mig, ir heren, sagen. — 431 nu wille wir dig och 
dun achin. — 456 dat sult ir mich sagen. — 462 wir brengen dig 
gaven. — 471 inde mig dise ere hait bekant — 500 inde dich geen 
(gd>en) ze lone mine guldine crone. — 512 du hais mich wale gera- 
den. — 545 want dus wale Ionen mait minen kende ende mich, des 
biddich live here dich. — 565 des insteit mich nit (ziemt mir) zu in- 
beme. — 601 dat he gesalvet werde ze knnincge up die erde. — 
650 dar umbe ganc vort ende du, des ich dich han gesprochen zu. — 
689 die engel kumen dich gereit — 691 dat dich die steine riiren 
inmugen hende nog vusse. — 702. Wat soude mig dine richeit? — 
862 Maria, du sais dat min zale dich nit bevalle wale. — 866 went 
dich nit inis bekant got. — 899 zait mig up die truwe din, al dat 
mich mag wesen guet — 930 got deit mig sine genade schin. — 
948 du hais mig decke gedaen leide. — 1012 nu sage mig, Simon, 
sunder wanken. — 1028 og is dich me (I. ie?) virgeszen des kussens 
van dinen munde. — 1043 diese hait mig in allenthalven mine vuze 
gesalvet wale. — 1064 meister, wat soude dig dat gedaen? — 1079 
so mich got bhuet dat leven. — 1081 ich säen dich eine nuwe 
mere. — 1082 dich entbident ende dun kunt — 1085 si sendent dig 
disen brijf inde entbident dich dar inne hören dinst ende bore minne. 

— 1195 ich danc dich sunderliche aller genaden, der du mig deis. 

— [1198 dat ich van dich ben gehört — 1207 dat ich van dig ben 
gesant. — ] 1364 dat mich soude vrumen, dat is mich benumen. — 
1460 dar umbe so muz du den doit liden, de dich zal geschin. — 
1467 dan sal dich nit wesen leit 

Aber noch weitaus größer ist die Zahl der Stellen, wo der Dativ 
mir und dir lautet: v. 18. 20. 48. 52. 61. 68. 71. 72. 85. 89. 111. 127. 
134. 162. 194. 201. 277. 359. 375. 404. 419. 422. 439. 522. 548. 626. 
640. 641. (647). 699. 710. (713). (726). (735). 742. 751. (763). 764. 
772. 805. 851. 888. 8%. 897. (900). 939. 994. 995. 997. 1014. 1015. 
(1021). (1038). 1046. (1070). 1071. 1073 1077. 1078. 1119. (1133). 
1154. 1174. 1175. 1190. 1217. 1244. (1247). 1248. 1260. (1273). 1319. 
1342. 1345. 1352. 1355. 1371. (1400). 1408. (1420). 1433. 1444. 1456! 
(1468). (1500). 

Also 35 mal der Dativ = mich, dich, 69 mal == mir. dir. 

Wie früher bei der Aufiiihrung der modernen dialektischen Bei- 
spiele, habe ich hier bei der Zählung die Beispiele^ wo der Casus von 
einer Präposition begleitet ist . nicht berücksichtigt. Denn in diesen 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX. 31 

Fällen beschränkt sich die Vertauschung nicht auf die Pronomina; sie 
erscheint allgemein^ auch bei Substantiven. Hier geht sie offenbar aus 
von den Präpositionen^ die sowohl Dativ als Accusativ regieren, dehnt 
sich dann nach und nach mit der Zeit so ziemlich auf alle Präposi- 
tionen aus*). 

Neben der Verwendung der Pronomina in ursprünglicher alter 
Weise, neben der Setzung des Accusativs für den Datiy erscheinen im 
Osterspiel auch einzelne Fälle von Dativ fUr Accusativ: 
V. 134 de name van diner gotheit 

an mir is gervet ende gegeven. 
V. 140 [herumbe setz ich den rat an dir, 

want it unmugelich duchte mir]. 
V. 386 so gebiden ich dir, 

dat du si kumen dus vor mir. 
V. 866 ich wil dirs machen gewis. 

VI. Die Handschrift von Veldeke's Servatins; ich habe schon 
vorhin bemerkt, da(S hier mich und dich auch fUr den Dativ zur Regel 
geworden. 

Leider genügen die vorliegenden Thatsachen nicht, um die Ein- 
zelnheiten der Elntwickelung za verfolgen, da wir nicht die Gewißheit 
haben, daß die vorliegenden Denkmäler aus einer und derselben Ge- 
gend stammen; vielmehr ist es ziemlich sicher, daß I und II einem 
nördlicheren Gebiete angehören als III, IV und V (s. Heinzel, Gesch. 
cL nfr. Geschäftsspr. p. 202 u. 286). 

Das niederfränkische Gebiet , von dem bis jetzt die Rede war, 
ist nicht das einzige, dem der Name des „Mich - Kwattier^ gebührt; 
es gibt noch einen zweiten solchen Bezirk von nicht geringerer Aus- 
dehnung. Ich verzeichne wieder die Belege aus Firmenich: Tu, Alster, 
du kannst mick hilpen (I, 157, a; Mundart von Osterweddingen 
bei Magdeburg). — verehre mick dinen Rock! (159, b). — an 
Flaijen un Brotkroim soll't dick nich fahlen, un Water will ick dick 
alle Dage hensetten; ick hale dick'ne jroine Raue und stellese dick 
opp't Schränk (161 , a). — morjen frei brink mick davoor'n Roth- 
kähllen in mien Huus (161, b). — denn soll't dick jut Jahn (161, b). 
— Sau ohk de Engel tau dick komm'n un währ'n dick bewahren, 
datt dick nischt kann wedder&hren (168, a; Mundarten der Magde- 



^ Bnuine ist im Irrtham, wenn er Zs. f. dtsch. Phil. IV, p. 289 meint, mit mit 
dam Accoflatiy sei Veldeke fremd, of. z. B. 476 met ein deil lüte daunen für. Ferner 
Serr. I, 534 990. 2119. 



32 O. BEHAOHEL 

burger Börde im Kreise Kalbe an der Saale). — verehr mick 
dienen Rock (162, b). — sau mahkte hei mick'ne Pipe (165, a). — 
ick sähr, hec solle mick ohk eine geb'n (165, a). — wistu bichten, 
sau mnstu mick näher kommen, dat ick dick hören kann, wat du mich 
hiebst (165, b). — hahle mick stantepeh an half Punt Quellenborger, 
Bchmieht mick abber den Buddel nich inzwei (169, b). — Wu sit mick, 
wu steitmick de Paltrock mieu? (170, a; Mundart in der Gegend 
von Aschersleben). — hebb' ick dick versnedden den Paltrock 
dien, sau hebb' ick 'ne snedden hie Mandenschien (170^ a). — dann 
wiU ick dick aber dat Fell vullslan (170, b). — Nu segget meck, wer 
sau cn Difiii^ erdenket (171^ a; Mundart in der Gegend von 
Halberstadt). — Du köndest fan dem groben smu bat wyn ar {al$) 
ik dik köpen (175, a; Mundart Braunschweigs und des Bezir- 
kes Wolfenbüttel). — nu schänke mick en stopen fan düssem 
kostein wyne guud (157, a). — haalt mik den Joden fan Spindler 
(176, a). — in düssen feertein dagen hat hei mik nog nig emaal 'ne 
oorbatse geven (180, b). — dat kan se mik tein maal säggen, un ik 
dou' it dog nig (180, b). — ik hävve dagt, dat Sei mik dat nagtmaal 
man midde geiven (181, a). — Dat harte host du mek droopen, du 
schöäne, böäse kind (183, b; Mundart in den FürstenthQmern 
Grubenhagen und Göttingen). — Eksk hebb 'n blanken Daler, 
den will eck geben deck (184, a; Mundart von Hildesheim). — eck 
will deck wat up dat Lickebrett leggen (185, a). — Kein Kahlenbar- 
ger deint deck jo (188, b; Mundart im Deister Gebirge zwischen 
Springe und Rodenberg). — wenn eck Rosenknobben finne un 
se deck tom Kranze binnc, denk eck an dihn blank Gesicht (190, a). 
— will eck deck meck eiwig wihn (190, a). — stth eis, wo deck doch 
de Brailsse (Bier) schühmt (190, b). — Brauer, fülle meck de ganze 
Stanne (191, a). — doch dihne Leiwe gift meck Frist (192, b). — 
versprohkst meck duhseud Lust (193, a). — Eck will deck jek da 
ganze Sahk erklären (201, b; Mundart der Stadt Hannover*). — 
merke deck man den breien dort (201, a). - hei is deck doch bekannt 
(202, a)? — dat war meck ohk da Rechte (202, b). — eck will ehrlich 
sien und meck mien Gewissen nich verpacken (203, b). — hei stait 
deck dichte vor der Nasen (204, a). — Grüsze nich weer, wenn dik 
guten avend eboen wart (203, b; Mundart in der Gegend von Celle), 
nu du mik guten avend sagt hast, kann ik ruen (206, b). — Hast du 



*) Ich bemerke aiudrücklich , daß in dieser Miuidart kein mir, dir l&r den 
Accusativ erscheint, sie also nicht wip die Berliner zu heurtheilen ist. 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX. 33 

nich en swart schap? dat gif mik (206, b). — Do woren dich Mohl 
Menschen, kein Appel kunne zur Aerde (II, 217, a; Mundart in der 
Gegend um Schloß Falkenstein am Unterharze an den Gren- 
zen Anhalts und des Mansfelder Gebirgskreises). — hestau 
dich au raecht orndlich unsen Eenig ahngesihn (217, a)? — das ha 
ich erseht neilich gesihn, wu e mich an Schribens uhs en Justizammete 
beantworten seile (218, a). — met daen kann mich einer von Liwe 
bliben (218, a). — Abber des ha ich mich vorgenomme (218, a; Mund- 
art der Gegend um Bernburg im Anhaltischen). — und ich sade: 
seik mich treu (218, a). — höörste du, ich saa es dich (218, a). — is 
mich gleich an Steen vom Herzen (218, b). — o^ ich weesz dich noch 
den Tak (219, a). — 's war mich eenerlee (219, a). — Se ward mich 
nich for ebbel nehmen (229, a; Mundart in der Gegend von Dessau). 

— sie hat mich och nischt jethan (229, a). — hä hott mich oh ä Jläschen 
Schnapps an (229, a). — se wards mich denn oh jeloben (229, b). — 
dasz Se sich noch wohl befinget, is mich von Harzen lieb (230, a). — 
ich weisz, wie's mich um's Harze wHr (230, a). 

Auch hier wenigstens zwei Beispiele von Übergangsdialekten: 
das eine ist die Mundart von Limmer bei Hannover (I, 193 ff.). Der 
Dativ ist meck, deck: doch dat gefull meck ook nich (195, b). — meck 
ward nielich noch verteilt (198, a). — Esels- Arbeit un Zieschen-Futter 
worren jy meck woU geven (198, b). — he hadde et meck gern af- 
disputeert (190, b). — dttsse was meck damals ook eben upsettig (199, a). 

— se heft meck de Eyer afschneden (199, b). — awerst deck hanne- 
bauken Runks will eck up den Sonndag de Predig lesen (199, b). — 
Der Dativ ist mi, di: awerst dat gefull my nich, dat he katholisch was 
(195, b). — wenn se em reden hören, un to my seget (196, b). — wenn dat 
nich alles na öhrem Koppe günge, so paue se my de Ohren sau vull 
(197, a). — sull se my den Kragen ummaken (197, a) etc. — Das zweite 
ist die Mundart in der Gegend von Minden (255, äff.): segg he 
mol, o segg, wo kann hei mik wat vorquarren (255, a). — dagegen: ik 
loo den Buren mie (255^ a). — most woll spreken, daz hei di tweimal 
Dagestiet bütt (256, b). — dienen Bref hebbe ick richdig kregen un mi 
sehr darebber frieet, dat et di sau gaud gehd ; dat du awer sau gehrn 
in de Stadt zien machst, well mi awerst nich sau recht anstahn (258, a). 

Die Grenze des Gebietes ist also etwa folgende: im Stlden die 
Sprachgrenze zwischen ober- und niederdeutsch, östlich 
die Elbe von Dessau bis Magdeburg, westlich die Weser 
von der Sprachgrenze bis Minden, nördlich eiu^LiWv^ nq\i 
Minden nach Hannover, Celle, Magde\>UTg. 0>ö öcä ^\ääx 

QWaumA. Nene Reihe XII. (IXIY. Jahig.) % 



34 O. BEHAGHEL 

Magdeburg selbst noch zu dem Gebiete gehört, kann ich wegen Mangels 
an hinlänglicIiem'Material nicht entscheiden. Ausgenommen werden muß 
derOberharz^ der regeh'echt sein mir und mich besitzt und der sich 
als eine oberdeutsche Sprachinsel in niederdeutschem Gebiete darstelll 
Auch in dieses Gebiet fallen einige literarische Denkmäler. Zu- 
nächst die Werke Bertholds von Holle, der, wie wir wissen, im Hildes- 
heimischen zu Hause war. Richtig bieten sie^ wie nicht anders zu er- 
warten, unsere Vertauschung dar. Schon Bartsch hat einige Beispiele 
verzeichnet in der Anmerkung zu Crane 176, darunter eines, wo der 
Gebrauch von mich als Dativ durch den Reim erwiesen wird. Im 
Demantin finden sich, wenn ich Nichts übersehen, zehn solche Reim- 
belege: 

V. 157 daz ir si woldet gebin mich (: ich). 

V. 1175 wolt ir des siges bekennen mich (: rieh). 

V. 1392 ez sal mir allez wol behagen, 

daz ir bSten wollin mich (: ich). 

V. 1958 daz sal werdin al getan, 

daz ir gebiten, herre, mich (: rieh). 

V. 1988 ja so gebot di werde mich. 

V. 6279 heiz min wäphen bringen mich (: rieh). 

V. 6343 men woldiz roisseredin mich (: rieh). 

V. 7258 her koning, ir solt geloubin mich (: ich). 

V. 8178 der gewunte sprach: mir is leit^ 

daz ir die gulde bidet mich (: ich). 

V. 9973 und werben als i riten mich (: ich). 
Für mir, dir als Accusative erscheinen keine Reimbelege, wenn 
man von präpositionalen Verbindungen absieht; es wäre Bindung mit 
ir (Dat. Sgl., Gen. PL) möglich gewesen (obir mir : ir v. 10619). Ausser 
dem Reim dagegen finden sich derartige Beispiele, cf. Bartsch a. a. O., 
ob sie dem Dichter angehören, läßt sich nicht entscheiden; das Fehlen 
der Reimbelege spricht entschieden dagegen. 

Femer fallen in unser Gebiet die Braunschweiger Chroniken (Die 
Chroniken der deutschen Städte Bd. VI). Beispiele des Pronomen personale 
der ersten Person in den obliquen Casus des Singular sind mir nur 
im Briefe des Braunschweigers Bertram von dem Damme an den Rath 
von Braunschweig begegnet: sie bieten unsere Vertauschung: also bidde 
ek gik, dat gi den meynen Rad berichten unde gik sulven mede, unde 
gheven mek de ghulde, de mek myn vader heffi geervet (p. 407, 25). 
— wante et mek is vorentholden wedder god, wedder rechte wedder 
eyde, wedder ere (407, 28). — ok wetet, dat ek gik vele hebbe breve 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX. 35 

Sandy unde gy mek ny neyn antworde wedder enboden (407, 32). — 
Es stammt dieser Brief aus den achtziger Jahren des 14. Jahrhunderts. 

Ebenfalls ganz wenige Beispiele finde ich in der Magdeburger 
Schöppenchronik (Chroniken deutscher Städte Bd. VII): wat schal 
dik dat schone golt an dem hungergem halse? (p. 12, 11 Variante). — 
[mi heft to dek gesand Irinfrid din knecht p. 16, 13). — se sint dusses 
godes huses Magdeborch medehulpcre und hebben mek wol geholpen 
(87, 18). — Sonst heißt der Dativ und Accusativ wii, di, s. 7, 8; 12^ 
11, 14, 15,26; 14,20,21 etc. Ich erinnere daran, daß Magdeburg 
auf der äussersten Grenze des Gebietes liegt 

Bei den drei genannten Denkmälern, bezw. Gruppen von Denk- 
mälern ist die Heimath aus literarischen Gründen bekannt; sie legen 
Zeugniss ab dafür, daß unsere Vertauschung bereits im 13. und 14. Jahr- 
hundert zur Geltung gekommen ist. Umgekehrt können wir auf Grund 
der vorkommenden Vertauschung ein weiteres Denkmal dem Bezirke 
zuweisen, nämlich die Jenaer Liederhandschrift. In den ersten 800 
Versen begegnen 10 Belege flir Accusativ statt Dativ: daz mich ein 
zage triuget, der mich so manigen schaden birt (Bruder Werner 8, 3). 

— von arerout die bi dir ist ich wille dich machen sorgen buz (9, 91). 

— ich han mich des irwegen, wie ez mich darumme muge irgen (p. 6, 
56), — nu gebe her mich so steten mut (p. 7, 9). — des helfe myr de 
rejne und vuge mich des ich da ger, daz mich die hoeste vreude sy 
gemeyne (p. 7, 18). — ich künde dich, herre, mine klage (p. 7, 22). — 
wan daz ir mich in judas truwen bieten uwer helsen (p. 11, 99), — so 
irkenn ich manigen ' herren , lichte vundich eynen, der mich durch 
singen lieber gebe wen durch weynen (p. 12, 91). — die myr helfen 
baz, denne mich die ungetruwen gunden (p. 14, 68). — Daneben 3 Fälle 
von Dativ für Accusativ: troume hant mir vil gelogen unz her alle 
myne tage unde in slafe mir betrogen (p. 2, 86). — got der sol myr 
an dem an dir rechen (p. 9, 91). — daz ich ym syn syngerlin beneme 
gar unrehte, hat er myr gezigen an den dingen (p. 16, 86*). — Es ist 
natürlich, daß eine tiberwiegende Anzahl von Dativen und Accusativen 
ans der Vorlage an ihrer ursprünglichen Stelle stehen geblieben sind. 

Bei dem Pronomen der ersten und zweiten Person war das Er- 
gebniss der Entwickelung das, daß an die Stelle des Dativs der Accu- 
sativ trat. Beim Pronomen der dritten Person und dem Pron. demon- 
strativum macht sich auf verschiedenen Gebieten eine entgegengesetzte 
Strömung geltend: es dringt die Form des Dativs in den Accusativ: 



*) Ich eitlere nich Mjller, v. d. Hagen hat offenbar meViiia^ ^«^Sov^c^ 



36 O. BEHAGHEL 

So im Dänischen: Schwed.: Engl.: 

dai, u. acc. sgL ni. n. bam oder hannem 1 honom \ him (n. it) 
dat. u. acc. pl. m.fn. dem oder dennem | j 

dat. u. acc. sgl. fem. hende benne her. 

(Möbias, Dänisch. Forml. p. 83). 
Im Nenniederländischen: 
djot. Sgl. masc. u. neutr.y acc. masc. hem 
dat. pbir. masc. neutr. hun 

acc. plur. masc. neutr. hen 

dat. sgL acc. sgl. fem. haar. 

haar im Dat. Acc. pl. fem. kann Übertragung aus dem Singular 
sein, wahrscheinlicher ist mir aber eine andere Auffassung, auf die ich 
nachher noch kommen muß. Daß hen, die Form des Acc. Plur. m. n. n., 
ursprünglich Dativ ist^ ist zweifellos, weniger zweifellos das Verhält- 
niss von hen zu hun. hen scheint die unter dem Einfluß der Betont- 
heit^ hun die bei Tonlosigkeit entwickelte Form zu sein. 

Auch das Niederdeutsche und das Niederfränkische nimmt in ein» 
zelnen Formen Antheil an dieser Verschiebung. Der Plural kommt 
nicht in Betracht; er bietet eine andere eigenthümliche Erscheinung. 
Im Singular ist im in seinen verschiedenen mundartlichen Entwicke- 
lungen nicht nur Dativ sondern auch Accusativ des Masculins; im Fe- 
mininum ist der Dativ ir auch Accusativ, daneben kommt aber, soweit 
ich sehen kann, stets noch der alte Accusativ sie vor. 

Ich gebe zunächst Beispiele von im für den Accusativ: 
'T dwingt um, dat he no eemal henglupen mot (Firm. I, 27, b; 
Mundart der Herrschaft Jever). — waar he Um toeerst funnen 
harr (27, b). — Hest du em man erst am Haaken, schecrst du em ook 
wol dat Laken (34, a; Mundart Bremens'). — [Hier glöw ik doch 
an hem 42, b; Mandart Kiels]. — Den Gott bruukn will, weet he 
allerwehgn to findn un schickt cm hierhen uu daarhcn (47, a; Mund- 
art des Dithmarschen Gebietes). — da word he aber van fraamem 
handn anhooln, de em op den prehdigtstool in St. Ansgariikark settn 
(47, a). — syn fründn wulln em nich laatn (47, b). — De Doktcr kreeg 
em na^n Krankenhoff un da weer dat slünig mit em vörbi; kccn Minsch 
kunn em retten (60, b; Mundart Hamburgs und der Umgegend), 
knum hör ik em de beiden Namens nennen (61, a). — un leet em ruhig 
in den Aarm mi haaken (61. a). — Fäer miene truu*n deenste saszt du 
mi eenen bunfn rock mit klokken dran geben, em aewer so lang ver- 
waaren, bett ik emm förrer (68, a; Mundart Schwerins und der 
Umgegend). — so fraeg disser emm, opp he ook ruig slaapn harr 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX. 37 

(68, a). — wil hei äwerst noch nich vull föftoihn Johr olt was , höllen 
sei em to't Regieren noch nich rip (Reuter, Sämmtliche Werke Wismar, 
Rostock, Ludwigslust Bd. 12. Siebte Auflage, p. 10). — hadden sei em 
bi den Wickel, . . . me führten em äwer de preuszsch Grenz (p. 13). 
wenn hei abslut frigen wiU, ik pleg em (p. 18). — So mttst Jochen och 
erfahren, dat man in de iesten Jahren em as Deenstbar nich veschon 
(Firm. I, p. 77, b; Mundart in der Umgegend von Rostock). — 
sach he Jochen, hört em klagen (78, b). — Harr em heeten, he soll 
man sing'n as de Ann'en all (80, a; Mundart des Landvolks zwischen 
Rostock, Wismar und Parchim). — Dat Vöägling lag in'n Schnee 
nn farft em mit sin blödig Weh (85, a; MundartNeu- Vorpommerns). 

— I wat, foahrt der em bassig an (80, a; Mundart der Insel Rügen). 

— Nu gung dat ful Haun hen un söcht'n Pott, wo em Voate Hähnk 
verstäken hadd un att em schlicht af (91, a; Mundart des Binnen- 
landes Hinterpommerns). — fratt'n Pott ut un stülpt em um 
(91, b). — Stoppnoadel batt em (99, a). — Wi bruken em ok hi (95, b; 
Mundart Danzigs). — eck sach emm man det Ogenbleck (95, b). — kam 
de Dod, en löt em starwen (97, b). — Ei watt, öck Iaht emm wachte 
(102, b; Mundart Königsbergs). — Un lehre em: Gott un den König 
leew du (106,a; Mundart Tilsits und der Umgegend). — Dann freu 
ik mi nu seh am gäm (132, a; Mundart der Priegnitz). — dät mackt 
am klohk (132, a). — wi sehn am nich (132, b). — Dem was, as wenn 
de Blitz am schlög (134, a; Mundart der Altmark). — un glick hat 
am ook up de Stell de Schlag geröhrt derbi (138, a). — Dann bracht'n 
wi ftm awsiet man blos (142, a; Mundart der Gegend zwischen Bran- 
denburg, Nauen und Rathenow). — Da wollt' ick ihm blosz 
perschwaddir'n (146, a; Mundart Berlins). — wenn man ihm aus die 
freie Wildniss nach Europa bringt (149, a). — ek frahge ehm (156, a; 
Mundart Magdeburgs). — nu frahge eck ehm widder (156, b). — Als 
St&hr späderhenn störv, käumen väile Minschen uut däi Ümmgegend, 
dfti ämm kennt harren, touhopen, ümm ämm tou begraben (207, a; 
Mundart der Amter Winsen, Fallingbostel und Bergen in der 
Lüneburger Haide). — Aber se fUnnen em doch nich (213, a; Ge- 
gend von Littensen im Amte Zeven). — Do häfft se em doot- 
schatcn (219, b; Thedinghausen). — Ja, ik schlaa em, as en Junge 
(223, a; Butjadingerland in Oldenburg). — Em raakt nich Küll, 
nich rusig Wehr (229, b; Gegend von Oldenburg). — heet se em 
man erst Professer (229, b). — (Er) muste em wier hen bringen, woer 
he em kriegen harre (247, a; aus dem Osnabrückschen). — Soglik 
Däggen einige düchtige Jungens ut, ümroe em to halexv (^%4^^?i.\^^Oe.- 



38 O. BEHA6HEL 

lenburg). — De Dorwake, de em nich kennede, lait em forte hin 
(290, a; Münster und Umgegend). — nu lait em de baise Find 
kinn Auge au enander dohn (291, b). — See sollen em niet hebben, 
denn allden Vaader RhiD, so lange wee noch leven on em noch können 
sien (374, a; Wesel). — 'Ne Swaan, den trock em fort (378, b; Kleve)- 
— nou häbb ick öm, Oodd sei danck (378, b). — Bäjden öm arme 
Lüg am Brod, so liet hei se in et Lock Schmitten (389, a; Dins- 
laken). — Lidleck kreege se'm beij Venloo un brachten öm hierher 
(391, a; Rhein berg). — se satten öm hier in et achterste Look 
(391, a). — Da stört öm gen Hahn noch Huhn (395^ a; Mundart des 
Landvolks des ehemaligen Fürstenthums Meurs). — Ens hot s'em 
weer döchtig uutgeschougen (408, a; Kempen). — Hä schmät öm dröm 
weer en de Graf (409, a; Krefeld). — Do kömt sin Frau bi öm on 
däht öm froge (433, b; Düsseldorf). — Vruh leef ich vot on wold 
em en e Körfche setze (484, b; Jülich). — Maria, die höm schlöffe let 
(487, b; Aachen). — Dann haut s' 'm getämpelt (498, b; Eupen). — 
De Düvel mögt em nit hoalen (Anhang 645, b; Hoegaardorf). 

Auf dem Gebiet dieser Beispiele begegnen ganz vereinzelt auch 
Belege, wo ftir den Accusativ die Accusativform steht: he holt den 
Jungen wol in den Arm, he fatet en seker, he holt en warm (Firm. I, 
33, a; Bremen). — Mien Swesta har den Fisch goot kaakt, se har 
en mit frisch Botta mäkt (82, b; Mecklenburg^Strelitz). — Da 
ward he en findn (90, a; Rügen). — Da ligg eck en Ehrforcht der 
Hoheit tu Föte un bedd enn, mien Läwc met Huld tu vorseete (106, b; 
Tilsit und Umgegend). — Ne, vatauscht ha ich ön (115, a; Mundart 
zwischen Preussisch Holland und der Passarge). — öch micht 
dänö Wallach nich ane Wek öffnehmö, wenn äch ön fuok (115, a). 

Ich bin nicht von allen diesen Beispielen überzeugt, daß sie wirk- 
lich getreu die Mundart wiedergeben; besonders das Bremener und 
Tilsiter Beispiel entstammen Dialektproben, deren absolute Volksthüm- 
lichkeit sehr verdächtig ist. Die beiden Beispiele aus der Gegend 
zwischen Preussisch Holland und der Passarge gehören einer ost- 
preussischen Mundart an, die gar nicht niederdeutsch ist. Ich 
möchte dies hier im Vorbeigehen besonders nachdrücklich 
hervo rheben, da man vielfach zu glauben scheint, es würde 
in Ostpreussen nur niederdeutsch gesprochen. 

Das Gebiet, auf welchem — wie wir sehen, so gut wie ausnahms- 
los — der Accusativ des Singular vom Pronomen der dritten Person 
im Masculinum em statt en lautet, fällt nach den gesammelten Belegen 
im Wesentlichen mit dem niederfränkischen und niederdeutschen Ge- 



BEITB&GE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX. 39 

biet zoBammen. Auf niederfiränkischem Boden erstreckt sich die Er- 
Bcheinung so weit, als die Bezeichnung des Dativs durch mich und 
dkh. Auch hier wieder die Übergangsdialekte : da Lüh heitet en den 
Horkensteen (367, b; Mundart der Umgegend Alten dorfs bei 
Hattingen an derBuhr), aber: sä satten em in den swatten Thom 
(368, a). — da Baüwers greppen em (368; b), aus demselben Dialekt. 
Femer die Mundart von Elberfeld und Umgegend: he satt en aan 
(427, b). — se sollen en nit kriegen (428, a). — do woulen en de Borger 
tedönigen ähren (428, a). — Dagegen: so kohm he ok an de Buur on 
firogten em (429, a). — Vom niederdeutschen Gebiet ist zunächst das 
südliche Westphalen auszunehmen. Die Proben folgender Dialekte 
zeigen den alten Stand von im für den Dativ und in fULr den Accusativ : 
die Mundart in der Oegend von Limburg an der Lenne (363), die 
Mundart von Attendorn (351), Arnsberg (352), Unna (351), Ruthen 
und Mülheim im Möhnethal (340), Brilon (335), Paderborn und Um- 
gegend (303 ff.). 

Paderborn bildet schon den Übergang zu einem andern Gebiet, 
das zwar auch nicht im fUr tn, das aber imigekehrt die Form des 
AccusativB flir den Dativ, in dir im verwendet. Dieses Gebiet um- 
faßt auf niederdeutschem Boden hauptsächlich den Bezirk des zweiten, 
p. 33 umschriebenen Mich-Kwattier, reicht aber weiter nach Westen 
als dieses und dringt ausserdem erheblich in hochdeutsches Gebiet 
ein. Schon in den Proben aus Paderborn findet sich neben gewöhn- 
lichem im Air den Accusativ ein ihm en Deif biddede den Scharp- 
richterknecht, of iene ni na de Bidde gewährt wären künne (309, b). 
Weitere Belege sind: De soppe smekede önne recht gaut (311, b; 
Mundart von Herstelle im Kreise Höxter). — Se wuosken en un 
tüögen en een nigget witt Hiemd an un gäben en Jäten un Drinken 
(273, a; Mundart der Umgegend von Bielefeld). — Dat dure nich lange 
sau is'n dei Düwel upp'n Hakken (259, a: Mundart im Schau mb ur- 
gischen). — schast'n mal Honnig ünnern Bart stricken (260, a). 
Dieser Dialekt ist Grenzdialekt, denn neben dem Dat. en 
erscheint auch emi So, scggt de Düwel, un lacht em dabi gratl in^t 
Gesichte (259, b). — Dar kümmt'n mit eenen Male so'n wunderlik Kehrel 
entgegen gähn (256, a; Gegend von Minden). — Sau fbordc wier, un 
et modde öön ein, de harre dat eine bein up de schulder elcgt (182, b ; 
Mundart in den Fürstenthümem Grubenhagen und Göttingen). — 
Dat hat hei denn ohk'n Jidweden sau honnerecket, da hat ohne denn 
ohk'n Jeder wat rinder stoaken (172, b; Mundart in der Gegend 
von Halberstadt). — De hellen Thränen laiipi'iai^ ^^^^x^\. "i^'^väöNfö 



40 O. BEHAGUEL 

(161, a; OBterweddingen bei Magdeburg). — A jede Schrift setst 
er gleich auf, weil's ühn mit Spasz gelong (II. 152yb; Themar im 
Hennebergischen). — Jezz bot sich dös Engele hie geschlichen an 
hot'n a groszmächtigs Eiälä gegäm (156, a; Hildburghaasen). — Un 
Mancher hat halt lauter Glück, as fliest en nar so zu (164, a; Gom- 
bertsbausen im Herzogthum Hildburghausen). — Er is ball zahm 
gewom, un das Harz is ne 'nei die Husen gefallen (169, a; Mundart 
der Landleute im Koburgischen). — Da kömmt anne schluaz- 
schleierwisze Fra un wenkten (175, b; Blanke nburg im Fürstenthum 
Schwarzburg-Rudolstadt). — Ech suUt gieh zum Doctor in de Stnadt, 
ech sullt ehn ehre Uebel all verzähle (178, a; Ingersleben bei Er- 
furt). — Heb stopt es met Gewalt hennien, daß ehn die Auen laufen 
(190, b; Sondershausen). — Min Mächen sall'n klich änne Schlippen 
foU Habber brenge (201, b; Mundart von Nordhausen und der 
Grafschaft Hohnstein). — Es Harz hotne denn doch oder gepuckert^ 
wiere d'r Fahrt nauf schteigt (210, a; Mundart des Oberharzes). — 
Wurrum hest'n au nich glihch anne Subbelike in de Ha^d gegähn? 
(217, b; Falkenstein am Unterharze). — Da nimmt de Mutter 
Kris^änichen uff un schnitt en de Armchen un de Beunchen ab 
(226, b; Gegend um Bern bürg). — Un doch storrt ehn ver Frust 
sei Höllenblut (248, a; Dobraschütz im Altenburgischen). — 
Mei Fraa, die gob'n zu rechter Zeit noch enne Horbel nei (251, a; 
Obererzgebirge). — 'I goab *ne Au'ra Pfahrpulver ei (253, a; Mund- 
art im Erzgebirge). — Da sahte Karline: „Pfi^, un gab'n ä Nasen- 
fipps (259, a; Gegend von Leipzig). — Worira ha nischt frassen dutt? 
en merr gaan en nischt (267, b; Gegend von Görlitz). — Wenn er 
niht schweigt, suh kobn ich ihn niht flir die Foling stöih (390, a; Nürn- 
berg). — es könnt'n trecki göih (390, a). — Mancher denkt oft hih und 
her, es will ihn halt nichts g'Iingn (398, a; Fürth). — He, glaubs 'n 
nit, der ligt di o! (411, a; Gegend von Würzburg). 

Zur Einschränkung des p. 39 über die Ausdehnung des Gebietes 
Bemerkten muß ich noch constatieren, daß die Grenze im Norden nicht 
so weit geht als die des „Mich-Kwattier" : die Proben der Mundart im 
Deister Gebirge zwischen Springe und Rodenberg und von 
Li mm er bei Hannover bieten kein en für den Dativ, sie stellen viel- 
mehr einen Übergang zu dem Gebiete dar, wo em auch fiir den Accu- 
sativ gilt: Dei krehg ölin bih de Wulle (I, 191, b). — hei grep den 
armen Düwel, bund öhn an den Galgen vaste (191, b). — da hadde 
öhn syn Vader schon wakker angeföhrt (194, a). — so hett öhn doch 
nich atholen kunt (195, b). Aber: dei hör öhm jaulen (191, b). — eck 



BEITRÄGE ZÜB DEUTSCHEN SYNTAX. 41 

bring 'ez öhm nich dohr (192, b). — da tog he em ganz stram in de 
Höchte (196, a). — eck hebbe em schon kennt (197, a). 

Nach den verzeichneten Beispielen ergibt sich als Gebiet, in 
welchem die Form des Accusativs auch flir den Dativ steht, etwa fol- 
gender Coroplex: Braunschweig, Thüringen, Oberfranken, Königreich 
Sachsen, Anhalt, der südwestliche Theil der Provinz Sachsen. 

Für die Geschichte der zuletzt besprochenen Erscheinungen sei 
nur das Eine bemerkt, daß in den altniederfränkbchen Psalmen kein 
Accusativ ina vorkommt, sondern der Accusativ stets imo heißt, cf. 
Heyne, Kl. altndtsch. Denkm. s. v. imo („da der Acc. ina ihn, der 
Mundart der Psalmen abgeht, so vertritt diese Form der Dativ imo'^, 
eine etwas seltsame Ausdrucksweise). 

Von der Vertretung des Accusativ Sgl. des Pronomens im Feminin 
stehen mir nur wenige Beispiele zu Gebote: De minschen weem twu- 
maal duun, se reetn de fru to ehr, pettn ehr mit de fööt, stööten ehr 
uutn krink henuut (I, 53, a; Di th mar sehen). — Denn haar he aberst 
jümmers Eenen faat un snack ehr wedder weg (60, b; Hamburg und 
Umgegend}. — ich wull ehr nich verlaaten (60, b). — ick aberst leet 
ehr gans geruhig schellen (61, b). — laat ehr man gähn, denn hett se 
mal Vergnügen (61, b). — Frog em indringlich, wat hei ehr un sine 
ganze Nahkamenschaft unglücklich maken wull (Reuter, Bd. XH, p. 10). 
— wenn ok nich 'ne ihrwürdige Aebtissin mit all de Nonnen ehr küßten 
un Btrackten (p. 19). — Am Fewer ligt se still to Bedd, wiel't ehr 
nich Dag noch Nacht verlett (90, a; Rügen). — jetzt is se wählig as 
een Piert, so schön het ehr de Zwetsch kurirt (90, b). — Nu hungert 
ehr (91, a; Mundart Hinterpommerns). — hei namm d'Gans ehr 
Gösale un ik schal ehr räche (92, a). — Se wart mich nich verachten, 
dafär kenn eck Öhr vül to got (99, a; Mundart bei Dan zig). — Slog se 
blund un blae, dat ehr friümde Lüde nach Hus hen brengen moszten 
(292, a; Münster und Umgegend). — Du stond hei op en köszten 
öör (379, a; Kleve). — Auf demselben Gebiet findet sich aber 
auch derAcc. Sgl. «t«: weer nich de heele Welt man Boom un Gras 
un Sand, wenn nich de Handwarksmann se eerst harr sett in Stand 
(58, a; Hamburg und Umgegend). — Een Ministe, de sin Gardero- 
jungfe vefrien mösz, wörr mit den Stallknecht eenig, dat de s' nähmen 
woll (80, a; Gegend zwischen Rostock, Wismar und Parchim). — 
Nu kämm d*Hoawk, namm se un drägt se wig in syn Huus (91, b; 
Hinterpommern). — as Voate Hähnk dat hört, leit hei se upsitte 
(92, a). — He befall, dat se se begrawen sollen (292, a; Münster 
und Umgegend). 



42 O. BEHAGHEL 

Einen Fall habe ich verzeichnet , wo der Accusativ sie filr den 
Dativ Singular des Feminina steht: Wi^ an siene Matter dachte, jonke 
sachte an de hellen Thränen laip'nne ewer't Jesichte, vorr Freude, 
datte se hite Brot verschaffen könne (161; a; Oster weddingen bei 
Magdeburg). Nicht häufiger sind mir Fälle begegnet, wo im Plural 
auf niederdeutschem Gebiete Vertauschung zwischen Dativ und Accusativ 
stattfindet. Dativ für Accusativ zeigt sich : he kleed jem (jem, die Leute) 
warm un nett in Tüüg von Kopp to Foot (I, 58, b; Hamburg und 
Umgegend). Accusativ für Dativ: bald darupp föng dat gespenst 
werrer an, se to tarmj oppschoons he se nix to leeden deer (ßS^a; Schwerin 
und Umgegend). 

Zum Schluß dieses Abschnitts sei noch die Behandlung der hö- 
fischen Anrede durch Sie erwähnt Der echten Mundart kommt das 
„Siezeo^ nicht zu; wenn also der mundartlich Sprechende doch zu der 
vornehmen Anrede greift, so tritt er aus der eigentlichen organischen 
Sprachentwickelung heraus. Es ist daher klar, daß, wenn hier eine 
Vertauschung eintritt, sie nicht noth wendig ebenso zu betrachten ist, 
wie die bisher aufgeftihrten. Leider fehlt es mir hier sehr an Belegen; 
so weit meine persönliche Erfahrung reicht, wird für Dativ und Accu- 
sativ stets nur eine Form angewendet, sei es nun die des Accusativs oder 
die des Dativs. In meiner Heimath (Karlsruhe) z. B. ist das Letztere der 
Fall; man sagt: ich haw Ihne jo gar net kennt. Ebenso in Tilsit und Um- 
gegend : Dorchlauchtigster Kronprinz, eck bedd Enn gar sehr (1, 106, a). 
— da ligg eck en Ehrforcht der Hoheit tu Föte un bedd Enn, mien Läwe 
met Huld tu vcrseete (106, b). — önstens als König häbb jeder so lehf em 
VaderlandEnne, als de, ze dit schrehf(107,b). — Umgekehrt wird Sie auch 
für den Dativ gebraucht in Meklenburg: Man to! Se kann dat goa nich 
fehlen (I, 83, b). — alle Minschen sünd Se goot (83, b). — ne rechte 
schöne Kell, de will ick Se veian (verehren) (83, 6). — Se gew ick 
gian sön'n lütten Stock (83, b). -- ick wünsch Se, as ick wünschen 
kann, von Herzen Glück un Segen an (83, b). 

Endlich komme ich zum Genitiv. Denn auch dieser hat, beim 
Pronomen, über sein ursprüngliches Gebiet hinausgegriffen, während 
sonst in den deutschen Sprachen die Entwickelung dahin geht, daß 
der Genitiv immer mehr verdrängt wird. Am merkwürdigsten ist die 
Erscheinung, daß die Genitive min und din auch für den Accusativ 
und den Dativ verwendet werden. Sie beschränkt sich übrigens auf 
einen ganz kleinen Bezirk: die Strecke Xanten-Cleve. Hier die 
Belege: Ac cusativ: as gei minn losz lott, dann will ick ou alles geve, 
wer gi minn mar öm frogt (I, 377, b). — segt tegen et fiszke, dat et 



BEITBÄGE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX. 43 

minn ta könnigin meckt (378, a). — wat geht det andre minn aan 
(378, b). — du kom van Wilder op minn aan ne kerl van echte dicke 
soort (381, a). — gei sollt minn so sü(it niet klappe, lot minn marr en 
paar trei gOntop gon (381, a). — dann mot ek minn es bedenke (386, a). 
loot min mer los (388, a). — dat ek min ganz an Ou ouwergefen hebb 
(388, b). — hu dock dwingt min de Liefde (388, b). — lott min die 
Bttte Gedanke eenen Ogenbleck noodenke (388, b). — min Hart ver- 
Bchmellt in Troone, as Gei min niet so lief hett (388, b). — schwor soll 
et förr min sinn, as ek min van Ca scheie mosz, wenn ek fend min 
op gerne Art glöcklegger (388, b). — dat gei min treu en oprichtig lief 
hebt (388, b). 

Dativ: minne schollmester hädd minn ömmer geseit (378, a). — 
noa segt minn doch endlik es (379, a). — och, nönneke, willt gei mit 
minn gon (380, a). — nou segt minn es, menheer (381, a). — min Vader 
hett et min dock verteilt (387, a). — dann sali min de Mostertpott ge- 
wasse werde (387, b). — ou sali de Düwel hale, as gei min noch es 
de Mostertpott aanrtthrt (387, b). — gei legt min in min Hart begrafe 
(388, a). — alles op te Wäreid is min tegen Ou necks (388, b). — seg 
et min openbärtig, seg et min (388^ b). — wie wett et, of Gei min well 
treu blifft (388, b). 

Auch beim Pronomen der dritten Person ist eine ähnliche Er- 
scheinung zu verzeichnen. Ob der niederländische Dat. und Acc. Plur. 
des Feminins haar hierher gehört oder ob er eine Übertragung aus 
dem Singular ist^ läßt sich nicht mit Sicherheit entscheiden. Dagegen 
entstammt entschieden dem Genitiv der auf niederdeutschem und nieder- 
fränkischem Gebiet auftretende Dativ Plural eer fdr alle Geschlechter. 
Die Belege sind nicht übermässig zahlreich: 

de een van hör is kugelrund (Firm. I, 20. Ost friesische Mund- 
art). — dat kumt äär düür to stan (24, a; Mundart der Herrschaft 
Jever). — (Es) wöörn veer von den Dräges un Feiges liekenblasz, 
keen Minsch wüsz abers, wat ehr fohl (44, b; Eutin und Umgegend). 
— Se reetn de fru to ehr (53, a; Dithmarschen). — Wenn use hellje 
Kracke ne me im Springe goahn, dann giw ehr öwemNacke(94, a). — De 
beiden Burmeisters un de vir Rathsherrn kernen, un Dorchleuchten säd 
ehr sine sonderbare Intention (Reuter, Bd. XII, p. 9). — min eigen Groß- 
vader un sin Brauder sünd mit knappe Noth ehr ut de Fingern kämm 
(p. 13). — hei let sin Schaülers ok tauwilen up de Vigelin speien un 
wat ehr vor Allen Spaß maken ded, ok Pauken slagen (p. 29). — Auk 
müglik, dat se nich sau denket; un dann eß't licht, ehr to vorgiewen^ 
um dat et glieks doch leid ehr dööt (^245, a*, OöTxiv\>TV\^Vi. — \^^\i\v 



44 O. BEHAGHEL 

gaf ick dann up miner Reesen wual oenen Scbnüofken uat miner Dösen 
an wünskede eer daarbi veel Glücke (251, a). — De frttndliken Wich- 
terkes nehmet ank geren^ wat ehr bringet de onglükske arigen Heren 
(254^ b; Börninghausen und Umgegend). — Wat kiekt us de 
Stämkes so fröndlik an; wat möcht ik gäm spielen met är; moder, 
könn ik men kuemen to är (289b; Münster und Umgegend). — 
Grenen sine Kinder viör Hunger; he gaff er dat letzte^ wat he badde 
(292, a). — Du heb wy ör geschlagen de Arms un Beene kort (376, bi 
Ding den bei Bocholt). — Sacht bei to öhr, sej sollen all in de Schüer 
gobn (389, a; Dinslaken). — Jann Alm koom öhr Ommer derdör, 
wenn se öm ook hadden (391, a; Rheinberg). — (Dann) sinn' se an 
de Offesiers gegohn; ers nehmen se öhr et Geld on de Kleer (393, b; 
Orsoy). 

Ganz vereinzelt dringt dieses er auch noch in den Accusativ 
ein: so fürchterlich heel ehr de mordgeist besehtn (53, b). — Na, 
Mäkens schmuck in öähren Stoat sind wie de Pupppen up'n Droaht 
bi uns, un weähÜg ook mankhear (141, b; Gegend zwischen Bran- 
denburg, Nauen und Rathenow). — Wy ftlrt er all in Stricken, 
wann se uns kommt te Last (376, b; Dingden bei Bocholt). — 
Fruch^s märgens trauden öör de pastoor (378, b; Kleve). 

Suchen wir nunmehr nach einer Erklärung fdr alle die bespro- 
chenen Erscheinungen, so werden wir von vornherein darauf bedacht 
sein müssen, daß dieselbe so allgemein als möglich sei, so viel als mög- 
lich die Gesammtheit der Thatsachen verständlich mache. Zunächst 
muß eine Art der Erklärung abgewiesen werden. Es handelt sich 
nicht um den Zusammenfall von Dativ und Accusativ überhaupt. Man 
darf nicht darauf hinweisen, daß die Sprache inmier mehr nach Ver- 
einfachung der grammatischen Formen strebe^ daß sie von zwei in der 
Function sich nahestehenden Gebilden die eine gern entfernt ; man darf 
auch nicht davon ausgehen, daß es eine Reihe von Constructionen gibt, 
in denen Dativ imd Accusativ indifferent gebraucht werden. Denn 
beim Nomen tritt im Germanischen nirgends völliger Zusammenfall 
der beiden Casus ein. Es fUUt damit aucb die Nöthigung hinweg, durch 
die für das Deutsche zu gebende Erklärung auch das Neugriechische 
zu umfassen: hier erscheint überhaupt fUr Dativ und Accusativ nur eine 
Form. An sich wäre es auch möglich anzunehmen, daß bloß beim 
Pronomen ein solcher Zusamraenfall von Dativ und Accusativ, eine 
Indifferenzierung der beiden Casus stattgefunden hätte. Allein auch 
dagegen sprechen die Thatsachen, denn es finden sich ja Gebiete, wo 
zwar beim-Pronomen der dritten Person, aber nicht bei dem der ersten 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX. 45 

und zweiten und umgekehrt, wo bei der ersten und zweiten, aber nicht 
bei der dritten Person der Zusammenfall stattfindet. Trotzdem scheint 
ja doch ein Zusammenhang zwischen den Thatsachen bei der ersten 
und zweiten Person einerseits und der dritten anderseits zu bestehen, 
da räumlich ganz getrennte Gebiete, die nordischen Sprachen und ein 
erheblicher Theil des Deutschen im engem Sinn, im Zusammengehen 
der beiden Pronominalreihen übereinstimmen. Man ist daher berech- 
tigt eine besondere Erklärung zu suchen ftlr das eine größere Ge- 
bietf wo dieses Zusammengehen nicht stattfindet, wo beim Pronomen 
der dritten Person Dativ und Accusativ durch die Form des Accusativs 
bezeichnet werden, während bei der ersten und zweiten Person beide 
Formen getrennt sind. Die Sache hat hier offenbar folgenden Verlauf 
genommen. Auf dem ganzen Gebiet herrscht im Dativ Singular des 
Masculins und des Neutrums die schwache Flexion beim Adjectiv min- 
destens äusserlich betrachtet. Ob diese Erscheinung das Product eines 
rein syntactischen Vorgangs oder ob ein lautlicher Zusammenfall der 
starken und schwachen Flexion mit hereinspielt, kann hier unerörtert 
bleiben. Diese schwache Form des Adjectivs hat nun, wie im Nieder- 
ländischen, auf den Artikel eingewirkt, so daß dieser flir Dativ wie 
Accusativ den lautet. Und von hier aus, denke ich mir, ist die Gleich- 
machuDg von em und en ausgegangen. 

Etwas anders war die Entwickelung auf den andern Gebieten, 
wo die Pronomina aller drei Personen zusammengehen. Eine gemein- 
same Ursache fdr alle drei Personen kann nicht angenommen werden, 
denn die Entwickelung ist nicht bei allen gleichzeitig Vielmehr geht 
entschieden die erste und zweite Person voran: Beweis das Altsäch- 
sische und Angelsächsische. Wenn also doch ein Zusammenhang be- 
stehen soll, so muß der Zusammenfall bei den einen Formen die 
Ursache für den Zusammenfall bei den andern sein. Durch diese 
Betrachtung werden wir auf den richtigen Ausgangspunkt fUr die ganze 
Entwickelung geführt. 

Im Germanischen fallen Dativ und Accusativ Plural beim Pro- 
nomen der ersten und zweiten Person zusammen. Wie dieser Zusam- 
menfall zu erklären, ob er ein lautlicher oder ein syntaktischer ist, ob 
er etwa gar aus einer Zeit stammt, wo Dativ und Accusativ nicht ge- 
schieden waren, das weiß ich nicht. Auf dem Gebiet des niederfrän- 
kischen „Mich-Kwattier^ war es sogar nur ein Ausgangspunkt, nur der 
Plural des Pronomens der ersten Person bei dem Dativ und Accusativ 
übereinstimmte, denn iu und iuch waren ursprünglich geschieden. Frei- 
lich ftHh genug fielen sie durch den Einfluß der et^V^xi ^^t^qti üm- 



46 A. EDZARDI 

sammen; wir kennen kein niederfränkisches Denkmal^ das noch die beiden 
Casus hier unterschiede. 

Der Zusammenfall des Pronomens erster und zweiter Person im 
Plural nun bewirkte den gleichen Vorgang im Singular, und Singular 
und Plural vereint wirkten dann weiter auf das Pronomen der dritten 
Person. 

Dadurch wird freilich nicJit erklärt, warum der ahd. Accusativ 
unsih im mhd. zu uns wird. Aber auch hier läßt sich doch nicht die 
p. 44 zurückgewiesene Erklärung anwenden, ein syntactischer Zusam* 
menfall mit dem Dativ uns annehmen. Denn es wäre sonst zu merk- 
würdig, weshalb nicht auch iu und iuch in einer Person zusammen 
getroffen. Man wird also wohl vermuthen mtlssen, daß tms lautlich 
aus unsih hervorgegangen unter dem Einfluß der Tonlosigkeit 

Dagegen läßt sich sehr gut mit unserer Erklärung vereinigen, 
weshalb Dativ und Accusativ Plural der höfischen Anrede (= Sie bezw. 
Ihnen) zusammenfallen: einfach weil euch Dativ und Accusativ ist. 

Eine Frage indes bleibt mir ungelöst — und mit diesem Bekennt- 
niss schliesse ich : weshalb ist in dem einen Fall die Form des Dativs, 
in einem andern die des Accusativs die maßgebende gewesen? 

HEIDELBERG» Angnst 1878. O. BRHAGHEL. 



KLEINE BEITRAGE ZUR GESCHICHTE UND 
ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER 



IV. 

12. Zar Voluspä und Vegfamskvidii. 

Es lag in meiner Absicht eine längere Abhandlung über die 
VoIuspa zu veröffentlichen; über Entstehung und Alter, Anordnung 
und Verhältniss dieses Liedes zur Gylfaginning. Da aber von ver- 
schiedenen Seiten Abhandlungen zu erwarten sind, die sich gegen 
Bugges Auffassung wenden werden, und auch über das Verb^tniss 
zur Gylf. von noch anderer Seite eine Untersuchung vorbereitet wird, 
so beschränke ich mich für jetzt auf die Besprechung einzelner Stellen 
und auf einige kurze allgemeinere Bemerkungen. 

Unter allen bisher aufgestellten Erklärungen halte ich die Bugges 
immer noch im wesentlichen ftlr die beste, wenn ich auch manches 



BETTRiOE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 47 

Bedenken*) dagegen nicht unterdrücken kann. Über einzelne Punkte 
bin ich indessen anderer Ansicht; namentlich halte ich die Umstellung 
von Str. 23 R = Hild. 1 an den Anfang des Liedes nicht für gerecht- 
fertigt. Mir scheint diese Schilderung flir die Volva, die dem höchsten 
der Götter das Schicksal aller Zeiten in feierlichem Liede verkündigen 
soll, wenig zu passen, und ich meine daher, daß wir nicht berechtigt 
sind, die Strophe aus ihrem überlieferten Zusammenhange herauszu- 
reissen gegen das Zeugniss beider Hss. R und II. Daß die Strophe 
dort schwer verständlich ist, berechtigt uns nicht dazu, denn die ganze 
Stelle y in deren Zusammenhange sie steht, ist noch immer ziemlich 
dunkel und vielleicht unvollständig überliefert. 

Wenn ich mich hier auf die Übereinstimmung von R und H be- 
rufe, so will ich damit nicht sagen, daß ich — wie Möbius Z. Z. I, 
408 f. will — diese .Übereinstimmung ftlr ein sicheres Zeichen rich- 
tiger Ajiordnung halte. Vielmehr glaube ich mit Bugge, daß auch 
R = H mehrfach in ihrer Anordnung nicht das ursprüngliche bieten. 
Das Verhältniss beider Überlieferungen zu einander und 
zu dem an Buggcs sich anschliessenden Texte Hildebrands wird sich 
am besten veranschaulichen lassen, wenn ich, von Hildebrands Strophen- 
Zählung ausgehend > die Reihenfolge in R und H nebeneinanderstelle. 
In [ ] setze ich Strophen da, wo sie nach meiner Ansicht nicht an 
richtiger Stelle stehen. 

R = H 

4—23 



— (nach 28) 

- ( n 40) 



29. 30. 25] 
41. 42]?**) 



26. 1. 27. 28 



29. 30. 25 
2 4- 24, 3—8. 31—34 

36, 1—4 



— (nach 23) 

fehlen (durch Abirren?)***) 

35, 1—4 (Varianten?) 



36, 5—8 



[37. 38 

39. 40] 

fehlt 

41. 42 

43-44 
— (nach 38) | [39 - 40] 



fehlt (8. u. p. 53) 

— (nach 44) 
40' (fehlt Hild.) = 31 H, Refrainstr. 

— (nach 25) 



♦) 8. u. p. 65 ff. 
**) Str. 42 schließt vü, 4r erm e. kc. Derselbe Refrain geht in R nnd in H 
der Str. 41 vorher. 

***) Str. 25 nnd 34 schließen mit dem gleichen Verse: «ieud 6* «na eda Vsooll 



48 A. EDZARDI 

45-48 
— (nach 52) 49 

50—52 

49 i — (nach 48) 

53—54 
fehlt?*) 55 (Befrainstr.) 
56 57 (Varianten?) 

58—66 
fehlt I 67, 1—4 
68 

Wenn wir hier von dem leicbtbegreiflichen Ausfall von Strophen*^ 
in H und R abaehen und von Str. 37 — 40, die nach meiner unten zu 
begründenden Anaicht weder in R nocb in H an ricbtiger Stelle stehen 
und in einer gemeinsamen Vorlage flberhaupt gefehlt haben können, 
so sind in gleicher Reibenfolge überliefert: Str. 4 — 23; — 36. 1. 27. 
28; — 2. 24, 3—8. 3. 31—36; — 43-48; — 50-52; — 53—68. Za 
erkl&ren blieben dann nur die Umstellungen von 29— 30-|~2Ö9 von 
41—42 und von 49. 

Dabei verdient die auffallende Erscheinung Beachtung, daß in 
den ersten 20 Strophen gar keine und in den letzten 16 oder — wenn 
wir von der Umstellung von Str. 49 absehen — sogar den letaten 
26 Strophen nur wenige, nicht schwer wiegende Bedenken gegen eine 
gemeinsame schriftliche Quelle sprechen; und man darf andererseits wohl 
sagen, daß die nahe Verwandtschaft '^*) der Texte in R und II gegen- 
über Sn. £. (vgl. Bugge p. XXUI f., Möbius Z. Z. I, 408) geradezu 
für eine solche spricht Diese Erwägung dtlrfte die Vermuthung 
nahe legen, daß den Uss. R und H eine und dieselbe in der Mitte 
zufällig lückenhafte Niederschrift zu Grunde gelegen haben könnte, so 
daß in der Mitte beide Schreiber aus dem Gedächtnisse ergänzt hätten. 

So könnten sich die Abweichungen der Strophen folge gerade 
in der Mitte erklären. Aber selbst wenn man diese Möglichkeit fbr 
zu unwahrscheinlich halten sollte, braucht man eine gemeinsame schrift- 
liche Vorlage doch noch nicht fQr unmöglicli zu erklären. Die Ab- 



*) Vgl. HUdebrand za Str. 55. 
**) Der Ausfall von 2. 24, 3-8. 3. 31—34 in II läßt sich darch Abirren er- 
klären (s. ob. 47***); 2 mal (40' nnd 55) fehlt in R die Befrainstrophe ; die in R 
fehlende Str. 67, 1—4 ist nicht zweifellos echt (ich meinerseits halte sie allerdings fSr 
echt). Wenn wir in 35, 1—4 11 neben 36, 1—4 R nnd in 56 R neben 57 11 nicht 
Varianten der Oberlieferang zu sehen haben, wQrden auch diese Fälle hinzokommen. 
***) Besonders beachtenswcrth sind die gemeinsamen Fehler, die Bagge p. XXIV 
zusammenstellt. 



BETTBlGE ZUB GESCHICHTE UND ERKLABUNQ DER EDDALIEDEB. 49 

weichoDgen werden z. Th. mit dem Refrain zasammenhängen, z. B. 
kehrt in den Strophen 26 — 30 zweimal die Refrainstrophe pd gengu 
regin oU etc. wieder^ sie könnte auch vor 26 in der gemeinsamen Vor- 
lage gestanden haben; daraus würden sich die Abweichungen in H's 
Anordnung dieser Strophen erklären *). Übrigens aber muß man be- 
denken, daß bei der bekannten Selbständigkeit der isländischen Ab- 
schreiber**) der Umstand von Einfluß sein konnte, daß ihnen die 
Strophen der Vsp. z. Th. in anderer Anordnung oder mit abweichendem 
Texte noch in der Erinnerung sein mochten, so daß solche ihnen in Ge- 
danken vorschwebenden Varianten der Überlieferung absichtlich oder 
unabsichtlich bei der Abschrift sich eindrängen konnten. Unter Berück- 
sichtigung dieser Umstände läßt sich bei der leichten Möglichkeit des 
Abirrens wegen der oft wiederkehrenden Refrains eine weniger sorg- 
fidtige und genaue Abschrift gerade bei einem Liede wie die Vsp. leicht 
erklären. Und daß dergl. in der That vorkam ^ beweist z. B. für die 
Prosa die verschiedene Anordnung der Hss. rW und U der Sn. E., 
während doch beide auf ^inen Archetypus zurückgehen müssen; für 
die Dichtung darf ich auf die ganz ähnlichen Abweichungen in An- 
ordnung und Vollständigkeit der Fafhismäl hinweisen, die nach meinen 
Ausführungen***) 23, 315—18 zwischen R und der in VS. benutzten 
Hb. der Liedersammlung bestanden f). 

Selbst wenn man eine gemeinsame schriftliche Quelle trotz dieser 
meiner Ausführungen für unmöglich halten sollte, ist nach Bugges Be- 
merkungen in Aarb. 1869, p. 245 f. die Unursprünglichkeit mancher 
in R und H übereinstimmenden Strophenfolge nicht unmöglich. 

Von diesem Gesichtspunkte aus kann ich nicht umhin, in den 
Strophen 7— 9ff) und 11 — 21 trotz der Übereinstimmung von R und 
H Störungen der ursprünglichen Anordnung zu vermuthen. 



*) Über die Stellung von 41-42 vgl. ob. p. 39, Anm. * und 61, Anm.**«. 
**) Diese erklärt sich wohl dadurch, daß die alten isländischen Schreiber mit 
vollem Yerständniss und lebhaftem Interesse abschrieben, und — soweit es sich um 
auf Island gelbst gefertigte Abschriften handelt — meist nicht, um für andere eine 
möglichst getreue Copie eines Literaturwerkes zu liefern, sondern sich selbst zu 
Nuts und Freude — weshalb sie vor Änderungen verschiedener Art sich nicht scheuten. 
'***) Wenigstens in einigen Punkten dürften dieselben der Zustimmung der 
Faehgenossen sicher sein. 

f ) K und A, die sicher auf die gleiche Vorlage zurückgehen, zeigen doch in 
der Beihenfolge und Zahl der Lieder bekanntlich bedeutende Abweichungen (vgL be- 
aondera Bngge p. XXI, Z. 7 ff. v. u.). 

ff) Ich eitlere nunmehr wieder nur nach Hildebfand. 
GBBMAHU, Vne Smhe. HL (1117, Jahrg.) 4 



50 A. EDZARDI 

Str. 7—9: 'Ehe Bors Söhne, die Schöpfer Midgards, die Erd- 
flächen*) erhoben (jfpduy doch wohl aas dem Meere), 

861 skein snonan ))& var gruDd gr6ion 

k aalar steina, groennm lanki. 

Das sollte man nicht vor dem, sondern nach dem erwarten: 
Tmis Blat, das Meer, hatte alles Land überschwemmt, so daß alle 
Riesen — ausser Bergelmi, der sich auf seinem lüdr rettete — ertranken. 
Aus dieser Flut erhoben Burs Söhne die Erde; da erst, aber nicht 
vorher, konnte die Sonne auf flutumspülte (vgl. 17, 6) oder der Flut 
entstiegene Steine **) scheinen und diese — in Folge der Sonnenwärme 
— sich mit Grün bekleiden. Diese Einwirkung der Sonne sollten wir 
aber wiederum nicht erwarten, während die Sonne noclT unstäten Ganges 
von Süden her zur rechten Seite an der Hiromelskante dahin wandelte ***), 
sondern erst, nachdem die Sonne wie die übrigen Gestirne feste Bahnen 
erhalten hatten. Ich vermuthe also, daß schon früher in der — münd- 
lichen oder schriftlichen — Überlieferung ein Abirren stattfand von 
Söl varp [hvarffj gunnan 8, 1 zu Söl skein sunnan 7, 5, mit andern 
Worten, daß 8, 1—4 die zweite Halbstrophe zu 7, 1 — 4 bildete, ehe 
die Halbstrophe 7, 5—8, die ursprünglich nach der Ordnung der 
Bahnen der Gestirne stand, aus Veranlassung des gleichklingenden 
Anfangsverses dazwischen gerieth. 8, 5—10 ist eine am (Anfang oder^ 
Ende unvollständige Strophe. Nach 9, 1 — 4 fehlt der sonst überall 
(12, 5. 27, 5. 29, 5) nach dieser Refrainstrophe wiederkehrende Frage- 
satz mit hverr hvdrt etc., y,wie man den Gestirnen feste Bahnen schaffen 
soUe^. Die Ausführung des Götterbeschlusses wird in einer Strophe 
geschildert gewesen sein, deren zweite Hälfte uns in 7, 5 — 8 erhalten 



*) Fr. Hammerich, Nordens sldste digt (1876), p. 49 f., der bjodttm Uest, 
fibeneUt noch Werdens-klodeme', d. L 'die Weltkugeln, Sonne, Mond u. s. w. Mag 
man non biodum oder biodum, lesen, so kann man doch nicht anders als *£rdflScben', 
die Fl&chen der Erde, übersetsen, wie C-V., Gödecke n. A. (vgl. Eg. Hofndl. 2, 4 
d Smgla bjod), 

**) VgL OnmdtYig, Stern. Edda ^ 186 f., der ancb auf Sn. E. p. 17. 9 {hHm- 
tieina, er taUir väru) hinweist. 

^^*) Die seltsam gezwungene Erklämng des überlieferten Textes kann nicht 
befriedigen. Ich denke, man maß hvarf sititt varp lesen (vgl. Vaf}>r. 23, 4 f.: Am<fi 
hverfa pau [Sonne und Mond] »kulu hverjan dag) und vor hendi ein d ergänzen, wel- 
ches nach mdna (marma a) leicht ausfallen konnte (über h<md = *Seite' Tgl. C.-V. 
310* unter II). — «imtum, nämlich aus Muspellshelm (vgl. Gylf. 18, 12) tiur ok gneitta 
pd 6r lauair fdru ok hattad hafdi er Muspells ?ieimi, finni mana fasse ich *al8 Ge- 
fährtin des Mondes*, d. h. beide, die in der geordneten Welt getrennt wandeln, wan- 
delten noch zusammen (vgl. 8, 6-8), rechts herum — später links herum. 



BETRAGE ZUB GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 51 

sein mag. Vor 9, 5 — 10 fehlen sichtlich 2 Verse. Ich vermuthe also, 
daß die ursprüngliche Anordnung der Strophen 7 — 9 etwa folgende 
war: 7, 1—4 + 8, 1—4; — 8, 5—10 + 2 fehl. Verse; — 9, 1—4 + 
4 fehl. Verse {hverr, hvdrt skyldi . . . etc.); — 4 fehl. Verse + 7, 5 — 8; 
— 2 fehlende Verse -f* 9» 5 — 10. Wenn also in einer großen Lücke 
von 14 Versen nur die vier Verse 7, 5 — 8 zwischen 9, 4 und 5 er- 
halten waren, so begreift man, wie sie zu den ebenfalls mit Söl anlau- 
tenden Halbstrophen 8, 1 ff. und 8^ 5 ff. gezogen werden konnten. 



Str. 13 — 19: Daß dies im Geschmack der nafna})ulur des Biarne 
Kolbeinsson*) gehaltene sogen. Mvergatal' nicht ursprünglich der Vsp. 
angehört haben kann — obwohl Gylf. p. 22, 30—24, 15, besonders 22, 
34 und 23, 13 es schon als Theil der Vsp. kannte — das wird wohl 
niemand mehr läugnen wollen. Die Frage ist nur, ob Str. 13 dazu zu 
rechnen ist oder nicht. Dagegen spricht, daß sonst die Ausführung 
des nach Str. 12 gefaßten Götterbeschlusses fehlen würde ; dafür 
aber könnte die künstliche Anlage des dvergatal sprechen: es sind 
nämlich mit Str. 13 zwei sich genau entsprechende Reihen von je 
3 Strophen, 13 — 15 und 17—19, in denen je die erste durchweg Worte 
des Dichters (Sammlers) enthält, je die zweite (14. 18) durchweg 
Zwergnamen, je die dritte (15. 19) von der ersten Hälfte Zwergnamen, 
in der zweiten Worte des Sammlers. Zwischen beiden Reihen steht 
eine Str. (16), die durchweg Zwergnamen enthält. 



Str. 11 f. and 20 f.: 11, 1—4 wird die Fröhlichkeit der Götter 
geschildert, 

11, 5 — 8 nnz ])ri4r kv&mn 4m4tkar miok 

}>or8a me3rjar 6r iotunheimom. 

In diesen Riesenmädchen sieht man mit Recht die Nomen. Wes- 
halb aber die Fröhlichkeit der Götter mit deren Ankunft aufhören muß, 
dafär hat man nur ziemlich gezwungene Erklärungen**) finden können. 
Vielleicht bietet sich auch hier die richtige Erklärung, wenn man ein 
Abirren der Überlieferung von der gleich anlautenden Halbstrophe 

20^ 1 — 4 nnz prir ky4mn oflgir ok ^stkir 

6r ])W lidi sesir at hdsi (6si?) 



*) Daß Bjarne der Verf. derselben ist, hat Bngge is Aarb. 1876, 219-244 
sehr wahrscheinlich gemacht. 

**) S. darüber jetzt auch Fr. Hammerich a. a. O. p. b*^ i. 



52 A. EDZARDI 

ZU den jetzt auf 11, 4 folgenden Versen 11, 5 — 8 annimmt, die ur- 
sprünglich anderswohin gehörten*). Das wird auch dadurch wahr- 
scheinlich, daß die Strophe 20, wo sie jetzt steht, nach dem dvergatal, 
ausser allem Zusammenhange mit dem Vorhergehenden steht und pvi 
lidi im Vorhergehenden durchaus keine Beziehung findet**) — man 
müßte denn annehmen, daß vor Einschub des dvergatal die in 
Str. 12 erwähnte Götterversanmilung gemeint gewesen sei. Hinter 11^ 4 
würde er sich auf die in IdavoUr versanmielten Götter (10, 1 — 11, 4) 
beziehen. Die ursprtlnglich auf 11, 4 folgenden Strophen 20 — 21 wären 
dann übersprungen***), und als man sich derselben später doch noch 
erinnerte, hinter Str. 19 (bezw. 12 und 13) eingeschoben worden f). 
Man könnte sich also hier die ursprüngliche Reihenfolge so denken : 
11, 1-4 + 20, 1—4; — 20, 5-8 + 21, 1—4; - 21, 5-8 + 11, 5—8; 
— 12 (—13?) [14—19]; — 22; - 23. Dabei blieben aber noch zwei 
Schwierigkeiten: 1. das Auftreten der Nomen sollte man nach 26, 8 
erwarten ff) ; 2. sollte man vor der Menschenschöpfung den Refrain pd 
gengu regin oll etc. erwarten (vgl. über Hammerich oben Anm. **). 

Auch diese Schwierigkeiten Hessen sich beseitigen, wenn wir 
zwischen 20, 8 und 21, 1 die Verse 11, 5-8 und dann eine Refrain- 
strophe ausgefallen denken und ein zweimaliges Abirren der Überlie- 
ferung (gleichzeitig oder nacheinander) annehmen, das erste Mal ver- 
anlaßt durch Abirren von 20, 1 f. zu 11, 5 f. — eine Umstellung, welche 



*) Derselbe Gedanke liegt auch Bergmanns Anordnung (Pommes isl. 188) za 
Grande. Wie leicht übrigens solches Abirren möglich war, zeigt die Thatsache. daß II 
in Str. 20, 1 f. irrthflmlich die Verse 11, 5 f. fast wörtlich wiederholt: um pri&r IcAmu 
pui9a hrüdir (st meyjar), [prjdr hat anch R statt JMr. Weist dieser gemeinsame 
Fehler nicht auf ^ine und dieselbe schriftliche Quelle hin?] 

**) Hammerich a. a. O. p. 53 vermathet daher, daß vor Str. 20 die Refrain- 
strophe pd gengu r. o. verloren sei. 

***) Gylf. £uid vielleicht in ihrer Niederschrift der Vsp. die Strophen 20 and 
21 gar nicht, da sie die Menschenschöpfung an anderer Stelle und abweichend be- 
richtet, also wohl nach anderer Quelle. [Lagen vielleicht zwei verlorene Strophen der 
Vaf})r. zu Grunde, die auf — die vorher benutzte — Str. 21 der VafJ)r. folgten; 22, 4 
Abirren von hvadan menn um komu (Sn. E. 19, 15) zu hwiäan mdni um komf — Die 
Quelle von Gylf. 19, 20 f. könnte gelautet haben: Atk ok Emblu, | ok 6lu»k padan \\ um 
Midgard marmkindir.] Vgl. p. 53, Anm. *; 61, Anm. *♦. 

t) Vgl. u. p. 61 au VafJ)r. 35, 1—3 (29, 1-3). 
ff) Nach örloglausa; die Nornen hatten ihnen das Schicksal zu verleihen, Str. 
23, 9'— 12. Da 23, 5 — 8 sehr wohl echt sein können , so könnte man sich die Verse 
9 — 12 dieser Strophe 23 als ursprünglich hinter Str. 11, 5—8 gestanden denken: 11, 
1—4 -f 20, 1—4; — 20, 5- 8 + 21, 1—4; - [4 fehl Verse -f-] 21, 6-8; 11, 6-8 
1+ 23, 9— 12J. 



BETTBiGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER 53 

der Gylf. vorgelegen haben müßte; zum zweiten Mal durch Abirren von 
einer Refrainstrophe zur andern — was auch in der Quelle der Gylf. sich 
schon gefunden haben dürfte, jedoch ohne den später an unrechter Stelle 
(hinter 19, bezw. 12/13) erfolgten Einschub der Strophen 20 und 21*). 
Man könnte sich also die ursprüngliche Anordnung so denken: 11, 
1-4 4- *20, 1—4; — 20, 5—8 -f *11, 5—8; — **pd gengu r. o. etc. 
(fehlende Refrainstrophe); — 21, 1 — 8; — ** 12 (J)d gengu r. o.); — 
13 ( — 19?). 22 f. Durch Abirren von * zu * und von ** zu ** könnte die 
jetzige Strophenfolge 11 — 13 ( — 19?) entstanden sein**) und später die 
ausgelassenen Strophen theile ohne die Refrainstrophe als Str. 20 und 
21 nachgetragen sein. — Diese Erklärungsversuche, die ich mit allem 
Vorbehalt und in aller Bescheidenheit hiermit angedeutet haben möchte, 
wollen nicht mehr als die Möglichkeit oder eine gewisse Wahrschein- 
lichkeit für sich in Anspruch nehmen. 

Str. 31 — 40: Überliefert sind in II Str. 39 und 40, und zwar 
nach Str. 44; in Gylf. 39, 1—8; 40, 1—4 . . 40, 7—8, ferner Prosaauf- 
lösung von 38 = p. 67, 33—68, 2***), 39—40 = 68, 3—7; die Halb- 
strophe 37 ist nur in R und, wie es scheint, an unrichtiger Stelle über- 
liefert: sie muß, denke ich, vor 40 stehen: 

A fellr austan Sh'dr heitir sü. 

um eitrdaia ))ar skuluf) vada 

soxum ok sverdum, })UDga strauma etc. 

vgl. Gylf. 68, 5 f. ok ormahofud oll vitu inn i hüsit, ok bldsa citri 

(= Str. 39, 5 — 8), svd at eptir salnum renna eitrdr, ok vada pcer dr 

eidrofar etc. ff). Ich ordne also mit Petersen, Ann. 1840 — 41, p. 84. 

89 f. [Bugge, Tillseg p. 389], Maurer (Bekehr. II, 35 f.) u. A. so: 

38fff). 39. 37 -j- 40. Diese ganze Gruppe aber kann, wie ebenfalls 

*) Weni^tens erzählt Gylf. die Menschenschöpfiing yor der Zwergschöpfang, 
aber auch vor der Wiedergabe von Str. 10 ff. (vgl. p. 62, Anm. *♦*) ; andererseits aber 
ist p. 22, 14 — 24, 15 eine genaue Wiedergabe von Vsp. 10—19 in gleicher Reihen- 
folge; auch unmittelbar darauf wird Yggdrasil (vgl. Str. 22 ff.) besprochen. 

**) So z. B. scheint ein Strophencomplex durch Abirren von einer Refrain« 
Strophe, die Oylf. 45, 24 vielleicht noch kannte, zu Str. 29 = Gylf. 46, 8 ausgefallen 
zo sein. 

***) Die Umschreibung von Str. 66 (Giml^) geht unmittelbar vorher, 
t) So mit Sn. E. wohl besser als tä {t^r II) hon par RH; vgl. 66, 5. 

ff) Vgl. noch Regm. 4: hverr er d amtan lygr muß Vadgelmi vada. Ähnlich 
Sigrdr. 23. 

fff ) So nach Maurers Auffassung. Gehört aber die Strophe mit 9tSd (nicht 
sd hon ttanda) wirklich hierher oder ist sie irrthümlich (übrigens schon in der Quelle 
der Gylf.) von anderswoher hierher gerathen? Vgl. Fr. Hammerich p. 84 f. und Aars, 
Tidskr. I, 333, Anm. 11. 



54 A. EDZARDI 

Maurer, Petersen, Mannhardt (Germ. Mythen 321 — 5) angenommen und 
begründet haben , nicht dahin gehören, wo R sie hat; ebenso wenig 
aber dahin, wo H sie hat, sondern zusammen mit der verwandten 
Strophe 66 an den Schluß des Liedes. Gegen diese Annahme hat sieh 
Aars (Tidskr. f. Fil. I, 326 ff.) in einem langem Artikel gewandt, ohne 
doch meiner Ansicht nach die Gründe der genannten Gelehrten ent- 
kräftet zu haben. Neuerdings hat sich femer Fr. Hammerich (Nordens 
aeldste digt p. 64 f.) dagegen ausgesprochen, während sein Bruder 
Martin Hanmierich (Om Ragnaröksmythen [1836], p. 25, Anm. 94) sich 
dafür ausgesprochen hatte. 

Die Gründe, welche mir gegen die Stellung in R und fbr die 
Verbindung mit Str. 66 am Schlüsse des Gedichtes zu sprechen schei- 
nen, sind diese: 

1. Str. 38 handelt jedenfalls nicht von Strafen, sondern nach 
Maurers Auflassung von den ewigen Freuden der Zwerge und Riesen*). 
(Vgl. übrigens p. 53, Anm. fft). 

2. Der Anfang von Str. 39 ist ganz analog dem von Str. 66 und 
bildet so einen wirksamen Gegensatz (vgl. Fr. Hammerich p. 81), in- 
dem hier die Schilderuug der ewigen Strafen^ dort die der ewigen 
Freuden beginnt (Mannhardt p. 323). 

3. Die Strophengruppe paßt sehr gut an den Schluß des G^ 
dichtS; nicht aber dahin, wo sie R hat [Fr. Hammerich freilich findet 
in Lokes Strafe das Vorbild der Bestrafung menschlicher Verbrecher, 
p. 67]. 

4. Snorre (Crylf.) scheint die Strophen noch an dieser Stelle, 
jedenfalls Str. 66 und 38 — 40 zusammen gekannt zu haben. 

5. R und H haben die Strophengruppe (H nur 2 Strophen) an 
verschiedenen Stellen, und an beiden Stellen läßt es sich erklären, wie 
sie dahin gekommen sind. Über R s. ob. unter 3., in H Anlehnung 
an at solum Heljarf (so Mannhardt). 

6. Strafen nach dem Tode sind sonst in nordisch-mythologischen 
Quellen schwerlich nachweisbar^; wohl aber konnten ewige Strafen 
in der wahrscheinlich unter indirecten***) christlichen Einflüssen ent- 
standenen jtlngeren Anschauung von einer neuen bessern Weltordnung 
sich finden. Vgl. Fr. Hammerich p. 66 f. 



*) Über eine andere Auffassung s. Fr. Hammerich p. 85. 
*^) Eegm. 4 und Sigrdr. 23 können von Vsp. abhängig sein. 
***) Einfluß christlichen Glaubens auf die Umbildung des Mjthos in heidnischer 
Zeit gibt auch Fr. Hammerich zu, p. 96 f. 10]. 



BEITRÄGE Z UK GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 55 

7. Str. 68 scheint nur verständlich zu werden, wenn Str. 40 vor- 
hergebt, wie ich gleich zeigen werde. 

Ich glaube also mit Maurer Str. 66 und [38?]. 39. 37. 40 in dieser 
Reihenfolge verbinden und darin die ewigen Freuden und Qualen der 
neuen Weltordnung spät - heidnischer Vorstellung sehen zu müssen, 
welche in der unter Einfluß der christlichen Lehre aus den altheid- 
nischen Anschauungen herausgewachsenen Weltemeuerungslehre nichts 
befremdliches haben. Wenn die Halbstrophe 67, die in R fehlt, echt ist 
— was ich fELr wahrscheinlich halte — so wird sie mit diesen Strophen 
37—40 -f 66 im Zusammenhang stehen, und zwar wird die Herab- 
kunft des mächtigen Allwalters zum Gericht der Schilderung der ewigen 
Freuden und Qualen vorangegangen sein. Die Annahme, daß H die 
ohnehin unvollständige Strophe an unrichtiger Stelle eingeschoben habe, 
hat durchaus nichts bedenkliches. Wenn man nun ordnete 67. 66. 
[38?]. 39. 37 +40, so schlösse sich Str. 68 mit der Erwähnung Nid- 
hoggs, den die Seherin im Geiste vor Augen sieht, recht gut an Str. 40, 
in der von der Qual der Todten durch Nidhogg die Rede ist (par 
kvelr (Sn. E., süg R, saug H) Niähoggr ndi framgengna 40, 7 f. ; — berr 
9€r i ßoSArum . . . Nißkoggr ndi 68, 5 S.). — Eine andere Ansicht, daß 
nämlich Str. 67 und 68 zusammengehören {dreki etc., Gegensatz inn 
riki u. s. w.) stellte Petersen p. 90 flF. auf. 

Ich komme nun noch kurz auf meine Bedenken gegen Bugges 
Auffassung, die ich nicht unterdrflcken kann. Es muß denke ich 
jedem unwillkürlich sich die Frage aufdrängen, wie es denn kommt, 
daß Odin sich — nach Bugges Auffassung — nicht nur verkünden 
läßt, was kommen wird, sondern auch die Vergangenheit und Gegen- 
wart, Dinge, die er sicher wissen mußte (z. B. Str. 22 f.) und wobei 
er selbst betheiligt war (z. B. Str. 7; 10 f; 20 f.; 24; 28). Das kann 
aber nicht ursprünglich die Meinung gewesen sein. Denn es handelt 
sich hier nicht um einen Wettkampf im Wissen*): der höchste Gott 
kommt rathbedttrftig zur Volva. Auch kann man nicht sagen, die 
Volva erkenne Odin nicht und berichte ihm daher auch was er selbst 
gethan: denn nach Bugges Auffassung erkennt sie ihn und spricht das 
in Str. 2, 7 f. aus. 

Nun ist es aber unverkennbar, daß der zweite Haupttheil von 41 
(bezw. 43) ab in Ton und Stil**) wesentlich so wie auch sonst in 

♦) Wie in Vaf^r., Vegtkv. 
**) Vgl. u. p. 56, Anm. *** das über die Zahl and den Grand der kenningar in 
den einzelnen Tb eilen des Liedes Gesagte. 



56 A. EDZARDI 

mancher Hinsicht vom ersten Haupttheil abweicht. Sollte nicht dieser 
zweite Theil einmal ein Lied fUr sich gewesen sein, ein erzählendes*) 
Lied von ragnarok? Und könnte nicht dieses Lied durch die Strophen 
von der Weltemeuerung (und von Baldrs Tode) erweitert und in dieser 
Gestalt als Prophezeiimg an Odin gerichtet gewesen sein? Hier könnte 
Odin in ähnlicher Weise wie in Vcgtamskvida eine todte Volva ans 
feuchter Grabestiefe durch seinen allmächtigen Runenzauber heraufbe- 
schworen haben; daher am Schlüsse: nii man hon sokkvask. Bei Bagges 
Auffassung stehen diese Schlußworte in kaum lösbarem Widerspruche 
mit 2, 1 ff. ein saJt hön tUi, pd er inn aldni kam Yggjungr dsa and 
namentlich mit der Schilderung in Str. 1. Bugge nimmt p. 392 an, 
daß die Strophen, welche die epische Einkleidung bilden, spftterer 
Entstehung sind als viele von denen, die der Welt Schicksal schildem 
— aber auch als der Abschnitt von der Welterneuerung?**) Zu diesem 
aber gehört nach meiner Auffassung (s. ob. p. 55) die letzte Strophe. 

Ich meinerseits vermuthe, daß unsere jetzige Gestalt der Vsp«, 
wie sie im wesentlichen schon Snorre kannte, durch die Einfilgnng 
jenes jüngeren***) Ragnarok-Liedes und der Fragmente eines viel 
älteren f) kosmogonischen Liedes (6 — 12. 20 — 21), welches rein er- 



*) In dcD Stroplien 43 — 48 und 50—60 findet sich, ausser in den Refrain- 
Strophen, nichts, was darauf hindeutet, daß die Strophen ursprünglich von der Volra 
gesprochen gedacht werden. Die Strophen 4*2 und 49 schließen mit vitud 4r eiim edok 
hvatf Aber gerade diese Strophen 41—42 und 49 stehen in R und U an ▼erschiedemr 
Stelle. Es herrscht in diesem Abschnitte, ausser in 43 — 44 durchaus das Priaens mit 
Futorbedeutung [dagegen in Str. 6—21; 23, 9—12; 2ö~30; 31-34 herrscht das 
Perfeet]. 

**) In diesen Strophen tritt durchaus die prophezeiende Volya herror: «^ kirn. 
61, 1; 66, 1. vUud 4r t, e. hv. 64, 8; 65, 8. Nu man hon tökkvatk 68, 8 [mt (ad R) 
A<fn 39, \\ wt ir e. e. hv. 40, 10]. Daneben Präsens: 61, 4. 6; 62; 65; »7 [37; 39 
4. 6 ifaüa U Sn. E.); 40, 7 ff. (Sn. £.)]; Futurum: 63; 64; 66, 5 [40, 1 (Sn. £.)]. 

***) FOr jüngeres Alter - ich denke an den Anfang des 10. Jhs. — sprechen 
ausser manchen anderen Gründen die häufigen und argen (mit ** und * bexeichneten) 
kenningar: es sind in Str. 43—60 ungefähr 19- 22 (nämlich **6 : *7 : 6—9); während 
sich iii Str. 1—13 + 20—30 etwa 7—9 «♦»— : »2 -3:5 6) und in Str. 31—42 + 61 
bis 68 etwa 9 — 12 (**3 : *ö— 7 : 1—2) finden, in allen übrigen 44 Strophen also ca. 
16 — 21 (**3 : *7 — 10 : 6 — 8). Auch scheinen ^ich Beziehungen auf den vulkanischen 
Loke-Mjthos (der in Str. 36 deutlich vorliegt) in Str. 48 und 52 zu finden. Das 
vnlkaniifche dieses Mythos aber bin ich geneigt mit Jessen p. 37 für speciell isländisch 
SU halten. 

t) In den Strophen 6 — 12 und 20—21 findet sich ausser Bur9 tynir keine 
kenning. — über die Übereinstimmungen mit dem Wessobrunner Gebet vgL jetzt auch 
Fr. Hammerich p. 4 f. 



BETTRiGE ZUB GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALTODER. 57 

zählend*) gehalten war, in ein längeres, einer Yolva in den Mund 
gelegtes mythologisches Lehrgedicht (im besseren Sinne des Wortes) 
— eben unsere Voluspa oder eine ältere Gestalt derselben ohne manche 
Zusätze und Interpolationen — entstanden ist '*''''). 

Der alte epische Eingang des zweiten Haupttheils, des meiner 
VermuthuDg nach einmal selbständigen Ragnarok- Liedes, könnte bei 
dieser Gelegenheit ausgefallen sein. Wenn man nun bedenkt, wie sehr 
die Einleitungsstrophen der Vegtamskvida in ihrem alterthümlichen, 
kräftigen Ton abstechen von dem eigentlichen, recht dürftigen Inhalt 
dieses Liedes***), einem mythologischen Gespräch, ähnlich wie Vaf- 
thrudnismal ; — wenn man femer bedenkt, wie zu den 9 Strophen des 
Gespräches die fünf Strophen lange epische Einleitung in gar keinem 
Verhältniss steht, d. h. viel zu lang und feierlich ist — so wird man 
die Vermuthung nicht allzukühn finden, daß die bei Auinahme des 
Bagnarok-Liedes ausgeschiedene epische Einleitung in unserer Vegtkv. 
[1 oder richtiger wohl] 2 — 5 benutzt, vielleicht sogar größtentheils er- 
halten sein und so der Grundstock der Vegtkv. geworden sein könnte, 
indem ein späterer Skald das Gespräch im Tone der Vaf})r. hinzu- 
dichtete oder die alten Strophen wenigstens benutzte« 

In dieser Hinsicht ist es auch nicht gleichgültig, daß das ganze 
Gespräch nur eine, späterem Geschmacke entsprechende Umschreibung 
von Vsp. 32 — 34 istf ), also gerade von dem Stück der Vsp., dem die 
Einleitung, wenn meine Vermuthung das rechte treffen sollte, in dem 
Ragnarok - Liede vorangegangen sein würde. Es ist nämlich Vgt 
Str. 6—7 = Vsp. 32, 1—4; Str. 8—9 = Vsp. 32, 5—33, 4; Str. 10 bis 
11 = 33, 5—34, 4; Str. 12 =34, 5— 7 ff); dann folgt die Erkennung 
(Str. 13) und die Schlußstrophe mit der höhnischen Hinweisung der 
Volva auf den Untergang der Götter. 

Daß die Verse 11, 3-8, die wörtlich gleich Vsp. 33, 7—34, 4 sind, 
aus Vsp. entlehnt sind, daran kann im Ernst wohl kein Zweifel bestehen. 



*) In Str. 6—12. 20-21 (übrigens auch in 22—23. 26—30) findet sich keine 
Andeutung, daß sie ursprünglich von der Volva gesprochen wurden. 

**) Ich stelle diese Ansicht (welche der von Weinhold vertretenen am näch- 
sten steht) hier zunächst ohne weitere Begründung auf. Sollte die Frage durch die 
SU erwartenden Abhandlungen nicht erledigt werden — in demselben Sinne oder in 
entgegengesetztem, so doch, daß ich von der Unhaltbarkeit meiner Ansicht überzeugt 
würde — so werde ich später darauf eingehender zurückkommen. 

**•) Vgl. auch Jessen p. 76 f. 
t) Das hat Jessen a. a. O. p. 76 gezeigt 

ff) Ich halte an dieser schwierigen Stelle die von Jessen gegebene Deutung 
für die am ehesten wahrscheinliche. 



58 A. EDZARDI 

Doch darf man die zehn zeilige Strophe 11 dafür nicht (wie Jessen 
p. 76) geltend machen. Der Schlußrefrain der Volva luivdug sagdak, 
nü mun ek pegja steht nämlich ausserhalb der Strophe, wie schon 
Grundtvig^ mit Recht angenommen hat Es folgt das nämlich aus 
der Beobachtung, daß die kviduhdttr Strophen durchweg, soweit die 
Überlieferung nicht gestört ist, in zwei durch die stärkste Interpunction 
innerhalb der Strophe zu trennende Halbstrophen zerfällt **) — ein Ge- 
setz, welches bekanntlich in den aus dem kviduhdttr entwickelten Vers- 
massen, lj6dah^ttr einerseits und dröttkvsett so wie runhenda anderer- 
seits , in einer scharf durchgeführten Theilung in zwei , oft ganz 
selbständige Halbstrophen sich erhalten (bezw. weitergebildet) hat 
Demnach können wir in Str. 11 nicht nach Vers 6, sondern nur nach 
Vers 4 theilen. Ebenso aber steht in Str. 9 die stärkste Interpunction 
nach Vers 2, nach Vers 4 aber kann man nicht theilen. Es fehlen 
also 2 Verse der ersten Halbstrophe, wahrscheinlich zwischen Vers 2 
und 3. Auch in Str. 7 zeigt schon die Schwierigkeit mit dem erhal- 
tenen Text einen genügenden Sinn zu verbinden, daß der Zusammen- 
hang durch Ausfall eines Verspaares vor Vers 5 gestört ist. 

Str. 1 der Vegtkv., Vers 1 — 6 ist =: trymskv. 13, 1—6. Die an 
den bekannten Refrain der Vsp. sich anschließende Strophe scheint 
aus I^rkv. entlehnt zu sein, denn es kommt der gleiche Anfang dort 
noch in Str. 21 {Senn vdru hafrar) bei gleichem Rhythmus, nicht aber 
in Vegtkv., und ok an Stelle der ersten Hebung {ok dsynjur) in trkv. 
noch 9, 7; 10, 2; 12, 2; 15, 7; 19, 7; 24, 3, also 6 Mal, in Vegtkv. 
aber sonst nicht vor. Ausserdem aber zeigt die Prkv. auch sonst 
(ebensowohl wie Vegtkv.) Kenntniss der Vsp.: trkv. 6, 1 f. ist aus Vsp. 
49, 1 f entlehnt — Daß Sn. E. 58, 17 die Erzählung von Baldrs Tode 
einleitet mit den Worten: pat er upphaf Pessar sogu, at Baldr hinn 
göda ireymdi drauma störa ok hcettiliga um lif süt. En er hann sagdi 
Äsunum draumana, pd hdru peir saman rddein etc. beweist zwar 
nicht; könnte aber dafür geltend gemacht werden, daßSnorre unser Lied, 
und zwar schon mit Str. 1 am Anfange kannte. In der Erzählung 
selbst folgt er freilich einer anderen Quelle; daß der Inhalt unseres 
Liedes von Snorre nicht benutzt ist^ auch wenn er es kannte, ist leicht 
erklärlich; vgl. auch Jessen p. 75 f. 



*) Siem. Edda ' 191 f. Diese Ansicht scheint bisher nicht die verdiente Be- 
achtang und Zostimmong gefunden zu haben, weshalb ich sie hier ausführlicher su 
beg^ründen suche. 

♦*) Vgl. auch ob. p. 169, Anm. * [P.-B. Beitr. ö, 676. 583]. 



BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 59 

13. Zu den Vafl>nidnisiiiäl. 

Es ist unverkennbar, daß der Text dieses Liedes in unserer 
Überlieferung arg entstellt ist. Die Fragen Odins sind auffallender- 
weise viel zahlreicher als die Vafthrudnis; erstere zerfallen aber zu- 
nächst in zwei grössere Gruppen: 1. solche kosmogonischen Inhalts 
(von der Weltschöpfung und den Reifthursen) Str. 20—21. 28—35; 
2. solche eschatologischen Inhalts (vom Weltuntergang und der Welt- 
erneuerung) Str. 44—47. 50—53 [54—55]. Zu 1. kommen aber nach 
der Recapitulation'*') in Str. 42 (frd iotna rünum ok allra goda segir 
pü it sannaata) noch (1.^) die Strophen, in denen von den einzelnen 
Göttern die Rede war (Refrain: aus pü tiva rok oll Vafpruinir vitir)\ 
erhalten sind davon nur 38 — 41 [und 48 — 49?]. Ausserdem finden 
sich nun noch 3. eine Reihe von Einzelfragen über den Bestand der 
Dinge, nämlich: woher kommt Sonne und Mond (22 f.), Tag und Nacht 
(24 f.), Winter und Sommer (26 f.), der Wind (36 f.). Diese Fragen 
sind inhaltlich sehr ähnlich denen^ die Vafthrudni thut; und man könnte 
vermutheu; daß ursprünglich auch sie Vafthrudni that. Denn was 
Odin fragt ist in Str. 42 (s. ob.) genau angegeben; die in Rede ste- 
henden Fragen aber scheinen darin nicht mit inbegriffen zu sein'*''*'). 

Die Strophen 24/25 (von Tag und Nacht) sollten denen von Skin- 
fazi und Hrimfaxi (11/12 und 13/14) vorangeben. So steht ihr Inhalt 
verbunden in Gylf. 20, 3 — 14, an einer Stelle, wo offenbar die Vaf}>r. 
benutzt sind. An dieser Stelle folgt aber (20, 15 ff.) die Geschichte 
von Mundilfosri, dem Vater von Sonne und Mond. Da diese Dar- 
stellung in nur schlecht verhülltem Widerspruche mit Gylf. 18^ 12 ff. 
steht, wo wohl Voluspa die Quelle war, so muß hier der abweichende 
Bericht auf unsere Vaf))r. zurückgehen, und es ist das wahrschein- 
lichste, daß Snorre hier darauf kam^ weil in der Gestalt der Vaf]>r., 
die er kannte, Str. 22/23 auf Str. 24/25 + 11—14 folgten. Daran aber 
schließt sich in Gylf. unmittelbar die Erwähnung des Arvakr und 
Alsvidr; die hier benutzte***) Strophe steht aber nicht in Vaf})r., son- 
dern in den Grimnismdl 37. Diese Strophe nimmt sich aber mit ihrer 
nächsten Umgebung (37 — 40) in Grimn., deren Überlieferung ebenso 
entstellt ist wie die der Vaf})r. , sehr fremdartig ausf). Str. 38 han- 



*) Darnach wird zu 2. (Refrain Fiold ek f6r u. 8. w.) übergegangen. 
♦♦) Vgl. aber unten p. 61, Anm. **. 
***) Vgl. tn i sumum kvcßdum er pat kdUat Uamkol, waa Grimn. 37, 6 der 
FaU ist 

t) [^?1> J®^2^ Auch Symons, Grimnismal, Taalk. Bi}dT, li«\ 



60 A. EDZARDI 

delt von dem Sonnenschilde Svalinny Str. 39 von den Wölfen, welche 
die Sonne und den Mond verfolgen. Gerade denselben Gegenstand 
aber behandelt auch Gylf (20, 33 ff.) unmittelbar nach Sonne und Mond 
und ihren Rossen. Gylf. hatte also hier Str. 39 auf Str. 37 (und 38?) 
folgend vor sich. — Vielleicht sind auch sonst noch Strophen der Vaf)>r. 
in die Grimn. gerathen, z. B. Str. 43 aus 1.**, vgl. Vaf J>r. 38 (?). 

Aber auch die inFäfn. interpolierten Strophen 12—15 gehörten 
wohl ursprünglich den Vaf })r. an, wie ich schon oben 23, 314, Anm. ** 
andeutete. Der Refrain ist fast ganz derselbe wie in 1*, Str. 26 — 28. 
[24 30. 32. 34]. Die Frage nach den Nomen (11/12) würde sich m 
Vaf]>r. 48/49 stellen; die Frage nach dem Kampfplätze Surts und der 
Äsen (14/15) erscheint als Variante zu Fafn. 17/18. Letztere ist in 
Gylf. 64, 19. 22 f benutzt und 67, 21 ff. citiert. Fafa. 15, 4—6 aber 
ist fast wörtlich benutzt in Gjlf. 222^ 4 ff., besonders 22, 4 f. Diese 
Schilderung von Bifrost schließt sich wiederum an die (mit der Schil- 
derung der Vsp. 40 f. combinierte) Wiedergabe der Strophe von den 
Sonnen- [und Mond-]Wölfen (21, p. 2 — 6) an, folgte also vielleicht in 
Snorres Quelle darauf. 

Es ist mir nach dem Gesagten wahrscheinlich, daß Snorre eine 
ältere und bessere'.Gestalt der Vaf ])r. kannte, in welcher die später in 
Fifh. und Grimn. hineingerathenen Strophen noch vorhanden waren 
und in mancher Hinsicht noch eine richtigere Anordnimg der Strophen 
bestand. Insbesondere vermuthe ich, daß als Fragen Vaf]>r's. und Ant- 
worten Odins folgende Strophen sich aneinander reihten : 24/25. 
11/12. 13/14. 22/23. Frage + Grimn. 37 (Frage + Grimn. 38?). Frage + 
Grimn. 39*). Ob auch in Str. 16/17 und 18/19 (Fifa. 14/15?) ursprüng- 
lich Vafthrudni fragte kann zweifelhaft sein ; dagegen in den Strophen 
von den Nomen (48/49 und Fäfa. 12/13) wird wohl Odin der Fragende 
gewesen sein**). 

Zu den Strophen von den Urriesen und der Weltschöpfnng stellen 
sich noch die Strophen 40 und 41 der Grinm. Str. 40 ist nur eine 
Variante zu Vafjjr. 21***), Str. 41 ist eine Erweiterung derselben. 
Diese Strophen werden einer älteren Gestalt der Vaf]>r. oder einem 



*) Vor 26/27 scheint nach rW (V weicht hier gänzlich ab) bei Jonss. 28, 22 
bis 29, 11 das Strophenpaar 36/37 zu gehören. Standen sie in dieser Reihenfolge 
arsprünglich nach Grimn. 39? 

**) Aber kaum in 2. (wie in R), sondern in 1.^ [so auch Ornndtrig, Saem. 
Edda », 206]. 

*•*) Van)r. Vers 1—2 = Grimn. 1-2, V. 3 = Gr. 4, V. 4 = Gr. 6, V. 6 fehlt 
in Gr., dafür iocfinr dr hdri. 



BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 61 

anderen nahe verwandten Liede angehört haben*). — Die in VafJ)r. 
selbst überlieferten Strophen dieses Inhaltes werden auch wohl ur- 
sprünglich anders geordnet gewesen sein: 6ylf. scheint folgende An- 
ordnung gekannt zu haben: 30/31 = p. 16, 6 — 10. 20 — 30; 32/33 = 
p. 17, 1—3; 34/35 = p. 17, 23—32; 20/21 = p. 18, 1-4. 9. 28/29 ist 
in Gylf. nicht benutzt ; jedenfalls aber gehören 28 — 31 in dieser Reihen- 
folge zusammen. Der in Gylf. benutzte Text war also vielleicht so 
geordnet: [28—29]. 30^35. 20—21**). — Indessen kann auch das nicht 
die ursprtlnglichste Anordnung gewesen sein, denn die Frage hvat pü 
fyrst um mant [eda fremst um veizt\f (34, 4 f.) und die Antwort pat ek 
fyrst um man (er Bergelmir var d lüSr um lagiär) haben keinen Sinn, 
nachdem vorher (Str. 28 — 33) von älterem, von Ymis Entstehung 
und der Fortpflanzung seines Geschlechtes, die Rede war. Wir sollten 
also Str. 34/35 vor Str. 28/33 erwarten. Die Veranlassung zur Um- 
stellung ist vielleicht in der Gleichheit der Anfangsverse 29, 1—3 und 
und 35, 1 — 3 zu suchen. Statt des Verspaares 34/35 mag irrthümlich 
das folgende Verspaar 28/29, in dem die Antwort mit der gleichen 
Halbstrophe begann, und nach ihm die ihm folgenden Verspaare 30/31. 
32/33 geschrieben worden und dann das ausgelassene Verspaar 34/35 
an unrechter Stelle nachgetragen worden sein***). Wenn dies richtig 
ist, würde diese Umstellung schon in der Quelle der Gylf. sich ge- 
funden haben. 

Str. 42—43. Die zwölfte Frage, die durch 42, 1—3 eingeleitet 
wird, fehlt f). Statt dessen steht die Strophe, in der Odin den ersten 

*) In Gylf. 18, 1-4. 9 liegt eine Gestalt der Strophe zu Grunde, die weder 
yaf)>r. 21 noch Grfmn. 40 yoUkommen entsprochen su haben scheint: lautete die 
fünfte Versseile wd 6r iaxUm'^ (vgl. p. 18, 3 f.). 

**) Zwar steht 20/21 anscheinend (vgl. 20, 4 mit 22, 4; 24, 4; 26, 4; 36, 4) 
in Znsammenhang mit den oben p. 69 besprochenen Strophen [s. auch Grondtrig, 
Ssem. Edda \ 205 f.]; aber 11, 4 und 13, 4 leiten die Frage anders ein, und anderer- 
seits findet sich die Frageform htxidan . . , kömr auch 30, 4; 38, 4; 46, 4; es könnte 
gerade die gleiche Frageform für die Anordnung unserer Überliefenmg maßgebend 
gewesen sein. Eine Verbindung der Strophengruppe von den Urriesen mit 22 bis 
26 u. s. w. würde mit meiner oben p. 59 aasgesprochenen Ansicht sich nicht ver- 
tragen; man müßte denn die 20/21. von den Strophen 28 — 35 trennen wollen. [Vgl. noch 
ob. p. 52, Anm. **^ über ein folgendes Stropheopaar, das Gylf. 19, 15 — 21 benutzte.] 
***) Vgl. oben p. 52, Anm. f- 
f ) Daß die z w ö l f t e Frage eben die gewesen sei , wie der jotun zu seiner 
Weisheit komme, scheint mir nicht recht glaublich, schon weil dadurch der Paralle- 
lismus im Bau der Strophen zerstört würde. Wenn man hvi (st. alU) fQr richtig 
hält, läßt sich doch noch eine andere Erklärung als diese Grundtrigs finden^ «, d, 
folgd. Anm. 



62 A. EDZARDI 

Theil Beiner Fragen abschließt, aber auch diese ist lückenhaft : erhalten 
ist nämlich Vers 1 — 3 und 6*). Ich vermuthe, daß zwischen Vers 6 
und 7 unserer Überlieferung der Übergang zu den Fragen Nr. 2 fehlt: 
'sage mir auch, was du von der Zukunft weist' oder dgl. Der Ant- 
wort auf diese Übergangsstrophe gehört 43, 1 — 3 an, die Verse 4—5 
fehlen (entsprechend der Lücke zwischen 42, 6 und 7} ; 43, 4 — 5 ver- 
binde ich zu Einern Verse^ dem sechsten der Strophe. 43, 6 — 8 kann 
nicht wohl hierhergehören''^): es ist, denke ich, der Schluß der Antwort 
Vafthrudnis auf die verlorene zwölfte Frage, der dem Schreiber hier 
wegen des ähnlichen Sinnes und Wortlautes einfiel. Der Inhalt 
dieser Frage dtlrfte also gewesen sein: hvemig deyja 6r hdju haUrf — 
Ich denke also Str. 42 — 43 sind so zu ordnen: 42, 1^3 (mit alls statt 
hvi in Vers 2) + 3 fehl. Verse; — 3 fehl Verse + 43, 6—8; — 42, 
4—6 + 2 fehl. Verse + 42, 7; — 43, 1—3 + 2 fehl. Verse + 43, 4/5 
(im Vers). Oder wenn man in theilweisem Anschlüsse an Gtrundt- 
yig die unten angedeutete Aufifassung vorzieht: 42, 1 + 5 fehl. Verse; 
— 3 fehl. Verse + 43, 6-8; — 1 fehl. Vers + 42, 2—6; — 43, 1—3 
+ 2 fehl. Verse + 43, 4/5 {&u Vers). — Vgl. Gylf. 14, 27 f. 



Nachträge. 

1. Nachdem meine Bemerkungen zur Volundarkvida (Bd. 23, 
p. 169 — 174) gedruckt aber noch nicht veröffentlicht waren, hat Zupitza 
im Anz. f. d. A. IV, 146 — 149 ebenfalls einige Stellen dieses Liedes 
besprochen. Soweit meine Ansichten mit den seinigen in Widerspruch 
stehen, habe ich auch jetzt keinen Grund gefunden dieselben zu ändern^ 
im Gegen theil möchte ich darauf hinweisen, daß seine Einwendungen 
gegen Bugges Auffassung von Str. 16 dadurch hinfällig werden, daß 
hyrr zunächst nicht 'froh*, sondern 'geheuer* ist (C.-V. 304**; 661**), 
daher gtilti roddu^ daher der Rath, den Volund unschädlich zu machen 
(kold eru mer räd pin 31, 6). Übrigens würde, selbst wenn man Ayrr 
mit 'froh' zu ilbersetzen hätte, in den Worten eher Schadenfireude als 
Mitleid liegen. 



*) Oder Vers 7 ist Zusatz. Dann konnte man mit Gnmdtvig u. A. annehmen, 
daß hvi richtig sei, und könnte denken, daß der Schreiber von Segäu pal . . . , dU» p& 
KU Segäu pat . . . , koi pü abirrte, so daß also von der der zwölften Frage Vers 1, yon 
der Obergangsstrophe Vers 2 — 6 erhalten, 7 aber Zusatz wäre. 

**) Hildebrand will Vers 4—6 aasscheiden, aber welcher Zusammenhang besteht 
zwischen 13, 1 — 3 und 13, 6—8, namentlich Vers 8? 



HEITRÄGE ZUR GESCHICHTE UND ERKLÄRUNG DER EDDALIEDER. 63 

2. Bei meiner gelegentlichen Besprechung eines Theiles der Hüs- 
dräpa (d. Zschr. 23, 426 flF.) war es mir entgangen, daß Gisle Bryn- 
julfsson'*') in seinem Aufsatze 'Brage den gamles kvad om Ragnar 
Lodbrogs Skjold' (Ann. 1860, p. 1 — 13, auf den auch 23, 431, Anm. ** 
hätte verwiesen werden sollen) auch die dem Brage zugeschriebenen, 
von mir zur Hüsdräpa gezogenen Strophen als einen Abschnitt der 
Ragoarsdrdpa zusammengestellt hat, wobei er auch noch 3 andere, von 
mir an genannter Stelle nicht aufgenommene Strophen Brages hinzu- 
zieht. Die eine (AM. I. 318, 6 = Jönss. 106, 13) bezieht sich freilich 
auf Thor, enthält aber nichts^ was auf den Fang der Midgardsschlange 
deutete; wohl aber enthalten die beiden anderen Beziehungen darauf. 
Diese würden sich in folgender Weise meiner Zusammenstellung ein- 
fügen lassen: 

vorl.**) J)at erumk synt, at snemma Gylf. U (II, 286, 27): J)6rr. . . SBtIar 

sonr-aldafo^rs vildi nü at hitta midgarttsorminn {fehlt t\N) 

afis vid üri-{)(Bf(tan- ok kom til jotuns nokkurs, er imir 

jardar-reist of freista. er nefhdr. en um morgininn biöst iotunn 

1. Sin bj6 Sii^ar nini etc. at fara til fiskjar. ))6rr vill fara med 
honum. . . 

vor 2. ***) Vildi-t vrODgum" ofra 287, 2: ok bad J)& eigi r6a lengra 

v&gs-hyrsendir oegi' {fehlt pW) })örr l^zt vildu enn miklu 

bion's ]iij6tygil-in4va- lengra r6a. Tmir kvad }>at hatt vid 

mo3rar skar fyr ))6ri. midgardsorminn. 

2. })iokkvoxnum kvazk ))ykkja etc, 287, 15: hj6 vid bordinu vad rörs. 

[Sollte auch die Halbstrophe ohne Verfassemamen I. 500, 1 flF. =: 
II. 174, 1 flf., welche ein auf empörter See befindliches SchiflT schildert, 
hierher (etwa zwischen 11. und 12.) gehören? Vgl. er sosrinn feU üt 
ok inn of nokkvann und dazu Hym. 24, 1 — 4.] 

Obige zwei Halbstrophen bieten in 1. -j- 3.: 2 reimlose Verse und 
2 skoth., in 2. -j- 4. : 3 skoth. und 1 adalh.; sie entsprechen also wenig 
der Kuimtechnik der Hdsdr. Sollen wir nun doch zwei Parallellieder 
des Brage und des Ulf annehmen, deren — merkwürdigerweise! — 
sich zu Einern Gedichte ergänzende Strophen Gylf. neben einander 
benutzt hätte? Die Reirotechnik kann indessen hier nicht den Ausschlag 
geben, da — wie 23, 432 bemerkt — gerade die vom Fange der Welt- 
schlange handelnden anderen Strophen, die Brägen zugeschrieben wer- 
den, nicht seiner, sondern Ulfs Reimtechnik entsprechen. Sollten etwa 



*) Desselben Verfs. Zosammenstellung und Übersetzung der Strophen der 
Hüsdr. in 'Nord og Syd' 1858^ 164 ff. (?) war mir leider nicht zugänglich. 
<*) AM. I. 242 = II. 306, 19: Bragi. 
*♦*) AM. I. 604: Bragi. 



64 K. MAURER 

die ungenauer reimenden Strophen der Hibdr. gerade deshalb dem 
Brage zugeschrieben sein? Ahnliches ward 23, 432 vermuthet Übrigens 
findet sich II. 326 unten noch eine genau reimende Halbstrophe anter 
Brages Namen, die I. 418, 10 dem Berti zugeschrieben wird. Für 
Ulfs Reimtechnik kommt noch in Betracht eine Strophe in Fms. U, 203, 
Bisk. I, 13. Vgl. P.B., Beitr. V, 577 f. [Lies 426: 1, 4 hroera; 6, 1 arfa.] 

LEIPZIG, im JuU 1878. A. EDZARDL 



ZUM ALTEN SCHWEDISCHEN HOFRECHTE. 



Schon vor reichlich drei Jahrzehnten hat P. A. Munch von dar 
Entdeckung einer Reihe von Überresten der altnordischen Literatur 
Mittheilimg gemacht, die im norwegischen Reichsarchive gemacht 
wurde (im ersten Bande von Chr. Lange's „Norsk Tidsskrift for Vi- 
denskab og Literatur**, S. 25—52, 1847; jetzt auch in den, von G. 
Storm herausgegebenen „Samlede Afhandlinger** Munch's I, S. 273 — 95). 
Seitdem sind in jenem Archive noch manche weitere, ähnliche Frag- 
mente aufgekommen, und ein solches, das hier folgende Stück des 
älteren schwedischen Hofrechtes enthaltendes, theilt mir soeben mein 
verehrter Freund, Professor Dr. Gustav Storm in Christiania, mit 

Die Handschrift stanmit nach diesem meinem Gewährsmann on- 
ge&hr aus dem Jahre 1400. Das Fragment gehört der oberen Hälfte 
einer Blattseite an ; es ist sowohl an der (vom Beschauer) linken Seite 
als unten beschnitten, auf der Rückseite aber unbeschrieben. Die cursiv 
gedruckten Buchstaben sind von Prof. Storm ergänzt 

Der Text lautet: 

1) eigh taken« oc wites honö thsen gmigh. thogh. oc dyll fore tha djle mc 
toM msen af gaardenö radhe halfua nasmpd hwaar thera. 

2) fTwa sum thaen annan wntsighr. tha ryma mins hrra gaard oc koma 

aldrigh 

/öre hns 6ghon meer oc haftie Bns vwinscap. 

3) fTwa sum nsempär wserdr tili at waka oc wakar hn eigh rsetligha. 

tha sculo Bns 
Ans hafuor bjtadz. findz hn sofuande tha skseradz eet stjkk af 

hns klsedha til 
vitne vm morghonen oc bytadz lins hafuor. om thaet ser hyrdh 

drseng tha 



ZUM ALTEN SCHWEDISCHEN HOFRECHTE. 65 

arte j stokken VII. nsetr widh watn oc br6dh. vm aen ihser sker 

eingen mer 
sk&dhe af 
4) B. se 8cal oc wäre, (diese Zeile ist quer durchschnitten, so daß nur 

die obere Hälfte der Buchstaben erhalten ist). 

So kurz das Fragment ist, so interessante Schlüsse erlaubt das- 
selbe doch. Vergleiche ich dessen einzelne Stücke, deren Nummern 
von mir beigefügt wurden, mit den 3 von Klemming herausgegebenen 
Texten, welche ich der Kürze halber mit Sw. I, A, Sw. I, B und 
Sw. n bezeichnen will, so ergibt sich, daß Fragm. 1 mit dem Schlüsse 
von Sw. I, A, §. 12, und mehr noch I, B, §. 12, stimmt, während 
Sw. n, §. 12 wieder etwas weiter abliegt: ebenso entspricht Fragm. 2 
zunächst Sw. I, B, §. 14, weniger I, A, §. 14, und noch weniger 11, 
§. 19. Dagegen findet Fragm. 3 nur in Sw. II, §. 18 ein Analogen 
aber freilich bei völlig anderer Wortfassung, während Sw. I, A und B 
gar keine analoge Bestimmung kennen; aus Fragm. 4 aber weiß ich 
vollends Nichts zu machen, was einigermassen äusseren Anhaltspunkt 
böte. Wir haben demnach in unserem Fragment einen Überrest eines 
schwedischen Textes, dessen Gestaltung zwischen Sw. I und II in der 
Mitte stand; da überdies die in Fragm. 3, und wenn auch in anderer 
Fassung, auch in Sw. II, §. 18 vorkommende Bestimmung auch in 
den dänischen Texten des Hofrechtes, und selbst im norwegischen Burg- 
mannenrechte sich widerfindet, und im letzteren sogar in einer Gestalt, 
die sich näher mit Fragm. 3 als mit Sw. II, §. 18, oder den dänischen 
Texten berührt, wäre sogar recht wohl möglich, daß wir in diesem 
Bruchstücke ein Überbleibsel einer älteren Textesgestaltung hätten, 
welche hinter Sw. I und II, dann den verschiedenen dänischen Texten 
zurückläge, dagegen den norwegischen coordiniert stünde, — des Textes X 
etwa, wenn ich an die Handschriftentafel anknüpfen darf, welche ich 
in meiner Festschrift „Das älteste Hofrecht des Nordens*', S. 142, 
Anm. 2, entworfen habe. Ein völlig sicheres Ergebniss läßt sich frei- 
lich bei dem geringen Umfange des Fragmentes nicht gewinnen. 

HÜNCHEN, den 6. November 1878. K. MAURER. 



OEKMANIA. Nene Ueihe lU. ßUV.) Jahrg. 



66 



C. M. BLAAS 



NIEDERÖSTERREICHISCHE KINDERSPRÜCHE 

UND REIME. 



VON 

C. M. BLAAS. 



I. Amznenscherze. 



1. Während das Kind auf den Armen 
gehalten, gehutscht and schließlich 
in einem Winkel, zunächst der 
Thur, auf den Boden gelegt wird, 
singt man: 

Müller, Muller Sackl! — 
ist der Müller nicht zu Hans; 
Schloß vor, Rigl vor, 
werf ma's Sackl hinters [unters 

Thor. (Wien.; 

2. Man fährt mit dem Zeigefinger 
auf der innern Handfläche des 
Rindes herum, läßt es dann rasch 
eine Faust machen und wieder 
öffnen, und sagt: 

Ich rühr^ ich rühr ein Brein 

und leg ein Stücker] Zucker drein. 

Machs fest zu! — jetzt ist es 

verschwunden ; das hat gewiß das 

Mauserl gefressen. (Wien.) 

3. Des Kindes Hals wird als Mause- 
loch gedacht : 

Es lauft a Mauserl 

ibers Hauserl ! 

Wo Solls rkstn? 

in N. . . sain Rästn. (Wien.) 

4. Man stößt mit der eigenen an des 
Kindes Stirne und sagt: 

Bockerl steß ! (Wien. Stockerau.) 

5. Die Hände des Rindes zusammen- 
f^chtagend singt man: 

Patsch Handerl zsamm, patsch Han- 

derl zsamm, 
was wird der Vater bringen? 
Paar schöne Schuh , Paar schöne 

Schuh 
und rothe Mascherln drinnen. 

(Wien.) 



6. Man berührt dem Rinde die ein- 
zelnen Theile des Angesichts and 
sagt dabei: 

Das ist der Altar (Stime), 
Das sind die zwei Lichterin ( Angen), 
Das sind die zwei Polsterln (Wan- 
gen), 
Da geht der geistliche Herr hin- 
ein (Mond), 
und macht ging -ging -ging! (an 

der Nase). (Wien.) 

7. Fingerb ezeichnnng. — Beim kleinen 
Finger angefangen. 

Rianer Finger, goldens Ringerl, 

länga Hans, Tellerlecka, Lansteta. 

(Stockerau.) 

8. Beira Daumen angefnngen. 

Hoar, Frau, Rnccht, Diam, Wu- 
zerl, Wnzerl in der Wiagn. 
(Stockerau. Hof am Leithageb. 
Rorneuburg.) 

9. Das ist der Hear, das ist d'Frau, 
Das ist der Rnecht,d&8 ist di Diam, 
Das ist das klani Wuzerl in der 

Wiagn. (Litschan.) 

10. D^s ist der Bauer, dha ist di 
Bairiu , dhs ist der Rnecht, dks 
ist di Diam, das ist dks Wuzerl- 
Wuzerl in der Wiagn. (Wien.) 

11. VKta , Muata , Rnecht, Diam, 
Wuzarl-Wuzarl in da Wiagn. 

(Wien.) 

12. Dear ist in Brunn [Bä.ch] gfkllu, 
dear hkt *n außerzogn, dear hkt 'n 
ainiträgn, dear hkt *n ins Bett 
glegt, dear hat 'n zuadeckt. 
(Stockerau. Hof am Leithageb. 

Rorneuburg.) 



NIEDERÖSTERRElCHlßOHE KINDERSPRÜCHE UND REIME. 



67 



13, 



14. 



Da Väta 18 in Brunn gfälln, d'Miiata 
hat *n aoßazogn, da Kneht liät 
'n hoam tr&gn, de Diarn IWit 'u 
ins Bett glegt und 's kloani Wu- 
zarl in da Wiegn h&t 'n zuadcckt. 
(Langen lois. Schiltern.) 
Dear hlit an Häsn gfängt, dear hkt 
'n harn trägn, dear hat *n bächn, 



dear hkt 'n gcssn und das klani 
Wuzerl [in da Wiagn] will a wk« 
davo [hkbn]. 

(Stockerau. Hof am Leithageb.) 
15. Dear gßt in Wkld und fkngt Ve- 
gerln, dear rupfts, dear spickte, 
dear brkts, denr ißts. 

(Wien. Litschau.) 



II. Verkehr mit der Natur und Nachahmungen. 



16. Wenn die Sonne untergeht, sagen 
die Kinder dreimal: 

Sunn, Snnn, schain auf, 
mkch dai goldas Tiarl auf. 

(Pettendorf.) 

Beim Regen. 

17. Regna, regna, tropfn, 
Buabma muaß ma klopfn, 
d'Madln lign in Federbett, 
d'Buabma lign in Saudreck. 

(Wien.) 
1 8. Wenn es im Mai zum erstenmalc 
regnet, stellen sich dieKindcr hin- 
aus und rufen: 
Mairegn, Mairegn, 
mäch mai Hoar läng und ebu. 

(Litschau.) 

1 9. Beim Pfeifenklopfen sagen die 
Knaben : 

PfifarlPfaifarl, Felba, 
da Hälda is da Stella, 
d'Häldrin is di Budahex, 
ziagt da Kätzn d'Haud aus, 
iban Kränz, iban Schwänz; 
wiad mai Pfifarl-Pfaifarl wTda ganz. 
(Roseidorf bei Reschitz.) 

20. Pfaifarl, Pfaifarl, gß, 
sunst wiaf i di in Schnee, 
sunst wiaf i di in Schintagräbn, 
so fressn di älli Hund und Schäbn. 
Wann i will in Himml staign, 

so brauch i längi Loata; 
längi Loata bricht mar ä, 
maini BoanI fklln is Schintahaus, 
Schinta mäch ma Pfaifarl draus. 
(Hnrmannsdorf bei Korneuburg.) 

21. Felbapfaifarl, gö, 

sunst wiaf i di in Schnee, 



sunst wiaf i di in Schintasgrabn, 
daß di älli Mais vaz&n. 

(Klosterneuburg.) 

22. Zum Frauenkäferchen (coccinella) 
sagen die Kinder: 

Jungfraukeferl , fliag auf d'Woad, 

bring unser liabn Frau a goldas 

Kload. (Groß-Mugl.) 

23. Liab Fraunkeferl, fliag in Brunn, 
bring ma moaring a recht a scheni 

Sunn. 
(Waldreichs bei Groß-Siegharts.) 

24. Jungfraukeferl , fliag auf Maria- 
brunn, bring uns haid oder moargn 

a scheni Sunn. (Groß-Mugl.) 

25. Fraunkeferl, fliag nach Hollabrunn, 
bring uns a schene Sann, a gelbe 

Sunn, 
a rote Sunn, a goldene Sunn, a sil- 
berne Sunn. (Ober-Hautzenthal.) 

26. Snnnkeferl, Sunnkeferl, floig in 

goldern Brunn, 

bring haid und moargn a recht a 

scheni Sunn. (Hatzenbach.) 

27. Liab- Fraunkeferl, Liab - Fraunke- 

ferl, fliag in golden Brunn, 
bring haid und moring a scheni 

Sunn. (Göpfritz.) 
Diesen Spruch sagen die Kinder, 
indem sie das Käferchen auf der 
Hand halten, dreimal, und glauben, 
wenn dasselbe beim dritten Male 
fortfliege, so komme schönes Wet- 
ter ; wenn es aber sitzen bleibe, so 
trete das Gegentheil ein. 

28. Die Kinder fangen den Johannis- 
käfer, welcher in Niederösterreicb 
(Lilienfeld xxxid lR.%.\i\f^ö^T^ \\si ^^- 



7x% 



68 



C. M. BLAAS 



richtsbez. Hainfeld) Sunnawend- 
käfer genannt wird und lassen ihn 
wieder ans mit den Worten: 
Snnnawendkcfer, fliag, fliag, fliag 

nach Hailigenbrunn 
und bring uns a scheni Sunn. 

(Lilienfeld.) 

29. Zum Maikäfer sagen die Knaben^ 
wenn er hoch fliegt, damit er her- 
unter kommen soll: 

Maikefa, Maikefa^ sum, sum^ sum! 

fliag in d*Niada; 

daini Briada 

san älli in da Niada. 

(Langenlois.) 

30. Zur Schnecke sagen die Kinder: 
Schneck, Schneck, komm heraus, 
Vater und Mutter sind nicht zu 

Haus. (Stockerau.) 

31. Schneck, Schueck, komm heraus, 
sonst wiarf i di ins Schintcrhaus. 

(Emstbrunn.) 

32. Schneck; Schneck, drä di aus^ 
bis zum Hjtldahaus. 

(Harmannsdorf bei Komeuburg.) 

33. Beim Fortfliegen singt die 
Schwalbe : 

AlleKistn undKästn solln yoI) sain, 
wknn i widakumm is alles lär. 

(Stockerau.) 

34. Die Wachtel sagt wenn sie schreit : 
Wau- wauwau! findst mi net, 
hintern Bett bin i net, 

hkb i a weng fiaragschaut, 
h&st mi brav aufighaut. 

(Langenlois.) 
35« Wau-wau-wau ! findst mi net, 
hintan Bett bin i net, 



fiara g% tua-r i net, 

und a 80 findst mi net. l^Wien.) 

36. Guckerlu-wau-wau ! findst mi net, 
hintern Trad bin i net. 

(Deinzendorff) 

37. Der Fink sagt: 

Fink, Fink ! da Baua hkt si *8 Knia 

kghaut, 
sia, sia, wiana bliat. 

(Oberzögersdorf*) 

38. Die Spatzen sagen: 

Diab, Diab ! (Langenlois. Schiltern.) 

39. Hahn, Tauber und Ziege. 

Der Hahn sagt: Christus ist ge- 
boren! 
Der Tauber: Wo, wo? 
Die Ziege: Zu Bethlehem. 

(Jetzeladorf.) 

40. Der Hahn und die Kinder. 
Hahn: Kickeriki! 

Kinder: Wear hat da wiis t&? 
Hahn: In Schuasta sai Bua 
dear gibt ma kan Rua, 
*n Schuasta sai Madl 
die gibt ma ka Bradl. 
(Grafendorf bei Stockerau. Spil- 
lern. Jetzelsdorf.) 

41. Kinder: Kikerihä, 

wear hat da w4s tA? 

Hahn. In Schuasta sai Boa 

dea lk0t [gibt] ma ka Rua. 

(Wien.) 

4 2 . Nachahmung des Klopfens beim Faß- 
bin der. 

Da Binda, da Binda 

dea schlägt saini Kinda*). 

(Langenlois.) 



III. Allerlei Sprüche und Reime. 



43, Schooßtied. 

Hopp; hopp, hopp, 

moargn foam ma in d^Stidt, 



um a Saitarl Wai 
und a Kipfarl drai; 
dks wiard guat sai. 

(Grafendorf bei Stockerau.) 



♦) Andere hiehergehQrige und von mir f;esammelte Sprüche, «. Germania N. R. 
Vir, S. 67-72; VIII, 349-356; IX, 411—416. 



NIEDEKÖSTERREICHISCUE KINDERSPRÜCHE UND REIICE. 



69 



44. Schlaflied. 

du schwoarz Mauserl; 
Du sollst mai Mauscrl sain; 
o du schwoarz Mauser!, du ghcarst 

sehe mai. 
66 i in Goartn, 
links und rechts, unt und obn 
hear i mai Mauserl iberkll lohn. 

(Wien.) 

45. Wenn sich die Kinder weh ge- 
than haben, so sagen sie: 

Haila, haila Scgn, 

drai T&g Regn, 

drai Tag Schnee, 

wänns hält tuats nimma wd. 

(Stockerau.) 

46. Wenn ein Kind einem wehen 
Finger hat, oder sich an diesem 
verletzte, so sagt die Mutter, der 
Dienstbote oder das Kind selbst: 

Biba, bäba, 
schwoaza K&da, 
gstutzta Hund 

mkch den Finga wida gsund^). 
(Spillem. Grafendorf bei Stockerau. 
Pettendorf. Laa an der Thaya.) 

47. Wenn die Kinder die Strauchn 
(Schnupfen) haben, so sagen die- 
selben y deren Mütter , oder die 
Dienstboten : 

Wks gdt durchn Rauchn 
i schenk da mai Strauchn. 

(Stockerau.) 

48. Wenn ein Kind etwas yerloren 
hat, so sagt es: 

Daifl, Daifl, tua dui Bratzarl weg, 

sunst kimmt da Engl und haut 

das weg. (Langcnlois. Schiltcm.) 

49. Wenn von den Kindern eines 
etwas verschenkt hat und fordert 
es wieder zurück^ so sagen sie: 

Schenka, Schenka nimmagebn, 
Daifi Hand und Fuaß vabrcnna. 

(Langenlois.) 



50. Wenn die Kinder etwas gefun- 
den haben, sagen sie: 
Gfundn, gfundn widergebn ; gfundn 
nimmagebn — stein aufghengt. 

(Hof am Leithageb.) 

51. Ermahnung zum Schneuzen. 
Schnopfauf 

ziach d'Uar auf. (Wien.) 

52. Auf die Frage „WasV" 
Was? 

klts Faß; 

sitzn drai Waiber drinn, 
wissn net was; 
ani tuat strickn, 
ani tuat nän, 
d*&ndri tuat 'n Hund 
's Scbwaferl ausdrän. 
(Komeuburg. Grafeudorf bei Sto- 
ckerau. Spillem.) 

53. Was? 

an älts F&ß, 

sitzn drai Waiba drinn, 

wissn net wks; 

wänns regnt weams n^, 

wänns schnaibt weams waiß, 

wknn d'Sunn schaint weams trucka. 

[w&nns gfriail; wearns Ais.] 

(Langenlois u. Schiltem. Stockerau.) 

54. Wenn ein Kind fragt, was man 
ihm schenken, oder bringen werde, 
sagt man: 

A goldas Nixarl 

in an silbam Bixarl. (Wien.) 

55. Beim Essen. 
Amäl i, 
amM du, 

amäl der Schuastabua; 
hkm ma alle drai gnua. 

(Stockerau.) 

56. latzt wear i enk wks dazelln: 
vo der l&ngn Elln, 

vo der kurzn Wocha, 

wo mai V&da hkt a Fadl igstocha, 



*) Diesen Spruch sagt man übrigens auch, wenn sich ein Kind anderswo ver- 
letzt hat, oder auch, wenn es krank ist, dabei wird in der letzten Zelle der b^tt«^«^^^ 
leidende Theil, oder der Name des Kinde.s genannt. 



70 



C. M. BLAA8 



diar a Warst, 
den a Warst, 
mir an brätna llksn 
und den a Batzl af «rN&sn. 
(Grafendorf bei Stockerau. Spillem. 
Laa an der Thaya.) 

57. Wenn Geschichten erzählt werden 
und eine zu Ende ist: 

Di Geschieht is aus; 

ibas Haus 

rennt a Maus. 

hkt a röts Kidarl a. 

Wem gßts ä? 

enk g^ts a. Schmida. 

58. Beim Guglbapfspiel. 

Guglhupf km Dkch, wear schmuzt 
und wear lacht, muaß Pfanderl 
hear gebn. 

(Grafendorf bei Stockerau.) 

59. Beim PfeDnigeiDgeben - oder Ein- 
streichenspiel. 

I gib dir an Pfenning, sag nct 

ja, net na, ntt schwoarz. nct 

waiß, net Nkdl, net Zwiaru und 

baiß in klun Kind *n Kopf net a. 

(Grafendorf bei Stockerau.) 

60. Beim Plumpsackcinstreicben. 
Schauts enk net um, 

Da Plumps&ck get um! (Wien.) 

61. Schuistabuiy 

flick ma in Schui! 

Gib in Drkt ar dazui; 

gibst in Dr&t nit dazui, 

so bist koa brav^ Schuistabui. 

[pfiart di Gott Schuistabui.] 

(Jetzelfidorf.) 

62. Charakteristik der Schulkinder. 
Erste Clabse: Katzen, 
zweite Classc: Fratzen, 
dritte Classe: junge Herren, 
vierte Classe: alte Bären. (Horu.) 

63. a b c d, 

der Stock, der tuat am we. 

(Korneuburg.) 

64. i u e o a, 

mai ßruada lernt mas a. 

(Korneuburg.) 



65. Klani Kinda kinnan ka Ktndskoch 
kochn. (Grafendorf bei Stockerau.) 

66. Hintas Hklda Hans! Hundshittn 
hengan hundat Hksnhaidl hintn. 

(Wien.) 

67. Wir Wiener Weiber wollen weiße 
Wäsche waschen^ wenn wir wnß* 
ten, wo warmes Wasser wäre. 

(Hippersdorf.) 

68. Moargn um di Zeit 
nimmt da Baua 's Schalt, 
wirfts unta d'Lait, 
dXait unta d*Hund 
d^Hand unta d'Kätzn, 
d'K&tzn unta d'Rätzn, 
d*Rktzn unta d'Mais. 
d'Mais unta d'Lais, 
dXais unta dTlS, 

d'Flo hupfn alle in d*He. 

(Korneuburg.) 

69. Abendgebet. 

Gottes Namen leg ich mich schlafen^ 
in Gottes Uand, 
in Gottes Hand, 
in Gottes Blut, 

daß mir der böse Feind nichts thut. 
Leg ich mich zwischen das Bene- 

dicta»krenz; 
neunmal g*segn*t, g* wandelt und 

g' weicht. 
Jesulein, schließe mich ein, 
laß micb dir befohlen sein. 

(Stockerau.) 

70. Abendgebet zu St, Veit. 

Heiliger St. Veit, 
weck mich auf zu rechter Zeit, 
nicht zu früh und nicht zu spat, 
bis der Hammer 6 Uhr schlägt. 

(Stockerau.) 

71. Zu St. Nicolaus. 

Heiliger Niklo, frommer Mann, 
du kommst vom goldnen Himmels- 
thron 
und bringst uns gar schöne Sachen, 
die schlimmen Kinder fromm zu 

machen. 
Heiliger Niklo, kehr bei mir ein, 
will recht fromm und g'horsam sein. 

(Wien.) 



NIEDERÖSTERREICHISCUE KINDERSPRÜCHE UND REIME. 



71 



IV. Abzälil 

72. An dau dua, 
Bchiffi racka bua; 
schifH racka weni tacka, 

woia vvumms. (Jetzelsdorf.) 

73. An dan dantimns, 
frisch goi pampinns, 
auiH ricka dacka, 

woia wumms. (Jetzelsdorf.) 

7'i. An dan dinus 

sacka racka minus, 

sacka racka, 

dicka dacka, 

eile relle wom. 

12 3, 

du bist frei. (Laa an der Thaya.) 

75. An dan dcti man, 
wisi gubian; 
silberracka, 
dicka dacka, 

buff nußkern 

außi, draußt bist du. (Stockcrau.) 

76. An dan dati man, 
wisi gubian, 
dicka dacka 

bu£f nußkern, 

Hußi, draußt bist du. (Langenlois.) 

77. Anige danige dickn dackn, 
petriscbnackn, 

zengn zengn Bethlehem; 

schnurri burri, 

nuß buff knoll; 

du bist draußt. iStockerau.) 

78. Anige banige, sirige, sairige, 
ripete pipete knoll. (Wien.) 

79. Angl pangl I^ das sign, 
nkchn Roß g^t da Wlign, 
n&ch Wagn g^t da Stiar, 
wcar a Geld hkt braut a Biar; 
und wear ans hjtt bächt a Brot, 
und wear kans hkt is maustot. 

(Korneuburg.) 
80 Anige banige schlkg mi net, 
Kraut und Ruabn des mag i net, 
klani Fischarl aß i gearn, 
kks nct hkm vo mainen Heani. 

8T0CKERAU in Niederösterreich, am 



Sprüche. 

[Draußt ^m Kuchlbrett 
stet a Kkdl Yolla M^t; 
trinks aus, schnapps aus, 
groba Rizl, du bist draußt.] 

(Langenlois. Tulln.) 

81. Ini ani k, 
kapidani dk, 
zittrcwelle zittrewelle, 

trink trank tra. (Spillern.) 

82. Ini ani u, 
kapidani du, 
zittrawellc biti' baff buff, 
draußt bist du. (Großweikersdorf.) 

83. Ini daini dinud, 
sauaracka dinus, 
sauarackatas, 

alla molla wump. (Großweikersdorf.) 

84. Engate pcngate zukadme, 
awer pawer domine, 

eis pels inter nos, 

wia waia won. (Stockerau.) 

85. Egede, begede zuckerdeme, 
afi, dafi domine. 



wix, wux. 



außi bist du gstutzt. (Altenworth.) 

86. Asl wasl 
domasglasl, 

witz wutz [wips wups] 
außigstutzt. 

(Pettendorf. Langenlois.) 

87. Asl masl 
domasglasl, 
witz wutz 

außi dkni gstutzt. 

(Hof am Leithageb.) 

88. 1—9, 

Wirt schenk ein, 

Gast trink aus, 

du bist draußt. (Langenlois.) 

89. 1 — 9, 

Bua schenk ein, 

Bua schenk aus, 

dai Joar is aus. (Neuaigen.) 

weißen Sonntag IBTB. 



72 A. BAIEB, ÜBEB HABTHANNS TOM AUE HEIHATH UND KBEÜZZOGE. 



ÜBER HARTMANNS VON AUE HEIMATH UND 

KREUZZÜGE. 



Die richtige Betonung eines einzigen Wortes erlöst uns vielleicht 
von dem Streite über Hartmanns Heimath und Kreuzzug. In dem 
Ereuzlied nämlich, welches anhebt mit den Worten: „Ich var mit iuwem 
hulden^^ lese ich an der vielbesprochenen Saladinsstelle niemer (kein 
zweites Mal mehr) statt der bisher üblichen Lesart niemer (nie in aller 
Zukunft). — Ich bin der Ansicht: Hartmann hat nicht bloß an einem 
sondern an zwei Ereuzzügen Theil genommen. Auf den ersten Ejreua- 
zug des Dichters, den von 1189 — 1192, bezieht sich das Ereuslied 
,,Dem kriuze zimt wol reiner muot^ ; auf diesen gegen Saladin gerich- 
teten Ereuzzug zurück beziehen sich in dem andern, unmittelbar vor 
dem zweiten Ereuzzug gedichteten Liede die Worte: 

und lebte min her Salatin und al sin her, 

die 'n brachten mich von Vranken niemer einen vuoz. 

Seinen ersten Ereuzzug hatte demnach Hartmann von Franken 
aus unternommen. Aus den unmittelbar vorhergehenden Worten: 

nü seht wie s' mich üz roiner zungen ziuhet über mer 

geht hervor; daß Hartmann beim Beginn seines zweiten Ereuzzuges 
(1197) sich in seiner Heimath befand. Aber folgt aus dem Ganzen 
auch; daß Franken die Heimath des Dichters ist? Bei der Lesart niemer 
allerdings; aber nicht nothwendig auch bei der Lesart niemer. Da 
vielmehr die Schwabenheimath Hartmanns gut bezeugt ist und auch 
sonst beachtonswerthe Gründe fUr dieselbe vorgebracht worden sind, 
so erkläre ich mir unsere Stelle so: Wenn die Verhältnisse noch die- 
selben wären wie beim ersten Ereuzzug des Dichters, wenn jener 
Saladin^ den Hartmaun damals als einen beinahe unbesiegbaren und 
doch zugleich so hochherzigen Feind kennen gelernt hatte noch mit 
seinem gewaltigen Heere Palästina verthcidigte, so würde es unserem 
Dichter nicht zum zweiten Male in den Sinn kommen, ins hl. Land 
zu ziehen, selbst wenn er noch in dem fremden Franken weilte (vgl. 
auch die Äusserung des jungen Gregorius: ich 'n wart nie mit gedanke 
ein Beicr noch ein Vranke); jetzt aber zieht er sogar von seinem 
Heimathlande (Schwaben) weg nach Palästina. 

Und warum? Gewiß nicht; wie man allgemein glaubt, aus reli- 
giöser Begeisterung. Das zeigt schon die Art, wie Hartmann von 



A. BIRLINGER, BAIBISCHE BESEGNUNQEN. 73 

Saladin spricht; so kann nur ein Dichter reden ^ der vom Olaubens- 
fanatismus nüchtern geworden ist; und der den Gegner fürchtet; ja 
wohl gar hochachtet; oder genauer gesagt, der den Gegner noch fUrchten 
würde ; wenn derselbe noch lebte. Und in der That hat denn auch 
das ganze zweite Ereuzlied; meines ErachtenS; einen vom ersten 
grundverschiedenen Charakter. Nur das frühere Lied ist ein Lied voll 
hoher Gottesminne; in dem späteren redet Hartmann nicht mehr von 
himmlischer; sondern von irdischer Liebe. Er hat vor dem Kreuzzug 
einer von ihm verehrten Dame sein Wort gegeben; daß er sich dem 
Zuge anschliessen werde: 

mich vienc diu minne und lie mich vam fif mine Sicherheit; 

beim Beginn des Ereuzzuges erinnert sie den Dichter an sein Ver- 
sprechen : 

nü hat si (diu minne) mir enboten bt ir liebe daz ich var; 

was der Haß gegen Saladin, den Wiedereroberer von Jerusalem; früher 
bewirkte; aber nun nicht mehr zu Stande brachte (die 'n brachten 
mich etc.)^ das Iiat jetzt die Liebe bereits erwirkt: Hartmann ist durch 
seinen Eid verpflichtet, am Zuge Theil zu nehmen: 

ez ist unwendeC; ich muoz endelichen dar: 

wie küme ich briche mtne triuwe und mtnen eit! 

ADALBERT BAIER 



BA IRISCHE BESEGNUNGEN. 

Aus einer Papierhandschrift 15. Jhd. Pflanzenbuch; ehemals Hasslers 

Bibl. in Ulm. 



1. Wer verstellen welle daz plut aus der nasen: laß 
das plut rinnen in ein ayrschall vnd wirffs in ein prinnuntz fewr vnd 
prenn das so verstet es auch oder nymb das pluett vnd schreyb da- 
mit an das hiem das wort consumatum est. S. 126 ff. 

2. Gegen Zahnweh: wil du aber des zand wee schier 
puessen so schreib an das wang, do dir we ist: des vaters und suns 
vnd des heyligen geisieS; so wirt dir pass. S. 73. 

Für den zand wee: last ein mess sprechen in der heyligen 
kinthaitt eren vnd unsers Herrn Jesu Kristi des nagsten mitichen dar- 
nach, 80 man euchs gelernt hat vnd vast auch deu&elb^u TiiVC\äci^\i \s£^. 



74 A. BIRLINOER 

wasser und prott und stet selbs bey der messe vnd opffert ain opffer 
in den eren der heyligeu drivaltikaitt vnd stcckcht zu der mess auf 
drew Hecht in den ern der heyligen dreyen kttnig vnd last in der mess 
ain collecten sprechen in der eren der heben Junkfrawen sand Appol- 
lonia. S. 95. 

3. Wenn das weyb zw notten mit ainem chindt get: so 
leg diesen brieflF auflF ihren leyb: de viro vir virgo de virgine vivat 
leo de tribu Juda, Maria (hs. Martha) virgo pepcrit Xristum. Elizabeth 
sterilis peperit Johannem Waptistara. Adjuro te infans per patrem et 
filium et spiritum sauctum, sive sis masculus sive femina ut exeas de 
ventre isto exmamte exmamte (?) also dann das chind geboren worden, 
so sol man den brieff schier abnemen. S. 264. 

4. Gegen die vallundt sucht: so sol man nemen die schbalben 
auf dem nest, ee das sy auf das erdrich komen vnd prech in dye 
haupp herab vnd vach das pluett in ein messein pekch vnd nem weiss 
weyroch vnd stoss das vnd geuss das pluett darauffvnd mach chugel 
davon vnd gib sy dem menschen in nomine Patris, et Filii et Spirituü 
Sancti vnd schreyb zu derselbm sucht die vcrs vnd auch die namen 
der heyligen dreyen künig Caspar ^ Balthasar, Melichior an: hec si 
quis secum portaverit nomina regnum , solvitur a morbo domini 
pietate caduca. Die vers sol man schreybni an ein briefel und sol 
ains an den hals haben, ee das dy Suun auffgee der den siechtumb 
hat. S. 118. 

5. Item ein bebärte erzney für potigra. Lass dir das al- 
muesen einen bitten durch unsers herren marter vnd seines heyligen 
plut willen vnd sol nicht nemen noch sagen wem das sey vnd auch 
nur gelt vnd nichtz anders nemen noch bitten vnzt du hast auf 
XXXII d. beraitt gelt vnd nicht mer. lass dir aus den XVI d. machen 
ein ringerl, das trag albeg statt bey dir vnd gib die XVI d. dem 
goldschmid zu Ion und sprich täglich die weil du lebst : V pater noster 
vnd V ave Maria unsers herren marter vnd dem heiligen pluet vnd 
ist bewärt. S. 123 ff. 

6. Von der purd. Das sol man schreybm auf pergamen vnd 
leg es der frauen auf die prust so genist sy schir vnd bekumbt der 
gepurdt senftiklich: de viro vir virgo de virgine Maria, virgo peperit 
Kristum; Elizabeth sterilis peperit Johannem Waptistam, vicit Leo de 
Tribu Juda; adjuro te infans per patrem et filium et spiritum sanctum 
sive sis masculus, sive femella, ut excns de vuIva ista exmamte (?) exi> 
nanice fiat^ fiat! S. 129 iF. 



BAIRISCHE BESEGNUNGEN. 75 

7. Zue dem schlaff von Verbena. Welcher mensch verbenam 
pey im hat vnd beruert ein andern menschen damit der mus im hold 
sein — der bedorff zaubrey(en) nit fürchten vnd der verr woll reytten 
oder geen, der pindt verbenam dem ross an den hals, so wirt es nicht 
müen, wenn auch der alp treugt vaucht man es mit verbenam, im 
gewirrt nicht — man will auch das verbena als vil tugent hab, als 
vil sambs vnd pleter sy hab. S. 137. 

8. Für den herze wurm den ain yeder mensch hat und ma- 
nigs kachling daran stirbt, so news drey zehen von alnem knob- 
Icich an dem heiligen Ostertag des morgens nüchter , doch nach dem 
Gotzdienst ee dw anders ichz ist, so stirbt der wurm zu hantt. S. 140. 

9. Wen ain windiger hundt peisst oder ain wolff, der sol 
an dyselbig stat nydersitzen do er gepissen ist oder wirtt vnd sol 
peichtig wem vnd sol Gotsleichnam emphachen, so gewirrt im vor 
dem tod nicht. S. 128. 

10. Das erst gesiebt. Ir solt nemen das hiernn von ainem 
Bwarzen hundt vnd auch seins hars vnd mischt es woll zusamen, damit 
salbt ain tisch vnd wer dorumb sitzt bey dem liecht, so meint jedes, 
80 es den andern ansiecht es hab ain eselhaupt, vnd wellet ir das 
wenden so chert dem tisch das vnder über sich oder wascht in. 

Das ander gesiebt (unwichtig). 

Das dritt gesiebt. Kcmbt ains huntz haupt vnd aines hasen 
haupt (prennen, pulver newes wags, cherzeu anzünden bei der nacht) 
so maint yederuiann es lauffen hunt und hasen in der stuben u. s. w. 

11. Item in allen frischen wunden also: ir solt ncmen die 
pain von dem osterlamp vnd solt sy zu pulver prennen in einem 
newen haffen und darnach klein stossen in einem morser vnd seyber- 
lich durch ein sib gefad vnd also sawber behalten piss man sein be- 
dnrffe; es ist auch gut das pain von einem jeden lamp doch das ge- 
segent ist das peste. S. 159. 

12. Zu den prüchen: ncmbt gesegents speckch, der zu den 
Ostern geweicht worden ist vnd altes schmer, das von einem 
farch sey u. s. w. S. 163. 

13. Von der Verbena. Von demselbm kraut schreybt uns 
Marco der hoch arzt: sie hab grosse krafft an ir; wer sy nymbt mit 
wurezen mittall vnd behalt sey in der handt vnd gce zu siechen^ das 
der siech der wurezen nit inne werde vnd sprech zu im: wie verstest 
du dich zu dem leben oder wie gehabst du dich? Spricht er: ich ge- 
hab mich wol — er genist. Spricht er: ich gehab mich übel, — so 
stirbt er des geligers. Spricht er aber: ich mag m\d[v '?^cJÄ. ^^iiv^^\^ 



76 W. L008E, SCHWABENSTREICH. 

oder paß: ich gehabet mich gern wol mocht ich nuer, so genist er. 
Er mnes aber vU leyden in demselbigen geliger. D. Mythol. 2, 1011. 
3, 355. 

14. Wermut Item wer mit dem safft pücher schreibt vnd das 
sewty die essen dye meiss nicht; man tut sy auch gern in dye laug 
für die milben. S. 110. A. BmLINGER. 



SCHWABENSTREICH. 

Zu Oermania 13, 76. 



Ein swabe hett ein frosch gefangen, den fraget ein ander swabe : 
Losa*), wanna**) gastha?***) Ich gang aus dem haga. Was hasch 
gefangen? Ein fegele. Wie sind im die ougcn als root? Da hatz vil ge- 
wonet Wie sind \m die fieß als broaytt? Da hatz nye kein schuch 
angeloaytt Wie ist es am beuch als gell? Do istz ein eytel schmor, 
Wirffs ouff, laß fliegen! Got noain, ich wils unter eim krut versieda. 

Aus dem Hausbuch des Kaufmanns Hans Braun v. J. 1472. Nürn- 
berger Stadtbibliothek. Schwarz 611 (22). — Vgl. Alemannia H, 254 ff. und 
Birlinger-Crecelius Ausgabe von des Knaben Wunderhom 2, 410 ff. 

DÖBELN. W. LOOSE. 



ZUM COTTONIANUS DES HELIAND. 



Herr E. M. Thompson hat mit bekannter Liebenswürdigkeit die 
Abweichungen der Lesangen Bartsch's (Germ. XXIII, 403 ff.) von 
meinem Texte des Cottonianus auf meine Bitte noch einmal nachge- 
prüft Hiernach bestätigen sich die Angaben von Bartsch zu V. 301. 
313. 505. 513. 795. 804. 823. 2240. 2511. 3211. 3830. 4065; die Rich- 
tigkeit der Angaben zu 72. 603. 679. 2695. 4388 ergibt sich bereits 
durch meine erste Collation. Zu V. 1396 höh'"* holmclibu bemerkt 
Thompson ^It looks more like cen (d. h. in der Art wie man heutzutage 
etwa in Dänemark die cn zu schreiben pflegt, indem man den letzten 



*) losä, imperat. v. losen, horchen. 
*^) woher, ahd. hwanftn, hwanana, mhd. wannen. 
***) So bei Hans Sachs: „Der fragt mich, wann ich ^icng. Ich sagt: von Nürn- 
berg her". Schmeller II ^ 916. 



E. SIEVERS, ZUM COTTONIANUS DES HELIAND. 77 

absteigenden Zug des a mitten durch a-Schleife zieht), but is yery 
badlj written. It was first written over the holm, then smudged with 
the finger and written over the höh, Not the same band as text; so 
badij written, that I should not like to name a date, but it is a good 
deal later than text'. Ich glaube mich zu erinnern, daß mir das über- 
gesetzte Wort den Eindruck eines ganz modernen Zusatzes, etwa aus 
dem XVIL oder XVIII. Jahrhundert machte und ich habe deshalb 
wohl keine Bemerkung in meine Collation eingetragen. Die von Thomp- 
son angegebene Form des ersten Buchstabens bestätigt diese Auffassung. 
Übersehen kann ich das Wort nicht haben, da in meiner Collation das 
von Heyne per conjecturam ergänzte [an] ausdrücklich getilgt ist. — 
Zu V. 1808 wo Bartsch /flw^^BTO las, während ich anmerkte, daß fastaro 
mit Correctur des letzten a aus o stehe, bemerkt Thompson: 'I think 
he first wrote an o and then altered it to the ugly thing you see below 
(folgt Abbildung, die ganz zu derjenigen stimmt die in meiner Collation 
eingetragen ist). I suspect he means it for a/ — Zu V. 1566 läßt ß. 
mit Bl. 45* eine neue Hand beginnen, während Th. sie für dieselbe hält 
wie die frühere : *A new quire begins and the writing is rather larger, 
but the same band no doubt*. Übereinstimmend mit mir liest femer 
Thompson V. 162 ala \ luvgan ('a long i*), und 2534 8ted\ nach seiner 
Facsimilezeichnung erklärt sich Bartsch's Lesung stced leicht, indem 
t und e 80 zusammengeschrieben sind daß eine «-ähnliche Form ent- 
steht. V. 879 hat die Hs. wirklich ginahid, 2242 Sdd mit Accent, 1699 
steht gihulicon (gehuHcon Bartsch, gihuilicon Sievers). Endlich sind 5044 
die Worte handcrafti thie viann fan is nicht in der Hs. wiederholt; 
Schmeller selbst hat seine Angabe bereits II, VI col. 3 zu 154, 1 zum 
Theil widerrufen. Der Fehler erklärt sich, wie mir Thompson bemerkt, 
aus der Stellung der Wörter in der Hs. 

endi fan is handcrafti Thie mann 
fan is megine That etc. 

An einigen Stellen berichtigt Bartsch Versehen meines Textes, 
die von mir selbst bereits corrigiert waren; so hdbda 1028 S. 541, 
Z. 5; 36* V. 1236, S. 542 unter 'Druckfehler*, wohin die Berichtigung 
gehörte; die Blattbezeichnung 76* in V. 2713 steht in der Collation 
S. 541, Z. 10 V. u., und die Varianten zu 5644 sagen ganz dasselbe 
aus wie Bartsch*s Anmerkung. 

Auch in den kritischen Bemerkungen wendet sich Bartsch einige 
Male ohne Grund gegen mich, da wir beide übereinstimmen. Bei V.1600 
deutet ja das Kreuz in M nach meiner Angabe S. 542 ausdrücklich 
an, daß ich die Ursprünglichkeit von Pater noster bezweifle. 1750 ist 



78 LITTERATUR: H. OSTHOFF, DAS VERBUH ete. 

That in C nach Bartsch unzweifelhaft das richtige; ebenso sagt meine 
Anmerkung zu dem Verse S. 517 'ihat C ist vorzuziehen, s. Behagbel, 
Germ. XXI, 145 f.'. Ebenso deckt sich die Bemerkung Bartsch's zu 
V. 2612 inhaltlich mit meiner Anmerkung auf S. 521, wo auch der 
Punkt in der Hs. erwähnt ist 

Zum Schlüsse erwähne ich noch, daß alle Bemerkungen Bartsch'» 
tlber Zeilenschlüsse und Schreibungen der Hs., die sich nicht auf wirk- 
liche Differenzen von mindestens einem Buchstaben beziehen, mit meinen 
eigenen Notaten sich decken, so daß wir also nun hoffen dtLrfen eine 
ziemlich definitiv gesicherte Lesung der Handschrift zu besitzen. 

JENA, 7. December 1878. E. SIEVERS. 



LITTERATUR. 



H« Oithoff. Das Verbam in der Nominal-Composition im deatschcD, griechischen, 
slavischen und romanischen. Jena, 1878. XVI. 372. 

Im vorliegenden Werke stellt der Verfasser sich die Aufgabe, die Zusam- 
mensetzungen der im Titel genannten indogerm. Sprachen, in deren ersten Theilen 
man bisher meist Verba zu sehen gewohnt war, aufs neue zu untersuchen. £• 
sind das solche Coropositionen, wie Bethaus, tpsgi-xagnogy vruto-glaTii, porte- 
feuillc, in deren vorderen Gliedern fiir unser Sprachgefühl etwas Verbales 
steckt, sei es nun als unbestimmter Begriff des Zeitwortes , sei es als partiei- 
piales nomen agens, sei es endlich ab Imperativ gedacht, wie verschiedene 
Forscher annahmen. Durch seine Untersuchung, der ein reichhaltiges Material 
der einschlagenden Bildungen zu Grunde liegt, und die dieses in historischer 
und vergleichender Methode durchforscht, kommt der Vf. zu dem Ergebnits, 
daß in allen genannten Sprachen von ursprünglicher Zusammensetzung mit ver- 
balen Vordergliedem keine Rede sein kann, und daß, wenn im historischen 
Verlauf die Sprache wirklich Verbalstämme zur Bildung von Zusammensetzungen 
verwendet, dies als eine Verirrung vom eigentlichen Wege zu betrachten, zu- 
gleich aber als ein bequemes Mittel zur Scha£[ung neuer einheitlicher Aus- 
drucke für zwei Begriffe den Sprachen von großem Gewinn ist 

Wie weit es dem Vf. gelungen ist, den Leser von der Wahrscheinlich- 
keit seiner Ansicht auch in Betreff der anderen Sprachen zu überzeugen, hat 
infofern fiir die Besprechung seines Werkes in dieser Zeitschrift keine Beden* 
tung, als — mit einer spater zu erwähnenden Ausnahme — die behandelten Com- 
Positionen nicht in proethnische Zeit hinaufragen, der Beweis also für die Rich- 
tigkeit seiner Ansicht in Hinsicht der Composition einer Sprache durchaus 
nichts beweisendes für die Annahme einer gleichartigen Entstehung der ent- 
sprechenden Zusammensetzungen in einer anderen Sprache hat. So können wir 
hier den ersten Abschnitt des Werkes einer gesonderten Betrachtung unter- 



LITTERATÜR: H, 09TH0FP, DAS VERBÜM etc. 79 

ziehen, der die deutschen Nominalcomposita mit verbalem ersten Qliede von 
Seite 10—136 bebandelt. 

Nach einigen Vorbemerkungen fii^irt uns der Vf. historisch durch die 
einzelnen deutschen Dialekte durch und behandelt dann in zwei gesonderten 
Abschnitten das Vorkommen von Verben in Compositionen mit den ursprüng- 
lichen Nominibus bar, haft u. s. w. und die sogenannten Imperativnamen. In 
den ersteren Abschnitten bandelt es sich um Bildungen wie Bet- haus, Schreib- 
feder, also — um mich der Terminologie L. Schröders zu bedienen — um 
Komposita immutata, während, wie wir sehen werden, die zuletzt besprochenen 
Imperativnamen zu den mutatis zu rechnen sind. In Betreff der ersteren nun 
hat 0. zur Evidenz nachgewiesen, daß diese Art der Bildung relativ sehr jung 
ist, gotisch noch gar nicht vorkommt und erst nach und nach den Umfang er- 
reicht hat; den sie heute einnimmt. Im Gotischen sind es zwei Wörter, die 
in den Verdacht kommen konnten, ein verbales Element in ihren ersten Glie- 
dern zu enthalten , nämlich thiuthi-qissa- und vinthi-skaurön-, in denen man 
die Verba thiuthjan und *vinthjan vermuthen könnte, aber ebensoviel Anspruch 
darauf, erster Bestandtheil dieser Wörter zu sein, haben vorauszusetzende Sub- 
stantive *thiuthi- oder *thiuthja- und *vinthi- oder *vinthja- nach der Analo- 
gie von mati-balgi- und naudi-bandjä-, die wir mit 0. lieber mit mati- und 
uaudi- uns zusammengesetzt denken, als mit dem Stamme von matjan und nauth- 
jan. Wären wir aber gezwungen, in vinthi- und thiuthi- die Stämme der Verba 
vinthjan und thiuthjan anzunehmen, so hätten wir in ihnen schon den jbesten 
Beweis, der freilich aus dem ahd. Material mit mehr Sicherheit zu führen ist, 
wie die Sprache dazu kam, verbale Stämme als Vorderglieder von Zusammen- 
setzungen zu gebrauchen. Die formale Gleichheit solcher Stämme, wie einer- 
seits der Substantive mats, nautlis, andererseits der Verba matjan, nauthjan, 
verführte das Sprachgefühl, „Neubildungen zu wagen, bei denen unmittelbar' 
ein verbaler Stamm als erstes Glied einer Nominalcomposition verwendet ward". 
Das wird aus den anderen Dialekten klar, die ein größeres Material zur Be- 
urtheilung bieten. Nach des Vf.s Ausführung verbieten uns die noch voll er- 
haltenen Ableitungsvocale ö und e der schw. Verba auf ön und Sn, in ahd. 
Wörtern wie beta-hüs, spila-hüs oder wie fasta-tac, klebe-tuoch die ersten Glie- 
der von den Verben beton, spildn^ fasten und kleben zu sehen, statt deßen 
bieten sich ganz ungezwungen Substantive, wie beta, spil, festa, kleb zur Er- 
klärung, die lautlich und begrifflich nichts zu wünschen übrig läßt. Nur die 
Frage kann ich hier nicht unterdrücken, warum die Verba auf ön oder en in 
der Composition durchaus die langen Vocale ö und e hätten zeigen muß en? 
Die Ableitungen got. vratodu , ahd. dionost, got. libaini- beweisen nichts da- 
gegen, daß in der Zusammensetzung, die doch ihre eigenen Gesetze hat, jene 
langen Vocale verkürzt werden konnten ; z. B. got. qinön- wird in der Com- 
position zu qina-. Trotz der zu schw. Verben auf jan gehörigen altgermani- 
schen Abstractbildungen auf ini- (Osth. S. 31), die durch die Vergleiche mit 
lat. und gr. verwandten Ableitungen an Bedeutsamkeit gewinnen, zeigt das Ver- 
balthema dieser Verba, sobald es im ersten Theile von Zusammensetzungen 
steht, kurzen Vocal, warum sollte also auch den Verben auf du und §n eine 
Verkürzung nicht erlaubt gewesen sein? Wir müßen uns begnügen mit dem 
Eingeständniss, nicht zu wißen, wie etwa von der Sprache die Verbalstämme 



80 LITTERATUR: H. OSTHOFF, DAS VERBUM etc. 

von Verben auf 6n und Sn behandelt w&ren, wenn sie schon das Bedfirfiu« 
gefühlt hätte, sie xor Bildung Ton Compositen xü verwenden. 

Der Umstand y daß jene Compositionen sich ohne Zwang als in ihrem 
ersten Gliede aus Substantiven bestehend auffaßen laßen ; verbanden mit der 
Thatsache, daß das Gotische, die oben erwähnten xweifelhaften Fälle abge- 
rechnet, die Zusammensetsug mit verbalen Stämmen nicht kennt, genügt schon, 
Wörter wie beta-hüs außer allem Zusammenhang mit dem Verbalstamm von 
beton zu laßen. 

O. führt dann die ahd. Zusammensetsungen auf, die wie die got. mati- 
balgi- , nauthi - bandjft- eine zweifache Möglichkeit der Erklärung gewähren, 
indem ihr erster Theil der Bedeutung nach entweder das Thema eines 
Substantives der i-, ja-, ja- (od. i-) decl. oder eines Verbums auf jan seiii 
kann. Daran schließen sich, im Verhältniss zu dem vorhergehenden in geringerer 
Zahl vorhanden, die Wörter, die nur die Zusammensetzung mit dem Verb er- 
lauben, da zugehörige Substantiva fehlen, und im Gegensatz dazu diqfenigen, 
die nur eine Erklärung durch Annahme eines Substantivs als ersten Gliedes 
finden. Offenbar sind diese die ursprunglichen Bildungen, jene mit verbalem 
Vordertheil die nachgebildeten. Von S. 66 an folgt dann die Betrachtung der 
Wörter, in deren erstem Theile unser Sprachgefühl st. Verbabtämme sehen 
möchte [wie scelt-wort]; die genauere Prüfung ergibt dann aber, daß in den 
allermeisten Fällen das erste Glied seine Erklärung auch durch einen Sab- 
stantivstamm finden kann, und diese Erklärung ist vom historischen Standpunkte 
aus die einzige richtige. — Sind der ahd. Zusammensetzungen nur erst wenige, 
deren Erklärung mit Nothwendigkeit einen Verbalstamm als ihren ersten Be« 
standtheil erheischte, so nimmt im mhd. (S. 86) und nhd. (S. 9i) die Zahl 
solcher Composita überhand, da der Wegfall des zwischen den Vocalen des 
Stammauslauts der Anfangsglieder früher herrschenden Unterschiedes die Mög- 
lichkeit gewährte, jetzt lautlich mit Nominalstämmen übereinstimmende Verbal- 
stämme zur Nachbildung der schon vorliegenden Compositionen heransoziehen. 
So sehr überhand nehmen die mit verbalem ersten Tb eil zusammengesetzten 
Wörter im nhd., daß trotz der Möglichkeit, das erste Glied substantivisch anf- 
zu&ßen , unser Sprachgefühl vorwiegend den Thätigkeitsbegriff in ihnen sa 
sehen meint; unterstützt wird dies Gefühl durch das Absterben und Veralten 
mancher Substantive, oder durch ihr Ausweichen in andere Declinationsweisen, 
wodurch ihre Form von der in der Composition erscheinenden sich entfernte* 

In gleicher Weise geht 0. der Reihe nach das as. ags. und an. durch, 
um zu zeigen, wie auch in diesen Dialekten erst durch das völlige lautliche 
Zusammenfallen von Nominal- und Verbalstämmen den letzteren der Weg ge- 
bahnt wurde, zunächst sich als erste Glieder von Compositionen im Sprachge- 
fühle festzusetzen, dann weiterschreitend selbständig solche Zusammensetzungen 
zu bilden. 

Der sich daran schließende Abschnitt (S- 112) zeigt uns, wie in ähn- 
licher Weise an die Stelle von Substantiven Verbalstämme treten konnten, 
nachdem die ursprünglich selbständig als zweite Glieder in Nominalzusammen- 
setzungen auftretenden Nomina -bar, -haft, -lieh, -los, -sam zu suffixartigen 
Silben sich abgeschwächt hatten. Der lautliche Zusanmienfall vom Nomen dank 
mit dem Verbalstamm dank ermöglichte neben und nach der Analogie einer 
Bildung wie dank-baere eine Composition hel-baere, in der nun wegen des 



UTTERATÜR: H. OSTHOFF, DAS VEBBUH etc. 81 

rerbalen ersten Theils das urspr. nominale baere zn der Bolle eines primären 
Wortbildongselementes herabsank. Gleicher Weise verläuft die Entwickelung 
der anderen genannten, für unser Sprachgefühl nar noch als primäre Bildungs- 
silben existierenden, ursprünglich als zweite Compositionsglieder verwendeten No- 
mina. An dem lat. Suffix do- wie in lücido-, das aus der Wurzel dd seinen 
Ursprung haben soll, versucht 0. im Anschluß an das Vorhergehende eine 
ähnliche Entwickelung au zeigen; da sei erst an Nominalstämme, wie in morbi- 
do- an morbo-, in frigi-do- an frigor-, in candi-do- an candör- getreten^ und da 
neben diesen meistentheils Yerba auf dre lagen, aus denen das Sprachgefühl, 
für welches die Herkunft des da schon dunkel geworden wäre^ jene Bildungen 
auf do- auch vermittels eines primären Suffixes hätte herleiten können, so sei 
endlich wirklich das vollwichtige da zur einfachen Bedeutung eines primären 
Bildungsmittels herabgesunken^ mit dem z. B. vali-do- aus dem Verbum valdre 
direct abgeleitet sei. 

Der letzte den deutschen Zusammensetzungen gewidmete Abschnitt be- 
schäftigt sich mit den sog. Imperativnamen, beßer Satznamen genannt, da diese 
Namen mit dem Imperativ ursprünglich gar nichts zu thun haben. Es sind 
zum Theil Appellativa wie Wendehals, Wagehals, theils Eigennamen wie Schlichte- 
groU, Suchenwirt. Osthoff bringt diese Kategorie von Zusammensetzungen in 
engste Verbindung mit den zuvor behandelten wie Bethaus. Er sieht in Bil- 
dungen wie Wendehals nicht ursprüngliche Bahu-vrihis^ sondern Karmadhärayas, 
aus denen erst durch metaphorische Anwendung possessive Compositionen ent- 
standen. Wendehals ist ihm ursprünglich ein 'Hals zum Wenden' wie an. hengi- 
kjöptr ein Hängekiefer. Aus ihnen entstanden dann die Bezeichnungen für 
Personen: Wendehals = jemand, der einen Hals zum Wenden hat, also Bahu- 
vrlhizusammensetzung. Die Sprache ging dann noch weiter, indem sie den ersten 
Theil solcher Zusammensetzungen Imperativisch auffaßte und nun ganz den 
griechischen Bildungen wie ^BQixuQjcog ; 'OQ6tko%oq entsprechende Namen 
schuf: Suchenwirt, Fürchtegott , die sich als umgekehrte Tatpurushas zeigen, 
indem das zweite Glied sich immer als Object zum ersten verhält. Zuletzt 
traten an die Stelle dieser Objecto auch adverbiale Bestimmungen wie in Kehr- 
wieder, Springinsfeld, und Zusammensetzungen ganz jungen Ursprungs wie Ver- 
gißmeinnicht haben dann dieser ganzen Klaße den Namen Imperativnamen zu- 
gezogen. 

Hierbei mochte ich aber doch verschiedenes bemerken, das Osthoffs Er- 
klärung als weniger gesichert erscheinen laßen dürfte. Entschieden geht 0. zu 
wdt^ wenn er alle Bahuvrihis (auch die anderer Sprachen) auf Metaphern be- 
ruhen läßt. Er entkleidet sie dadurch ganz und gar ihres adjectivischen Charak- 
ters, den sie doch im altiodischen, griech. u. s. w. überall aufs deutlichste zur 
Schau tragen. Während man sonst die Bahuvrihis als die ältesten und eigen- 
thümlichsten indogerm. Compositionen betrachtet, läßt 0. sie aus substantivi- 
schen Karmadhärayas entstehen, indem sie nach seiner Meinung appositiooell, 
nicht attributiv, zu anderen Substantiven traten. Er übersetzt demnach das gr. 
%QV66^QOVog"HQfi mit: der Goldthron, Hera; TgandÖBg ßadiixoknoi die 
tiefen Busen, die Troerinnen. Dann müßte auch ^Ad^vr^ TtoXvßovkog heißen: 
Athene, die vielen Räthe; während hier doch gar nicht zu verkennen ist, daß 
aus ßovJii^ in Verbindung mit noXv-, trotz des daucbenstehenden AdTiVri und 
troti des weiblichen Geschlechtes von /SovAi], die Fcmmvu^xidaii^^ N^\«OKai^^\A-k 

emCANU. Nm# Ssihe. IIJ. (JJIV. J^hrg.) ^ 



82 LTTTERATÜB: H. OSTHOFF, DAS VERBUH ete. 

ein Adjectiv auf og geworden ist. Für die Formen nokvßovXoSf JiBVXcilBVOg 
mit männlichen Endungen reicht znr Erklärung die Berufung auf die Analogie 
Ton ßa^xoXxog schwerlich aus. Auch die ältesten deutschen Bahurrihis 
sind deutliche Adjectiye: hauh-hairts, arma-hairts, denen man sonst ja lieber 
die schwache Grundform des Substantivs hätte laßen können: hauh-hairto; 
und wie will 0. das Adjectiv tvalib-vintrus, zwölQährig, übersetzen? Tarth tra- 
libylntrus (Luc. 2, 42)^ er wurde ein Zwölfwinter? Nein, die Bahuyrfhis bleiben 
adjectivische Zusammensetzungen, wie sie es von Anfang an waren ; und laßen 
einige wie hengi-kjöptr oder Wendehals eine Umdeutung aus einer Kanna- 
dh&raya- in eine Bahuvrihizusammensetzung durch Metapher möglich erscheinen , 
so doch nicht die von 0. selbst erwähnten Fürchtegott u. s. w. (S. 134 oben), 
^auf welche die bahuvrihische Auffaßung nun nicht mehr verwendbar ist^. Da- 
mit erklärt sie 0. durchweg für Nachbildungen. Wenn auch diese Art der Zusam- 
mensetzung, in der das erste Glied als nomen agens, das zweite als daTon ab- 
hängiges Object erscheint , in der Literatur nicht sehr früh anzatreffeo 
ist — diese Namen gehörten wohl immer dem niederen Volksleben an — so 
scheinen sie doch altgermanisches Sprachgut zu sein ; oder sollte Shakespeare 
und andere englische Namen der Art auf französische wie Taillefer zuruekza- 
fuhren sein? An Bedeutung gewinnen sie noch durch die griechischen paral- 
lelen Bildungen wie tpsgi-xagnog oder OQ6i'ko%og. Spuren dieser „umge- 
kehrten Tatpurushas** finden sich ja auch im altindischen; es scheint mir dar- 
um räthlicher, sie von den übrigen von 0. behandelten „immutatis^ (nach 
Schroeders Terminologie) zu trennen und in ihrem ersten Theile nomina agen- 
tis zu suchen. Wie lange die Sprache sich, trotz solcher abgeirrter Bildungen 
wie Vergissmeinnicht, noch sträubte, im ersten Theile Imperative zu sehen, zeigt 
das von 0. (S. 136) erwähnte friätte-g6m. 

Über einzelne Punkte ließe sich noch streiten, so z. B. über die Her- 
leitung von liche-steini Polierstein, und lichdn aus *lichi = an. l^ki, species, 
forma, figura (S. 21); vielleicht gehört dies Yerbum zu lat. Idvi-, vgL ahd. 
zeihhur, ags. täcor zu lat. Idviro* ; bei got. hulistra- (S. 30) ist doch das ohne 
Umlaut gebildete ags. heolstor, nhd. holster, zu berücksichtigen, wodurch das 
got. i an Bedeutung verliert. Das S. 35 erwähnte adj. spuri-halz kann, da es 
von Pferden gebraucht wird, nicht gut |,zum spüren lahm'' heißen; spur muß 
etwa Tritt bedeutet haben, vgl. got. spaurdi-, von einer deutschen Wurzel *spar, 
treten. Auf S. 54 ff. wird in einer Anmerkung das lateinische pecu mit seinen 
Nebenstämmen besprochen. Aus einem masc. *pecus hat sich nach O.'s Mei- 
nung mit Rücksicht auf das Geschlecht von ovis ein fem. pecüs entwickelt, 
und um sich einer femininen Declination auf -us anzuschließen, entschied es 
sich für die Analogie von laus, frans mit dem genitiven laudis, frandis, statt 
wie man erwarten könnte für die von palus oder virtus, wegen — der Quan- 
titätsverschiedenheit. Ist denn die Verschiedenheit der Quantität zwischen pecua 
und fraus geringer, als zwischen pecus und palus? oder erkannte das schlaue 
pecus in dem Diphthong au ab zweiten Theii ein li ? Aber warum blieb pecus 
nicht in der u- Declination, wo es doch auch Feminina wie manus gab? Hier 
scheint mir denn doch das Streben, vorderhand unerklärbare Formen durch 
Anlehnung oder Association zu erklären, zu weit getrieben. Begnügen wir uns 
doch mit dem Nebeneiuanderliegen zweier Stämme pecu- und pecud-, von denen 



LTTTERATUB: O. BEHAOHEL, DIE ZEITFOLGE D. ABHÄNGIGEN BEDE. 83 

letiterer eine größere Beachtung verdient; als ihn so ohne Zwang als Nenbil- 
dnng aafznfaßen. 

Zn S. 65. Ein altgermanisches salja- anzusetsen, erlauben trotz des lat. 
solio- und des von Fick III^ 320 angef&hrten an. gpl. selja die as. an. u. 
ahd. Formen, die auf ein sali- hinweisen, nicht. — Die schon vorhin erwähnte 
Ansicht über das Su£Pix do- in lücido- u. s. w. halte ich für nicht sehr ein- 
leuchtend; die angeführten Sanskritcomposita wie artha-da-, jala-da- u. s. w. 
enthalten in ihrer Bedeutung freigebig , wassergebend u. s. w. wirklieh einen 
Reflex des zweiten Gliedes; außerdem liebt das Sanskrit solche Zusammen- 
setzungen mit der reinen Wurzel wie jala-p! u. s. w., die das Latein gar nicht 
kennt Wo ist aber in lucidus, morbidus, solidns, eine Spur, daß in dem do- 
einst eine lebendige Wurzel gesteckt haben könnte? Da scheint mir die Be- 
rufung auf die durch häufigen Gebrauch abgegriffene Münze und auf das aus 
biri entstandene deutsche bar nicht auszureichen, um die lateinischen Wörter 
von ihren Verben loszureißen^ so ansprechend sonst die Parallele zwischen jenen 
deutschen zu Suffixen verblaßten bar, haß u. s. w. und einem lat. aus Wurzel 
da entstandenem Suffix do- wäre. 

Doch genug! Wie das eben gesagte zeigt, enthält die Arbeit Osthofis 
mancherlei neue und interessante^ aber nicht unmittelbar zu dem Gegenstande 
in Beziehung stehende Gedanken ; es wird dadurch die Ausführung des eigeni- 
liehen Themas noch mehr, als es schon durch die allzu behagliche Breite des 
Stils geschieht, zu ermüdender Länge ausgedehnt; gewiß nicht zum Vortheil 
des sonst sehr klar geschriebenen Werkes, das sich durch Correctheit des 
Druckes, sowie genaue Indices zu allen Theilen in angenehmer Weise aus- 
zeichnet 

DORPAT, 9. Min 1878. W. SCHLÜTER. 



Die Zeitfolge der abhängigen Rede im Deutschen von Dr. 0. Behaghel. 
Paderborn^ Druck und Verlag von F. Schöningh 1878. 

Der VerfEtfser spricht im Eingang von dem Erwachen der syntaktischen 
Studien, zu welchen er schon in seiner Schrift „Die Modi im Heiland* Pader- 
born 1876, einen tüchtigen Beitrag geliefert hat, und zeichnet in kurzen Zügen 
richtig die Methode, nach welcher die Vorarbeiten zu einer historischen deut- 
sehen Syntax anzulegen sind. Er selbst will in der vorliegenden Schrift ge- 
schichtlich die Art und Weise darstellen, wie der Conjunctiv des Präsens und 
Präteritum in der abhängigen Rede verwendet werden, wobei er den letzteren 
Begriff etwas weiter als im gewöhnlichen Sinne nimmt, so daß auch Object- 
sätscy die von Verba sentiendi abhangen, und Adverbialsätze in den Bereich 
der Darstellung hineingezogen werden. Diese Erweiterung des Begriffes ab- 
hängiger Rede ist vielleicht formell nicht ganz zu rechtfertigen, wohl aber 
materiell, da ein Gesetz der Zeitfolge, wenn es überhaupt existiert, an Unter- 
schieden von jener Art keine Gränze finden kann. Zunächst hält sich aber 
der Verf. an den gewöhnlichen engem Begriff, wenn er (p. 6 — 18) sprach- 
vergleichend die allmähliche Entstehung der oratio obliqua aus der directa 
durch das Mittelglied einer Redeweise zu erklären sucht, in welcher nur Vec- 
der Person, noch nicht des Modus stattfand, mdeni d«t ^^t^^vs^^^ 



84 LITTEBATUB: O. BBHAOHEL, DIE a^ITFOLGE D. ABHiNQIQEN REDE. 

die Aussage eines Andern nicht als solche, sondern nach seiner eigenen Auf- 
fassung berichtete. Diese ganze Untersnchong war far die Hauptfrage nicht 
gerade nothwendig, aber sie hat ihr eigenes Interesse and ist jedeofalb ge- 
eignet, in das Gebiet der indirecten Hede einzuführen. Daß die dgentliche 
oratio obliqua nicht in die Periode der europäischen Sprachgemeinschaft (wenn 
eine solche überhaupt anzunehmen wäre) und daß auch die Übergangsform 
nicht in die indogermanische Periode hinauf reiche, läßt sich naturlich nicht 
nachweisen, aber es ist auf Grundlage anderer Betrachtungen mit ziemlicher 
Sicherheit zu Termuthen. Übrigens bemerkt der Verf. (p. 18 unten) sehr rich- 
tig, daß sich nicht jede Gattung indirecter Rede unmittelbar auf die snbjcctiT 
berichtende Mittelform zurückfuhren lasse; das ist ebenso unmöglich als die 
Zuruckfuhrung aller Modusfunctionen in Nebensätzen auf die in Hauptsätzen 
noch vorkommenden: es muß hier dem fruchtbaren Princip erweiternder Analogie 
offener Spielraum gelassen werden (vgl. p. 21). 

Näher rücken wir der Hauptsache mit der Frage nach der Entstehung 
der Modusverschiebung, welche ja von der Tempusverschiebung nicht nur be- 
grifflich getrennt werden kann, sondern ihr auch geschichtlich vorausgegangen 
sein wird und vielleicht mit modaler Verwendung des Präteritum, auch im In- 
dicativ, wie sie im Griechischen und Franzosischen vorkommt, angefangen hat. 
Von dem Unterschied zwischen Conjunctiv und Optativ kann für die germa- 
nischen Sprachen aus bekannten Gründen abgesehen und es kann daher unbe- 
denklich für die ursprünglich Optativen Formen der Name Conjunctiv gebrancht 
werden, der ja eigentlich für Nebensätze berechnet ist, während eher beim 
eigentlichen Optativ die Frage erhoben werden kann, wie er in den Nebensatz, 
also auch in die orat. obl. gekommen sei. Er konnte dies offenbar nur ver- 
möge seiner ursprünglich allgemein potentialen Bedeutung, von wdcher auch 
die Optative nur eine Function ist, und der Unterschied von Frage und zweifel- 
hafter Behauptung kommt dabei allerdings nicht In Betracht. Wenn aber der 
Verf. (p. 21 oben) mit Erdmann (Sjnt. Otfrids I, 74) annimmt, frageiy hwal 
n heisse ursprünglich: er fragt; etwas ist doch wohl! so muß ich dies be- 
zweifeln, da die indefinite Bedeutung des Pronomens doch erst aus der wirklich 
fragenden geflossen sein wird: er fragt: was mag wohl sein? Hin wider muß 
ich Erdmann gegenüber dem Verf. Recht geben, wenn dieser (p. 21 Mitte) 
meint, beim Wahrnehmen und Erkennen verhalte sich das Subject nicht aetiv, 
sondern passiv; die neuere Psychologie lehrt wirklich eher das Gkgentheil; doch 
ist diese allgemein philosophische Frage hier ohne Belang. Auch der p. 81 
unten ausgesprochene Satz: , heutzutage gibt es in unserer Sprache kanm ein 
Verbum, nach dem wir nicht den Conjunctiv setzen könnten", wäre eher in 
das Gegentheil zu verwandeln, da der Conjunctiv in der neuem Sprache zu- 
sehends abnimmt und zwar nicht bloß im Nordischen und Niederländischen, 
wie der Verf. p. 53 bemerkt (vgl. Bock, über einige Fälle des Conjunctiviis 
im Mittelhochdeutschen, Straßburg 1878) und es in der That nur auf die 
jeweilige Auffassung ankommt; aber auch diese Frage schlägt hier nicht unmit- 
telbar ein, sondern die eigentliche Arbeit des Verf. beginnt erst p. 22 mit 
der Verschiebung der Zeiten. 

Hier stößt der Verf. auf die nicht zu umgehende Frage, ob es im Deut- 
schen jemals einen wirklichen Potcntialis des Präteritum gegeben habe. Dabei 
hätte er aber von der Vergleich ung mit dem griechischen Aorist ganz absehen 



UTTEBATÜB: O. BEHAGHEL, DIE ZEITFOLGE D. ABHÄNGIGEN REDE. 85 

oder jedenfalls von dort aus nicht „a priori*' auf das Deutsche schliessen 
sollen; denn das germanische Präteritum ist seiner Bildung nach bekanntlich 
nieht ein Aorist^ sondern ein Perfectom (was der Verf. spätet p. 37 £P. für 
eine andere Frage ganz richtig in Anschlag bringt), so daß nach Analogie des 
Griechischen, wo ein Optativ des Perfectum wirklich vorkommt, derselbe auch 
for das Deutsche wenigstens als möglich einzuräumen wäre; aber entscheiden 
kann ja freilich nur der Befund von Thatsachen« Hier nun muß dem Verf., 
gegenüber Erdmann, zugegeben werden, daß sichere Beispiele eines potentialen 
Optativ des Präteritum in Hauptsätzen bei Otfrid nicht nachzuweisen sind, be- 
sonders weil die Reimnoth diesen Dichter allzu oft beherrscht und darum über- 
haupt unfähig macht, in zweifelhaften Fällen als echte Quelle und Autorität 
altdeutschen Sprachgebrauches zu gelten. Was der Verf. hierüber schon in 
seiner früheren Schrift (Die Modi im Heiland p. 7) gesagt hat und in der 
vorliegenden p. 26 noch begründet, habe ich ebenfalls schön früher ab meine 
Ansicht ausgesprochen. Zum Beweis aber, daß ich dieses kritische Princip 
nicht übertreiben und gegen Otfrid möglichst gerecht sein möchte, will ich hier 
beifügen, daß von den p. 25 (unten) angeführten Stellen wenigstens zwei von 
der Art sind, daß der Conjunctiv des Präteritum nicht aus Reimnotii erklärt 
SU werden braucht. Otfr. 1, 11, 39 steht jene Form in einem Relativsatz von 
allgemeiner Bedeutung, wie das beigefügte (freilich oft bedeutungslose, und nur 
zu Füllung des Metrums dienende) io andeuten hilft, und von der Stelle 1, 6, 
13 gibt der Verf. selbst eine nothdürftige Erklärung. In der That findet sich 
der Conjunctiv in Relativsätzen, welche eine ganz aUgemeine oder eine ganz 
bestimmte Beschaffenheit als eine Art von Postulat aussprechen, auch im Mittel- 
hochdeutschen nicht selten (ähnlich im Neufranzösischen nach Superlativ, Ne* 
gation und seul). Vielleicht kann auch Otfr. 2, 6, 39 durch Vergleichung 
der vom Verf. p. 30 angeführten Stelle aus Isidor (47, 8) gestützt werden, 
wenn man erklären darf: was konnte er damit gewinnen? 

p. 27—28 werden die merkwürdigen Stellen aus dem Parzival angeführt, 
welche der Form nach Conjunctive des Prät. zu sein scheinen, während sie 
doch dem Sinne nach nur Indicative sein können (ausgenommen 166, 7, wenn 
man neuhochdeutschen Gebrauch annehmen dürfte: Solltet ihr etwa früh gewesen 
sein?). Der Verf. erklärt die fraglichen Formen aus Einfluß des Niederdeut- 
schen, wo Indicativ und Conjunctiv des Plural Prät. starker Verba fast durch« 
weg zusammenfielen. Aber da gerade die Conjugation, der die betreffenden 
Verba angehören, davon ausgenommen ist, so wird die Wahrscheinlichkeit jenes 
Hergangs verringert; und wie soll der niederdeutsche Einfluß auf Wolfram 
vermittelt werden? etwa durch dessen Aufenthalt in Thüringen? Vermischung 
zwischen Indicativ und Conjunctiv des Prät. war durch die Gestalt der zweiten 
Penon Sing, des Indicativ immer nahe gelegt ; daß sie aber bei den 
fraglichen Verben wirklich Platz grifft welche besonders häufig gebraucht wer- 
den, möchte ich daraus erklären, daß unter denselben tcete sich befindet, bei 
dem auch der Singular {iSte) sich nahe mit der des Conjunctiv berührte und 
zum Theil wirklich vermischte, sodann daraus, daß bei haben^ ebenfalls einem 
Verbum häufigsten Gebrauches, die beiden Modusforroen des Prät ebenfalls, 
und zwar hier mit Becht, zusammenfielen. Das ce von taste und hate konnte 
sich dann den übrigen Verben mittheilen; daß es bei jenen beiden sehr fest 
BAß), zogen die in der volksmässigen Poesie bis auf n^u^c« *L«v\. V^^v^^ 



86 LTTTERATUB: O. BEHA6HEL, DIE ZEITFOLGE D. ABHXNGIGEN REDE. 

fortdauernden Formen tkät and käU als indicative Prat. Wenn der Verf. tchließ- 
lieh (p. 30) erwähnt, daß hentzotage anch in andern Gegenden als Nieder* 
dentschland der Conjunctiv des PriLt Flur. fSr den IndieatiT gebraucht werde, 
80 mag hier beigefügt werden, daß nach Kehrein (Gramm, der nhd. Sprache 
n, 2y §. 108) umgekehrt einige süddeatsche Mundarten das Imperfectum des 
Indicativ nur als Conditionalis brauchen; indessen lassen die dortigen Citate 
aus Schmeller (Die Mundarten Baiems) Termuthen, daß es sich dabei nur um 
▼erkürxte Imperfecta des Conjunctiv handle, welche den Umlaut nicht angenommen 
hatten. Schließlich findet der Verf. allerdings im Gh>tischen und Althochdeut- 
schen einige Beispiele eines unzweifelhaften Potentialis des Präteritam und swar 
in Fragesätzen, wo er ihn auch am ehesten erwartete; aber er versagt sich 
diesen Gkwinn, weil solche Fragesätze nicht eigentliche, sondern nur rhetorische 
seien, weil in denselben nicht eine reale Möglichkeit, sondern vielmehr Irre- 
alis ausgesprochen werde. Aber hören sie darum auf, Fragesätze zu sein? 
Und was geht jener logische oder praktische Werthunterschied die innere Sprach- 
form an? Auch dss Prät Conj. in conditionalen Haupt- und Nebensätzen von 
vergangenen Fällen bleibt ein unbestreitbarer Potentialis des Präteritum. Davon 
muß freilich dieselbe Form als Aasdiuck der Irrealität für Gegenwart und 
Zukunft unterschieden werden. Diesen Gebrauch zu erklären lag nicht in der 
Aufgabe des Verf.; die Erklärung liegt aber in der von ihm ausgesprochenen 
Ansicht, daß der Conj. Prät überhaupt Irrealität, für alle drei Zeitsphären, aus- 
drücken konnte. Den Gebrauch desselben in abhängigen Sätzen nach einem 
Prät. Indic. im Hauptsatze erklärt der Verf. ans einer Zusammenwirkung und 
Ausgleichung zwischen dem Conj. Präs. und dem Indic. Prät., indem der erstere 
den Modus, der letztere das Tempus für die neue Construction ergab; dabei 
muß aber festgehalten werden, daß trotz jener temporalen Indifferenz, welche 
das Prät. Conj. ausdrücken konnte, das temporale Element in demselben nie 
ganz erloschen war; denn wie wäre sonst: tageta^ thai ufori müglich gewesen 
für den Fall, daß die Aussage nnbezweifelt und richtig war? 

Was nun den factischen Gebrauch betrifft, so ist die p. 37 aufgestellte 
Begel, daß auf ein Präteritum des Hauptsatzes dasselbe Tempus im Nebensatz 
folgte, für die alt- und mittelhochdeutsche Zeit nicht leicht zu bestreiten, ab- 
gesehen von den Ausnahmen, die der Verf. besonders für das Althoehdeatsehe 
beibringt; daß im Mittelhochdeutschen die frühere Freiheit gänzlich eiiosehen 
sei, wie p. 41 und 50 unten behauptet wird, möchte ich doch nicht so ganz 
bestimmt versichern, obwohl mir kein Beispiel von Präsens naeh Präteritum lu 
Gebote steht, wogegen Prät. nach Präs. Ruther 1673 und wohl noch öfter 
vorkonmit. Ich halte überhaupt dafür, daß eine Regel der conseeutio tem- 
porum, wie sie in der lateinischen Grammatik (freilich auch nicht ohne Aus- 
nahmen) gelehrt wird, für die deutsche Sprache nie bestanden, sondern daß 
diese von je her einer ähnlichen Freiheit der jedesmaligen Auffusnng und Dar- 
stellung sich erfreut habe wie die griechische, und zwar nicht bloß für den 
Hauptsatz, dessen Präteritum ab Perf. Präs. oder als Aorist aufgefaßt werden 
konnte (p. 41 unten), sondern anch für den abhängigen Satz, z. B. in HUlen 
wie Otfr. 5, 20, 23 (p. 38) und der p. 44 unten angefahrte (p. 43 sind die 
Zahlen 4 und 9 für das Verhältniss der Präsentia und Präterita verweehselt). 
In der Stelle Otfr. 1, 1, 115 läßt sich vielleicht Otfrid wieder gegen die An- 
nahme blossen Reimzwanges (p. 48) in Schutz nehmen, da tungi als Perf. Prie. 



LITTERATÜR: 0.BEHA6HEL, DDS ZEITFOLGE D. ABHÄNGIGEN BEDE. 87 

anige&Ot werden kann: daß Niemand in ihrer Sprache Gottea Lob gesangen 
habe. Anch 3, 6, 18 kann von Zwang nicht die Rede sein, da der Reim ja 
einsilbig sein durfte wie ▼• 22^ wo umgekehrt nach Prät das Präsens steht. 
In der SteHe Parz. 180, 9 kann das Präteritum damit gerechtfertigt werden, 
daß Sprichwörter eigentlich nicht erst nachträglich durch Thatsachen sich be- 
währen, sondern auf wirklich vorgekommenen Fällen beruhen, daher auch das 
Griechische dergleichen allgemeine Sätze im Aorist anführt. Otfr. 4, 20, 17 
ist wohl die Meinung, Jesus habe sich (tchon früher) Konig genannt und gebe 
sich nun (neuesteni) auch als Christ (Messias) aus. 2, 19, 2 ist das Präsens 
nicht aus Übergang in die directe Rede zu erklären (p. 51), sondern einfach 
daraus, daß einem solchen Gebote oder Verbote nach der Natur der Sache 
Gültigkeit für alle Zeit, resp. beständige Gegenwart zukommt. Wenn der Verf. 
schließlich Bedenken trägt, zwei Stellen aus Predigten des 13. Jahrhunderts, 
welche Präsens nach Präteritum zeigen, als Vorläufer des neueren Gebrauches 
za betrachten und lieber Verderbniss des Textes annehmen will, so muß ich 
mich zu der entgegengesetzten Ansicht bekennen und ich zweifle nicht, daß 
gerade die genauere Erforschung mittelhochdeutscher Prosa, wo die Sprache 
weniger stereotyp war als in der Poesie, noch mehr Beispiele liefern würde, welche 
die Contfnnität des SpTachgebrauches auch in diesem Punkte einigermassen her- 
zustellen TermSchten. Das HauptFerdienst der vorliegenden Arbeit, einen 
Wendepunkt nachgewiesen zu haben, der um die Mitte des 15. Jahrhunderts 
eintrat (p. 52 ß,), würde dadurch nicht wesentlich verkümmert werden. Der 
Nachweis jenes allmählichen Umschwunges ist mit aller Sorgfolt und Gewissen- 
haftigkeit geführt, obschon man sich ja immer gestehen muß, daß bei statisti- 
schen Beobachtungen dieser Art, wenn sie nicht auf noch breiterer Lectnre 
beruhen, dem Zufall noch ein weites Feld offen bleibt. Man muß dem Verf. 
für seine fleissige Sammlung von Stellen jedenfalls dankbar sein , wenn anch 
einzelne nicht ganz das beweisen, wofür er sie zunächst beigebracht hat. So 
ist zum Beispiel das Piäsens in der p. 55 angeführten Stelle aus S. Franks 
Chronika 220** neben dem Präteritum nicht gleichgültige Abwechslung, sondern 
begründet in der zeitlosen Allgemeinheit des betreffenden Satzes. Eben das- 
selbe gilt von der Stelle p. 60 oben, wegen pflegen. 

Der Verf. schließt seine genaueren Angaben mit Wieland (Don Sylvio) 
und sagt über die neuere Zeit p. 67, daß die Entwicklung noch nicht zu einem 
festen Abschluß gediehen sei. Wie wahr dies ist, würden Sammlungen aus 
Lessing, Lichtenberg, Gröthe und Schiller beweisen, der Epigonen zu gescbweigen. 
Solehe Sammlungen stehen mir nun wieder nicht zu Gebot und sind nicht in 
der Eile herzustellen; ich habe aber schon bei einer nur flüchtigen Umschau 
die Bemeiirang gemacht, daß das Präteritum weniger selten ist als der Verf. 
anzunehmen scheint, und jedenfalls ebenso „correct und der gebildeten Sprache 
angemessen^ wie das Präsens. Nach Kehrein a. a. 0. p. 60 ist in Süddeutsch- 
land das Präsens häufiger, im Norden das Präteritum, und diese Angabe stimmt 
sowohl mit meinen eigenen Beobachtungen als mit dem was der Verf. p. 70 
über den Unterschied der nord- und mitteldeutschen Mundarten von den süd- 
deutschen (mit Ausnahme der österreichischen) mittheilt. Daß er überhaupt 
die Dialekte beigezogen hat, verdient Anerkennung, nur hätte er, statt ans i^ 
meniehs Völkerstimmen, eher aus Frommanns Deutschen Mundarten schöpfen 
sollen. Als Ursachen des seit dem 15. Jahrhundert aacViw^\%\i%x«ci Qcf^^tvo^^«» 



88 UTTERATUB: ZUR TOPOGRAPHIE ISLANDS. 

des Präsens nach Prateritom betrachtet der Verf. (p. 75 £P.) zunächst das in 
dieselbe Zeit fallende Aufkommen des historischen Präsens ^ und der ge- 
nauere Nachweis darüber (p. 79 ff.) gehört ohne Zweifel zu den interessantesten 
Partien der yorliegenden Schrift Ein zweiter Anstoß war der wiederum im 
15. Jahrhundert begonnene (in den süddeutschen Mundarten herrschend ge- 
wordene) Gebrauch des umschriebenen Perfectum statt des einfachen Präteritum 
in der Erzählung (p. 76, 83 — 84). Ich glaube aber noch einen dritten Factor 
annehmen zu müssen, nämlich die Zweideutigkeit, welche dem Prät. Conj. wegen 
seiner conditionalen Bedeutung anhängt; diese Zweideutigkeit zu Termeiden 
griff man in manchen Fällen lieber zum Präsens, während freilich umgekehrt 
die Pluralformen desselben wegen ihres Gleichlautes mit dem Indicatiy durch 
das Präteritum ersetzt werden mußten. Beides ist ein Beweis, daß die Syntax 
gelegentlich durch Motive der Formbildang bestimmt wird, aber auch daß über- 
haupt consequente Durchführung eines Princips auf diesem Gebiete nicht zu 
finden ist, da Rücksichten auf äussere Zweckmässigkeit mitspielen. Endlich 
muß ich bemerken, daß die Frage nach einer Regel der Zeitfolge, resp« nach 
dem Gebrauche des Prät. Conj., nicht erschöpfend beantwortet werden kann, 
wenn man nicht die modalen Functionen jener Form, also besonders die con- 
ditionale und die finale, vorher untersucht hat oder gleichzeitig in die Unter- 
suchung hineinzieht. Der Verf. scheint dies an mehreren Orten gefühlt zu 
haben, aber diese Seite der Frage lag nun einmal ausserhalb seines Vorhabens 
und es wäre ungerecht, ihm daraus einen Vorwurf zu machen, da wir ihm für 
das wirklich geleistete zu lebhaftem Danke verpflichtet sind; vielleicht wird 
er die Arbeit an jenem Punkte wieder aufnehmen. 

Ich habe in dem bisher Gesagten fast nur Punkte berührt, an welchen 
ich etwas berichtigen oder ergänzen zu müssen glaubte, und es bleibt mir weder 
Baum noch Zeit, eine Reihe anderer anzuführen, besonders auch Auslassungen 
über allgemein sprachwissenschaftliche Fragen, in welchen ich dem Verf. mei- 
stens beistimme. Ich scheide daher dies Mal von ihm mit der Erwartung, daß 
er uns bald weitere Früchte seiner Studien darbieten werde. 

ZOBICH, Mai 1878. LUDWIG TOBLER 



Zur Topographie Islands. 

Einen nicht unbedeutenden Theil der altnordischen Literatur bilden be- 
kanntlich schon ihrem Umfange nach die Islendinga sögur und ihrem in- 
neren Gehalte nach sicherlich nicht den mindest lehrreichen. Sie gestatten 
uns, zumal im Zusammenhalte mit den Rechtsdenkmälem , welche uns aus der 
Zeit des isländischen Freistaates erhalten sind, einen so genauen und so sehr 
ins Einzelne gehenden Einblick in die Zustände einer weit zurückliegenden 
Vergangenheit, wie uns ein solcher für gleich alterthümliche Zeiten anderwärts 
nur selten, und auf nordgermanischem Gebiete schlechthin nirgends geboten 
wird. Aber gerade darum, weil sie so sehr in das Einzelne des ortiichen und 
des Familienlebens eingehen, verlangen diese Quellen, um gehörig ausgenützt 
werden zu können, ein Maß von Local- und Personalkenntniss , welches für 
den Nichteingeborenen nur schwer zu erreichen ist. Wer jemab in der Lage 



UTTERATÜR: ZUR TOPOGRAPHIE ISLANDS. 89 

war zn bestimmten wisseDSchaftlichen Zwecken seine Notizen über isländiscbe 
Crenealogie aus den Registern und Stammbäumen in hundert Terscbiedenen 
Werken, und seine Notizen über isländische Topographie aus Björn 6unn- 
laugsson's Karte, den verschiedenen Werken über Grandkataster (Jardamat) 
und Pfarrkataster (Braudaroat), endlich Dutzenden von älteren und neueren 
Reisebeschreibungen sich zusammensuchen zu müssen, der wird darüber nicht 
in Zweifel sein können, daß jetzt, nachdem durch Sveinbjörn Egilsson, Job. 
Fritzner und Gudbrandr Vigfiisson in lexicographischer Beziehung gesorgt ist, 
kein erwünschteres Hülfsmittel für das Studium des genannten Quellenkreises 
geboten werden könnte, als einerseits ein möglichst erschöpfendes und zugleich 
möglichst kritisch bearbeitetes Handbuch der isländischen Topographie, und 
andererseits eine mit den gleichen Eigenschaften ausgestattete Sammlung is- 
ländischer Stammtafeln. 

Nicht zwar dem letzteren, aber doch dem ersteren Bedürfnisse hat nun 
die Commission für das arnamagnaeanische Legat abzuhelfen gesucht. Vor 
mir liegt ein stattlicher Band mit dem Titel „Bidrag til en historisk- 
topografisk Beskrivelse af Island ved P. E. Kristian Kälund« 
L Syd- og Vest-Fjflerdingeme. Med 9 litograferede Kort Udgivet af Korn- 
misnonen for det Amamagnseanske Legat. Kjöbenhavn, Gyldendabke Bog- 
handel 1877^, XU und 638 SS. in 8^ welcher die Topographie der einen, 
und wie man unbedenklich beifügen darf^ der wichtigeren Hälfte der Insel in 
eingehender Darstellung behandelt; ein zweiter Band soll sodann die andere 
Hälfte des Landes besprechen und zugleich die einleitenden Erörterungen , 
sowie das Register über das ganze Werk bringen. Die hervorragende Bedeu- 
tung dieser Arbeit für ein gedeihliches Studium der älteren isländischen Ge- 
schichtsqnellen scheint deren eingehendere Besprechung an dieser Stelle zu 
rechtfertigen und ich halte meinen persönlichen Beruf zu solcher Besprechung 
in der doppelten Thatsache begründet, daß ich nicht nur seit reichlich drei 
Jahrzehnten mit dem Studium des Rechts und der Geschichte Islands mich 
befaßt habe, sondern auch Land und Leute der Insel aus eigener Anschauung 
kenne, also gerade in topographischer Hinsicht mehr als Andere zu einem Ur- 
theile mich befähigt halten mag. 

Die Aufgabe, welche der Verfasser sich gesetzt hat, bestimmt er im 
Allgemeinen dahin, daß er theils eine anschauliche topographische Schilderung 
der einzelnen Gegenden Islands geben, theils aber insbesondere durch die Er- 
klärung der in den Sagen erwähnten Ortsnamen und topographischen Verhält- 
nisse das Verständniss der Sagenliteratnr fördern will; Erläuterungen über die 
historischen und antiquarischen Verhältnisse der Insel und th eil weise auch über 
deren gegenwärtige Zustände sollen gelegentlich in die topographische Be- 
schreibung eingeflochten werden. Ist hiemach die zu erfüllende Aufgabe 
zweifellos richtig gestellt, so war auch Kllund sicherlich der richtige Mann 
za deren Losung. Schon eine Abhandlung desselben, welche die Aarböger for 
nordisk Oldkjmdighed og Histotie 1870, S. 269—381, unter dem Titel: „Fa- 
milielivet pll Island i den forste sagaperiode*' brachten, gibt von der Gründ- 
lichkeit seiner Bekanntschaft mit der Sagenliteratur und von seiner Umsicht bei 
deren Benützung sehr befriedigendes Zeugniss; ein zweijährige Aufenthalt auf 
Island in den Jahren 1872 — 74 verscha£fte ihm die Möglichkeit, das ganze 



90 LITTERATÜR: ZUR TOPOGRAPHIE ISLANDS. 

Land zn bereiscD, und damit die nothige eigene Anschaoung sich zu erwerben; 
daß er endlich auch die vielfachen bandflchriftlichen Behelfe zu benütien Ter- 
stand, welche die verschiedenen Archive und Bibliotheken Kopenhagens bieten, 
zeigen bereits die dieserhalb im Vorworte zum vorliegenden Bande mitgeth^lten 
Nachweise. So ist denn das gegenwärtige Werk in der That eine ganz vor- 
treffliche Arbeit, an welcher zwar der Natur der Sache nach im Einzelnen 
Manches zu vervollständigen, Einiges zu berichtigen, nicht Weniges zu be- 
zweifeln bleiben mag, welche aber im Grossen und Ganzen einen erstaunlichen 
Reichthum an kritisch gesichtetem ^ übersichtlich geordnetem und anschauKch 
dargestelltem Material enthält, in aUen Beziehungen weit über die Erwartungen 
hinausgebend , welche man bei billiger Erwägung der ungeheueren Schwierig- 
keiten des Unternehmens von derselben zu hegen berechtigt war. Man mag 
ja allenfalls bedauern, daß die mitgetheilten Karten sehr schlecht gedruckt und 
dadurch vielfach schwer lesbar geworden sind; daß neben den, sehr erwünschten, 
Plänen von Reykjavik und von Pingvellir nicht noch einige weitere solche 
beigegeben wurden, was zu grosser Erleichterung des Verständnisses so man- 
cher Localschilderungen beitragen würde; daß bei im Übrigen sehr gefälligem 
Drucke eine übergrosse Menge von Druckfehlern vorliegt, die nur su einon 
verschwindend kleinen Theile am Schlüsse des Bandes berichtigt werden. Man 
mag femer auch wohl mit dem Verf. darüber rechten, daß er isländische Orta- 
und Personennamen in einer dänisch zugestutzten, statt iu ihrer reinen islän- 
dischen Gestalt gibt, ein Verfahren, das zwar den dänischen Landslenten des- 
selben mundgerecht, aber den Isländern sowohl als allen Fremden anstoasig 
sein wird u. dgl. m. Aber diese und ähnliche Einwendungen betreffen eben 
doch nur Äusserlichkeiten ; geht man auf die Sache selbst ein, so wird man 
nur äusserst selten entschiedenen Verstössen begegnen, deren der Verf. sieh 
schuldig gemacht hätte. Ich bemerke, um einiges dieser Art zu veraeiehnen, 
daß derselbe, S. 166, den deutschen Missionär Dankbrand unversehens som 
Bischöfe befordert, daß er, S. 346 — 47, Anm. , unter Anführung der Baoda- 
manna saga von höhnenden Worten Uspaks spricht, während doch in Wahr- 
heit Egill Skülason von Borg der Spotter gewesen war; daß er, S. 366, Anm. 1, 
eine Bemerkung J6n Snorrason's mißverstehend, die von diesem im Bezug ge- 
nommene Belegstelle nicht finden zu können eiUärt, während doch angen- 
Bcheinlich Sturlünga, Vm, cap. 20, S. 168 (ältere Ausg.) von ihm gemeint 
ist; daß er die Worte der Gull)>6ris saga, cap. 15, S« 68: „miUi )>eirra ))6riB* 
für einer Ergänzung bedürftig hält, S. 508, Anm. 2, während doch der ell^ 
tische (Gebrauch des Pronomens, auf welchem allein deren richtiges Versttndniss 
beruht, im Isländischen gar nicht selten ist u. dgL m. Was wollen aber ein- 
zelne derartige Flüchtigkeiten bei einem Werke bedeuten, welches auf tauaendea 
von einzeln zusammenzutragenden und einzeln zu prüfenden QueUensteUen und 
Beobachtungen beruht? Sie mögen erwähnt werden, um bei einer etwaigen 
zweiten Ausgabe des Bandes berichtigt zu werden, fallen aber in keiner Weise in 
die Wagschale, wenn es gilt, den Werth oder Unwerth dieses letzteren sa be- 
stimmen. — So mag femer auch gleich hier gesagt werden, daß der Verf^ 
uns in einigen wenigen Fällen im Stiche läßt, in welchen wir Aufklärung von 
ihm wünschen möchten. Widerholt finden wir z. B. bei ihm des Namens Dimon 
Erwähnung gethan (3. 157, Anm. 1; 256; 490; 628, Anm.), und aiieh wohl 
bewerkt^ daß derselbe regelmässig kleine, freistehende Berge oder Felsen be- 



LITTERATUB: ZUR TOPOGRAPHIE ISLANDS. 91 

zeichne; aber onenräfant bleibt, daß derselbe Name, welcher sich übrigens auf 
Island noch öfter findet, als ihn der Verf. nachweist, auch auf den Fseröem 
seine BoUe spielt. Gustaf Storm hat gelegentlich (Minder fra en Islandsfserd 
S. 19) ausgesprochen, daß der Name als keltisch betrachtet werde, und als 
eine gemeinsame Bezeichnung zweier runder Berge gebraucht stehe; ich weiß 
nicht, worauf diese Angabe sich stützt, und vermag auch keinen entsprechenden 
Ortsnamen auf den britischen Inseln nachzuweisen, aber möglich wäre die Sache 
immeriiin, da das Wort aus der nordischen Sprache sich nicht erklärt, und 
wäre solchenfalls, da der Name schon der ETrbjggia und Landn4ma, dann der 
Farejinga saga und der Olafs saga ens helga bekannt ist, an die Beziehungen 
der ersten Einwanderer zu Irland und den Hebuden zu denken. Wiederholt 
kommt femer der Name Kumbaravogr vor (S. 178, Anm. 1; 431; 491 
bis 93, Anm.; 537), und der Verf. theilt die ihm y,von kundiger Seite^ aus- 
gesprochene Vermuthong mit, daß dabei an die »Kumrar'', d. h. Bewohner 
Ton Cumberland zu denken sein möge. Indessen ist doch zu beachten, daß 
TOD Beziehungen Islands zu Cumberland nirgends die Rede ist; es dürfte 
demnach immerhin der Mühe werth sein , den Yon J6n Ämason (Islenzkar 
)>j6dsogur og 8Bfint]hi I, S. 136) hingeworfenen Gedanken näher zu prüfen, ob 
nicht der Name ebenso, wie dies bei dem Namen Kumbrtjöm der Fall ist, auf 
den knmbr oder nykr, d. h. das Wasserpferd, zurückzuführen sei. In den 
älteren Quellen kommt der Name meines Wissens nicht vor, und die Inseln 
groß und klein Kumbray an der Westküste von Schottland, Grafschaft Bnte, 
welche in der H4konar saga gamla als Kumreyjar genannt werden^ wird man 
kanm hierher ziehen dürfen. Was der Verf. S. 495 — 96, Anm., über die völ- 
nndarhüs, d. h. LabTrinthe beibringt, will auch nicht recht genügen. Man 
findet hin und wider Zeichnungen von solchen in jener eigenthümlichen Art 
▼on Handschriften, welche, auf Island weit verbreitet, die verschiedensten 
Notiaen über Hausmedicin, Aderlaß, Chiromantie und anderweitige Zauberkünste, 
mancherlei Kunststücke, Stein- und Pflanzenkunde u. dgl. zu vereinigen pflegt; 
wenn aber dergleichen als blosse Spielerei gelten mag, bleibt immerhin auf- 
fiUlig, daß derartige Entwürfe zuweilen so zu sagen baulich ausgeführt vor- 
kommen. Unser Verf. läßt uns auch in diesem Punkte ohne Aufschluß; in- 
dessen würde es uns sohlecht anstehen in solchen Fällen mit ihm hierüber zu 
rechten^ während es uns doch selbst ebensowenig gelingen will, die erwünschte 
Anfklämng zu verschaffen, und wir werden uns, wohl oder übel^ dabei beruhigen 
müssen, daß manche Zweifel eben vorläufig ihre Lösung noch nicht finden 
können. 

Ungleich häufiger als die bisher besprochenen sind, der Natur der Sache 
BM/chy jene anderen Fälle, in welchen man den Angaben des Verfassers, ohne 
sie gerade widerlegen zu können, mit einem Mißtrauen begegnen wird, welches 
sieh übrigens, um dies gleich von Vornherein zu bemerken, nicht gegen ihn 
selbst y sondern immer nur gegen die ihm zugegangenen Nachrichten richtet* 
Der Verf. hat selbst sehr richtig erkannt und hervorgehoben (vgl. zumal S. 9 
bia 10, Anm. 2, aber auch S. 590 und öfter), wie unendlich schwer es gerade 
aaf Island hält, ächte und unächte Volksüberlieferungen von einander zu unter- 
scheiden, weil die beständige Beschäftigung mit den älteren Literaturwerken 
und die fortwährenden Versuche, die in diesen erwähnten Örtlichkeiten, Grab- 
faogel, Tempel, Dingstättan n. dgL in der eigenen Umge^bun^ iiM^%aii€tt«ci% 



92 LITTERATUB: ZUB TOPOGRAPHIE ISLANDS. 

dem VolkBmuDde so zu sagen auf gelehrtem Wege stets neuen Stoff snfuhren. 
Er verhalt sich anch keineswegs unbedingt gläubig gegen die einielnen ihm zu- 
gegangenen ächten Überlieferungen, ist sich vielmehr des Unterschiedes wohl 
bewußt, welcher zwischen der, wenn auch vollkommen volksmässigen, Sage und 
der beglaubigten Geschichte besteht; er beanstandet z. B. die Ächtheit der 
angeblich von Hra&a-Flöki und seinen Genossen herrührenden Runeninsehriften, 
S. 28 — 29^ Anm.y und erkennt die Unächtheit des angeblichen Grabsteinee 
Kjartan Olafsson's unumwunden an, S. 375 — 76, wie er denn überhaupt sehr 
wohl beachtet, daß die isländischen Runeninschriften sammt und sonders ver* 
gleichsweise neuer Entstehung sind, S. 32 — 33, Anm. 2, — er erzählt gele- 
gentlich ergötzliche Beispiele von nachweisbar falschen Volksüberlieferungeni wie 
etwa der auf das Flekkuleidi bezüglichen S. 31, Anm. 1, oder umgekehrt von 
ächten Überresten der Vorzeit, welche die Volkssage grundfiüsch gedeutet hat, wie 
etwa die Grabhügel bei Hafrbjamarstadir, S. 34 — 36^ Anm. 2 u. dgL m. Den 
Vorwurf einer kritiklosen Benützung der Volkssage wird hiernach zieherlieh 
Niemand gegen den Verf. erheben dürfen; aber doch kann man binsiehtlieh 
des Masses von Skepsis verschiedener Ansicht sein, mit welcher dieser in jedem 
einzelnen Falle zu begegnen ist, und ich kann nicht leugnen, daß ich geneigt 
bin in dieser Beziehung erheblich weiter zu gehen ^ als unser Verf. dies tiint 
oder doch zu thun scheint. Einigermassen eingehende Beaehäfügung mit den 
isländischen Volkssagen einerseits und mit der isländischen Literatur des 16. 
und 17« Jahrhunderts andererseits hat mich nämlich zu der Überzeugung ge- 
bracht , daß auf Island im 15. und 16. Jahrhundert die Überlieferungen aoa 
der älteren Zeit so gut wie völlig erloschen waren, und daß andererseits, als 
vom Auslande her am Ende des 16. und am Anfang des 17. Jahrhunderts 
das Interesse für die nordische Urzeit wider geweckt wurde, sehr rasch Hy- 
pothesen über die Zustände des Alterthums in Hülle und Fülle aufoehossen, 
welche zufolge des Ansehens der Männer, welche sie aufstellten, bald im Lande 
selbst die Geltung geschichtlicher Überlieferungen gewannen. Die vieifiichen 
Anfragen, welche in älterer Zeit einzelne Männer, wie Ole Worm, Ami Magn- 
dsson u« A. m«, in neuerer Zeit aber zumal die Nordisk Oldskriffc-Selskab 
und das B6kmentaf&lag an Leute jedes Standes über geschiehtliehey archaeo- 
logisehe, topographische Punkte richteten^ erhielten nicht nur im Allganeinen 
das Interesse für die einschlägigen Studien wach; sondern gaben anch sahi- 
reichen Einzelnen Veranlassung, sich bestimmte Meinungen über bestimmte 
Punkte zu bilden ; auch derartige Meinungen kamen und kommen bald unter 
das Volk, und wurden von diesem weitergetragen, anfangs vielleicht als die 
Ainsicht dieses oder jenes Mannes, bald aber ab überkommene Überlieferung, 
deren Entstehung bereits vergessen ist. Unser Verf. theilt nun^ mit vollem 
Rechte, eine Menge derartiger Überlieferungen mit, und wenn er sieh zwar ihnen 
gegenüber keineswegs unkritisch verhält, so dürfte in gar manchen Fällen aneh 
daim noch ein kritischer Zweifel an deren Verlässigkeit sich zeigen, wenn der 
Verf. selbst einem solchen nicht Raum gegeben hat. Es mag ja sein, daß 
derselbe nur darum manchmal die ihm selbst aufsteigenden Bedenken unaus- 
gesprochen ließ, weil es ihm zuwider wurde, immer und immer wider dieselben 
Verwahrungen zu widerholen ; mag sein auch, daß die allgemeinen Bemerkungen, 
welche derselbe sich für seinen zweiten Band zurückgelegt hat, in dieser Bezie- 
hung noch weitere Aufklärungen bringen werden. Immerhin aber scheint es nicht 



UTTERATUR: ZUR TOPOGRAPHIE ISLANDS. 93 

nniweckmassig , bereits jetzt darauf aufmerksam zu machen , wie sehr strenge 
Kritik in dieser Richtung am Platze ist. Ein paar Beispiele mögen das Ge- 
sagte zugleich belegen und des Näheren erläutern. Die grössere Menge z. B. 
▼on angeblichen Tempelüberresten (hoftoptir)^ welche man auf Island zeigt, 
and Ton denen auch der Verf. eine lange Reihe verzeichnety mochte ich, nach 
den von mir selbst gesehenen Exemplaren zu urtheilen, ohne Weiteres ab 
apokryph betrachten. Regelmässig handelt es sich dabei nur um mehr oder 
nünder deutliche Reste von sei es nun viereckigen oder kreisförmigen Bauwerken, 
welche, nach isländischem Brauche aus abwechselnden Lagen von Rasenstreifen 
und Rollsteinen aufgeführt, und ohne jede Spur einer früheren Bedachung, 
ganz ebensogut wirthschaftlichen als Cultuszwecken gedient haben können. 
Unaer Verf. weist S. 503, Anm. 2 gelegentlich selbst darauf hin, daß in Grön- 
land bei alten Höfen Überreste kreisförmiger Schafpferche sich vorfinden, und 
daß bei einzelnen isländischen Tempelruinen der Gedanke an Pferdehage nahe 
liege; ich möchte bezweifeln, ob auch nur in einem einzigen Falle mit Sicher- 
heit dargethan werden könne, daß das, was man als Tempelruine zeigt, auch 
wiriüieh eine solche sei. Ahnlich bedenklich scheint es mir ferner auch be- 
BÜglieh der Opfersteine (b lötstein ar) zu stehen, welche man hin und wider 
z« sehen bekommt. Zum Theil zeigt man ab solche viereckige Steinblöcke 
mit einer schfisselförmigen Vertiefung, wie unser Verf. solche von Olfusvatn, 
Ülfljötavatn^ )>ingvellir, pyiill nachweist (S. 89; 147; 289); er vermuthet 
mit Recht, daß es sich insoweit um Weihbrunnkessel aus der katholischen Zeit 
handle, wie man solche zumal am Eingange von Kirchen zu haben pflegte^ und 
wie man einen solchen auf Flatey noch zu sehen bekommt (S. 540 — 41), also 
um das, was in einem alten Kirkjum41dagi (Diplom. Island. I, nr. 107, S. 408) 
als vatnssteinn bezeichnet wird. Anderer Art muß dagegen jener Opferstein 
am ))6r8ne88))inge gewesen sein, von welchem die Ejrbyggja cap. 10, S. 12 und 
die Landn4ma II, cap. 12, S. 98 sprechen^ da an ihm den Leuten, welche ge- 
opfert werden sollten, der Rücken gebrochen wurde; aber wenn der Verf. 
S. 443. 44, die Anthenticität des Steines anerkennen will, welchen man auf 
einer Wiese südlich des ))fngvallavogr jetzt als solchen zeigt, so muß ich dem 
gegenüber widerholen, was ich bereits vor Jahren im Bande X dieser Zeit- 
schrift, 8. 492 y ausgesprochen habe: als ich vor 20 Jahren mit Gudbrandr 
Vigfüsson zusammen den Stein untersuchte, stellte sich uns beiden ganz gleich- 
massig die Überzeugung fest^ daß dieser Stein niemals als Opferstein gedient 
haben konnte. Ähnlicher Bescha£Penheit wie der blötsteinn am ])6rsnes8))inge 
wird wohl auch der andere gewesen sein, welcher bis*'in die neueste Zeit herab 
am Amess|)inge zu sehen war (S. 197), wogegen von den Opfersteinen zu 
handTj LsBkjarbugr, dann auf Heidnarey (S. 311; 389, Anm. 1; 539), jede 
Beschreibung fehlt, und somit sich auch nicht bestimmen läßt, ob sie der 
eisten oder der zweiten Classe von solchen angehören. Ich bemerke noch, daß 
auch einmal von einer, und zwar sehr grossen, schüsseiförmigen Vertiefung die 
Bede ist^ welche sich bei Amarstapi in der Myrasysla in den Fels gehauen 
findet (S. 387, Anm. 1), und von einer in derselben Weise gearbeiteten auf 
Hrisej in demselben Bezirke (S. 390, Anm.); beidemale wird nicht von Opfer- 
■teinen gesprochen, vielmehr eher an wirthschaftliche Verwendung der betre£Penden 
Arbeiten gedacht, ganz wie dies bei dem Steine der Fall ist, dessen die Hrafns 
aaga Ssreinlijamarsonar cap. 2, S. 640 gedenkt. Di»«er wax %o \5tf)>^^ ^&S^ Voxv 



94 UTTERATUB: ZUR TOPOGRAPHIE ISLAHDS. 

4 Männer kaum zu heben vermochten; dennoch aber trag ihn HrafiM Bmder, 
Markus, allein nach Ejiri im Amar^ordr. Vier Schüssehi (koppar) waren in 
ihm eingehauen, nnd er warde als Waschstein ())v4tt8teinn) gebranchi. Ich er- 
wähne aber dieser letzteren Steine, weil sie mit jener ersteren Claase angeb- 
licher Opfersteine eine gewisse Ähnlichkeit haben, und darum wohl aaeh ge- 
legentlich mit ihnen zusammengeworfen werden mögen. Endlich habe ich anch 
meine Bedenken bezuglich der Gkrichtsringe (d6mhrfngar), welche an nicht 
wenigen Orten auf der losel nachgewiesen werden wollen. Es ist ja richtig, 
daß in den geschriebenen Quellen der freistaatlichen Zeit gelegentlich von dem 
Gerichtsringe Erwähnung gethan wird. Nach der Kgsbök §. 47, S. 82 sollen 
im fünften Gerichte die 12 Männer, welche für den einzelnen Fall von den 
Partheien recusiert werden, „risa 6r dominom, ok sitja i dömhring innan. m^an 
um sök pk er dömt". Nach dem jüngeren Texte der Bandamanna saga, S. 17, 
hatten anch die Viertebgericbte am Alldinge je ihren Gerichtsring, and be- 
durfte derjenige einer besonderen Erlaubniss, der ihn während der Gerichts- 
sitzungen betreten wollte, ohne bei den betre£Penden Rechtssachen betheiligt ma 
sein; der ältere Text, S. 8, enthält freilich die Bezeichnung nicht, aber hier- 
aus ist Nichts zu schliessen, da eben nur der Ausdruck ein anderer ist. Beide 
Stellen Hessen freilich allenfalls auch die Deutung zu, daß anter dem Gkrichlv» 
ringe eben nur die kreisförmig sich abschliessende Versammlong der Richter 
selbst zu verstehen wäre, und wenn zwar die ältere Ausgabe der Storldnga I, 
cap. 18, S. 31, von einem Niedersetzen der Richter ,f dömsteinam" spricht, so 
fordert uns doch auch diese Angabe nicht, da der ältere und bessere Text 
dafSr ,f dömstadnum^ liest; aber doch spricht die Eyrbyggja, cap. 10, S. 18, 
von einem alten Gerichtsringe am |)6rsnes|)inge, welcher noch zu sehen sei, 
and auch die LandnAma II, cap. 12, S. 98 erwähnt des daselbst befindliehen 
Gerichtsringes, so daß man immerhin wird annehmen müssen, daß unter diesem 
irgend eine bleibend erkennbare Einrichtung verstandok werden wolle, welche 
den Ort der Gerichtssitzungen als solche bezeichne, möge man dieee non, wie 
Gudbrandr Vigfiisson, s. v. dömhringr will, in einer kunstlich angebmehten 
Gerichtsschranke suchen, oder wie unser Verf. S. 206, Anm», in bkibeiid an* 
gebrachten Sitzen für die Mitglieder des Gerichtes. Aber wenn man mm 
darauf hin an aUeu und jeden Orten, an welchen Ding gehalten wurde, oder 
von welchen man doch annahm, daß an denselben Ding gehalten worde, €k- 
richtsringe gezeigt bekommt, so wird man gut thun solchen Angaben mit dem 
äussersten Mistraueu zu begegen. Unser Verf. selbst hält dafür, daß der am 
Ämess|)fnge gezeigte dömhringr ebensowohl auch eine fjärborg, d. h. Zufloehts- 
stätte für Schafvieh sein könne S. 195 — 96, und erzählt, daß man besfiglieh 
eines an der älteren Dingstätte des )>6rBnes))inges noch theilweise sichtbaren 
Kreises darüber streite, ob solcher ein alter Gerichtsring, oder die Unununnang 
eines ehemaligen Tempels (hofgardr) sei, S. 437, Anm. 2; was will man mit 
derartigen Bauresten und UberUeferungen anfangen? 

Die letzten Bemerkungen führen nun allerdings zu einem Bedenken hin- 
über, welches ungleich tiefer in die ganze Anlage des vorliegenden Werkes 
einzagreifen scheint. Schon in der Vorrede wird nämlich bemerkt^ daß dieses 
wesentlich darauf berechnet sei zum besseren Verständnisse der Sagenliteratnr 
beizutragen, und weiterhin überdies ausgesprochen, daß Vollständigkeit nor 
bezüglich der in den älteren Sagen erwähnten Ortsnamen erstrebt worden sd, 



UTTEBATUB : ZUR TOPOQBAPHIE ISLANDS. 95 

wogegen bereits die SturlÜDga uod die Mehrzahl der Biskupa sogur nicht mehr 
mit derselben Aufmerksamkeit behandelt worden sei, weil diese Sagen spätere 
Verhältnisse betreffen. Die Selbstbeschränknng, welche der Verf. sich damit 
auferlegt hat^ äussert nun zunächst die Wirkung, daß dessen Werk keineswegs 
eine erschöpfende Topographie Islands bildet. Schon für die Erklärung der 
Sturldnga will dasselbe keineswegs genügen, wie denn z. B. über die in Sturl. 11^ 
cap. 23, S. 78, und wider in Str. 29 der Skfdarima genannte Asölfsgata in 
ihm Nichts zu finden ist; über die vielfachen Gefechte aber, welche mit han- 
sischen und englischen, hin und wider auch mit spanischen Kaufleuten oder 
Seeräubern da und dort ausgefochten wurden, und über so mancherlei andere 
Vorkommnisse, von denen J6n Egilsson^s BiskupsaunAlar oder andere ältere 
Jahrbücher berichten, geht der Verf. vollends zumeist stillschweigend hinweg, 
nnd von den berühmtesten Persönlichkeiten der späteren Zeit, wie z. B. Björn 
Einarsson und VatnsQardar-Kristin, Björn rorleifsson und Olöf hin rika, Dadi 
Gndmnndsson, Hannes Eggertsson und seinen Nachkommen u. dgl. m. wird 
theüs gar nicht, theils wenigstens nur in sehr ungenügender Weise Notiz ge- 
nonmien, obwohl auch ihr Name an manche Ortlichkeiten auf der Insel sich 
geknfipft hat. Da nun aber der Verf., wie er selbst anerkennt, an die von 
ihm beliebte Grenze sich doch nicht consequent bindet, kommt zweitens in 
seine Arbeit eine gewisse Unbestimmtheit hinein, welche störend wirkt, so 
dankbar man ihm auch für jede über seine eigentliche Aufgabe hinausreichende Mit- 
theilung sein wird; man kann ebensowohl Aufklärungen in seinem Buche suchen 
ohne sie zu finden, ab man umgekehrt in demselben Nachweise findet, welche 
man nimmermehr in ihm gesucht haben würde. Ganz besonders bedenklich 
wird aber das eingehaltene Verfahren durch die eigenthümliche Beschaffenheit 
sowohl der älteren Islendinga sögur als der neueren Volksüberlieferungen auf 
der Insel. Jene Sagen behandeln bekanntlich vorzugsweise nur die ersten 
anderthalb Jahrhunderte nach dem Beginne der nordischen Einwanderung auf 
Island, welche Zeit man ja eben darum als die söguöld zu bezeichnen pflegt, 
und doch kann als feststehende Thatsache bezeichnet werden, daß man mit der 
Aufiieichnung dieser Sagen erst um die Mitte des 12. Jahrhunderts begann, 
und daß die uns vorliegenden Texte zumeist erst im 13., ja gutentheils erst im 
14. Jahrhundert verfaßt wurden. Zwischen der Zeit, auf welche die betreffenden 
Sagen sich beziehen, und der Zeit ihrer Aufzeichnung liegt demnach eine lange 
Frist in Mitte, während deren ihr Stoff lediglich der mündlichen Überlieferung 
fiberlassen geblieben war, und wiederholte Überarbeitungen, durch welche die 
uns überlieferten Texte vielfach hindurch gegangen sind, mögen ebenfalls viel- 
fach die historische Treue derselben beeinträchtigt haben. Andererseits reicht 
die derzeitige mündliche Überlieferung auf Island, soweit sie acht und nicht 
erst aus unserer Schriftgelehrsamkeit entsprungen ist, wie oben schon bemerkt, 
nur sehr ausnahmsweise über das 15. Jahrhundert hinauf, wogegen sie über 
die späteren Zeiten ziemlich viel zu berichten weiß, und sie pflegt dabei zwi- 
schen den verschiedenen Zeiten so gut wie gar nicht zu unterscheiden, vielmehr 
unbedenklich auf die Landnamezeit zurückzubeziehen , was doch erst der Zeit 
der norwegischen, oder gar der dänischen Herrschaft angehört. Schon in älteren 
Sagen, zumal sofeme deren Bearbeitung erst der Zeit der Königsherrschaft an- 
gehört^ kommen von hier aus vielfach sehr wunderliche Irrthümer vor. Unser 
Verf. selbst hat für eine lange Reihe von Fällen dargethan, wie ^coVi^ V^t- 



96 LITTERATUR: ZUR TOPOGRAPHIE ISLANDS. 

Btosse gegen die Topographie einzelne Sagen, wie z. B. die Njtia oder die 
fsfirdinga saga sich zu Schulden kommen lieasen, weil deren Überarbeiter mit 
den Localyerhältnissen der Gegend , in welcher sie spielen, nicht gehörig ver- 
traut waren, und ich zähle seine desfallsigen Ausfuhrungen zu den verdienst- 
lichsten Leistungen , welche wir ihm zu verdanken haben; unter einen ganz 
verwandten Gesichtspunkt fallt aber auch, wenn wir in derartigen Sagen hin 
und wider Angaben über Zustände und Gebräuche gemacht finden, welche zwar 
der Zeit ihres Bearbeiters, aber nicht jener anderen Zeit entsprechen , in wel- 
cher die Erzählung selbst spielt« Gudbrandr Vigfiisson hat bereits darauf auf- 
merksam gemacht, daß in einigen Quellen verkehrter Weise der norwegische 
Amtstitel des „lögmadr" statt des altisländischen „lögsögumadr^ gebraneht 
wird, und was noch schlimmer ist, in der Isfirdinga saga, cap. 1, S. 2, dann 
cap. 3, S. 7 — 8 sowohl als in der Svarfdala cap. 10, S. 137 — 38 und cap. 
18, S. 144 werden logmenn für einzelne Theile der Insel erwähnt, an deren 
Wohnort Ding gehalten und von denen in streitigen Fällen ein „örskurdr* 
geordert wird, ganz wie dies in der norwegischen Zeit der Brauch war. In 
der Grettis saga cap. 82, S. 163 wird von einer „logr^tta* am Hegranes pinge 
gesprochen, während doch eine solche nach der Verfassung des Freistaates nur 
am Alldinge vorkommen konnte. Die Nj4Ia läßt cap. 2, S. 5 in einem Ehever» 
trage einen ])ridjiingsauki ausbedingen, welcher doch erst mit den norwegischen 
Gesetzbüchern ins Land kam, und sie läßt, was näher hieher gehört, schon im 
Jahre 1011 am Alldinge eine Zahlung „i biianda kirkjugardi^ machen, cap. 128, 
S. 637, was zwar dem späteren Rechte des Freistaates vollkommen entspricht, 
aber für eine Zeit wenig paßt, in welcher die um etwa ein Jahrzehnt später 
auf des heil. Olafs Betrieb gebaute Alldingskirche noch nicht vorhanden 
war u. dgl. m. Die mündlichen Überlieferungen der Gegenwart voUends wim- 
meln von derartigen Verstössen, und mag es genügen, auf ein köstliches Bei- 
spiel eines solchen hinzuweisen, welches unser Verf. selbst S. 568, Ajum. 1 
mitiheilt Im Jahre 1213 wurde Hrafn Sveinbjamarsson auf seinem Hofe zu 
Hrafnsejri von )>orvaldr Snorrason fiberfallen und getödtet. Der Mann war 
Inhaber eines godords, und ein sehr angesehener Häuptling gewesen ; auf dem 
Hofe aber zeigt man jetzt noch die „skrifstofa Hrafns% wie wenn es sieh um 
das Qontor eines modernen Sysselmannes handeln würde. — Es begreift sich, 
daß es unter solchen Umständen sehr schwierig, aber auch von der höchsten 
Wichtigkeit ist, sorgsam zu unterscheiden, welcher Zeit jede einzelne, sei es 
nun sohriftliche oder mündliche, Überlieferung wirklich angehöre. Um dies zu 
können, wird es schlechterdings nothwendig sein, daß man seinen Ausgangs- 
punkt von historisch bestimmt fixierbaren Quellen nehme, welche, wie dies 
etwa von den Biskupasögur und der Sturldnga, von der Arons saga HjörleifB- 
sonar oder der Hrafns saga Sveinbjamarsonar gilt, mit den von ihnen behan- 
delten Vorgängen ziemlich gleichzeitig, oder doch nur wenig später aufgezeich- 
net wurden; nothwendig sein femer, daß man sich über die geschichtlich fest- 
stellbaren Veränderungen in den Zuständen des Landes auch hinsichtlich der 
späteren Zeiten genügend orientiere, um von hier aus übersehen zu können, 
was etwa aus den Zuständen dieser späteren Zeiten in die Überlieferungen 
über die weiter zurückliegende Vorzeit unbefugter Weise zurückgetragen worden 
sei. Auch nach dieser Seite hin erlaube ich mir wider, durch ein paar ein- 
zelne Beispiele klar zu machen, was ich auf dem Herzen habe, und man wird 



LTTTERATUB: ZUR TOPOGRAPHIE ISLANDS. 97 

mir verzeihen, wenn ich dieac Beispiele dem rechtsgeschichtlichen Gebiete ab 
dem mir sunächst liegenden entlehne. 

Allerwärts im Lande zeigt man heutzutage lögröttur (8. 20, Anm. 1; 
182; 254, Anm. 1; 298; 319; 383, Anm. 1; 485; 526; 568; 574; vgl. 
femer anch iögröttugardar S. 253 und die iöggardar, dann lögröttubiidir 8. 580). 
Selbstrerständlich können hierunter, soweit die Bezeichnung überhaupt eine ge- 
schichtlich begründete ist, nur die Überreste von Dinghäusem aus neuerer Zeit 
Terstanden werden, wie solche nicht nur am Alldinge, sondern auch ander* 
wärts vielfach errichtet wurden; spricht doch bereits die Verordnung vom 
15. Juli 1294, in ihrem §. 46 von der ))inghdssgerd, während andererseits ein 
Erkenntniss der logmenn aus dem Jahre 1682 zeigt, daß man die iögröttumenn 
auch an den Bezirksgerichten zu verwenden pflegte*), und ein Rescript vom 
24. März 1705 sogar die Ernennung von lögröttumenn nach Maßgabe des 
norwegischen Gesetzbuches für Island vorschreibt, woraus sich beiderseits die 
Übertragung der Bezeichnung lögr^ttnmenn auf die Urtheilsfinder an den Unter- 
gerichten (vgl. Sveinu Sölvason, Tyro juris S. 206, ed. 1, oder S. 245, ed. 2), 
und der Bezeichnung lögrötta auf deren Gebäude erklärt. An einzelnen Orten 
zeigt man auch wohl Höhlen, welche als Dinghäuser gebraucht wurden, oder 
noch gebraucht werden (S. 268; 274); die Vorzeigung aber einer auch durch 
ihr Aussehen schon bedenklichen lögrötta an der Dingstätte des ))or8kaQardar- 
pingB (S. 525 — 26) läßt bereits dem Verdachte Raum, daß dabei in ähnlicher 
Weise wie bei der oben besprochenen Erwähnung einer lögr^tta am Hegraness- 
)>fnge in der Grettla ein rechtsgeschichtliches Mißverständniss in Mitte liege, 
und wenn man vollends bei Tzta Grund im SkagaQördr eine Ozurar lögrötta 
befitzen will (Vfkverji, 11. Jahrgang, nr. 10, S. 150), welche nach jenem aus 
der bördar saga hredu, S. 28 — 46 (ed. Haidörr Fridrikssonj bekannten Goden 
Ozurr Amgrfmsson benannt ist, so reiht sich diese Überlieferung würdig an das 
oben von der Schreibstube Hrafn Sveinbjamarson's Erzählte an. Andere Male 
scheinen vollends die unter dem Namen von lögröttur vorgezeigten Überreste 
mit Dingstätten gar Nichts zu thun haben, sondern ähnlich wie dies bezüglich 
der hoftoptir bereits erwähnt wurde, nur Überbleibsel früherer Pferche zu sein, 
und in diesen letzteren Fällen mag dann immerhin, wie ich dies früher einmal 
vermnthungsweise angedeutet habe (Island ^ S. 193), eine Verwechslung der 
lögrötta mit der Idgr^tt, d. h. dem gesetsmässig eigerichteten Pferche, dem 
Mißverständniss zu Grunde liegen. Ich kann nur bedauern, daß die über- 
triebene Kürze, mit welcher ich an jenem Orte die verschiedenen Möglich- 
keiten der Entstehung derartiger Irrthümer zusammengedrängt habe, den Verf., 
S. 22, Anm., zu einer irrigen Auffassung meiner Meinung, und damit zn einer, 
seine Deutung meiner Worte als richtig angenommen, vollkommen begründeten 
Polemik gegen mich veranlaßt hat. Sorgsame Scheidung des den verschiedenen 
Zeiten Angehörigen dürfte femer auch bezüglich der Leidvellir am Platze 
■ein, welche man da und dort auf Island zeigt. Der Leidvöllr und die Leid- 
hamrar auf Kjalames (S. 59 — 60) mögen zwar um ihrer Belegenheit willen mit 



*) Angefahrt bei John Erichson, Historisk Indledning til den gamle og nye 
Islaiidske Bsettergang. S. 471 ; mir liegt der Test des Erkenntnisses handschriftlich in 
einer Dömabök vcr, die früher im Besitze des Lögmannes Sveinn Sölvason (f 1782} 
gewesen war und welche ich der Güte des quiescierten Justitiarius Hrn. {'ördr Jonas- 
■OB verdanke. 

eSRHAMU. Nene Bsihe lU, (XIIY, Jähtg.) ^ 



98 UTTERA.TUR: ZUR TOPOGRAPHIE ISLANDS. 

dem alten Kjalamesa plage in VerbindoDg gebracht werden, und der Leidar- 
h6ll in der LeirirsTeit im BorgarQordr (S. 2869 Anm, 1), dann der Leidar- 
b6Imr in der Dalasj^sla (S. 463 — 64) mögen, da sie in der Hölmveija aaga, 
Kormakfl saga und Stnrlünga bereits erwähnt werden, ebenfalb noch der frei- 
staatlichen Zeit angehören, welche ja, wenn anch die gemeinsame Haltong der 
leid darch die 3. sam)>ingisgodar an der herkömmlichen Dingttätte ihres Frfih* 
lingsdinges die gesetzliche Regel bildete, doch ausnahmsweise Abweichungen 
▼on dieser Regel kannte und zuließ (Kgsbök, §. 61, S. 111; TgL LjdsYetninga 
saga, cap. 2, S. 7); aber wenn sich anch noch ein LeidTÖUr im Medallande 
der Skaptafellssysla findet, so möchte dieser wenigstens doch wohl eher aof das 
leidar)>{ng der späteren Zeit zu beziehen sein, welches ja nach dem Zeugnisse 
Pill Vidalin's (Skjnngar, S. 326) bis gegen den Schluß des 17. Jahrhunderts 
hin und wider abgehalten wurde. Bezüglich der in der Bandamanna saga ge- 
nannten Hvammsleid Yollends ergibt sich in ganz anderer Richtung ein ZweifeL 
In der Ausgabe Haldör Fridriksson's, S. 41, heißt es zwar: «)>etta haust hit 
sama safhar Hermundr lidi, ok ferr üt til Hyammsleidar'' ; aber CedersehiÖlds 
Ausgabe, welche doch einem älteren und besseren Texte folgt, liest dafür S. 17: 
«Lidr af Tetrinn, ok er vora tekr ferr Hermundr til Hvamms leidar**, und bei 
dieser Fassung ihrer Worte kann somit die Angabe nicht, wie unser Verf. 
S. 361 will, auf das Herbstding bezogen werden. Überdies sind auch die 
folgenden Worte derselben Ausgabe: „ok er bann »tladi ütan, pk segir hann, 
at peil munu snua ofan til Borgar^, welche in dem jüngeren Texte ToUig 
fehlen, durchaus uuTerständlich, da von einem „»tla ütan*, d. h. ins Ausland 
reisen wollen, denn doch bei einem Manne nicht die Rede sein kann, welcher 
▼ielmehr beabsichtigt, von einer nur zum Scheine verfolgten Strasse abbiegend 
einen in der nächsten Nachbarschaft wohnenden Feind zu überfsUen. Aller 
Wahrscheinlichkeit nach liegt hier eine Textesverderbniss vor, und hatte die 
Sage ursprünglich erzählt, wie Hermundr, vorgebend ausser Lande gehen an 
wollen (at hann etladi ütan), den Weg (leid) nach Hvammur einschlug, wobei 
dahingestellt bleiben mag, ob darunter der Hof dieses Namens im Nordrirdalr 
oder der gleichnamige Hof in der Hvitärsida zu verstehen sei, welchen die 
neueren Hofregister zwischen Gilsbakki und S&mstadir aufführen, und daß er 
erst, dort angekommen, seinen Begleitern erklärte, von der Strasse ablenken 
und in weitem Bogen nach Borg reiten zu wollen, um dort den Egill zu ftbw- 
fallen. Ich verzichte darauf, durch irgendeine Conjectur diesen Sinn in die 
handschriftlich überlieferten Worte hineinzucorrigieren ; eine unbefsngene Fer- 
gleicbung der beiden veröffentlichten Texte dürfte indessen jedenfrüls seigea, 
daß der jüngere den älteren durchaus willkürlich corrigiert hat, und die Schwie- 
rigkeit, an einem Orte ein Herbstding ansetzen zu müssen, an welchem eine 
Dingstätte sonst in der freistaatlichen Zeit nicht nachgewiesen ist und anch im 
Hinblicke auf dessen Entlegenheit nicht wohl angenommen werden kann, dürfte 
damit beseitigt sein. Schwierigkeiten hinsichtlich ihrer geschichtlichen Bedeu- 
tung ergeben sich auch sonst in Bezug auf die zahlreichen Dingstätten im 
Lande, von welchen man Überreste zeigt, oder auf welche doch bestimmte Loeal- 
namen hinweisen. Zum Theil handelt es sich dabei allerdings um Dingstätten, 
welche bereits in der freistaatlichen Zeit genannt werden. So besprieht der 
Verf. ausführlich die Örtlichkeit, an welcher das AUding gehalten wurde (8. 95 
bis 160); femer das )>{ngskäla- oder Räng4r)>{ng, S. 218^20, daa ijnes|>ing, 



LITTERATUB: ZUR TOPOGRAPHIE ISLANDS. 99 

S. 194 — 97, Tgl. S. 205 — 6, and das Kja1anie8s))fiigy S* 59 — 60; ferner das 
pükgatM' und pver^rpiog, S. 803 — 5^ das )>6r8iies8))mg , S. 436 — 38, dann 
8. 440 — 44, und das )>orskaf)ardar)>ingy S. 524 — 27 , also die 8 Dingstätten 
einerseits des Südlandes nnd andererseits des Westlandes, welche in der J4m- 
sfda und J6nsb6k als solche genannt, nnd anch bereits in der freistaatlichen 
Zeit in gleicher Eigenschaft nachweisbar sind ; endlich anch die Dingstatte on- 
dur Valfelli, S. 867 — 70, welche nach der Eigia nnd der Gnnnlaags saga orms- 
tdngn in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts von den Leuten im Borgar- 
Qdrdr benutzt wurde, — das StraumsQardar ping, S. 408, von welchem die 
Ejrbyggja berichtet, — endlich das Hvalseyrar- oder yal8e7rar))ing, ping* 
eynrping oder D]hniQardar}>ing, S. 573 — 74 und 576 — 77, you welchen einer- 
seits die Gfsla saga Siirssonar, und andererseits die Hrafns saga Sveinbjam- 
arsonar und die Sturlünga Zeugniss geben. Zahlreiche Localbezeichnungen 
wie )>ingTellir, }>ingTallaborg, pingvallavogr Q)6rsness])ing), )>ingh611 (|>£ng8k41a- 
)>(ng, nndir Valfelli) oder pfnghölar (Amespfng), ))ingbrekka (undir Valfelli), 
piaghoh (Ames)>fng), oder weiter abstehend und mehr auf das Reisen zum 
Ding deutend plngmanna ij6dr, )>fngmannah611, ))iogmannagötur ())or8kaQardar- 
piüg)j halten die Erinnerung an solche Dingstätten fest, und es fehlt auch 
nieht an Gerichtsringen, die an ihnen gezeigt werden (Ame88))ing, ))6r8neB8)>ing, 
D^aQardar ping), oder selbst an einem angeblichen Opfersteine , wie jenem 
pdiBteinn am^)>6rsness)>fnge, von welchem oben bereits die Rede war. Aber 
doch ergeben sich bereits bei diesen Dingstätten mancherlei Schwierigkeiten. 
Dieselben sind rielfach bis in die neuere Zeit herab in Gebrauch geblieben, 
wie denn der Verf. z. B. bezüglich des )>fngskAla)>fnges bemerkt, daß dessen 
Dingstätte noch im rorigen Jahrhunderte benutzt worden sei; von hier aus 
erklärt sich, daß vielfältig Richtstätten an oder in der Nähe solcher Dingstätten 
gezeigt werden (Kyalakrökr, porska^ardar ping ; gilgi, gilgaklettar, gilgasteinar, 
Kjalames8)>ing, Amesspfng, ))6rsne88)>ing ; aftökusteinn , aftökugil, pjöfapollr, 
)>ingskäla)>ing), wie denn zumal auch zu pfngvellir die Stätten zu sehen sind, 
an welchen Weiber ertränkt, Hexen yerbrannt, Diebe gehängt und andere Ver- 
brecher geköpft wurden (S. 148 — 49; ygl. S. 124). Das Recht des Freistaates 
wußte Nichts ron irgendwelchen Todesstrafen; erst in weit späterer Zeit sind 
solche aollgekonunen, und alle auf sie bezüglichen Überlieferungen können dem- 
nach erst dieser letzteren angehören. Aber welche Gewähr haben wir dem 
gegenüber dafür, daß die übrigen Angaben über die Localitäten der einzelnen 
Dingstätten auf die Zeit des Freistaates sich beziehen? Bezüglich der Dingstätte 
des Alldinges zu pingvellir hat der Verf. in der That zu beweisen yersucht, 
daß ziemlich alle Überlieferungen über die einzelnen maßgebenden Ortlichkeiten, 
so bestimmt sie auch auftreten, geschichtlich unhaltbar seien, und dieses nega- 
tire Ergebniss wenigstens seiner Beweisführung wird unbedingt anerkannt wer- 
den müssen, wenn man auch hinsichtlich der positiven Aufstellungen, welche 
derselbe an die Stelle der einheimischen Tradition setzen will, seine Zweifel 
haben mag; ich wenigstens gestehe, daß mir eigene Anschauung yon der Ding- 
stfttte und eingehendes Studium der Quellen längst die Überzeugung beigebracht 
hat, daß Alles was num heutzutage auf jener als lögberg, lögrötta, Ding- 
baden n. dgl. zeigt, für die freistaatliche Zeit unmöglich als beglaubigt ange- 
sehen werden kann. Ähnlich aber mag es auch mit den Dingstätten der ein« 
aelaen Frühlingsdinge stehen , nur daß wir bezüglich ihrer lÄftViX. Vn ^«t \jai^ 

1* 



100 LITTERATUR: ZUR TOPOGRAPHIE IBLAHOa 

lind gleich bündigen Beweis fahren so können, sofeme es iu der alten Litteratur 
gar sehr an genaueren Nachrichten über die betreffenden Ortlichkeiten fehlt 
— Schlimmer noch steht die Sache begreiflich in den Fällen, da uns Ding- 
stätten genannt werden, welche in den älteren Quellen überhaupt nicht erwähnt 
sind. Wir hören von einem pingholt bei Reykjavik (S. 20, Anm. 1), von 
einer Dingstätte bei Ellidavatn, bei welcher ein pingnes und ein G^erichtsring 
gezeigt werden (S. 19 — 20), von einer Dingstätte zu Kopavogr, bei welcher 
ein )>inggerdi und eine lögr^tta zu sehen ist (S. 27, Anm.); «in pingaeu 
sammt einem g&lgaklettur findet sich bei Hagi in der Amessysla (S. 198, 
Anm. 2), ein l)fngh6Il zu l)j6d61fBhagi im Holtamanna hreppur der R4ng4r- 
Tallasj^sla (S. 212, Anm. 2), ein solcher mit einem g&lgaklettar bei Störölfs- 
hvoll (S. 230, Anm. 1), bei LeirA im BorgarQördr (S. 296, Anm. 3), bei 
Galtarholt im Borgarhreppr (S. 372, Anm. 2), und bei Smidjah611 ebenda 
(S. 383, Anm. 1), ein ebensolches sammt einem )>inghamarr an Lang^* 
brekka (S. 417^ Anm.), ein pinghöll femer auf den Svefneyjar (S. 544, S. l) 
und bei Vadall (S. 552, Anm. 1). Wiederum ist von einem ^fngskAlanes 
die Rede bei Saurar in der Helgafellssveit (S. 445), und von einem }>ing- 
eyri bei Fagridalr im Saurbsjarhreppr (S. 495), dann von einer Ding- 
stätte und einem D6maradalr bei Hagi , in den Odungen an der Hekla 
(S. 216, Anm. 1); ein D6marahvammur wird bei Vattames im SkAlmarigÖrdr 
gezeigt (S. 537), und dömhringar wollen nachgewiesen werden bei Lsskjarbugr 
im Hraunhreppr (S. 389), bei Höfdi im Dyrafjördr (S. 577), im Unadadalr 
auf den SnsB^allaströnd (S. 606, Anm. 1), bei Sseb^l im Onundari^^'^'^» ^^^ 
zwar hier zugleich mit löggardar und einem gAlgafors (S. 580). Wiederholt 
wird ferner von einem )>riggja hreppa ))ingstadr gesprochen (S. 198, Anm.; 
287; 389, Anm. 1); in allen diesen Fällen aber bieten die älteren Quellen 
keinen Anhaltspunkt für die Annahme, daß bereits in der freistaatliehen Zeit 
an den betreffenden Orten Ding gehalten worden sei. In derartigen Fällen 
eröffnet sich nun, wie dies auch unser Verf.^ S. 20, bemerkt, eine lange Reihe 
von Möglichkeiten. Es ist denkbar, daß die betreffende Dingstätte wirklich 
bereits zur Zeit des Freistaates bestand, sei es nun, daß ein älteres Ding zeiten- 
weise seine Dingstätte wechselte, wie etwa im BorgarQördr zuerst zu ^ingnes, 
dann, wie es scheint, undir Valfelli, und noch später zu Stafholtsey an der 
l>verA Ding gehalten wurde , oder wie das })6rsne8s))ing nach kurzem Bestände 
von Hofstadir weg nach seiner späteren Dingstätte verlegt wurde, — oder daß aus 
Zweckmässigkeitsrücksichten ein Dingverband sich getheilt hatte, wie etwa das 
D^rafjardarping aus derartigen Gründen vom porsk^arda^inge sieh abgezweigt 
zu haben scheint — oder daß in Folge persönlicher Zerwürfnisse ein einzelnes 
Godord aus seinem bisherigen Dingverband ausschied und sich seine eigene 
Dingstätte wählte, wie die Raudmelingar wegen ihrer Streitigkeiten mit Snorri 
godi sich vom }>örsness))inge trennten und ihr eigenes StraumsQardaif>ing er- 
richteten — oder endlich, daß auf Grund der flmtardomslög ein neues Godord 
entstand, welches, weil keinem der bestehenden Dingverbände zngetheilt, noth- 
wendig ein Ding für sich begründen mußte. Es ist aber eben so gut denkbar, 
daß die einzelne Dingstätte erst einer späteren, vielleicht sogar erst einer sehr 
neuen Zeit angehört, und denkbar auch, daß die Annahme einer solchen und 
der auf deren Existenz hinweisende Localname überhaupt nicht gesehichtlich 
bcjgrfindet, vielmehr lediglich der Conjectur irgend eines älteren Geeebichts* 



LTTTERATUR: ZUB TOPOGRAPHIE ISLANDS. 101 

freundes lo verdanken ist. Nach dieser letzteren Seite hin würde man lu 
völliger Klarheit nur gelangen können, wenn die Qeschichto der isländischen 
Bezirksverfassung auch für die spätere Zeit und bis in die Gegenwart herunter 
quellenmässig verfolgt und festgestellt wäre« Dies ist nun aber lur Zeit noch 
ganz und gar nicht der Fall, und auch, so lange das Diplomatarium islaudicuin 
nicht über die freistaatliche Zeit herabreicht, nur auf Qrund umfassender 
archivalischer Forschungen erreichbar; man wird demnach zwar ernsthaft be- 
dauern müssen, daß nach dieser Seite hin die vorliegende Schrift eine empfind- 
liehe Lücke zeigt, aber deren Verf. keinen Vorwurf daraus machen dUrfen, 
daß er sie zu füllen nicht im Stande war« 

Überhaupt möchte ich dafür halten, daß die rechtsgeschichtliche Seite dos 
vorliegenden Werkes die schwächste desselben sei. Die schwierige Frage nach 
der Grenze, welche das Südland vom Westland trennte, wird durch die sehr 
eingehende Erörterung, welche der Verf., S. 331 — 37, ihr widmet, keineswegs 
erledigt, und zwar wesentlich darum, weil die für die spätere Zeit verfügbaren 
Quellen wesentlich unbenutzt bleiben. Die Besprechung der territorialen oder 
aber nur persönlichen Bedeutung der Godorde und der Dingverbände auf S. 69 
bis 72 ist eine durchaus unpräcise, zumal weil der Verf. die AnhalUpuokto, 
welche die Sturlünga und die mit ihr verwandten Sagen für die Annahme eine« 
späteren Überganges von deren rein persönlicher zu einer localen Geltung bieten, 
unbeachtet gelassen hat. Hinsichtlich der Besetzung der fj6rdüngsd6mar äussert 
er sich, S. 110, nicht bestimmt, will indessen, S. 114, Anm. 1, an der Hand 
einer für die Entscheidung der Frage besonders wichtigen Stelle, Nj41a, cap. 27, 
S. 501 — 2, der neuen Ausgabe, auf Grund des von Konr4d Gislason consti- 
tnierten Textes sich eher für die Zahl von 9 Richtern entscheiden. Aber dabei 
ist abersehen, daß dieser Text, wie aus den beigegebenen Varianten zu ent- 
nehmen ist, nur auf dem Zeugnisse einer einzigen Membrane beruht, welche 
»femar tylftir" liest, wogegen alle anderen vorhandenen Membranen, 7 an der 
ZaUy übereinstimmend „preüüsn** lesen. Über die Entstehungszeit und den 
WerUi der 8 Hss. gibt die dürftige Vorrede der neuen Ausgabe allerdings 
keinen Aufschluß, aber Dr. Gudbrandr Vigfiisson, welcher die Güte hatte auf 
Gntnd einer im vorigen Sommer von ihm selber genommenen Copie mir eine 
Abeduift der SteUe nach allen 8 Membranen zukommen zu lassen, bemerkt 
mir, daß das in AM. 162 aufbewahrte Hs.-Fragment, welchem Konr4d Gisla* 
mm Mgt, ungefähr der Mitte des 14. Jahrhunderts angehöre, als eine schlechte 
Hs. xa bezeichnen sei, und daß dasselbe an der hier fraglichen Stelle selbst 
jtdenhJÜM zwei entschiedene Fehler zeige, indem es „femar^ zweimal setze und 
die von Skapti gesprochenen Worte dem Nj4ll in den Mond lege, wogegen die 
7 fibrigen Hss. mit Ausnahme einer einzigen, dem 15. Jahrhundert angebdrigen^ 
eämmtKch ans dem Anfange oder aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stammen, 
md znmal AM. 132 foL und AM. 468 in 4*^ sicherlich bis in die Lebenszeit 
▼OB Lfenten hinanireichen, welche die letzten Zeiten des Freistaates noch seibet 
criebi hatten. Es ist demnach klar, daß die Reconstructioo des Textes in der 
•cacB Ansgabe ganz ond gar nicht im Hinblicke auf den bandsehriftliehen Be* 
immd erfolgt» sondern dorch die vorgefaßte Meinung beeinflußt ist, daß der Bicbler 
36 fnr jedes Landesviertel gewesen sein konnten. Bexiglieb der 
seheiBt mir vollkommen onrichtig, weim der Verf., 8. 117 — 18, 
daß dieselbe ebenso in 4 Abtheilnagen zcr&Oca sei, wie das AUd\^^^ 




102 LITTERATUB: H. PETERSEN, OH N0RDB0ERNE8 0UDEDTBKEL8E etc. 

geriebt in 4 Q6rdiingrd6inar rieb theilte. Wenn in der Kgib6k, §.116, 8. 909, 
gesagt wird : „6r peirre lögr^tto, er lögsögomadr er tekinn, skolo menn g4nga 
til lögbergB*! so bezeicbnet der Ansdmek lögrtoa dabei keioeswegs eine Ab- 
theilong der gesetsgebenden Versammlang^ sondern eine einzehie Sitrang der- 
selben, nnd genan dasselbe gilt anch yon §. 117, S. 214, wo^ nachdem der 
Strafe gedacht wurde, welche den Gknlen treffen soll, der seinen Plati in der 
lögrötta nicht einnehmen will, wenn es zn einer rddning derselben kommt, fort- 
gefahren wird: „)>at yardar ok allt sh'kt hit sama ))eim mönnom öllnm, er 
lögr^tto seto eigo, at gegna at lögr^tto )>eirre sem pk skjlda log til*. In der 
That wäre apch kanm begreiflich, wie eine gesetzgebende Versammlung ohne 
gemeinsame Versanmilangen dorchkommen sollte, nnd schlechthin nnerklärlich, 
warum man die gesetzgebende Function von der richtenden abzutrennen sich 
veranlaßt gesehen haben sollte, wenn nicht gerade die Nothwendigkeit für die 
erstere die Einheit der maßgebenden Versammlung festzuhalten, als das Gkricht 
sich in 4 Abtheilungen spaltete , hiezu gezwungen hätte u. dgl. m. -~- Manche 
der hier henrorgehobenen Mängel werden übrigens möglicherweise durch die für 
den zweiten Band in Aussicht gestellten allgemeinen Bemerkungen ergänzt werden, 
und andererseits wäre es unbillig zu yerlangen, daß in einem Werke, welches 
die mannigfaltigsten Gebiete, wie Topographie, Culturgeschichte , Sagenkunde, 
Volkswirthschaft u. dgl. m. ganz gleicbmässig berührt, jedes einzelne Gebiet 
mit derselben Sicherheit und Sauberkeit behandelt werde, wie man sie von 
einem Specialisten allenfalls zu beanspruchen berechtigt wäre. Ich wenigstens 
fühle mich trotz aller Bedenken, die ich bezüglich einzelner Punkte zu erheben, 
und trotz aller Wünsche, die ich in manchen Beziehungen auszusprechen hatte, 
doch in erster Linie gedrungen, meiner freudigen Anerkennung für das gewal- 
tige Maß des Geleisteten Ausdruck zu geben ^ und zugleich meinem wärmsten 
Danke gegen den Verfiisser nicht nur, sondern auch gegen die amamagnsniaehe 
Commission Luft zu machen, welche in liberaler Auffassung ihrer Aufgabe uns 
in dem vorliegenden Werke eines der wichtigsten Hülfsmittel für das Ventimd- 
niss des isländischen Alterthumes geliefert hat. Möchte der zweite Band recht 
bald dem ersten folgen. 

BfÜNCHEN, den 2. Jum^l878. KONRAD MAUSER 

Henry Petenen,'C)m Nordboemes Gudedjrkelse og Gudetro i Hedenold. Kjbhm. 
C. A. Reitzels Forlag 1876. 

Während unsere deutsche Mythologie nur zum allergeringsten Theil ans 
Dichtungen oder sonstigen Berichten aus heidnischer Zeit schöpfen kann, steht 
es im Norden bekanntlich ganz anders , wo die verhältnissmäßig reichen 
Schätze altheidnischer Göttergeschichten in den beiden Edden den GHanben der 
Nordleute fast wie in einem Compendinm skandinavischer Beligionslehre uns vor 
Augen zu stellen scheinen. Mit großem und mit geringem Geschick hat man 
im Süden und Norden immer wieder die in genialer Unvollständigkeit zusam- 
mengestellten Nachrichten zu vervollständigen , in Systeme zu bringen gesucht, 
in geschichtliche (Odin !) oder Naturvorgänge umgesetzt. Daß hiebei schöne und 
sichere Resultate gewonnen wurden, wird man, und will auch Ref. nicht laug- 
neu, aber gar zu oft hat man aus dem Auge gelassen, daß Poesie und Mytho- 
logie nicht Religion ist. Der alte Rühs hat bekanntlich seiner Zeit heftigen 



LITTERATÜB : H. PETEBSEN, OH NORDBOEBNES GUDEDTBKEL8E eto. 103 

ü^denpnich (P. £. Müller) und wenig Beifall gefunden. Seit man über die 
Entstehnngszeit der Edden etwas klarer nnd nüchterner zu seben angefangen 
hat, findet man auch bcMere Gründe dagegen, daß die Eddalieder reiner Auf- 
druck des religiösen Glaubens spätestens des 6. — 9. Jhd. seien. Sichtige Auf- 
^ABSung der nordischen Mythologie und Religion ist nur möglich , wenn man 
sich gewöhnt, die Edda Torzugsweise als litterarisches Denkmal zu betrachten 
und ihren Inhalt zur Ergänzung , Erklärung anderweitiger Ueberlieferung zu 
rerwenden, anstatt umgekehrt, sie durchweg zu Grunde zu legen. Einen guten 
Schritt zum Besseren scheint obige Schrift gethan zu haben. ^Der Nordleute 
Götterverehrung und Götterglanben in der Heidenzeit. ^ Der YerfiEMser Henry 
Petersen ist natürlich nicht mit dem bekannten N. M. Petersen, dem Verfasser 
der nordischen Mythologie zu Terwechseln. Ende 1876 erschienen , hat sein 
Buch, wie mir scheint, in Deutschland bb jetzt zu wenig Beachtung gefunden ; 
wie ich höre, bt in Dänemark^ Petersen's Heimat, dasselbe der Fall. Es bietet 
nicht, was der Titel eigentlich sagt; es werden nicht alle Götter behandelt und 
nicht alle Seiten des Cultus und Glaubens erschöpfend dargestellt, wohl aber 
sind die wichtigsten und entscheidenden Fragen ausführlich erörtert. In drei 
vngleiehen Theilen wird pag. 1 — 20 über den Cultus, pag. 21 — 32 über die 
Tempel, pag. 38 — 137 über den Götterglauben, die eigentliche Mythologie, 
gesprochen. •— Aus der ersten Abtheilung, die sich zunächst mit der Stellung 
der weltlichen Herrscher zum Cultus befaßt, möchte ich die Bemerkungen über 
das Vorkommen des Godennamens auf dänischen Bunensteinen (Saulva-Kupi, 
Nura-Ku)>i, Tgl. übrigens auch K. Maurer, Island pag. 45) pag. 8 und Anm., 
sowie daa Folgende über die Centralcultusstätten des Nordens hervorheben ; be- 
sonders die ausführliche Auseinandersetzung über Lethra (Lejre), die wohl an- 
geihan ist, die bisherige Meinung über dessen Bedeutung für Dänemark, wie 
sie nach Thietmar ron Merseburg sich bildete, umzustoßen ; ob freilich der Be- 
weü, daß Ringsted die dominierende Rolle gespielt habe, wirklich erbracht sei, 
möchte ich nicht für sicher halten. Mehr Interesse für dänische Geschichte ab 
für nordische Mythologie und Religionskunde hat die Untersuchung über die 
Belegenheit der Hauptdingstätte Isöre pag. 18 £F. Anstoß erregten mir im ersten 
Theile einige scheinbar unwichtige Ungenauigkeiten. Seite 5 heißt es einmal, 
der Besitz des Gk>dordes (auf Island) war an das Geschlecht geknüpft und in ihm 
erblich ; es könnte diese Bemerkung zu Mißverständnissen über die priesterliche 
SteUung des Goden führen; ein inneres Band zwbchen Geschlecht und Grodord 
besteht nicht; bloß der Besitz knüpft Godenwürde und Godenrechte an das 
Geschlecht und an das ganze eigentlich nur, wenn das Godord getheilt wurde; 
an etwas wie 8tammguts(6dal-)eigenschaft des Godord ist nicht zu denken. 
Vgl. K. Maurer, Island pag. 42, 99 f. Eine weitere Unklarheit in Bezug auf 
die Bedeutung und Geschichte jener isländischen Institution enthält pag. 6, wo 
es heißt: der Tempel wurde auf Island in der Nähe der Dingstätte errichtet; 
der Hergang ist, wenn überhaupt eine Regel ausgesprochen werden darf, um- 
gekehrt gewesen. 

Der zweite Theil handelt von der Anlage der Tempelhäuser (Lang- 
hlnser mit Apsis oder Rundbauten!), von ihrer Ausschmückung, von dem Gkng 
und der Zeit der Opferfeste. — Für das midsumarsbl6t bei Snorri kann ich 
übrigens jetzt auf pag. 55 f. der eingehenden Abhandlung von Björn Magn- 
isfoo oben in den Aarbög. t 0. 1878, 1 ff. verweisen« 



104 LITTERiLTUB: H. PETERSEN, OM N0RDB0EBNE8 6ÜDEDTSKEL8E etc. 



Am wiehtigtten seheint mir der dritte Tbeil; er hat sich kein gerin* 
geres Ziel gesteckt, als Odin sn entthronen und Thor an die Spitze des nor- 
dischen 01/mp SU stellen. Theoretisch ist man ja aoch bei uns schon aof ähn- 
liche Resultate gekommen, ygl. Simrock^ Myth. \ pag. 232 f. — H. Petersen 
hat eine eigenthümliche f meines Eracbtens völlig berechtigte Methode einge- 
schlagen. Ich will hier die Hanptmomente seiner Darstellung herrorheben. Vor- 
erst sondert er ans der Gesammtheit der Göttertjpen drei ans: Thor, Frey 
nnd Odin. Ihre Bilder sind es, die in der Regel in den Tempeln allein oder 
▼ereinigt zu finden waren (z. B. in Upsala), sie sind es^ mit denen die Nord- 
lente durch ihre Namen in Verbindung zu stehen suchten (pag. 33 — 41); doch 
Thor tritt auch hier schon in den Vordergrund, sein Bild findet sich am häu- 
figsten, mit seinem Namen sind bei weitem die meisten Männer- und Frauen- 
namen zusammengesetst ()>6Hüfi>, ^6ralldr etc. etc.) pag. 41 ff. Bei den Orts- 
namen ist der Abstand nicht mehr so groß; H. Petersen hat zu wenig beachtet, 
daß gerade mit „Odin" zusammengesetzte Ortsnamen verhältnissmäßig zahl- 
reich sind (pag. 47^ Anm. 1) ; zur Verbindung mit Personennamen konnte Odin 
recht wohl zu heilig und, so zu sagen, zu aristokratisch sein; die Ortsnamen 
beweisen, daß es an Verehrung desselben nicht fehlte. Richtig ist allerding«, 
und hiefur spricht die ganze Person Thors, daß dieser dem einzelnen Bauern 
viel näher stand und sympathischer war, also auch wohl häufiger oder lieber 
zum Gegenstand des Cnltus gemacht worden ist. — Ein weiteres Argument 
bildet das Vorkommen des Hammerzeichens auf Runensteinen (pag. 50 ff., 
dazu die Abbildungen Fig. 1 — 4), als Schmuck (pag. 73 ff., dazu Fig. 6 — 10), 
endlich, dem späteren Kreuzeszeichen entsprechend und oft von ihm abgelöst, 
als symbolische Bewegung der Hand. Nicht recht gesichert, aber interessant 
zu lesen ist was pag. 115 ff. (Fig. 14 — 16) von dem dreiarmigen ELreuz 
(,,Hagekors") gesagt wird. — Femer wird Thors Bevorzugung bei Festen und 
festlichen Gelegenheiten dargelegt, wie sie sich in der Anwendung des Ham- 
mers bei der Namengebnng, bei Hochzeiten^ Begräbnissen ausspricht (pag. 56 ff.). 
Die Bedeutung Thors beim Julfest hat Petersen überschätzt|; die Deutung 
des Bragarfull als „Großthatsbecher* läßt sich hören^ daß aber der s6nargoltr 
dem Donnergott geweiht gewesen, hat der Ver&sser mir nicht überseugeod 
genug dargethan. Mit Rechtj wird dagegen Gewicht darauf gelegt, daß der 
Donnerstag bei weitaus den meisten Dingversammlungen des Nordens als An- 
fiangstermin galt (pag. 66 — 70), wozu allen^lls noch bemerkt werden kann, 
daß in Island auch der Sommer immer mit einem Donnerstag begann, wohl 
deshalbi weil derselbe überhaupt als erster Wochentag galt. Soviel von Thors 
Stellung im Cultus und im Volksleben. Auch die Edda widerstreitet den bis- 
herigen Ergebnissen nicht (pag. 98 ff.). Odins Übergewicht beruht hier bekanntlich 
zum guten Theil auf der Fuhrung der Helden in Walhall. Petersen weist 
nun nach, daß die Idee der Versammlung der Helden um Odin neueren Ur- 
sprungs, daß anfilnglich Hei gemeinsamer Aufenthalt aller Gestorbenen gewesen 
sei, daß also nicht die Verstärkung von Odins Heer Ziel und Aufgabe der tüch- 
tigsten Männer im Volk war. Von Thor handeln zudem die meisten Mythen; 
er spielt die Hauptrolle, er wird von den Äsen in kritischen Fällen zu Hälfe 
gerufen, nicht Odin (p. lOO). — Weiter sind Beweise von ganz anderer Seite 
beigezogen. Thor erweist sich schon als Donnergott als uralter Gegenstand 
des Cultus und der Mythe und bietet in weit ausgedehnterem Maße Anhalts- 



LITTERATUR: B. DÖRING, BEMERKUNGEN ÜBER STIL etc. 105 

punkte zur Vergleichung mit deu Gottheiten anderer Indogermanen (pag. 125 f.)., 
Iq keiner uns zugänglichen Zeit hat das Ansehen Thors, auch nur vorüber-, 
gehend, einen Stoß erlitten. Abgesehen von der Geltung desselben bei dea 
Südgermanen, die uns auf den Zustand vor dem „Sonderleben^ der Nord- und 
Südgermanen schließen läßt, ist zu beachten (pag. 101), daß es Thor ist, den 
in früher Zeit die Finnen von den Skandinaviern entlehnen, den die Vikinger 
in England, in der Normandie, in Rußland vor allem ehren. — Die Resultate 
über Thor sind an verschiedenen Orten ausgesprochen pag. 94, 107; ich brauche 
sie hier nicht zu wiederholen. — Auf Odin ist der Tendenz der Schrift gemäß 
nicht näher eingegangen; wir müssen es bedauern; was geboten wird, leidet 
zwar etwas unter der Bestimmung, des Gottes Unterordnung zu documentieren^ 
enthält aber des Beachtenswcrthen nicht wenig; ich verweise auf die Bemerkungen 
über den Einfluß klassischer Göttervorstellungcn (pag. 94), über das Ansehen 
der Kriegstüchtigkeit bei den Skandinaviern (108); über das Alter der Odin- 
dichtong (130 f.); die Frage, ob diese einer Art Hofreligion entsprach (131 f.); 
es liesse sich mancherlei gegen die hier ausgesprochenen Ansichten vorbringen, 
zumal auch gegen den Schluß, daß die Mythen über Odin zwar rein nordisch 
ausgeprägt seien, ihren Ursprung aber bei den Südgermanen hätten. 

Doch meine Anzeige ist schon zu lang geworden. Es bleibt mir nur 
Qbrig, Petersens Buch zu fleiasigem Studium ernstlich zu empfehlen. Niemand 
wird es ohne reiche Belehrung und Anregung aus der Hand legen. 

MÜNCHEN, Ende JuU 1878. OSCAR BRENNER 



Dr. Bernhard Döring , Bemerkungen über Stil und Typus der isländischen 
Saga. Osterprogramm des Nikolaigymnasiums zu Leipzig 1877. 44 S. 4. 

Zwar ist der Umfang des Programmes nur ein geringer, doch halte ich 
die Arbeit für eine in hervorragender Weise verdienstliche. Seit Koppens litte- 
rarischer Einleitung in die nordische Mythologie hat keine deutsche Schrift 
ausführlicher das Wesen der isländischen Saga behandelt, und Bemerkungen, 
wie sie Vigfusson in der Einleitung der Eyrbyggjasaga und der Fomsögur^ 
Maurer in der Gnll-xorissaga und sonstigen Schriften und Möbius an ver- 
schiedenen Stellen machten, sind immer nur Eigenthum der Fachgelehrten ge* 
blieben. Wie kümmerlich es mit der Kenntniss der Sagalitteratnr in Deutsch - 
huid noch immer bestellt ist, zeigen diu betreffenden Abschnitte der verbreite- 
ten allgemeinen Litteraturgeschichtcn (von Scherr n. a.), welche die ungeheuer- 
Hehsten Dinge über die Sagas berichten. Dörings Arbeit erreicht den Zweck, 
den sie sich vorgesetzt hat : in wissenschaftlich populärer Weise dem deutschen 
Volke ein Bild von dem Wesen der isländischen Saga zu entrollen. Man könnte 
mit dem Verfaßer vielleicht rechten wegen der Auswahl der Sagas, die er für 
seinen Zweck benutzt hat (es sind Nj41a, Gunnlaugssaga ormstungu ok Skald- 
Hraina. Gull-JPörissaga, Egilssaga, Hallfredarsaga , Eyrbyggjasaga , Vatnsdsela- 
saga, Flöamannasaga und die rorsteiossaga Sidu-Hallssonar mit Vergleichung 
Ton Islendingabök). Es werden darunter einige charakteristische Formen der Saga 
▼ermißt, während andere, spätere, weniger eigenartige Formen, wie die F16a- 
mannasaga, berücksichtigt sind; doch treten diese Bedenken zurück gegenüber 
der Erwägmig, daß doch endlich einmal von berufener Seite eVn ^Oca:\\x ^- 



106 UTTBRATUB: W. HERTZ, TRISTAN UUD WOLDK 

thtti ist, um den isULnduchen Sagas aucb in Deutschland größeren Antheil sn 
erwecken. Besonders angemessen sind die Abschnitte über Begriff nnd Wesen 
der Saga, Entstehung und Fortpflanzung Ton Erzählungen, Behandlung des 
Stoffes, Selbständigkeit des Schriftstellers und über die Form der Darstellung. 
Die Abschnitte über die Abfassungszeit der Saga, die vermuthlichen Aufzeichaer 
der Sagas, über die Strophen sind etwas knapp dem Umfang nach, diejenigen 
über die Abweichungen tou der ursprünglichen Ueberlieferung und über Ton, 
Sprache und Satzban nicht adäquat abgegrenzt. Die in den Sagas häufige meta- 
phorische Ausdrucksweise hätte Erwähnung finden können, ebenso die nicht 
seltene Uebertreibung, die besonders in der Charakteristik von Personen in 
eigenartiger Form auftritt (vgL z« B. in Njala 95 , 20 , wo es von Hildigunnr 
hdßt: h6n rar skörungr mikill ok kvenna fridust synum. h6n rar sy& hög, at 
f4r konur T&ru jafiihagar. h6n var allra krenna grimmust ok skaphordast enn 
drengr g6dr )>ar sem Tel skjldi yera, oder die Berichte über Porir in der Porsk- 
firdingasaga u. t. a.), auch manche andere den Sagas eigenthümliche rheto* 
rische Form hätte besprochen werden können; indeßen ist doch zu erwägen, 
daß der YerfEJWr auf geringen Raum beschrilnkt war und zudem rersprochen 
hat, in einem zweiten Theile, in welchem auch LaxdsBla und Gretla Berück- 
sichtigung finden sollen, eine Fortsetzung über Qenealogieni Charakteriatikenf 
Träume u. s. w. zu geben. Hoffentlich ist dieses Versprechen schon erfüllt, 
wenn die Recension gedruckt sein wird *). Was der yorliegende erste Theil biete^ 
ist vortrefflich geeignet, der isländischen Saga Freunde zu gewinnen. In seiner 
litterarbistorischen Skizze hat, bei aller Selbständigkeit und Sorgfalt der For- 
schung, der Verfaßer nicht die allgemeinen Gesichtspunkte aus dem Auge rerioren. 

ALTONA, im Man 1878. P. PIPER. 

Triatan und Isolde von (3k>ttfried von Straßburg. Neu bearbeitet und naeh 
den altfranzösischen Tristanfragmenten des Trouvere Thomas ergänzt von 
1/imhehn Hertz. Stuttgart Gebrüder Kröner. 1877. kL 8. VHL nnd 
644 S. 

mcht lange naeh Erscheinen einer dritten Auflage von Hermann Kurzena 
„Tristan und Isolde'' (Stuttgart, Cotta, 1877) kam die vorliegende Bearbeitung 
von Wilhelm Hertz, über deren literarische und künstlerische Seite ich an einem 
anderen Orte zu handeln gedenke ^^ die ich aber doch auch in der Gkrmania 
aas verschiedenen Ghünden erwähnen und besprechen möchte, weil das Buch 
auch ein gelehrtes Interesse in Anspruch nimmt. — Ist hier auch keine Über- 
setzung dargeboten y wie sie vorher Kurz und Simroek lieferten , indem diese 
neue Bearbeitung manches aus Gottfried's Werke einfrich ausscheidet, anderes 
kürzt, anderes auch stilistisch ändert, so haben wir dennoch im Großen und 
Ganzen eine Übersetzung vor uns, die dem Original sich möglichst ansusoUießen 
sucht. Es ist hier der Versuch gemachty zwischen einer wörtlichen Übersetzung 
und einer dichterisch völlig freien Neubearbeitung einen Mittelweg zu finden. 



*) Diese Fortsetsong ist im diesjährigen Osterprogramm des Nikolaigymnasinms 
noch nicht ersefaieoen, Bondem statt deren von demselben Verfssser : Eine altisländische 
Brandlegung. Episode aas der Ersahlang vom Leben des NjsL Ans dem 
Urtexte übertragen. Leipzig 1878. 20 8. 4. 

^) Ist geschehen in den Blättern für Ut Unterhaltung 1878, Nr. 88. 



UnnULTUR: W. HEBI% TRI8TAH ÜHD SMILIffi. 107 

und insofern erscheint mir das Bach von Hertz in der Geschichte der Über- 
tragungen ans dem Mittelhochdentschen eine bedentongsToUe Stelle einsnnehmen. 
Aber nicht bloß hinsichtlich seines Gesammt-Charakters hat dieser eigenartige 
ÜbersetznngsTersnch seine besondere historische Wichtigkeit^ sondern auch wegen 
seiner poetischen Form. Herts nämlich legt sich eine Strenge in der Technik 
des Reims- und Versgebranchs auf, wie sie Tor ihm in Übertragungen der 
Knnstepen großem Umfange niemals su finden ist. Auf diese Weise wird der 
grasiose Charakter des Originals gewahrt, andererseits der modernen Gewöh- 
nung ein Zugeständniss gemacht. Aber der Dichter treibt das Princip der 
Regelmäßigkeit im Verse nicht auf die Spitze; er wechselt zwischen jambischem 
und trochäischem Rhythmus und vermeidet dadurch die klappernde Monotonie, 
an denen unsere Epen seit Opitz zu leiden pflegen. Während Kurs und Simrock 
sich für ihre Fortsetzungen den Sto£f selbst zurechtlegten, rerschiedene Quellen 
zugleich benutzten, folgt Hertz den kurzen Fragmenten des französischen Thomas. 
Diese Wahl hat insofern auch eine philologische Tendenz, als hier für den 
SdUlnß eme Quelle zur Geltung kommt, die der von Gottfried genommenen 
mdäquat ist, wenigstens im Großen und Ganzen. 

Vor allem aber ist diese belletristische G«be deshalb der besonderen Be- 
aclitong der deutsch-philologischen Kreise werth, weil ihr ,, Anmerkungen* bei- 
gefSgt sind, die nicht allein dem den mittelalterlichen Studien ferne stehenden 
Leser Erläuterungen, sondern in der That auch dem Kundigen nicht unwill- 
kommene Beiträge zum Tristan-Commentare bieten. 

In diesen ,,Anmerkungen^, die nicht in der sonst üblichen lakonischen 
Form auftreten, sondern für die der VerfEÜSer mit Rücksicht auf einen weiteren 
Leserkreis mehr den Stil der Abhandlung gewählt hat, ist ein großer Schatz 
▼on Gelehrsamkeit niedergelegt, und im Einzelnen erfreuen feine geistroUe Deu- 
tungen. Die im Gedichte auftretenden Namen sind hier genau erörtert, ein- 
sebie Wörter, namentlich Fremdwörter werden erklärt und nach ihrem Gebrauche 
daigelegty über die Sagengestaltungen belehrt derVerfaßer fleißig und eingehend ; 
gmns besondere Beachtung ist auch der Erklärung der kulturhistorischen Mo- 
mente geschenkt, wobei auch, wenn sich die Gelegenheit bietet, der Gebräuche, 
die sich ans alter Zeit bis in unsere Tage gerettet oder die in der G^en- 
wart eine andere Geistalt angenommen haben, gedacht wird. Solche Hinweisungen 
auf Alterthümlichkeiten der Sitte halte ich für sehr gewinnbringend, und daß 
sie auch anziehend sind und oft mehr als Litteratur und Grammatik inter- 
eesiren, habe ich im lebendigen Verkehr mit den Mitgliedern meines Seminars 
aar Gknüge erfahren. Darum habe ich auch in meiner Ausgabe des Heinrich 
TOB Freiberg noch etwas mehr als in meiner Gottfried - Ausgabe auf kultur- 
historische Züge Bedacht genommen und, soweit ich es Termochte, die erhal- 
tenen Reste oder die Veränderungen des alten Brauches berührt in der Hoff- 
ning^ auch die Leser für solche Dinge an interessiren. Ich habe freilich in 
Er&hmng bringen müßen, daß es auch trockene Seelen gibt, die für die Äuße- 
rungen des Volkslebens keinen Sinn besitzen und denen gelegentliche Hindeu- 
tongen auf die heutige Zeit ^wunderlich erscheinen (ride Kiuzel, Zeitschr. f. 
d. Ph* 9. B., S. 240 unten). Für solche Leute sind auch numche der von Hertz ge- 
gebenen Belehrungen natürlich ohne Interesse, dagegen werden ihm alle die- 
jenigen dankbar sein, die in einer Dichtung nicht bloß ein individuelles Kunst- 
werkf sondern anch ein lebensrolles Zeognisi des Volke- und "L^XdiB^AJiNAa ^< 



106 LTTTEBATÜR: W. HERTZ, TRISTAN UND ISOLDE. 

blicken , und die zugleich ein Geföhl haben für die traditionellen Ziuammen- 
hänge der Gegenwart mit unserem Alterthum. 

Außer dem eigentlichen Commentar hat Hertz auch hie und da ästhetische 
Fingerzeige gegeben, einmal wird auch eine kritische Frage berührt. 

Wie sehr mir gerade diese Beiträge zum Tristan- Commentar willkommen 
waren, möchte ich nun dadurch erweisen, daß ich im Einzelnen diejenigen 
speciell philologischen Erklärungen von Hettz hervorhebe i welche die von mir 
in meinen Anmerkungen zu Gottfried gegebenen corrigieren, verbessern und 
ergänzen. Daß ich sie auch für eine etwaige neue Auflage verwerthen und ent- 
lehnen würde, brauche ich kaum zu sagen. Für die ausgeführten Belehrungen 
würde natürlich bei der Anlage meines Commentars nur der Autor kurz eitiert 
werden können. 

S. 550 tumieren (V. 2107) erklärte ich mit: wenden; bei HerU steht 
bezeichnender: schwenken, die Volte reiten. — S. 551 smirlia (V. 2203) in 
der Ausgabe allgemein mit , Lerchenfalke* erklärt, Hertz berichtigend und ge- 
nauer: „der Zwergfalke, der kleine Lerchenstößer, nicht mit dem Lerchenfalken 
zu verwechseln", worauf Notizen aus der Naturgeschichte und Jägerei folgen. — 
S. 551 hcLbeche(mikasre und ouch in rdien vederen) (2204 fg.). Hertz widerspricht auf 
Grund naturgeschichtlicher Thatsachen mit Recht meiner Auffassung, daß diese 
Worte, die ich in Klammem schloß^ sich auf alle vorher genannten Vogelnamea 
beziehen; sie gehören nur zu habeche. — ^ S. 553. 555 biäs Triitant; biät ami» 
(2395. 2679). Hier würde von mir nachzutragen sein, daß bida auch = lieb 
ist wie Mchmne in V. 3534 (doch hat Hertz dies schiene in der Übersetzung 
mit: „edel" gegeben). — S. 558 lumbelen-^ unteren {timberen) (2941). Hertzens 
Erklärungen sind bestimmt > während ich mit Vorbehalt und fragend erklärte« 
/. = Nierenbraten, z, = die Hoden, das Kleinwildbret Letztere Erklärung 
mit Verweis auf Paul's Aufsatz Germ. 17, 398, Aiimerkung (Zamcke). — 
S. 561 von minem kern Gurüne (3524) und S. 562 GrdUtnde* des sehcBnen 
(3585). Die erste Stelle wußte ich nicht zu erklären, dagegen wies ich im 
Namenverzeichniss unter dem Namen GrdUmt auf die Novelle hin, |,vermuth- 
lich des Inhaltes, daß Or. gemordet und seiner Geliebten zum Essen vorgesetst 
wird^. Hertz belehrt uns, daß das Gurunslied eine der zahlreichen Varianten 
der sogenannten Herzmähre behandelte, und daß dann wohl in dem Gralands- 
lied ein anderer Inhalt gesucht werden müsse, und zwar erscheine ein G^raland 
als Held eines Feenmärchens. — S. 563 — 566 Symphonien ^ rotten j liren^ soi»- 
biüt (3674 ff.). Ich konnte nur kurze und unbestimmte Erklärungen geben. 
Was Hertz aus der Geschichte der musikalischen Instrumente beibringt, ist 
überaus lehrreich. Es ist nur schade, daß man die Werke, auf die H« hin- 
weist, wie Lacroix^ Lee arte au moyen-dge (Paris 1871) nicht leicht zur Hand 
haben kann. — S. 580 diu kuppe (H. übers, die Haube) (7056). leh würde 
nach H.'s Vorgang eine materiell genauere Erklärung des Wortes zu geben 
haben. Ich habe überhaupt die Bemerkung machen müssen, daß unter denen, 
die Altdeutsch treiben y eine große Unkenntniss der mittelalterlichen Tracht und 
Bewafiuung herrscht, daß aber andererseits ein großes Interesse für solche 
Gegenstände sich zeigt, sobald nur die Anregung dazu gegeben wird. -^ S. 586 
»chevelier damoieele (9169). Ich würde nachzutragen haben, daß damoisUe 
der Genetiv ist. Meine Erklärung von V. 5580 habe ich längst aufg^egeben. 
— S. 595 In einem tage er s* dder Heu (15121). Trotz Herrn BLinsel würde 



LITTERATÜR: W. HERTZ, TRISTAN UND ISOLDE. 109 

ieh die kaltorbistorlscbe ÄDmerkuDg ron H. entlehnen: ^ Im Mittelalter pflegten 
Hoch nnd Nieder wenigstens einmal im Jahr^ im Frübling, zur Ader zn lassen, 
ein Brauch, der sich beim Landvolk in rielen Gegenden bis heute erhalten 
bat*. — S. 595 gotes reht (15310) H.: „das kanonische Recbt^. Wurde nachzu- 
tragen sein« — S. 604 ix)r CorinHa jdren (16695). Im Namenyerzeichniss 
sagte ich: „rielleicbt Qnirinus nach Bech^ kaum mit Groote Chronos". Diese 
Erklärung ist aufzugeben. Hertz weist in einer ausführlichen Darstellung naoh^ 
daß hier der aus der trojanischen Sage stammende Riese Korin'du9 gemeint 
sei. — S. 610 der galander (16895). Nach dem Vorgang der gebräuchlichen 
lexicalischen Hnlfsmittel erklärte ich galander mit ^ Haubenlerche '^. Nach H. 
ist das ein Irrthum, der galander ist rielmehr die große Lerche, Ringlerche, 
alauda calandra lAnniy auch alauda Sibiricaj während unsere heimische Hau- 
benlerche alauda erUtaia ist. — S. 626 li firaina (18714). Ich setzte zur 
Erklärung: ans franau ein Fragezeichen. H. bestätigt diese Erklärung, indem 
er sagt: „K firairUf offenbar entstellt aus li fran»y der Freie, der Edle, francus, 
eines der gebräuchlichsten Epitheta in der altfranzösischen Dichtung^« — 
S. 6S7 Oco^ (18736). Ebenso bestätigt H. meine Erklärung, oee^ = 
Oeean, doch sieht er nicht, wie ich that, im Worte eine bestimmte Ortlich- 
keit im Sinne des Dichters, sondern direct den atlantischen Ocean, der im mit- 
telalterlichen Latein auch occeanu» heiße. 

In einem Falle schwanke ich noch, ob ich die von H. gegebene Erklä- 
rung annehmen solle oder nicht. S. 583 erklärt er zur Stelle ^die Sonne 
komme Ton Mjcene*^ = daz sunne van Myeene gi 8278, der Dichter verwech- 
sele hier Sparta, wo Helena geboren wurde, die Stadt des Menelaus, mit der 
Stadt seines Binders Agamemnon, Myeene. Das ist möglich, denn solche Ver- 
wechselungen sind in der mittelalterlichen Poesie nicht selten« Aber ich glaube^ 
daß meine auf eine rhetorische Formel (par» pro toto) zurückgeführte Erklärung 
aueh Bestand haben könne. 

Auch eine andere Erklärung scheint mir nicht sicher. S. 612 ist zu den 
Worten: ^Sie war, wie ich euch eben las*^ = ei wa»y aU ich ieeuo da las 
16982 bemerkt: „der Dichter denkt sich seinem Publicum gegenüber als Vor- 
leser*^. Allerdings, wenn das Wort loa im Nhd. beibehalten wird, kann es nur 
in der gedachten Weise erklärt werden ; allein im Mhd. ist la» nicht immer = 
1ms Tor, sondern auch allgemein: erzählte, trug vor; vgl. zu 6. Tr. 134. 2650. 
— S. 503 ist in der Anmerkung Kurvenäl gesetzt, um das a im Namen, der 
•ODSl im Text natürlich nur als Kumeval erscheint, als lang zu bezeichnen. 
Ich habe auch in Heinrich's Tristan das a im Nominativ mit allem Bedacht 
•la kurz genommen und werde mich später darüber aussprechen. 

SchUeßlich komme ich nun auf jene von Hertz (S. 543) berührte kri* 
tische Frage. Gegenüber der in allen neueren Ausgaben stehenden Lesart in 
etne» herxen Itisten aweben ist H. auf die der handschriftlichen Überlieferung 
eotsprecheude Lesart der älteren Ausgaben vonMyller und Groote zurückgegangen: 
in s. A. lüften^ und übersetzte demgemäß „Im Sturme seines Herzens schweben'. 
Daß jüngere Schreiber mit aller Absicht lüften gesetzt haben werden, bezweifle 
ieh keinen Augenblick. Ob aber in den älteren Hss. wirlich lüften statt lußen 
stehen soll, wird sich bei der großen Ähnlichkeit, ja Gleichheit von fl und ft 
nicht leicht entscheiden lassen. Es müssen daher andere Entscheidungsgründe 
gesucht werden. Ich habe lange zwischen haften mid lüften ^eac\x^«SLVx \k\A 



110 LITTER4TUR: H. KÜRZ, TRISTAN UND ISOLDE. 



doeh du letitere gewählt und zwmr ans GMnden der Poesie und des Stib. 
Die Ton H. adoptierte Wendong ist ein Bild, ein rolbtändiges Bild und noeh 
daia ein reeht drastisches. Stünde es far sieh allein^ so würden wir es, wenn 
aaeh sonst die Lüfte des Herxens nicht Yorkommen, dem bilderreichen Gh>tt- 
fried wohl sntraaen dürfen. Aber wie stark würde dieser erhabenen Ansdraeks- 
weise gegenüber die folgende, eng angeschlossene Zeile 262 ab£dlen: und m- 
loaii fidcA dnetn willen Ubenl Erst Lüfte, Sturm des Hertens und dann das 
Abstractom Wille! das würde gar nicht Gk>ttfiiediseh sein. Eben wegen wüle 
ist der Torhergehende Aosdrock auch abstraet, er ist nnr dnrch das bildliche 
moeben gehoben, in sCnet Asrsen hüten ist gleich in vrOuden^ tu umnnen. Die 
Wendung ist der Ton neueren Dichtem auch gebrauchten ähnlich : in Freuden, 
in Wonne schwimmen. Gk>ttfned gebraucht auch kurz nachher in V. 30S als 
Variation seines ersten Ausdrucks tii der lebenden stfese eweben. Dies die Ghrfinde, 
weshalb ich die Metonjmie der Metapher vorsog und heute noch voniehe. 

Jeder, der sich eingehender mit Qottfried beschäftigt, wird diese Anmer- 
kungen Ton Herts nicht entbehren können. 

Zum Schlüsse noch ein Wunsch. Herti hat su den Anmerkungen ein 
Register beigefugt, welches sehr willkommen ist. Aber die Anmerkungen yer- 
weisen nicht auf die Zahl der Seite im Gedichte. Das erschwert die Benutzung 
gar sehr; man muß su lange suchen, ehe man die betreffsnde Zeile ausfindig 
gemacht hat. Möchte in einer neuen Auflage, die diesem schönen und herror- 
ragenden Werke hoffentlich und Yoraussichilich nicht fehlen wird, die praktische 
Einrichtung getroffen werden, wie wir sie in Kurzens Tristan und Isolde finden. 

ROSTOCK, im Mai 1878. REINHOLD BECH8TEIN. 



Triittn und Isolde , Gedicht tou €k>ttfried von Straßburg. Übertragen und 
beschlossen tou Hermann Kurz. Dritte rermehrte Auflage. Stuttgart 1877. 

Kon'. Übenetenog hat nmeh seinem Tode eine neue AniUge erfohr«. 
Es ist Pflicht der Pietät, bei seinem erneuten Erseheinen dankbar das Werk 
des Mannes zu begrüssen, welcher dem grossen Dichter so w aim es Veratibid- 
niss entgegengebracht y der so eifrige und eindringliche Arbeit ihm gewidmet 
hat. Wir haben nicht nöthig, die Vorzüge seiner Übertragung zu rühmen; 
sie sind allbekannt und werden auch durch die Arbeit von Herts nieht in den 
Schatten gestellt; seine Schlußdichtung ist der Hertz'schen entsehieden über- 
l^en. Dagegen muß erwähnt werden, inwiefern die neue Auflage eine ver- 
mehrte zu nennen ist. Hinzugefügt ist das Bruchstück einer neuen, freien Be- 
arbeitung von Tristan und Isolde, welche Kurz 1864 in L. Seeger*s deutschem 
Dichterbuch veröffentlicht hat und die einem grösseren Kreise kaum bduumt 
geworden ist. Selbst Bechstein (Tristan und Isolt in deutschen Dichtungen 
der Neuzeit) scheint sie entgangen zu sein. Und doch ist sie von hoher 
Schönheit; sie athmet Gottfrieds Geist und steht doch ganz modern da; mit 
glücklichem Griffe versteht sie bedenkliche Klippen zu umschiffiBn. Nur eine Probe: 

Ihr Mund, der machte ihn freudehaft, 

Ihr Mund, der brachte ihm eine Kraft, 

daß er das königliche Weib 

an seinen todeswunden Leib 



LFTTEBATUB: A. JEITTELE8, ALTDEUTSCHE PREDIGTEN. Hl 

in heiMem G^enktuse schloß, 

seine Seele in ihre Seele goß. 

Fürwahr ein Wunder da geschah: 

Leben nnd Tod, die kämpften da 

auf Tod und Leben um den Sieg; 

das Leben dem Tode bot den Krieg, 

es stieg hinab in seine Nacht, 

hat der Minne Funken drin angefacht, 

durch dessen Kraft es den Feind beswang, 

daß neues Leben aus Tod entsprang. 
Weiter ist hinzugetreten das Märchen: der Kampf mit dem Dra- 
chen, Kun's Polemik oder rielleicht besser seine Satire auf Oswald Marbach's 
Beeension ron Kun*s Tristanübersetsung: irisch und mannhaft^ klar und deut- 
lieb tritt er dem Widersacher gegenüber, aber trotsdem bleibt er fein und 
liebenswürdig; seine Pfeile tre£Fen sicher^ aber sie sind nicht vergiftet. 

Gern hätten wir in dem Bande auch noch Kurses Aufuits: Zum Leben 
Gottfirieds yon Straßburg (Germ. XV) aufgenommen gesehen: obwohl sich seit 
seiner Abfassung der Baddaritu in einen Ziddariue verwandelt hat*), gehört 
er doch unstreitig zum Besten, was Kurz geschrieben. Die Aufnahme wäre um 
so Wünschenswerther gewesen, als die Einleitung zum Tristan nicht den gün- 
stigsten Eindruck macht und die unter dem Einfluß von Böth stehende Sagen- 
deutnng besonders beim Laien ganz dazu geeignet ist, Mißtrauen gegen Kun's 
Forsehungsweise und nebenbei gegen alle Mythenforschung überhaupt zu er- 
wecken ; wenn dem Leser z. B. folgender salto mortale zugemnthet wird (p. XYI) : 
9 Zwischen dieser ältesten Thatsache (der Mischung semitischer und indog^er- 
manischer Völker) ist eine dunkle Lücke in der Geschichte der westlichen 
und nördlichen Hälfte von Europa. Wir können sie unbedenklich mit der Vor- 
steUimg von einem beständigen Hin- und Herfluthen der Völker ausfüllen, 
worin Sagen und religiöse Überlieferungen durcheinander gerüttelt wurden, iriUi- 
rend die einzelnen Völker doch abgeschlossen und ursprünglich genug waren, 
um das Empfangene selbständig auszubilden". 

HEmELBEBG, den 19. Mai 1878. OTTO BEHA6HEL. 



Altdratielie Predigten aus dem Benedictinerstifte St. Paul in Kärnten. Her- 
ausgegeben von Adalbert Jeitteles. 8. (XLm, 188 S.) Innsbruck 1878. 
Wagner'sche Universitäts-Buchhandlung. 

Sckmidt, JolLann, Priester Konrad's deutsches Predigtbnch. 8. (1 Bl. 11, 
20 S.) Wien 1878. Verlag des Verfassers. 

Die zuerst in den altdeutschen Blättern 11, 159 erwähnten Predigten von 
St» Paol verdienten aus sprachlichen wie sachlichen Gründen herausgegeben zu 
werden« Jeitteles hat es an Fleiß und Mühe nicht fehlen lassen, um sie wis- 
seDsehaltlich zu verwerthen. Ausser Bemerkungen über den Charakter der 

^) Es ist eigentlich merkwürdig, daß man in dem Qodofredus Bodelarius de 
A r g entin a jemals einen Gottfried von Straßbarg, Notar, hat finden können, denn die 
Woftstdiung wäre dann so, als wenn sich etwa A. v. Keller Adelbert Professor von 
Keller nennen würde. 



112 UTTERATUR: A. JEITTELES, ALTDEUTSCHE PREDIGTEN. 

Predigten und ihre Stellang innerhalb der deutschen Predigt enthält die Ein- 
leitnng eine ausfahrliche Darstellang der sprachlichen Eigenthümlichkeiten der 
Hs., wozu die Anmerknngen noch manche Ergänzung geben. Diese sind dazu 
bestimmt schwierige Stellen zu besprechen und auf Verwandtes in Hinsicht 
der Sprache und der Gedanken zu verweisen. Das beigegebene Glossar stellt 
das für den mhd. Wortschatz bemerkenswerthe zusammen. 

Die nachfolgenden Bemerkungen haben nur den Zweck^ dem Herausgeber 
zu beweisen, daß ich seinem Buche die Aufmerksamkeit geschenkt, die sein 
Fleiß verdient. S. XII wird unter den Beispielen von % für e auch hivilde 
54^ 2 aufgeführt, mit Unrecht, denn wir haben es hier mit betontem % {pifilde 
Nib. 1064,4) zu thun. — 2, 25 wird besser trdtsun als comp, geschrieben; 
denn ir lieben trüi sun^ wobei (rüt als unflect adject aufgefaßt werden müßte, 
hat wenig fiir sich; ebenso noch 4^ 5, und vielleicht auch trülmuoter 5, 7, 
wiewohl hier nach dem Gebrauche der Hs. trüt auch fiir trüte stehen könnte. 
Sicherlich aber ist trütmuoter comp. 33, 11. — 3, 19 versuenetj ebenso 4, 28 
und durch^mgig schreibt J. ue statt des in unsem Ausgaben üblichen Ue\ die 
Bezeichnung der Hs. (versvnet) kann hier nicht maßgebend sein. — 3, 24 
1. adimpUre. — 6, 5 das doppelte da ist nicht verwerflich, das zweite dient 
wir Verstärkung des ersten. — 6, 6 Stephdnus; warum d? Der geistliche Ver- 
fasser hat doch sicher St^cmua gesprochen, wie auch der Dichter des Pas- 
sionals (Köpke S. 37 ff.) durchaus betont Danach flült auch die Berichti- 
gnng SU 26, 10. 15. — 6, 10 In der Anm. zu dieser Stelle sind die beiden 
Wörter ^H ^Stachef und ^ort^Grarten mit einander vermischt; letzteres kommt 
79, 21 vor, aber man kann nicht behaupten, daß es dort stark gebraucht sei, 
denn der gart kann nach dem Brauche der Hs. für der garte stehen. — 6, 20 
da, besser wohl dd] auch 31 steht falschlich da für do in der Hs. — 6, 29 
kann man nicht eigentlich ein plural. subject annehmen ; denn subj. ist mami^ 
#tts^<, wozu menech erklärend hinzutritt. — 7, 7 ist gesunden irrig aufgefaßt 
als (moralisch) gesund bleiben ; es ist vielmehr = gesunden^ von der Zeit an 
wo wir Recht und Unrecht zu unterscheiden vermochten. — 10, 27 ist mioeken 
gewiß als conj. zu nehmen, denn dieser ist nach aüe im Altdeutschen das Ge- 
wöhnliche. Derselbe Fall 123^ 6, vgl. Anm. — 13, 11 tiumme als scbw. masc 
aufzu^Eissen geht nicht an, da es beim plur. stummen lauten mußte. — 16, 27 
genennet als prät. Form wäre allerdings auffallend; es ist aber Präsens, das 
bei einer Berufung auf einen gottlichen Ausspruch sehr wohl am Platie ist. -— 
22, 10 bedeckt wird durch vergessen wiedergegeben, es liegt viehnebr die Vor- 
stellung von dem bedeckenden, schützenden Mantel Mariae an Grunde. — 25, 2 
irdüeker konnte allerdings beibehalten werden; vgl. 41, 8 wir toUen «in am gaUemj 
mdes und hazsee, und Jeitteles' Anm. — 29, 21 das = dos's an nehmen ist 
nicht nöthig, da nach e6 statt eines Satzes mit d€Ui ut mhd. gana gewöhn- 
lich das Relativum steht. So häufig bei Wolfram der^ wo Lachmann mit nn- 
nöthiger Pedanterie dir schreibt. Der gleiche Fall begegnet 108, 15^ vgl. 
Jeitteles' Anm. — 33, 13 ist un» sicherlich nicht als Acc. , sondern alt Dat. 
zu fassen; am einfachsten ist aus gebetes den acc. gebet als Object zu Mii^ai 
herauszunehmen. — 38, 28 ff. gehuldet als 'geehrt aufnifassen scheint mir 
nicht passend: es ist vielmehr = holt machen, und ein paralleler Ansdruek zu 
dem folgenden vergeten des tomes. — 40, 6 xtant in daz zu verändern ver- 
bietet die Wortstellung. — 44, IG ist Uucden keine Nebenform für Hüefen, 



LITTERATUR: J. SCHMIDT, PRIESTER KONRADS PREDIGTBÜCH. 113 

sondern eine Ableitnog von hluot, ^Blüte'; es steht für Uuoten, wie 44, 14 
biuode. — 47, 5 fehlt kein Object üs, sondern niht 'Nichts' ist das Object. — 
48, 19 steht untriw nicht für untriUf sondern für untritoej die Abwerf ung des 
e ist hier nm so weniger anfTällig, als und folgt. — 49, 24 die Länge gtnch 
im imper. ist sehr unwahrscheinlich and schwerlich zn billigen. — 54, 24 böse 
ist nicht abgeschwächte Form für bosiu^ sondern unflectierte. — 55, 25 doch 
wohl für unschuldich'^ — 58, 14 ist frum shi keineswegs sicher mit acc. con- 
stmiert; denn in gehört nur zu gehdfen und zu frum sin ist aus in ein im 
herauBsunehmen, — 59, 20 du heizest'^ wir hätten die invertierte Wortfolge 
erwartet'; warum? Wir sagen auch: du gebietest und es geschieht. — 68, 9 
die für verdienen hier angenommene Bedeutung sich verdient machen' ist mir 
sehr unwahrscheinlich; vielmehr ist nach vasten ein Komma zu setzen, und 
alles folgende bis 68, 14 ein einziger Satz, der in eiuen mit d6 übergeht (statt 
mit d€u) wegen des Vordersatzes, der 68^ 9 beginnt. Ein Satz mit daz in 
Konrads Predigtbuch 9, 31. — 103, 9 ich glaube nicht, daß hinter daz etwas 
ansgefaUen ist, sondern beziehe daz auf ^ur. — 122, 22 f. ist smach ab Sub- 
ject herauszunehmen. — 136, 3 f. ist kein Object zu ergänzen , sondern man 
tfant besser vor Idzen kein Komma zu setzen. 

Sprachlich noch interessanter als die St. Pauler Predigten sind die Predigten 
des Priesters Konrad, aus welchen J. Schmidt einige Bruchstücke mittheilt. Konrad 
hat naeh Schmidt in den letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts in der Gegend 
des Bodensees gewirkt und geschrieben. Seine Predigten finden sich mit seinem 
Namen nur in der noch dem 13. Jahrh. angehörenden Hs. 2684* der Wiener 
Hofbi(>liothek; ohne Namen finden sich einige derselben in der Münchener Hs. 
cgm. 74 und in den von K. Roth in seinen deutschen Predigten herausge- 
gebenen Regensburger Bruchstücken aus dem 12. Jahrhundert. Konrad nennt 
seinen Namen in der lateinischen von Schmidt am Eingange seiner Auszüge 
nutgetheilten Vorrede, in welcher er sich als *Cuonradus presbyter licet indi- 
gnna bezeichnet Schmidt hat für ein paar der ausgehobenen Stücke den Text 
▼on Roth herangezogen, und auch in den nur in W erhaltenen Predigten die 
Sehreibung nach Maßgabe der Regensburger Bruchstücke geregelt, was ganz 
so billigen ist. Die Fehler des Wiener Textes sind meist geschickt und glück- 
Kdi gebessert, die abweichenden Lesarten genau angegeben. Nicht verständ- 
fieh sind jedoch einige Lesarten: besitzen 5, 30, denn ebenso steht im Texte; 
Sf B sine muß wohl 6, 5 heissen; 8, 26 werlf^ 10, 21 frowen (soll wohl /rcmiüefi 
heisaen?); 12, 19 himiUsken, soll wohl himUischen bei den Lesarten heissen? 
Unrichtig ist die durchgängige Schreibung iwangSlia statt iwangelia; und warum 
apöealipsis 18, 7. Patmös 18, 4. 15? hantheiz 5, 25 durfte der fehlerhafte An- 
Imnt h (für antheiz) unbedenklich als Schreibfehler beseitigt werden; auch ^t- 
mäe 7, 32 war in himü zu verändern. — 10, 12 ist hctben als conj. ganz 
riditig nach dem negativen Satze. — 10, 15 statt vor ist wohl van zu schreiben. 
— 11, 2 lies Unser frowen statt TJnde frowen\ vgl. 11, 9. — 12, 21 ist frum- 

als ^n Wort zu schreiben. — 18, 19 ist statt unde vielleicht wände zu 



Schließlich notiere ich einige unbelegte Worte: von*eise 7, 8. 11, 2. etn- 
gmßaeUdien 8, 37 (bisher war nur eingenSte belegt). Jieimladunge 10, 9. 12. 
ttmgetiirage IS, 84. Auch überkiren ist in dem Sinne wie es 15, 26 gebraucht 
ist^ noeh nicht belegt 

efiUfAmA. H«ii0 B$Die 1/7. (XX17.) Jahrg. % 



114 mSCELLEN. 

Die Predigten verdienen eine vollsU&ndige Ausgabe unter Benntituig 
aSmmtlicher vorhandener Quellen. Herr Schmidt , der sich mit der deatscheo 
Predigt des Mittelalters eingehend beschäftigt hat, scheint mir dam wohl vor- 
bereitet und könnte sich durch eine solche Edition ein Verdienst erwerben. 

HEIDELBERG, 18. September 1878. K. BARTSCH. 



MISCELLEN. 



Bericht 



über die Verhandlungen der deutsch -romanischen Abtheilung der XXXIII. Ver- 
sammlung deutscher Philologen und Schulmänner zu Gkra 1878. 

Die Section constituierte sich am 20. September Mittags 12 Uhr nach 
Schluss der ersten allgemeinen Sitzung unter dem Präsidium von Professor Dr. 
Ed. Sievers aus Jena. Derselbe eröffnete die Versammlung mit einer kuraea 
Begrüßung der Anwesenden; zum zweiten Vorsitzenden wurde Prof. Dr. Sachs 
aus Brandenburg, zu Schriftführern Privatdocent Dr. Neu mann aus Heidelberg 
und Gymnasiallehrer Dr. Ph. Wegen er aus Magdeburg ernannt. Die hierauf 
folgende Einzeichnung in das Album der Section und damit verbundene Zah- 
luDg eines kleinen Beitrages zur Deckung der etwa entstehenden Kosten^ sowie 
die Ankündigung der folgenden Sitzungen füllte die übrige Zeit aus. 

Als Mitglieder zeichneten sich ein folgende 36 Herren: Bech Fedor, 
Dr., Professor in Zeitz; Benecke Alb., Director in Berlin; Deuticke, Dr., 
Gynmasiallehrer in Berlin; Döring Bemh., Dr., Gymnasiallehrer in Leipzig; 
Dunger H., Dr. in Dresden; Dtintzer, Dr., Professor in Coln a. Rh.; Eck- 
leben Selmar^ stud. phil. in Halle a. S.; Fischer H., Dr. in GreiCnrald; 
Grube, Dr., Oberlehrer in Berlin; Hobbing J., Lehrer an der höheren 
Bürgerschule in Nienburg a. W. ; Hoefer, Dr., Gymnasiallehrer in Seehausen; 
Hofmeister Ad., Dr., Gustos der Universitätsbibliothek in Rostock; Hol- 
feld, Dr., Oberlehrer in Guben; Hummel F., Dr., Reallehrer in Weimar; 
Kluge H., Dr.y Professor in Altenburg; Koch, Dr., Professor in Grimma; 
Koehler Reioh. , Dr., Bibliothekar in Weimar; Mahn, Dr., Profettor in 
Steglitz bei Berlin; Neu mann F., Dr., Privatdocent in Heidelberg; Opitz, Dr., 
Gymnasial- Oberlehrer in Naumburg a. S.; Ost hoff, Dr., Professor in Heidel- 
berg; Paul H., Dr., Professor in Freiburg i. Br. ; Pfundheller, Dr., Ober- 
lehrer in Tamowitz; Regel E., Dr., Reallehrer in Gera; Sachs, Dr., Pro- 
fessor in Brandenburg; Schmager, Reallehrer in Gera; Schneider Rob«, 
Reallehrer in Halberstadt; Sievers Ed., Dr., Professor in Jena; Sprenger 
R«, Dr., Reallehrer in Northeim; Stier G. ^ Dr., Gymnasialdirector in 
Zerbst; Stratmann F. H., Dr. in Krefeld; Weber H., Dr., Professor in 
Weimar ; W e g e n e r Ph. , Dr. , Gymnasiallehrer in Magdeburg ; Weist en- 
born H., Dr., Professor in Erfurt; Wentrup H., Dr., Rector in Eottleben; 
W Sicher E., Dr., Archivar in Weimar. 



MI8CELLGN. 115 

Die zweite Sitxang haid statt am 1. October früh 8 Uhr. 

Prof. Paul sprach über das Vocalsystem des Germaoischen auf Grund- 
lage der neuesten Forschungen, indem er ausführte, daß das nach Bfaßgabe des 
Sanskritvocalismns entworfene indogermanische Vocalschema a i u mit den 
Steigerungen ä, at, au einer Reform dringend bedürftig sei. Die i- und ti-Beihen 
sind fiberflüßig; man hat vielmehr zwei Reihen von a - Vocalen anzunehmen, 
für die nach dem Vorgänge Osthoff's die Bezeichnung a und Ä gewählt wird. 
Jede dieser Reihen geht auf einen Grundvocal zurück , der sich bereits in der 
indogermanischen Grundsprache in Folge der verschiedenen Accentuation drei- 
&ch gespalten hat, in eine starke Stufe (o^ und Aq\ eine mittlere (a, und Ä^) 
und eine schwache (gänzliche Ausstoßung des Vocals). Den Vocalen Oj und Oj 
entsprechen in europäischen Sprachen e und o, während das Ä auch in diesen 
den reinen a - Laut beibehält. Die Kürzen , i sowohl als u, sind nicht etwa 
Qmndvocale, die zu einem at, oi etc., gesteigert werden, sondern sie sind aus 
Abschwächung dieser Diphthonge durch Wegfall des a hervorgegangen, so daß 
nun die ursprünglich nicht silbenbildenden Componenden i und u die Stelle 
des Vocals ausfüllen mußten. Sie verhalten sich also zu den einfachen a- und 
ii- Vocalen gerade so wie die Lautgruppen cd, am^ an^ ar etc., indem auch 
hier die Sonorlaute 2 , m , n , r beim Ausfall des Vocales seine Rolle über- 
nehmen. Sind solche Laute in der betreffenden Silbe nicht vorhanden, so kann 
natürlich nach dem Wegfalle des Vocals nichts weiter daraus werden und das 
Wort wird um eine Silbe verkürzt. 

Der Grund der Schwächung jener Diphthonge zu kurzen Vocalen liegt 
in den Accentyerhältnissen ; eben darauf geht aber auch die Scheidung der 
a-Beihe in e und o und der gänzliche Wegfall des Vocals zurück, wie schon 
vorher erwähnt wurde. So haben wir demnach entsprechend den haüpttonigen, 
nebentonigen und unbetonten Silben eine starke, mittlere und schwache Vocal- 
stnfe« Diese ist bei der^einfachen a-Reihe: 

o e — , 

bei der Hinzunahme von t und u 

oi ei i y ou eu u , 
mit rj ly fOy n aber 

or er r y ol el l , 

om em m, on en fiy 

wobei in der sehwachen Stufe dann die übriggebliebenen r, ^, m, n als Silben- 
büdner auftreten. — - Die il-Reihe ergiebt ä, ä, — . Scheinbar steht dem enl- 
gegmoL , daß der Hauptaccent häufig auf der mittleren , nicht auf der ersten 
Stafe steht, wodurch die dreifache Abstufung zu einer nur zweifachen wird. 
Deshalb bleibt es immer noch eine sehr wichtige Aufgabe , diesen uralten 
Voeal- und Accentverschiebungen nachzuspüren. Beide Vocalreihen, die mit a 
oad die mit Ä als Grundvocal, laufen einander völlig parallel. Auf Grundlage 
dieeee neuen Vocalsystems entwickelt nun Redner den Vocalismus der germa- 
nifdien Sprachen. Besonders weist er nach, daß sich die verschiedenen Stufen, 
namentlich in den ablautenden Formen des Verbums deutlich erhalten haben. 
Die Hanpteigenthfimlichkeit des Germanischen sind der Rückgang des alten o 
sa a, ein Umstand , den auch das gotische Lehnwort cdev = oleum zeigt 
oad die Erweiterung von silbenbildendem r, 2, m, n zu tir, ti/, um^ tm, die 
•ogar in die mittlere Stufe hinübergreift und er, e2, eia, m «VicsD&i&a v^ mit^ 



116 MISCELLEN. 

tUj um, un umwandelt, woza die nachfolgende Liquida die Veranlassung giebt, 
weshalb wir z. B. im gotischen gihans die mittlere Stufe rein erhalten finden, 
während sie in stuUmSy numans die Modification erlitten hat. Die Beduplication 
und die mit ihr Terbundene Yocalabstufung ist nur im Gk>tischen rein er- 
halten ; die übrigen germanischen Sprachen haben nur zusammengesogene For- 
men dafür, aber wahrscheinlich ist die einfache Form ebenso ursprünglich. 

Nachdem diese Abstufung in derselben Weise ^ wie sie für die Wurzel- 
silben durchgeführt war , auch für die Ableitungssilben an einer Reihe von 
Einzelbeispielen ihre Darlegung gefunden hatte, legte Prof. Osthoff in der 
daran anknüpfenden Debatte kurz seine etwas abweichende Ansicht dar. £Ir 
hält tine Dreitheilung des Vocalsystems in eine a-, t- und o-Beihe für empfeh- 
lenswerther und meint, daß ausserdem auch die Längen untergebracht werden 
müßten, behält sich jedoch die nähere Begründung auf eine andere Zeit vor, 
da er gerade mit einer Abhandlung über dieses Thema beschäftigt sei* Prof. 
Sievers erklärte sich dagegen mit der Anschauung des Vortragenden eiuTer- 
standen , doch ließ die vorgerückte Zeit eine weitere Ausdehnung der Dis- 
cuBsion nicht zu. Die Sitzung schloß um lOy^ Uhr. 

Die dritte Sitzung wurde am 2. October Morgens 8 Uhr Tom Vorsitzen- 
den mit der Vorlage der Tagesordnung und der Büttheilung eroffiaet, daß zum 
nächsten Versammlungsort Trier ausersehen sei. Als Präsidium f&r nächstes 
Jahr wurden vorgeschlagen und erwählt die Professoren Wilh. Wilmanns 
und Wendelin Förster in Bonn. 

Darauf widmete Prof. lyr» Sachs dem im Laufe des Jahres verstorbenen 
Charles Grandgagnage einen Nachruf, dem er einen Nekrolog der seit der 
letzten Versammlung dahingeschiedenen Philologen und Forscher auf dem G^ 
biete der neueren Sprachen, wie Creizenach, Leo, Weigand, Brjant, Aleardo, 
Lanfrej und anderer vorausschickte. Büt warmen Worten gedachte er der Ver- 
dienste des Verstorbenen um die wissenschaftliche Bearbeitung der walloniBchen 
Sprache und erwähnte zuletzt, daß die Herausgabe der binterlassenen Papiere 
August Scheler in Brüssel übernommen habe. 

Sodann kam zur Berathung, ob es nicht besser sei, die Vormittagssitiong 
etwas abzukürzen, um den Mitgliedern den Besuch der allgemeinen Sitzung zu 
ermöglichen, da einer der für diesen Tag angesetzten Vorträge (Prof. Osthoff 
sprach über das physiologische und psychologische Moment in der Formen- 
bildung und ihr gegenseitiges Verhältniss) lebhaftes Interesse erregte. Zur Be* 
wältigung der Tagesordnung sollte dann noch eine Nachmittagssitznng abge- 
halten werden. Vorläufig wurde jedoch beschlossen, erst den folgenden Vortrag 
abzuwarten, und dann nöthigenfalls von neuem über den Antrag zu berathea. 
Archivar Dr. E. Wülcker theilte mit, daß er jetzt die Redaction des 
bisher von L. Diefenbach und ihm gemeinschaftlich berausgegebenen hodi- 
und niederdeutschen Wörterbuches der mittleren und neueren Zeit (Frankfurt 
a. M. 1874, Winter) allein übernommen habe, und daß er nun eine raschere 
Vollendung in Aussicht stellen könne, und geht dann über zu einem Vortrage 
über die Entstehung der kursächsischen Kanzleisprache. 

Luther hat in dem 69. Capitel der Tischreden den bekannten Aus- 
spruch gethan: „Ich habe keine gewisse, sonderliche Sprache im Deutaehen, 
sondern brauche der gemeinen deutschen Sprache, daß mich beide Ober* und 
Niederländer verstehen mögen. Ich rede nach der sächsischen Canieley, welcher 



MISCELLEN. 117 

nachfolgen alle Fürsten nnd Könige in Dentschland. Alle Reichsstädte, Für- 
stenhofe schreiben nach der sächsischen nnd unseres Fürsten Canzelej, darum 
ists auch die gemeinste deutsche Sprache. Kaiser Maximilian und Kurfürst 
Friedrich I Herzog zu Sachsen etc. haben im römischen Reiche die deutschen 
Sprachen also in eine gewisse Sprache gezogen.^ Der erste Theil dieses Aus- 
sprachea ist leicht verständlich; am zweiten Theile hat man sich bis heute 
ziemlich vergeblich versucht. Die Erklärung dafür kann aber auch nur an der 
Hand eines reichen Urkundenmateriales gefunden werden. So wird es denn, 
fthrt Redner fort, einem Archivar der Weimarer Archive am ersten zustehen, 
an diese Frage heranzutreten und mit Hilfe der Hinterlassenschaft der großen 
Emestiner des 16. Jahrhunderts die Erklärung jener dunklen Worte zu ver- 
suchen. Wer da aber glaubt, eine Sprache zu finden, die gleich der heutigen 
in Orthographie und Dialekt strengen Regeln folgt, wird sich sehr enttäuscht 
sehen. Zum Wesen einer Kanzleisprache aber ist es auch gar nicht nötbig, 
daß derartige strenge Gesetze festgehalten werden. Jede Sprache, welche sich 
vom gesprochenen Dialekte unterscheidet, von den Kanzleischreibern cultiviert 
wird und traditionell geworden ist, kann eine Kanzleisprache genannt werden. Und 
wenn alsdann die Fürsten, denen jene Kanzlei zusteht, es sich angelegen sein lassen, 
alle in ihrem Namen verfaßten Urkunden in dieser so entstandenen Schreibweise 
ausgehen zu lassen, so können wir auch hier schon von einer fürstlichen Kanzlei- 
sprache reden. Wenn wir also die Sprache der kursächsisclien Herrscher untersuchen, 
so haben wir nach jenen Richtungen die betreffenden literarischen Ueberbleibsel 
zu erforschen. Unter den letzteren sind es aber nur die Urkunden, welche die 
Aufinerksamkeit auf sich ziehen, denn es ergiebt sich, daß wenigstens in der 
älteren Zeit nur diese in einer feierlicheren Sprache ausgestellt wurden , daß 
dagegen die Actenstücke und Briefe dem Dialekt stets näher blieben. In den 
Urkunden selbst sind es aber auch nur der Vocalismus und Consonantismus, 
der für uns wichtig wird — Syntax und Lexicon unterliegen der altherge- 
brachten Formel. Bevor wir auf die Besprechung der kursäcbsischen Kanzlei- 
sprache selbst eingehen , gilt es einen Blick zu werfen auf die Sprache der 
benachbarten kaiserlichen Kanzlei , denn von dort aus sind wesentliche Ein- 
flüsse nicht zu leugnen. Die Sprache der Urkunden der deutschen Kaiser ist 
in bei weitem überwiegendem Maße bis auf die Tage Ludwig des Baiern die 
lateinische gewesen; erst seit diesem Fürsten beginnen deutsche Urkunden in 
größerer Menge aufzutreten. Fragen wir nach dem Grunde dieser Aenderung, 
so ergiebt sich uns , daß die herzoglich bairische Kanzlei schon seit langer 
Zeit das Deutsche cnltivierte, daß also Ludwig bei seiner Thronbesteigung ein* 
fach den Gebräuchen, denen er als Herzog gefolgt, auch als König und Kaiser 
treu blieb. Der Vorgang in der Hauptkanzlei Deutschlands fand allerwärts 
Nachahmung und besonders in Mitteldeutschland werden die Urkunden etwa 
seit dem dritten Jahrzehent des 14. Jahrhunderts in überwiegendem Maße 
deutsch verfasst. Die in Ludwigs Namen ausgestellten Urkunden sind aber in 
gar verschiedenem Dialekte geschrieben. Wir finden streng bairische , dann 
Urkunden in fremdem und endlich solche in gemischtem Dialekte. Der Wechsel 
läßt sich unschwer erklären. In der Kanzlei selbst mögen einerseits neben 
Baiem auch Nichtbaiem angestellt gewesen sein. Weiterhin werden gelegent- 
lieh der Reisen des Herrschers Notare in den Städten, wo er sich gerade be- 
fand, zur Ausstellung der Urkunden requiriert. Endlich ist auch nachzuweisen^ 
daß die Petenten selber die Coneepte für die zu veT£8A«eTi^«\^T\L}sxi^^ ^\)X.^<^A<&^ 



118 MI6CELLEN. 

uod eingesandt haben. Die gemischten Dialekte rühren von Leuten her, die 
die kaiserliche Schreibart nachzuahmen versachten, ohne genügend mit ihr ver- 
traut zu sein. Unter den luxemburgischen Herrschern hat sich auch keine 
wi^liche Schriftsprache ausgebildet , vielmehr wird in ihren Urkunden jener 
Dialekt wiedergegeben , der auf hochdeutscher Grundlage beruhend dem Bin- 
nendeutschen ungemein nahe steht, aber wir finden doch eine gewisse Auswahl 
der Formen innerhalb des Dialekts selbst, die Schreibung indeß ist nicht aus 
dem Dialekt herausgetreten. Wenzel übeminmit die Kanzlei des Vaters , Sieg- 
mund und Albrecht schließen sich , wenn auch nicht ganz , so doch in der 
Hauptsache der Schreibung der Prager Kanzlei an, und die hier entwickelte 
Schreibweise gewinnt allerseits in Deutschland den Ruf, die specielle Sprache 
des Kaisers zu sein. Wir sehen dies einerseits daraus, daß immer mehr auch 
die in ferneren Gegenden im Namen des Kaisers ausgestellten Urkunden die 
pragische Schreibweise wiedergeben, wir erkennen es aber wohl am schlagend- 
sten daraus y daß Friedrich III. , da er auf den Kaiserthron gelangt, die süd- 
deutschen Eigenthümlichkeiten allmählich aufgibt und im Gegensatze zur 
Schreibart, die ihm als Herzog geläufiger war, die bisher gebräuchliche Kaiser- 
sprache annimmt. In seinen späteren Jahren sind auch alle Urkunden, mögen 
sie in Nord- oder Süddeutschland ausgestellt sein, in gleicher Schreibung ver- 
faßt. Maximilian endlich übernimmt des Vaters Kanzlei und führt deren Sprache 
auch in seinen niederländischen Provinzen durchaus als officielle Sprache ein. 
Während des 15. Jahrhunderts ist in Sachsen, Meissen und Thüringen anfangs 
der Volksdialekt der in den Urkunden durchaus herrschende gewesen. Wir 
erkennen nicht , daß sich die Schreibart eines Friedrichs des Sanfbnüthigen, 
eines Wilhelm des Tapferen von der gemeinen Mundart abhübe; aber während 
diese Verhältnisse in Thüringen bis zum Tode Wilhelms (1482) die gleichen 
bleiben, tritt nach Friedrichs des Sanftmüthigen Tode (1464) in der anderen 
Linie der Wettiner eine wichtige Aenderung ein. Friedrichs Sohne, Ernst und 
Albrecht, residierten vorzugsweise in Dresden bis 1485; und in dieser Zdt hat 
die Urkundensprache eine große Veränderung er&hren. Sie ist nämlich der 
kaiserlichen ELanzleisprache aogeähnelt worden, indem bei Schwankungen des 
Dialekts die Formen bevorzugt wurden , welche mit der kaiserlichen Sprache 
übereinstimmten , weiterhin aber auch geradezu einige Elemente der kaiser- 
lichen Kanzleisprache neu eingeführt wurden. Nach dem Tode Wilhelms verlor 
die binnendeutsch schreibende Kanzlei zu Weimar , die bisher den Ton für 
Thüringen angegeben, ihre Bedeutung; an ihre Stelle trat alsbald die Tor^ 
gauische, denn nach der Theilung 1485 wurde Torgau die Residenz des Kur- 
fürsten Ernst. Gleich nach Wilhelms Tode hatte sich schon in den kurfürst- 
lichen und herzoglichen Urkunden, welche in Thüringen entstanden, im Gegen- 
satze zu den Zeiten Wilhelms die neue Kanzleisprache eingebürgert und sie 
gewann auch in Kursachsen, wo bisher in den Schriften auch Binnendeutsch 
geherrscht, die Oberhand. Ein Jahr nach der Theilung starb Kurfürst Ernst. 
Seine Söhne Friedrich und Johann traten an seine Stelle und hielten die Grund- 
sätze des Vaters in Bezug auf die Kanzlei fest. Friedrich hat sich viel um 
letztere bekümmert; wir besitzen auch eine Kanzleiordnung, die er 1499 auf- 
stellte, und er galt dem späteren Geschlechte, da Ernst in Thüringen nie po- 
pulär geworden, als der £i finder der Kanzleisprache. Diese Kanzleisprache aber 
ist, ausser in den Urkunden der Fürsten, anfangs nirgends wieder zu ent- 



MISCELLEN. 119 

deekeD — alle nicht urkundlichen Schriften, alle Concepte, alle privaten Cor- 
respondenzen der Fürsten sind im Dialekte geschrieben. Auch die Urkunden 
der PriTaÜeute tragen noch einige Zeit den Dialekt zur Schau, und so hat der 
heranwachsende Luther zwei geschriebene Sprachen vorgefunden. Dadurch, daß 
er sich in seinen Werken für die Sprache der Kanzlei entschied, hat er ein 
Beträchtliches mitgeholfen, den Dialekt aus der Schrift zu verdrängen. 

Nach Schluß der Debatte, in welcher noch mehrere Beispiele angeführt 
wurden von dem Einflasse, den die höherstehende Kanzlei auf die subordinierten 
auch in Bezug auf die Sprache ausübte, stellt Dr. Weg euer den Antrag, 
eine Commission zu bilden, welche bis zur nächsten Versammlung einen Plan 
almaarbeiten habe , nach welchem eine Reihe von Dialektgrammatiken der 
deutschen Mundarten anzulegen sei. Dieser Plan solle dann der Reichsregie- 
mng vorgelegt und dieselbe um Unterstützung dieses Unternehmens ersucht 
werden« Begründet war der Antrag damit, daß die Reichsregierung keines- 
wegs die Unterstützung der Dialektforschung überhaupt abgelehnt habe, son- 
dern nur die im vorigen Jahre erbetene der Frommann'schen Zeitschrift, da sie 
dieselbe in ihrer bisherigen Form nicht für zweckentsprechend angesehen habe« 
Der Antrag geht durch und es werden für die Commission vorgeschlagen und 
genehmigt: Prof. W. Braune in Leipzig (abwesend), Prof. Paul in Frei- 
burg i. B, Prof. Sievers in Jena, Dr. Wegener in Magdeburg, Dr. W In- 
tel er in Burgdorf, Canton Bern (abwesend). Die anwesenden drei Uerren er- 
klärten die Wahl anzunehmen. 

Da noch hinreichend Zeit vorhanden zu sein schien, wird von einer Nach- 
mittagsitzung abgesehen, worauf Prof. Mahn über deutsche Wörter dunklen Ur- 
sprungs sprach, die aus dem Keltischen stammen und dort ihre Erklärung finden. 
An und für sich sei es deutlich^ wenn man das Verhältniss der Einwanderung der 
verschiedenen Völker in Europa aus Asien erwäge, daß die Kelten den Ger- 
manen überall voranfgegangen waren. Es werde aber auch durch die geogra- 
phischen Namen der Städte und Flüsse erwiesen, wo Kelten vor den Germanen 
saßen und welchen Weg ihre Einwanderung nahm. Es werden keltische Völ- 
kersehaften in Kleinasien und Pannonien genannt, die Galater und Skordisker; 
in Galizien und Sehlesien wohnten die Gothinen , die nach Tacitus gallisch 
redeten; ihre Städte Carnovia, Eburum, Carchodurum, die rein keltische Namen 
haben, beweisen dies; die Bojer in Böhmen waren ein keltisches Volk; immer 
weiter nach Norden und Nordwesten hin finden sich keltische Namen, die Saale, 
Halle, die Elbe, Berlin, die Pichelsbergo bei Spandau, die Havel, Brandenburg 
(fäbcfalich für slavisch gehalten) , der Brocken , die silva Hercynia , sogar Ar- 
cona auf Rügen, Weser etc. sind, wie es der Vortragende in seinen etymolo- 
g^chen Untersuchungen über geographische Namen ausführlich nachgewiesen 
hat, keltische Benennungen. Man sieht hieraus, daß auch im mittleren und 
nördlichen Deutschland Kelten vor den Germanen ansässig waren, obgleich die 
Geschichte nichts davon weiß oder nur schwache Andeutungen gibt. Es wäre 
daher nicht lu verwundern, wenn sich Spuren des Keltenthumes auch in der 
deutschen Sprache zeigten. Bis jetzt hat man aber wenig darauf geachtet, ob- 
gleich so manches Dunkle im Deutschen daraus zu erklären wäre. Der Vor- 
tragende hatte schon in Rostock einen Vortrag über dieses Thema gehalten 
und damals sieben deutsche Wörter als Beispiele keltischen Ursprunges ange- 
fSbrt und bewiesen, nämlich : Apfel, Birne^ Möhre oder Mohrrübe, Kronsbeere 



120 MISCELLEN. 

oder Preiselbeere, Gabel^ Amt und Affe; das letstere orientaliBchen Ursprungs, 
aber in der Form Affe ohne k im Anlaut den Deutschen von den Kelten über- 
liefert Von den seitdem nea hinzugefondenen Wörtern fahrte derselbe in seinem 
jetzigen Vortrage an: Habicht, Bock, Grille, Hahn, Tanne, Binse, Boggen, 
Besen, Rock, Krag, Bruch, Brühl, Alp, mhd. bohart, deren keltischen Ur- 
sprang er aosfohrlich entwickelte. 

An der Debatte hierüber betheiligten sich besonders Director Stier and 
Professor Stein thal and wies namentlich letzterer, ohne die Richtigkeit der 
gegebenen Ableitangen in Frage zu stellen , darauf hin , daß recht wohl die 
deutsche und die keltische Sprache unabhängig von einander eine bereits in 
der Ursprache Torhandene Wurzel festgehalten und selbständig ausgebildet 
haben können^ daß es also nicht absolut nothwendig sei, eine directe Entleh- 
nung anzunehmen. 

Die von Prof. Sievers für eventuell noch freibleibende Zeit in Aus- 
sicht gestellten Bemerkungen zur altnordischen Metrik mußten, da die Sitzung 
schon angewohnlich lange gedauert hatte, leider wegfallen und schloß der 
Vorsitzende die Verhandlungen der Section für die diesjährige Versammlung 
gegen 11 Uhr. 

ROSTOCK. AD. HOFMEISTER. 



Deutsche mittelalterliche Handschriften der Fürst-Georgs-Bibliothek su 

Dessau. 

(Fortsetzung.) 

3. 

Demantin von Berthold von Holle. 

Diese Handschrift, fest gebunden und mit zwei (mit rothem Leder aberzogenen) 
Einbanddeckeln aus Holz versehen, bisher die einzige vollständige des Demantin, 
wurde erst vor einigen Jahren, als die Fürst-Gkorgs-Bibliothek aus den untern 
Räumen des herzoglichen Schlosses zu Dessau nach dem herzogL Bibliothek- 
Gkbäude daselbst geschafft und der Aufsicht des Unterzeichneten unterstellt 
wurde, entdeckt. Letzterer machte sogleich dem Herausgeber der früher be- 
kannten Werke des Berthold von Holle, Prof. Bartsch, Mittheilung von 
seinem Funde und überließ demselben das Msc. zum Zweck der Herausgabe 
(113. Publication des litt. Vereins in Stuttgart vom J. 1875). Die Hand- 
schrift gebort dem 15. Jahrb. an, ist in Quart (21 7$ c. hoch, J^Yg breit) 
und besteht aus 259 Blättern, von denen immer 12 eine Lage bilden. Die 
letzte Lage hat nur 7 Blätter, ist aber unvollständig; doch fehlt nur 1 Blatt, da 
die Mitte der Lage sich hier schon nach dem vierten Blatte befindet. Die 
Arbeit ist nach einer Vorlage geschrieben, welche Blätter zu 80 Zeilen hatte, 
wobei natürlich wohl nicht an lange spaltenlose Seiten mit 40 kurzen Zeilen, son- 
dern an kürzere Seiten mit 2 Spalten zu 20 Zeilen zu denken ist. So erklärt 
sich denn auch in unserer Handschrift die Umstellung einiger Blätter, die viel- 
leicht schon in der Vorlsge falsch gebunden waren. Die Sprache unserer Hand- 
schrift trägt durchweg thüringischen Charakter, was um so mehr zu beklagen 
istf als keine der bisher aufgefundenen Handschriften (sechs an der Zahl) Toa 



MISCELLEN. 121 

CMicbten Bertholds ein rein niederdeutsches Gepräge hat, wiewohl doch Ber- 
thold als niederdeutscher Dichter anzusehen ist. Anfang des Gedichtes: 

Bertolt von helle hin Ich genat 

Den gute tede ich wol behaut 

Gutes manes werdikeit 

Daz ist den vngeczogenen leit 

Dj haben mich dar lange hj get'bin 

Ores hasßes wil ich mich begebin 

Dorch ejue rede dj ich habe gedacht 

Dj hette ich gerne vollen bracht 

Den vrournedenrichen czu eren 

D7 sullen ez gar vor keren 

Vnde ores selbes laster meren. 
Schließlich ist noch zu bemerken , daß auf der Innenseite des vorderen 
Einbanddeckels ein Stück eines lateinischen Legendariums aufgeklebt ist: y,[c]i- 
riacus a marcello papa djaconus ordinatus comprehensus et ad maximinianum 
dedactns jussus est cum socits suis ut terrain federet^ u. s. w. ; wie daß sich 
auf der Innenseite des hinteren Einbanddeckels ein Blatt aus einer Papierhand- 
schrift des 15. Jahrhunderts von dem Richtsteig landrechts befindet, 
beginnend: 

hat he sj verworcht 

so vynt man öme czu 

buze czwene besme etc. (gedruckt bei Bartsch S. 359 ff.) 

4. 
Der Renner von Hugo von Trimberg. 

Papierhandschrift des 15. Jahrhunderts (a. d. J. 1408) in Kleinfolio 
(30 c. hoch, 21 c. breit), festgebunden, mit zwei lederbezogenen Holzdeckeln 
(jeder mit 5 Messiogknöpfen ausgestattet) versehen. Zwei früher daran be- 
findlich gewesene Lederschließen sind abgerissen. Sonst ist der Codex inner- 
lich und äusserlich ziemlich gut erhalten. Er besteht aus 192 Blättern in Lagen 
zu 12 Blättern. Das Papier ist fest und stark und trägt einen Bogen (?) als 
Wasserzeichen. Die einzelnen Bogen sind willkürlich vom Schreiber verwandt, 
so daß das Blatt mit dem Wasserzeichen bald als erstes, bald als zweites, die 
offene Seite des Bogens (?) bald nach oben, bald nach unten gekehrt er- 
scheint. Die einzelnen Lagen tragen je auf der ersten Seite Signaturen; 
Custoden auf den letzten Lagenseiten sind nicht vorhanden. Vier Doppellinien 
auf jeder Seite fassen die Schrift wie ein Rahmen ein. Die einzelnen Seiten 
(nicht gespalten) enthalten 30 — 32 Verse. Die Überschriften der einzelnen 
Abschnitte sind roth geschrieben; hervorragende Anfänge sind durch größere 
bald in Roth, bald in Grün ausgeführte Anfangsbuchstaben hervorgehoben. 
Sämmtliche Anfangsbuchstaben der einzelnen Verse einer Seite sind durch rothe 
oder grüne Linien verbunden. Am Schluß eines jeden Verses befindet sich eine 
längere oder kürzere gebrochene Linie in Roth. Die Handschrift ist ohne Vor- 
rede imd Index. Sie beginnt mit den lateinischen Versen de florida juventute 
mid de gxavida senectute, jedoch ohne die betr. Überschriften. Die im Bam- 
berger Abdruck (1833) der Erlanger Handschrift darSber stehenden Verse 



122 MISCELLEN. 

folgen hier, jeder an seiner besüglichen Stelle. Nach einer ungefähren Z&h- 
lang enthalt der Dessaaer Codex 12,300 Verse (gegen 24,600 des Bamberger 
Abdruckes). Er schliefit mit den Worten des Abschreibers: |,Ezpiicit rynnems 
ffinitus sab anno dni | millesimo qaadringentesimo Octaao in | Vigilia beati Ja- 
cobi apl'i p manas caiasdä | Johanm Marqvard et nö p pedes sinatqae (?) | Dem 
lallarde brot der got der nniien worst^. Daran! er in Roth: ,,Gebit darch got 
gerne | so stet ir de ewigS riebe | nicht Teme alze dr steme | dr genant ist der 
morge | steme vnde das ewige { liecht bta Tirgo maria^. Ab Sprachprobe diene 
der Anfang: 

Dichtens hat ich mich Torlobit 

Von der zeit sint das my honbit 

So mancherleje done gewan 

Seyten dj sin snszin singen 

Stonnen raschen sundirn dingen 

Dy done ich gelemet han 

Dy mir vor iare Tnkont waren 

Bis das ich qai sca fücsig iare 

Do hap sich my imecht an 

Allayne m^ nw dy ore dysen 

Vnde oage ober fliszen 

Doch wil ich eyn bachelin 

Mine franden tichten 

Unde mit ryme so vor fliehten 

Daz sy do by gedencken myn 

Welchis lesen edder bore lesen 

Daz sy myner sele wesen 

Gnedig wen geschrebii stet 

Wer vor eynes andn schalde bete 

Sines selbes sele Idste he damete 

Vnde telgete syne misetat 

Vor hat ich sehen bachelin 

In daczsche gemacht vn yn [latin] 

Ffanftehalbes daz ist war 

Daz halbe wil ich lassen bliben 

Vnde wil diz zn dem ersten schrben. . . 
Trotz seiner Lücken and Schreibfehler dürfte der vorliegende Codex doch 
bei einer späteren Textrevision des Renners Beachtnng verdienen^ da er ander- 
seits nicht anwichtige Varianten bietet Über die Provenienz desselben Iftßt 
sich nichts feststellen. 

6. 

Von den viernndzwanzig Alten oder von dem goldenen Throne 
der liebhabenden Seele von Otto von Passan, St. Francisci Or- 
dens Lesemeister zu Basel, anno 1386. 

Papierhandschrift des 15. Jahrhanderts (a. 1446), festgebonden, mit zwei 
(mit rothem Leder überzogenen und fünf kräftigen Messingknöpfen aasgestatteten) 
Holzdeekeln versehen. Großfolio, 407« c hoch and 28 V, c. breil. I>m Papier, 
H^alcbes eine eigenthümliche ringförmige Figur als Wasseneicheo trigt^ liegt in 



MISCELLEN. 123 

Lagen zu 12 Blättern (mit Aasnahme der 14. Lage, welche nnr 10 Blätter 
zählt, ohne daß jedoch im Texte eine Lücke ist). Wo der Faden die Lage 
zosammeohält , ist jedesmal zur Schonung des Papiers ein schmaler Streifen 
starken Papiers eingeheftet, so daß der Faden nie unmittelbar die beschrie- 
benen Blätter selbst berührt Die ersten Lagen tragen die Signaturen je auf 
der letzten Seite unten, von der 10. Lage an befindet sich die Signatur je 
auf der ersten unten. Von der ersten Lage sind nnr drei beschriebene Blätter 
vorhanden, die zweite Lage ist vollständig, von der dritten Lage fehlt das 
letzte Blatt (Bl. 36). Die Handschrift ist in neuerer Zeit einmal ausgebessert 
worden. Bei dieser Ausbesserung sind vom zwei weisse Blätter (wahrschein- 
lich TO nachträglicher Ergänzung der ersten Lage) eingeklebt und ein vorn 
gewiß vorhanden gewesenes Pergamentblatt bis auf einen fingerbreiten Streifen 
(den man an der inneren Seite des vorderen Deckeb befestigt hat) beseitigt 
worden. Soweit die vorhandenen Blätter zerrissen oder zerschnitten gewesen 
sind, hat man sie mit Hülfe eines leeren Blattes, das man am' Schluß des 
Codex fand, befestigt und ergänzt Vielfach ist dabei leider (wahrscheinlich 
um das Papier dauerhafter zu machen!) der untere Band der Blätter geleimt 
worden, wovon nimmehr die Folge ist, daß gerade diese Stellen jetzt am meisten 
dem Brechen ausgesetzt sind und sehr vorsichtig behandelt werden müssen. 
Custeden befanden sich ursprünglich wohl auf allen letzten Seiten der einzelnen 
Lagen, sind aber meist beim Einbinden abgeschnitten worden. Bei den Lagen 
4, 7, 10, 11, 16 und 17 sind sie noch vorhanden, bei Lage 5 sieht man noch 
den oberen Rand davon. Oft wiederholt sich übrigens das letzte Wort einer 
Seite oder Spalte auf der nächsten Seite, resp. Spalte. — Die Handschrift 
ist mit schönen Miniaturen und Initialen, an die sich oft reiche Gewinde mit 
Blumen und Vögeln, ja bisweilen mit ausgeführten grösseren Compositionen wie 
Jagdbildem u. A. m. anschliessen , geziert. Trotz des fragmenterischen Zu- 
standes der 1. Lage ist das Bild des ersten Alten vorhanden; die Blätter, auf 
denen sich die Bilder des 2. und 3. Alten befanden, fehlen ; das Blatt für den 
4. Alten ist vorhanden, jedoch das Bild herausgeschnitten, während die dazu 
gehörige Initiale belassen ist (vgl. Bl. 16); vom Bilde des 5. Alten an ist die 
ganze Reihe bis zum 34. ununterbrochen vorhanden und zwar jedes einzelne 
in dem weissen, vom Alten ausgehenden Bande signiert, vgl. Bl. 24, 29, 34, 
40, 45, 49, 63, 92, 97, 105, 110, 118, 125, 132, 139, 164, 174, 186 und 
198. Die Miniatur auf Bl. 209 zeigt einen Klostergeistlichen in Franciscaner- 
tracht, der die Seele belehrt und soll gewiß auf den Verfasser selbst hinweisen. 
Jene Miniaturen und Initialen haben ausser dem Schönen, das sie in ihren 
Formen bieten, einen besonderen Reiz in der Farbe. In letzterer Beziehung 
hat den Künstler ein äusserst feines Gefühl durchgängig geleitet Ausser diesem 
künstlichen Schmucke finden sich im Codex noch viele reich verzierte Majus- 
keln in rother und blauer Farbe, wie denn auch oft im Texte grosse An- 
fangsbuchstaben roth durchstrichen sind. — Die Seiten sind zweigespalten, 
jede Spalte ist von vier geraden Linien eingerahmt und trägt 33 — 35 Zeilen. 
Die Schrift sehr correct und deutlich. Über den ersten Besitzer und den Ab- 
schreiber berichtet ein Schlußwort: „Anno Doini | M° CCCC° XLVI° | Abir dy 
serift disses | keginwertigen buches | hat lassen screibin | em Selbir der hoch 
geborne furste vnde | vnde herre herre | Jurge furste zcu [ Anehalt vnde v5 
graue von Asscha | nien Ejmen screiber | von pimen genant | Nicolans Kürße- 



124 MISC£LL£N. 

ner | Nach cristi vnsera | hfn geburt ab man | screibit firczeohnn | dirt Jar 
dornach | Im VI vnd virczigisto | Jare am dem dinsta | ge noch Egidi des | hei- 
ligen Aptes vod I libin vaters Got ge | be das alle dye dis | buches gebm- 
eben" n. s. w. ^Ach wy fro was ich do | So ich scrip finito libro | Vnde ich 
Nicolaus von | pimen offenbarer screi | ber Missnisches Bissch | offthoms von 
keyßer | lieber macht wegen | bin ich et cetera et cetera." Der Verfasser 
des Werkes, Otto von Passan, wird im Codex zweimal genannt. Aof dem 
ersten Bl. wird desselben gedacht , als „ejus demütigen | bruders Otten von 
Passen | we sente franciscen ordens | der diß buch mit grossem | fleysse vnde 
erbeit cza sam | ne gefuget hat^ n. s. w. und auf Bl. 211 bittet der Verf. 
den Leser, für ihn beten zn wollen, als „vor eynen demn | tigen brnder Otten | 
von passawe sente | francisd ordens et | wan lesemeist' ge | west zu Basil^ u. s. w. 
Über die Entstehungszeit der Arbeit Otto*s heißt es auf Bl. 212: „derselbe | 
bruder Otto hod dis | buch . . . gemacht vn | das gescbach da man | zcalte von 
Jhn cristi | geburt Anno domini | lüllesimo Tricentesi | mo Octuagesimo sezto | 
Das ist nach cristi ge | bnrt Tusend dreyhü | dirt vnde achczigist^ | Jare An 
der hjmel | furstynne obende | Marien der heiligeste | Juncfirauwen wenne | 
man nennet dy ge | burt Maia adir vnsir | libin frauwen tag | leczcze Am ire 
obinde.** 

6. 
Ein Sammelband. 

Papierhandschrift des 15. Jahrhunderts, festgebunden und mit zwei (mit 
Leder überzogenen und mit je fünf Messingknöpfen ausgestatteten) Holzdeckeln 
versehen. Die inneren Seiten der Deckel mit Papier überzogen und mit Feder- 
proben u. a« Bemerkungen beschrieben („Ilße Frencke, Hanns Frencke III guld 
zcins upp michl Der . . . H cretzschmar" u. a.). Quart, die Blätter 21 72 c- 
hoch und 15 c. breit. Das Papier liegt im Allgemeinen in Lagen zu 12 Blät- 
tern (Lage 11 und 15 bestehen nur aus 10 Blättern), trägt jedoch verschie- 
dene Wasserzeichen (einen Stierkopf mit aufrecht stehenden Hörnern und einem 
senkrechten Stabe zwischen denselben; zwei Schlüssel; einen kleineren Stier- 
kopf; einzelne Bogen scheinen gar kein Wasserzeichen zn haben). Die erste 
Lage besteht aus acht Blättern, von denen die beiden letzten ausgeschnitten 
sind. Sie ist unbeschrieben, nur auf der ersten Seite bemerkt man einige 
Federproben, u. a. „Anno doiüM^CCCC® Sexagesimo | Heinriccius Kunstedt (?)". 
An beschriebenen Blättern enthält der Codex 278, von denen jedoch die letzte 
Partie von Blatt 229 an stark von Mäusen angefressen ist. Sonst ist die Hand- 
schrift gut erhalten und sehr leserlich geschrieben. Signaturen der Lagen be- 
finden sich je auf den letzten Seiten derselben unten links. Die Seiten sind 
gespalten und haben 20 — 22 Zeilen. Majuskeln, Interpunctionszeichen, Capitel- 
zahlen u. a. Einzelnes in rother Tinte. Die erste beschriebene Lage des Co- 
dex enthält von Bl. 2 — 11 (Bl. 1 ist ausgeschnitten) ein Register über 94 
nachher folgende Erzählungen mit der Überschrift „Dis ist das Register disses 
buches*. Die 94 Erzählungen reichen von Bl. 12 bis Bl. 227 und tragen 
die Schlußbemerkung in rother Tinte: „finitns est über iste anno dm M° 
CCCC® XX V^ feria quarta post kiliauL^ Es sind deutsche G«8ta Romanorum. 
•D^: ^Dorotheas der keyser | der saeste ein geseczcze^ das | dj sone solden 



MISGELLEN. 125 

die eldem | eren vnde erneren. des was in syme | riche ein ritter des hos- 
fronwe hatte | einen son^ der ritter czoch os yn | fremde lant, Tnde wart ge- 
fuigen I Tnde wart gar swerlichen behalden | in banden, do schreip her der 
fronwe I vnde deme sone vmb losnnge, do | das dj fronwe horte do weynte 
de I also sere daz sie blint wart.^ Es folgt auf BI. 228 ein Gespräch des 
„wysen konigs salomon^ mit der yyfrow sibilla^ (Sibyilen-Weissa- 
gong)^ das bis Bl. 234 reicht uod folgende Worte in rother Tinte als Unterschrift 
tragt: ^Non bene scribo sz melius disc. volo. Per me johannnem oertwen scptm 
est lllnd li-b-v-r-y-m" (sie). Die Sibyllen-Weissagung beginnt mit der 
bekannten Strophe des Mamer y,Czu Rome stunt gemalt^ u. s. w. und eot- 
bilt nach derselben noch 16 Strophen. Die Handschrift gehört dem ersten 
Viertel des 15. Jahrh. an, und ist F. Vogt bei seiner Abhandlung (Paul-Braune 
4y 48 ff.) unbekannt geblieben. Bl. 234 — 235 enthält eine Beschreibung der 
iptogende des Eychen | myspels*^. (Vgl. altd. Wälder 1, 144.) Bl. 236 ist 
«nbesehrieben. Auf Bl. 237 findet sich folgende Bemerkung: „Nu sal man malen 
eyoen konig [vnd eyne ko-]nigynne, dy uff eyme schaczabel mit . . . | zeihen, Tnde 
der konig sal eynen allden [mit der] rechten hant nemen vnde sal den der 
kon[ig3mne] byten.^ Der Raum für ein solches Gemälde ist leer gelassen. 
Bis zum Schluß des Codex folgt ein deutsches prosaisches Schachbuch. Es 
beginnt : „ . . konig zerses genant Ton Orient | eyn phylosophus das inlatini- 
•ehem | vnde euch inkrigischem ist gesprochen | libhaber der masze Tnde der 
warheit. | xerses Tand zcum ersten daz spiel des | schachczabels , Tnde der 
selbe zerses hatte | an ym sogetene gerechtikeit daz her liebir | gestorben 
were denn das her des koniges | laster die lenge hören solde*' u. s. w. Später 
(BL 238) heißt es: „vnde bie | disses selben Euilmerlodachs [„nabuchodonosors 
•oo''] gec7yten vant | der meister zerses dez Scbachczages spil . . . sagete sitten 
der konige der konigynnen, der herren, der bürgere der gebuere Tnde « . . der 
wdgmaistere Tnde Ton allen ampt • . . Tnde Ton allen iren knnsten alz ... in 
diiaeme buche himach geschreb. . .^ 

7. 

Eine Übersetzung der Psalmen. 

Pergamenthandschrift des 15. Jahrhunderts, fest gebunden, mit zwei (mit 
boBtem Leder überzogenen und mit Messingecken, -knöpfen und -schließen Ter- 
aerteo) Holzdeckeln Tersehen. Die innere Seite des Holzdeckels ist mit Pa- 
pier überzogen, auf dem einige PsalmTerse angemerkt sind. Folio, die Blätter 
34 €. hoch und 22 e. breit. An einzelnen Blättern befinden sich festgeklebte 
Zeichen Ton rothem Leder zu schnellem Auffinden liturgisch wichtiger Stellen« 
Das Pergament liegt in Lsgen zu 10 Blättern, wobei jedoch zu bemerken, daß 
die erste Lage nur aus 8 Blättern besteht, daß die Blätter 20—30 (Psalm 87 
bis 55) fehlen und daß die letzte Lage ursprünglich aus 12 Blättern bestanden 
bat, Ton denen jedoch durch den Schreiber Blatt 1 und 12 wieder heraus* 
geaehnitten worden sind* Der Codez in seinem jetzigen Bestände zählt 
107 Blätter; wäre die oben bemerkte Lücke nicht Torhanden, so würde er 
118 Blätter zählen. Das erste Blatt enthält auf der Vorderseite (ungespalten) 
dflo Aitl^Mg des Et. Johannis: „In dem anbegynnen was das worth. | ynd das 
wert WM b^ gote| Tnd gott | was das wort^ das was yn dem anbA^ ^ TUdas^ 



12(> M18CELLEK 

bey gote. alJe dyng seyn geteh- | afien dareh en. Vnd an en ist geschaf- | 
fen insnicht. das gemaeht was yn em | das was das leben'' n. s. w. bis ^Vnde 
das wort ist wor- | den Tlejrscb. mde bot gewomt yn vns Vnd | wir haben ge- 
sebn seyne ere, ere also ey- | nis eynigen gebomi sonis. von dem Täter toI 
gnoden. Tnde worfaeytfa amen.*^ Anf der Rfiekseite des erstem Blattes befindet 
sieh ein farbiges Bild, darstellend Christus am Krens, zur Rechten Christi die 
Jnngfran Maria, snr Linken Johannes. Die Malerei ist roh, wihrend Compo- 
sition nnd Zeichnung im Allgemeinen Anerkennung verdienen. Bl. 2—7 ent- 
hält einen kirchlichen Kalender nnd BL 8 eine Anminng der Jongfraa Maria : 
1,0 dn almechtige keseryne aUir wirdiket | o dn hoehgebome forstyne aller 
gntiket | o rejme jnngfraw aller kewscheyt, o da | werde mntter aller barm- 
herdkeit, o da milder | trost aller cristenheit, da seyst gegrast heylige | vnde 
labeliehe iügfraw maria^ a. s. w. Mit dem nennten BL beginnt die Psalmen- 
fibersetsong. Von hier an sind die Seiten sweispaltig (38—33 Zeilen anf der 
Spalte) nnd die Blatter Tom alten Schreiber mit rotber Tinte onten rechts ge- 
seichnet (I — C). Die leisten zehn Blatter des Codex sind dann wieder ohne 
Beseichnong (C — CX). Die Überschriften der einzelnen Psalmen sind in rother 
Tinte ansgefohrt, die Majuskeln roth oder blau, biswalen roth und blau, hie 
und da bemerict man kunstreich ausgeführte Initialen mit Arabesken in reicher 
Farbenfalle (vgl. Bl. I, XII, XXXVIH, LX, LXXI, Cn u. a. m.), am Bande 
an einigen Stellen kurze Bemerkungen. Der erste Psalm lautet: |,8elig ist der 
man der nicht | ist gegangen noch wn- | rechter lewthe rath no | ch ist ge- 
standen an der | sonder weg vnd uff de | stule des todis nicht ist | gesessen, 
Sunder noch g- | othis geboth sthet seyn | wille vnd hoth gedocht | noch gothis 
ee tag vn | nacht vnd her wirt al- | se eyn holcs das gepfia | nesith ist scn 
flyssende | wasser das zeeytige fr- | ucht gebith zcu seyner | zceyt Vnd leu 
uelleth I nicht seyn blath vnd zcu | alle seyne wercken solde | had Nicht so 
geschieh | den wnguthen nicht zo | sunder alz dem stowbe | den der wint uff 
der er | de zcu treybith Dorüme j nicht erscheen an de ge | richte dy obiln 
noth dy | sunder yn der gerechte | rath Wen goth weysz | der rechten weg abe 
ist I geworfien der sunderste.^ Die biblischen Psalmen gehen nach der ZSh- 
hmg unserer Handschrift mit Ps. CXLYII anf BL IXXXXj zu Ende. Darauf 
folgt eine Reihe biblischer u. a. Lobgenuige, z. B. auf BL CXXXLYIJ unter 
der Nummer CLY der Lobgesang Zachaiift (£v. Lue. 1, 68 ff.) : ^Grelobet adir | 
gebenedeyet | sey got der her | re von isiael der do | bot besucht vnd bot | 
geton iriosunge sey | nem volke* u. s. w. Als N*. CLYI folgt der Lobgesang 
Maria (£v. Luc. 1, 46 ff.): ^^Meyne sele | ho*t den herren | vnd meyn geyst 
hot I sich gefrewt yn gote | meynem helande W | en her bot angseen | dy de- 
mutikeit seyner | dymen nym war do | rüme sagen mich al | le gesiechte 
heylig'' u. s. w. N®. ClVlj enthält den Lobgesang des Simeon, }^. OYUj 
den ambrosianischen Lobgesang: »Wir loben dich | got dich herre | bekenne 
wir Dich | ewigen vater ereth | alles ertreich^ u. s. w. Unter N^. CLIX ist 
das athanasianische Glaubensbekenntniss verzeichnet: ,|Wer do wil selig | 
werden der sal | vor allen dyn | gen behalden den cris | tenlichen glow- 
ben'^ u. 8. w. und diesem folgt die „letania*'. y,Hynoch volgen die | geieesrte der 
Jägfraw I marien dy psalmen | uort gezceichent sey | dy dn yn dem Salter | 
fynde wirst noch dem | nomero Czu d* MettS.'^ Endlich kommen noeh Qebete 
;,W8D dn ^Gts j leichni entfsnge host* nnd Baßgebete, bei deren einem bemerkt 



MI8CELLEN. 127 

ist: f,y^eT das gebete alle | tage spricht das alhj | noch volget der hot | 
XX tawsent jor aplas | vnd ist von yil Bobis | teo bestetiget. . . ** Die Schrift 
des Torliegenden Codex trSgt die bekannten eckigen Formen der späteren Go- 
thik und ist durchgängig mit grosser Sauberkeit ausgeführt, wie denn auch 
das ganze Werk (abgesehen von dem Defeet) Yorzüglich erhalten ist. Als 
Unterschrift trägt der Codex die Worte: «Finitas est liber iste per andreä 
howeman de crossenn.^ 

8. 
Der Seelen Trost. 

Papierhandschrift aus dem 15. Jahrhundert, festgebunden und mit zwei 
(mit Leder überzogenen) Holzdeckeln versehen. Die innere Seite der Deckel 
mit Blättern einer älteren lateinischen Pergamenthandschrift überzogen* Klein- 
Folio, die Blätter 28 c. hoch und 19% c. breit Der Codex zählt 133 Blätter, 
welche in Lagen zu 12 Blättern liegen. Am Schluß ist die Handschrift defeet; 
übrigens kann nur sehr Weniges fehlen, da der Inhalt erschöpft ist und auch 
der Einband nicht besonders gelockert erscheint. Die Signaturen der einzelnen 
Lagen befinden sich je auf der ersten Seite oben; in der Numerierung der 
Lagen ist jedoch ein Fehler zu bemerken, indem die fünfte Lage richtig mit 
Blatt 49 beginnt, die sechste aber statt mit Bl. 61 erst mit Blatt 73. Das 
Papier ist vom Schreiber willkürlich gelegt, so daß das Wasserzeichen (wie es 
scheint, ein gezäumtes Pferd) bald auf dem Blatte zur Rechten, bald auf dem 
zur Linken, bald nach oben, bald nach unten gekehrt erscheint. Custoden 
besitzt die Handschrift nicht. Die Seiten sind zweigespalten, jede Spalte hat 
36 — 38 Zeilen. Kapitelanfange sind durch Majuskeln in rother Farbe hervor- 
gehoben; auch sonst sind oft grosse Anfangsbuchstaben mit rother Farbe durch- 
strichen und verschiedene Interpunctionszeichen mit rothen Linien angegeben. 
Die Majuskeln zu Anfang jeder Spalte sind, wenn sie nicht zugleich einen 
neuen Abschnitt bezeichnen, schwarz. 

Woher die einzelnen Erzählungen geschöpft sind, sagt die lateinische Ein- 
leitung. „LIbellus I iste est 1 de diüsis [ collectus de biblia, de passio | nali de 

historia scholastica, de | histoia ecciastica d' speelo his | toiali, d* decretis et 
decretalibz | de cronicis vniuß, de sufila | raymüdi, de sunla godufredi | de 

sufila herici, De suma vitoris ... et omibz libris qscüqz | lege* et audi^e potes" etc. 
Als Sprachprobe diene der Anfang des Werkes und der Anfang einer Er- 
zählung. Das Werk beginnt (vgl, Bl. 1*): |,D£r seien trost | Lyt an heiiger 
lere, vnd an betrach | tunge der heiige schrifft, we | te gliker wyß alz 
dy lichenaz | leuet vä d' erdische spyße, alzo | leuet dy sele vä d* heylige 
lere | wethe dy mesthe leuet nicht | alleye vä deme utwedighen | brode, sund** 
vä deme werde | dat dar geyt ut deme müde | godes | vnd dat yß dy hey- 
lige I schrifft, dy do got het gesproke | dorch dy heylige pphete vnd | dorch 
dy heylige lerer vnd | noch alle daghe dorch d' apit | müt. || kynt lyue dor 
vifie I saltu gheme hören godes wort | vfi leße, dy lere d* heylige schfft^ u. s. w. 
Auf Bl. 12 lesen wir**): ^I^Ar was eyn rike | man, dy hadde vp gode | 

*) Vgl. Pfeiffer in Frommanns Mundarten 1, 176. 
»♦) Vgl. Pfeiffer a. a. O. 190. 



128 MISCELLEN. 

keyne achtügCf dy sette | alle syne syne dar na dat he [ Tele gadeß to sa- 
mede ynd syneß lyaeß wol plegede, Dar geschach | eyneß aüedeß do hedde 
he eyne | grot wertschap, dar qaeme | dar Tor syne hoff diy grotiie | mä met 
swarte pherden yiid | furde ey ledich phert mde | cloppeden vor deme halbe, 
do I qua ey knape yfid fragede en | wat sy wolde, Sy spreken sy | wolde de 
hra spreken, Do dy | h're dat horde da stüt he vp | rä der tafele ynd sprak 
to syne geyste** u. s. w, W. H08ÄUS. 



Penonalnotiien. 

Der ansserordentliche Professor an der Universität Greifswald Alex. 
Beiff er scheid ist zum Ordinarius daselbst ernannt worden. 

Der ansserordentliche Professor an der UniTcrsitat Czemowitz J. Strobl 
ist Eom Ordinarius daselbst ernannt worden. 



Am 18. October 1878 f der ord. Professor der deutschen Sprache und 
Literatur an der Universität Lemberg, Dr. Eugen Arnold Janota im 56. Le- 
bensjahre« 



Zum Köniff vom Odenwalde. 



Germania 23, 313 bemerkt Dr. von Bahder zu der Stelle IX, 24 einz 
dd mite « Hbs ist Umschreibung für den Bussel, und nimmt rüzen in der Be- 
deutung brüllen . Naher liegt jedoch das mundartliche, in der Wetterau noch 
sehr lebendige rusien aufwühlen', was zur Bezeichnung des Schweinerüssels 
jeden£alki passender ist. Vgl. Weigand s. v. Rüssel. 

FBIEDBEBG. MÖLLER. 



Stammbnohyen von 1590. 

Wenn der Himmel eitel Papier war 
Und lauter Dinte das Meer 
Und alle Sterne Schreiber, 

So beschrieben sie doch nicht die List der Weiber. 
Zu Orient und Occident U, 544 ff. Germania 17, 128. K. B. 



ZUR SCHWEDISCHEN VOLKSLITERATUR. 



Bäckströms SvenskaFolkböcker (Stockholm 1845) enthalten 
in den ersten zwei Bänden eine Anzahl umfangreicherer Volksbücher, 
in dem dritten hingegen (Ofversigt af Svenska Folklitteratnren) eine 
Übersicht der gesammten betreffenden Literatur , wobei die in den 
ersten Bänden erschienenen Volksbücher nur kurz erwähnt und darauf 
verwiesen, dahingegen von allen anderen ktlrzeren und dort nicht ab- 
gedruckten jedesmal ein gedrängter Auszug nebst Nachweis aller Auf- 
lagen derselben gegeben wird. Auch Hinweisungen auf verwandte 
Stoffe, wie sie in den ersten Bänden sich finden, sind hier hinzugefügt, 
wobei natürlich da, wo Bäckström dergleichen nicht zu bieten hatte, 
dieselben fehlen. Da ich nun diesem Mangel bei einigen Erzählungen 
abzuhelfen vermag, so stelle ich diese Ergänzungen in dem folgenden 
zusammen. 

S. 36^ Nr. 34. Troll -Sag an. „Eduard und Amalia, die vor ihrer 
Verheirathung flir einander die glühendste Liebe gehegt hatten, fdhlen 
diese späterhin immer mehr erkalten. Eduard hat sich dem Spiel er- 
geben und dabei den größten Theil seines Vermögens eingebüßt. Es 
kommt dann zwischen ihnen zu heftigen SceneU; und dies geht schließ' 
lieh so weit, daß Amalia während einer Nacht, die ihr Mann wie ge- 
wöhnlich im Spielhause zubringt, sich von ihm zu scheiden beschließt 
und schon im Begriff ist den Antrag hierauf aufzusetzen, als eine alte 
Wäscherin, die in demselben Hause wohnt, ins Zimmer tritt und um 
die Erlaubniss bittet, ihr ausgelöschtes Licht wieder anzünden zu dürfen. 
Im Laufe der sich in Folge dessen entspinnenden Unterhaltung er- 
zählt die Alte eine Geschichte von einer schönen Ritterstochter , die, 
um ihren zahlreichen Freiem zu entgehen, sich auf ein mitten in einem 
dichten Walde gelegenes Schloß zurückzieht und dort eines Tages 
einen so schönen Jüngling erblickt, daß er rasch ihre Liebe erweckt, 
die sie auch erwiedert sieht. Er theilt ihr alsdann mit, daß er der 
Elfenkönigin unterworfen sei und diese dem Fürsten der Hölle alle 
hundert Jahr einen Tribut von zwölf ihrer schönsten Jünglinge ab- 

GEBMANIA. Nene Reihe. HL (lUY. Jfthrg.) ^ 



130 F. LIEBRECHT 

tragen müsse. Er nun sei einer von ihnen; der Tribut solle in der 
nächsten Nacht entrichtet werden und nur seine Geliebte könne ihn 
retten, wenn sie ihn von dem weissen Rosse, auf dem er reiten würde, 
herabzöge und ihn in ihren Armen festhielte, welche Gestalt er auch 
annehmen möge. Dies geschieht, und obwohl die Elfenkönigin ihn in 
den Armen der Geliebten erst in einen Löwen, dann in eine gräuliche 
Schlange und endlich in einen Tiger verwandelt, so hält sie ihn doch 
fest ans Herz gedrückt und rettet ihn so aus der Gewalt der Elfin. 
Diese Sage macht auf Amalia einen tiefen Eindruck; sie beschlieüt 
ihren Gemahl ebenso treu festzuhalten, und durch Liebe und nachsichtige 
Sanftmuth glückt es ihr schließlich den häuslichen Frieden wieder- 
herzustellen.^ 

Der Titel dieses Volksbuches lautet: ^Troll-Sagan eller Edvard 
och Amalia af Elise von Hobenhausen. Öfwersättning af A. P. Göthe- 
borg, trykt hos L. Torbjömsson, 1823. 15 Seiten; auch anderer Orten 
erschienen. — Über die bekannte Schriftstellerin Elise von Hohenhausen 
(geb. 1790, gest. 1857) s. Pierer s. v. In welcher von ihren mehr- 
fachen Schriften die obige Erzählung enthalten ist, weiß ich nicht zu 
sagen; die darin mitgetheilte Sage jedoch hat sie der schottischen Bal- 
lade „Young Tamlane'' in Walter Scott's Minstrelsy of the Scottish 
Border entnommen. 

S. 54, Nr. 54. Pelle Bätsman. Hierzu wird verwiesen auf 
Bd. II, S. 144 ff., wo das Volksbuch vollständig abgedruckt steht. 
Darin wird erzählt, wie ein König von Armenien eines Tages seine 
Tochter von einem Spaziergang nicht zurückkommen sieht und sie 
daher überall aufsuchen läßt, überdies auch dem, der sie ihm wieder- 
brächte, ihre Hand nebst der Hälfte seines Reiches als Belohnung ver- 
spricht Da geschieht es nun, daß Pelle Bätsman, der von Jugend 
auf eine unwiderstehliche Lust zu Seereisen empfunden, einst auf einer 
Fahrt an einem wüsten Ufer landet und einschläft. Durch ein starkes 
Geräusch erweckt, sieht er, wie zwei Todte sich heftig balgen, und er- 
fährt von dem unterliegenden, daß er allnächtlich von dem andern aus 
dem Grabe gejagt und durchgepeitscht werde, weil er ihm, als sie 
beide noch lebten, eine Schuld von sechs Stübem nicht abzuzahlen 
vermochte. Pelle berichtigt die Schuld und verschafit so dem ge- 
quälten Geist ftlr immer Ruhe, woftlr ihm dieser augenblickliche Hilfe 
verheißt, falls Pelle ihn jemals in der Noth anrufe. Letzterer geräth 
dann unter die Räuber, findet bei ihnen die Prinzessin und flieht mit 
ihr an Bord eines Schiffes, das nach Armenien segelt Der Kapitän, 
der Pelle um sein bevorstehendes Glück beneidet, will ihn mit Hilfe 



ZUR SCHWEDISCHEN V0LK8LITEÄATÜR. 131 

der Schiffsmannschaft ermorden; doch gelingt es Pelle sie dazu zu be- 
wegen^ daß sie ihn auf einer Lukenkappe ins Meer lassen, auf welcher 
er gerade an d^r Stelle ans Land treibt, wo er die Schuld des Todten 
bezahlt hatte, der ihn denn auch auf sein Begehren noch vor der An- 
kunft der Prinzessin nach der Hauptstadt von Armenien versetzt 
Diese war indes von dem Kapitän während der Reise gezwungen wor- 
den, sich eidlich zu verpflichten, daß sie ihn bei ihrer Heimkunft als 
ihren Retter nennen wolle. Dies geschieht auch allerdings, allein Pelle 
gelangt schließlich doch zu seinem Recht und erhält die Hand der 
Prinzessin, die sie ihm gern reicht, während der Kapitän und seine 
Mannschaft, die eigentlich den Tod verdient, auf Pelle's Fflrbitte nur 
mit Verbannung bestraft werden. 

Bäckström gibt zu dieser Geschichte keine weitern Nachweise 
und so will ich zuvörderst bemerken, daß mit derselben das islän- 
dische Märchen vom Prinzen Thorstein (^l^orsteinn köngsson bei Ama- 
son, Islenzkar t^jödsögur og Mßntyr U, 473 ff.) im wesentlichen 
übereinstimmt; denn auch Thorstein, der nach dem Tode der Eltern 
sein Königreich flir ein Weniges verkauft und in die weite Welt zieht, 
kommt einst in einer Einöde zu einem Hauso, wo er übernachtet und 
am andern Morgen den Hausherrn und die ganze Familie eifrig auf 
einen Hügel losschlagen sieht, was, wie er erftlhrt, alltäglich geschieht, 
da der darunter Begrabene gestorben sei, ohne seine Schuld von 
200 Thalem zu bezahlen. Thorstein berichtigt nun die Schuld, und 
der Hausherr verspricht das Grab nicht mehr zu schlagen. Demnächst 
geräth Thorstein gleichfalls unter die Räuber, aus deren Händen er 
eine Königstochter befreit. Alles Übrige wesentlich wie in dem schwe- 
dischen Märchen, und auch Thorstein, von dem ^dankbaren Todten' 
aus dem Meere gerettet und ans Land gebracht, erhält schließlich die 
Prinzessin und das halbe Reich. 

Wie man sieht und eben auch angedeutet worden, gehört das schwe- 
dische wie das isländische Märchen in den Kreis der Erzählungen 
,von dem dankbaren Todten^, worüber s. Reinhard Köhler, Orient und 
Occident 3, 93 ff., so wie meine Anzeigen der Novella di Messer 
Dianes e etc. in den Heidelb. Jahrb. 1868, S. 449 ff. (die dort aus 
Asbjömsen's „ Juletrseet*^ mitgetheilten Märchen sind seitdem in dessen 
„Norske Polke-Eventyr. Ny Sämling. Anden Udgave.* Kjöbenhaven 
1876, S. 200 ff. Nr. 39 und 40 angenommen worden) und des cata- 
Ionischen Rondallayre ebend. 1872, S. 894, Nr. 31 X' Estandart'. 
Folgenden Aaszug aus einem finnischen Märchen, das im IV. Bde. der 
Sammlung ^Suomen Kansan Satuja etc.' Helsingfors 1866 enthalten ist^ 



132 P- LIEBRECHT 

theilte mir Schieiner in Petersburg schon vor Jahren mit ^Ein Eauf- 
mannssohn, dem vorhergesagt war, er werde ein dreihömiges Mädchen 
heirathen, zieht ans Verdruß in die Fremde. Dort sieht er, wie der 
an die' Eirchenmauer genagelte Leichnam eines Mannes, der seine 
Schulden nicht bezahlt hat, von dem Volke beschimpft und bespieen 
wird. Er löst den Leichnam aus und behält nur noch 9 Silberkopeken. 
Verdrießlich will er wieder in die Heimath ziehen; es gesellt sich ihm 
ein Reisegefährte zu, der ihm an drei Tagen hintereinander Air 3 Ko- 
peken Nahrung schafft und so wie dieselben in den Schubkasten des 
Wirthes geworfen werden , ftdlt sich derselbe ganz mit Silber. Am 
vierten Tage befiehlt der Geführte dem Kaufmannssohn von des Königs 
drei dreihömigen Töchtern die jüngste zu heirathen und bringt ihm 
in der Hochzeitsnacht frischgeschnittene; dünne Zweige, mit denen der 
Neuvermählten das Blut ausgepeitscht wird. Da fallen die Homer ab 
und sie ist bildschön. '^ 

S. 70, Nr. 15. Den trogne Radsherren Selim. Ein Hirten- 
knabe, Namens Selim, erweckt durch sein offenes, fi-eimüthiges Be- 
nehmen die Aufinerksamkeit des Schah Seba und steigt durch seine 
Redlichkeit und Geschicklichkeit in seiner Gunst so hoch, daß er end- 
lich Großvezir wird. Nach dem Tode des Schah verläumden die 
Neider Selims diesen bei dessen Nachfolger, indem sie Selim beschul- 
digen in seinem Hause grosse Schätze verborgen zu halten. Auf den 
Befehl des Schah öffnet Selim ihm daher alle Zimmer und in dem 
innersten mit eisernen Thtlren und Riegeln wohlverwahrten Gemach 
entdeckt man nichts anderes als die Hirtenkleidung, die Selim einst 
getragen, so wie den Hirtenstab und die Schalmei, welche er sämmtlich 
aufbewahrt hatte, um sich durch dieselben stets an seinen fitlhem Stand 
zu erinnern. Die Neider Selims werden auf diese Weise tief beschämt 
und er selbst steigt noch höher in der Gunst des Schah. 

Zu dieser Erzählung bemerkt Bäckström bloß, daß sie wahr- 
scheinlich aus dem Französischen übersetzt seL Dies ist ganz richtig; 
denn das Original dazu findet sich in F^n^on's Fabeln Nr. 33, mit 
der Überschrift 'Histoire d'Alib^, Persan', wo der Schah Abbas heißt; 
Alib^e ist = Ali Beg. Die Geschichte stammt ohne Zweifel aus dem 
Orient, obwohl eine ähnliche auch von dem angeblichen Majordomus 
Kaiser Konrads I., Hans Kogelwiet (so genannt von seiner weissen 
Kappe [de wiete Kogel]), erzählt wird, welcher angeklagt wurde, viele 
Schätze veruntreut und in einem verschlossenen Gemach seiner Burg 
versteckt zu haben. Auf Verlangen führte er den König dahin und 



ZUB SCHWEDISCHEN V0LK8L1TERATUB. 133 

man fand nur seine alte weisse Kappe, die er getragen , als er noch 
nicht bei Hofe war. 

S. 85, Nr. 51. Kejsaren och Smeden. Kaiser Friedrich fragte 
einen Schmid, wozu er den Reichsthaler, den er tagt&glich verdiente; 
anwende, worauf der Schmid antwortete, daß er ein Viertel desselben 
opfere, ein Viertel fortschenke^ ein Viertel fortwerfe und das letzte 
Viertel fUr sich verbrauche. Er erklärte dies dann dem Kaiser aus- 
Aihrlicher, und dieser verbot ihm bei strenger Strafe, sich darüber 
gegen irgend jemand verlauten zu lassen, ehe er des ELaisers Ange- 
sicht hundertmal gesehen. Gleichwohl ließ er sich fOr hundert Reichs- 
thaler dazu bewegen, die dem Kaiser gegebene Erklärung auch einem 
Andern mitzutheilen, und da jener ihn deshalb zur Rede stellte, so 
entschuldigte er sich damit, daß er auf jedem der hundert Thaler das 
Gesicht des Kaisers sehr genau betrachtet habe. 

Bäckström bemerkt zu dieser Erzählung nur, daß sie aus dem 
Deutschen übersetzt sei; er vermuthet dies wahrscheinlich aus der 
Erwähnung des Kaisers Friedrich. Die älteste Quelle des ersten Theils 
sind die Gesta Roman, c. 57 ; ob die von Osterley dazu (b. Acht Denare) 
angeführten vier Schriftsteller den genannten Kaiser namhaft machen, 
weiß ich nicht zu sagen. Der zweite Theil der schwedischen Fassung 
ist mir in anderer Verbindung schon oft vorgekommen, ohne daß ich 
mich erinnern könnte wie und wo. 

S. 86, Nr: 56. Fem Berättelser. Die erste dieser fünf Erzäh- 
lungen handelt von dem Scharfsinn eines Derwisches, der durch bloße 
Betrachtung der Fußspuren eines in der Wüste verlorenen Elameels 
eine Beschreibung desselben zu geben vermochte. 

Bäckström gibt hierzu nichts; dagegen verweise ich auf Schief- 
ner's Mah&kätjäjana und König Tshanda-Pradjota. Ein Cyklus budd- 
histischer Erzählungen (in den Mömoires de l'Acad. Imper. des Sci- 
ences de St. Petersb. VE, S^rie, Tome XXII, Nr. 7) S. IV flF. die 
Bemerkungen zu dem zweiten Stück (Pradjota's Schlaflosigkeit und der 
gescheidte Gändhärer). Er sagt daselbst: „Andererseits fehlt in dieser 
Erzählung, die sich freilich nur auf einen gescheidten Gändhärer be- 
zieht, ein Zug, der in den arabischen Erzählungen und nicht minder 
in der kirgisischen vorkommt. Es ist der das einäugige Kameel be- 
treflFende (s. Journal asiat. 1838, T. V, S. 247, Orient und Occident 
B. m, S. 264 folg. Radioff a. a. O. [Proben der Volkslitter. der türk. 
Stämme Südsibiriens. St. Petersb. 1866 ff.] Bd. III, S. 390), welchen 
ich jedoch auch in einer andern Erzählung des Kandjur nachweisen 
kann und deshalb das betreffende Stück hier nachfolgen lasse.^ So weit 



134 F. LIEBRECHT 

Schiefher; denn da das letztgenannte Stflck sehr lang ist; so will ich 
bloß die bezügliche Stelle daraus wiederholen: .Als wir gingen und 
mitten auf dem Wege eine Elephantenspur erblickten, sagte er (Dshi' 
vaka): ''Dies ist die Spur einer Elephantin, auch ist sie auf dem rechten 
Auge blind, trächtig und wird noch heute ein Junges werfen; auf ihr 
ritt eine Frau, die ebenfalls auf dem rechten Auge blind und schwanger 
ist und heute noch einen Knaben gebftren wird ' Atreja sprach : *0 
Dshivaka^ ist es wahr?* — 'Ja, Lehrer/ — 'Woher wußtest du, ob es 
Spuren eines Elephanten oder einer EHephantin waren?* Dshtvaka ent- 
gegnete: *0 Lehrer ; wie sollte ich es nicht wissen , da ich in einer 
konischen Familie aufgewachsen bin? Die Spur des Eäephanten ist 
rund^ die Spur der Eäephantin Iftnglich.' — 'Woher wußtest du, daß 
sie auf dem rechten Auge blind ist?' — 'Daher, weil sie von der linken 
Seite Gras gefressen hat/ — 'Woher wußtest du, daß sie trächtig ist?' 
— ^Daher, weil sie beide Ftlße drückend gegangen war.' — ' Woher 
wußtest du, daß sie noch heute werfen wird?* — 'Daher, weil mit dem 
Ebum Fruchtwasser abgegangen war.* — 'Woher wußtest du, daß das 
Junge ein männliches sein würde?* — 'Daher, weil sie mit dem rechten 
Fusse mehr gedrückt hatte.* — 'Woher wußtest du, daß eine Frau 
sich auf der EHephantin befand?* — 'Weil sie herabgestiegen war und 
zwischen den Beinen geharnt hatte.* — ^oher wußtest du, daß sie 
schwanger war?' — 'Daher, weil der Absatz des Ibisses recht tief ein- 
gedrückt hatte.* — 'Woher wußtest du, daß sie noch heute gebären 
würde ?^ — 'Daher, weil der Urin mit Schmutz zusammen abgegangen 
war. So verhält es sich; will der Lehrer es aber nicht glauben, so 
gramhe er an die Stelle, wo die Reisenden sich aufhalten, einige Brah- 
manenjünglinge zu schicken.* — Atreja schickte einen Brahmanen- 
jüngling hin und es erwies sich alles wie Dshtvaka gesagt hatte.^ 

S. 86, Nr. 57. Det goda rädet. Der Derwisch rief eines Tages 
öffentlich aus, daß er fbr hundert Goldstücke einen guten Rath zu 
verkaufen habe. Eäi Tatarchan, welcher die verlangte Summe be- 
zahlte^ erhielt daflir den Rath, niemals etwas zu unternehmen, ohne 
dabei das Ende zu bedenken und ließ denselben über alle seine Thüren 
und auf alle seine Hausgeräthe eingraben. Nach einiger Zeit war 
er nahe daran von seinem Arzt, den ein aufitlhrischer Statthalter 
bestochen, ums Leben gebracht zu werden, doch erschreckte den 
Arzt der Anblick jener Inschrift und er gestand das beabsichtigte 
Verbrechen. 

Bei Bäckström nichts; s. daher Gesta Roman, c. 103 und dazu 
österley sowie meine Zusätze in der German. 18, 364. 



ZUR SCHWEDISCHEN V0LK8UTERATÜR. 135 

S. 87, Nr. 58. Den botade sjuke. Ein reicher Holländer, der 
in Folge massigen und schlemmerischen Lebens in Eo'ankheit verfiel, 
wnrde von einem Arzt in Österreich dadurch geheilt, daß dieser ihm 
den Olauben beibrachte, er hätte einen Lindwurm im Magen und könne 
ihn bloß dann los werden, wenn er fortan eine strenge Diät beobachte 
und sich zu Fuß von Holland aus zu ihm nach Österreich begebe; 
was auch geschah. 

Ein vielverbreiteter Schwank', von dem ich mich aber nur er- 
innere, daß er sich auch in Hebel's Schatzkästlein erzählt findet. 

S« 111, Nr. 18. Ester Jönsdotter. „En san&rdig och ganska 
eftertflnkelig Historia, Som innefattar et stört Guds underwärk : Om en 
Figa i Skane Elster Jons Dotter benämd, uti Norra Aby, i Södra Abys 
Socken^ Ire mil fran Malmö, som sedan är 1703, in til 1711, lefwat 
utan den ringaste mat och dryck. Ganska härlig och upbyggelig at 
lisa. Tryckt i Oefle, 1778^, 15 Seiten Octav. Ausserdem erschienen 
ebend« noch vier Ausgaben, die letzte von Bäckström angeftihrte kam 
heraus „Stockholm. Tryckt iEcksteinska Boktryckeriet, 1833", 24 Seiten 
Octav (vermehrt mit einer Dedication an „Hogwälboma FrOken Ulrika 
Stenbock'', datiert Malmö den 18. Nov. 1710, nebst einer Vorrede „Til 
den gunstige Läsaren^). 

„Diese sowie die folgenden Geschichten, bemerkt Bäckström, 
sind eine Art modemer Volkslegenden, welche bei ihren Lesern ganz 
besonderes Vertrauen gewonnen zu haben scheinen. Die in Rede ste- 
hende ist verfaßt von dem Secretär Erik Roland im November 1710 
und vermuthlich bald nachher im Druck erschienen. Das Mädchen 
Eiter Jönsdotter war am 18. Januar 1703 beim Anhören einer Predigt 
Ober die Hochzeit in Cana von einer so grossen Seelenangst ergriffen 
worden^ daß sie auf die Knie niederfiel und bitterlich zu weinen an- 
fing. Am folgenden Tage, da sie ihren Diensiherm, den Mtdler in 
Aby, der mit Getreide nach Malmö fuhr, begleitete, wurde sie von 
heftigem Kopfschmerz geplagt und hatte das GefUhl als steckte eine 
firemde Hand ihr am Nacken zwischen dem Hemde und dem Leib ein 
eigroßes Stück Eis hinein, das ihr mitten auf dem Rücken sitzen zu 
bleiben schien. Seit der Zeit war sie immer bettlägerig und empfand 
solch einen Widerwillen gegen Speise und Trank, daß sie sieben 
Jahre lang nicht das geringste verzehrte. Das Gesicht behielt gleich- 
wohl seine frühere Fülle und Röthe, der Magen jedoch war so einge- 
fallen, daß der Nabel fast auf dem Rückgrat lag. Anderhalb Jahre 
lang hatte sie schwere Qualen empfunden, dann aber fand sich um die 
Zeit des Sonnenunterganges ein kleines Kind von etwa drei oder vier 



136 F. LIEBBECHT 

Jahren ein, das wie ein Engel Gottes anssah und ihre Leiden linderte, 
wobei es verspraeh ihr zum Trost einen hellglänzenden Stern zu senden, 
den sie auch von d6r Zeit an jeden Abend nach Sonnenuntergang sah. 
Auch als der Secretfir Roland am 4. Nov. 1710 sie besuchte, hatte sie 
zu ihm gesagt, daß sie den Stern sehe, obwohl er selbst nichts er- 
blickte; da er aber um sie zu prüfen ihr im Dunkeln verschiedene 
kleinere Gegenstände zeigte, nahm sie dieselben stets auf das deut- 
lichste wahr.^ 

„Diese Gteschichte, fllhrt Bäckström fort, erweckte grosses Auf- 
sehen und veranlaßte sogar eine Untersuchung des Gotha Hofgerichts, 
welches von dem damaligen Assessor im Collegium Medicum Magnus 
Gabriel Block (geb. 1669, gest. 1722) ein Gutachten einforderte, da 
er zu jener Zeit für den geschicktesten Arzt in Schweden angesehen 
wurde (vgL Biographisk Liexicon öfver namnkunnige svenske Man. 
Upsala 1836. U, 340—343). In diesem Gutachten, datiert Medevi den 
1. Juni 1714 und gedruckt unter dem Titel: Magnus Gabriel Blocks 
Betänckiande Ofwer Ester Jöns-Dotters Langvariga Fa- 
stande etc. etc. I Skane, Tttrat Uti ett Swar upp& Eongl. 
Gotha Hofrättz Bref Af den 29. April 1714. Stockholm, Joh. 
L. Hom 1719^ 24 Seiten Octav, bestreitet Block die angefahrten Facta 
nicht, sucht ihnen aber eine natOrliche Erklärung zu geben und ftlhrt 
zugleich unter Berufung auf das Untersuchungsprotokoll vom 9. No- 
vember 1713 eine besondere Thatsache an, von welcher in der Volks- 
legende nichts vorkommt und wonach Ester mitten in ihrem Heilig- 
keitszustand ein Kind geboren hatte und daß es ein gewisser Korporal 
Bredberg gewesen war, welcher der Legende diese weniger erbauliche 
Auflösung gegeben hatte.^ 

So weit Bäckstrom; ich selbst habe nur hinzuzuftlgen, daß mir 
diese schwedische Heiligengescbichte lediglich wegen ihrer frappanten 
Ähnlichkeit mit dir der belgischen Heiligen, Louise Lataud von 
Bois d'Haine , welche in der letzten Zeit so viel von sich zu reden 
gegeben, mittheilenswerth erschienen ist Auch eine andere EUstorie, 
wdche lebhaft an die Wunderquelle von Lourdes erinnert, lasse ich 
aus gleichem Grunde hier folgen. 

S. 122, Nr. 6. Brita Gustafsdotters Uppenbarelse. „Bonde- 
Hustrun Brita Gusta&dotters, i Höglyckan, Uppebarelse i Martii mänad 
Ar 1815. Stockohn. Tryckt i Marquardska Tryckeriet 1818' 32 Seiten 
Octav. — „Utfbrliga och säkra Underrättelser rörande den ryktbara 
Helsokällan i Bottnaryd, nära Jönköping, Profetissans fSregiina uppen- 
barelBe om detta wattens undergörande kraft samt de hittils fbrspörda 



ZUR SCHWEDISCHEN VOLKSUTERATUB. 137 

werkningame af dess begagnande. Jönköping; 1818. Tryckte hos Di- 
rektoren Job. Pebr Lundström.'' 19 Seiten Oetav (eine Kritik der ge- 
nannten Offenbarong, verfaßt von dem Propst und Pastor in Bolstad 
auf Dählsland, S. Wigelius, und begleitet von einem Briefe des Pro- 
fessors Berzelius an den damaligen Oberpräsidenten (landshOfding) 
Adlersparre, Excellenz^ in BetrefiF der Beschaffenheit des Wassers der 
Bottnaryds- Quelle, so wie von einem Briefe einer Standesperson in dem 
Orte hinsichtlich der durchaus gar nicht merkwUrdigen Wirkungen 
dieses Wassers); — „Guds drSpliga Underwerk, en tili Allmagtens ära 
kort men sannfärdig berättelse om den nyligen uppenbärade Hälso- 
k&Uan uti Elfsborgs Län och Bottnaryd Socken, uti nägra Versar en- 
faldigt sammaofattadt af förre Qwartermästaren Lars Segermann, hwilken 
rest uti de mäst bekannta Werdsdelar och nu är oboteligen blind. 
Norrköping 1818. Ad. Fr. Ramms Enka.*' 8 Seiten Oetav (Klage über 
die Unordnungen bei der Quelle; gereimte Beschreibung über der 
letztern Entdeckung und Eigenschafken und schließlich in Prosa eine 
,Kort Anwisning huru oärfarne böra ß5rhalla sig med detta Hälso- 
wattnets bruk''). 

Die Bäurin Brita Gustavstochter in Höglycka in dem Pastorat 
Bottnaryd, Provinz (län) Elfsborg, geboren in demselben Eärchspiel 
am 1. Februar 1778, hatte um die Mittagszeit eines Tages in der 
Mitte des Märzmonats 1815, da sie sich eben auf freiem Felde befand, 
eine liebliche Stimme vernommen, welche sich als die ihres 14 Jahre 
früher im Alter von 17 Wochen verstorbenen Sohnes zu erkennen gab. 
Diese Stimme hatte sie über den Katechismus (i kristendomen) befragt 
und schließlich ihr verkündigt, daß der Erlöser selbst mit ihr sprechen 
werde und sie dazu auserwählt hätte, seine Botschaft zu verkündigen. 
Kurz darauf vernahm sie auch wirklich die Stimme des Erlösers, der 
ihr offenbarte, daß in einiger Entfernung von Lönäs, wo sie damals 
wohnte, eine wunderbare Quelle entdeckt werden und den Blinden das 
Gesicht so wie zahlreichen Siechen die Gesundheit wiedergeben werde. 
Demnächst befahl ihr diese Stimme den Bewohnern Schwedens zu 
verkünden, wie sehr erzürnt der Erlöser wäre über die Sonntagsfeier 
der Bauern, über die Veränderungen des Katechismus und Psalmbuchs, 
über die Ehen zwischen Geschwisterkindern so wie über das Kartoffel- 
brennen und die Pockenimpfung und schließlich verordnete die Stimme 
wie es mit der Einzäunung der wunderbaren Quelle gehalten werden 
und daß kein Aberglauben oder Opfern dabei stattfinden solle. Die 
Erzählung ist datiert vom 24. Febr. 1818 und bezeugt von dem Gast- 
geber J. J. Andersson and dem Ackerwirth Thure A. RhoduL 



138 F- LIEBRECHT, ZUB SCHWEDISCHEN VOLKSLITERATUR. 

S. 152, Nr. 30. Djefwulen och Eäringen. „£n merkwftrdig 
Historia som lenmar den applysningen om att 'Hwarest Djefwulen 
icke sjelf kann komma, dit skickar han en gammal Kärring', af J. Rose. 
ÖfVeraättniDg frän Tyskan af A. A. W. Wexjö 1847, hos A, G. Deu- 
rell.« 10 Seiten Octav. 

Der Jäger Kaspar lebte mit seiner Frau Mariandel in so glück- 
licher Ehe, daß dies des Teufels Ärger erweckte; da er jedoch daran ver- 
zweifelte die Eintracht der jungen Eheleute stören zu kOnnen, so über- 
nahm dies ein altes Weib; und es glückte ihr auch in der That fiir 
einige Zeit; schließlich jedoch siegte die treue Liebe der Gatten über 
ihre Künste und sie versöhnten sich wieder. 

Wie aus dem Titel erhellt, ist diese Erzählung aus dem Deutschen 
übersetzt; doch weiß ich nicht zu sagen, welcher Autor unter A. A. W. 
zu verstehen ist Wie dem auch sei, die nähern Nachweise über die- 
selbe s. bei Dunlop-Liebrecht S. 503 zu Don Manuel's Conde Lucanor 
Nr. 48 und bei Osterley zu Kirchhofs Wendunmuth Buch 1, Cap. 366. 

S. 155, Nr. 8. Hundarnes Priwilegium. ,,Orsaken Hwarföre 
Hundame nosa p& hwarandra., Elller Deras Priwilegier Samt Fri-och 
Rättigheter. Innefattande äfwen anledningen tili s& wäl Hundars och 
Kattors, som Kattors och Rittors ewiga fiendskap mot hwarandra. 
Stockholm 1823. Tryckt i Ecksteinska Bocktryckeriet^ 8 Seiten Octav. 

Unter den von Bäckström angefbhiten Ausgaben gibt die obige 
den Titel am vollständigsten an, und scheint daraus hervorzugehen, 
daß die schwedische Version dieses Schwanks der Nr. 25 'Warum die 
Hunde sich beriechen in Simrocks Deutschen Märchen. Stuttgart 1864 
entspricht; ebenso auch bei Wenzig, Westslavischer Märchenschatz, 
S. 44 'Warum die Hunde die Katzen anknurren und warum die Katzen 
den Mäusen feind sind'. Kürzere Fassungen in A. Kuhn's Westfiü. 
Sagen 2, 237 'Das verlorene Urtheil* und in Wolfs Zeitschrifk fbr 
deutsche Mythologie 1, 225. 460 'Warum die Hunde einander beriechen, 
wenn sie sich begegnen • 

S. 165, Nr. 69. Ett Äktenskaps-Förbund. „Et roligt Eckten- 
skaps-Förbund Emellan Cigutwaktaren Jan von Torsten och Rosina 
Muskat. Stockholm 1801. Tryckt hos Andreas J. Sylvenius.^ 4 Seiten 
Octav. Später noch mehrmal wiederabgedruckt 

Bäckström bemerkt hierzu: „Aftryck ur Mina Tidsfördrif 
pä Gäldstufvan^, fügt aber keine sonstige Nachweise hinzu. Auch 
ich kann deren nicht geben, obwohl ich das Geschichtchen oft gelesen, 
so daß ich von dem Inhalt bloß aus dem Gedächtniss eine kurze 
Übersicht zu ^eben vermag. Ein Schiffskapitän nimmt in seinem Wein- 



F. BECH, BESSERUNGEN UND NACHWEISE. 139 

vonrftth eine übergrosse Verminderang wahr und beschließt genau 
aufBupassen. Indem er nun so eines Tages sich wieder in der Nähe 
des Weinverschlages versteckt hält, sieht er den Kajtttenjungen hin- 
einschleichen; eine Flasche Muskateller entpfropfen und hört ihn dann 
ausrufen: „Ich (hier nennt er seinen Namen) gebürtig aus (...?) bin 
gesonnen mich mit Jungfer Rosina Muskat aus . . . (hier nennt er einen 
Ort in Südfirankreich) ehelich zu verbinden. Wer dagegen Einspruch er- 
heben will, thue dies bei Zeiten. Ich biete auf zum ersten, zum zweiten 
und zum dritten Mal!" Schon will der Junge dann die Flasche an 
den Mund setzen, als der Kapitän aus seinem Versteck hervorspringt 
und ausruft: „Halt, ich thue Einspruch!" Den Schluß kann man sich 
denken. — Die Namen der schwedischen Version weisen auf ein deut- 
sches Original. 

S. 166, Nr. 74. Hunden päHötappen. „Hunden p& Hötappen. 
£n liten Muntrations-Lectur, utgifwen af Koriander Katzenkrall, Forste 
Hoiharr, Kort-, Korf- och Swafwelsticks-Fabriqueur. Stockholm 1832. 
Tryckt hos Jon. Ad. Wallddn.« 7 Seiten Octav. 

Bäckström gibt nur den Titel dieser einzigen Ausgabe. Allem 
Anschein nach findet sich hier derselbe Gegenstand behandelt wie bei 
Burkhard Waldis 1, 64 ^Vom neidigen Hundt'; s. hierzu Kurz und 
Osterley in ELirchhof s Wendunmuth 7, 130. 

LÜTTICH. FELIX LIEBRECHT. 



BESSERUNGEN UND NACHWEISE. 



Anslahtj anslahtej f. 

Psalm 88, 37 : visitabo in virga iniquüates eorum et in verberäms 
peecata eorum — dies wird in der Windberger Interlinearversion ed. 
Graff übersetzt: idi vnse in der gerte unreht ire unde in den uülaten — 
anslahten — sunte ire. Danach ist unter anslaht die Geiselung zu 
verstehen. Denselben Sinn hatte das ebendaselbst stehende aneeUihenf 
so Ps. 72, b flageUaJmntur y v)erdent si geuiUitj anegealagen] 72, 14ytit 
flageUaJtus^ ih vhm geviüet, angeelagen; Wiener Predd. in den Fundgr. I, 
95, 36 folg. tradetur gentibus et illudetur et flageUabitwr et conspuetwry 
der meide sun der wirt geantvmrte den heiden unt wirt verepottit unt 
wirt angeslagen und wirt angeepim. Auf das G^seln, nicht auf das An* 



l t ) F. BECH 

schlagen ans Kreuz könnte der Ausdruck auch gehen bei Diemer 315^ 
11 daz du dich hieze anslahen, späten unde sptwen^ und im Anegenge 
36, 30 do man den anesluoc. Die Redensart ist entlehnt von der väläte 
an der siule, an der echreiät oder an der stüpen (Haupt Zs. 8^ 295, 
725; St Trudbertor H. Lied 39, 13); vgl. auch an die siulei?) slahen 
bei Berthold 28, 7, an die schreiat slahen im Stadtbuch von Augsburg 
ed. Meyer S. 172. Qraff IV, 776 verzeichnet anaslaht nur in der Be- 
deutung von nimbuSf itnber. 

Drabgeraete^ n. 

Reinfrid 7986 die ritter alle sloufien \ sich üz der tumeitcaetey | 
und wart in trabgeraete \ manic werder heU bekleit: zum Schutze der 
Überlieferung verweise ich noch auf drabegeschirre im Anzeiger f. Kunde 
a. 1871, S. 134; in Weist, in, 376, 3. Z. von unten; in Scriptores 
rer. Pruss. IV, 635; drabeschirre bei WtÜcker, ürk. u. Sehr. betr. den 
Zug der Armagnaken S. 55; drafgezeug im Urkundenbuch von Neustift 
in Tirol ed. Maihofer S. 361 (a. 1382) so schaff ich zu dem tuem ainen 
ledigen mayden oder meinen pesten lauffer und ain drafgezeug; Scriptores 
rer. Pruss. IV, 15 im jär 1466 dingeten sich der bundtherren hoffleute 
vom Bretchen mit irem drabgezeug. 

Verdrozzen 

in der Erlösung 898: daz ich icht mechte verdrozzen mit langer rede 
keinen man: ist nicht Infinitiv sondern Participium, mechte die frän- 
kische, mitteld. Conjunctivform von machen = facerem. Den Nachweis 
meine ich erbracht zu haben in der Germania 3, 330 sowie 15, 153 
bis 54. Das Citat bei Lexer 11, 99 sowie bei Weinhold Gramm. §. 399 
ist also wohl zu streichen. Weitere Beispiele dieses Conjunctives mechte 
finden sich wahrscheinlich auch in dem Gedichte Moriz v. Craün, vgl. 
Germ. 17, 175; femer in Mones Schausp. des Mittel. I, 105 (785) wie 

er ire nchen mechte gesunt (14. Jahrb.); im Renner 9671 daz wir 

ein kriuze ßir uns mechleni gedeckten \ 19554 daz «5 mangerlei 

gebrechte mit sd kleinen zungUn mechte; in Weist. 11, 427, Z. 16 von unten, 
aus dem 16. Jahrh. ; lU, 598, Z. 23—24 (Rechte von Meiningen a. 1450); 
IV, 552, Z. 30, aus dem 15. Jahrb.; 567, Z. 29; 633, Z. 2 von unten 
(15. Jahrb.); V, 571, Z. 16 von unten; 636, Z. 14 setzten oder mechten 
(Osthoven a. 1338); VI, 25, Z. 28 (a. 1424); 61, Z. 7 mechte es sich 
aber, daz u. s. w. (Franken, a. 1448); Zeitzer Copialbuch 408^ her 
mechte uns gerne erbeloz, wanne her künde] Eoelhoffsche Chronik 492, 
11 dat he heimlichen sich eweeh mechte; Roscnblüt in Espes Bericht vom 
J. 1840, S. 40 mechi: siecht-, Fichard Frankf. Archiv 1, 190 (Urk. von 



BESSERUNGEN UND NACHWEISE. 141 

Wetslar a. 1382); III, 347 (aus Eberhard von Windeck ans Mainz, 
15. Jahrh.) und 348; Wülcker Neujahrsbl. von Frankf. a. 1873, S. 45, 
Z. 3 von unten; a. 1877, S. 28; Scbranz Gescb. der deutseben Ge- 
sellenverbände S. 178 (Speier, 15. Jahrh.) ; Hans Folz in Haupts Zeit- 
schrift 8, 523 Tnechti rechte 325, 33; Conrad von Weinsberg (Bibl. des 
litt Ver. XVni) 46, Z. 13; M. Beheim Buch v. d. Wienern 32, 9; 194, 
18 mekUzAlbrehte und 235, 16; 236, 10; 292, 26; 303, 6; Weist. V, 
479, Z. 14 von unten, aus dem Unterelsaß a. 1380, und 485, Z. 6 
von unten. Die in Franken ursprünglich heimische Form hat sich also 
seit dem 14. Jahrh. auch in Oberdeutschland eingebürgert. 

Vertremmeriy swv, 

im Hhd. Handwörterb. IH, 274 aufgeführt, steht nach der Handschr. 
in der Martina 23, 93 folg. Vor got urdugent smeckint, Die stnen zam 
weckint Und unsir sei (?) vertremment Lip und sSl erlemment Man hat 
wohl und unser heil vertemmeni zu lesen, wie es 26, 64 heißt, worauf 
schon V. Keller und Holland in ihren Anmerkungen S. 740 hinwiesen. 
Vergl. Lexer s. v. vertemmen und s. v. verdempfen. 

Vesenboumf 

So angesetzt bei Lexer IH, 325, aus Mynsinger 40, wo Mittel 
gegen die Krankheiten des Habichts angegeben werden. Dort steht 
unter andern: darnach sol man nemen vesenpaum und ain kraut haißt 
rosmarin und vrilden ysop. Wahrscheinlich ist aber sevenbaum zu lesen, 
worüber man vergleiche Lexer II, 897. 

Vinster. 

In der Blume der Tugend bei Hans Vintler 1808 heißt es: Er lies 
auf ainen tag slahen Ze tdt vier vinster ritterschaft) im Wörterbuch dazu 
wird dieses vinster ftir ein Adjectiv gehalten mit der Erklärung: ent- 
gegengesetzt, feindlich, was auch Lexer IH, 358 aufgenommen hat. 
Richtiger faßt man wohl vinster als Substantiv = legioj vergl. Diefenb. 
NQl. 321 • legioj finstri, ßnstemißj fenstemes^ vinstimisse und dessen 
Glossar 322*". Und hiermit stimmt auch Vintlers Quelle Valerius Ma- 
ximus IX, c. 2, §. 1: quatuor legiones cordrariae partis. Aber woher 
stammt das Wort und seine Bedeutung? meint es das lat. nvbila in 
der Bedeutung nuhes =r dichte Menge, Masse? 

Fiwersdtj m, 

Warnung 67 folg. lautet der Text nach Haupt: Hz der JieUe si 
(= die, welche ihren irdischen Besitz auf der Erde zurückgelassen 



142 F. BECH 

haben) her dingent (ioe man in ir guot teile | urd A von eere heile I 

unt in hdfe üz ängstlicher nMi \ si twingt der heüeßwers tdt; aoffUlig ist 
hier der heüefiwers tdt, viel wahrscheinlicher der heUefiuoere&ty der Feuer- 
piiihl der Hölle; vergi. Lexer s. v. «8^, Fraoenlob Spr. 13, 16. 

Oetoatej gewatj n. 

Das Wort ist ohne Erklärung von Lexer I; 979 angesetzt; in den 
Berichtigungen zu diesem Bande wird auf Genn. 11, 70, 11 verwiesen. 
Man vergl. darüber Hoffinann Gloss. Belg. 33 ghewat^ vadum und Comel. 
Kiliani Etym. ed. Hasselt 181^ ghewaty fland. j\ foateringe'y Diefenb. 
604'' vadum ghewat vel een waterscap; dasselbe bedeutet toat im Mhd. 
WOrterb. HI, 535% 34 und bei Kehrein Samml. 31^. In diesem Sinne 
findet man das Wort bei Gotfrid Hagen 6089 (12. Band der Chroniken 
der d. St) ich sal üeh wisen dat gewat (: dat) ; 6092 der greve dat gewat 
gewan, von Groote missverstanden, von Birlinger im Glossar 408 richtig 
mit Furt, vcidum erklärt Im Sinne von hruch^ lä, lache, mos fasse ich 
das Wort auch bei Berthold von Holle im Demantin 10411 dar was 
gemachet uf den plan ein brücke breä obir gewat (: dat) und 9449 sd zwSne 
valken ober ein gewat uf und nedir zu vogiln gdt (so nach der Handschr.). 
Dahin gehört daz horch gewat in dem Bruchstück aus Heinrichs von 
Hesler Offenbarung German. 11, 70; 17 so wie im Athis S. 117 (136) 
den herzogin von der stat Stach er in ein horegewat (nach Lacomblet; 
horc gewath), femer gewaydt in Wülckers Neujahrsblatt von Frankfurt 
a. 1877, S. 57: si sin bicz an eyn gewaydt zugelauffen (a. 1475). Doch 
ist das Wort auf Nord- und Mitteldeutschland nicht allein beschränkt 
Auch Heinrieh von dem Türlin bediente sich seiner in der Krone 3315: 
diu zU was kalt und tief der sni, Als ez ist des winters S, Und diu ge- 
wat (P. die gewate, V. die gewaed) starke tief, Dd von daz wUt niht 
verre lief, Wan ez äne twdle Vil nähe ze aUem mdle Durch diu gewat 
in (P. die gewaten, V. di gewaete) brctst Dasselbe bedeutet waydt bei 
Wierstraat 179, 191 und 223. 

Isen kiuwen 

findet sich gerade so wie in den von Haupt zu Neidhard S. 215 be- 
merkten Stellen isen ezzen, i, frezzen, i. verslinden gebraucht um das 
Bramarbasieren des miles gloriosus auszudrücken. So in dem Klage- 
gedichte auf Herzog Johan von Brabant in v. d. Hagens Germania III, 
125 (321) sie liezen niht ir lägen \ die ritter-just pflägen : \ sam tuen die 
tsen kiuwen, \ die mit geverde unt mit untriuwen \ halten uf der ban ver- 
»wigen; und in der verderbten Stelle S. 120 (126 folg.): le nerrischer 



BESSERUNGEN UND NACHWEISE. 143 

am sin^) geberde, \ ie^) tiurer er waenet wesen] \ in dilnket nieman siUle 
genesen \ vor dem tsenkiuwen^) ; \ hdch ob smen kniuwen*) \ sin ime die 
hosen^) abegealagen. Eine dritte Stelle ist die von Lexer I, 1457 auf- 
geführte aas dem Pseadoneidhard 172, 134: ja waen ich in wol ein tsen 
kiuwen — so sind die letzten beiden Worte getrennt zu schreiben, 
nicht wie Lexer nach Haupts Vorgange thut tsenkiuwen ; waenen regiert 
hier wie in den vom Mhd. Wörterb. lU, 495% 46 folg. angemerkten 
Beispielen den Aco. c. inf , vergl. darüber noch Pass. E. 378^ 72 und 
namentlich Apelt im Jahresbericht des Gymnasiums zu Weimar v. 
J. 1875, S. 14. 

Reisen 

erscheint als musikalischer Ausdruck gebraucht bei Heinrich Seuse in 
Grieshabers Vaterländisches S. 300: also sas der jüngeling mit der 
harphen zu dem bruoder und begond sin harphen reisen und schöne üf- 
Jdenken; 8/301: und begonde sin harphen reisen und schone blasen] De- 
nifle, Deutsche Sehr, des sei. Heinrich Seuse 392 der bereit uf ein 
spalterij und da er si gereiset (,,da er es angeschlagen hatte"). Mit 
demselben Wortstamme zusammengesetzt scheinen dieAdjectiva lautraisy 
lütreisig, lautrcdsigj ruemraisig zu sein bei Schmeller-Frommann 11, 141. 
Vielleicht ist das mhd. Wort ims mit dem gotischen raisjan in ur- 
raisjan und hat hier eigentlich den Sinn von indtare. Töne hervor- 
bringen, dann überhaupt spielen, worauf auch das daneben stehende 
üfklenken deutet. Möglicher Weise ist auch erreisen hierherzuziehen, 
das in einer Stelle des Teichner erscheint im Mhd. Wörterb. IP, 
665^; 44, sowie verreisen in Bruder Hansens Marienliedem 1108 myn 
seyten sint verdorret, Myn slussel sint vorreyset unt ontvallen. Ob in den 
neuhochd. Redensarten briUen-, possen-, zoten reißen ein Nachklang da- 
von erhalten, vermag ich ebenso wenig zu entscheiden als die Ety- 
mologie des Wortes sicher zu bestimmen. Dürfte man reisen aber als 
Factitativum zu risen cadere stellen, dann wäre es seiner Bedeutimg 
nach verwandt dem Worte veUen, jenem musikalischen Ausdrucke, der 
im Tristan 7998 begegnet: si steigete unde vaUe noten] in den Kolm. 
Meisterliedem III, 5 so velt diu lerche in gradibus im süezen val-, bei 
Frauenlob im Frauenl. 18, 4 die steige, velle schrien, in dessen Sprüchen 
367, 10 steige, veUe leren', Laßberg LS. II, 209, 30 ze valle singen. 



*) An M\ bs. m. — ') te] ha. fm te. — *) ynn üwer. — *) amem lAwer. — 
^) keheatn. 



144 P* BECH 



Sattn 

wird im Mhd. Wörterb. IP, 59^ 17 und danach von Lexer 11 , 616 
angesetzt und für ein Seidengewebe =: franz. sattHj ital. setino erklärt 
mit Verweisung auf die Krone 2918. Aber diese Stelle enthält bei 
genauerem Nachsehen ein ganz anderes Wort; der Dichter stellt dort 
eine vergleichende Betrachtung an über den Ausgang den ein Wett- 
kampf zwischen einem Bewaffneten und einem Unbewaffneten nehmen 
müsse und sagt da unter andern: 

2909 man sikt ir beider teil wegen 

ungttche üf der wäge: 

sie hebet sich vü träge 

nach wäne an des gastes teil, 

ez enunderste ime heü, 

wan sin geloete ringer ist, 
2915 Ich weiz wol^ daz dehein list 

in der werlt ist so starc. 

Swer einJudp ein mare 

wiget gein einem saetin, 

da muoz vil ungdtche sin 

ir beider gewige. 

Die Stelle ist vom Herausgeber nicht richtig verstanden. Ich 
habe nach wäne Air nähe wan in V. 2912 gesetzt^ ebenso ime heil für 
Unheil. Für sattn, welches Scholl in V. 2918 in den Text gesetzt hat, 
bietet die Wiener Handschrift saetiny dasselbe Wort welches Lexer U, 
894 unter der Form setin verzeichnet hat, = der halbe oder vierte Theil 
eines Lotes; nur dieses kann als Gegengewicht gegen die marc, das 
halbe Pfund , hier gemeint sein. Zu gewige vergl. man Pfeiffer, Zwei 
Arzneibücher, im Wörterbuche dazu S. 63 (162) s. v. gewic, gewich, stn. 

Sehiun, f. 

in Eonrads von Würzburg Liedern ed. Bartsch 32,83 dar inn er vermüret \ 
Ht als ein made in einer schiun (: kiun : riuri) — fasse ich als volks- 
thümliche Bezeichnung für das gewöhnlichere kemhfiSj arulla, ptdpa, 
das ursprünglich wohl auch granarium, horreum bedeutete. Ahn- 
lich verwenden made im Vergleich Frauenlob Spr. 254, 17 unJtriuwe 
die ist recht als ein boeser maden, der in ein obz Icumt ungeladen , und 
Berthold 848, 7 diu hochvart wehset in dem richJtucme als der made in 
dem apfel. 



BESSERUNGEN UND NACHWEISE. 145 

Schdzel (schoezel) n. 

war auch ein Theil der Rüstung , dasselbe was bei Wolfram Parz. 
707, 20 und Willefa. 79, 3 des halsberges g^en, im Orendel 2320 und 
2617 der brunne gSren sind. So verstehe ich das Wort im Reinfirid 
15499: ich waene er fliehe sicherlieh schoezel (hs. schossel) unde platten; 
vergl. die im Mhd. Wörterb. IP, 175*, 28 citierte Stelle aus Suchenwirt: 
durch schdz und euch durch plcUen vü nuwger wart geletzet] Konrad von 
Ammenhausen fol. 86*" nach der Zofinger Handschr. ein rüter sol an 

tragen ein gantzes hamesch; was dar zuo sol gehoben das sag ich 

: hcdsperg, schoss und isnein hosen, bukel^ beinberge oder knieling 

(hs. krieling) genant; Nordhäuser Statuten in Förstemanns N. Mitth. 
in, 3, 48 — 49 (14. Jahrh.) wer drizzeik mark verschozzety der sal haben 
redeUche wäpen: eyne schopen, crayn, grüsentr^ schdz ^ eyne swebische 
platey eyne tarschen etc 

SeJ^e, f. 

In den Nürnberger Polizeiordnungen herausg. von Baader (= Bibl. 
des Liter. Vereins in Stuttgart no. LXIII) S. 170, S. 6 ist den Schmieden 
der Hammerwerke verboten in den Stadtwaldungen an der Pegnitz 
Kohlen zu brennen, wer dawider handele, der solle ze bezzerunge geben 
X pfund haller ie von der seien. Was bedeutet hier setef Baader ver- 
muthete in der Anm. dazu: „wahrscheinlich von dem Worte ^6«eto, das 
eine Stätte, wo etwas gebaut wird, und hier einen Weiler bedeutet'. 
Statt eine rein niederdeutsche Sprachform zu EGlfe zu nehmen hat man 
eher an das althochd. satta^ seta = canistrum, sporta zu denken, worüber 
Weigand s. v. satte zu vergleichen ist; darnach ist hier wohl ein Koh- 
lenmaß zu verstehen, worüber nachzulesen ist was von Kirchhoflf zu 
den Weisthümem der Stadt Erfurt S. 74^ Anm. 150 vermerkt ist Das 
Wort erscheint übrigens auch beim König vom Odenwald VU, 175: 
stroeunn seten unde nest die sint lange vor gewest, vergl. die Anm. dazu 
von K von Bahder. Das Mhd. Handwörterb. 13 , 893 hat das Wort 
bereits aufgenommen, nur unrichtig erklärt. 

Swdsheit. 

Die von Förstemann herausgegebene Nordhäuser Bürgereinung 
vom J. 1308 in den N. Mittheilungen HI, Heft 2 enthält S. 23 fol- 
gendes : sun ein unvledic venster von einer swäzheit het gende an die strdze, 
die ffU zwo marc] späterhin, wo dieser Paragraph wiederholt wird, in 
den Gesetzen aus dem 15. bis 16. Jahrhundert, vergl. die Gesetzsamm- 
lungen der St Nordfaausen ed. Förstemann S. 63*^ (Sonderabdmck), 

0EBMAN1A. Nene Reihe XII. (XXIT. Jahrg.) \Q 



146 F* BECH 

heißt es : xcy ein unfletigk fenster adir loch von keynerley swarizheit (?) 
ndir unßetikeü hat gehende an dy strasze, der gebü zewu margk. Gemeint 
kann nur sein das was sonst auch gemodsheit^ heimliehkeit heißt, das 
swäshüs, die swäskamere. Wenn in Lexers Handwörterb. 11, 1332 s. v. 
9wacheü aus dem Prager Recht 150, 168 angegeben wird: genge die 
swacheit heizen^ so ist wohl richtiger stcäsJieit ftlr mvacJieit zu lesen ; auch 
in den Varianten zu der Eaiserchronik 13492 ed. Maßmann ist stca- 
chaü verzeichnet, wo nur swashait verstanden werden kann, neben ge- 
suHuheä. Man vergleiche übrigens noch Interlinearvers, der Trierer 
Psalmen ed. Graff S. 490: in penetraübus, in den geswäaheiden. 

Tinne 

ist wohl ftLr das unverständliche iuome (aufgeführt bei Lexer II, 1575) 
zu lesen in Pfeiffers Deutschen Arzneibüchern II, 4': sd im diu tune- 
foengel unde die tuomen enphcdlent unde die lefse nider vaUent u. s. w. ; 
im Glossar dazu hat der Herausgeber vermerkt, daß der Diphthong 
in dieser Handschr. keineswegs sicher sei, es vielmehr ebensogut Umme 
als turne heißen könne*). Aber auch statt tunewengd hieß es hier wohl 
ursprünglich bloß wengel, denn das letztere wäre dem Sinne der Stelle 
ebenso entsprechend wie dem Gebrauche, der das Wort nicht selten 
neben tinne stellt, so bei Hesse von Rinach in MSH. I, 210^ (I, 2), 
in Der Minne Frigedank (Docens Miscell. TL) 185 — 86, im Reinfrid 
2249—50, bei Walther v. Rheinau 238, 52—58, in Gotfrids Tristan 
923, im Flore 1835—43, 6820—36 {wange neben tinne). 

Tuehtjf. 

Pass. K. 572, 69 si bare sich in des Schiffes tucht (: vlueht) und lac 
darmne über nackt. Lexer II, 1563 vermuthet, tucht bedeute „Schiffs- 
bauch''; richtiger fassen es wohl die alten EIrklärer als transtrumf Ru* 
derbank, denn es ist wohl nichts anders als das niederdeutsche duckt, 
worüber zu vergleichen Frisch I, 210^, D. Wörterbuch U, 1489, Schiller- 
Lübben I, 590**, 5, Diefenbach u. Wülcker I, 373; daneben die Form 
dofty plur. dofiun, bei NGl. 370* und German. IX, 26^ Z. 8. Vergl. die 
Glossen zu Prudentius (in Haupts Zs.) 521 (215) in transtris an den 
thuerstolon. 

Ungebant 

im Sinne von indomibus, also von henden^ banden, fesseln, finde ich in 
einem Gedicht des 14. Jahrhunderts, das Hoffinann in den Altd. Blät- 

*) So halte ich auch touehüeh fol. 3* (Tergl. Lexer II, 1483) för verderbt ans 
tueJUieh, duhiig; man vergleiche houbelducht ebenda fol. 17* und Lexer I, 1348. 



BESSERUNGEN UND NACHWEISE. 147 

tem n, 308—310 mitgetheilt hat; dort steht S. 309, Z. 11 von anten: 
Der Tsunge ir ungepantez Uet Ich wold eu gerne reden mü a. s. w. Wie 
einige Verse vorher ZU und Notdurft personificiert und angeredet wer- 
den, so ist auch hier die Zunge angeredet, also etwa so zu lesen : Ver 
Zunge, ir ungepantez Ut u. s. w. Der Verfasser hat offenbar im Auge 
gehabt Brief Jacobi IH, 8: linguam autem nullus hominum domare po- 
test, inquietum malum^ plena veneno mortifero. Zu benden swv. vergL 
Martina 3, 6 durch dich ist er gebendü (: erwendit)\ 123, 53 mit dem tdde 
gebendet (: wendet); ebenso 126,38 (iverendit)] zu banden vergl. noch 
Schwabcnsp. ed. Schilter 206, 6; 300, 3 (= ed. Wackemagel 249, 5); 
den 8un zuchtigen und banden im Stadtbuch von Augsburg ed. Meyer 
S. 181. Dem ungebanten Ut läßt sich vergleichen das nhd. Uvband in 
Sanders Wörterb. I, 74^ 

Uz unde üz. 

Pass. K. 228, 12 {der abrinnic munch) wart ütz unde üz geschoben 
und gelac ewpor uf ir (sc. der erde)] Mones Anzeiger VIII, 430 dS 
muose er üf einen berch stigen unde rmioae vasten vierzic tage üz unde üz 
(cfr. Diemer Genes, und Exodus S. 200*"); Stadtbuch von Augsburg 
S. 74 man rihte ouz und ouz ais davor geechriben stät; S. 194 ez ensal 
niemen cheinen unn misschen, em sul in cUsS guten für sich üz unde üz 
geben als er in üf tet; Alexander in MSH. II, 365*, 12 der schilt ist üz 
und üz gespenget] Heinrich von Krölwitz 17 mich hat dSn zeswe hont 
al üz unde üz gerüret an; Adelheid Langmann Offenbar. 94, 15 den 
paum den gibt ie einz dem andern di kindepet üz und ouz; der Herzog 
von Anhalt in MSH. I, 15* (= Bartsch, D. Liederd. XXVH, 28) wie 
mochte ein luft s6 süze drefen em wSre al üt und üt (hs. uht) vil gar ein 
minne; vergl. Schambach 250* und Schiller-Lübben V, 141*; dazu die 
Beispiele aus nhd. Schriftwerken bei Grimm D. Wörterb. I, 819 und Dietz 
Wörterb. zu Luther I, 157*. Die Bedeutung schwankt zwischen : fort 
und fort; die ganze Zeit über, und: durchaus, ganz und gar 

Wurmeläge, wirmeläge. 

Wenn wurmeläge, wurmldge stf. von W. Grimm in Athis u. Proph. 
S. 65 erklärt wird ftlr „ein Gebüsch^ einen gehegten Garten in der 
Nähe der Burg, wo Schlangen oder Drachen verborgen liegen, vor 
welchem man sich aber mit Spielen belustigt^ ; wenn hier überdies auf 
wurmegarte im Lanzelet 5048 als synonymen Ausdruck verwiesen wird; 
so will dazu der Zusammenhang, in welchem die damit bezeichnete 
Räumlichkeit im Laufe der Erzählung berührt wird, nicht recht stim- 



148 P- BECH 

men. Ein stattlicher Zag von Rittern und Frauen bew^ sich gegen 
der umrmläge S. 103 (28) ; vor der portin steigen die Frauen vom Pferde 
S. 107 (133); hier was der tisch frone — bereüü S. 107 (140); gegen 
Abend werden hier kerzin uf gebrant S. 107 (153) und man beginnt zu 
tanzen (156); S. 109 (56) wird die wurmläge noch einmal genannt als 
der Ort wo alles dieses vorgegangen ist; man belustigte sich darin, 
bis ei sich gevrouwiiin gnuoe und man trinkin dar geiruoc. Ein Gebüsch 
oder ein Garten war hierzu kaum geeignet*). Noch mehr sträubt 
sich gegen eine derartige Auffassung der Zusammenhang, in dem es 
die Sächsische Weltchronik (ed. L. Weiland in den Monum. German. 
tom. U, fasc 1) S. 251, 2 aufweist: Kaiser Friedrich 11. hatte (a. 1235) 

enen grüen hof to Megenze , dar he ordnen drdehy unde wären de 

vorsten vil nä edle dar unde andere herren vüe. He ät do in der warm- 
läge**) in dem vdde, dar waren upgeslagen sdcene pavlüne. Auch hier 
ist die Deutung des Herausgebers der Sache nicht entsprechend, wenn 
er in der Anmerkung dazu sagt: „vH)rmlage bedeutet Aufenthalt der 
Schlangen. Zu Mainz existierte also ein Garten, in welchem Schlangen 
gehalten wurden. Die wcrmlage in Nürnberg erwähnt die Sächsische 
Fortsetzung der Chronik zum J. 1274.'' Letztere Stelle auf S. 287, 4 
lautet: des andern tages darnach as her (sc. der König Rudolf) m der 
wormlage***) mit den fursten. Deutlicher sind die Stellen in der ältesten 
Bearbeitung des Herz. Ernst ed. Bartsch. Mitten in die Burg des 
Königs von Grippia (V. 2367 folg.) tritt der Herzog mit seinen Be- 
gleitern; si funden numic gestüde in einer würmdäge hSrtteh^ daz nie 
heiser wart so rieh, er möhie ze tische dar ingän^ D6 sähen sie innert- 
halben stän, die edden jungelinge, al uwbe ze ringe mangen tisch vil 
wünnectich, dar üf pfeUe und goU rieh; V. 2559 folg. wider zer würme- 
läge se kämen da sie die spise e da nämen ; V. 2951 folg. ich weiz wol 
daz sie algemeine in dise würmeläge gint zuo den tischen die da stSnt; 
V. 3340 folg. sio sie van den tischen sten^ sd beginnet der kSnic gen 
zuo den gesAen in d/en sal^ und rüment die würmeläge iiberal die hdde 
gemeinUche; V. 2835 folg. die zwene ritter — — stin an ein gewarheit 
undr ein gewelbe vinster; dar üz gienc ein venster ob der würmeläge 
hd'j dar in lenten si dd. An allen Stellen schreibt die Nürnberger 



*) Das Ton W. Grimm an der oben g^eiuumteii Stelle mitgetheilte Citat ans 
DietrichB Drachenkimpfen ist = Virgioal 926, 6 ecL Znpitsa, wo aber mit Recht der 
wunnen tpil fUr das überlieferte der wurmen apü gesetst ist 

**) Die Wolfenbüttler Handschr. (= W bei Maßmann) liest hier tfromlage, die 
fibrigen theilweis wormelage. 

♦*•) Varr. wormeloffef wormlage. 



BESSERUNGEN UND NACHWEISE. 149 

Handscfar. hier wyrmdag oder wirmdag^ die Wiener aber umgeht mei- 
stens das Wort und setzt dafdr diimicz, vergl. Bartsch Einleit. XXVHl 
und XII. Die von Haupt in der Zeitschr. 7, 193 folg. veröffentlichte 
lateinische Prosa^ die nach Bartsch Einleit. XL VI nach dem alten 
niederrheinischen Gedichte bearbeitet und vermuthlich schon im 13. 
Jahrh. entstanden ist, hat an den betreffenden Stellen daflir : permaxima 
domus ad convescendum praeparata^ coenaculu/m cum mensü omnium 
generum cibariia solempnisnme onttstts (21ö, 14); — in coenaculo ante 
dicto (217, 35); — vidü hoipües coenaculi latibulo inm pronimte$ 
(2;18, 33). In Odos latein. Gedichte, das zwischen 1206—1283 verfaßt 
ist und ebenfalls dem niederrhein. Gedichte folgt, ist die wormeläge mit 
ganeu/m wiedergegeben, vergl. Bartsch 1. c. S. LXX und Diefenbach 
8. V. ganea und gyneceum. Hiemach kann es kaum mehr zweifelhaft 
sein, daß wurmläge keinen eingehegten Garten bedeutete, wo Schlangen 
hausten oder gehalten wurden, sondern vielmehr ein saalartiges Gebäude 
oder Gemach von besonderer Pracht, zur Bewirthung und Unterhaltung 
fürstlicher Gäste bestimmt. Dazu stimmen femer die Stellen bei Ber- 
thold von Holle, so im Demantin 1065 folg. dar was gemachet üf den 
plan ein wormläge also getan daz ich spreche wol vor war, wSm zwe 
tüsint frouwen dar, si mochten lichte hdn ersSn den strit di soüe dar 
geschin-, V. 1110 Demanten — an di wormläge hen reit; V. 1119 di 
hochgeldbte reit in di wormläge al zu hant-^ V. 1129 Firganant — eim 
vorsten quam geRche an die wormläge uf de andir sü. Die aus dem 
15. Jahrh. stammende Handschrift hat hier überall vormläge, woftlr 
Bartsch wormläge in den Text gesetzt hat Mit Recht hat derselbe das 
Wort auch im Crane wiederhergestellt, wo bisher nach der Handschrift 
vorläge (bei Lexer HI, 473 wieder aufgefilhrt) zu lesen war, so in 
V. 4194 und 4224. Wie ist nun aber das Wort zu erklären? 

Indem ich hier eine Erklärung des Wortes versuche, schicke ich 
zunächst folgende Stellen voraus, in denen Verwandtes angegeben 
scheint. So in Diefenbachs Glossar 613* s. v. vermicuUire : om eyn dinck 
tzo mahl geschakeert als eyn wormcJien kruypt ; s. v. vermiculaium : worm- 
gemeide; s. v. vermiculattis : gemalt vel geferbt als wormlin, gewurmlet; 
319** 8. V. laquearieen keper vd worminghe; Williram 11,6 in wurme 
Ibis geblahmäldt = vermieulatus argento, vergl. J. Haupt HLied 23, 23; 
Komel. Eil ed. Hasselt 819^ worminghcj wormene, laquear et culmen 
domuSy foMigium, TtU alle dem halte man das französische vermeil sowie 
vermicule. Hiemach wage ich zu vermuthen, daß die wurmeläge ein 
Saal oder ein Gemach gewesen sei, in dem das Auge das sogenannte 
opu^ vermiculatum oder musivum, die Musivmalerei bewunderte, die 



150 F- BECH, BESSERUNGEN UND NACHWEISE. 

nach dem Urtheile eines Kenners „in der Feme betrachtet , wie eine 
Menge sich windender Würmer aussieht^*). Das Wort ist wohl nicht 
ein Compositum von wurm and läge (von ligen), worauf Orimms obige 
Erklärung hinausläuft, sondern scheint eher Verdeutschung eines ro- 
manischen Ausdrucks zu sein, so daß man es als eine Ableitung von 
f>ermeilf vermicuius^ mit der romanischen Ableitungssilbe -age zu nehmen 
hätte. Man sehe hierftber Diez Ghramm. der Rom. Spr. 11^, 310 folg., 
wo die Ableitung -o^e auf lateinisch -atieum = -agium zurückgeführt 
wird, wie vassdage auf vasmillaJticwn oder -^igium, ombrage auf umbra- 
Heumf passage auf pasacigium^ rivage (cfir. Tristan 15925) auf rivaiicum. 

In wiefern der Name Chunrat de Wtrmlaga oder der Wtrmäaha 
hierher gehört^ muß ich Andern zu bestimmen überlassen; er findet 
sich in einer Passauer Urkunde vom J. 1128 (Monumenta Boica 29. 2, 
21. 62), vergL W. Orimm, Athis u. Froph. weitere Bruchstücke S. 15. 
Ist die Form wtrmlaga oder wirmilaha identisch mit wurmläge, so wäre 
dies nur ein Beweis mehr ftü* dessen Entstehung aus dem Romanischen. 

Schließlich kann ich nicht umhin die Leser auch noch auf eine Stelle 
in J. Rothes Chronik Cap. 635 aufinerksam zu machen ; dort heißt es, 
nach dem Texte v. Liliencrons, zu dem Jahre 1317 : ein bUgk der slugk 
zu Warpergk yn da» stoß unde vorbranie den mitteltorm cibin uß unde 
varbrante das mußhuß, obin das dach unde das vorner mit den tischen 

unde kostUehen gef essen bis uf den estrich unde varterbete vil schönes 

gemeUs (hs. Dr. gemelczis) wundere u. s. w. Für vamer liest man in 
der besseren Dresdener Handschr. womyr. Dies hat Frisch in sein 
Wörterbuch 11, 457^ sowie I, 56*" angenommen und ftlr wannyr = 6a- 
nier, vexiUum ausgegeben; ihm ist Oberlin gefolgt 11, 2058; jedenfalls 
aber ist diese mit dem Zusammenhange obiger Stelle nicht stimmende 
Auffassung eine verfehlte. Eher liegt ein Wort wie das mnl. war* 
wdnghej wormene zu Ghrunde, das dem Begriffe einer wormeläge entsprach, 
aber zu Rothes Zeit nicht mehr verstanden und darum in der Aus- 
sprache verderbt wurde. In Cap. 620 der genannten Chronik heißt 
dieselbe Localität das gemalte hueß ; an ihrer Stelle wird laut Cap. 636 
später eine schSne hofedomzen errichtet. 

Zerdenen (zerdennen). 

bildete im Alemannischen ehemals auch ein Präteritum zertande ; vergl. 
über die in jenem Dialekte beliebte Erweichung des f in d, wenn es 



*) Sonst wird vermietdu», vemUUum durch mnguü draeonii, irachenbluat wieder- 
gegeben, Tergl. D. Wörterb. 11, 1882; Lexer II, 1487; Komel. Kil ed. Hasaelt s. y. 
MnmäUoen; bei Frauenl. Spr. 131, 7 bezeichnet traehenhluot geradem die rothe Farbe. 



A. NAGELE, ZUB CHBONOLOGIE DEB SPBÜCHE WALTHEB8. 161 

sich mit einer Liquida verbindet , Weinhold, Alem. Qramm. S. 143« 
So verstehe ich die Überlieferung im Reinfrid 24953: des gewaU und 
fnniu rieh sich vntenes zertande (: lande). Öfter findet man derartige 
Formen bei Walther von Rheinau, so 175, 2^5 des ersten tanden A im 
hin an kriuzes ort die linken hant; darnach tandens im ze hant die 
rehten an daz ander ort; dahin gehört auch 95, 35 : Jesus — sinen kruog 
dike hieng an des Hechten sunnen schin unde tande in mit im hin ge- 
liehe recht alsam ein snuoTf wo ich die Änderung in rande mit im hin 
für unnöthig halte; ferner in 111, 11 Jesus — dante als schone sin hävy 
sam ez gemäl wSri dar^ wo gleichfalls ohne Noth dante in danne ver- 
ändert ist. Neben dem Particip getenet 175, 11 findet sich die Form 

getont 181, 51 : do si ir kint ze male sdch mit dien viiezen sin 

getant an des frdnen hriuzes rant. Ebenso findet sich das Präteritum 
im Liederb. der Clara Hätzlerin 8. 303^, 98, in einem Gedichte des 
Mönchs von Salzburg: die Juden taiüen sein gewant, sein glider dant 
(= dante) im manig sail. 

ZEITZ, im Sommer 1S78. FEDOB BECH. 



ZUR CHRONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTHERS 

VON DER VOGELWEIDE. 



Die Ansicht, dass die beiden Sprüche des Reichstones L. 8,^ ff. ftT. 
Pf. 81': Ich saz üf eime steine und L. 8, 28 ff. Pf. 81°: Ich hdrte ein 
waazer diezen zum Wahlstreit vom Jahre 1198 gedichtet seien, ist eine 
bei allen Waltherforschem feststehende. Allein ich glaube zeigen zu 
können, daß gerade dieser Ansatz > von dem aus man alle andern 
chronologischen Bestimmungen machte, ein irriger sei. Ich gehe, um 
die erste Periode von Walthers Spruchdichtung chronologisch festzu- 
stellen^ von jenem Spruche aus, dessen Abfassungszeit urkundlich nach- 
gewiesen ist und daher mit unumstößlicher Gewißheit feststeht, näm- 
lich von L. 19, 5 — 16 Pf. 100: Ez gienc^ eins tages als unser hSrre wart 
gebom. Dieser Spruch ist zur Weihnachtszeit 1199 am Hofe Philipps 
zu Magdeburg verfaßt und schildert den Kirchgang des Königs und 
seiner Gemahlin Irene -Maria am Christtage dieses Jahres. Wenn sich 
tlberhaupt die Ansicht vertreten läßt, daß Walther seine Töne mit 
einem Weihespruch einleitete^ so hätten wir L. 19, ö ff. Pf. 100 als den 
Weihegpruch jle8_er8ten Phili ppstones zu bezeichnen. Wie aick dsbs» V^ 



152 A. NAGELE 

nun anch verhalien mag, das Eine steht fest, daß wir den erwähnten 
Spruch als den unveränderlichen Punkt zu betrachten haben, von dem 
alle Chronologie walther'scher Sprache auszugehen hat, da kein ein- 
ziger der Sprüche Walthers, was die Zeit der Entstehung anlangt, 
genauer bestimmt ist 

Unter den übrigen Sprüchen des ^sten Philippstones kommt nun 
zunächst L. 18, 29 ff. Pf. 97: Diu hrSne ist eUer danne der kOne^ Pki- 
Uppes n in Betracht Die meisten Forscher beziehen diesen Sprach 
auf das Krönungsfest zu Mainz am 8. September des Jahres 1198. 
Simrock ist gegen diesen Ansatz und glaubt, daß er in dieselbe Zeit 
wie Im 19^ 5 ff. Pf. 100, also auch in die Weihnachtszeit des Jahres 
1199 gehöre. Er sagt in seiner Übersetzung S. 327 zu 19. 20: „Was 
dazu verleiten konnte , den zweiten Spruch (L. 19^ 5 ff. Pf. 100) auf 
Philipps Krönung zu Mainz am 8. September 1198 zu beziehen, ist 
schwer zu begreifen.^ 

Uhland *) hat uns den Inhalt des Spruches L. 19, 5 ff. Pf. 100 in 
einer Weise angegeben, die den congenialen Meister verräih. Es sind 
dies die so oft citierten Worte S. 30: „In einem fEurbenhellen Gemälde, 
den altdeutschen auf Gk>ldgrund ähnlich , zeigt er (Walther) uns den 
Kirchgang des Königs mit seiner Gemahlin, der griechischen Irene, und 
dem Gefolge der Thüringer und Sachsen/ 

Einen ganz andern Inhalt hat L. 18, 29 ff. Pf. 97. Der Dichter 
weist in diesem Spruche auf die majestätische Gestalt des jungen 
Königs hin, dem die alte Reichskrone so wol stehe, als hätte der 
Schmied sie für ihn gearbeitet, von dessen Stime eine Hoheit strahle, 
die mit dem Glanz des edlen Gesteines in der Ejrone wetteifere. 

Berechtigt nun dieser Inhalt zu der Annahme, es sei der Spruch 
am 8. September bei Gelegenheit der Krönung Philipps entstanden? 

Gewiß nicht, denn von einer Krönungsfeierlichkeit ist fjf^ 
auch nicht eine Spur in dem Spruche zu entdecken. 

Zum mindesten mit derselben, wenn nicht mit größerer Berech- 
tigung, kann der Spruch auf Weihnachten 1199 bezogen werden, denn 
in L. 19, 5 ff. Pf. 100 wendet der Dichter seinen Gesang nicht aus- 
schließlich Philipp zu, sondern neben Philipp feiert er in begeisterter 
Weise de«sen Gemahlin als die rds' äne dorfiy ein tübe sunder galten^ 
mit Attributen also, die die mittelalterlichen Sänger sonst nur der nj^^g* 
fraulichen EUmmelskönigin^ beizulegen pflegen. 



*) Walther v. d. Y. Stattgart tmd Tübingen 1822. 



ZUR CHBONOLOOIE DER SPRÜCHE WALTHERS Y. D. VOOELWEmE. 153 

Bei Erwägung dieses Umstandes wibre es nur zu leicht erklftrlioh, 
daß der heimatlose Sänger, der am Hofe Philipps Aufiiahm eheischtei^ 
noch in einem eigenen Spruch sich ausschließlich der Person des iHönigs 
zugewendet hat 

Dann ist L. 18, 29 ff. Pf. 97 nicht als ^eine matte und tlberfltissige 
Wiederholung^, wie Menzel S. 140 meint, sondern als ein sehr schöner 
Pendant zu L. 19^ 5 ff. Pf. 100 anzusehen. 

Allein ich bin durchaus nicht gewillt der Hypothese ,,der meisten 
Forscher^, die den Spruch auf 1198 beziehen, mit der Simrock'schen 
den gleichen Rang einzuräumen, sondern ich finde da einen bedeuten- 
den Unterschied, indem der Ansatz Simrock's eine feste, histori- 
sche Basis hat, während der gegnerische Ansatz auf der ganz 
unerwiesenen Behauptung fiißt, dass Walther thatsächlich beim 
Krönungsfeste am 8. September 1198 anwesend war. 

In Etlrze will ich nun auf die Gründe hinweisen, die entschieden 
dieser Annahme widersprechen. Es sind folgende: 

1. Der Charakter Walthers, dessen Bild uns des Dichters Lieder 
und Sprüche in scharfen Umrissen zeichnen, widerstreitet völlig der 
Annahme, daß er nicht abgewartet haben sollte^ bis die sterblichen 
Überreste des von ihm so innig betrauerten Fürsten, Friedrich des 
Katholischen, auf heimischem Boden angelangt und in der Vätergruft 
zu Heiligenkreuz beigesetzt waren, was erst im October 1198 erfolgte. 

2. Bezeugen viele Stellen in Walthers Dichtungen, wie wert ihm 
der toünnectiche hof ze Wiene war, wo er „singen und sagen^ gelernt, 
wo er in glücklichen Tagen sangesfreudig Lenz und Liebe verherrlicht, 
an dem neuerdings eine gastliche Stätte zu finden er in späterer Zeit 
so gewaltige Anstrengungen gemacht. Sollte nun Walther 1198 so 
leichten Kaufs diesen Hof verlassen haben? Ist es nicht viel wahr- 
scheinlicher, daß er erst nach mancherlei erfolglosen Schritten, die 

er, um Leopolds Ghinst zu gewinnen, gethan, schweren Herzens nach M^ 
dem Wanderstab griff? 

3. Berichtet ans die Zeitgeschichte, dass im Sommer des Jahres 
1198 in Folge der erst vor Kurzem erfolgten Erhebung Otto's von Poi- 
tou^zum Gegenkönige die Zustände in Deutschland noch sehr diaoti- 
scher Natur waren, so daß es nicht recht einleuchten will, daß Waltfaer 
in dieser sturmbewegten Zeit an Philipps Hofe Au&ahme zu finden er- 
warten konnte. 

Ganz anders geartet zeigen sich die Dinge in Deutschland in dem 
darauf folgenden Jahre, in welchem Otto seine bedeutendste Stütze, 



^ 



154 A. NA6£LE 

nämlich König Richard von EInglan dt dcBsen Tod am 6. April 1199 
erfolgte, eingebüßt hatte und Philipps Macht in entschiedenem Steigen 
begriffen war. 

4« Hoffe ich den Nachweis erbringen zu können, dass sämmtliche 
Sprüche des Wiener-Hafte ns noch vor Walthers Abschied vom Wiener 
Hof anzusetzen sind/^uncTda nun schon der älteste derselben erst gegen 
Ende August abgefasst sein kann, so ist die Anwesenheit Walthers beim 
Krönungsfeste am 8« September 1198 absolut ausgeschlossen. 

Demnach hat Walther erst 1199 den Wiener Hof verlassen , um 1 ;n 
sein Glück beim jungen Stauferkönig Philipp zu versuchen. ^ 

Ich wende mich nun zu L. 20; 4^15 Pf. 99 nämlich zum Spruche 
über den Thüringer Hof: Der in den 8ren Hech van ungesükte «t. 

Die Zeit, in die dieser Spruch fallen soll, wird von den Forschem 
sehr verschieden angegeben. Während ihn Lachmann und Simrock in 
die Zeit versetzen^ in der Hermann von Thtlringen sich zum zweiten 
Mal Philipp unterwarf, mithin nach dem 17. September 1204, und ihn 
als einen vorübergehenden Besuch auffassen, beziehen ihn Uhland, von 
der Hagen, Wackemagel, Kurz in seiner Literaturgeschichte und Kara- 
Jan *) auf eine spätere Zeit und betrachten ihn als Ergebnis längerer 
Erfahrungen Walthers am Thüringer Hof*^). Allein die Gründe, die 
ftar den ersten der beiden Ansätze beigebracht werden können, sprechen 
in gleicher Weise auch ftbr die Einreihung des Spruches zu 1199—1203, 
nur dass für die letztere Annahme noch einige gewichtige Gründe dazu 
kommen; der zweite Ansatz wird aber durch den Inhalt der Strophe 
vollständig ausgeschlossen. Abweichend von diesen beiden Ansichten 
glaubt Rieger ***) p. 9 ff., dass Waliher in der Zeit zwischen seinem 
Abschied vom Wiener Hofe und seiner Annahme bei Philipp einen 
Versuch gemacht habe, auf der Wartbui^ anzukommen. Erst als er 
des Dringens müde war, habe er Philipp aufgesucht, „dem er viel- 
leicht von Anfang zu wenig Liebe zur Dichtung zugetraut 
hatte, und erreichte zu Mainz das Ziel seiner Wünsche.^ 

An Philipps Hofe, meint Rieger^ wo nach seiner Ansicht der Spruch 
vorgetragen wurde, war es natürlich ein dankbares Geschäft, 
den aufOtto's Seite stehenden Landgrafen zur Zielscheibe 
des Humors zu machen. Und da dürfe es auch nicht irren, daß 



*) Ober zwei Gedichte Walthen y. d. V. Wien 1861. 
*^) GeoAae Angabe der Ldterator sa diesem Sprache bei Meniel a. a. O. 136 ff. 
**•) Das Leben Walthers y. d. V. Giessen 1863. 



ZUR CHRONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTHERS V. D. VOGELWEIDE. 155 

der Dichter sagt um ich niht me dringen mac und nicht mohte: 
denn er erklärt damit^ daß ihm nicht nur damals, sondern 
auf die Dauer die Lust dort zu dringen vergangen sei. 

Mit weitem Worten die gänzliche Unhaltbarkeit dieser drei selt- 
samen Behauptungen^ von denen die zweite sogar geeignet wäre, Wal- 
fliers Charakterbild zu verunstalten^ nachzuweisen, erachte ich fdr voU-j 
ständig tlberfltlssig. 

Die Unrichtigkeit des ganzen chronologischen Ansatzes wird sich 
übrigens aus den später folgenden AusftLhrungen über die Chronologie 
der Sprüche des Wiener Hoftones ergeben. 

Eine Variante zu Rieger gibt Menzel S. 137, der in dem Spruche 
unter^anderm „einen stark gewürzten Bericht an den König über das 
Verhalten eines seiner wichtigsten Anhänger^ sieht. 

Allein gegen die ganze Auffassung Menzels spricht , abgesehen 
von der innem unhaltbarkeit seiner Begründung, erstens der Umstand, 
daß Walther zuerst unter den Minnesängern mit besonderm N ach- 
druck die mi üe als herrlichste Fürstentugend stets gerühmt hat und 
zu deren i'flege die Fürsten fort und fort au£fordert, so daß es fast 
undenkbar erscheint , daß er diesmal seinen Grundsätzen untreu ge- 
worden sein und dem Landgrafen einen Vorwurf eben seiner Freigebig- 
keit wegen gemacht haben soll. 

Zweitens spricht der klare und einfache Wortlaut des Spruches 
selbst deutlich genug gegen die gezwungene Erklärung Menzels; da- 
nach gibt uns derselbe „eine sehr anschauliche Schilderung vom Hof- 
halte^ in Eisenach, dessen Gedränge dem Dichter zwar nicht behagtCi 
was ihn jedoch nicht beirrte, dem Landgrafen Hermann seiner Milde 
wegen das vollste Lob zu spenden *), 

Als feststehend in Bezug auf diesen Spruch erachte ich Folgen- 
des: 1. Er ist verfaßt naeh dem Weihnachtsfeste 1199 und vor dem 



Frtihling 1203 , wo der Abfall Herma nn8_ von Philipp erfolgte. Darauf 
weist mit Bestimmtheit „der Ton^ hin. 

2. Er bezeugt uns einen vorübergehenden Besuch des Dichters 
am Eisenacher Hof und zwar, nachdem er bereits zu Philipp in ein^ 
dienatlicbe p Ver h ältnis ♦♦) g etreten und die Noth von der er L. 1&. &9 ff. 
Pf. 98: Dd Friderieh Hz Osterrich aisd gewarp spricht, gehoben war. 



*) Vgl Uhland : Walther y. d. V. Stattgart und Tabingen 1822 p. 40. 
**) ^fi>l* Bieger 1. c. p. 24: ^Solche DieostverhUtnisse schlössen den gelegent- 
lichen Besuch befireundeter Höfe nicht ans.'' 



156 A. NAGELE 

Denn nur so läßt es sich leicht erklfiren, daß der firüher heimatlose 
Sftnger nicht mehr „drm^^ mochte , weil er eben keine Nöthigang 
:, dazu hatte , indem ftr ihn bereits gesorgt war. 

Und an diesen Hof verlege ich auch den letzten Sprach dieses 
7A^ Tones L. 19, 17 ff. Pf. 101 : PkOippes kOnec die nähe sp^enden zOient 
dich, denn iM^n^^Hsgmsam war^ d er^ Best echong in sehr hohem 
GrAdt^ zng^jigljclij war geradezu unersättlich und pflegte stets jenem 
Könige sich zuzuwenden, von dem er augenblicklich größere Vor- 
iheile erwartete. Aus diesem Grunde glaube ich den Spruch als eine x 
Mahnung an PhUipp auffassen zu soUen, durch Freigebigkeit den Land- 1 
grafen und dessen stolze Helden inniger an sich und sein Interesse zu 
fesseln. ' 

Zu Eisenach sah Walther in deutlichster Weise, welche Früchte 
die Milde dem, der sie übt, bringe, denn Hermann hielt durch seine 
Freigebigkeit ganze Scharen stolzer hdden^ der iegesUeher wcl ein 
hempfe toaere, in seiner Nähe fest. 

Als wahrscheinlich dürfte sich noch weiter unten herausstellen, 
dass die Sprüche „des ersten Philipps-Tones^ nicht über 
den Sommer des Jahres 1200 hinausreichen. 

Aus den vorausg^angenen Untersuchungen ergibt sich für die 
chronologische Anreihung dieser Sprüche folgendes Schema: L. 19, 5 ff.; 
18, 29 ff.; 19, 29 ff; 20, 4 ff.; 19, 17 ff. Pf.: 100, 97, 98, 99, 101. Doch 
kann L. 10, 17 ff. Pf. 101 natürlich auch vor L. 20, 4 ff. Pf. 99 gesetzt 
werden. 

Das^ JjJir 120Q war ftU* PhUipp^kein ^ücWdb^ Der Tod seines 
Bruders Otto, des Pfalzgrafen von Bnrgund, der verlustvolle Angriff 
auf Braunschweig, die Vereitlung der EViedensnnterhandlungen durch 
den Tod des einflussreichen Mainzer Erzbischofs Eonrad, der Abfall 
der Bisthümer Lflttich und Münster, die immer feindseliger sich gestal- 
tende Haltung des Papstes mochten bei Philipp und seinen Getreuen 
gar schwere Sorgen um die künftige Lage der Dinge in Deutschland 
erregen. Die Zustände des Jahres 1200 waren für Philipp viel be« 
denklicher als die des Jahres 1198, wo er mit frischer Kraft und 
frohen Muthes den Kampf um Deutschlands Krone begonnen hatte. 
Sie waren auch viel trauriger f)ir das Land selbst, denn bereits 
durch drei Jahre hatte der verheerende Bürgerkrieg ringsum in seinen 
Gauen gewüthet und die Gestaltung der Verhältnisse in der zweiten 
Qälfte des Jahres 1200 ließ nicht absehen, wann diese unseligen Zu- 
stände ihr Ende nehmen sollten. 



/ 



ZOB CHBONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTHERS V. D. VOGELWEIDE. 157 

In diese trttbe Zeit setze ich Walthers berühmten Sprach Ich 
9az üf eime steine, aus dem uns so wehmüthig und eindringlich, ^eich 
den Worten des alttestamentUchen Sehers, seine Ellage entgegentönt 
um des Vaterlands Verfall. 

Ich komme somit zur chronologischen Anreihung der Sprüche des 
^ Reichstones "^ welche Bezeichnung wir dem glücklichen Griffe eines 
genialen Forschers verdanken. Dahin gehören: L. 8, 4 — 27; 8,28 — 9, 
15; 9, 16— 39; Pf. 8r, 81° 81™. 

Alle drei Sprüche sind von hoher dichterischer Schönheit, zeugen 
von großem politischen Scharfblick und setzen voraus, daß der Dichter ^ 
selbst mitten in -den Verhältnissen , die er schildert, sich befand. ^ 

Wie läßt sich nun mit dieser unbestreitbaren Thatsache verein!- 
gen, daß Walther zwei dieser Sprüche im Frühjahr 1198 und an den 
östlichen Marken des Reiches, am entlegenen Wiener Hof verfaßt 
haben soll? Wie Pallas Athene gewappnet aus Ejx>nion8 Haupt her- / 
voi^engy so müßte Walther urplötzlich als vollendeter politischer 
Dichter y a ls der^r in den drei Sprücltfiia . unbezweife)t ^erscheint, da- 
gestanden sein; mit einem einzigen Schritte wäre er demnach ans dem ^ 
engen Kreise des Minnesangs auf die Weltbühne hinausgetreten. ' 

Wenn die ernste, kritische Forschung sich mit einem Dens ex 
machina verträgt, dann und nur dann ist die Ansicht haltbar, daß die 
Sprüche des Reichstons in den Frühling 1198 zu verlegen sind. 

Ich denke mir aber den Gang der Dinge in folgender Weise. 
Walther harrte mit Sehnsucht der Rückkehr seines ftlrstlichen Oönners, { 
Friedrichs des Katholischen, wodurch sein Aufenthalt am Wiener Hof 
gesichert gewesen wäre. Da kam im Mai 1198 die erschütternde Nach- / 
rieht von seinem Tode, die alle Pläne Walthers durchkreuzte. Noch 
machte er Anstrengungen , Leopo ldsjdes Gl orreichen Ghmst zu erwer- /^ . 
ben, aber bald überzeugte er sich von deren Erfolglosigkeit, was ihn 
veranlaßte, nach einem andern Heim auszublicken, und da fiel sein 
Auge auf König Philipp, den Sohn Barbarossa's, den Bruder Hein- 
rich VI., unter denen er das ^aiserthum in^einem höchs ten. Glänze 
geschaut Und da entstand WalÄers erster politischer Spruch , L. 25, >*• *' 
11 ff. Pf. 85, wodurch er sich Philipp zu empfehlen hoffen durfte. Der 
letzte Versuch^ am Wiener Hofe verbleiben zu dürfen, scheiterte — 
Walthe r zog an den Hof Ph ilipps, wo wir ihn We ihnachten 1199 finden. 
Doch von diesen allgemeinen Bemerkungen will ich nun auf die chro- 
nologische Bestimmung der einzelnen Sprüche dieses Tones übergehen 
und hoffe auch da manche Gründe beibringen zu können, welche ge- 
gen die Einbeziehung derselben in das Jahr 1198 sprechen« 



158 A. NAGELE 

Von den drei bezeichneten Sprüchen gibt L. 9, 16 ff. Pf. 81'" die 
meisten Anhaltspunkte ftlr eine chronologische Fixierung und wol aus 
dem Gh*unde hat er auch die verschiedensten Ansätze erfahren*). 
Unter allen diesen hat heute der von Abel **) aufgestellte ziemlich 
allgemeine Qeltung. Danach gehört L. 9, 16 ff. Pf. 81™ in das Jahr V . 
1201, als Innozenz IH. den Bannfluch gegen Philipp und dessen An- 
hänger geschleudert hatte. 

Es liegt nun die Annahme ganz nahe, daß auch die beiden an- 
/n. dem Sprüche des Reichstones , die L. 9, 16 ff. Pf. 81™ formell und in- 
haltlich so innig verwandt sind, in eine Zeit gehören, welche 
dem Jahre 1201 möglichst nahe gerückt erscheint. Was nun 
die Chronologie des Spruches L. 8, 4 ff. Pf. 81' betrifft , so mangelt es 
da vollständig an Anhaltspunkten irgend welcher Art, auf Grund deren 
man ihn in ein bestimmtes Jahr verweisen könnte. Nur das Eine 
steht fest, daß er den Zeiten des Bürgerkrieges, der Deutschland zu 
Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrh. zerriss, angehört und da 
eher auf die Verhältnisse des Jahres 1200 als auf die von 1197—98 
paßt, indem die Zustände, wie sie der Dichter schildert, 1197 — 98 erst 
in der Entwicklung begriffen waren. 

Der zweite Spruch L. g, 28 -- 9, 15 Pf. 81° hebt die Ohnmacht 

des deutschen Königthums drastisch hervor und endigt mit der Klage : 

ad wd dir, tioachiD znnge, 

wie 8t6t din ordenonge! 

das nü diu iniigge ir künec h&t, 

und daz din 6re alsd sergät. y 

bekdr& dich, bekdre. 

die eirkd sint m kSre^ 

die armen kUneffe dringent dich: 

FhiUppe Htxe en wti$en ^, %md heüt n treten hinder sich, 

L. 9, 5—16; Pf. 81 °, 17—24. 

Wir haben in diesem Citate drei Theile zu unterscheiden. 

L. 9, 8—11 Pf. 81° 17—20 schildert die Zerfahrenheit der staat- 
lichen Verhältnisse Deutschlands. L. 9, 12, Pf. 81° 21 enthält die Mah- 
nung des Dichters zur Besserung dieser Verhältnisse und endlich L. 9, 
13 — 15 Pf. 81°, 22 — 24 weist auf deren Ursache und auf das Mittel zur 
Besserung hin. 

Das Hauptgewicht liegt jedenfalls in den drei letzten Versen 
L. 9, 13—15 Pf. 81°, 22—24. Der Inhalt dieser Verse ist folgender: 

*) Bei Menzel a. a. O. 121 findet man dieselben ausführlich veraeichnet und 
besprochen. 

^) Haupts Zeitschr. IX, 138 C 



ZUR CHRONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTHERS V. D. VOGELWEIDE. 159 

Die Fürsten sind zu mächtig, dadurch hat Deutschland zaUreiche 
Königlein {arme künege) aber keinen König*). Daher die Mahnung 
an jenen , der den Namen eines deutschen Königs führt , an Philipp 
nämlich , zum Namen auch die Macht und das Ansehen eines Königs 
zu gesellen und die Fürsten in den ihnen gebührenden Machtkreis zu- 
rückzuweisen. Die Ansicht, es enthalte dieser Spruch eine Mahnung 
an Philipp, die Wahl anzunehmen oder sich krönen zu lassen^ läßt 
sich dem Wortlaute desselben nicht entnehmen, abgesehen davon, 
daß durch eine solche Erklärung der Gehalt des Spruches wesent- 
lich verringert würde. 

Der Inhalt des Spruches kehrt sich mit aller Bestimmttieit gegen 
die Annahme, daß er im Frühjahr 1198 und am Wiener Hofe gedichtet 
ist. Er setzt eine klare und eingehende Kenntnis der politischen Zu-/ 
stände Deutschlands von Seite des Dichters voraus, die derselbe am 
besten an Philipps Hofe sich aneignen konnte. Und weiterhin setzt . ^ 
der Spruc h^ine längere J)auer_von Philipps Könjgthum voraus, denn «^»^ 
im Frühjahre 1198 war Philipp erst gewählt und mußte zunächst daran (^^^ 
denken, sich allenttialben Anerkennung zu verschaffen und gegen Otto ^-^ 
sich zu behaupten. In dieser Zeit wäre ein Rath an Philipp, die Fürsten- 
macht zu Gunsten der des Königs einzuschränken, wohl ganz fem 
gelegen. 

Auf Grund dieser Erörterungen kann demnach der Spruch L. 8, 
28 ff. Pf. 81" unmöglich in's Frühjahr 1198 verlegt werden; in welche 
Zeit er aber gehört, läßt sich nicht genau ermitteln. Nur mit Bezie- 
hung auf L. 9j 16 ff . Pf 81™, der nach Abels Ausführung in den Som - 
mer 1201 zu setzen ist**), können wir fto ihn 1200 — 1201 als höchst 



/ 



*) Für diese Anffassiing spricht auch L. 9, 7 Pf. 81", 16: «t M<Mn< htrrtn 
Cifide kneht. 

**) Für die Wahrscheinlichkeit dieser Annahme spricht namentlich L. 9, 20 nnd 
21 Pf. 81™, 5—6, deren Inhalt auf die Zeit 1198— ISOl weist, wo der Papst noch eine 
zweideutige Stellung zum deutschen Thronstreit einhielt ; femer L. 9, 80—31 Pf. 81'", 
15^16 durch den Hinweis auf die Bannung Philipps; weiter L. 9, 34 Pf. 81™, 19 
verglichen mit der Erzählung des Caesarius von Heisterbach zum Jahre 1800, womaeh 
Lupoid Bischof von Worms „tum pateeret eeeleHis, tum eoemeteriW^. Auf das Jahr 
1198 kann der Spruch nicht gedeutet werden, weil damals die Zustftnde noch nidit 
so waren, wie sie vom Dichter dargestellt werden, und weil dem Bannfluche nach der 
Schilderung Walthers eine Zeit erbitterten Kampfes vorausgieng, was auch den Hin- 
weis auf den eventuellen frühem Bann durch die Verse L. 9, 30, 31 Pfl 81™, 16—16 
ausscbließt. Gegen die Annahme einer späteren Zeit aber, wie Wilmanns will, scheint • (i^J 
ausser dem Inhalt, der sich auf eine spätere Zeit nur schwer beziehen läßt, auch der v* ^^^ 
Schlußvers der Strophe: ow^ der bäbeat iH tte jutie zu sprechen. 



160 A. NAGELE 

wahrscheinlich annehmen« Und wenn wir L. 8, 4 ff. Pf. 81' als den 
ftltesten der drei Sprüche , wie dies gewöhnlich geschieht , betrachten, 
so durfte sich als Abfiissnngszeit dieser Sprttche Som mer 1200 bis 
Sommer 1201 ergeben. 

Allein ich will diesem Ansätze durchaus nicht mehr als den Rang 
einer Vermuihung zaerkennen, die ich vorläufig aufrecht erhalte, da 
sie mir einiger Gh*undlage nicht zu entbehren scheint. Als gesichert 
betrachte ich nur, 4^^ kejper dey Sprqf*he ^d^g Reic hstones" ins Ja hr 
llflR yjii\ ^nf H^p ^iftTiPir-AnfATj^tuftl^ Walthcrs bezoge n werden kann . 

Ich wende mich nun zur Chronologie der Sprüche des ,, Wiener 
Hoftone s.** Ein Cyclus von 15 Sprtlchen'^ gehört diesem Tone an, 
wovon 8 ihres allgemeinen, meist ethischen Inhalts wegen sich einer 
chronologischen Fixierung naturgemäß entziehen. Von den 7 übrigen 
Sprüchen beziehen sich 3 auf Angelegenheiten des Wiener Hofes, 2 
auf bestimmte Zeiterscheinungen, einer auf eine Königswahl und der 
letzte endlich ist ein „Beisesegen". 

Die auf den Wiener Hof bezüglichen Sprüche sind L. 20, 31 ff. ; 
25, 26 ff; 24, 83 ff Pf. 82, 83, 86. 

Bereits Sjmrock hat in scharfiiinniger Weise auf das Abhängig- 
keitsverhältnis , in welchem L. 24, 33 ff. Pf. 86 zu L. 25, 26 ff. Pf. 83 
steht, hingewiesen. 

Bei L. 25y 32 ff Pf. 83, 7 heiflt es nämlich: 

Man gap da nikt M dxisee pfmideD, 
WIM! lüber, als ts waere fonden, 
Ipsp man bin und ilehe wftt 



ore, ab ob es lember waeren, 
tU maneger dan gefaeret hftt. 

Damit ist nun zu ver^eichen L. 25, 7 — 8 Pf. 86, 12 — 13 : 

golt| lilber, res und dar zuo kleider 
diu gab ieh onde hSte oaeh md, 

woraus sieh, wie Simroek bemerkt^ „eine fast wörtliche Beziehung^ 
zu dar oben citi^iten Stelle ergibt Dadurch ist in ganz unzweideu- 
tiger Weise dargethan, daß L. 24^ 32 ff., Pf. 86 in eine spätere Zeit 
fallen muß als L. 25, 26 ff Pf. 83. Ich kann daher L. 24, 33 ff. Pf. 86 
vorläufig außer Acht lassen und gehe nun daran die Zeit festzustellen, 
in der L. 20, 31 ff. Pf. 82 und L. 25, 26 ff Pf. 83 entstanden sind. 

") Wenn man L. 148 sa 26, 2 PC 89 ebcofiJls Wahher svtehreibeii will. 



ZUR CHH0N0L06IE DER SPRÜCHE WALTHERS V. D. VOGELWEIDE. 161 

WeDn wir diese beiden Sprüche vergleichen, so finden wir, daß 

Walther' in dem einen L. 25, 26 ff. Pf. 83 die übergroße Milde des 
österreichischen Fürsten jubelnd preist und zwar so , daß daraus mit 

voller Klarheit sich ergibt, daß Walther selbst unter denjenigen war, 
die des Fürsten reichliche Gaben genossen. Das bezeugen aufs be- 
stimmteste des Sängers eigene Worte: 

Ob ieman spreche, der nü lebe 

daz er gesshe ie groezer gebe 

als wir ze Wiene haben dur dre enpfangen? 

ezngalt d& nieman siner alten schulde: 
daz was ein minneclicher r&t. 

Zwar preist auch L. 20, 31 ff. Pf. 82 des ßirsten miUe üz Osterriche^ 
allein, wie wir leicht sehen werden, in wesentlich verschiedener Weise. 

Die Ansicht Simrocks, es beziehe sich dieser Spruch auf Fried- ^ 
rieh den Katholischen, ist wohl längst aufgegeben. Das innige Ver- 
hältnis Walthers zu Friedrich, dessen Tod er L. 19, 29 ff. Pf. 98 so tief 
betrauerte^ läßt diese Annahme als geradezu unmöglich erscheinen. 
Unzweifelhaft ist er an Leopold VII. d en^Glorreiche n gerichte t und /^i 
zwar zu einer Zeit, da dieser bereits Herzog von Osterreich war. 
Am 17. August 1198 stellte nach Meiller Reg. Nr. 5, p. 81 Leopold 
die erste Urkunde als dux Austriae et Stiriae aus. Daher müßte 
dieser Spruch wohl erst nach dieser Zeit entstanden sein, da man 
allgemein annimmt, daß Leopold, als er zu Plattling an der Straße \ 
zwischen Passau und Regensburg die erwähnte Urkunde ausstellte, auf : 
der Rückreise vom Hofe König Philipps, wo er belehnt worden war, 
sich befand. ; 

In sinnreicher Weise haben mehrere Forscher diesen Spruch als 
den letzten Versuch Walthers aufgefaßt, des Herzogs Leopold Ghinst 
zu gewinnen und an dem wünnecUchen hof ze Wiene einen bleibenden 
Aufenthalt zu finden. 

Dass des Dichters Wunsch wirklich dahin abzielte, erhellt aus 
L. 18^5 ff. Pf. 98, wo Walther an die Schilderung der Trauer, in die 
ihn Friedrichs so ganz unerwarteter Tod versetzt hatte, die aus freu- 
dig erregtem Gemüthe quellenden Worte anschließt : 

ich bin wol ze fiure komen u. s. w. 

Und daraus erfahren wir auch zugleich, daß auch dieser letzte Ver- 
such des Dichters gescheitert sein muß, worauf er wohl zum Wander- 
stab griff, um bei König Philipp sein Glück zu versuchen, dem Für- 
sten, der dem Geschlechte der Staufer entsprosaeiL ^%^T^ 

(GERMANIA. Nene Belli«. XU. (XllV. Jahrg.) W 



162 A. NAGELE 

das nicht nur die Sangeskunst begünstigte und förderte, 
sondern sie auch selbst übte. 

Eine genauere Bestimmung dieser Zeit wird sich noch später 
ergeben. 

Ich komme nunmehr zum Spruche L, 25, 26 ff. Pf. 83. Für die '^ * 
Feststellung der Chronologie dieses Spruches ist vor allem der Vers 
L. 25, 29 Pf. 83, 4: man sack den jungen filrsten gehen vom größten 
Belange. Der Ausdruck junget' förste schließt ganz bestimmt aus, daß 
der Spruch während des zweiten Aufenthaltes zu Wien 1217 — 1220 
entstanden sein kann, denn damals bekleidete Leopold „der Glorreiche^ 
bereits 19 — 22 Jahre die österreichische Herzogswürde. 

Man hat daher diesen Spruch auf das Fest der Schwertleite 1200 
oder auf das Hochzeitsfest aus Anlaß der Vermählung Leopolds mit 
Theodora-Komnena, der Nichte des griechischen Kaisers Alexius, vom 
Jahre 1203 bezogen. 

Eben wegen des Ausdruckes junger fürste neigten 
die meisten Forscher sich der erstem Ansicht zu. Damit 
aber diese Vermuthung auf irgend eine Geltung Anspruch erheben 
könnte, n ittßte vorerst j ia chgewie sen werden, daß Walt her im Jahre 
120Q_ÄUchj?^iijyick-iE_Wie^ anwesend war. Der Nachweis filr diese 
< Anwesenheit Walthers ist nun aber von keiner Seite erbracht worden. 

Ich werde im Laufe der Untersuchung darthun, daß die Gegen- 
wart Walthers am Wiener Hofe für die angegebene Zeit, wenn nicht 
vollständig ausgeschlossen, so doch im höchsten Grade unwahrschein* 
lieh ist. 

Aber auch auf die Festlichkeit des Jahres 1203 kann dieser Spruch 
nur schwer bezogen werden; denn im Jahre 1203 war Leopold mehr 
als 5 Jahre Herzog von Osterreich, also kaum mehr als ein 
junger Fürst zu bezeichnen. 

Man wird daher sicher jenem Ansätze den Vorzug vor allen an- 
dern einräumen, der den Spruch mit annehmbaren Gründen in eine 
frühere Zeit zu weisen vermag. Und ein solcher Ansatz ist unschwer 
zu geben. 

Unter dem Feste, das uns der Dichter als ein so überaus glän- 

I zendes darstellt , haben wir wohl die Huldigungsfe ierlic hkeiten n ach 

j der Rückkchr_Leopolds von seiner Belehnung im H erbste 1198 zu ver- 

j stehen. Auf diese Zeit paßt, wie auf gar keine andere, der Ausdruck 

1 junger Fürst". 

Als einen der Gründe, die es wahrscheinlich machen sollen, daß 
sich der Spruch auf das Hochzeitsfest des November 1203 beziehe, 



ZUR CHRONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTHERS V. D. VOGELWEIDE. 163 

fuhrt Wackemell a. a. O. S. 82 folgendes an: »Der Dichter zählt 
sich selbst zu den gemden und zwischen gemdm und variiden ist 
kein Unterschied (vgl. Rieger p. 10); er hatte somit damals 
keinen ständigen Aufenthalt in Wien und das Gedicht muß 
sich auf Leopold beziehen^ da er unter Friedrich Wien nie ftlr längere 
Zeit verlassen hatte^. 

Allein diese Ausführung trifft nicht durchweg das Richtige; denn 
bei L. 25, 28 Pf. 83, 3 sagt der Dichter: 

als wir ze Wiene haben dur dre enpfangen 

und bei L. 25, 35 Pf. 83, 10 heißt es : 

euch hiez der fiirste durch der geraden hulde 
die malhen von den stellen laeren. 

Offenbar ist hier ein Gegensatz zwischen den gemden d. i. 
vaimden und den übrigen, die ebenfalls betheilt wurden, aber eben 
keine vamde waren, ausgedrückt. 

Allein der Ansatz des Spruches zum Jahre 1203 erhielt nur da- 
durch eine größere Bedeutung, daß Zingerle *) die Stelle in den Reise- 
rechnungen Wolfger's von Ellenbrechtskirchen : „Sequenti die apvi Zeize- 
[mumm] Walthero cantori de Vogelweide pro peUicio v, soL longoa** auf das 
Jahr 1203 beziehen zu sollen glaubte. 

Nun hat aber Winkelmann **) wahrscheinlich gemacht, daß die 
erwähnte Stelle besser in's Jahr 1199 paßt, wodurch der Abschied 
Walthers vom Wiener Hofe fast auf den Tag bestimmt wäre. Wenn 
Walther um Martini 1199 Wien verließ^ so kam er immer noch früh 
genug, um an Philipps Hofe das Weihnachtsfest zu Magdeburg zu feiern. 

Ich betrachte nun L. 25, 26 ff. Pf. 83 als den ältesten Spruch 
des Wiener Hoftones, den der Dichter dem jungen nach Wien zurück- 
kehrenden Fürsten, Leopold dem Glorreichen, zu Ehren erfunden hat. 

Wackernagel und Rieger setzen zwar p. 11 den Spruch L. 22, 
3 — 17 Pf. 87 als ersten Spruch des Wiener Tones und M. Rieger a. a. 
O. p. 7 erklärt ihn als den religiösen Weihespruch des ganzen Tones; 
allein sie selbst deuten durch ihre Anordnung W. u. R. p. 11 — 14 an, 
daß dieser Spruch mit Lachmann 20, 16—30 Pf. 90 und L. 22, 18—32 
Pf. 91 zusammengehört ***). Alle drei gehören aber doch wohl eher der 

*) Germania 21, 193 ff. Die Ausgabe der „Beiserechnongen** selbst stand mir 
leider nicht zur Verfügung. 

*♦) Germania 23, 236 ff. 
*»*) Den dritten, den sie daher beziehen L. 148 an 26, 2 Pf. 89 gedenke lob 
anders einzureihen. 



i 1 



164 A. NAGELE 

Zeit an, wo das Leben am Wiener Hofe in Folge weiter unten zu er- 
örternder Ereignisse einen mehr düstern Charakter erhielt und sind 
demnach Ergüsse der trüben Gemüthsstimmung des Dichters, der vom 
Treiben der Welt sich abwandto und mehr in sich gekehrt verharrte. 

Ich komme nun zu L. 24, 31 ff. Pf. 86. Rieger a. a. 0. p. 28 be- 
merkt zum Ansätze Lachmanns, Wackernagels und Simrocks, die ihn 
auf 1198 auf die Trauer nach Herzogs Friedrichs Tode beziehen, mit 
Recht: „Er (Walther) klagt nur über die Entbehrung eines lustigen 
Lebens und würde bei einem solchen Anlasse ebenso wenig persönliches 
Gefühl für den Hingeschiedenen, als allgemeines Schicklichkeitsgefühl 
verrathen". 

Allein der Verlegung des Spruches auf das Jahr 1217, wie sie 
von Rieger a. a. O. befürwortet wird^ kann ich nicht beipflichten « in- 
dem ich ihn auf die zerrütteten Verhältnisse dos Wiener Hofes beziehe, 
die das Resultat des Grenzkrieges zwischen Osterreich und Ungarn 
1198 auf 1199 waren. Um diese Zeit hatte sich Leopold des zu ihm 
geflüchteten ehrgeizigen Andreas^ des jungem Sohnes Bela's, gegen 
den schwachen Emerich angenommen, und bald brachen alle Greuel 
des ungarischen Bürgerkrieges auch auf das österreichische Grenzge- 
biet herein. Daß da das Leben am Wiener Hofe ein sehr trauriges 
war, können wir leicht ermessen und so wird uns des Dichters Klage 
verständlich, ohne daß wir genöthigt sind, dieselbe als eine unedle 
oder unschickliche zu bezeichnen. 

Danach ist dieser Spruch auch in die Zeit nach der Abfassung 
der Strophe L. 25, 26 — 26, 2 Pf. 83 gerückt — also auch in dieser 
Hinsicht kein Hindernis. Und gewiß ist auch die offenbare Beziehung 
der Strophe L. 25, 7-8 Pf. 86, 12-13 zu L. 25, 32—38 Pf. 83, 7-13 
viel leichter zu erklären, wenn beide Sprüche ziemlich nahe aneinan- 
der gereiht werden i als wenn man eine Zwischenzeit von 14 — 19 Jahren 
annimmt. Weiter ist es sehr mißlich, sich der Ansicht anzuschließen, 
daß Walther nach einer so lani^en Zeit noch den alten Wiener Hofton 
angewend et hätte. Ich glaube diese Ansicht läßt sich schwer 
mit der hohen Meinung über Walthors Kunst vereinen. 

Ich gehe nun auf die beiden Sprüche L. 21^25 — 22, 12 Pf. 84?^ : 
und L. 148 zu 26, 2 Pf. 89 über, welche, wie bereits erwähnt, auf be- 
stimmte Zeitereignisse hinweisen. 

W. Wackemagel (Simrock's Übersetzung) II, 109 bezogL. 21, 25 ff. 
Pf. 94 auf den großen Sturm des Jahres 1227, Köpko auf Grund 
der beiden Verse L. 21, 34 — 35 Pf. 84, 10 — 1 1 deutete ihn gar auf die 
VeriifiltiuBse des Jahres 1234. Dagegen hat Abel (bei Haupt 9, 141 ff.) 



ZUR CHRONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTHERS V. D. VOGELWEIDE. 165 

nachzuweisen versucht^ daß der Spruch auf das Jahr 1207 zu beziehen 
ist, weil von diesem Jahre die Chronisten^ namentlich Csesarius von 
Heisterbach, „fast ganz übereinstimmend mit Walther, von seltsamen 
Zeichen am Himmel erzählen'' *). 

Die Übereinstimmung besteht aber nur darin, daß 
„diese Zeichen mit der hl. Schrift und der herrschenden 
Untreue jener Zeit in Verbindung" gebracht werden**). 

Wann aber, frage ich, ist das nicht geschehen ? Oder ist es nicht 
auch noch heutzutage unter dem Volke Sitte, die außergewöhnlichen 
Erscheinungen und Vorfälle derartig zu verwerthen? 

Mit vollem Recht bemerkt daher Wackern gll S. 70, daß man auf 
Grund dessen den Spruch ebenso gut auf das Jahr l^^^beziehen könne, 
wie dies von T^ilmanns Ausg. 51, 181 und Thurnwald ***) p. 10 ge- 
schieht f), da eben auch zum Jahre 1198 ähnliche Zeichen und Er- 
scheinungen von den Chronisten berichtet werden. Daß er aber über- 
haupt auf 1207 nicht bezogen werden kann, sondern lediglich auf 1198 
resp. 1199, hat Wackerneil bis zur Evidenz a. a. 0. p. 71 nachgewiesen 
theils durch den Fingerzeig auf L. 22, 1, Pf. 84, 14: gewalt gSt üfj 
reht V01' geinhte swindety was wohl vollständig auf die vorerwähnte 
Zeit, nicht aber auf 1207 paßt, theils aber auch durch den Hinweis 
auf die günstige Gestaltung der staufischen Sache, wie sie sich 1207 
zeigt, was Walther zum Jubel, nicht aber zu so ernster Klage stim- 
men mußte. 

Wackerneil hat dann noch weiter den engen Gedankenzusammen- 
hang, in welchem dies Gedicht mit L. 20, 16—39 Pf. 90 und L. 22, 
18 — 32 Pf. 91 steht, hervorgehoben und hat diesen Umstand ganz richtig 
zu Gunsten seines chronologischen Ansatzes verwerthet. Aber auch 
andere Sprüche dieses Tones stehen in inniger Verbin- 
dung mit L. 21, 25 ff. Pf. 84 und zwar, wie bereits Pfeiffer bemerkt 
hat, zunächst L. 148 zu 26, 2 Pf. 89, ferner L. 21, 10—24 Pf. 92 und 
L. 23, 26, ff. Pf. 95 und gehören daher offenbar in dieselbe Zeit. 

Was L. 24, 18 — 32 Pf. 88 anlangt, so stimme ich vollständig den 
Worten Wackerneils 1. c. 74 bei, „daß das Gedicht nirgends treffender 
als zum Abschied vom Wiener Hof passe". 



•) Vgl. Wackerneil a. a. O. 70. 
**) Menzel 1. c. 145. 

**♦) XIV. Jahresber. d. Wiedner Comm. Oberrealsoh. in Wien. 
f) Simrock bezieht ihn zwar ebenfalls hieher, nicht aber auf die Ereig^nisse 
der Zeit, sondern betrachtet ihn als eine Variation der „Vat, Vol. Vindic,'* 



166 A. NAGELE, ZUR CHRONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTHERS etc. 

Dahin haben es auch Schrott und Wilmanns schon früher bezogen. 

Hiemit bleibt noch ein Spruch, der „von der PfaflFen Wahl** L. /^i 
25, 11 — 25 Pf. 85, zu deuten übrig. Von einer Pfaffen -Wahl konnte 
Walther sowohl 1198 als auch 1212 — 1215 sprechen. Das erste Mal 
mischte sich die Curie versteckt, das zweite Mal offen in die deutsche 
Königswahl. Daß man am Hofe von Wien von dem versteckten Spiel 
der Curie vom Jahre 1198 so manches gesprochen haben mag, liegt 
äußerst nahe. Die Einwände Menzels gegen 1198 p. 206 ff. kann ich 
nicht beachten, jedes Geschichtscompendium weist das Mangelhafte 
seiner Ausfährungen nach. Wie übrigens Walther zwischen den npfoffen*^ 
zu unterscheiden pflegte, zeigt hinreichend L. 10, 17—24 Pf. 163 und 
L. 33, 1—10 Pf. 111. 

Ich glaube hiemit darauf hingewiesen zu haben, daß L. 25, 11 — 25 
Pf. 85 sowohl auf 1198 als auch auf 1212 — 1215 bezogen werden 
könne. Jetzt aber gehe ich daran nachzuweisen, daß der Spruch auf 
die letztere Zeit, also auf Friedrichs Wahl, unmöglich gedeutet 
werden kann. 

Noch einmal erwähnt nämlich Walther die Cons tantin 'sehe Schen- 
kung und zwar L. 10, 25—32 Pf. 164 in einem Spruche, der von allen 
Forschern auf die Zeit Friedrich 11. bezogen wird, wie sehr sie auch 
in anderer Beziehung von einander abweichen mögen. 

Ich frage nun, ist es denkbar, daß Walther von dieser 
Schenkung das eine Mal gegen, das andere Mal für Fried- 
rich 11. Erwähnung gethan haben sollte? Zum mindesten \Väre 
dies äußerst unzart gewesen. In weiterer Linie kommt dann aller- 
dings auch das gerechte Bedenken Simrock's in Betracht, daß der 
Dichter den Wiener Hofton noch so spät gebraucht haben soll, und 
jetzt noch um so mehr, da ich hoffen darf, nachgewiesen zu haben, 
dasB alle andern Sprüche dieses Tones noch in den ersten Wiener 
Aufenthalt Walthers 1198—1199 gehören. 

Nach den bisher angestellten Untersuchungen wurde sich also der 
erste Abschnitt von Walthers Spruchdichtung in ddr Weise chronolo- 
gisch feststellen lassen, daß der WienerHoftop vom Herbste 1198 bis 
Herbst 1199, der erste Philippston von Weihnachten 1199 bis etwa 
zum Herbst 1200, der Reich ston von da bis zum Sonuner 1201 reicht. 

I6LAU, am 11. December 1878. ANTON NAGELE. 



O. BEHAGHEL. BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX. II. 167 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX. 



n. Asyndetische Parataxe. / 2/^ »<. 

In seiner Abhandlung „über die einfachste Form der Hypotaxis 
im Indogermanischen" (Curtius Studien z. griech. Gramm. VI, p. 217) 
hat tLjIolly^ den Nachweis zu führen gesucht, besonders gegenüber von 
L. Tobler, daß in Sätzen wie allo wiki in worolti, thir gotes boto aageti 
= welche dir Gottes Bote verkündete, m tlie hezt wise he can 
= so gut er kann nicht Auslassung de s Relatiys anzunehmen ist, 
sondern daß wir in derartigen Beispielen die einfachste aus asyndeti- 
scher Parataxis entstandene Form von Hypotaxis zu sehen haben. 
Aber seine Ausführungen scheinen noch nicht Jedermann überzeugt 
zu haben; drei Jahre nach dem Erscheinen jenes Aufsatzes plaidiert 
wieder E. Kölbing für die Annahme von der Auslassung des Relativs 
Germ. XXI, 28 ff. Vielleicht hätte die Ansicht Jolly's weniger Wider- 
spruch gefunden, wenn er zu ihrer Begründung den weiteren Nachweis 
geführt hätte, daß noch in historischer Zeit wir im Germanischen 
asyndetischer Parataxe begegnen in Fällen, wo von logischer Unter- 
ordnung eines Satzes unter den andern keine Rede sein kann, wo 
beide Sätze durchaus gleichberechtigt dastehen und es unmöglich ist, 
Ausfall eines Relativs oder einer Conjunction anzunehmen. Ich denke, 
es ist nicht unnütz, diesen Nachweis noch besonders zu führen, zumal 
man keine Ahnung von der Ausdehnung einer derartigen Redeweise 
zu haben scheint: Erdmann Untersuchungen über die Syntax der 
Sprache Otfrids I, p. 163, kennt sie nur aus Otfrid, und Lücke, Abso- 
lute Participia im Gotischen kennt wieder nur zwei Stellen aus Ulfilas 
(siehe p. 21); Bernhard hält sogar die Aufnahme einer Maßmann'schen 
Conjectur ftir noth wendig, um das Asyndeton zu beseitigen. Ich gebe 
daher hier eine reiche Sammlung von Beispielen dieser Asyndese. 
In Ulfilas finden sich, so viel ich sehe, nur die auch von Lücke 
a. a. 0. verzeichneten Beispiele : Marc. VII, 19 in urrunsa usgag- 
gith , gahraineith allans matins = eig rov atpeÖgdva ixnogevaraL 
xa^agi^cov, Luc. V, 3 galaith than in ain thize skipe, thatei vas Sei- 
monis, haihait ina aftiuhan fairra statha leitil = i^ßdcg slg ?»' täv 
jtXolcov^ rjv rov Ztfiot/og, ^pcaVi^öfv avtov etc. Zahlreich dagegen 
sind die Beispiele im Ahd., besonders bei den Übersetzern: Bene- 
dictinerregel (Hattemer I) p. 52 ibu eiganan hwelih ni minnot 
willen, kirida sina nist kilustidot irfuUan = si propriam quis non 



16g O. BEHAQHEL 

amans voluntatem desideria sua non delectetur implere. — l8idor(ed. 
Weinhold) p. 45^ 11 (forachujndita^ quad = protestatur dicens. p. 51, 1 
(scalhes) farawa infenc, wortan wardh kahoric nntaz za tode = formam 
servi accipiens effectus est obediens usque ad mortem. — Matth. 
XII, 1 (Zeitschrift für deatsche Philologie V, 389; sine jungimn ouh 
warun hoDgrage, bigunnan raufan diu ahar = discipuli autem ejus 
esmientes coeperant vellere spicas. — XII, 14 (a. a. O. V, 390) 
argengun de uz pharisara, worahtun garati =3: exeontes pharisei con- 
silium faciebant. XII, 39 (Braune p. 17) er antwurta, quat im =^ et 
respondens ad eos dixit. XII, 46 see siin muoter enti bruoder stuontun 
uze, sohhitun siin gisprahhi = ecee mater ejus et fratres stabant foris, 
quaerentes loqui ei. XII, 47 diin muoter enti bruoder stantant uze, 
suohhent dih •=^ ecce mater tua et fratres tui foris stant, quae- 
rentes te alloquL XII, 48 aer antwurta demo za imo sprah, quadh 
= ipse respondens dicenti sibi ait — XII, 49 rehbita sina haut ubar 
sine jungirun, quuat = extendens manum in discipulos suos dixit. — 
Xni, 1 in demo tage genc Jesus uz fona faus, saz bi seuue = in illo 
die exiens Jesus de domo sedebat secus mare. XXII, 1 antwurta im 
Jesus auuar in biwortum, quuad = respondens Jesus dixit iterum in 
parabolis. — XXTT, 4 Auuar sentita andre scalcha, quad = iterum misit 
aUos servos dicens. — XXVIII, 18 genc duo Jesus naher, sprah za 
im, quad = et accedens Jesus locutus est eis, dicens. — De voc. 
gent. (Braune p. 20) z. 14 truhtin antwurta, quad = respondens 
dominus ait — St. Augustini sermo z. 15 (Braune p. 21) Paulus 
snottarlihho sih widarfenc, Christo bifalah, quad = Paulus utiliter se 
contemnens illum commendans . . . inquit. z. 18 bidiu genc Petrus oba 
wazzarum in gabote gotes^ wissa daz etc. = ergo ambulavit Petrus 
super aquas in jusso dei, sciens etc. — Tatian22, 7 intteta sinan mund, 
lerta sie = aperiens os suum docebat eos. 79, 2 wolta inan arslaban, 
ni mohta = volebat occidere eum nee poterat 99, 5 tho arbolgan 
ward sin herro, salta inan wizzinarin = et iratus dominus ejus tradidit 
eum tortoribus. 102, 1 warun thar sume az in theru ziti, sagetun imo 
= aderant autem quidam ipso in tempore nnntiantes illi. 103, 3 ant- 
wurtita tho heristo tties thinges, quad theru menigi = respondens autem 
archisinagogus dicebat turbae. 107, 1 lag zi sinen turun fol gisweres, 
gerota sih zi gisatonne = jacebat ad januam eins ulceribus plenus, 
cupiens saturari. 109, 2 tho quamun thie eristun, wäntun = venientes 
autem et primi arbitrati sunt. 110, 1 tho antwnrtita ther heilant, quad 
= et respondens Jeans dixit. 110,2 inti her tho antwurtita, zi in 
quad = et respondens ad illos dixit (ebenso 112,2). 116,6 nahlih- 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX. II. 169 

hota tho gisehenti thia bnrg, wiof obar sia = ut appropinquavit, vi- 
dens civitatem flevit super illam. 118^ 1 gihalota sine jungoron/ quad 
in = coDVOcans discipulos suos ait Ulis. 121 , 3 tho antwurtita ther 
heilant; quad in = respondens autem Jesus ait eis. 123, 4 gieng tho 
zi themo eriren, quad imo = accedens ad primura dixit 123, 5 gieng 
her tho zi themo andaremo, quad imo sama = accedens autem ad 
alterum dixit similiter. 128, 6 her wolta tho rehtfestigon sih selben, 
quad zi themo heilante = ille autem volens justificare se ipsum dixit 
ad Jesum. 138,40 antlingita ther heilant, quad ci imo = respondens 
Jhesus dixit ad illum. 141, 1 tho ther heilant sprah ci then menigin 
inti ci sinen jungiron, quad. 141, 24 tho antlingita sum fon theru ewu 
gilerter, quad imo = respondens autem quidam ex legisperitis ait 
illi (ebenso 144, 2. 148, 7). 149, 4 gieng zuo therde fimf talenta int- 
fieng, brahta andere fimf talenta. 149, 7 antlingita sin herro, quad 
imo = respondens autem dominus eins dixit ei (ebenso 159, 6. 161, 3). 
185, 1 gisahun thaz dar zuo wert was, quadun imo = videntes autem 
quod futurum erat, dixerunt ei. 185, 12 sum jungo folgeta imo, was 
giwatit mit sabanu = adolescens autem quidam sequebatur eum amictus 
sindone. 189, 4 erstuont ther herosto thero heithaftono, frageta then 
heilant = surgens princeps sacerdotum ioterrogavit Jhesum. 199, 7 
tho antlingita ther grafo, quad in = respondens autem preses ait illis 
(ebenso 199, 12). 201, 2 tho wanta sih zi in ther heilant, quad = con- 
versus autem ad illas Jhesus dixit. 205, 2 thie furivarenton bisma- 
rotun inan, ruortun iro houbit = praetereuntes autem blasphemabant 
eum moventes capita sua*). 205, 5 tho antlingita ther ander, incre- 
bota inan = respondens autem alter increpabat illum. 208, 1 after 
thiu westa ther heilant thaz thiu allu gientot warun, quad = postea 
sciens Jhesus, quia jam omnia consummata sunt, dicit. 212, 6 quam tho 
ouh Nicodemus, ther dar quam zi themo heilante nahtes erist, truog 
thaz gimisgi := venit autem et Nicodemus, ferens mixturam. 216, 2 
quam Maria inti Salome zi themo grabe, truogun = venit Maria et 
Salome ad monumentum portantes. 217, 5 tho antalengita ther engil, 
quad = respondens autem angelus dixit mulieribus (ebenso 225, 1). 



*) Nach hoabit folgt noch inti qnedenti = et dicentes. Zur E^rkläning des 
ganzen Satzbanes ist es nicht nöthig, mit K. Zacher, Zeitschrift Hir deutsche Philo- 
logie Vn, 463, Schwanken zwischen hypotaktischer nnd paratakiischer Fügung anxa- 
nehmen, sondern wir haben hier einfach einen Beleg dafür, n^^^ ^^^ Übersetzer durch 
wörtliche Widergabe des Originals aus der Anfangs gewählten, vom lateinischen ab- 
weichenden Construction herausfiel", s. Gering, die CausalsStse und ihre Partikeln bei 
den althochdeutschen Übersetcem p. 2. 



170 O. BEHAQHEL 

221, 5 sin tho giwanta sih, qoad imo = conversa illa dicit ei. 223, 1 
quam Maria Magdalenae, sageta theu jungoron = venit Maria Mag- 
dalena annuntians discipnlis. 

Die Belege aus Otfrid hat Erdmann I, p. 163 fast vollständig 
verzeichnet. Ich habe nur eine Stelle nachzutragen: 

IVf 3f 16 ther er nan töde binam, hiaz üzer themo grabe gän. 
Übrigens hat einen Theil der Otfndischen Beispiele schon J. Grimm 
zusammengestellt Qramm. IV, 216 und bes. 950, was Bernhard, Lücke 
und Erdmann tibersehen haben. 

Im Mhd. werden die Belege asyndetischer Conslruction anscheinend 
seltener; eine Anzahl von Stellen gibt Grimm a. a. O. Ich gebe noch 
einige weitere: Erec 9700 als si diu frowe Enite gesach dort sitzen, 
weinen. Parz. 275, 19 er dancte in, bot fianze sän: so Lachmann gegen 
alle Handschriften. Die Besserung ist unzweifelhaft, wir sehen aber, daß 
die Redeweise doch etwas Ungewöhnliches war, wenn sämmtliche 
Schreiber daran Anstoß nahmen. Parz. 599, 21 si sprach: ich läz 
iuch riten, mer nach prise striten. — Vaterunser v. 2486 ob uns daz 
houbet we tut, so ge wir, rufen immer me; die zweite Handschrift 
liest rufende. — ebenda 2492 sus ge wir, schrien al den tach; var. : 
BUS ge wir, schriende durch den tac. — Lobgesang 73, 1 du zallen 
ztten hast zertän diu arme, uns armen wilt empfän. — H. v. Hcsler 
Apocalypse Bl. 83 d. (der Königsberger Handschrift 891) sSt, ich st5, 
klopphe czu der tor = Job. Apoc. lU, 20 ecce sto ad ostium et pulso. 
S. noch Iwein 3620 und 3950. 

Aber die Seltenheit einer derartigen Erscheinung im Mhd. ist nur 
eine scheinbare. Die ganze, weit verbreitete Redeweise der sogenann- 
ten Constructio ano xoivov ist nichts Anderes als eine bestimmte Form 
asjndetischer Parataxe. Haben wir den Satz: der Engel Gottes kam 
vom Himmel und erschien ihm, so konnte das nach Anleitung unserer 
Beispiele aus Tatian und Otfrid heißen : der gotes engel kom von 
himele, erachein im duo. Tritt nun bei Vortreten eines Adverbs In- 
version eiuy so erhalten wir Kaiserchron. 185, 15 duo kom von himele 
der gotes engel erschein im duo. Eine reiche Sammlung von Belegen 
hat Haupt aus Erec 6596 gegeben ; auch was Grimm IV, 217 d au- 
fllhrt, gehört hierher. 

Von hier aus ist nun sehr leicht einzusehen, wie die Relativsätze 
mit ., ausgelassenem Pronomen^ entstanden. Sowie das zweite asyn- 
detisch angereihte Verbum eine woniger wichtige Thatsache enthielt, 
begann die Dififerenzierung in Haupt- und Nebensatz und der zweite 
Theil wurde schließlich durchaus als hypotaktisch gefllhlt, wenngleich 
dies Verbältniss durch keine Partikel ausgedrllckt wurde. Ich wähle 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX. H. 171 

aus Haupts Beispielen eine Anzahl solcher aus, welche uns die Art 
und Weise dieses Übergangs besonders klar vor Augen stellen: Klage 
1376 mit zühten si ze hüse bat ein frouwe saz darinne. Parz. 321, 13 
ez tuet manc tüsent herzen w@ daz strenge mortliehe rd an mtnem 
herren ist getan. 782, 23 wan ungenuht al eine^ dem git dir niht ge- 
meine der gr&l und des gräles kraft verbietent valschlich selleschaft. 
Besonders gehören hierher die Beispiele mit heizet: P. 389, 2 wan sin 
pflsege ein ktlnec hiez Anfortas, ebenso die von Grimm IV, 217 d bei- 
gebrachten Stellen: daz ist Imper vert von Botenbrunnen. 

Abgesehen aber von dieser sogen. Constructio äxo xotvov ist die 
asyndetische Anreihung während der mhd. Periode selten , wie ich 
schon bemerkt habe. Dann aber kommt eine Zeit^ wo sie wieder 
häufig wird, die Zeit von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zum An- 
fange des 17.: Georgs v. Ehingen Reisen (aus dem Jahre 1455; von 
Pfeiffer herausgeg. Bibl. d. lit Ver. Bd. I) p. 8 bedacht er sich aber ein 
klaine weyl, sagt etc. — p. 21 am vierdten tag beschickt der gran- 
kapitanie mich und min gesellen, begert, das etc. — p. 24 also liesz 
ich och gegen im her gon^ hett min spiesz uff meim schenke!. — p. 24 
(sie) huwen dem haiden sin haupt ab, namen sin spiesz und stackten 
esz daruff, zugen im sin hämisch ab. — p. 28 der kttnig war meiner 
gnedigen frawen bruoder, hielt mich gnedig und wol. — Steinhöwel 
Decamerone (ed. Keller, Bibl. d. lit. Ver. Bd. 51) p. 20 er floche die 
kirchen als der teuffei das kreucze, kom gar selten darein. — p. 22 
sich nidersatzte zu im, in begonde ze troesten. — p. 27 ze haut des 
abencz gingen, im ein wirdig vigilg sungen. — p. 59 ein junger kauff- 
man gen Boloni geritten was, sein sach palde do auszgerichtet het^ 
wider zu rücke kam. — Die Geschichten und Thaten Wilwolts von 
Schaumburg (vom Jahre 1507, in der Bibl. des lit Vereins Bd. 50) 
p. 15 Da si di vertatten, gebraucht sich jedlicher seins Schwerts, schlue- 
gen sich durcheinander. — p. 17 die ime den stegraif hielten , waren 
in ainer zall 200 acht, hiessen von den vierämbtern. — p. 19 Hess der 
bischoff die seinen über das her laufen, erstachen der etlich. — p. 19 
wo es ainer übersach, schluegen sie im den hacken in den leib, zück- 
ten den zu inen hinüber. — p. 22 darin lagen her Eberhart von Arberg 
mit etlichem kricgsvolk, hielten solche flecken etwan lang innen. — 
p. 26 des andern tags vieng der legat die teidung wider an, wart durch 
in ain solich richtung und vei'trag gemacht. — Theuerdank (nach der 
ersten Ausgabe v. 1517 ed. Haltaus) 38, 1 Unfalo grosz leyd unnd 
schmertz het, sas, besan sich, wie er für an. — 38, 93 Unfalo schweig 
still, ret nur nit. — 40, 75 Unfalo dasselbig vemam^ e^toaV. \säs&l 



172 O. BEHAGHEL 

nie grösser wunder niun. — 43, 62 die scheffleut ir rüder namen, fAeren 
mit gutem wind von dann. — 71, 2 Unnfalo sasz auf sein pferdt^ re/t 
mit Tewrdannck^ dem Tewrlichen man. — Ulenspiegel (ed. Lappenberg 
nach d. ersten Druck von 1519) 73. Historie (Schluss) und Ulenspiegel 
verlief sich, sol noch widerkomen. — Seb. Franck, Chronica^ Zeyt- 
buch und Geschichtbibel (ich citiere nach dem ersten Druck, Strass- 
bürg 1531) Bl. 220 a (Abs. 1) indem nahet sich der falsch geist noch 
basz zu yhm^ griff y hm an seinen halsz. — 220 a (Abs. 3) am morgen erzelt 
der arm thorecht bruder alle geschieht den •IUI* gar ernstlich, begert 
erlOsung disz geists. — 220 a (3) der Prediger Doc. Steffan fieng an 
davö zu predigen, legt den geist sin busz ausz. — 220 a (4) deszhalb 
sy auff die versprochen nacht weitter zurichteten, trügen ins bruders 
und sunst zwo die nehsten zellen dz H. Sacrament. — 221 b (7) bald 
darnach rüst sich der Prior in sein mummerey, gdisset den bröder 
sprechende etc. — Amadis^ erstes Buch (nach der ersten deutschen 
Ausgabe von 1569 herausgegeb. v. A. Keller, Bibl. d. lit. Ver. Bd. 40) 
p. 15 stieg er also bald vom Pferde, fasset das wehr in die faust, 
trattc stracks gegen dem Löwen an. — p. 16 dasz der König gelegen- 
heit bekäme, ihr die Finger zu drucken, dergleichen thete, als ob er 
den Ring nemmen weite. — p. 38 welchs den Gandales weinen sähe, 
im die äugen trucknet. — p. 46 deszwegen ir Herr Vater forchte, dasz 
CS böser mit ir würde, bat den König, sie in Schotten zu behalten. — 
p. 40 der König beschauwet disz junga Herrlin auch, gefiel im gleich 
so wol. — Froschmeuseler (nach der Ausgabe von 1608 von Goedeke 
herausgeg. in den Dichtem des 16. Jahrh) I, 1, 2, v. 160 Bald ward 
Ghrünrock der filnf gewar, Sprach: diso reis ist on gefar. — I, 1, 2, 
V. 177 trat das herlein mutig hinan, Sprach : ho glück zu, mein lieber 
man. — I^ 2, 4 v. 51 der prophet die schrift allegiert, Sprach: meinem 
Stand also gebtlhrt. — I^ 2, 5 v. 82 das pfefflein gieng, sagt in an- 
dacht. — Gusman v. Alfarche (durch Aegidium Albertinum Mtlnchen 
1615) p. 17 dessen frewete sich der alte Herr, liesz sie allein im Bette 
ligen. — p. 53 ich kondte auszbtlndig wol schwetzen, diente ihm an- 
fangs gantz fleiszig, verhielt mich auch gegen allem Hauszgesindt der- 
maszen. 

Fragt man nach dem Verhältniss dieser nhd. Beispiele zu denen 
im älteren Deutsch, so lässt sich die Möglichkeit eines historischen 
Zusammenhangs nicht leugnen. Man könnte vermuthen, daß in der 
mbd. Zeit die asyndetische Ausdrucksweiso nicht mehr der gebildeten 
Rede angehörte, wie denn die Constructio dxo xoivov von Hartmann, 
Gotfried; Konrad gemieden wird; sie w&re dann wieder mehr zur Gel- 



BEITRÄGE ZUR DEUTSCHEN SYNTAX, IL 173 

tung gekommen y als die Bande der guten höfischen Tradition in der 
Sprache gesprengt wurden. Sehr wahrscheinlich ist das jedoch nicht: 
wir sollten denn doch im Ausgange des 14. und dem Beginn des 15. 
Jahrhunderts deutlichere Spuren eines solchen Zusammenhangs finden. 
Ferner läßt sich noch ein Moment gegen den genetischen Zusammen- 
hang beider Erscheinungen geltend machen: die nhd. Beispiele haben 
einen anderen Charakter als die der altern Sprache. Bei den neuhoch- 
deutschen kann die Verbindimg durch die Conjunction fehlen, mag die 
logische Verknüpfung auch noch so lose sein; im altdeutschen besteht 
jedesmal ein enges zeitliches und pragmatisches Verhältniss zwischen 
den asyndetisch angereihten Verben. Ein Satz wie Ulenspiegel verlief 
sichj 8ol noch vnderkomen ist fUr das Mhd. kaum denkbar. Glücklicher- 
weise haben wir den fraglichen historischen Zusammenhang nicht noth- 
wendig; um jene nhd. Redeweise zu begreifen. Es ist mit den syn- 
taktischen Gebilden nicht wie mit den Organismen, welche die Natur 
gescha£fen. Während der Naturforscher die generatio aequivoca immer 
noch leugnet, kann es auf dem Gebiete der Syntax nicht scharf genug 
betont werden, daß fort und fort Urzeugung stattfindet, die einfach- 
sten Formen sich immer wieder von neuem bilden. Und einfach genug 
ist diese asyndetische Redeweise. 

Ich brauche kaum zu bemerken, wie nahe auch in diesen nhd. 
Beispielen die Asyndesis dem Relativsatz und der Constructio aico 
HOLvov steht, so in der Stelle aus Amadis: der König beschauioet disz 
junge Herrlin auch, gefiel im gleich so tool- 

Wenn also nun derartige asyndetische Constructionen in der That 
der Ursprung der Otfridischen Relativsätze ohne Relativpronomen sind, 
weshalb haben die gleichen Voraussetzungen nicht auch gleiches Re- 
sultat ergeben, d. h. warum haben sich nicht in mhd. und älterer nhd. 
Zeit wieder Attributivsätze entwickelt , die mit jenen bei Otfrid über- 
einstimmen? Der Grund ist sehr einfach: aus der Gestalt, wie sie die 
verzeichneten Belege der Asyndese zeigen, gab es keinen Übergang 
zur Gestalt des Nebensatzes, dessen Hauptmerkmal die veränderte 
Wortstellung ist, mit dem Verbum finitum am Ende. In einer früheren 
Periode dagegen war diese Bedingung vorhanden: ich habe Germ. 
XXIII, p. 284 kurz, aber wie ich glaube überzeugend, nachgewiesen, 
daß die noch jetzt im Nebensatz vorliegende Wortstellung 
die ursprüngliche ist. Damit sind freilich noch nicht alle Schwie- 
rigkeiten gelöst, denn nimmt man solche Wortfolge als allein gültig 
an, so muß die vorhin erwähnte Stelle aus Amadis so lauten: „cfer 
König disz junge Herrlin heschamoet, im gleich so tool gefiel^. Die fraer 



174 O. BEHAGHEL, ZU DEM SOG- MNL OSTERSPIEL. 

liehen Relativsätze sind also wahrseheinlieh in einer Periode des Über- 
ganges entstanden, zu einer Zeit, als in der Wortstellung ein neues 
Prineip sich geltend zu machen begann. Genauere Untersuchungen 
über diese letztere Frage hoffe ich ein anderes Mal geben zu können. 

HEIDELBERG den 16. M&re 1878. OTTO BEHAGHEL. 



ZU DEM SOG. MNL. OSTERSPIEL, 

das ich im letzten Hefte in syntactischer Hinsicht besprochen, mögen 

hier einige kritische Bemerkungen nachfolgen. 

y. 1 imd 2 schreibt Zacher so: 

Ich ben ende en aneginne 
gewor got gerechte mione! 

Es muß nach aneginne ein Komma stehen, ebenso nach got^ nach minne 

ein Punkt; lies: geware, 

Y. 15: uns dnnckit gat de neWe wain, 
dar umbe wir dich gestan. 

lies: bi gestan, 

V. 32: dat wyf, dat du mir geves, here, 
die dede ic, ende hör lere, 
dat ich mig han virgeasen. 

Zacher will dede mir oder dede ie lesen; das letztere ist sinnlos. Lies: 

dede it. 

V; 72: dat dir ende allen wiven 
die vmt van uren liven 
sal kamen zu bit jamergeit 

lies: kumen tä. 

T, 116: die ie einsamen waren gader, 

lg din dohtec ende da min vader, 
inde immer müssen wesen gader. 

lies: ein samen. 

144 lies: einem für einem, 

T, 188: di pine ende maniche noit 
liden maz binz in den doit 
darg den minsche, de vor erst 
is zer hellen ende vorderst, 

Sinn und Reim sträuben sich gegen den Lesefehler des Schreibers oder 

des Herausgebers; lies: vorerft : vorderfi. 

Y. 370: sage, wat hais da vemomen? 
we is, dat do sal komen, 
de mage «in güich'i 



a MILCHSACK, LEIPZIGER TITÜRELBRUCHSTÜCKE. 175 

Es sind die Worte des Herodes auf die Nachricht von der Ge- 
burt eines Kindes, „dat die engele hant irkoren zu keisere ende zu 
heren'^. Demnach ist zu lesen: sin mm gelich, 

379 lies: zehove ftlr hove. 

612 Der Messias, auf den die Juden warten, 

V. 612: he insal nit kamen van gode, 

V. 613: want he is des duuels bode 

V. 614: mit deme dat he wirken sal 

V. 615: inde die werelt virleiden al. 

V. 614 und 615 sind umzustellen^ und v. 613 muß als Parenthese 

gefaßt werden. 

V. 661 : nu uichtet mig in min gedanc, 
da[t] he de selve minsche si. 

lies: ducktet mig. 

V. 729: dar nmbe saut du uns here säen, 
wat tone dat wir sulen haen 
alle Sachen achter loissen. 

lies: lones und dat wir alle sacken. 

V. 764: wijf, wat soade mir ane genomen? 

lies: mir dat an«; cf. 1058 meister, wat soude dig dat gedaen? 

V. 839 lies: irt, 

Prosa nach 1205: gois ime up sin houet aromata dat gecrude : 

lies dat is gecrude, 

V. 1443: den (den Tod) müz du doigen nu zestunt; 
war nmbe it is, datz dir wale kunt. 

it 18 muß gestrichen werden. 

V. 1483: virkoufer einen ende gelde eyn swert. 
ende ist zu streichen; wir haben hier einen Fall des vorhin bespro- 
chenen Asyndeton. 

HEIDELBERG, den 9. August 1878. OTTO BEHAGHEL. 



LEIPZIGER TITÜRELBRUCHSTÜCKE. 



Von den nachstehend gedruckten Pergamentbruchstücken des jün- 
geren Titurel, Rep. II. 21^'^, welche vor einiger Zeit von vonPosern- 
Klett auf der Rathsbibliothek zu Leipzig aufgefunden wurden^ 
hat schon Hr. Prof. Dr. Rob. Naumann im Serapeum Jahrgang 1867, 
S. 193 — 196 nach den genauen Angaben des Hm. Prof. Za^rxi^^k.^ 



176 O- MILCHSACK 

Mittheilong gemacht Die ftUif Doppelblätter in klein Folio, die 
leicht noch dem Anfange des 14. Jahrhunderts zugewiesen werden 
dürfen, sind zweispaltig, die Colomne zu 41 — 42 Zeilen geschrieben. 
Die Strophen sind nicht abgesetzt, aber durch abwechselnd rothe und 
blaue Anfangsbuchstaben ausgezeichnet und daneben pflegt meistens 
auch der zweite Buchstabe des Anfangswortes groß geschrieben zu 
sein ; die Reimzeilen sind oft durch Punkte, immer durch rothe Striche 
geschieden. Jedes Blatt hat 29 — 31 Strophen, so daß die ganze Hand- 
schrift etwa 214 beschriebene Blätter gehabt haben wird. Nach der 
Berechnung des Herrn Prof. Zamcke bestand jede Lage der Hand- 
schrift aus 10 Blättern = 5 Doppelblättem imd von den im Ganzen 
22 Lagen sind folgende Blätter erhalten: 

A. der ni. Lage drittes Doppelblatt, BL 23 u. 28 der Handschrift 

a) Vorderblatt Str. 647, 2—675, 4. 

b) Rückblatt Str. 784, 4—815, 4. 

B. der IV. Lage zweites Doppelblatt^ Bl. 32 u. 39 der Handschrift 
a) Vorderblatt Str. 906, 2—936, 4 

l) Rückblatt Str. 1112, 2—1138, 4 + 3 Strophen, welche in dem 
Abdruck der Heidelberger Pergamenths Nr. 383 bei Hahn 
fehlen. 
C der VI. Lage drittes Doppelblatt, Bl. 53 u. 58 der Handschrift 

a) Vorderblatt Str. 1547, 1-1576,4. 

b) Rückblatt Str. 1692, 2—1723, 3. 

D. der XI. Lage drittes Doppelblatt, Bl. 103 u. 108 der Handschrift 

a) Vorderblatt Str. 3030, 4 - 3062, 2. 

b) Rückblatt Str. 3187, 1—3216, 1. 

K der XV. Lage erstes Doppelblatt, Bl. 141 u. 150 der Handschrift 
ä) Vorderblatt Str. 4190, 2—4219, 1. 
b) Rückblatt Str. 4455, 3-4485, 3. 
Der Schreiber, der mehr auf äußere Sauberkeit, als auf einen 
lesbaren Text Bedacht genommen, scheint^ nach yielfachen nieder- 
d^eutechen Wortformen^zu schließen, selbst kein Oberdeutscher gewesen 
zu sein. So gebraucht er sehr häufig die niederdeutsche Form des 
Artikels de ftlr diu und die, des persönlichen geschlechtlichen Prono- 
mens se filr siu und sie; andere niederdeutsche Formen kehren auf 
jedem Blatte wieder: we = wie 664, 3; bouen = bobene, beben 667, 7; 
van =: von 668, 7; lesen = liezzen 805, 5; dene = diene 928, 7; vor- 
lesen = Verliesen 1551, 1; kesen = kiesen 1551, 3; denste = dieneste 
1553, 7; depliche = diepliche 1558, 1; Tzom = zoum 1&66| 1; dener 
= diensere 1566, 3; Verden = vierden 1699, 1 u. s. w. 



LEIPZIGER TTTÜRELBRÜCHSTÜCKE. 177 

Diese Pergamentblätter sind als Umschläge _ fiir Stadtrechnungen 
benutzt, gewesen und haben als solche natürlich mehrfach gelitten, die 
innem Seiten sowohl durch den Leim, mit dem sie auf die Buchdeckel 
geklebt waren, als auch die äußern durch Verschabung, so besonders 
die Vorderseite des Rückblattes des dritten Doppelblattes. Namentlich 
aber ist in den Falzen, wo die vordem Blattränder um die Buch- 
deckel gebogen waren, Manches undeutlich oder ganz unlesbar ge- 
worden. Wie üblich habe ich die undeutlichen Buchstaben in runde 
Klammem eingeschlossen , die ganz verwischten nach Möglichkeit durch 
Punkte angedeutet 

Erstes Doppelblatt. Vorderblatt: 

[tw. a.] 647 nicht da was vergezzen. tzü wünsche wol 

nach hochelobte prise. also daz in gebrache, denne vite lignü obz von para- 
dyse. 648 VRowe selte mit den sinnen, ir leben hete gesorget, vil tagen- 
den an in tzu minnen. vf se vor sighelt ist vii vorborget, tzncht schäm vnde 
kusche maze truwe milde, bescheydenheit gedulde, wart in ouch ny biz an ir 
ende wilde. 

-XVin- abenture wie kastis er warp hertzelouden vnde wie 

er starp. (roth) 

OQCh 

G49 DA bi den selben iaren. was kastis irstorben. der het de suzen 
klaren, h^tzeloyden vf mutzalvach er werben, kamvaleis gap er der vrowcn vil 

schone, vnde kingrivalsch tzu den beiden, truc sin vil wMe houbet vorsten kröne. 

650 DE wir mä h^tzelouden. von muntzalvach nu brachte, kastis tzü riehen 
gauden. der hochetzit tzü kamvaleys nü dachte, mit konlgen- vii vn mit wrsten 
edel riebe, de hochetzit vor wandelt wart da sint in bevilde iemerliche. 

651 DEr tot in sus vertzihen. künde hertzeloude tzu wibe. vii gamorete lihe. 
an einen arm mit maghetlichem übe. y doch wart se da vrowe tzwierlande. 
des werde firmiteles kint. de man van mutzalvach vil wert da sante. 652 DEs 
waleys konTginne. nu an sigunen dachte, de wart mid aller sinne, daz maus 
von brubars da vil schone brachte, kundwiramors begunde sere weynen. daz 
sie der grozen liebe, vii der gesellenschefte solde vor eynen. 653 Ryot der 
vrouden w'ise. sin tochter wolde bringen, von brubars keghen waleyse. kint- 
licher süze iamer künden nü twige. kundwiramors do sigune von ir wolde. sie 
gebarte senichlichen. daz man noch kint da vmbe truren solde. 654 Sie wr 
ken *) katelange, sigune de seiden riebe, do entweite se sich lange, wenne 
biz sie wart [b.] bereit vil weichliche, nach wrstö kldes wis vil richer tzirde. als 
iz kiot wol küde. er bekande wol richliche kundewirde. 655 Daz kint sprach 
liebcz veterlin. nu heiz mir gewinnen, von ritters tzirde vollen schein ^) 



*) Ein bei ken überfreschriebener Buchstabe ist nicht mehr lesbar. 
**) Die aiisgofallene Zeile ist am obem Rande des Blattes nachgetragen: ün 
ich mit vroitde vare toül vö hinnen scheint freie Erfindung des Schreibers, gleich 
darunter: der locken vü aU ich nu vor vö hnrnen ist die richtige Lesung. Dieser 
Vers fehlte also wohl schon in der Vorlage. 

OEBMANIA. Nene Beihe XII. (XXIY. Jahrg.) VI 



178 O. MILCHSACK 

80 bin ich tza der Terte wol berichtet, tzu minem denste gerende. 

sich manic ritter werdichlich noch phlichtet. 656 WOl mich des werden kindes. 
nach wirde also vorsannen, got müze dir des gesindes. in katelange vil iar 
mit denste gönnen, min sorg^ slafet wenn** din selde wachet, der swartse 
walt hi tzu lande, dir wirt tzü scheften gar durch dich gemach;. 

XIX abentnre* wie sygune wart gebrarcht | tzu hertzelanden. 

(roth) 

657 DO man daz kint nu brachte, der konlginne tzu waleyse. ir tmwe 
des ghedachte. wie iz der werden muter wart eyn vrejse. vii sie des vater 
werdicheit irkande. daz machte ir fondamete. der liebe die sie kegn dem kinde 

wände. 658 Kyotes kint sigone. sus wachs bi irer momen. vor mejen blickes 
lane. kos man de magh; bi tow nazzen blumen. vz irem hertzen blute selde 
vn ere. kamt sie kegn louben iaren. so wil ich noch ir loubes küde mere. 

659 Was man al ere an wibe. tzü wünsche khan ghemezzen. an irm* vil sazen 
libe. wart des oach njrnder siden groz vor gezzen. se rejne vrucht durch 
luchtic Falsches anc. selich vil si der muter. de sie gebar daz was vrow* 
tzosiane. 660 Nv prüfet an der steten, der klaren maget sigunen. do sich 

ir brüstet dreten. vnde daz ir reytes har begunde brunen. do hop sich in ir 
h^tze hoch gemute-. ir lip begunde stoltzen. daz quam ydoch von vppichligher 
gute. 661 Nv sullen wir ouch ghedeuken. hertzelouden der vil rejnen. de 
künde ir lop nicht krenken. mit war [rw. a.] heit so wil ich die lieben mejmen. 
sie orsprlg wol aller wiplichen eren. sie künde wol vor dienen, daz ir lop muste 
in den lande mere. 662 Maghet vnde witwe an iughenden. sie kint was fir- 
mitelles. wer bi ir tzit von tughenden. sprach vrowen lop dahal ir lop Int 
helles, daz vvr die virre in vil manghe riebe, ir werde miiie vor dienent wart, 
da vo: kamv(o)le78 mit speren hurticbliche*. 663 Svs phl(a)c sie beid^ orden. 
maget vnde witwendomes. ir wMicheit sich horden. kund al so daz man ir 
lach des rumes. an richeit an gheborte vn lichter male, du'ch luchtic aller 
tughende. vn selicheit vf erbet von de gr(a)le. 664 Hi schiet der eren riebe, 
gamoret vo pellakane. vil we da w^dichliche. er warp er do de swester tzo- 
siane. vn we er sich enbrast der frantzoysinne. der wil ich hi ghe swighen. 
vn saghen vch von kindelicher mine. 665 Amphlben tzü ougen wuile. eyn 
kint wart da ghelazen. er bom vz worste kune. vn ouch der art daz muste 
sich wol mazen. aller dinge da von ^^) pris vordirbet. wenne alle wrsten 
werdent gebom. hi ir keyn baz den^) pris irwirbet. 666 Do gamoret durch 
mine. entphie den schilt von ampholizen. de werden frantzoysinne. im lac daz 
kyn^ datz müze wir noch prisen. daz ir warp sin wäre kindes suze. dirre abe- 
tare eyn herre. iz ist wol recht daz ich kint durc****) in gruze. 667 Daz kint 
al da nicht sparende, was mit dem anzevine. der was tzun heyden varende. 
tzum barroch hinnen tzu alezandrinen. tzu kamvaleys brachte er iz wider 
dannen. sin kintlich* wirde. wirt noch geblümet vil hoch bouen allen mannen. 
668 Die lichten swerte blicken, sol vü dehelme schroten, daz lert vil manghen 
dicken, daz er da vahet vil vroude nach dem tode. ob er iz halt die virre 
wer ansehende, an manheit die gheh^tzen. daz werdent de van kinde not siu 

^) tr und den sind Correcturen von späterer Hand. 
**) Das h in durc^ ist von späterer Hand. 



LEIPZIGER TITURELBRÜCHSTÜCKE. 179 

spehende. 669 Die kleyne vn [b.] die großen, die ifigesten tzü den ersten, de 
werdent des vor stosen. de abenture wil vor sie alle tzü bersten, hi disez kint 
tzo voghete nemen alleyne. das lazt vch nicht vor smaben. ob er noch si an 
Witzen an iaren kleyne. 670 Sin art an prise de ganze, wil ich e3rn tejl 
benennen, von grahers gume manzen. des kindes ane ysen wol tzü trennen, 
des phlac er mit tzioste tzü mangher hurte, do heyz sin vater gurtze grin. 
der lac ouch tot durch schojdelacurce. 671 Mahede hejz sin muter. bem 
eckunates 8west\ voget eyner paltze guter, benant vil*) vi! rieben tzu starken 
inberbester. vnde selbe heyz er tzionatulander. so hohen pris nicht werben, 
bi siner tzit künde eyner noc^**) der ander. 672 Daz ich sün gurtzegrien. 
nicht vor sighunen nande. der suzen valsches vrien. daz was da von daz man 
ir muter sande. da vz der phlege von dem reyne grale. des müste ich sie vor 
tzucken. vn ir gheslechte wart daz licht gemale. 673 Wan alle diet des grales. 
des sint de vzirwelten. hi selic vri helle males. vn dort tzü stete prise 
de ghetzalten. ouch quam sigune von dem selben samen. der wart von munt- 
zalvach ghcsant. den alda sit de heydenschaften namen. 674 la tzwar des 
edelen samen kraft, da wart bracht tzü dem lande, der wart an prise dar be- 
haft. in viel ghar da eyn scur vf deschande. da von kamualeys verre ist be- 
kennet, des wart in manghen tzungen. al dirre truwen houbet stat genennet. 
675 wol dir kamvaleyse. we sprichet man diner stete, von suzer liebe kur- 

teyse. de sich vf dir hebende wart nicht spete. mit wcrder minnen vil vro an 
tzweyn kinden. daz al de werlt en mochte, ire trupheit nynder teyl da vnder 
vinden. 

Abenture- Wie tzionatulander Sygu | nen erst tzü sprach, (roth) 

Röckblatt: 

[vw. a.) 784 erloste. 785 DE stoltzen 

babilone. tzu baldac suchen wolden. da kegn so het sin scone. der barruch 
vnde de sine als se sollen, bereytet daz er in mit strite entphenge. laze mir 
got de stunde, so bort wo iz inbeydenthalp ergienge. 786 Gamoreten man. 
schone, do sagete ir beider kriegen, durch waz debabilone. den barruch nicht 
mit strite wolden triegen. des künde nu den werden nicht betragen, er horte 
gherne mere. von endehaften dingen ane vragen. 787 Diz mere hi an hebende, 
im was eyn ritter wise. der sich mit spehe ghebende. des libes was kegn ba- 
bilon nach prise. was er ghar ane ende ouch er varcnde. er künde vil der 
spräche, da von was er den barruch y der warende. 788 IN suria dem lande, 
dalit eyn stad so riebe, nyniue debekande* laut drier tageweite wUichliche. de 
nam der baruck den vz babilone. den grozgemuten konigen, pompeyo vnde 

sinem broder ypomidone. 789 DO was vf sin geerbet, mit rechte doch her 
von alter, dar vmme wart vor derbet. so vil der sarrazine al vnghetzalter. 
noch milier kan ich witwen. vnde weysen. gepriiven de da wurden, vberkraft 
ir striticlichem vreysen. 790 IN wart ouch erbeteile, velan tzü komen gute, 
ir selten gar tzon vnheile. ich meyn ir groz vnrecht mit vbermute. daz sie 
begherten goddelicher eren. den malt sam de maren. der kan iz in tzü spotte 



*) Das erste vil roth durchstrichen. 
**) h spKtere Correctur. 



180 G. MILCHSACR 

wol Tor keren. 791 UOd richeit aller vrachte. de birt al da de erde, ge- 
nntBam aller gennchte. ist kaldea daz lant in hohe werde, da Ton hat hoeh- 
Tart 7 da tzu betwangen. al de da konige waren, daz sie nach godeUchen 
eren rvngen. 792 Jhernsalem geselle, des hknmels ist mit scrifte. yn babOon 
der helle, da von die hochvart j da wunder stifte, dochter von sjon de sint 
gote de hoesten. yfi de von babilone. de [b.] sint vor gote ynwert Tfi gar de 
boesten. 793 Vf erde ny Tromder geste. würden in hiinels trone. von hoch- 
vart vber leste. deiie Incifer vnde de von babilone. ir Ion der ist tzn helle 
wol eben riebe, wan sie mit tzoyber krefte. da wolten godes kreften sin ge- 
liehe. 794 Wie hohe se sich harten, in hochvart mit gewalte, vnd feber vnde 
mit snften. de hohe trinitat sie dicke valte. itzlichen machte sin hochvart tsu 
eynen rinde, nabnchodonosor geschach. de räche von god also swlde. 795 
UOn mir sint vnertzejget. gar alle de gotes rach^. wie er die hochvart nej- 
get. ich muz hin keren vf ein ander spräche, we ninyne den babilon enphare. 
vnde sich der barmch vnder want. gelonbet mir iz als ob ich dmme swure. 

796 Onch njnive den recken, gelegen was tzfi verre. ir gewalt iz nicht er 
schrecken, mid scerme khunde durch al der heyden terre. an drin konlgin lac 
sa wol tsü mazen. dem trone von mesepor. do wolde de von nynyae besazen. 

797 Der soldan offenbare, in beten da gesetzet, dem atmerat tzu vare. daz 
der von mesepor da werde geletzet, daz baten brot bleib gar vngewaiie. wer 
beren mit den basen iagt. der raac sich da gelackes wol verkvnnen. 798 Er 
twanc se mangher tzinse. de se in ofte wagen, noc herter vil den vlinse. do 
heth er sich von vranden vnde von maghen. dar tzu (so) denten im vil de- 
nestliche. dnrch lehcnüge ir kröne, dri vii tzwentzich konfge ertwangen(l)iche. 
799 DEs wände der von njniae. geweldich liehen drucken, des wolden sie nicht 
dulde me. wan sie begunden an den barmch ruc rucken, der beyder herschaft 
phlac gewaldichlichen. pabes vnde keyser. was er vo(d) art vber alle heyden- 
Schaft riebe. 800 Vber al nicht gar gesundert. de heydescaft sich stucket 
wer iz nu den iz wundert. d(e) laz ich druz ich han iz mich aneghetzucket. 
de von egipten vn de von babilone. ir geloube [rw. a.] ir secte. mit ir goten 
vz gesundert schone. 801 DE von egipten lande, de haut eyn mer wund\ 
wir kristen iz vor schände, hi han durch recht daz sie an snlhe kunder. hi 
habent tzu gote vn se god hat gebildet euch mensche nach im selben, wc ist 
er menslich sin also ver wildet. 802 So sehet man euch die kriechen, in 
menslicher hüte, an menslicher wisheit siechen, se beten an daz vie vnde an 
delute. vn an v(i)l mange tyer de wilde loufent der liste funde meyster. nv 
sehet wie sich mit torheit de vorkoufen. 803 Gar aller liste wude. in krichen 
sint er vunden. vnde lebent doch mit sunde. da von sint list vnde witze vnd^- 
bunden. mid hohen listen sint vil mange toren. de mille artifex. gelicbent sus 
ich man dehelle more. 804 AI de von bybilone. hi betent an de sunnen. 
vnde sich gotlicher crone. hi wellent da bi selbe nicht yorkunne. se sint vor 
erret in swacher goukel wrc. eyn leyte bracke ist wiser. der hebet van art 
sich eben, vf de rure. 805 Alsus ist vnd^scheiden. ir sete gar vngeliche. der. 
wilden torichscen beiden, daz kumt vns kristen doch vil selichliche. se lesen 
vii vil selten svnd^ striten. wan daz so mangerhande. se kriegent vmb ir 
::::ben an allen siten. 806 Wir laze sie gelouben. alsam vor mangen iare. 
de tummen vnde de touben. wir kristen suUe kristenlich gebaren, durch den 
nach dem wir sint benennet kristen. der himel vnde erde waltet, der muz vns 



LEIPZIGER T1TÜBELBRÜCH8TÜCKE. Igl 

wol Yor TDgeloaben vristeo. 807 DE barruk hat daz groste. der drier stacke 
tciles. In hcidcnschaft der hoste, ist er von atmerat gar sunder meile(s). hin 
vf von iesepor für er mid krefte. vn gbinc in mid gewalte, bi siner dri vnde 
tzwentzic kouig schefte. 808 IN eine storme herte. da sie tzü samen qoamen. 
mid grozem vngeverte. tzü beider sit se al da [b.] schaden namen. daz waz da 
von der barruch was sich warende, der sine viende smahet der wirt an sinen 
vninde misse varende. 809 Nv künden strites varen. de iosepor genendic. wan 
sie da geste waren, vnkunde wirt doch lichte wid^ wendic. daz kamt al von 
balscharlicher tete verebte, de minner kraft der geste. an mang^ stad itzwenne 
demerer gar entworchte. 810 Nv was (oa)ch deme trone. wol deme gelich 
ergangen, selb sechste dctruge kröne, wurden al da de ouch mit im gevagen. 

oach qname ir de viere von deme liebe, amazur vnde eskelier. vn emalar ich 
vngetzalt belibe. 811 DE *and^ gar mit vlachte. hi wurden weghe schihe. er 
ist in rechter tzochte. wer ouch nicht vechten möge daz er vliehe. gevangen 
git sich e der ellens riche. der hoher eren sorget, da von die vlacht der 
tzacheit wirt geliche. 812 Nv worden sie tzü rate, de alda wren vlachtich. 
da vnd^ in vil drate. der barruch ist so mang^ eren tzuchtic. Wir tragen wer- 
dichlicher sund^ kröne, von deme atmerate. denne von deme kvnige ouch hem 
democrone. 813 Vil schire alsus gebaren, de werden begunden alle, ir menie 
entrunnen waren, de wurden irre in vluchtichlichem scalle. daz muz nv. sin 
disse künden wider keren. vf ackerines gnade, der entphenc sie alle wol mid 
grozen eren. 814 SE reten demotronen. daz er tzü ackerine. von alden ba- 
bilonc. kerte daz weren al deseiden sine, daz duchte gar ey wicht den mutes 
herten. er wante daz in losten, de solden mit ghewalte in herverte. 815 (D)ie 
buten im vz de riche. vil tzuchliche schone, vnde weiten ordenliche, von ackerin 
durch mannes kraft tzü lone. wa ir vns habt tzunrecht an vns*) vch erdrügen, 
sit ir des nicht lobende, iz muz doch sin ge 

Zweites Doppelblatt. Vorderblatt: 

[vw. a.] 906 kriechen harte kleyne. icht wid^ komen 

ich meyn de hohen tureu. denue valscheit die se keren. kegn gamoreth den 
werden, dem gebaren. 907 Hey was er waltes**) swande. vnde ritter schaden 
lerte. vn lichter heim enträde. da mite er den amien gar vorkerte. ir vroyden 
vil da byeme in ir lande, daz wart in sit vor gölten, wart hertzelouden vrond' 
in wart tzo phande. 908 SE musten in ture gelten, mit iamer allen wiben. 

vn des vor dros sie selten, de wile vn er die kraft da mochte getnben. se 
muste ouch vor den svn da vil geborgen, wa vroude er nam den wiben. doch 

y 

was ir lip tzo krank ouch tzü den sorghen. 909 Owe mich müt eyn merc. 
daz yfner man ir stirbet. des müt so höhet were. vnde er oach da so hohen 

pris er wirbet vil richer phande gap er da***) vor sin sterben, sit ir da 
wirde nicht koufte. vür tot so trowe ich sin vil kleyn irwerben. 910 SO 
vride y. wart gebannen. vor strit tzü beiden siten. was y al da. gespannen. 
daz was eyn wlt wan ot sin einic striten. de viende mit den vrunden im des 
iahen, wan sie von sinen banden, vil manghen degen da sere vallen sahen. 



*) vn» durchstrichen. 
**) Zwischen er und toaUea ein s radiert. 
***) da roth durchstrichen. 



182 O. lOLCHSACK 

911 DOch vor kos gemach sin eilen, wie sdten er des phleghe. von kindes 
inget gesellen, kondc er sich steter arebeit vur tregbe. dar an gedenken iügc 
vn ouch de alten, der hase vil gahes erwildet. wie lange er an dem bände si 
behalten, 912 Ghemach im schaden brachte, owe war quam sin witze. daz 
er daz y gedachte, er bete daz ir sche3rn durch grotze hitze. van in getzogen 
des adamantes herte. trost er sich icht tzu virre. der im doch leyder sterben 
nicht en werte. 913 Sts streit der von anschowen. biz an de vnnften morgen. 
vil maniger stoltze vrowen. amis vph sinen lip begande sorghen. daz in sin 
hant des tages von prise driige. we sie den degen ir valten. daz betrachte [b.] 
beide alten vnde ionge. 914 Eyn alter wise beiden, den heim vil wol erkante. 
sin art wol vnderscheiden. der was gedret von ejnem adamante. er sprach 
mochte ich ane schaden an in rejchen. i(cb kn)nde in wol gewinnen, den heim 
trawe (ich g)hahes wol er wejchen. 915 Tzü hant s: (be)ghunde w^ben. vn 
hüten richeit g^tes. vmbe gamoretes vor derben, vn jrmmer ghunst ires vrant* 
liehen mütes. er iach na. w(el)t vs de mir helfen willen, ejn tejl der dfr aller 
besten, lazt sehen ob ich den deghen möge ervellen. 916 ER nam nach sinem 
mute, das lert in hejdenisch witze. eyn langes glas mid blute, daz was geno- 
men ich wejn von eyne kitze. sns ritens vf den antzevin mid krefte. er slut 
in keghn. den ongen. vii vmbe strickte in mit ritterschefte. 917 Daz rote 
varbe schenken, mid rote wart verwiret« den hei(d)e wolte wenken. den sluc 
der anzeyin daz vür gevidert. vz deme helme vlonc daz blüt dar nach mid duzze. 
de tzonge wart gespeltet. der gap den rat nv sehet waz er iz genozze. 918 
UOn den hi vmbe stricke, do leit er vil gebare, ire heim an vüres blicke, 
er gap also daz in wart leben tore. biz daz sie witen nun deme belme liezen. 
owe daz abo smehe« de adamas daz blüt da solte begiezen. 919 DE list gap 
da geleite, darch heim vnde durch daz hoabet. der lantzen gleue breite, jpo- 
midones kraft mntes vnberoabet. im räche gap mid pondir orses kone. daz er 
in hete geaellet. vor alexandrie da vf der grüne. 920 DE tziost wart gedru- 
cket, da kegn dem anzevine. eyn sper der eine tzucket. daz was tzu krank der 
hohen krefte sine, doch wart der babilone da mid gcrüret. daz iz ge schiuert 
kleyne. de hohe keghn den lüften quam ghefuret. 921 DE kraft von gamorete. 
ist yfner wol tzü prisen. do sich gebrochen hete. de lantze von dem houbet 
vnd er das ysen. [rw. a.] da in der wunden vurte mit sulhen witzen. daz er 
nach wer gedechte. rn alle vallen menlich künde sitzen. 922 Und als er bot 
enphunden. daz er was geseret. mit eyner tiefen wunden. Owe do wart sin 
hoher müt ver keret. der wandeis vrie ane alle missewende. mid wcre er da 
von in reit owe do het ejn manlich kraft eyn ende. 923 Svs kerte er vz 
dem strite. der starke vnde der kune. des twanc in totes gite. er reyt vf cjnen 
plan der was ouch grüne, verwapet vnder helme er gie sin bichte. vn sin ge- 
scefte an landen, vnde ouch an luten ir] vrojde wart] vil lichte. 924 ER 
sprach tzü dem talphine. der saz im vnder armen, gedenke an truwe dine. da 
vnder la de konTginne dich irbarmen. benim irm iungen übe die hetzen swere. 
be denke daz vnser mutcr. beide ejn wip von rechter vrucht gebere. 925 Dv 
solt ouch wol gedenken, daz ich dich han vil tzarte. er tzogen svnd' kreukeu. 
so daz ich j vortruren dich bewarte. des gip mir Ion an dem vil rejnen wibe. 
ich bevel dir lant vii lute. vnde se gar vf de sele indine übe. 926 Owe der 
lügen iare. we die in iamer swindent. se reyne suze klare, we sehe se uu bi 
FTOoden vindet. ia des betwinget se wol ir riebe truwe. gewan sie von mir y 



LEIPZIGER TITÜRELBRUCHSTÜCKE. 183 

vroydc daz wer vor gölten nu mit steter ruwe. 927 Ich wejz wol daz yot 
dirbet. de iamers de ynerloste. vn von ir truwe stirbet. izn si daz ir din helfe 
kum tzü tröste, ich weitz ouch wol da se de vrucht vorderbet. de sie von miner 
mine entphenc. owe so wirt ansowe. gar enterbet. 928 NV sage der konTginne* 
daz sie dir da mid lone. elendes vngewinne. de du. bi. mir onch hast ir Uten 
scone. biz daz sie gebn dir de h^tzoginne. ir sweste(r) kint signnen. vnde dene 
ouch du mit richer kost ir minne. 929 Dv solt se vnder schilde. tU menli- 
chen koufcn. mit kus [b.] sehe tzucht vnde milde, machtu dich in ir iüge h^tze 
sloufen. da du ir wirst tzü eynö bioenden tzwie. an vrouden in ir mute, dl 
selde wachsent wirt se din amie. 930 Owe du iüger talphin. nu bedorftesta 
wol krefte. sit du müst entphlegende sin. von vunf lande alle der ritterscefte. 
doch klage artüse ob dir icht arges werre. gaylet mit ecknnat. de helfen dir 
des ich getruwe an'*^) in virre. 931 WEs heym tzü lande varende. mid allö 
minem gesinde. vn wes vor den nicht sparende, phelc ir als ich knappen mer- 
ner kinde. se sint dir gut von in din kinde**) wirde breitet kansta se wol 
bebalten, daz dine tzucht ir willen an sich leitet. 932 Ghedenke miner sele. 
mid hulferichen dingen, daz de vor aller quele. nu werde ir lost almosen saltu 
bringen, in hospital vnde guten religiösen, der wort tzu himmel dringet, vil 
selten rieh vz kloster vnde vz klosen. 933 Des wes gemant tzüm hoesten. bi 
diner hohe truwe. de konlgkin soltu trösten, si daz ml kint genese von ir 
ruwe. des phlic also daz iz din tzucht icht hone, vn alliz din gesiechte, de 
waren y vor valsche vil gar scone. 934 Owe mir dirre mere. wes sol ich 
plegede walten, ich bin vntrostebere. wie sol ich laut vnde lute wol behalten. 

ia ich enwes wie ich armer selbe kere. du bist der mich da tröstet, nu gist 
tu mid der strenge iamers lere. 935 Ihesus eyn svn der meghede | her. eyn 
god in drin genende, iz vordert mi geley de | mid ger* vnde min gedinge 
gar***) an tzwiuels wende, an dich daz brot daz wart von dem' werte, vn 
blüt daz vns longinus liez. vz diner siten mid eynes speres orte- 936 Altis- 
simus der hoeste. eyn valdich vnde driualdic. du bist des ich mich tröste, mi- 
nes libes vn der sele gar gewaldich. habe ich indert ritters recht tzo brechen, 
od^ sus meliche truwe. 

RückbUU: 

[vw. a.] J112 buhurt tanz se phlagen ritterschefte. nach wirde groz mä 
lie da nicht gebresten. wes man nach eren gerte. des gap man vil den künden 

vnde den gesten. 1113 Da phlac der rechten milte. der iunge vorste reyne« 
so daz in nicht bevilte. von hetzen wart al da sie habe gemeyne. vnde da vil 
von Silber vnde von golde. besvnd^ edelen armen, wer daz von siner hant ent- 
phangen wolde. 1114 Artus der uy gewankte, an truwelichem mute, vn der 
ouc^t) ny gekrankte, de truwe sine gaylet der gute, vnde gumemanz der wolge- 
tzogen* wise. dem grahMoys ny rieten, wes eyne wrsten vrumde wirt an prise. 
1115 SE wr::: in besund\ do sie im weiten raten, nü wes kegn manheit 
munder. vnde to daz beste als y de werden taten, du bist ghewaltic gamo- 



*) an durchstrichen. 
**) kinde durchstrichen. 
^*=*) gar roth durchstrichen, 
t) Das h von spfiterer Hand. 



184 O. 11ILCH8ACK 

retes lande, der phlic also mit siime. das du alda Tor denest keyne scande. 
1116 Dv salt dich lazcn vindeo. bi mäheit ynde bi sterke milde ^. so mva 
▼or dir Tor swinden. al swaches lop yü volge al so deme schilde. daz er dich 
werfe icht tz eren sitze, wes tmwe vnde bescheiden, miiie aller tagende wat 
in guter «ritze. 1117 Onch sol de tmwe dine. ouch and^ koniginne. vnd an 
ir kindeline. nu werden schin hastu getruwe sinne, so wes ir beyder schilt vor 
allen Trowen. ynde phlich mit gantzen truwen. irer swester sigunen der seldc* 
beien innchyrowen. 1118 Keghn dissen drin behalten, soltu dich wol an prise. 
so machtu seiden walten, vü ist din hertze an hohen tagenden wise. als dich 
von aUe dinem kane vf erbet, so witze daz da blibet. vor valscheit al din ere 
▼nuerderbet. 1119 Sus Tolgete er ir (r)ete. als er do beste künde. Yor wän- 
de! hafter tete. was da sin lip behüt in all^ stunde, siner werden kunft al 
da dem [b.] brituneyse. er dankte im ynd in allen, do bereyten se sich nu von 
dannen. der reyse. 1120 DE hochetzit mit eren. nam ende svnd^ schände. 

man sach Yon dannen keren. yden rarsten hejrm kegn sinem lande, de gemde 
det was alle wol beraten, de künden (p)rünuen witen. des wrsten lop in mange 
lant se kraten. 1121 Als do nu hi de geste. gerüten sus waleyse. hi der 
yU tugenden veste. tzionatulander der yiI kurteyse. de gamoretes Yursten er nu 
sante. mid richeit der psente. itzligen heym da wid^ tzu sine lande. 1122 
Nach eynes meyen stunden, de hochetzit was Yor endet, da. wol mid iamer 
künden, owe der not ir leit ist ynnorendet. nu mey ich h^tzelooden rieh der 
truwen. Yn sighune ir momel. de werdent eben rieh an hertzen ruwen. 

XXIX- Abenture wie sigune yd ere | amis**) vnde ere amis tzu 

h^tzeloyden wren. 

1123 DE suzen yz katelaogen. Ynde de yz gza8waldan(e) begunde. des 
behingen. d(a)z sie die koniginne tzür solitane. in also langen(tz)it5 ni ge- 
sahen, se weiten da mid reyse. owe des nu wil se kumber yahö. 1124 Sie 
füren an den stunden, da mid iüCYrowen balde. do se deklagenden wnden. tzur 
wüsten solitane indem walde. se wurden werdichlicb von ir yntfangen. se horte 
Yon siner ritterscaft. nu gheme ob de scone was ergangen. 1125 IN Yragete 
dekonTginne. wer ritter al da were. do sagete er ir mid sinne, do was de kunig 
YÜ seldenbere. vnde gaylet der spaniol truwen riche. vnde minane gumemantz. 
Ynde eckunat min ohem weichliche. 1126 Da an der selben stüde. bed(a)chte 
ir h^tze swere. weynen se sere begund(e). h^tzeloude al hi de Yrowe Yon dirrc 
mere. se wart er mant wie se Yor dente sin eilen, gamoretes mit ritterschaft. 
al klagende sach [rw. a.] man se nu tzeher vellen. 1127 Nv weynte ouch 
hertzenliche. sigun de yU gehure. mit der konlgin trurichliche. da allen den 
YTOwen wart de Yroude ture. de klage benam in do der truwen Yrute. er tzio- 
natulander. sin suzer trost quam in do wol tzu ghüte. 1128 DEn iügen per- 
ciualen. hi kuste in truwer mine. den suzen licht gemalen. mit oughen. reghen 
sigun de h^tzoginne. wan sie gedacht an mangen kus vil suzeu. den ir in 
iugende gamoret mid truwe durch trüwe gap riches gruzen. 1129 Disse klage 
riehen Yrowen. in namen hi be sunder. durch wunnicbliches anscowen. god 
bete yHz gelcit an se durch wund\ ich wen ui muter reyoer Yrucht gebere. 



*) Herke durchstrichen aud das d in milde aus t geändert. 
**) «n ere amU ist durchstrichen. 



LEIPZIGER TTTUBELBBUCHSTÜCKE. 185 

Bin vil lichter lieplich anblick. benam in alliz traren vndc swere. 1130 AI 

sine ledel mit sinne, sie scowten al gemeyne. da bi den sumf der mine. wart 
ouch gemezsen nach des libcs klejne. daz was alliz nach wünsche an im ge- 
machet, sin lip der suze lichte*) klare, den kos mä njnd^ syden groz ge- 
swachct. 1131 DEr wrste an sinen armen, ouch trnc den iügen kleinen, nu 
maz iz god irbarmen. sprach er daz wir noch gamoret den reynen. in bloender 
iugent der erden mnzen lazen. sns gibt nach snze eyn sur. der wcrlt gemejne 
hin des si ir Ion vor wazen. 1132 DEr wrste in ofte kuste. mit wazzer riehen 
onghen. wie wol in des gelüste, er sprach also mit warheit svnd^ longen. vns 
hat god hi vil wol mit dir crgetzet. din vater ob da lebe solt wir sint an 
vrouden noch al vngeletzet 1133 Sns tzü cyn and^ sazen. an vronden de vil 
kranken, kand ich ir top gemazen. kegn wirde niman solde mir des danken, das 
hat vor denet wol ir rejne truwe. daz ire lop die lenge. biz an. daz leste der 
werlde hübet nuwe. 1134 DEn tac se nahen mid leite, da bliben bi eyn ander. 
[b.] sie mochten ouch vor scheiten, sigune wolde mid tziouatulander. se mochte 
onch wol vor klegelichem sere. de nacht alda'*^^ belieben, sie vorcht§ das sie 
klagete deste m^e. 1135 Orlop se do da namen. vnde baten ire gote walten, 
de durch des reynen samen. do sprach dehoeste rouze vch wol behalten, ge- 
sund vnde gebe vch ymmer seid vnde ere. se scheiden sich mit küsse, vnde 
vz ir ougen wengel tzeher rere. 1136 Sie bevulcn got de getmwen. vnde ir 
svn seldenbere. sich wil ir küber nnwen. alhi mit mange vremdö klaghemeren. 
der wrste von dannc wol ey raste kcrte. an cyn riaer vil drete. daz meit mere 
sie beide kumber lerte. 1137 UOn koste rieh cyn hoch getzelt. da sluc mä 
vf de plane, tzu rassalik gap svnd^ gelt, deme gamoreten. da in belakane. tzü 
vrande erkos vii oach nach prise tzu lone. gap ir got late vn lant. da vnd^ 
wolten se hi ligen scone. 1138 DE nach se mid gemache, hi waren svnder 
swere. des vngelackes sache. da in des morgens vrn eyn.nawe mere. da von 
sie ymmer me an vrouden worden''^*) sigen. vn nach deme selben tage, so 
daz sie kumm^ vii not begunde ane wigen. Ghemacht e3rn eren schare, do 
was der edlen iugende. der eren suze mit sare. de edlen müsten er werben 
vnde mit tagende, sit daz ny wrste baz gewarp nach prise. denne tzionataland\ 
daz mocht oach nicht geschehen in semfter wise. Nv beten de arbeite, de im 
noch ny genaheten. mit wrrsten wcrdtckeyte. alle de sich kegn im darch pris 
ver ghaheten. de wurden y an hoher vluste wnden. ob daz sit wart vor keret. 
doch swcbt sin pris de lenge hoch tzallen stunden. Groz ere vnde kumber 
hebende, sich wart an in hi beide, in wMicheit se lebende, se worden ouch 
da bi in mangen leyden. arbeit küber leyt mid grozen eren. 

Drittes Doppelblatt. Vorderblatt: 

[vw. a.J 1547 DE beiden nicht vor gazzen. kegn manheit irer krie. die 

kistcn ouch da mazzp. nach helfe ruf an den de maghet marie. daz sol vch doch 
vor smahen hi vil kleyne. tzü beider sit ducente. de kegn strite waren in der 
meine. 1548 Uil strite kumt tzü prisen. de nicht tzü vare würben, den iögen 
vnd den grisen. vnd daz doch wed^halp da nicht en sterben, waz yeman vnd^ 



*) lichte durchstrichen. 
"*■ ') alda ist am Rande nachgetragen. 
***} uxyrden ist durchstrichen und unterpunktiert. 



186 O. MILCHSACK 

hanuuch kao gestriten. daz ist eyn spil mid tocken. da kegn der schinet bloa 
an aUen sitcn. 1549 Und doch sin girde ringet, hi mit totlicher yare. Tn 
sine arm er swinget. daz. machet tU der regeladen bere. der müs des selben 
geldes wid^ borgen, synder wapen striten. da nach eyn tzagc ynsanfte sin vor- 
borghen. 1550 Dnrch daz so bin ich lobende, daz selbe manlich eilen, bin 
ich der witze yntobende. ich sei se noch wol tzü den besten snellen. wan 
sYnd^ wapö wirbet vnaortzagende. des wibes helpfen sonder, man ist durch 
recht von siner mäheit sagende. 1551 Dar vmme nicht vor lesen, sol nyman 
menlich werben, wer vnder wapfen kesen. wil vor vlucht der tzaghen manlich 
sterben, der mac wol menlich ere hohe messen, vnd werd^ wibc minc. ich wen 
der wirt vil klcyn al da vor gezzen. 1552 Mich moyet der vngetonflen. not 
durch ir ellelede. v& der de truwe koufen. nach gamorete ob daz gelucke 
wende, ir lebens vor lust daz vrumt an wibes ougen. da'^r trawe rieh che 
hertsen. der vrunde not y galten sunder lougen. 1553 DEr boten ackerines. 
hi tzwene waren vor schroten, owe des klagendes pines. de müste man. do 
kleyden tzü den toten, der eyne was eyn. graue vil edel rieh milte. der and^ 
wirt an prise. also daz er tzü denste reyt mit schilte. 1554 Die andern alle 
wunden, da betten in der maze. daz se nicht lazen kvnden. ir tage reyse vor 
sich vf der straze. die heidcnschaft hat tzur ar [b.] cedye vil kunste. so bin 
ich svnd^ vraghe. ob se in selber weren rechter gunste. 1555 Nv het ouch 
lebenes lenge. Ir helfe eyn teyl vor gezzen. so daz der tot vil strenge, der 
krislen tzwentzic het mid kraft besezzen. daz gaylet vil wenic sit beklagete. 
al er vomam de mere. an vrouden durch die beiden er vortzagete. 1556 DOch 
split er sorge stucke, tzün vrouden balp geteilet, da sulcher veder tzucke. den 
kristen het alsus der tot gemeylet. der wVsten dri vnde graben achte riebe, daz 
maz er sie kegn prise. daz sie geweret sich betten ritterliche. 1557 Nv wart 
sin dannen kere. vor in dri tage reyse. daz gap im sorgen lere, wen er ny 
selbe quam in groze vreyse. er quam da er eyne vrowen horte schrien, de 
was von fursten kunne. de wold* eyn vngenoz tzü eyner amien. 1558 £R 
bette sie gar depliche. da von den achtzic meyden. betrogen trogenliche. mid 
argen listen vz dem hob* ge scheyden. vrians von ponturteys der was sin bru- 

der. aber kebeslichen. durch recht be iaget sit der scanden loder. 1559 Hy 
reit der von hyspanie. mid königlicher meninge kegn im vf eyn ander planie. 
vnd sach die maget leidic vnde senige. se ref in an wen sie in wol ir kante, 
der konTgin richauden. se in bi grales heilichheit do mante. 1560 Min müter 
bi dem grale. er tzogcn wart von kinde. vnd* wart al svnder twale. der koni- 
ginnen richauden inghesinde. von montzalvach vh wr mid ir ke^n spangeu. owe 
der leiden mere. daz mich eyn s wache vnart hat gevaugen. 1561 IR stimme 
in gahens rurte. inz herte nicht dar vmme. nü was der. se da wrte. vor aller 
guten wittzen gar eyn tumme. er wol vor wapfent gar vnd al de sine, von 
Spangen der ghetruwe. ydoch ensettzen wolde er nicht die pine. 1562 IN 
achte vn bannes vlüche. was der von poutumeyse. er het eyn burch von [rw. a.] 
tuche. mit listen sam se richer aller yreise. were vf einem hohem velse ge- 
vieret. wer vzen was desehende, der wante iz were oc^*) mermel rieh getziret. 
1563 VOr quadert mid gemele. beide vzen vnde innen, ydoch mä iz in hele. 
türme wickhus erker vn tzinne. waz ouch nicht wen tuch al dar gespaunen. 



*) Das h ist von späterer Hand. 



LEIPZIGER TITÜBELBRUCH8TÜCKE. 187 

do was der berk so veste. man het in wol entwert mit lutzel mannen. 1564 
DE cyn vor wapeot waren, so was der ander mere. nv began der vluchto 
▼aren. der elelenden maget ire hohen ere. mut vii willen gar tzü nennen hete. 
der jlte kegn der bürge, roid maget mid alle dem volke vö gajlete. 1565 
DEr reit eyn ros so drete. daz ninder was in spanie. daz im gevolghct hete. 
wed^ an den bergen noch vf wilder planie. des het er intzü klejner stunt er 
ylet. nv was der bnrge straze* tzu beider sit mit schach vndo rebe getzeilet. 1566 
Tzom vnde daz ors vor howeu. eyn teil wart bi den oren. cyn dener dirro 
vrowen. da von wart sigelos kegn dissem toren. wan er dem orse kvnde nicht 
enthalden. ane alle de sine alleyne. moste er hi do der vengnisse walden. 
1567 Daz kebesliger vruchte. y houbet kronebere. in vangeligher tznchte. solde 
beroren lip owe der leiden mere. des wer im vor dem riebe nicht geteilet, 
vnrat de den wirt daz 1er te. er wolte in do mid tote han gemeylet 1568 
ER wolde nicht lenger biten. er muste daz houbet recken, eyn mer quam in 
den tziten. daz half hin nü von spangen den edelen recken, man het des wer- 
des brod^- tzwene gevangen. richaude wart geborget, des widewendomes daz was 
vil nach er gangen. 1569 DEn koof vor sprach do niemen. vn dnchte wol 
gewgen. der wirt do twene bintremen. vor eynen borten nam al da vil klagen, 
er schiet ouch hin hüben dachte im vil smehe. [b.] sns wart de maget ent- 
panden. ich wene daz se von im doch traric sehe. 1570 Nv wart tzu hone 
geneiget, die vroude vber allo meiden, an klarheit vz geseyghet. was se de 
trugen list da het gescheiden. von in vnd* daz de tzal do was gebrochen, iz 
müste alsus hi werden, wan daz de hochetzit »als o were do gesprochen. 
1571 Iz were eyn schade kleyne. de vlust der megede herre hi wid dem 
alleyne. der wart geprufent hundertvaldic mere. ob de hoch getzit erwinden 
solde. mit busine krache, so kumt er nü der klage wende wolde. 1572 DEs 
kunfi vil vrouden brachte, des konTges von hypanie. dem marschalc nich vor 
smahte. er geh* im wol der maze wit der planie. daz in mochte nicht eyn 
spehe dringen, dcboten brot so riebe, gap man do nü in vil an allen ringen. 

1573 Vil manges landes herren. mit scalle dar^) nn tzogten. vil nahen vn 
verre. durch ghude der eyne vor den anderS progten. mid kost vnd ouch richer 
gäbe solde. sam wazzer vnde berge, in irlande wer der art von klarem golde. 

1574 Nv wolde gerne erkennen, der konigh in sunder meiles. de der eren 
gart da nennen, künde vnde vil beiagete eren teyles. gaylet**) dem eckunat 
al hi nv sagete. wie tzionatuland\ der hoesten vertzic von ir wirde iagete 

1575 DO en weste we gebaren, er do von vrouden solde. o wol den lügen 
iaren. vil lebe gamoret wan god nü wolde. daz du noch werest libes vlüst eilende, 
gedrcnge ny so herte wart ir moste wichen vor vwer beider hende. 1576 
WEn SO' de ors geliche. triben da mit hurte, fiafi nv wiche, wer da ge- 
wesen ir aller rede antwordc. al da nicht vallend acker wolden mezze. ob yman 
se mid haze. da rurte der wer vil 

Rnckblatt : 

[vw. a.] 1 692 girde. hi nicht 

tzü bilde noch tzu bald ***"". bi edelen werden vrowen. ich weys nicht wat de 



*) Das r in dar aus z entstanden. 
**) Das a in gaylei aus e entstanden. 



188 G' MILCHSACK 

also schone kleide. 1693 WEr sich bi vrowen vlute. kan lobelichen haldea. 
wo doch ir reyne gute, vil seiden lobes vii eren kune walden. doch sit k^n 
in behüt der tznchte wise. wan lant siz vngemeldet darch ir gute sc merkent 
aber lise. 1694 DEr edel hoch kurteyse. was dirre tzucht al wise. ich meyn 
vz kamvalejse. den du edel konfgin amphulise. er tzoch mid aller tngode si- 
genufte. an alle misse wende, der ruf in alle riebe phlac der kvnste. 1695 
DEs het er svnder scowen. von ongen alder diete. ritter vnde vrowen. hi iahen, 
goddes knnfte hoher mete. de mid vlize an im vor de net were. vii an des 
grales herr&. her amphartas do spilt kejm and^ mere. 1696 Dar nach Yon 
norwege. dem ingen swertes degene. man iach im wol iz lege, sin klarheit 
wol kegn. werder wibe segene. daz im der nymmer keynes hazzen troghe. tb 
virgolach der klare, wan daz er nicht an tugenden was der kluge. 1697 
Uli lichter varbe glänze, da luchte von mannes bilde, alhi tzu florischantse. 
der allir namen mir tzü nennen wilde, wer ob ich halt nicht denne landes 
herren. be svnd^ brechte tzu merke, so müste ich mich in mnnote ▼orwerren« 
1698 Gamoret der ander, ist er bi name nennet, yil wert eyn kunigh bekander. 
▼on baidach ackerine wol er kennet sie habent wol geliche man Tntfangen. 
sns iahen sie gemeyne. an die ir beid^ kunne mocht erlangen. 1699 AN 
dem Verden morgen, den ersten hochetziten. vorbaz da nicht en. borgen, da 
weiten sie die ors tzü velde riten. artus gebot man solde also nicht mere« der 
▼bermaze volgen. daz sich die vroude an truren nicht vor kere. 1700 Wir 
ylüten vf dem plane, egester sibenhü [b.] dert ittzliger was nicht ane. hoher 
wrsten namen vz gesvndert. we man sie dar vo: meninge nicht entphinde*). 
se sint mir so bekennst, daz ich her nach mi hertze intruren binde. 1701 
ER wac de vluste der hüte, kegn schaden also verre. tzu keyner vrouden 
träte, wold er nymm^ me vf al der terre. hochetzit so grosze hi me gheprunen. 
tzu buze Torlust der mage. heyz er diz gelobte vber al berufen. 1702 ABtos 
den konigk laten. nam vli den konlgk marken, detzwene vnpris ytaten. sie 
kvnden den vor graben vn besarken. daz in ouge noch ore nymer me bekante. 
in ir tweders riebe, daz waz der ruf ir beyder in mangem lande. 1703 Vz 
pandragm der vierde. die riten tzallen ringen, in tznchte (ri)cher tzirde. batens 
alle die fursten svndMin(ge)n. daz sie alle ir wirde selber merten. so daz sie 
tznchtichlichen. mid svnd^ schar tzu velde bnhurt kerten. 1704 Unde ittzlich 
svnder rotte, mit eyner schar gesellet, hi frant':yz da der schotte, ob vch 
herre in holden ::z gevellet. ich bin nicht der vch kleit a(Is) groz gebete. 
des sol min recht vnde wit*e. orteyle gbebn. ob ich mich tzucbte niete. 1705 
WEr mich der dinge bete, daz mine selde were. mid gantzem willen stete. 
sold ich im gerne volgen dirre mere. da von so waren in aide wursten we- 
rende. der bete svn:er kriges. wen er ir selber selde was der gerende. 1706 
Vnde y den tak begarbe. eyn rote buhurdierte. doch nicht gelicher varbe. 
so daz sich yder man nach willen tzirte. od^ a(l)s wir von art daz vf geerbet, 
des wart ghelich der beide, de ritterschaft mid svnd^ glize geverbet 1707 SE 
ducht vf al gewge. an de konfge artuse. daz er des ersten trüge, orhap der 
ritterschaft. vnde für von buse. da mid den. von britanie vnde engelande, vnde 
de man in precilie. in frig^en in talimon erkande. 1708 INliz in kambrie. in 
[rw. a.] spolit tenemarke. misenlant ardye. vnde von sweden deuten alle starke. 



*) Das d in entphinde aus g gemacht. 



LEIPZIGER TTTURELBRUCHSTÜCKE. 189 

artase ich mochte dennoch vorbaz sprechen, wnftzehen konige kröne, de im 
tzü rechtem denste nich^ solden brechen. 1709 Dar tzü vz alle den riehen, 
vil wrstcn man der konige. wer al da vreaelichen. in denstes wer gewesen der 
ober pvnige. den wer daz wrsten amt al da getzucket. also daz er an wirde. 
were da von vil geswachet ynde drucket. 1710 DEn ersten tak vnwendick. 
was artus ynde desine. ir bnhort wart genendick. also daz sie ge drenge Icrte 
pine. we doch hi florischantze pleghe der wite. so daz de amelnnge. der hnnen 
vil da. qusme onch tzu strite. 1711 Mit eren sie iz hoben, mit eren se iz 
lezen. wan daz der luft da tmben. begnnde iz mochte die werden wol vor drezen. 
darch klare vel vnd gibt den enge g(er)te. artusen von do kerte. vf grone 
wasen von ackerberder sete. 1712 DEm vanen da nach tzogeten. die andern 
algemeyne. waz itzli(g)e(r) pmgeten. daz sol von mir gesaget werden klejme. 
wan 8vnd^ grozen schaden wol (tz)a prise. worben die da waren, daz riett*) 
vz pandragun der aide wise. 1718 DEr werde von yspanie. des andren tages 
tznm negesten. der wrte vf der planie. ane artas de tursten vnd die nehesten 
bantzier vn hurteger den stoltzen. dar tzü den von ybeme. von roten castelen 
wrte er karifoltzen. 1714 VOn granat von darlentze. dar tzu de von galitze. 
ir Schilde lichter glentze. ob ich iz lange tribe daz were vnwitze. ob se hi vil 
wol riten da bi man sebekande. des dritte tages pnnirte. listandes konigk in 
vrankricher lande. 1715 DEm volgten de von arle. vnde ouch de von ge- 
runden, vnd ouch die von (l)amarle. von kvmerci. vnde de provinz da vil wol 
pruuen kvnde. von berbester vnde von naribole. ob die pris beiageten. so wart 
in stoltzer wibe gruz tzA lone. [b.] 1716 Tionatulander. des vierden taghes 
wolde. wes wart er nicht der ander, tzü ritterschaft. ob ich daz sagen solde. 
von kraft der lande, frankrich vnde spange. vz waleyz vnde anscowe. de wrsten 
volgeten im vf der plange. 1717 Unde ouch vz kingrivale. von norighals die 
kvnen. mid lichtem sinidale. ir buhort da machte bleych den anger grünen, 
von kathelangen vnde von graswaldane. de kvnden wol den itig§. nach grozen 
eren riten vf dem plane. 1718 Nv waren von komuale. der edel kone marke, 
nicht lenger haben twale. da an dem wnften tage wolde der starke, rieten pnnejs 
mid den von grauiole vn de von kornvale. vnd laridande vii de von tintaniole. 1719 
DEn scxtcn tac nü tzirte. von list der kvnicgk scüte. manlich er kvnduerte. den 
pünt^ys lank mid manger vrowe trute. von barbigol vnd de von auendrone. von 
barroch libusch. de holden vil puneyse in mangem done. 1720 Dar nach 
quam tac der sibede. do reit der von naverre. ob nv der erde bibede. ia wa 
sich der puneyz svnd^ harre, nach der paniere vloge al da geneiget, het er 
fürsten riebe, vnde wite laut daz wart da wol ertzeiget. 1721 DEr tage 
wurden dritzic. mid konTgcn vnderscheiden. der itzeliger vlitzic. da was we er 
den anderen vber kleyden. da mocht an richer kost vnde an der tete. vber 
alle hochefzite. wart hi von dieser nv geprüuet stete. 1722 Ob ich nv svnd^ 

nante. de dritzic an daz ende, itzeliger wol hewante. den anderen dort desint 
vns nv eilende, ir decke ir panier vnd ir lichten schilde. we se da mit ge- 
florieret ouch riten. ich wen tzü sagene iz vch bevilde. 1723 Die dritzic ko- 
ningc alle, y eyner vf den ander, da riete sus mit schalle, an dissen koning 
was tzionatulander. den wrsten an der tzirde 



*) Das zweite t in rieU ist später eingefQg^. 



190 O. MILCHSACK 



Viertes Doppelblatt. Vorderblatt: 

[vw. a.] 3030 vDde sterben. 3031 Hi 

wid^ vf plenantze. de ritterscaft was tzilende. woz da manige schantce« nacb 
gevelle siccurejs was spilende. daz im gevel daz wart ir vngevelle. wer ir kegn 
im was körnende, der hete leng^ nicht deheyne twelle. 3032 Der wart so tiI 
da ligende. das iz den barruk mute, herre gar vnuortzigcndc. hi miner denste 
lazt durch vwer gute, biz yber morgen bringt vns vwer ghcsellen. ich läse 
ouch svnder gelten, der miner also vil nicht gerne vellen. 3033 Nt iach der 
trowen stete, von tabranit der riche. daz er iz g^ue tote- do sceiden sich de 
w^den wMichliche. da von ouch siccurejs de babilone* vernamen dirre mere. 
de iahen daz si ouch der miile tzu lone. 3034 Uil ritterlichen werben, keghn 
gamoret se wolden. er muste nu aber sterben, durch daz tzü rechen, senu Yon 
im dolden. neyn. sprach da sjccurcys ich hä gedinget, dur willen werder wibe. 
daz nyman totlich var mit zoste bringet. 3035 Wir willen vf plenanze. mit 
ritterscefte kiesen, wer tzeyncm werden krantzc. der mine tzeme daz er icht 
gar Yor liese. der wMe wibe minecliches gruzen. wer dar vor denct trege. der 
solte iz den gote vnde der mine buzen. 3036 DE vrteyl wart gesprochen, 
vbr al de wilden kriechen, sin pris der wer gebrochen, vnd er wolte an hohen 
eren siechen, so daz ich werde wip icht gruzen solten. all de mit tzioste valle. 
al hi von min"*) reysen vor liesen dolten. 3037 Unde wer ir eynen valte. 
der solte des jmm' mere. an lobe de' betzalte. sin ouch wa man den werden 
bntet ere. de sol er habn vnd muz se habn tzwispilde. hi des gedingen riche. 
sich vroute manig^ dem er wart vil wilde. 3038 De recken vb'mute. an deme 
dritten morghen. mit herschaft vber vlute. se tzogten her iz was [b.] an in 
vor dorben. ouch truren vnd ouch tzegelicher vorchte. im. pris wolten se oben, 
der vil al hi vnrechte hochvart worchte. 3039 De brudcr tzwene entphiengen. 
den barruk da mit rechte, vil scone se kegn im giengen. a hVc wir sullen 
durch krumme nicht der siechte, enbem ir krümmet dar ir hus heyme suchet, 
ob wir vch nicht emphiengen. da mite wir vnse suchte nicht beruchet. 3040 
Der barruch. nü lazt mich nicht entgelten, daz ich tzu babylone. vch beyde 
han gesehen, also selten, also ir mich tzu baldac vnvordrozzen. vil ritterlich 
gesahet. des wir tzü beyd^ sit nicht habn genozzen. 3041 König syccureys 
wol künde, hi beydenthalp gebrechen, de rede von irm müde, der suzc be* 
gunde suzichlichen sprechen, wir sullen hi besehen, wer n(o)ch minne. vil 
ritterlichen, werbe, tzu beyd^ sit an vluste vnd an gewinne. 3042 Nv liezen 
se de drigen. des ersten an eynand\ ydoch se künden bringen, tzioste daz 
man trüzen san galäder. da in den lüften sach vil hohe viegcn. geberde ritter- 
lichen, künden, se eynand^ vil wenic triegen. 3043 Gar tzwierhande kleyde. 
hi gaben de tzioste. luft vii erden beyden. da wurden wol bekleyt mid richer 
koste, de trunze in den lüften hohe weten. von clienthaften hendeo. de ritter 
in de blume se da seten. 3044 Do se tzü beyden sitcn. do spi Inten dirre 
schantze. do sach man drundcr riten. den mä da gap der miiic tzü eynem 
kränze, de svnne ir abentreyse het er griffen, man solte des morgens striten. 
daz wart mit rate och aber vnd^ sliffen. 3045 Durch lop der abenture. der 
vride wart gelcnget. tzü hoher miile sture, würden se des morgenes da ge- 



*) Das er ist von spaterer Hand. 



LEIPZIGER TTTURELBRÜCHSTÜCKE. 191 

phrenget. de hoesten vber allen heran beyden. da solte man luft Tode erde, 
mid ritters wre werdichlichen kleyden. 3046 Daz (wart) nicht voder standen, 
man sach de edlen vrechen. mit clienthaften handen. sper vii seilt so hurtich- 
lieh tzü brechen, daz sin der luft an [rw. a.] kleyden moz enphinden. vnde 
honbet kronebere. mochte man in den blumen ofte vinde. 3047 Waz do tzü 
beyd^ siten. der konige wrsten were. de sach man also riten. daz der meje ny 
80 wnnenbere. hi blicke varbe brachte de der tzim(ir)e. an klarheit mochte 
genozen. von steyne golde siden mang^ tzirc. 3048 Dem voget ackerine. en- 
baten se mit hulden. ob er durch wir:: sine, eyn tzioste hurtichligen wolde vor 
dulden, de wolte ritterlich ouch ge(r)ne e(n)t(p)hahen. Pompeyus der werde, 
daz liez im nicht durch hohe tzucht ▼ersm(ah)en. 3049 Were ich im vor 
sagende, wer mochte mir daz geraten, ich bin von sculden klagende, daz sc 
mich y so selten icht geb(a)ten. de herren ml des han ich sere entgol(ten). 
ich wil ir bete leysten. odr ich si an hoher wMicheit beecolten. 3050 Se 
sint der tzuchte begernde. durch daz ir gruz de erre. vch hi sol weseu we- 
rende. so enput*der an(d):: ypomidon ml herre. der gamurech ob (er) icht 
tzios(tc) ruche. si er von mir gelet(zet). daz er (and^) weyde sin heil vor 
suche. 3051 M(a)n ist se beyde werende. der zoste svndcr (va)re. vnde sint 
se des begerende. daz da ge(m)achct y gedladen bare, so lazens hi gchcke 
vnd ellens scheyden. daz sol belibcn (w)endic. sprach aber siccureys der werde 
::(y)den. 

-LV- abenture von pompey vnde | ackerines tziost. (roth) 

3052 POmpey vnd ackerine. vor tzachheit de beklibene. eyn tziost von 
rabine. wart also hurtichlich do dar getribene daz de sper alsam eyn glas gar 
tzü Sprüngen, de spretzö mid de(n) truntzen. verworen in der hohe de lenge 
ru:gen. 3054 Nv wurden se ge sceyden. ir ca:itan de werden, de luft se 
künden kleyden. da naket vii bloz vil gar der erden, se svnd^ kleyd gar svnd^ 
dank vor gazzen. strege vnde wid^ strenge, was hi da mit se lobe(li)chen sazen. 
3055 Nv sach man aber triben. [b.J da tzwene her mit niten. wer hochelobten. 
wiben. lebe trage der wüsche daz er miten. daz vngelucke muze baz den eyne. 
ir eren kränz vnde kröne, vor allem, valsche kund er wip y reynen. 3056 
Ich meyn den abenture. vz manger not gewiset. da hat mit seiden sture, daz 
er ouch y von dannen scheit gepriset. god vii sin recht sol in noch vorbaz 
leyten. in siner werde iugende. ia quam er doch tzü vrü kegn arebeyten. 
3057 Do wart gesezzen vaste. tzu valle wid^ strebene. der wirt kegn dissem 
gaste, alle sin gote er fürte vil hohe swebene. svnnen man vü ouch destern 
an schine. so wold er selbe sin eyn god. durch daz so müst der gast nu dulden 
pine. 3058 Vil hurtichlich er sprenget, hi wurden vf dem plane, mit sporen 
da gctwenget. tzwey ors vil drate vnde aller tzacheit ane. decke vnde wapen 
rok gabn doz mid lüfte, von irre widmen, sprangen, der ors als ob se vlugen 
da mid gufte. 

•LVI- abenture | we ypomidon von gamoretes tziost | viel, (roth) 

3059 IR ougen maz nu brachte, de sper tzü rechter merke. a1 inder 
mut gedachte« man vü ors vil sper de phlagen sterke. ir sper vf schilde ga- 
ben doz mit krache, ypomidon der riebe, da in den blume lac mit vngemache. 
3060 Getzucket wart er gehe, von konigen rieh den blüme. vor keyner slachte 



192 G. MHiCHSAGK 

smehe. sol iz hi Djmaii haben wen tzu rume. al minen goten smäf 
werde, bi ich hi willichlichen. gevallen wan iz was ir groz begirde. 3061 Dt 
ere ist yngemezzen. de se mir wellen fugen, vnd ob ich wer beseizeD. dir 
vmme sc min vil gar vnd^ singen, iz so de viende in striten machen kune. du 
se vlncht vor miden. so wirt mid in bedakt vbr al de grüne. 3062 Mit diiR 
▼alschen ere. gewan iz tzwierhande. er scamte sich deste mere. wan er tia eynen 

Rfickblatt : 

[vw. a.] 3187 den. vnd wer der ejnen emerte. 

dar vmme tzehen sterben musten liden. der itzeliger vil sccdeliger were. ge 
seilen gantzer truwe. vnd sippe wirret dicke snlhc m(e)re. 3188 Das ich na 
witze hete. daz wer mid veh geteylet. mit lere vnd och mid rete. so dats swir 
svnd^ scadcn vngcmeylct. mit heile bliben lobelichen lebede. den trost md den 
gedingen. si allermalk im selben willich gebende. 3189 Ich bin Tch trost hi 
wegende, der vns gelucke bringet, de strit kegii vns eint phlegende. dai ist 
eyn wilder dett so mnzet geringet, gesammet also wit in lant de virre. vad 
bekennet truw" noch mifle. wol halp vnde me vnds wirt an mäheit irre. 3190 
So sin wir alle gesellen, edr mac mit truwen riebe, daz kan dem man sin eilen, 
so wenken daz er vrunde helpheliche. sins selbes kraft vnd viende nicht ist 
sparende, wer sus in noten wirbet. der ist mit truweu vnde mid eren Yamdet 
3190 Cardigun nü rite, bi mincr swestcr kinde. in mangem starken strite. kü- 
destu 7 vornoten wol cnbindcn. de vz er baledeyse mit dir wren. dem inte 
konigkriche. vnd dir doch keyner helfe ny geswnren. 3192 Daz schuf din 
menlich gute, mid truwen vnde mid milte. also daz ir gemnte. doch kejmer 
dcnste ny kegn dir bevilte. al sulhcr dcnst der wirt den vienden strenge, der 
vrunde er twungenlichen. tzu noten fürt de tu wert nicht de lenge. 3198 
Algusier von parligente. de künde miner swester. dir sippe fundamente. hat hi 
also daz se eyn teyl noch vester. da lit kegu dir denn^ ich wand erst din 

bruder. den se da vatcr heyzent. des vater sippe ist von voder*) den der mnter. 
3194 Uon karlisibunden. persap du ellens vester. din truwe segebunden. vil 
vestc kegn den kinden miner swester. ir vater [b.] dich von arte vctter nennet 
de truwe vnde alle stete, ist vi] lange, wol an di(r) so be kennet. 3195 Der 
Senator von ponte. vnde pohurat von pureile, vil eskcli(e) vnde likontc. vnd 
amazur der werdichcit vil helle, de virre von ir manheit ist erklungen, vz vwer 
beyd^ riebe, vere. ich weyz veh bcyde g^ne bi den iügen. 3196 Uon sar- 
rassol nu rite, menlichen kegn den vienden. der nünden scar nu :::te. alle 
d:ne vordere, sich y binden, pytagoras din vater an ritterscefte. vil hohco 
pris betzalto. aripuleys gedenke der hohen krefte. 3197 Gevrunt vnd euch 
gemaget. wart ich ouch ny so gerne, nu wart da vil gevraget. nach konigen 
tzwen de waren gar mit kerne, der manheit svnd^ scal von kinde er altet. vil 
guter rittcrscef:: iach der barruk wirt ouch von in ghewaltet. 3198 Der 
eyne heyz ardibuntze. dem konlge von zisarie. vnd ouch her kule duntze. dem 
konTge vnd heyz 8i(n) lant orledaric. se wurden bracht ::: helfe dem atmerate. 
er sprach nu s::::::: phlegende. der nünden schar mi(d) hcl:: vnd ouch mit 
rate. 3199 Mit kunlgen :::: gehuren. wil ich nu scar de nünden. (nach) 

*) Das r in t*w7«r und 319G, 3 das o in nünden von späterer Hand flbergre- 
schrieben. 



LEIPZIGER TITURELBRUCHSTOCKE. 193 

wr de andern sturen« tsa helfe den iii(ge)n suzen klaren vrunden*). de mines 
selbe, vreche sich gelichent. minen vil leben kinden. den si geschickent siten 
eben r:::hent, 3200 Bolitars der bmne. vz dem ri::: kahafiese. ynde de 
knnTgk fortnne. de g(an) im sitzen wo! an dem genieze. ia da vil :dicheit im 
nicht entriset der knnTg v(on) grunlanden« vnd vtrejz der was y al8(:m) ge 
priset. 3201 Kavnen ?h apollen. (mam:::) ynd temiganden. bevil ich gar 
de ▼olle(n). de in der nvnden schar ti manchen la::: da bi dem iügen klaren 
sint (d)e ▼a(re)nde(n). vnd dar nach al de mine« de se da ::::: vor vngelucke 
sparende. 

[rw. a.] LVIII- abentnre we krechen ir boten santen dem | barrach 
vn we jpomidon | sine schar schikket. (roth) 

3202 DE konige svnderlinge. als se tzonand^ horten, sich ::7ten tzu 
e7(ne)m ringe, de sich an der wite vbn: enporten. j mitten santen da de 
wilden krechen. man solde des morgens machen, vil magen toten vnd euch von 
wunden siechen. 3203 Und ob iz vch gevalle. daz ir de(n) ::::: tzu malen, 
in eynem tage mid alle« eder wolt ir da halten svnder twalen. mit :::bem 
her edr mit dem drit(ten) tejle. was dar an ist vwer will(e). daz ma- 
ch ent vch die kriechen, vil wol vejle. 8204 Man hat vns nu vil lange, vwer 
sch(ar) benant eyn en(de). ob se mit dem gedrange. sin gelich vnde manheit 
der genende, se haut sich mid der tzal kegn vch geliche(t). ich meyn abr 
(a)nder g(lit)ze. h(a)nt se vch r.eftichlichen (vb)er riebet. 3205 IR sult vch 
herre beraten, in rede vnde antword" gebende. al(s y) de wisen taten, se 
jehent sus ob er sit gerne lebende, so sult ir vch des parruk (a)mt (vo)rtzihen. 
vnd onch des atmerates. (v)nd wellent se vch nynyue tzu leben lien. 3206 Der 
haut se vil ver suchet, saget in von ackerine. so bin ich der iz nicht ruch^;. 
(i)z muzen swert vf lichter helme schine. (e)r klingen helle e daz sich ditz 

vorteylet. (a)l sund^ striten neme. iz wirt geslaghen wunden de nicht geheylet. 
3207 Mit vrlobe was varende. der böte von kaldeye. er was de rede vnspa- 
rende. was ackerin ::rede mangerleje. ypomidon mit tzorge tobt in lejte. er 
sprach ich wil von erste, al min here hi scaren ander weyde. 3208 Unde 
was do vrede gebende, nu tzwier taghe mere. de wile wir sin der lebende, sit 
ackerin wir mochten noch eyn ere. an im behalten daz er den stol enphnnde. 
vnde [b.] baldac svnd^ verebte, de phorten vor in wol entslizen künde. 3209 
Nv boret we se scharende, da sin d(i) babilone. kegn strite schone varende. 
vil me denn sibntzic (k)onTge von vns kröne, tragent we de (b)arruch vnd 
ouch de sin(e). vns da mite, nu 8(wa)chent. daz rieh ist svnd^ vnde de gote 
mine. 3210 Daries von orledvne. wol stark in siner krefte. si (d)az (dich) 
f ossär une. nicht tragen möge so h(ey)s mid meyster schefte. eynen elvhand 
reyten dir edr eyn ol(b)enden. du sold ouch y des ersten, mid diner kraft 
de viende vf sedele phenden. 8211 Uon ir guftlich schallen, daz se min 
y:::: yten. getorsten mid den (al)len. de ich da kan. vz maugem riebe leyten. 
der ich y tzwene füre kegn sin eynen. der muz in yrlanden. der witwen vnde 
weysen vil bewejmen. 3212 Din lichter van gerichet. von (s)abene luter 
witse. dar inne tzu berge slichet. eyn trache (r)ot bekrönet wol mit vlize. da 



*) Das V in vrflnden ans tc entstanden und 3201, 3 das h va V^^ViN. v»& ^. 
OEKMANIA. neue Beihe. Xll (XXIV. Jahrg.) \% 



194 G. IfHiCHSACK 

txu getmwe ich keynes holdes handen. man sol in vmbedilLeiL ndt diittBe «ol 
vor waphenden elphande. 3213 Unde das der vane ir ejrne. da Tod^ aecme nie. 
tsehen ritter nicht der kleyil. vf 7 dem el£ande korlich wol mit itrite. in «ik- 
huseren. bereyt mit bogen starken, de man txehe mid winden. w£ icharler itial 
gewUet wol eyn arken. 3214 Uon yser decke drie. vf ydeme elfimde. vnde dar 
txu vnder sie. von palmat vil dicke wol eyner hande. vnd dar tm phelle vil 
rieh vnde stark* gebende, von yser vmb vnd vmbe. daz ejner von dem anden 
icht enwebende. 3215 Dv kunigk von aflPrisvne. rit bin mit dariele. k 
dich ordegnoe. du treyst von vns de kröne vnde hast modele, von 
dem w^den ackzidicre. sam tut der kunigk papires. von trogdiente mit koste- 
richer tzcire. 3216 Elyos von achyente. vnde du 

Fünftes Doppelblatt. Vorderblatt: 

[vw. a.| 4190 der konigh der ny vor derben, lie sine pris des wd im 
selber gonde. er ie de kröne was vor wrsten tragende, sol manheit lop erwerben, 
so ist man im pris wol vö rechte sagende. 4191 Was ackerin hi worbe. tiu 
helfe den wiben kristen.. ich wen des icht v::durbe. er wolde se vor noten 
g^ne vristen. er bekante wol der babiloue kriege, daz se mit starker raelie. 
de mid dem anker künden lutzel triegen. 4192 Pansor von salaoien. 
wart nu her gewinket, der von der grifenien. der not enphant die kegn 
tote sinken, wan se de hochelobten sere klageten. sycnreys iren herren. vnd 
OQch ypomidon den vnvortzageten. 4193 Des tod in hertzen ruwe. im gup 
vor sicnreysen. durch de vil hohen truwe. daz er bi helfe künde wol erbeysen. 
vnd da mid er getset. wolde ir herren. vz tabrunit de geste. von den so sadi 

man hi noch grandueren. 4194 Panso de muste bi losen, der iunge von Co- 
lone, wer in euch tzü den bösen, tzalte durch haz wer kegn der wibe lone. 
den er vil werdichlichen dicke entphahen. wol kundc durch sin eilen, des in 
tzü denste künde ny vor smahen. 4195 IR sefte wart eyn krene. ich meyn 
de vz vriende. de werrden herren tswene. vorlum vnd de mit räche daz geben 
ende, se würben daz de lebenden also bindet, an lobelicher krefte. daz men 
der da vil ninmer mer enphindet. 4196 Der do von salauie. der vreyse wart 
ir schricket. kordes so hal sin krie. er kerte hin da vil der swerte blicket, 
alda der barruch mit dem atmerate. tzu helfe den geteuften, mit swerten im 
da vil gewenket hate. 4197 Wa daz de marrocheysen. den vanen mid kavnen. 
da sahen vnde der vreysen. da richten se sich durch den vanen brunen. se 
wanten daz euch ackerin da were. durch daz so wart sin wink in. dem vanen 
koningk den kris [b.j ten helfebere. 4198 Hi tzionatulander. vil gheme sach 
ir dringen, vnd euch vz helm§ glander. sach da defunken hin kegn den loften 
springen, er wold* nicht tran::nen der vert er lazen. kegn. den von akratone. 
im was tzu mute er muste sich hi mazen. 4199 Der hurte mit gedrange. als 
er des vanen phlegete. man lieh vnd also lange, daz in euch der von gras- 
wa't nü gelegete, ob er daz wirbet daz ist im wol tzu danken, ir tusent im 
tzu hurte reyt. der starken eyner vnde nicht de kranken. 4200 ER brach se 
von eyn ander, de dicke machte er dünne, ydoch vor drungen vander. kabel- 
litor ich wenc vil dicke eyn brunne. der ank^ von dem füre daz nu schreten. 
de hi dem vanen warfen, der kund er hi mit tote vil tzu rieten. 



LEIPZIQEB TITUtt£LBBUCH8T0CKE. 195 

-LiXXXnn* abentare we gamoretb der ba | bilonen vanen neder 

slngbeo. (rotb) 

4201 DIt txomes vber walte, den akraten er wante. daz er (nich)t vor- 
baz tzalte. da mit dem Tanen pris den manerkante. dem vaue ::rt de stange 
also vor acroten. daz er b:::: da nidere. den Bchachtelvr den valte er da:: 
toten. 4202 Pompeyo ny so leyde. gesirach bi einen tziten. er wolde in 
andVeyde. :n wider beyzen tzucken. tzo allen siten. da wart gedranc na saeh 
man ecknnaten. k::n den von babilone. gedringen boret wie se nn ""taten. 

4203 O we des na klaaditte. dir mochte hi wol getroomen. der anebos vnd 
de smitte. alsas (k)and sich din amiz wol vor goomen. das er von allen kriechen 
slahen dolde. sam aneboz in smitten. daz er ydoch vil g^ne ghelden wolde. 

4204 Wol mochte schrien wafen. ▼(or 8c)hricken hi deme bertsen. ob iz 
nicht was enslafen. vnd ob im nahen gie der iamers smeyzen. daz er dir 
nicht de not tzu kanfte sagete. so wen ich wol din vroade. na were kegn 
hochemate. de vor tzaghete. [rw. a.] 4205 ER was ydoch der wemde. sich 
selben vnde din traren. ob da belibe yntzemde. din lachen daz geschach von 
langen ture. ob er oach daz kegn vber kraft erherte. in also ifigen iaren. vii 
kamder von dan der lide vnerscherte. 4206 Des machta g^ne danken, dem 
von dem hoesten trone. mid werten mid gedanken. salta gevalden hende 
(b)ieten scone. vf tzu dem himel dar tzu daz hertze vndc ougen. ob er tsü 
kanadicke. noch da de kröne tragende ist vnloagen. 

•LXXXV- abentare we ekkanat slacb pom | peiam tzu tot. (rotb) 

4207 DE swert hi hohe warfen, mid henden ellenhatften. als de de wer 
bedurften, de schirb? vlogen hoch gelich den scaften. von iren Schilden vnd 
von lichten helmen. ir stimme der sinne grozen. horte man ie siege da vf er 
gelmen. 4208 Rabellitor de: bruder. seruk vz firmbe. der na des strite(s) 
roder. wol tzihen künde er was an stritt(e) wi8e(r). daz im de karrastschen. 
wäre tzu plegene. mit den goten gescha£fet. dacht er vnd oach der brater sich 
tzAr weghene. 4209 Seruck mit sonen tzwentzig. den brud^ wil na rechen, 
de worden des gar entzic. daz (al) da hejzet heim vnde schilt tzu brechen, 
d: striten mit dem grabejdoys vil strege. durch kabellitoren. de wüden wit 
de wachsen an derlenge. 4210 De selben must er vellen. wold er nicht selbe 
Valien, de tzwentzic hergesellen, de trugen im daz hertze groz bi gallen. dar 
tzu der vater strites was eyn recke, von iugent in daz alder. heys er devirre 
wit des mates quecke. 4211 Der note was hi warende, ouch nyman der ge- 
teuften, daz tet im helfe sparende, wan se des selben koufes vil da kouften. 
da mit der ellenhaften .was beschricket. ydoch was er wol sehende, daz ecku- 
nat der [b.] heim lichte blicket. 4212 Dem vater vnde den kinden. wart iz 
vil sere enblanden. daz eckunate binden, der vogt so kvnde von tzwen hun- 
dert landen, der tzal gebrach se an dem worfel tsinken. vnde der vz kana- 
dicke. so warp daz dirre gewalt begunde hinken. 4213 Den graherd(e)ys 

man retten, sach leben sines vehes. die erden gar vor gre^ten. «ach man de 
ors vor horte siecht vnde twerhes. her vnd dar vf vnde aber dannen« mit tzome 
dicke triben. den ernst het de sippe vf in gespanen. 4214 Da west er intzel 
vmbe. doch saget iz im de krie. er was des nicht der t&mbe. heydenschaft 
kund er mc denne apd^ drie. als er daz wol von kinde lernet bete, do er von 



196 G. MILCHSACK 

umpholizen. da wr io kindes wis mid gamorete. 4215 Nv dacht er in 
mute, als er do bete erwndeu. ich sol nu phlegen hüte, im has den hat de 
sippe also gebandt^. des muz ich in dorch trawe sin der iehende. wan ich umA 
vnser sippe. bl durch ^* trawe in not vng^ne sehende. 

-LXXXVI abentnre we der | talphin schaken mit tzwenzic | der 

sinen sluch... (roth) 

4206 DE kröne wart vor howen. mid der tzimire riehen, ae mmtan 
otich da schowen. eyn ander tot da Teilen, ritterlichen, der bmder wnfe wd 
in kortzcr wile. der ¥ater was do gernde. ob er in mochte gewerfen an de 
tzile. 4217 Da sine kint nü lagen, daz wart also vorsacliet ob, er na aineD 
magen. tzu klagene wirt ich wene des geruchet. god vnd sin manheyt kamt 
er hi von hihen. wes vngelucke waldet. der kan im doch tzü iügest nicht enl- 
riiien. 4318 Ydoch so was er gemde. daz er lii warde crrochen. wes Tnge- 

lucke in wemde. was ouch hernach daz blibet vngerochen. noch de lenge daz 
sint liebe mere. ich bin ie der eyne. der sich vil g^ne hnten kan Tor swere. 
4219 Den vater miist er toten. 

Ruckblatt : 

(vw. a.) 4455 tzü nahen, kan ich in 

bazseu bieten, daz sol in doch von mir nicht ghar vorsmahen. 445G Do li- 
gent Inder schulden, so sten ich an dem rechten, er wid^ god in hulden. lO 
daz se musten vlihen ed y echten, sol ich da kcjner truwe kegn im geniezen. 
min tzucht ist vnvorrenket. so wenn^ ouch ich der truwcn kan erdiezen. 4457 
De werden waren iehende. ob iz in nicht vorsmaben. da künde er wer so 
sehende, sine denest verre vnd dar tzu nahen, daz sagetc er tzü danke vil 
vnde mere. al de tzür hochctzite. waren bi de hülfen imda der ere, 4458 
Marholt der iach tzü magen. der fursten vz laiander, artuscn kund er vragen. 
ob er geruchte er für alsam de and^ vnd ob er sin durch rechte liebe enpere. 
dar er im tzallen tziten. vil hoher denstc gar gebunden were. 4459 De and^ 
waren alle, hi mit dem konige varnde. den vcygen gar tzu valle. de der 
grahWoys do was vnsparende. vnd dartzü eckunat der wol gcblumct. koment 
se in icht nahen, de tzwcne w'dent svnder da gerümet . . ! . . 4460 Ak 

nu sygune horte, daz or da was gcvellet. der eren houes porte. dainnerthal' 
den werden was gesellet, mid stetichheit als er do wol bcsclieynte. mid sinne 
richcm tröste, wenne se da kume mid banden vnd^ leynte. 4461 Daz wart 
hi ynder setzet, ir kvnne mid den banden, an vrouden. vDvorgctzet. begnnden 
9e iz den ougen licht cnblanden. daz lie der graherdoys kegn hertzen sli- 
eben, eyn teil in snlhcr nebe, daz iz vor golden wart den wrst«"' riehen. 4462 
De er da vmbe valtc. nu sit vor kamvaleyse. vnde vorbaz pris betzalte. we 
er do was vf abenemder reise, da von der grozen virre vnd vonder hohe, sin 
wider ker an wirde. de ist noch aller fürst*"» wid^ tzohe. 4463 Nv bat des 
konTges krie. vii sineme rufe helle, daz al demassenie. |b.] sich an dem dritten 
morgen h(ub)en snelle. vil wol gcricht*) alsam destrites ruchöt. de virre in 
anderriche. vnd de da stürme vnde burghe suchen t 4404 Tasme de richeit 
eilele. heyz man do nid^ lazen. do wart vil groz gewodele. biz itzlich stucke 
sinr stad hin wid^ ni:izen. da boyde iium<*n sturtzcn vnd** valton. artus der 

*y Dns r in ^'ericlit aus * corrigiert. 



LEIPZIGER TITÜEELBRUCHSTÜCKE. 197 

truwon riebe, da mid besieht de ricbeit ba: bebalten. 4465 Dar tzu ir aller 
bringen, da a(b:)ner da brachten, de vrowen svnd^lingen. ::: ^r daz se be 
balden. dachten, richaude kl(ou)ditte dcime de maget sigune. de was maget 
vnde bete doch, tzü miiie phlicht mid wüdcrhafter iune. 4466 Dar tzü die 
and^ vrowen. der herrcn hi da wren. vnde wolden belme howen. des se demc 
konlge nicht mid cyden swren. jdoch so was (i)r leydes aller verebte, vnde wankes 
an ir trnwe. wen steten denst sin tiignde ny vor worchte. 4467 Ghinouer 
wielt der vrowen. da(r) tzü der riehen gutes, tzo velde mochte man scowen. 
vil ritter wert gar cllenthaftes mutcs. ydoch so funden strit dar se do wolden. 
80 daz vil hurticbl:chen. ir rittersehaft de lenge do wart vo:golten. 4468 
Durch was de samenüge. so gabens wart ertzugct. ob orillus er t(w)üge. do 
rolte groz da:mittc hi vrluget. (n)cyn tzwar iz wart durch grozen h(az) er- 
tzcyget. de tzionatulander. tzü floriscb(an)z an prise het geneyget. 4469 Doch 
ane :: im volleystcn. ir helfe svnder twiugen. a: werdicheit der meisten, euch 
allir sicbe:heit gar svuderlingcn. als er tzü dolet hett se ledic lazen. daz nü 
de grozen wirde. vo(n) im d(o) maniger künde hohe sazen. 4470 Iz (h)eten 

von nauerre. de forsten all^ ir ber(ren). do wol den svnder harre, da mid ir 
bazze wesen bi den eren. des künde geolarz sc 8v(nd^j wisen. der was ir her- 
ren brud\ des wolde er werben räche bi durch prisen. 4471 In hülfe [rw. a.] 
ponturteyse. mid brande vnde ouch delinc. mit eyncr starken reyse. der ouch 
da reche wolde de mage sine, de tzionatulander he(t) geletzct. vnd ospincl der 
furste. vnd gaylc: ir eyner wart entsetzet. 4472 Daz was der mid dem tochc. 
da het de burk ghemuret. kegn bazze in grozcm ruchc. do was der konrg(e) 
vil de nicht bcturet. se wolden de vz graswalde vor triben. was hu% sin grozo 
wirde. sol er nu nicht an werdicket belieben. 4473 OB ieman wirde lebenes. 
de lenge h(elf)cn solde. so phlcge sin wirde gebenes. kegn im daz er noch 
lange lieben dolde. biz daz der werlde leben stet gemezsen. iük brunnen bals- 
men vluzsc. mocbt er mit werdicheit wol ban besezzen. 4474 ERecke vnde 
ebolantzen. vn ospinel de rezzen. vnde iorat den bekrantzen. mid waldes ri- 
cbeit paradis gemezzen. vilnahen ouch der cdelen boume vruchte. vii orillus de 
verre. helfe iahen artuse tzü widerbruchte. 4475 Eyn furste vnd konige drie. 
de des er winden solden. daz se da keyn malie. ertzeygten dem der wol da 
kegn vor golden, het er helfe itzligen her vonkindc. crtzogcn het der werde, 
der von britanie tzu liebem ingesinde. 4476 Do was ouch iz von haszen. den 
beiden so gewget. an ntterscaft de lazen. ouch wurde nicht den wllen dar 
vmbe geru(ge)t. so von der sippc sus mit roangen ::ngen. wer bi tzu tabel- 
runde. was der ::nde wol nach ritterscefte ringen. 4477 IN wellent hi vil 
hazzen. de houbetkronebere. tzu ucmen wr daz lazzen. im wen kegn sulhen noten 
bezzer were. wie lange iz doch de abenture vlehe. so muz sin wirde sigen. 
daz wen ich nicht de lenge noch vf tzibe. 4478 Und der von arragune. durch 
gaylet in hatzte. vii der von asscbalune. al durch bardics den daries do latze. 

vf plenantze interre der wilde [b.j krichen. e daz er tod ge valle. er macht 
e vil der toten vii der siechen. 4479 Hi abrot von gerunden, da bete vil ^'*) 
mage. de in da rechen künden, beyd offenliehen vnde dar tzü mit lagen, ob de 
nu nich* cn sin **) vor kamvaleyse. vn dieser hazzer alle, so sint se vph der vart 

de selben reyse. 4480 Der koningk von ascone. vnd ouch der furste riebe, her 

*) Das übergeschriebene der ist von späterer Hand. 
"**) en nn am obem Rande des Blalies. 



198 K BARTSCH 

tzügc vz ledriboDc. de wrcn alle tzn dcnstc ritterliche, hi lehclin md oiilhi 
den recken, vnde den tod patrigalden. de sach man sich vor kamvmlejs m 

lecken. 4481 Unde den*) von jscrterre. hi kalamindc der starke, der tzog;t 
alher de verre. daz selbe tct der konigk reyberbarke. harholt de selbe was ir 

moter broder. der forsten von laiander, dem wart gewurfen hoher vroaden loder. 
4482 Do disse rede bere3rte. wcrlichcn kcgn in tsogetcn. ir vroaden Teticb 
breite, ich wen de hohe da kegn den laften. vlogten. e daz man ouch den addar 
sach vliegen. in eynem samit roten, der selbe kan mit sygenanft betri^|;eB. 

C abenture we artas mid dem talpbin qaä | kamvalejs tsä 

helphe. . (roth) 

4483 Wan er ie was ge sigende. herlich ob allen vogclen. vnde her da 
nid^ ligende. also ghcschach ir hohen vronden gogelen. da von dem am den 
koningk artos hi bringet, der ouch mit sin^ milte. vil manige hohe w^dicheit 
erringet. 4484 Dar nach so quam der anker. vmb ejnen mittel morgen, wart 
ieman da von kranker, dar vmb^ so woltich wcnic gerne sorgen, vnd ob der 
strotz icht jsens da vor slindet. den gaylet von spangc. ejnen samit tau eynem 
banier bindet 4485 EB fort ouch vf dem helme. alsvnder nest vil Treehen. 
iz wart ny stoubes melme. vf erden mid gevrut noch blumö breche, der atrai 
in künde nicht von zoste vallen. 

Schließlich darf ich nicht unterlassen, Herrn Stadtbibliothekar Prof. Nan- 
mann für die überaus freundliche Darleihung der Handschrift zur Correctnr des 
Druckes herzlichsten Dank zu sagen. 

WOLFENBÜTTEL. 6. MILCHSACK. 



EIN IN DER ÖSTERREICHISCHEN MÜNDART. 



Bekanntlich entspricht in bairisch-österreichischcn Quellen ai dem 
alemannischen und md. ei. Ein noch nicht bemerkter Unterschied ist 
aber im Gebrauch vorhanden bei ein. Als unbestimmter Artikel er- 
scheint es oft in der Schreibung ein^ namentlich in einsilbiger Form. 
Mir liegen, von Strobi mitgetheilt, seine Auszüge aus den Handschriften 
von Teichners Gedichten vor; hier ist namentlich in der Haupthand- 
schrift A (Wien Nr. 2901. 14. Jahrh.) der Unterschied zu beobachten. 

1. Der unbestimmte Artikel in einsilbiger Form vor hochtoniger 
Silbe wird ein, nicht ain geschrieben. 

ein tumber chnab 109^. ein tumen chnab 25\ ein maister 112*. 
wo ein knecht ein herren hab 131\ ein hervart 66\ ein pawr in einer 
raiz 66\ ez was ein Sprichwort manigen tag 66**. 89^. 142*^. 190*. ein 
pawr zu im selben sprach 19^. ein natürleich gab 203^ als ein chlueger 
rotter tuet 203**. pitt man umb ein regen 204*. ein schön beraiten 204*. 
is ist ein dinch da wünscht man nach 141^ ein voUez schrein 141*. 



Dm8 bot dUn flbergeschiiebene r \bI ^on «plVncet I^mA. 



EIN IN DER ÖSTERREICHISCHEN MUNDART. igg 

ein ander 141^ ein beiden 141^ ein michel tail 141*^. ein jar 141'. ein 
junger man 141^ ein weisen piderman 199"^. über ein weil 199^. ein 
wideriaofent man 200*. ein cbaiser 17^. ein voller scbrein 18\ ein ort 
61\ ein wort 61*. ein semleich häuf 114^ ein chaufmanscbaft 114^ ein 
eben 114**. ein reicber piderman 90^ ein piderman 90^. ein man 90^". 
ein' ehnecht 198'. ein man 74% 90*. 96*. 96% ein junger 96% trincbt ein 
man ein pbenbert wein 96^. ein firüetig ast 56^. ein pam öö"". ein volles 
vaz 89^. ein pimstil 90^. ein smökler 190^. ein recht gesiter man 190^. 
ein jaemerleicher slag 243^. ein jamerleichew schant 243% ein choder 
111"". ein Bchantz 111% ein ungeleich und ein bervart 175% ein werich- 
man 175% ein herr 175% 

2. Folgt auf den unbestimmten Artikel eine tieftonige Silbe, so 
steht häufiger ain als ein. Besonders lehrreich ist schöne red ist ain be- 
war und ein deckung 62". Vgl. noch ain gelaub 109^ Dagegen ein 
genesen 198*". 

3. Der unbestimmte Artikel in zweisilbiger Form wird zuweilen 
mit ai geschrieben; doch schwankt der Gebrauch. 

4. Wenn auf ein der Nachdruck ruht, ein Gegensatz, so steht 
ain. nur ain rieht diu gie im ab 62^. si steht recht in aim muet 203**. 
zaimmal 25* und oft. ain weil suez diu ander sawr 203"*. ain halb 111". 
ainen got 109^. 

5. ein selbständig gebraucht hat ai. ayner seiner mag 114**. 
der ainen durch die zung prant 243°. so dan aine wirt gezalt 141*". do 
man ainen slahen phlag 111% von aynem 111% wie der ain ein purger 
wasy der ander was ein chorherr 117^ und in den überaus häufigen 
Gedichtanfängen mit Ainer fragte mich der maer, Ainer fragte mich 
der frag, Ainer in grozzen schulden lag, Ainer grozzer Wirtschaft phlag, 
Ainer ret mit mir und sprach, Ainer pat ich solt im sagen, Ainer pat 
ich taet im schein etc. 

6. Das genit. eines 'einst' hat ebenfalls oi. Ains ein herr ein cheUn 
macht 61*. Ains ein pharrer wart gemacht 114^, wo wiederum der 
Unterschied im Gebrauche von ai und ei deutlich hervortritt 

7. ein ander wird mit ei geschrieben, zue ein ander 192*". an ein 
ander 70^. under ein ander 70^. 

Daraus ergibt sich, daß ei angewendet wird bei geschwächter 
logischer Betonung, ai bei betontem am; daß mithin ai von beiden 
Bezeichnungen der stärkere und gewichtigere Diphthong ist. 

Es wird zu erforschen sein, ob diese Unterscheidung der Hand- 
schrift A sich auch noch in andern bairisch- österreichischen Quellen 
findet. K. BARTSCH. 



200 K. BARTSCH, KLEINE lOTTHBILUNGEN. 



KLEINE MITTHEILUNGEN. 



6. Ein Fragment aus Konrad von FuOesbrunnen. 

In der Kölner Handschrift von Wirnts Wigalois stehen auf dem 
letzten Blatte, wie Pfeiffer S. IX angibt, 'einige Zeilen aus dem Iwein, 
nämlich zuerst V. 21 — 25 und V. 1—10; dazwischen aber folgende 
vier Zeilen 

Oencdich vnd gewaltich got. 

Din heiliger wille vnd din gebot. 

crgenc. 

Daz wir vrolich erst^ene. 
Das durch Punkte bezeichnete ist unleserlich und verbleicht Es 
ist noch nicht bemerkt worden, daß diese vier Zeilen den Anfang ißt 
Kindheit Jesu bilden. 

7. Wurmsegen. 

Aus einer Handschrift in der Bibliothek des Fürsten Buoncom- 
pagni in Rom, Nr. 170. perg. 4. 14. — 15. Jh. Bl. 49' mitgetheilt durch 
Paul Ewald im Neuen Archiv der Gesellschafl fllr ältere deutsche Oe- 
schichte 3, 164 (1878). 

Contra vermes sive Icdant homincs sive pccora dicatur in aurem 
sinistram. Si sim hemma mulahos usmonim velamos euimisspar. 

Ez gienc*) ain man 
dur ain birkin tan 
da warn inne wurme 
ain michil gesturm(e) 
ain wisser wurm, ain swartzer wrm, ain roter wrm, ain plawer wrm, 
ain mirwer wrm, aller wrm wirst die sint, als war daz ist daz unser 
herre Jesus ist der reiner megd miner frouwn sant Marien sun, als war 
ist das dirre wrm tot ist als dis vorme (wrme?) tot sint In Oottes namen 
amen. Pater noster tribus vicibus dicatur etc. 

Wie Dr. Löwenfeld a. a. O. 3, 660 berichtet, geben die Anfangs- 
worte den hebräischen Text von H. Lied VI, 8 und müssen lauten: 
Sisim hcmma mulahos usmonim (pilagrim) velamos einmisspar. 

K. BARTSCH. 

*) gient. 



LTTTEBATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 201 



LITTERATÜR. 



Zar Kritik der Nibelungen. 

Seit einer Reihe von Jahren ist keine Schrift über die Nibelungenfrage 
mehr erschienen^ die so viel Aufsehen gemacht und bei allgemeiner Bewunde- 
rung des darin aufgewandten Scharfsinns so allgemein Widerspruch gefunden 
hätte, wie das nur 90 Seiten lange, aber an Gehalt einem dreifach so großen 
Buche reichlich gleichkommende Werkchen von W. Wilmanns: „Beiträge zur 
Erklärung und Geschichte des Nibelungenliedes^ (Halle , Buchhandlung des 
Waisenhauses. 1877). Zum ersten Biale ist in diesem Werke der Versuch ge- 
macht worden , die Entstehung des Nibelungenliedes weder durch Zusammen- 
schweißung einzelner Lieder, noch durch Annahme eines einzigen Dichters zu 
erklären, sondern durch Annahme eines alten Kerns, an den verschiedene Zu- 
sätze angeschossen wären, aus denen auswählend und einiges beifügend endlich 
ein Contaminator den heute vorliegenden Text gebildet hätte. Das klingt gar 
nicht schlecht. Es erinnert an die glänzenden Versuche ähnlicher Erklärungen, 
die bei anderen Dichtem , vor allem bei Homer , gemacht worden sind ; und 
mir will a priori eine solche Erklärungsweiso besser behagen als die eigentliche 
Liedertheorie. Denn bei einer solchen Erklärung ist die Gleichheit der Strophe, 
da alle Bearbeiter nur zum weiteren Ausbau eines vorhandenen Grundstocks 
thätig gewesen sind, die wortliche Beibehaltung der meisten Strophen und die 
leichte Vereinigung der disparatca Elemente zu einem scheinbar ursprünglichen 
Ganzen leichter erklärlich, als bei Lachmauns Theorie. Dazu kommt, daß die 
Untersuchung, wie man bei Wilmanns schon gewohnt ist, mit viel Geist und 
scharfer, energischer Consequenz gefuhrt wird. So ist das Studium dieses Werkes 
in der That nach allen Seiten fördernd und belehrend. Es thut wahrhaft wohl, 
einmal auf einen Kritiker zu stoßen , der selbständig weiter forscht und sich 
nicht damit begnügt hat, bei Lachmanns Resultaten als dem A und O seiner 
Schule stehen zu bleiben. Von der ängstlichen Beibehaltung der zwanzig Lieder 
oder gar der unseligen Heptaden keine Spur; ich muss aber leider gleich bei- 
fügen, daß Wilmanns trotzdem mit mehreren Elritcrien Lachmanns operiert hat, 
die sich für ihn, der nach wesentlich andern Gesichtspunkten ganz andere Ro 
sultate zu Tage gefördert hat, nicht so ohne weiteres als selbstverständlich dar- 
bieten konnten; über andere Punkte hat er den Leser etwas im Dunkeln ge- 
lassen I wovon bei der Betrachtung des Einzelnen näher die Rede sein wird. 

Trotz aller Achtung vor den vortrefflichen Eigenschaften des Werkes 
kann ich seine Resultate weder im Ganzen noch im Einzelnen anerkennen. Ich lasse 
die Principien, nach denen Wilmanns verfahren ist, ganz bei Seite ; sie und ihre 
Berechtigung werden aus der Anwendung, die sie von Fall zu Fall erfahren 
haben, deutlich g^nug werden. Ebenso glaube ich es nicht nothwendig zu haben, 
eine zusammenfassende Darstellung von Wilmanns* Resultaten zu geben; auch 
diese wird sich der Leser aus der Kritik des Einzelnen entnehmen können. 
Ich kann für beides füglich verweisen auf die Anzeige Zacack^'t^ vcei \\ViT»\a>^^s^ 



■ üuäea 



202 LITTEKATUH: ZUR KUITIK DER NIBEFArNOEN ^ 

Ctiitmlblutt ISTä, Spalte 1663—1666, welche die no«entlichen Oosichlapnokte 
mit Schärfe und Klarheit darstellt, und auf die auBfüfarlichci'cn Eucciiiioiien von 
Henning im Anzeiger fiir deutschsB Altortlium IV (Z. f. d. A. XXtl), 56—70, 
wo bctondcrs die Aiisfübrungen Ober die su Orunde liegende Sage tretFlicb ga- 
lungen sind; von Schonbnch in der Zs. f. österr. Gyran. 1877. 374 — 383, wo 
nntnciitliuh dne EniirL-Bultnl der Wilmnnngiscbeii Krilih scharf geprüft wird; und 
von R. V. Muth in der Zs. f. deutoche Philol. VIII, 485 — 493. Ich werdo 
tiiit'b im Einzelnen mich mitunter auf diese RccenBionen bi'zicheu. Heine Auf- 
gabe i«t die, Scbritt für Scbritt den AuBfübrungen des VcrfasBers nachKUgehen. 
Sind sie alle richtig, so werden aucli die Gesamintresnltate riebtig sein, faX\a 
ilet Autor keine Inductionsfeblor gcmacbt hat; sind sie alle falsch, ao werden 
ani'b alle Folgerungen von itelbat fallen ; da es aber sich in vielen Fällen blofi 
um ein Mehr oder Weniger von Noth wendigkeit oder Wahrscheinlicbkeit han- 
deln wird I BO wird es auch mitunter iiuthwendig werden , auf die Qeiammt' 
reeultate einen Uberscbauendcu und prüfenden Blick ea wei-fen. leb mache es 
mir dabei zum GrundKat«, soweit immer möglieb, mich auf den Bodon dos Ver- 
fassers zu stellen, von diesem aus seine Schlüsse zu untersuchen. leb lege doi- 
balb stets die Hs. A su Grunde, lu deren Anhängern ich mich nicht zUhle; 
ich untcriasac es , die Frage nach der Einheit oder Mehrheit der Verfasser 
principiell zu erörtern, mich mit der Wahrscheinlichkeit begnügend, die für die 
eine beider Möglichkeiten aus der Untersuchung selbst entspringen wird n. a, w. 
Daß principielle Difierenzen vorkommen, irird mau mir daher nicht als Mangel 
an Objeciivitftt vorwerfen. Nur noch eine Bemerkung allgemeiner Art luvor, 
welche, weil sie eine negative Seite des Werkes berührt, unten nur vorüber- 
goboud zur Sprache kommen kann, aber an lieb wichtig genug ist. Wilmanns 
hat seine Untersuchung auf das letzte Drittel der Nibelungen beschränkt, von 
Str. 1606— S816. „leb habe diesen Abschnitt gewählt," sagt er Vorrede 8. V, 
„einerseits weil icb glaube, dali man von hier aus am leicbtesten in die Ge- 
schichte der Dichtung eindringen kann ; andererseits weil dieser Abschnitt mit 
Recht als der schönste Teil des Nibelungenliedes angeseben wird. Ich glaubte 
voraussetzen tu dürfen, daß die Leser diesen Teil vor allen andern kennen, 
daß viele von ihnen längst von selbst Anstoß genommen haben an den Punkten, 
von denen die Untersuchung ausgeht, und daß sie am ersten bereit sein werden 
grade diesen Teil einer eingehenden von Strophe zu Strophe fortschreitenden 
Prüfung zu unterziehen ; icb glaubte für diesen Teil die willigsten und die »m 
buetOQ vorbereiteten Leser zu finden." Sehr viel ist mit diesen Gründen eben 
nicht gesagt; jedenfalls sind sie nicht geeignet, die Gründe gegen diese Be- 
schränkung des Stoffes abau schwächen. Speciell die vorlicgundc Abgrouiung 
muß Bedenken erregen. Mit der Verlobung Giselhcrs fängt doob 
größuriT Abschnitt in der Sage «n; wenigstens wird — um dieses Resultat 
Wilmanns' Kritik vorausiunehmen — ein Dichter, der die hauptaächlicben El 
cignisse von Gisclhei's Verlobung bis zu Rüdigers Tod erzählt bat, nicht 
Str. 1606 begonnen, sondern vorher subon einiges ereählt haben, wahr«ch< 
lieh die gauxc Ouicbichto von der Einladung der Burgunden an, wo nicht 
wi-it mehr. Aber man dnrf noch weiter gehuu und behaupten, daß die 
■chriiikung der Untersuchung auf den drittun Thdl des Godicbis unofa 
Bedenken erregen muß. Die VorausieUungen für das, wus von 160<) — 391 
finrf nih in rfpm früher Enählii'ti ^-egeben, und Ich kann mir 



1 von 

I 



LITTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 203 

fruchtbare sagengeschichtliche Untersuchung ohne BerückBichtigung der früheren 
Thcile gar nicht denken; um Sagengeschichte handelt es sich aber bei Wil- 
manns nicht selten. Femer — man mag von der Darstellung, die der Kritiker 
gibt^ noch so vollständig überzeugt sein: eine eiserne Nothwendigkeit gibt es 
in solchen Untersuchungen nie; was also im besten Falle bloß glänzende Wahr- 
scheinlichkeit ist, könnte möglicherweise durch die Herbeiziehung der früheren 
Partien alteriert oder gar umgestoßen werden. Natürlich ist dieß eine rein apri- 
orische Möglichkeit , bei deren Setzung ich auf den Sachverhalt y wie er sich 
nun herausstellen möchte, keine Rücksicht nehme. Aber diese Möglichkeit als 
solche hätte Wilmanns erwägen und seine Untersuchungen wo möglich auf das 
ganze Gedicht ausdehnen oder mindestens das andeuten sollen, wie er sich im 
Grossen und Ganzen die Entstehung der vorhergehenden Theile des Liedes 
denkt. Sein Buch wäre damit wohl nicht viel umfänglicher geworden als das 
über die Gudrun , in dem er ähnliche Grundanschauungen durchzuführen ver- 
sucht hat. — Ich werde Gelegenheit finden, für diesen Mangel des Buches 
Beispiele zu geben. 



Die Untersuchung setzt an dem Punkte ein, wo Dietrich (2172 ff.) von 
Rüdigers Tode benachrichtigt wird. Seine Helden fallen alle; nur Hildebrand 
entkommt mit der Nachricht zu Dietrich. Dieser waffnet sich und geht zum 
Saal, wo die Burgunden sind. Hagen erkennt seine Absicht und ist zum Kampf 
bereit, was Dietrich sofort wahrnimmt (2265). Wilmanus fragt, was man nach 
dieser Einleitung erwarten könne, und findet folgendes: „er wird den Tod Rü- 
digers, den Tod seiner Mannen, seiner besten Freunde und seines Trostes in 
der Fremde rächen, er wird von Hagen und Günther Buße verlangen für das 
vergossene Blut, Friede und Freundschaft den Burgunden aufkündigen. Das 
sollte man erwarten, aber nichts davon geschieht. Dietrich verlangt König 
Günther und sein Mann sollen sich ihm ergeben; er verspricht ihnen Schuta 
vor den Hennen und sicheres Geleite in die Heimat: er schont ihr Leben im 
Kampf und nimmt sie mit eigner Lebensgefahr gefangen; er fQhrt sie zu 
Kriemhild und empfiehlt ihr angelegentlichst Milde^. Wilmanns hält für un- 
möglich, in dieser Erzählung „ursprüngliche, einheitliche Erfindung** zu sehen. 
Daß Dietrich sich sträubt zu kämpfen u. s. w., setze voraus, daß er den Kampf 
mit Widerstreben begonnen und daß Kriemhild ihm denselben aufgezwungen 
habe. Daraus folge weiter: „in der Sage, wie sie im Schluß unseres Nibe- 
lungenliedes hervortritt , muß Dietrich , ähnlich wie jetzt Rüdiger , durch die 
Bitten der rachsüchtigen Königin in den Kampf getrieben sein**. — Weiter 
unten, wo wir Wilmanns* Construction dieses Schlußtheils von 2172 an zu be- 
trachten haben , werden wir sehen , wie wenig diese These dem Bestände des 
Gedichts gegenüber Stich hält. Aber ist sie denn überhaupt irgendwie begründet? 
Wie viele Leser des N. L. werden wohl sein, die aus der genauesten Lesung 
der wohl zusammenhängenden Erzählung solche Schlüsse selbst gezogen haben? 
Daß Dietrich mit Widerstreben den SLampf begonnen hat , braucht wahrlich 
nicht erst daraus gefolgert zu werden, daß er sich gegen denselben sträubt; 
ist denn nicht beides dasselbe? Und zeigt nicht die ganze Erzählung, daß er 
ungern genug zur Gewalt schreitet? Aber was daraus folgen soll: daß er durch 
Kriemhild in den Kampf getrieben sein müsse , ^«vV et %Qik«X tas^ ^^eci ^^iW 



204 LITTERATUB: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 

missen des Gedichtes gleich losschlagen würde, das ist erschlichen. Es ist nicht 
ganz deutlich , was Wilmanns sich für eine ursprüngliche Form der Dichtng 
denkt: glaubt er, daß Dietrich von Kricmhild genöthigt worden sei zu kiimpleni 
und daß er das that , ohne seine Hannen vorher verloren zu. babea ? 
daß er vielleicht, wie in der Thidrekssaga , mit seinen Mannen aussog? Das 
wäre möglich; aber es fragt sich cben^ ob nothwendig. Oder glaubt er, daß 
die Ermordung der AmeluDgen auch in dem ursprünglichen Gedichte war? Dann 
hätte er zu sciocn kritischen Auslassungen gar keinen Grund mehr; denn es 
wäre ja dann dasselbe Moment^ welches nach Wilmanns* Ansicht Dietrich zm 
Rache treiben sollte, für ursprünglich erklärt. Wir werden bei der specieDen 
Analyse dieser Partie Näheres über des Verfassers Ansiebt erfahren. Hier 
kommt CS wesentlich nur darauf an, nachzuweibeu , ob wirklich die Überliefe- 
rung nicht zu rechtfertigen ist. Ich meine, im Geiste des echten Bitters Dietrich, 
der sich stets als den wohlwollenden Freund der BurgunJen gezeigt, der sie 
gewarnt und Kricmhilden das herbe v*Uandinnc zugerufen hat^ der sich Tom 
Kampfplatze wegbegeben hat, um nicht in den Kampf gezogen zu werden, sei 
es vollständig begründet, daß er auf den Tod seiner Blannen hin, an dem sich 
Günther, ohne eine Widerrede von Dietrich zu finden, unschuldig erklärt (2272), 
den zwei Überlebenden, vor deren Mord er schon aus ritterlicher Hochachtang 
gegen ihre ungemeinen Heldenthaten zurückschrecken muß , zuerst Sicherheit 
und Frieden anbietet, und erst nach Hagcns wilder Herausforderung zum Kampfe 
schreitet^ aber auch diesen nur mit der Gefaugcnnehmung der Gegner been* 
digt. Denn daiß er auf Hagcns unartig- freche Rede (2263 f.) nichts erwidert, 
ist ganz natürlich ; dieselbe ist nicht an ihn gerichtet, und er überhört sie mit 
königlichem Stolze; erst wie Hagen in diesem Tone fortfahrt, nimmt er ihn 
beim Worte. — Wilmanns kann gegen diese Beweisführung nicht etwa ein- 
wenden, daß die angeführten Momente der Freundächaft Dietrichs und seiner 
Entfernung vom Platze früheren Partien des Gedichtes entnommen seien, 
deren Zusammengehörigkeit mit der in Frage stehenden erst zu beweisen wäre. 
Denn diese Züge sind in der Sage begründet. Sic finden sich auch in der von 
Wilmanns mehrmals herbeigezogenen Thidrekssaga (Cap. 373. 375. 376. 380*J; 
und diese selbe Saga läßt Dietrich die beiden Überlebenden schonen, obwohl 
ecinc Mannen gefallen sind. Ich verwende hier diese Saga als ein vom N. L. 
unabhängiges Denkmal, ohne in die Streitfrage Rassmann contra Döring ein- 
greifen zu wollen, und stelle mich dabei wie sonst auf den Standpunkt, den 
Wilmanns einnimmt. Hätte Döring Recht, so wäre dieser eine Einwand gegen 
Wilmanns um eine Stütze ärmer, aber es würden um so mehr andere Thesen 
W.s hinfällig werden. — Ich kann übrigens, um den Punkt, von dem die Rede 
ist, nicht noch länger zu behandeln, auf Hennings vortre£fliche Aueführung in 
seiner Recension (Seite 61 — 64) hinweisen. 

Dieser erste Ausgangspunkt von W.s Kritik erweist sich also als ein 
schlecht gewählter. Er knüpft daran eine allgemeine Bemerkung über die Art, 
wie die Dichtung Dietrich und den jedenfalls erst später in die Sage einge- 
drungenen Rüdiger verbunden haben möge. Ward in eine Dichtung, die uns 
von Dietrich erzählte, Rüdiger nachträglich aufgenommen; so ist die große Be- 
deutung, die dieser erlangt hat, unbegreiflich ; — ich wende ein, wie leicht sich 

*) Ich citiere die Thidrekssaga nach Ungcr und Raßmann. 



LITTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 206 

gerade eine erst frisch eingeführte Person in den Vordergmnd der Sage zu 
drängen vermag, wofür eben Theoderich ein Beispiel bieten kann. Wurde um- 
gekehrt Dietrich in eine Sagengestalt nachträglich aufgenommen, die nur Rü- 
diger kannte: wie fand diese ihren Abschluß? da doch Rüdiger keine Mannen 
hat^ die den verschiedenen namhaften Bargunden gewachsen wären. — Daraus 
würde ich eben schließen^ daß es gar keine solche Sagengestalt gab; wir werden 
aber sehen, daß Wilmanns doch einen entsprechenden Ausgang für die älteste 
Form der Dichtung zu finden weiß: nachdem Rüdiger sich fruchtlos aufgeopfert^ 
wurde die Vernichtung der Burgunden durch den Saalbrand herbeigeführt. 

Eine weitere Frage für W. ist: wann die Verbindung Dietrichs und 
Rüdigers erfolgt sei ; ob vor unserer Dichtung oder innerhalb der allmählichen 
Entwicklung und Ausbildung derselben? Wir werden sehen^ daß W. zu dem 
letzteren Resultate kommt, und die Prüfung seiner Kritik wird erkennen lassen, 
ob mit Recht. — Im Allgemeinen scheint mir, als ob W. der Freiheit des 
Dichters zu wenig zutrauen würde; aber ich kann solche generelle Principfragen 
ruhen lassen, da die Einzcluntersuchung Licht genug auf sie werfen wird. Ich 
nehme nur, wie W. selbst, sein endliches Resultat hier voraus: „daß das Ni- 
belungenlied, wie es uns jetzt vorliegt, sich auf Grundlage einer Dichtung ent- 
wickelt hat , in welcher Rüdiger neben Kricmhild die Hauptperson war und 
Dietrich noch keinen Antheil an der Handlung hatte.'' Kann es wohl eine 
solche Dichtung gegeben haben , da doch Dietrich in der Sage beträchtliche 
Zeit vor jeder denkbaren Entstehungsperiode des N. L. seinen festen Platz ge- 
habt hat? 

Die specielle Untersuchung hebt an mit des Markgrafen Tod; Str. 210G 
— 2 1 G 1 . Ich gehe hier, wie durchaus, jeder einzelnen Athetese oder sonstigen 
kritischen Bemerkung nach, weil man nur so dem Kritiker gerecht werden und 
seine Aussagen, sei's definitiv bestätigen, sei's mit Sicherheit umstoßen kann. 
Es ist aber kein klein Stück Arbeit, und wir beide , W. und ich, müssen un- 
sere unparteiischen Leser um Geduld bitten. Denn W.s Kritik greift sehr tief 
ein und hat neben mancher kritisch wichtigen Strophe auch manche entfernt, 
die nichts weiter als störend, überflüssig oder unschön sein soll, deren Schicksal 
aber für das Endresultat sehr gleichgiltig ist. — Gleich 2107 ist ein Zusatz, 
weil sie „zu früh auf Volker hinweist'^ (Z. 4) ; ich kann nicht verstehen warum, 
denn Volker spricht 2110, ohne daß inzwischen etwas berichtet wäre, was die 
Situation ändern und sein Hervortreten erst begründen würde. Im Gegentheil, 
2107, 4 bezieht sich ganz richtig auf 2110 und kündet im voraus den Gegen- 
satz zwischen Volkers und Giselhers Erwartungen an. — In der Unterredung 
zwischen Rüdiger und den Burgunden, 2111 — 2142, kommen begreiflicherweise 
manche Stellen vor, die man ohne Anstoß entbehren könnte. Solche epische 
Dialoge halten sich ja nicht an strenge Logik, und knappen Zusammenhang 
darf man hier nicht immer erwarten. Das thut aber W. ; er zeigt überall Nei- 
gnng, alles Entbehrliche) Retardierende, nicht ganz in festgeschlosseuer Reihen- 
folge Fortschreitende für Verderbnis zu halten. So wirft er Str. 2116 — 2118 
gleich wieder als interpoliert aus. Diese stehen in gar keinem Widerspruch 
mit dem Vorhergehenden oder Folgenden. Es ist richtig, daß man sie nicht braucht 
und sie, wenn sie fehlten, nicht vermissen würde. Folgt daraus, daß sie inter- 
poliert sind? Kennt W. , nachdem er zehn Strophen dieses Abschnitts hinter 



206 UTTfiRATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 

sich gebracht hat, den Stil des Dichten schon ^o genau, daß er ihm ein sol- 
ches Lozarieren in der Erzählung sofort absprechen dürfte? Aber der Satxban 
ist hier ,, nicht so einfach, der Ausdruck nicht so durchsichtig, wie in den vor- 
hergehenden Strophen". Ist das großen und grösten Dichtem im Verlauf ihrer 
Dichtungen nie begegnet? Ein positives Moment hat W. beigebracht: zwischen 
2116 und 2117 hat Lachmann und nach ihm W. grammatbchen Zusammen- 
hang angenommen. Ich habe — und es ist mir tröstlich, daß es Andern ebenso 
gegangen ist — nirgends genauen Aufschluß darüber finden können, wie sich 
W. xa den verschiedenen Lachmannischen Kriterien der Unechtheit stellt. 
Mehrere derselben hat er angewendet; aber es scheint mir fast, daß er sie 
eben als secundäre Hilfsmittel braucht, wo sie ihm gerade geschickt kommen. 
Einen methodischen Gebrauch hat er nicht von ihnen gemacht Lachmann — 
dessen Methode ich nicht das Wort reden will — hat wesentlich mit diesen 
Kriterien seine Lieder hergestellt; wenn er auch manche Strophe bloß als leer, 
ungeschickt u. dgl. verworfen hat, so sind deren weit weniger als bei W. ; im 
allgemeinen hat man bei Lachmann Gelegenheit , an den Resultaten seiner 
Kritik die Richtigkeit der Kriterien zu prüfen. Bei W. kommen die formellen 
Elemente y die bei Lachmann wenigstens innerhalb der einzelnen Lieder eine 
Hauptrolle spielten, immer erst in zweiter Linie ; natürlich, er verwirft so vieles, 
daß unmöglich sich so oft auch formelle Verwerfungsgrüude vorfinden können. 
Übrigens ist es an sich gar nicht nothwendig, 2116, 4 zur folgenden Strophe 
zu ziehen. Lachmann hat daraus kein Motiv zu einer Athetese genommen; wir 
befinden uns ja im 20. Liede, wo der Constructionsübergang gestattet bt; ich 
nehme auch keinen Anstoß an diesem Überlaufen des Sinnes, das nach meiner 
Ansicht eben ein Nothbehelf sein muste , wo man mit einer Strophe nicht aus- 
kam ; ein Nothbehelf , der aber , zum Beweis , daß der Dichter des N. L. die 
Unschönheit desselben wohl erkannte, nur verhältnismäßig selten angewendet 
worden ist. Ich also lasse mir Lachmanns Interpunction ganz wohl gefallen, 
falls sie sonst Grund hat. Aber Bartsch, der auch das Überlaufen der Con- 
struction nicht verwirft, setzt nach Str. 2116 einen Punkt, ebenso Zamcke. 
Da nun diese Interpunction jedenfalls möglich ist, so durfte W. den Con- 
structionsübergang nicht ohne weiteres als Kriterium der Unechtheit verwerthen ; 
denn er hat für die Annahme dieses Übergangs lediglich nichts beigebracht. 
Es fallt also jeder Grund für die Athetese von 2116 — 2118 weg. Wilmanns 
fuhrt weiter aus, daß 2119 Gemot richtig und passend vorbringe, was 2116 
— 2118 ungeschickt Günther zugetheilt war: die Erinnerung an die Gastgeschenke 
Rüdigers; „denn auf Gernots Gastgeschenk kommt es an**. Wir werden gegen 
den Schluß dieser Kritik sehen, daß auch an der Stelle (1632 ff.), wo Rüdiger 
die Geschenke vertheilt, nur das Schwert, das Gemot bekommt, als das ver- 
hängnisvolle Gcfichenk von der Kritik übrig gelassen wird. Betrachten wir aber 
unsere Stelle für sich allein, so muß ich sagen : einen so knappen, aufs Noth- 
wendigste beschränkten, stets winkelrecht zugehauenen und niemals im freien 
Spiel der luxurierenden Phantasie sich ergehenden Aufbau ^ wie W. ihn hier 
und oft genug von unsem alten Dichtern verlangt, wird man in unserer ganzen 
Litteratur höchstens bei Lessing finden können. Ich kann auch gar nicht sehen, 
daß durch die Entfernung solcher freier Auswüchse unser Lied schöner würde; 
solches Retardieren gehört zu den Kennzeichen des epischen Stils. — Was 
Gemot 2119 sagt, soll seine natürliche Fortsetzung in 2123 finden; 2120 — 



LITTERATUR: ZUB KRITIK DER NIBELUNGEN. 207 

2122 werden als Zathat des Verfassers von 2116 — 2118 ausgeschieden. Von 
dem „weichen sentimentalen Ton**, der „breiten Redseligkeit ** dieser Strophen 
rede ieh nicht weiter ^ weil das Geschmackssachen sind, und weil mir noch 
niemand bewiesen hat^ daß diese Eigenschaften im Widerspruch mit dem Cha- 
rakter der Dichtung stehen, und vor allem , weil W. diese Eigenschaften hier 
wie sonst gewaltig übertrieben hat. Sollte eine so tragische Scene, nicht schauer- 
lich-großartig, sondern gerade schmerzlich-rührend, wie diese, keinen weicheren 
Tod vertragen können ? Ahnliches werden wir noch öfters , zumal bei Betrach- 
tung von 2072 — 2105, finden; und ich werde mich weiterhin der Widerlegung 
derartiger allgemein ästhetisierender Bemerkungen überhoben achten dürfen. 
Daß sich in 2123 im Gegensatze zu der Weichheit der drei vorhergehenden 
Strophen «ganz der feste, kräftige Heldensinn'' zeige^ «der auch Rüdigers Auf- 
treten charakterisiert **, ist ganz falsch. Rüdigers Worte 2112 sind Worte der 
Resignation, nicht des Heldensinns ; er hat alle seine Kraft zusammengenommen, 
zu weiterer Auseinandersetzung würde sie ihm gebrechen , wie er denn auch 
2118 und 2120 sie immer mehr verliert. Schildert hier kein echter Dichter 
und Psycholog? Auch davon muß noch geredet werden, daß nach W. Gemots 
Schwert bloß als die verhängnisvolle Gkibe, wie 2123, erwähnt werden durfte^ 
nicht so, wie 2122 dasselbe preist und rühmt. Hiemit hat W. einen schönen 
Zug zerstört. Es ist echt episch, daß die Güte einer Waffe gepriesen oder auch, 
wie anderwärts, ihr Aussehen geschildert wird, wenn dieselbe von Bedeutung 
für die Erzählung wird ; obwohl W. diesen Schilderungen auch sonst feind ist 
(cf. zu 1640 und zu 1722), so hat er nirgends einen Grund gegen dieselben 
vorgebracht, und es wäre ein Leichtes, ihm aus den Dichtem jener Zeit Ahn- 
liches und Gleiches in Menge nachzuweisen. Aber die Hauptsache ist der deut- 
liche und eminent wirksame Contrast, in welchem der Ruhm des Schwertes^ das 
so Manchen getödtet hat , ohne zu splittern , mit dem grausigen Ende steht, 
daß es nur aufgespart ist, um seinen eigenen Herrn zu erschlagen. — Das 
Motiv, daß 2123, 1 sich wirksam der Z. 2119, 1 gegenüberstelle, wird uns 
in noch deutlicherer Gestalt mehrmals wieder begegnen, wobei es seine Beur- 
theilung finden soll. — Demselben Interpolator wie 2116 — 2118 und 2120 
bis 2122 gehören auch 2126 — 2128 an, ,,so daß er hier, wie vorher an zwei 
Stellen, drei Strophen eingeschoben hätte". Lnmerbin eine wunderliche Oapricc 
dieses Dichterlings! Man trifft ja bei manchen Dichtern ähnliche Regelmäßig- 
keiten, wie Stichom3rthien, Distichomythien u. ä.; aber wo wäre hier Anlaß zu 
solchem Schematismus? Die Reden der Einzelnen sind ungleich lang mit diesen 
Strophen und ohne dieselben, und innerhalb der drei Triaden ist vollends von 
einer regelmäßigen Responsion keine Rede. Die Gründe für die Ausscheidung 
der drei letzten Strophen sind ziemlich mangelhaft. 2126 soll den Gedanken 
von 2125 „verwässern''; der „unbeholfene Satz" ist doch recht wohl verständ- 
lich. In 2127 und 2128 soll der Fortschritt der Gedanken nicht natürlich sein: 
nach 2126 müste Rüdiger etwa sagen: „das möge Gott verhüten"^ und daran 
die Mahnung 2127, 3/4 knüpfen: lät die juncvrauwen niht engelien min u. s. w. 
Daß aber dieser vermittelnde Gedanke fehlt, fallt doch; wenn er so leicht zu 
ergänzen ist, und bei so erregter, kurzer Rede, wie Rüdiger sie hier durchweg 
führt (im charakteristischen Gegensatze zu Günther 2116 f., Gemot 2121 — 
2123, Giselher 2125 f., Hagen 2130—2132, Volker 2140 f. spricht der mit 
sich selbst ringende Rüdiger stets nur eine Strophe, 2187 nur eine hsiUiQ. 'L^^^^ 



208 LITTEHATUR: ZUR KBITIK DER NIBELUNGEN. 

80 gut wie gar nicht ins Gewicht. Auch daran nimmt W. Anstoßi daß Rüdiger 
2127 überhaupt ein Entkommen der Burganden für möglich hält. Für sehr 
wahrscheinlich wird er es vielleicht auch nicht halten ; aber Etzels Mannschaft 
ist vorderhand erschöpft, 2071; sonst hätten er und Kricmhild sich auch nicht 
so sehr um Rüdigers Hilfe umgethan. Daß Dietrich eingreifen werde, kann 
Rüdiger nicht voraussetzen ; und mit seinen eigenen 500 Mann und zwölf Recken 
(2106) können es die Burgunden ^ die eben, 600 an der Zahl (2061)^ mit 
1200 Hennen (2070) fertig geworden sind, wohl aufoehmen. In der That fällt 
ja auch Rüdiger mit allen den Seinigen , und erst der Amelungen unvorher- 
gesehene Verwicklung in den Kampf entscheidet gegen die Burgunden. Somit 
kann nach den eigenen Thatsachen des N. L. die Unwahrscheinlichkeit nicht 
sehr groß sein; man pflegt aber bei solchen Vermächtnissen , wie 2127, auf 
ein mehr oder minder von Möglichkeit nicht so viel zu sehen. Dasselbe gilt 
von Strophe 2133, 4 und andererseits von 2142. Wilmanns ist übrigens durch 
die eben zurückgewiesene Aufstellung in einen ziemlich sichtbaren Widerspruch 
mit sich selbst gekommen : denn wenn es^ wie er in der Einleitung ausgeführt 
hat^ nicht denkbar ist^ daß in der ursprünglichen Dichtung Rüdiger mit seinen 
Mannen allein die Burgunden überwältigt habe y so ist ein glückliches Ent- 
kommen der letzteren aus diesem Kampfe , auf den es Rüdigem allein an- 
kommt, um so mehr denkbar. Auch daß sich 2129 viel schöner an 2125 an- 
schließe ^ muß ich bezweifeln. Man könnte es wohl ertragen, wenn die zwei 
Strophen unmittelbar auf einander folgten, und insofern sagt W. richtig: |,Rü- 
diger hat nichts zu antworten als: Nu müez uns got gendden^; aber ich finde 
es doch besser, wenn er auf 2125 f. wirklich antwortet, und was er antwortet, 
ist gewiß schön und wohl am Platze; ich wüste gar keine bessere Bitte, die 
Rüdiger an seinen Eidam, mit dem er kämpfen muß, richten könnte, als: Idl 
die juncvrouwen niht entgelten min. 

Das bisher Interpolierte war das Werk eines Interpolators (wenn man 
von 2107 absieht^ über deren Ursprung nichts gesagt ist). Sogleich aber stoßen 
wir auf einen zweiten. Die ganze Stelle 2129, 4 — 2144, wo Volker und Hagen 
mit Rüdiger ausmachen, ihm im Kampfe auszuweichen, ist eine wieder von an- 
derer Hand eingeschobene Episode, innerhalb deren aber derselbe Interpolator 
wie zuvor seine Zusätze abgelagert hat. Diese letzteren Zusätze fasse ich wie 
W. zuerst ins Auge: 2134 nimmt 2135, 4 voraus; solches Vorausnehmen ist 
aber (cf. in dem schon Betrachteten Str. 2107) so häufig im N. L., daß es 
zuerst als ein stehendes Kennzeichen der Unechtheit bewiesen sein müste; — 
2136 f. sind unecht, weil 2136, 1 = 2121, 1 (was man gerade so gut so 
auslegen könnte, daß der Verf. der einen Stelle den Ausdruck, der aber wahr- 
Ifch nichts Besonderes hat , aus der andern gestohlen hätte) , und weil Hagen 
den Lohn für die Güte Rüdigers nicht von Gott (2136) erwartet, sondern ihn 
selbst gibt dadurch, daß er sich vom Kampfe fem hält; ein Grund, den mau 
nicht zu widerlegen braucht; — 2139 gemahnt im Ton an 2134 und andere 
jüngere Strophen, ist also auch jünger; — 2141 — 2148 sind interpoliert aus 
folgenden Gründen: 2141 ist ein seltsamer Einfall (ich finde eine großartige 
Ironie dai'in, daß Volker hie zer hodigezU y die so ganz anders ausgefallen ist, 
die houge der Gotelind trägt und vorweist), und 2142 stimmt nicht zu Rüdigers 
sonstigem Bewußtsein von seinem nahen Tode (darüber s. o.); daz toolde got 
2142, 1, „wie zweimal vorher Gemot in jüngeren Strophen^ (an den beiden 



LITTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 209 

StelleO; 3120, 21 24, spricht übrigens nicht Gemot, sondern Rüdiger); 2143^4 
greift vor (worüber s. c). Alle diese Gründe der Unechtheit beziehen sich 
theils auf die früheren, von mir zurückgewiesenen Athetesen , theils sind sie 
sonst hinfällig. Im Grunde sind die meisten der 7 Strophen athetiert wegen 
ihres weicheren Tones, wovon schon die Rede war. — Wichtiger ist die Athetese 
des ganzen Abschnitts (2129, 4.) 2130—2133. 2135. 2138. 2140. 2144; 
aber sie ist mindestens eben so schlecht begründet wie die andern. W. schil- 
dert das Verfahren des Interpolators : „^^r sich daran gewöhnt hat, die Arbeit 
der Interpolatoren zu beachten, wird sie hier leicht schon an der Art der Ein- 
schaltung erkennen. Der Interpolator steht unter dem Eindruck seines Originals; 
er bezeichnet den Punkt, »uf dem die Erzählung ist, und greift dann hemmend 
in die natürliche Bewegung ein, um schließlich mit größerer oder geringerer 
Mühe von seiner Abschweifung zum Ausgangspunkt zurück zu kehren". Beson- 
ders viel Mühe hat diese Rückkehr in unserem Falle nicht gekostet; 2142 ge- 
hört noch zu dem wesentlichen Gegenstande der Episode , und 2144 ist sie 
schon zu Ende. Aber die Hemmung der Erzählung ist vorhanden: 2129 werden 
schon die Schilde erhoben, als Hagens Erzählung wieder eine Pause veranlaßt. 
Ich Icugue es W. nicht ab, daß Hagens Worte : beltbet eine wile u. s. f. nicht 
sehr schön und kräftig sind, sondern eher langweilig klingen; „possenhaft^ ist 
etwas zu viel gesagt. Aber ich glaube auch eine Erklärung zu haben fOr diese 
Hemmung. Der Dichter wollte den Tausch der Schilde und das Versprechen 
gegenseitiger Schonung einflechten; das muste eine Scene für sich geben, von 
dem Gespräch mit den andern Burgunden, das keine Abmachungen zur Folge 
hat, getrennt. So kam der Dichter auf diese Art der Einschaltung unserer 
Episode. Woher er das Motiv hatte, wird sich kaum entscheiden lassen. Es ist 
ja schon homerisch und öfter verwerthet, und er mag es irgendwo gefunden 
habeu. In der Nibelungensage war es vielleicht zuvor noch nicht; die Thidreks- 
saga z. B. weiß nichts davon. Aber das muß ich festhalten, daß 2130 — 2144 
von demselben Dichter herrühren wie das Vorhergehende. Ich habe oben pa- 
renthetisch auf den sehr charakteristischen und ganz im Wesen der Situation 
begründeten Zug hingewiesen , daß Rüdiger auf die längeren Reden der Bur- 
gunden stets nur mit einer Strophe antwortet. Dieser Zug geht auch durch 
die Strophen 2130 — 2144 hindurch; Wilmanns hat ihn freilich durch seine 
Kritik gründlich zerstört; allein ich glaube in diesem entschieden dichterische 
Empfindung und Überlegung verrathenden Zuge ein positives Element gegen 
seine Kritik zu besitzen: — falls die negativen nicht genügen sollten. — Mit 
den Worten „durch mortrcechen willen*^ fängt nach W. wieder „der alte herbere 
Ton" an. An dem obigen Beispiel, wie schief W. den Ton, der in Str. 2112 
erklingt, aufgefaßt hat, kann man das kritische Gewicht dieses Satzes ungefähr 
ermessen , der schon dadurch hinfällig wird, daß von einem mortraschen willen 
auch nach dem, was W. an Strophen übrig gelassen hat, eigentlich nicht die 
Rede sein kann. Beim Beginne des Kampfes bedient sich hier der Dichter, 
wie im epischen Stil Ahnliches zu Dutzenden vorkommt , der sonst gebräuch- 
lichen Schilderungen der Kampfeslust, obwohl von einer solchen in der obwal- 
tenden Situation kaum geredet werden kann; ganz ähnlich 2143, 2 des muotea 
er ertohte. 

Die Ausscheidung der Episode 2130 — 2144 hat auch die Auswerfung 
von 2148 zur Folge, in welcher Volker und Hagen und ihr fride mit Rüdiger 
OERMANU. Neae Reihe XII. (XXIY. Jahrg.) \^ 



210 LITTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 

erwähnt sind. Daß 2148, 1 »gans müiSig^ ist, kann wohl nicht ab Grand gelten; 
die Strophe bleibt stehen. Ebenso 2149^ welche ^nur in stärkeren Ausdrücken 
ausfuhrt, was in 2146, 4 gesagt ist", aber nicht einmal als |,8türeud^ bezeichnet 
wird. 2151 hat schon Lachmann ausgeworfen , weil Dankwart daselbst erwähnt 
wird. Wilmanns von seinem Ausgangspunkt aus kann diesen Grund nicht brauchen; 
aber die Strophe ist ihm eingeschoben , weil Giselhers Eingreifen wirksamer 
aufgeschoben sei, bis Rüdiger und Gemot gefallen seien (2161). Daß 2161, 1. 2 
eben sehr wirksam wären, könnte ich nicht sagen; im übrigen haben wir in 2151 
eine der vielen zasammenfassenden Strophen, in denen mehrere Helden ange- 
zählt werden. Lachmann war diesen Strophen feind, ebenso Wilmanns; aber ein 
triftiger G^rund y sie zu entfernen , ist nie beigebracht worden. Ob sich wohl 
solche immerhin etwas lederne Aufzählungen als Verlegenheitsmittel nicht auch 
bei andern Dichtem finden sollten? Die vorliegende Strophe wegzuwerfen, ist 
übrigens deshalb mislich , weil alsdann in 2150 und 2152 zwei Variationen 
desselben Gedankens unmittelbar zusammenstoßen würden : dem Ut de» tage» 
BiUdegir harte wol ffelich daz er ein recke wasre vil lUene unde (unt ouch vü) lobelich ; 
tril wol zeigte RiUdegir daz er was stark genuoc, Wilmanns scheint diese lucon- 
venienz auch gefühlt zu haben; denn er hält eine von den beiden Strophen 
für entbehrlich, also jünger. Für den Übergang zum Kampfe mit Gemot war 
nur eine nötbig^ also wird auch nur eine ursprünglich sein; wieder das alte, 
mit nichts motivierte Wegschneiden alles irgendwie Entbehrlichen. W. läßt aber 
die Wahl, welche Strophe wir für alt halten wollen: „ich glaube 2152, aber 
auch 2150 paßt gut und ebenso 2150, 1. 2. 2152, 3. 4^. Diese Unentschie- 
denheit ist sehr lehrreich; sie zeigt, daß an beiden Strophen auch nicht das 
geringste Merkmal verschiedenen Ursprungs ist; es werden also wohl beide 
gleich alt und ursprünglich sein. Das Zusammensetzen von halben Strophen 
kommt uns hier zum ersten Male vor. Ich habe gegen diese Art von Kritik, 
die auch Lachmann, obwohl nur ganz selten, geübt hat, principiell nichts ein- 
zuwenden; es ist wohl denkbar, daß ein Interpolator , wenn es nicht anders 
gieng, eine Strophe des ihm vorliegenden Textes auseinanderriß. Ich beurtheile 
abo solche Stellen durchaus nicht anders als alle übrigen. Schönbach hat iii 
seiner Rec. Seite 379 ausgefährt, daß 2152, 3 die Zeile 2152, 2 voraussetze; 
ich glaube, nothwendig nicht; aber W. hat gegen die vier ausgeschiedenen Zeileu 
nichts Triftiges vorgebracht. — Endlich werden noch 2158 —2160 ausge- 
schieden, wofür diesmal gar kein Grund angegeben wird. Noch dazu muß 
W., um 2161 unmittelbar auf 2157 folgen lassen zu können^ in 2161, 1 statt 
mit A bruoder vielmehr mit B swcher lesen; gleich ein Beweis, wie leicht er 
mit der Hss.-Frage umgeht: „B hat die ursprüngliche Lesart bewahrt; die an- 
dern Uss. ändern mit Rücksicht auf die Interpolation". Welche Verwirrung der 
Logik in diesem Verfahren steckt, liegt auf der Hand. Sonst immer mit A zu 
lesen^ und nun, um drei Strophen ausscheiden zu können, gegen die sich gar 
nichts sagen läßt, auf einmal von A abzuweichen, während die La. von A bei 
Erhaltung dieser drei Strophen ganz tadellos ist: ärgere Willkür lässt sich kaum 
denken ; und W. hätte wohl gethan , die „kleineu Mittel des philologischen 
Handwerks^ , von denen er in der Vorrede verächtlich spricht , minder neben - 
Bächlich zu behandeln. An und für sich versteht sich, daß die La. von B 
gleich gut paßt. Innerhalb der drei ausgeschiedenen Strophen soll wiederum 
^if^Q jünger sein als die zwei andem , und in 2158 , 4 soll statt Hagen ur- 



LITTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 211 

sprÜDglich Giselher geDannt gewesen seio; da die Einfuhrnng des Redenden in 
Str. 2160 ohne Nennung seines Namens nicht ursprünglich sein könne* Solche 
Einführung kommt aber gar nicht selten vor ^ und man merkt ja doch , daß 
Giselher der Redende ist. Die Einmischung Hagens steht nach W. im Zusam- 
menhang damit, daß ^Bearbeiter sich bemühten, Hagen auch in dieser Scene 
einigen Antheil an der Handlung zu gewähren.** Ich weiß bloß einen solchen 
Bearbeiter, den^ von dem die „Episode** 2130 — 2144 verfaßt oder eingeschoben 
ist; denn 2148, falls von einem andern Verfasser, ist nur mit Beziehung auf 
die Episode gedichtet. Da ich die Episode als einen integrierenden Theil der 
Dichtung erkannt habe^ so können auch 2158 — 2160 ungerupft bleiben. Der- 
jenige aber, der 21 58, 4 und 2159 Hagen eingeführt hätte, müste doch wohl 
identisch sein mit dem, der vorher schon sich mit Hagen zu schaffen gemacht 
hat ; wir werden uns kaum zwei Bearbeiter mit dieser nemlichen Tendenz thätig 
denken wollen. Wir hätten also innerhalb dieses ersten Abschnitts , um uns 
einmal probeweise ein Bild von W.s Resultaten zu machen , mindestens vier 
Dichter: 1. die alte Erzählung; 2. den Interpolator von 2158 — 2160; 8. den 
Dichter der Episode, von dem auch 2159 herstammen muß^ und 4. denjenigen^ 
der die sentimentalen Zusätze 2116 — 2118 u. s. f.» auch die innerhalb der 
Episode, gemacht hat. Ob 2107. 2148. 2149. 2150 (oder 2152 oder 2150, 
3. 4. 2152, 1. 2.) von einem dieser viere sind, kann man nicht wissen. Aber 
es ist an vieren genug. Was für ein Rattenkönig von Dichtem in 56 Strophen I 
Wie einfach sind dagegen Lachmanns Resultate! — Mit 2161 schließt die 
Erzählung. W. untersucht die folgenden Strophen 2162 — 2171 nicht mehr. 
Ich kann es mir also auch ersparen, zu untersuchen, ob 2161 einen Abschluß 
bildet oder nicht, um so mehr, als, wie wir sehen werden, nach W.s Ansicht 
die hier gefundene alte Dichtung doch ursprünglich noch Weiteres enthalten hat; 
nur was uns von derselben erhalten ist, schließt mit 2161. Ob es aber nicht 
mislich ist, solche isolierte Scenen für sich zu untersuchen und was darüber 
hiuausliegt, auf später zu versparen oder, wie hier, ganz zu ignorieren? Das 
letztere ist jedenfalls ein Fehler; denn aus solchen Übergängen wie 2162 — 
2171 könnte unter Umständen dieß und das über die Entstehung zu folgern sein. 
Auch gegen die Reihenfolge , in der W. die verschiedenen Abschnitte 
untersucht hat und welche nicht durch den Zusammenhang der Überlieferung, 
sondern durch die von W. behauptete Zusammengehörigkeit der verschiedenen 
Stücke bestiiumt ist, ließen sich Einwendungen machen. Aber eine genau auf- 
merkende Kritik kann sich über solche Dinge, welche das Resultat selbst we- 
niger berühren als die Methode seiner Gewinnung, wegsetzen. Wir werden 
jedoch Stellen finden, wo mir die Anordnung, die W. dem Stoffe gegeben hat, 
auch auf die realen Resultate seiner Kritik von Einfluß gewesen zu sein scheint. 



So versetzt uns W. nunmehr mit einem großen Sprung an den Anfang 
der von seiner Kritik umspannten Erzählung und untersucht den Bericht von 
Giselhers Verlobung, Str. 1606—1624. Auch hier finden sich «unerträgliche 
Interpolationen^ oingestreut. Lachmann hatte 1618 ausgeschieden, weil 1613, 2 
des Markgrafen Tochter wieder in den Saal geschickt worden ist, ab^ iai8 
ze hove beschieden wird , als ob sie zuvor anderswo gewesen wftr^ 
vielmehr 1612 ausscheiden. Sein Grund für diese Athetese ist detf 
1613, 1 offenlichen spricht: „als die Jungfrau hinausgegangen ift^ 



212 LTTTERATUS: ZUR KSITIK DER NIBELUNGEN. 

Spielmann offen heraossprechen^. Ich meine, das Wort offenlkhe kann gerade 
so gut motiviert sein durch die Anwesenheit der Jungfrau: obgleich sie da ist, 
spricht Volker doch offen und laut. Den Maßstab modemer Scheu vor solchen 
Dingen wird man nicht anzulegen brauchen und noch viel weniger mit Heinrich 
Fischer, Nibelungenlied oder Nibelungenlieder? Seite 134 deshalb mit A in 
1612, 2 die küenen statt die schämen lesen wollen^ denn die Ritter haben bis 
jetzt den Saal nicht verlassen, können also auch nicht wieder in denselben ge- 
fuhrt werden. — Da aber 1613 in A der selbe spilman nur möglich bt, wenn 
die vorhergehende Strophe echt ist, so verwirft Wilmanns hier die La. von A 
und recipiert die der Vulgata*) der edele spilman: „die Lesart in A setzt schon 
die Verbindung mit der vorhergehenden Strophe voraus*. Eine methodische 
Kritik muste vielmehr zu diesem Schlüsse fuhren : da A, welche sonst zu Grunde 
liegt, 1613, 1 deutliche Beziehung auf 1612 zeigt, so muß 1612 echt sein. 
Ich kann mich dieses Argumentes nicht bedienen; aber ich denke, die Grunde 
gegen 1612 sind schwach genug. — £s fragt sich nun, ob also nicht 1618 
interpoliert sei. An und für sich ist es ebenso auffallend, daß ein Interpolator 
eine solche Incongruenz in der Situation in die Erzählung hineinbringen sollte, 
wie , daß sie dem Dichter selbst entschlüpft sein soll ; denn auch jener wird 
wohl die Situation in der Erzählung, die er interpolieren will, ein wenig über- 
legen. Aber von dieser principiellen Frage abgesehen , ist es gar nicht noth- 
wendig, hier einen unlösbaren Widerspruch zu finden. Der Saal, in dem wir 
uns befinden, ist, wie solche Speisesäle überhaupt, wie insbesondere auch der 
in Etzeinburg , sehr groß; sonst könnten nicht, wie es 1610 erscheint, alle 
Ritter in demselben essen. Es ist also nichts Auffallendes , wenn die junge 
liarkgräfin, die sich schon im Saale befindet, noch besonders ze hove beschieden 
wird; wie auch Zamcke in seiner Rec. Sp. 1665 f. ausfuhrt. Es wird das 
nichts anders bedeuten, als daß nach der Unterredung 1613 — 1617 die Fürsten 
sieh erhoben haben und berathen, und daß man die Jungfrau vom Tische weg 
zu ihnen schickt; — falls die Anwesenden überhaupt noch am Tische sitzen, 
was durchaus nicht nothwendig ist; denn sie können sich auch sonst im Saal 
ergehen. Was ich hier als in der Erzählung vorausgesetzt denke, ist allerdings 
nirgends ausdrücklich gesagt, aber wohl nicht anders zu denken. Auch 1621, 1 
setzt diese Situation voraus. Daß die Erzählung nicht ganz glatt ist, steht kaum 
zu leugnen; allein Widersprüche enthält sie nicht, und man muß mit dem aus- 
zukommen suchen, was da ist, — und das ist ganz wohl möglich. Wir werden 
also sowohl 1612 als 1618 für echt halten dürfen. 

Innerhalb der besprochenen Erzählung hat die Vulgata eine Strophe mehr 
als A, die Str. 1614, 5. Für Lachmann war diese ohnehin eingeschoben; er 
hat aber auch 1615, freilich mit sehr gesuchten Gründen, athetiert. Während 



*) Ich werde ans den kritischen Apparaten von Lachmann and Bartsch nicht 
klar, wie die verschiedenen Hss. hier lesen. In der Aasgabe giebt Lachm ann der edel 
»püman als La. der Valgata an; in den Anmerkungen dagegen verzeichnet er bloß 
die Variante von C der Hure tpileman^ ohne über selbe and edeU etwas anzugeben. 
Bartsch giebt im Text edele; im Lesartenverzeichnis gibt er an y,edele g [so daß man 
meinen maß, B a. s. w. hätten etwas anderes], sdbe A, tiure C. R. v. Math in seinen 
Variantenverzeichnis von A (Zeitschrift für deutsche Philologie 8, 446 ff.) bringt die 
Str. 1613 gar nicht Kurz, es ist nicht klar, wie die Sache steht; ist auch für unsere 
Zwecke hier gleichgiltig. [Alle Hss. außer g haben die gekürzte Form edel, die, da sie 
keine wirkliche Lesart ist, ich aufzofÜhren für uunöthig hielt. K. B.] 



LITTERATUB: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 213 

aber ihm 1615 für älter gelten mußte als die Divergenz nnserer Hss., 1614, 6 
dagegen für ein Werk des Urhebers der Vulgata^ so hält Wilmanns vielmehr 
beide Strophen für gleich alt, mit der Bemerkung: »in A sind hier, wie an 
andern Stellen , jüngere Zusätze unvollständig aufgenommen,^ d. h.^ falls ich 
diese Bemerkung richtig verstehe: in den echten, ursprünglichen Theilen des 
Gedichts fehlt nichts in A, aber interpolierte Stellen sind mitunter in anderen 
Hss. vollständiger erhalten. Wie ich mir nach dieser Aussage das 'Verhältnis 
der Hss. denken soll, weiß ich nicht recht. Es müste der, von dem der A und 
B gemeinsame Urcodex st}immt, in seinem Text die Zusätze irgendwie kenntlieh 
gemacht haben (vielleicht wäre er selbst derjenige gewesen, von dem die letzte 
Zurichtung des Liedes stammt); dann hätte der eine der Abschreiber diese Zu- 
sätze ganz^ der andere nur theilweise aufgenommen. Oder soll man sich eine 
Hs. denken, in der die Zusätze (aber welche?) noch nicht da waren und neben 
der dann eine andere mit den Zusätzen benutzt worden wäre? In beiden Fällen 
scheitert jeder Versuch, sich über das wie ? eine mögliche und klare Vorstel- 
lung zu machen. Das wäre natürlich ganz wohl denkbar, daß A, wie an an- 
dern, ganz alten Stellen, so auch an jüngeren hie und da ausgelassen hätte; 
aber dann ist dieses Auslassen auch jüngerer Zusätze ein reiner Zufall. Und 
das kann W. mit seinen Worten unmöglich gemeint haben. — Ich stelle mich 
von der Hss. -Frage unabhängig und sage: auch mir gefällt 1615 ohne 1614, 5 
nicht sonderlich. R. v. Mnth in seiner Einleitung in das Nibelungenlied S. 146 
hat zu den wenig sagenden Gründen MüUenhoffiB (Z. G. d. N. N. 966 f.*) noch 
einen weitem gegen 1614, 5 gefügt: dieselbe setze „die Werbung eines Königs 
voraus, von der Volker nicht einmal hypothetisch gesprochen hat**. Muth hat 
1614, 1. 2: oh ich ein fllrate wasre und $olde tragen krdne gänzlich übersehen. 
Rüdigers Worte 1614, 5 beziehen sich auch keineswegs auf einen concret ge- 
dachten Fall; und ich finde, Gemots Worte 1615 passen viel besser auf Rfi- 
digers Bedenken als auf Volkers Äußerung hin: ;,doch, ich wäre gleich dazu 
bereit, sold ich triutinne nach minem willen hdn'^, W. ninmit das für eine n un- 
verholene Liebeserklärung^. Im Gegentheil: in Gemots Worten liegt ausdrück- 
lich gesagt, daß er nicht in der Lage sei, ein Weib zu nehmen. Uns zu offen- 
baren, warum, das können wir von dem Dichter nicht verlangen, der es wohl 
selbst nicht wüste: er fand in der Sage Gemot als unverheiratet und Giselher 
als Rüdigers Eidam und brauchte für beides keine weiteren Motive zu erfinden. 
Damit erledigt sich W.s Frage: „wozu wird der jüngere Brader mit Gewalt 
vorgeschoben, da der ältere so heiratslustig ist.^ Daß Hagen „möglichst un- 
natürlich^ das Wort nehme (1615 f.), ist Geschmackssache; auch die Behaup* 
tung, daß „der grimme Hagen unbeteiligt bei dem Liebeshandel * sein müsse, 
ließe sich damit entkräften , daß er doch seinerzeit zu Günthers Vermählung 
mitgeholfen hat; aber ich gebe zu^ daß der ganze Vorgang uns etwas ge- 
zwungen und überrumpelt erscheint; den Zeitgenossen wobl nicht so sehr. Der 
Dichter hatte hier schweres Spiel: Giselher und die junge Markgräfin haben 
sich noch nie gesehen ; er konnte also die Verlobung nicht durch eine vorher- 
gängige offene oder geheime Liebe, wie etwa bei Siegfried und Kriemhild, mo- 



*) Ich kann nur nach der Seitenzahl der allg. Monatssehrifl f. W. u. L. von 
1864 eitleren, da mir der Separatabdmck nicht zu Gebote steht R. v. Muth a. a. O. 
gibt S. 90 an. 



214 UTTERATUB: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 

ÜTiereii. Ein modemer Dichter hfttte eine solche Erzählung gar nicht geschaffen, 
und wo er, einen überlieferten Stoff behandelnd, auf eine derartige ungute Er- 
zählung gestoßen wäre, hätte er die Motive verändert. Der alte Dichter schaltet 
mit dem Stoff nicht so frei , und demgemäß hat er aus der vorliegenden Er- 
zählung uomöglich ein großes Kunstwerk gestalten können. Denn das wird sie 
auch Dicht dadurch, daß man mit Lachmann und Wilmanns 1616 unmittelbar 
auf 1614 folgen läßt, wodurch die Erzählung nicht schlechter, aber auch nicht 
besser wird. Leicht mag es sein wie R. v. Muth Z. f. d. Ph. 8, 486 f. aus 
der Thidrekssaga , wo Giselher statt Gemots das für Rüdiger todbringende 
Schwert erhält, und aus manchen Stellen des N. L. folgert, daß die Erzählung 
in einer älteren Sagengestalt anders war, daß besonders Giselher eine größere 
Rolle spielte, und dabei mag auch seine Verlobung anders und besser berichtet 
gewesen sein; aber das ist eine Möglichkeit, deren Erwägung auf die kritische 
Betrachtung unserer Stelle keinen Einfluß hat. 

Auch in dieser Erzählung aber sollen , ähnlich wie wir s bei der von 
Rüdigers Tod gefunden, „zwei Schichten von Bearbeitung übereinander liegen". 
Wilmanns nimmt Anstoß daran, daß Rüdigers Tochter erst im Saale ist, dann 
fortgeht und dann wieder eingeführt wird. Er sagt: „Wo eine Person auftritt^ 
dann ohne etwas gewirkt zu haben, weggeht, und von neuem herbeigerufen 
werden muß, hat man in überarbeiteten Gedichten immer Ursache aufmerksam 
zu sein. Ich glaube, daß in der ursprünglichen Dichtung die junge Markgräfin 
im Saale blieb und zugegen war, als Volker seinen Antrag stellte^. In dem 
Texte, wie er überliefert ist, ist sie auch wirklich zugegen; bloß die Athetese 
von 1612 hat sie weggeschafft. Daß das N. L. ein überarbeitetes Gedicht sei, 
hat sich uns bis jetzt nicht gezeigt. Und endlich ist das Weggehen der jungeo 
Markgräfin und ihr Wiederkommen nicht unbegründet. Zarncke hat in seiner 
Rec. Sp. 1665 darauf hingewiesen, daß auch bei Brünhilde und Kriemhilds 
Vermählung diese beiden Fürstinnen die einzigen Damen sind, die am Abend- 
essen theilnehmen. Nach Str. 558 sind die burgundischen Damen in ein tdl 
tnUeM gadem gegangen , also gewiß ebenso Brünhilds Begleiterinnen; ferner 
hat sieh nach derselben Strophe auch Rriemhild entfernt, die erst als Siegfrieds 
Gattin 571 zum Essen kommt; könnte sie schon als Prinzessin und nicht bloß 
als Königin daran theilnehmen, so hätte sie sich nicht vorher zurQckgezogeu. 
Etwas anders liegt die Sache bei der Bewirthung der Burguuden durch Kriem- 
hild. Da während des Mahles sich der Kampf erhebt ^ so konnte der Dichter 
keine Damen im Saale brauchen. Aber daß er sie abwesend denken konnte, 
ohne das zu erwähnen , beweist , daß nach seiner Anschauung bei höfischen 
Banketten bloß die Landesfürstin anwesend sein durfte. So auch in unserer 
Erzählung, wo der Dichter 1610 noch zum Überflüsse sagt: nach fjewonheife so 
ächieden n sich dd, ritteve unde vrouwen die giengen anderswä. Es ist aus diesen 
Stellen deutlich genüge daß die Erzählung des N. L. in diesem Punkte durch- 
aus deutscher Sitte folgt; s. Wcinhold , die deutschen Frauen, S. 387. 389. 
Vor und nach dem Essen aber ist die Zeit der Unterhaltung mit den Damen 
gewidmet. — Für seine Annahme hat jedoch W. auch spccicUc Gründe. 1609, 4 
der edel videlasre dem wirie holden willen truoc ist von der Erzählung, womit 
Volker diesen holden willen bewiesen habe, durch 1610 — 1612 gcti*ennt. Für 
Lachmann war das ein Grund, 1609 auszuscheiden; W. betrachtet vielmehr 
die ihr folgenden Strophen als jünger. Die Worte 1609 , 4 sind eine jener 



LITTERATÜR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 215 

häufigen Vorausweisungen , die mitunter wirkungsvoll angebracht , groOentheils 
aber bloßes FHckwerk zur Ausfüllung der Strophe sind. Wir dürften sie nur ver- 
werfen nach gründlicher Prüfung aller Fälle, nicht aber so wie hier geschieht, 
eine jede Strophe für sich. Fast denselben Fall hatten wir 2107, worüber oben 
nachzusehen. Ferner soll nach W. das Lob Gotelinds 161 3 „durch den Fort- 
schritt der Erzählung nicht gefordert^ sein und 1614 gar nicht an dieses Lob 
anknüpfen; auch daß Volker 1614 noch einmal als redend eingeführt wird^ 
errege Anstoß. In Beziehung auf 1613 hat W. selbst zugegeben, daß sie |,der 
Situation angemessen^ sei; die Verbindungslosigkeit zwischen 1613 und 1614 
befremdet bei einem strophischen Gedichte nichts und ist, wie die nochmalige 
Erwähnung des Redenden, gar nichts Unerhörtes. Aus diesen sehr schwachen 
Prämissen folgert nun W.^ daß 1610. 1611. 1613 eine Interpolation seien, und 
zwar eine ältere als 1612. 1614,5. 1615. Möglich sei, daß 1609 jünger sei 
als 1608 , da die Zeilen 1 — 3 „bedeutungslos^ seien (ein sehr geringer 
Grund!), aber jedenfalls älter als 1610 ff. — Wenn 1613 und 1614 nicht 
zusammenpassen^ so genügte es, 1613 auszuscheiden ; womit ich gewiß keinen 
positiven Gegenvorschlag machen, sondern nur zeigen will, wie aus W.s Grün- 
den, auch wenn man sie zugibt, nicht immer seine Resultate nothwendig folgen. 
Aus der spätem Entstehung von 1610. 1611. 1613 folgt weiter, daß 
auch die Stelle , wo die junge Markgräfin wieder hereingerufen wird , jünger 
sein muß. W. wirft 1617, 3. 4. 1618, 1. 2 aus; seine Gründe sind freilich 
so schwach als möglich: 1617, 3. 4 „weisen unnöthig in die Zukunft^, 1618, 1 
ist einfach „überflüssig^. Da wir für die Athetcse von 1610. 1611. 1613 gar 
keinen Grund gefunden haben, so fällt auch jeder für die Entfernung der ge- 
nannten vier Zeilen hinweg. Weiter gehören dieser älteren Interpolation an: 
1619. 1620, wo das ausgeführt wird, was in 1617, 3. 4 angedeutet ist. Da 
ich diese zwei Zeilen aus der echten Dichtung auszuscheiden keinen Grund ge- 
funden habe, so ist auch für die Athetcse von 1619. 1620 keiner mehr vor- 
handen. Daß Gernot, „ohne daß es in der Sache begründet wäre,^ angebracht 
sei wie 1615, ist nicht richtig. Es ist doch ganz in Ordnung, wenn Günther 
und Gernot als die beiden altem Brüder^ die beide gleichermaßen zur Sache 
zu reden haben, auch beide den Eid leisten. In 1621 — 1623 findet dann 
Wilmanns wieder alte Dichtung, so daß der älteren Interpolation die Str. 1610. 
1611. 1613. 1617, 3. 4. 1618, 1. 2. 1619. 1620 angehören. Ob 1624 noch 
zur alten Dichtung gehört, lässt W. zweifelhaft. — Er stellt nunmehr die in 
den beiden untersuchten Abschnitten als ursprünglich erkannten Strophen zu- 
sammen mit der Bemerkung: „Daß man nicht glauben darf, in ihnen Wort für 
Wort die alte Dichtung wieder zu haben, daß man vielmehr annehmen muß, 
die mehrfache Überarbeitung habe auch in den altem Stroph>3n den Text nicht 
unberührt gelassen, scheint mir selbstverständlich'^. An sich finde ich das auch 
sehr natürlich, und ich gestehe, daß mir an Lachmanns Theorie nichts uner- 
träglicher erscheint, als eben die Annahme, daß die echten Strophen noch ge- 
rade so, wie sie gewesen, sollen herausgeschält werden können. Aber für W.8 
Kritik muß dieser Satz nothwendig sehr gefährlich sein. Wie oft führt er rein 
formelle Gründe für seine Athetesen an! Hier ist der Ausdruck zu weichlich, 
dort zu stark ; hier der Zusammenhang zu locker, dort zwischen zwei Strophen, 
die in der Überlieferung durch jüngeres Machwerk getrennt sind, ein genauer, 
bis auf wörtliche Gleichheit sich erstreckender Znsammenhang: wird dai af 



216 UTTERATUB: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 

iiDd ein gut Tbeil yon W.s kritischen Handhaben nicht alteriert darch die An- 
nahme, daß der echte Text der alten Strophen doch manchmal von dem jetit 
überlieferten verschieden gewesen sei? Laehmann und Müllenhoff haben sehr 
wohl gewost, warum sie einer solchen Annahme keinen Raum gaben: sie maß 
todtlich für jede Kritik sein, die so atomistisch verfährt (s. auch Schönbach, 
Zs. f. ö. G. 1877, 878.). 

Die beiden bis jetzt betrachteten Abschnitte schreibt W., wie ich ange- 
deutet habe, demselben Dichter zu. Es sei denkbar, daß sie von verschiedenen 
Dichtem herrühren; aber durch die überlieferten Strophen werde für eine solche 
Annahme kein Anhalt gegeben. Ich meine, ein Kritiker, der so radikal zu 
Werke geht, der die einzelnen Abschnitte der Dichtung in bunter Reihenfolge 
einer Kritik unterwirft , welche in 19 Strophen mindestens drei verschiedene 
Verfasser findet, sollte anders zu Werke gehen. Ihm muß jeder Abschnitt echter 
Dichtung y den er aus dem Wust des Unechten glücklich herausgeschält hat, 
zunächst ein Stück für sich sein , das er einstweilen zurücklegt , bis er nach 
Prüfung des ganzen Complczes der Tradition versuchen kann , wie das bisher 
Vereinzelte sich am besten gruppieren lasse. Erlaubt er sich, schon vor Been- 
digung der ganzen Untersuchung zwei Stücke als Werke desselben Verfassers 
zu combinieren , so kann er dieß , gemäß seinem Verfahren und seinen schon 
erreichten Einzelresultaten , nur thun auf Grund besonders genauer Überein- 
stimmung in den Motiven, wo diese in anderen Theileu der Dichtung abweichen 
(W. hat aber noch keine solchen untersucht), und in der äußern Form. (Daß 
diese, welche für die Kritik das allerwesentlichste Hilfsmittel bilden muß, bei W. 
viel zu kurz kommt, haben schon Andere bemeriLt und werden wir bei Gelegen- 
heit noch mehrfach sehen.) Statt aber dermaßen zu verfahren , hat W. auf 
Grrund sehr vager Vergleichungspunkte die Zusammengehörigkeit beider Ab- 
schnitte statuiert und darauf später Folgerungen gebaut, die ohne dieses Fun- 
dament nicht Stand halten können. — Die beiden Abschnitte „stimmen nach 
Inhalt, Composition und Stil durchaus zusammen **. Das ist kein Moment, so 
lange nicht noch andere Theile untersucht sind, die nicht dazu stimmen. 
Übrigens ist hinsichtlich des Inhalts die Übereinstimmung zwischen den ver- 
schiedenen Theilen des Gedichts in allem Wesentlichen so groß, daß es kein 
Wunder und von keiner Beweiskraft ist, wenn in 19 -f ^6 (oder nach Ent- 
fernung des Unechten in 10 -f- 22) Strophen keine Discrepanzen vorkommen. 
Den Stil hat W. gar nicht untersucht. Hinsichtlich der Composition bringt er 
Einiges bei. Die drei Könige stehen beide Male im Vordergrund; neben ihnen 
Volker, vgl 1613 ff. mit 2110 (eine äußerst gesuchte Parallele); Hagen ist 
beide Male durch einen Bearbeiter hereingebracht worden. Diese Verhältnisse 
ändern sich natürlich sofort, wenn man W.s Atbetesen verwirft, sind aber auch 
an sich nicht sehr wesentlich. Es verschlägt nichts , wenn der sonst sehr im 
Vordergrund stehende Hagen einmal für eine kleine Anzahl von Strophen in 
den Hintergrund tritt, und bei der Verlobung hat ja W. ausdrücklich gesagt: 
„der grimme Hagen ist unbeteiligt bei dem Liebeshandel '^. Also würde — W.s 
Atbetesen als richtig angenommen — Hagens Zurücktreten beide Male nicht den- 
selben Grund haben. Volker spielt überall im zweiten Theile des Gedichts eine 
bedeutende Rolle; über die mangelhafte Analogie zwischen 1613 ff. und 2110 
brauche ich nicht weiter zu reden. Daß die drei Könige in den Vordergrund 
treten (übrigens soll ja die Erwähnung Gamets in der Verlobungsscene inter- 



UTTERATUB: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 217 

poliert sein!), ist nichts von anderen Theilen des Gedichts Abweichendes. Der 
Dichter weiß ihnen überall , wo sie der Situation nach überhaupt auftreten 
können, die gebührenden Ehren zu erweisen, und wenn er Andere, wie c. B. 
Volker , mitunter in helleres Licht rückt, so ist das eine sehr dankenswerthe 
Abwechslung. — Daß beide Scenen mehrfache Bearbeitung erfahren haben, 
würde dann eine Wahrscheinlichkeit für die Identität des Verfassers bilden 
können , wenn auch die Identität der Interpolatoren nachgewiesen wäre ; W. 
nimmt dieselbe als wahrscheinlich an , findet aber keine „entscheidenden Be- 
weise^. Seltsam nimmt sich in diesem Zusammenhang , wo die Zusammenge- 
hörigkeit der zu Grunde liegenden alten Dichtung erwiesen werden soll , der 
Zusatz aus: |,Dic Prüfung des Abschnittes [1626 — 1650], in welchem die Bur- 
gunden sich aus Bechelaren verabschieden und Gemot das verhängnisvolle 
Schwert erhält , wird du*. Thätigkeit desselben Literpolators deutlich erkennen 
lassen. Doch muß sie noch aufgeschoben werden'^. Seltsam nicht an sich, son- 
dern deshalb: jedermann wird aus diesem Satze indirect vermuthen, daß auch 
die in 1626 — 1650- enthaltene Erzählung in ihren echten Theilen unserer bis 
jetzt gefundenen alten Dichtung angehöre; dennoch ist dort das Resultat der 
Untersuchung, wie wir sehen werden, ein ziemlich anderes. 

Dieß die Einwendungen, die ich gegen die Zusammenwerfung der beiden 
Abschnitte von Wilmanns' Standpunkt aus zu machen habe. Ich selbst 
glaube denselben Dichter für den ganzen von ihm untersuchten Theil des Ge- 
dichts nachweisen zu können, also auch für die beiden zuerst behandelten Scenen. 



Der dritte Abschnitt, der zur Untersuchung kommt, ist Str. 2072 — 

2105 , Rüdigers Entschluß gegen die Burgunden zu kämpfen. Auch 

dieser Abschnitt gehört in seinen ältesten Theilen derselben Dichtung an; aber 
wir dringen hier schon tiefer in die Hauptfragen der Kritik ein. 

Gleich zu Anfang des Abschnitts sind die Str. 2073. 2074 von „ganz 
wirkungslosem Inhalt^ ; was uns nicht hindern wird , sie für ursprünglich zu 
halten. Ich muß an die Athetese dieser Strophen eine weitere Bemerkung 
knüpfen. „An Str. 2072 , 4 daz weinte innecliche der getriuwe Rüedegir schließt 
sich ganz genau 2075, 1 Do sack ein Hiunen recke. Rüedegeren atdn mit weinenden 
ougen,"' Mit solchen Congruenzen hat Wilmanns öfter operiert, und wir werden 
demselben Motiv noch öfters begegnen. Ob es gerade ein Vorzug eines Dich- 
ters ist^ wenn er in dieser Weise zu Anfang einer Strophe das wörtlich wieder 
aufnimmt, was er in der vorhergehenden gesagt hat, oder ob es nicht eben so 
schön ist, wenn er eine oder zwei Strophen dazwischen legt, läßt sich im All- 
gemeinen nicht ausmachen. Aber dieses Motiv ist nur eine concreto Anwendung 
des an W. schon gerügten Bestrebens, die ganze Erzählung kritisch so zuzu- 
stutzen, daß Alles Schlag auf Schlag geht, wie bei einer logischen oder mathe- 
matischen Entwicklung. — Jünger soll auch 2076 sein , weil überflüssig und 
den Satz von 2075 fortsetzend. Ich möchte diese Strophe ungern missen; 
kräftig iflt der^ höhnische^Hinweis^ darauf ,^! wie viel Rüdiger Etzels Güte vor- 
danke; dieser Vorwurf des Undanks kann in 2075 schon liegen, wäre aber 
dort nur zweideutig ausgedrückt, sofern 2075, 4 allein eher den Vorwurf der 
Feigheit zu erheben scheinen würde; nur diesen oder den der Faulheit enthält 
auch 2077. Auch dürften die gleichen Reime 2075, 3. 4, 2077, 1. 2. die 
Athetese nicht empfehlen. 



218 LITTER ATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 

Wichtiger ist das Folgende. Wilmanns nimmt Anstoß an der Einmischung 
Etzels in die Scene nnd will ihn ans der ursprünglichen Dichtung entfernen. 
Spuren davon findet er in den Str. 2075. 2079. 2082. 2084. — 2075 wird 
Ton Etzeln in dritter Person geredet , woraus folgen soll , daß ^der Dichter 
dieser Verse den König sich als anwesend nicht vorstellte''. Daß nicht selten 
das Nomen proprium für die erste oder zweite Person (und hier ist nicht ein- 
mal Etzcl angeredet) eintritt , brauche ich nicht auszuführen ; s. Muth, Z. f. 
d. Ph. 8, 489. — In 2079 und 2082 soll Etzels Nennung und Auftreten 
„seltsam'' und „höchst überraschend" sein; warum, wird uns nicht gesagt, und 
auf Mnth's Entgegnung a. a. O., daß ja Rüdiger 2072 ee hove, also zu Etzel 
und Kricmhild gegangen ist, dürfte nichts su erwidern sein. Scheinbarer ist 
2084: do kam diu kiiniginne\ als ob Kriemhild nicht schon da wäre, da doch 
der Hiunen recke 2075 ff. zu ihr spricht. Allein als schon zuvor anwesend, 
wenigstens als Augenzeugin , wird sie gleich in den nächstfolgenden Worten 
imd het ez ouch gesehen u. s. f. genannt Somit kann unter kom, wie Schönbach, 
Z. f. ö. 6. 1877, 379 bemerkt, nichts anders verstanden werden als „trat herzu **, 
zu Etzel und Rüdiger*). Letzterer geht eben zu Hofe, als der Zwischenfall mit 
dem Ileunen sich ereignet ; Etzel mag 2082 ihm näher treten , und dasselbe 
thut Kriemhild 2084; die ganze Scene aber spielt in nächster Nähe des Kö- 
nigspaars. Daran wird nichts auszusetzen sein. 

Freilich führt W. noch tiefer liegende Gründe gegen Etzels Betheiligung 
an unserer Scene vor. Er glaubt, daß in einer wohlgeordneten Dichtung Rü- 
diger nur durch die Eriimcrung an seinen Eid, den er als Freiwerber um Kriem- 
hild dieser geschworen hat, zum Kampfe bewogen werden durfte. Wollte der 
Dichter auch die Lehenspflicht und die schuldige Dankbarkeit gegen Etzel er- 
wähneui so konnte er das in erster Linie thun, um dann endlich die Entschei- 
dung durch Kriemhilds Erinnerung an den ihr geleisteten Eid herbeizuführen. 
Das wäre eine schöne Steigerung gewesen. „Aber so ist es nicht in unserer 
Dichtung. Sie bietet nur ein trübes Durcheinander.'' Auch später erwähnt Rü- 
diger nur seine Verpflichtung gegen Kriemhild^ nicht gegen Etzel: 2103 kh 
muoz tu (Kriemhilde) leisten, als ich gelopt h/in; 2115 ich muoz mit iu strlten, 

wan ichz geloht hän micJi enwoltes niht erläzen des künic Etzelen wip. 

Um mit dem Letzten zu beginnen, so ist das ganz in Ordnung« insbesondere 
den Burgunden gegenüber. Nur der Eid , den er Kriemhilde geschworen hat, 
kann Rüdiger stricte verpflichten, weil auch sie ihre Gegenverpflichtung, Etzeln 
zu heiraten, endgiltig erfüllt hat. Sein Lehen will Rüdiger, um der Lehens- 
p flicht ledig zu werden, sofort in Etzels Hände zurückgeben, 2094, und 
Etzel kann darauf nicht erwidern , daß er das nicht annehme , daß Rüdigers 
Verpflichtung fortdauere, sondern er kann nur Versprechungen machen, über- 
haupt wird Rüdiger nirgends direct an seine Lehenspflicht erinnert. Was die 
Anordnung des ganzen Gesprächs betrifft ^ so kann ich mir allerdintJ:8 ein«' 
strenger geordnete und durch consequente Steigerung vielleicht auch noch kräf- 
tiger wirkende denken, in der Art wie Wilmanns, Aber abgesehen davon, daß 
es ein sehr zweifelhaftes Vorgehen ist , auf den Mangel einer solchen stren- 
geren Anordnung einen Schluß grüuden zu wollen, so fragt sich auch, ob nicht 



*) Man braucht also nicht mit Muth a. a. O. kom als Plusquamperfectiim 
zu fa88€n. 



LITTERATUB: ZUR KHITIK DER NIBELUNGEN. 219 

diese — um einen vielleicht zu starken Ausdruck zu gebrauchen — (Jnord- 
nuDg selbst gut und beabsichtigt ist. Ich finde sie charakteristisch für die lei« 
denschaftliche Erregung dieser Scene. Jeder bringt in seiner Erregung vor^ was 
er gerade weiß, und es geht dabei naturgemäß nicht so genau nach den Ge- 
setzen einer regelrechten Steigerung zu. 

Wegen der Erwähnung Etzels athetiert also W. 2082—2085. 2089— 
2102. Ich muß hier zunächst fragen: was bleibt nach Ausscheidung der letzten 
14 Strophen überhaupt noch übrig? So gut wie nichts, und ich glaube, jeder 
poetisch Nachempfindende wird den Dialog , so wie er überliefert ist , mit all 
seinem Durcheinander , der nackten Erzählung 2086. 2088. (denn , wie wir 
später sehen y soll auch 2087 jünger sein) 2103 ff., in der freilich nichts fehlt 
ak — die Poesie, unbedingt vorziehen. Weiterhin ist gar nicht abzusehen, wie 
2086 auf 2081 passen soll. Auf beide Einwürfe wird allerdings W., nach dem, 
was wir unten sehen werden, die Antwort haben, daß durch die dazwischen- 
liegenden unechten Strophen Ursprüngliches verdrängt worden sei. Allein ich 
glaube , es ist ihm hier das Ungeschick begegnet , daß er mit 2082. 2083, 
welche wegen Etzels unecht sein müssen . ohne Noth auch die folgenden zwei 
Strophen verworfen hat (wofür er nur den Constructionsübergang anführt), welche 
Etzels Anwesenheit gar nicht nothwendig voraussetzen (das Wort ouch 2084, l 
könnte ja von dem Interpolator von 2082 f. eingeschoben sein, und dem künigt 
2085, 1 könnte mit dem nemlichen Grund oder Ungrund für Etzels Abwesen- 
heit angeführt werden, wie bt Etzelen 2075, 4); denn daß das kom 2084, 1 
keinen Anstoß geben darf, ist schon entwickelt. In der That , W. hätte von 
seinem Standpunkt aus mit 2080. 2081. 2084—2086. 2088. 2103 u. s. f. 
eine richtige und tadellose Erzählung herstellen können, mit deren Herstellung 
weitere kritische Schlüsse weggefallen wären. — Es ist aber an der ungenü- 
gend motivierten Ausscheidung der Str. 2082 — 2085. 2089 — 2102, die wegen 
ihres gemeinsamen Motivs jedenfalls denselben Urlicbcr haben müssen, noch 
nicht genug. Innerhalb der Str. 2089 — 2102 sind noch jüngere Interpolationen 
ausgeschieden worden, gegen deren Athetese ich gröstentheils dasselbe zu sagen 
habt',. was oben über die Unorduuftg des ganzen Dialogs bemerkt worden ist. 
— t^09i3 „ist ganz überflüssig und weicht aus dem eingeschlagenen Gedanken- 
gang^. 2097 schiebt sich „fremdartig^ zwischen die zusammengehörigen Str. 
2096. 2098. „Unklar gedacht** ist 2091, da Rüdiger unmöglich si beide Idzen, 
(\, h. weder kämpfen noch nicht kämpfen kann. Alle drei Strophen haben das 
Gern einsame, daß Rüdiger in ihnen darauf Rücksicht nimmt, was die Leute von 
seinem Verhalten sagen werden. Ist diese Frage eines Helden, dem die Ehre 
Alles ist, so gar unwürdig? Wegen dialektischer Reflexion hat W. auch die 
Strophen 2087 und 2090 für jünger erklärt; femer 2089, weil 20d 2 do bäten 
si yenote matt sei nach si buten sich ze fuoze beide für den man (W. weicht in 
seinem Citat von A unnöthigcrweisc ab). Die letztgenannte Athetese ist ganz 
grundlos; können nicht, falls W. eine so genaue Steigerung verlangt, Etzel 
und Kriemhild noch in 2092 Rüdigern zu Füßen liegen? Von allen andern 
gilt das oben Gesagte. Solche Dialektik, solch unstätcs Herumirren des Geistes 
in allen möglichen Gründen für und wider wird Jeder begreifen und echt psy- 
ehologisch geschildert finden, der solche Pflichtenconflicte mitempfinden kann. 
In einer solchen Aufregung des Geistes wird leicht, wie 2097 geschehen, logisch 
ZuRnmmengehöriges unterbrochen durch eine sich plötzlich vorschiebende Re- 



220 LFTTERATUB: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 

flezion anderer Art ; in einer solchen ist TermeintUch scharfe , in Wahrheit 
widerspruchsvolle Dialektik, wie 2091 , sehr natürlich*); nnd der mit sich 
kämpfende Verstand greift auch leicht zu einer Distinction , wie 2087 : ich 
swtwr tu , edel wtp , daz ich durch iuch wägte die Sre unde ouch den lip : deu 
ich die srle fliese, desen h&n ich nihi geewom ; welche auch an sich nicht wider- 
sinnig ist. Ohnehin ist W.s Bemerkung zu der letztgenannten Strophe: „ein 
Gedanke, der doch weiterhin nicht Tcrfolgt wird**, ganz unrichtig; s. 2103 do 
liez er an die wäge eile unde Itp. — W.s kritisches Princip faßt sich in seinen 
Worten zusammen: „die Reflexionen. .. .sind für den Fortschritt der Erzählung 
tiherfliissig^ ; für die Poesie der Darstellung nicht. — ,, Durch den stärkeren 
Ausdruck (2089 — 2091) wird sich wohl jüngere Dichtung ankündigen'' ist un- 
bewiesen; ein andermal gerade durch den sehv^cheren und matteren. — End- 
lich ist es gar nicht wahr, daß 2093 aus dem eingeschlagenen Gedankengang 
weiche: die Strophe enthält keine anderen MotiTe, als die umgebenden Strophen, 
und W. hätte sie mit eben so viel Grund als eine aus diesen zusammengestop- 
pelte Interpolation wegwerfen können. 

Ich durfte hier etwas ausführlicher sein ; denn an die Ausscheidung Etzels 
knüpft W. , wie wir gleich sehen, Folgerungen von größerer Tragweite, als 
die zuvor gemachten Athetesen gehabt haben. Wie schon angedeutet, liegt die 
Sache hier nicht ganz wie in den ersten zwei Abschnitten. Dort waren so und 
so viel Strophen übrig geblieben, welche eine wohl zusammenhängende Erzäh- 
lung bildeten , und in diesen Strophen hatte W. die ursprüngliche Dichtung 
wiederzufinden geglaubt. Hier hat sich die Bearbeitung weiter erstreckt als 
dort. „Wie viel von der alten Dichtung in der Bearbeitung erhalten ist, wird 
sich genau nicht bestimmen lassen.'* Als Vermuthungen stellt W. auf, daß in 
2079 und 2080 je die drei ersten Zeilen alt seien; femer könnte 2082 alt 
sein, wenn ursprünglich Kriemhild statt Etzels redete. Sicher alt seien 2088 
und 2103^ welche den Anschauungen der alten Dichtung, nicht aber der Be- 
arbeitung gemäß seien. Bleiner Ansicht nach passen beide Strophen vollkommen 
in den Contezt. In 2088 nimmt W. Anstoß an der Antwort Rüdigers ich hdn 
iu**) selten iht verseit; soll das heißen: also thnc ich auch dießmal Euern Willen, 
so sind die folgenden Bitten überflüssig; soll es heißen: aber dießmal kann ich nicht 
gehorchen, ^dann wäre gerade der Hauptgedanke verschwiegen''. „Ursprünglich 
mag die Strophe iu einem Zusammenhang gestanden haben, in dem sie verständigen 
Sinn hatte." Sie hat solchen aucf^ in dem überlieferten Zusammenhang. Es ist 
eine ganz charakteristische Verlegenhcitsantwort (wenn mir dieser etwas niedrige 
Ausdruck erlaubt ist)^ welche Rüdiger gibt, wie man deren im Leben bei ähn- 
lichen Mahnungen an früheres Versprechen, frühere Treue u. s. f. täglich hören 
kann ; und daß die Folgerung , welche aus den Worten für die Zukunft zu 
ziehen wäre, zweifelhaft gelassen ist, ist ja eben Absicht. Man denke sich diese 



*) Schr^nbach a. a. O. 380 hat bemerkt, daß man diese Strophe nicht ^mit 
zu modemer Logik" auffassen dürfe. An sich schon ein genügender Grund gegen 
Wilmanns, doch glaube ich einen tiefer reichenden gefunden zu haben. Natürlich bin 
ich nicht der Meinung, als ob der Dichter absichtlich, um Rüdigers Seelenstimmung 
zu malen, solche Unlogik geschrieben hätte; das wäre wiederum modern. Aber die 
Aufregung der Situation hat sich ihm mitgetheilt. 

**) R. V. Muths Ausführungen a. a. O. S. 490 über das von W. weggelassene i 
sind gegenstandslos, da die Stelle mit und ohne dieses Wort Sinn hat. 



LITTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 221 

Worte nur in dem richtigen, düster- unentschiedenen Tone gesagt, um sie vor- 
trefflich zu finden. Daß die Strophe zu der „ Bearbeitung**, d. h. zu dem Über- 
lieferten, ganz gut passt, glaube ich gezeigt zu haben; inwiefern sie aber ge- 
rade ^den Anschauungen der älteren Dichtung gemäß ** sein soll, sollte W. doch 
genauer sagen. Ebenso wenig verstehe ich diese Aussage von 2103. Hier ist 
der Widerspruch, daß Kriemhild 2103 weint^ nachdem sie 2102 froh geworden 
ist, etwas scheinbarer; aber sollte ein Bearbeiter, dem 2103 vorlag , diesen 
Widerspruch erst hineingetragen und sollte nicht Kriemhild bei aller grimmigen 
Freude, in die Rüdigers Zusage sie versetzt hat, in der ganzen Situation Grund 
genug haben , gleich wieder in Thränen auszubrechen? Jedenfalls kann ich 
nicht sehen , wieso Kriemhilds Weinen der alten Dichtung besonders gemäß 
war, da von dieser in vorliegender Erzählung fast gar nichts mehr übrig ist. 
— Wenn nun 2103 der alten Dichtung angehört , so wird darauf nach W. 
gleich 2106 gefolgt sein. Denn 2104 erwähnt Etzeln, und 2105 ist ohne 2104 
nicht möglich. Für mich fallt natürlich dieser Schluß weg. 

Derjenige , der die alte Dichtung in dieser Scene so durchgreifend um- 
gestaltet hat, muß schon deshalb ein anderer sein , als irgend ein Interpolator 
der zwei ersten Scenen. W. findet das aber noch ans einem andern Grunde. 
Der Bearbeiter soll eine Gestalt der Sage gekannt haben , in welcher (s. o.) 
statt Rüdigers Dietrich durch Kriemhild in den Kampf getrieben wurde. Daß 
Überhaupt für die Annahme einer solchen Sagengestalt kein Grund vorliegt, 
habe ich oben ausgeführt; und ich könnte hier, nach dem inzwischen Gesagten, 
beifügen , daß sie auch sehr unwahrscheinlich sei , da Etzel und Kriemhild 
Dietrichen gegenüber keinen zwingenden Grund zum Eingreifen aufzuweisen 
haben, denn sein Verhältnis zu Etzel kann er jeden Augenblick aufheben; 
wie sollte also er, der den Burgunden so nah Befreundete, sich zum Kampfe 
bewegen lassen? Worauf es aber ankommt, ist die Frage, wo sich denn hier 
diese supponierte Sagengestalt verrathe? W. meint; in Str. 2094 f. Sparen da- 
von zu finden. 7)Die Verheissang du solt ein küfdc gewaUic M neben Etzelen 
am (2095, 4) und hir künicj nu nemt hin widere moaz ich van iu hdn^ ich wil 
af mtnen füezen in daz eilende gdn (2094, 2. 4) gewinnen ganz andere Bedeu- 
tung, wenn man dabei an König Dietrich und sein Geschick denkt. '^ Es fragt 
sich, ob die Worte 2094 in Dietrichs Munde, der sich im N. L. trotz seiner 
Abhängigkeit von Etzel doch ganz selbständig geriert , so passend wären , wie 
in dem Rüdigers, dessen Lehens Verhältnis zu Etzels ein öfters gebrauchtes Motiv 
ist. Vor Allem aber ist gegen W. zu sagen , daß beide Stellen auf Rüdiger 
ganz vollkommen passen und man durchaus keine Berechtigung hat, zu fragen^ 
wo sie etwa noch besser passen würden. 

Falls aber W. Recht hätte, was hat den Bearbeiter bewogen, Etzeln in 
diese Scene einzuschmuggeln? Die Antwort ist sehr einfach: ganz dieselben 
Motive, welche nach Anderer Ansicht den gemeinsamen Dichter bewogen haben, 
Etzel hier auftreten zu lassen. Es ist ihm von den Burgunden so viel Unglück 
widerfahren , daß er unmöglich ganz passiv bleiben kann. Da es nun nicht 
denkbar ist, daß ein Dichter, der die Ereignisse von der Ankunft der Burgun- 
den an bis zum Saalbrand erzählt hatte, Etzeln hier nicht erwähnt haben sollte, 
so muß folgen, daß der Dichter, der hier Etzels nicht erwähnte, d. h. der Ver- 
fasser der bis jetzt zu Grande liegend gefundenen alten Dichtung — wir wollen 
mit W. sie kurz Rüdigersdichtang nennen — , auch jene Ereignisse nicht 



222 UTTERATUR: ZUR KBITIR DER NIBELUNGEN. 

enählt hat ; somit mnß die Erzählung jener Ereignisse jünger sein als die Ton 
Rüdigers Kampf; nnd mit Rücksicht auf jene Ereignisse wurde in unserer Scene 
Etzel eingeführt. — Ich würde den umgekehrten Schluß ziehen: es folgt aus 
dem obigen Vordersatze, daß die Erwähnung Etzels in unserer Scene ursprüng- 
lich ist. Aber was für ein Bild muß man sich von der alten Rüdigersdichtung 
nach W.s Anschauung machen? Die wesentlichen Momente der Erzählung von 
1625 — 2071 finden sich alle in der Thidrekssaga^ müssen also, nach W.s An- 
sicht Ton deren Verhältnis zum N. L., der alten Sage angehören. Ja die wich- 
tigsten, zumal die Ermordung von Etzels Sohn, finden sich auch in der nor- 
dischen Sage. Wie hätte also ein Dichter , der die Sage ^von dem Besuch in 
Bechelaren bis zu Rüdigers Tod (nach den bis jetzt gefundenen Grenzen) be- 
arbeiten wollte, alle diese Ereignisse unerwähnt lassen können?*) AuiVer der- 
selbe hätte sich vorgesetzt, nur Rüdigers Schicksale zu besingen. So kann es 
aber Wilmanns nicht gemeint haben; denn (s. u.) er vindiciert später dem 
Rüdigersdichter die Erzählung 1746 — 1786, in der Rüdiger durchaus un- 
wesentlich ist. Aber auch die übrigen Partien, 1626 — 1745 und 1787—2071, 
welche W. in ihrem jetzigen Wortlaut, wie wir sehen werden, andern Dichtem 
zuschreibt, können dennoch ihrem Inhalte nach schon in der Rüdigersdichtung 
enthalten gewesen sein. 

Ob nun die Verbindung der Rüdigersdichtung mit den dazwischen liegen- 
den Ereignissen durch Contamination erfolgt ist, d. h. so, daß ein von diesen 
Ereignissen berichtendes selbständiges Lied oder der entsprechende Tlieil einer 
andern Dichtung in die Rütligersdichtung eingefügt ward, oder aber durch In- 
terpolation , d. h. so , daß der Erzähler dieser Ereignisse seine Erzählung von 
Anfang an dazu verfaßte, um sie in die Rüdigersdichtung einzuschieben, soll 
die weitere Untersuchung ergeben. Für mich sind zunächst beide Annahmen 
gleich gut oder gleich schlecht. 

Wir stehen an einem Abschnitt in der Untersuchung. Bis jetzt hat W. 
überall die alte Rüdigersdichtuug zu Grunde liegend gefunden. In den zwei 
ersten Abschnitten, 2106 — 2161 und 1606 — 1624, war dieselbe mit Inter- 
polationen durchsetzt , deren in beiden Abschnitten mindestens zwei Haupt- 
schichten angenommen worden sind. Im dritten Abschnitt, 2072 — 2105, sind 
nur wenige Reste der Rüdigersdichtung mehr erkennbar , weil sie eine durch- 
greifende Bearbeitung erfahren hat von Seite eines Dichters, welcher auf einer 
alten Sagengestalt fußte , in der Dietrich die jetzt Rüdigem zufallende Rolle 
spielte ; — wir wollen mit W. diese Sagengestalt die Dietrichsdichtung 
nennen. Ausser dieser älteren Bearbeitung hat der dritte Abschnitt auch noch 
jüngere Interpolationen erfahren (welche, könnte ich in W.s Sinn hinzusetzen, 
wegen ihres refiectierenden Charakters leicht von demselben Verfasser sein 
könnten , wie die Jüngern Zusätze des ersten Abschnitts). — Was zwischen 
diesen Abschnitten liegt, wird nunmehr Gegenstand der Untersuchung werden. 
Wir treten damit in den interessantesten und geistreichsten Theil von W.s 
Werk. Nirgends hat er so viel feine Beobachtung, so viel £in>;i'hcn auf den 
epischen Stil der einzelnen Scenen gezeigt, wie hier; mid wenn wir ihm den- 

*) Dabei habe ich nicht vergessen , daß nach W. der Empfang bei Etzel und 
der Saalbrand in der Kfidigersdichtung erzählt war; aber beide gehören nicht zu den 
Momenten, die Etzel veranlaßen mosten einzugreifen 



LITTERATÜR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 223 

noch auch hier in keinem Punkte ganz Recht geben können und ebenso wenig 
in dem Gesammtresultate seiner einschlägigen Untersachang ^ so möchte sich 
daran oft fast ein Gefühl des Bedauerns knöpfen. 



Wilmanns beginnt aber nicht gleich mit dem ^ was unmittelbar auf Gi- 
seihers Verlobung folgt , sondern untersucht zuerst die Erzählung von dem 
Kirchgang und Buhurt, Str. 1787 — 1835, worauf er in ähnlicher Weise, 
wie bisher, die anderen Abschnitte folgen läßt, die nach seiner Meinung dem- 
selben Dichter angehören. 

Lachmann hatte die Strophen 1788 — 1789 ausgeschieden. W. findet, daß 
die Interpolation von 1788 sehr merkwürdig wäre, weil diese Strophe auf 1787 
gar keine Rücksicht nimmt. — Ich glaube allerdings auch, daß, wenn 1787 
schon da stand^ ein Interpolator gar keinen Grund haben konnte, die folgende 
Strophe einzuschalten ; wohl aber ist es ganz gut mÖglichi daß ein und derselbe 
Dichter beide Strophen gedichtet hat. — W. meint im Gegensatze zu Lach- 
mann , es werde eher 1787 zugesetzt sein, »um eine engere Verbindung mit 
der vorhergehenden Aventiure herzustellen **. Ich möchte wohl wissen, wieso die 
Verbindung 1786/87 euger sein sollte als 1786/88. Aber sei dem wie ihm 
wolle. W. behält von 1788 nur die ersten zwei Zeilen als echt und combiniert 
sie mit 1789, 3. 4 zu einer Strophe. Die Gründe sind unbedeutend: die Ver- 
bindung von 1788, 2 und 3 ist locker^ zwischen 1789, 2 und 3 gar keine vor- 
handen; 1788, 4 ist überflüssig, 1789, 1. 2 albern. — In der gleich folgenden 
Rede Hagens hatte Lacbmann 1793 und 1794 athetiert, in der folgenden die 
Strophe 1796, alle drei mit der Motivierung: „Zwei innere Reime in dreien 
übrigens guten Strophen zeigen, daß Hagens Frömmigkeit hier von dem nach- 
mahlenden Dichter hervorgehoben ist, der vorher [1789] Heiden und Christen 
einander entgegen stellte." W. schließt sich daran an, ohne weitere Gründe für 
die Athetese beizubringen. Lacbmanns Motivierung ist nicht ganz widerspruchs- 
frei. Inhaltlich ist ja 1796 mit den andern athetierten Strophen in gar keiner 
Weise verwandt ; dennoch muß Lachmann seiner ganzen Ausdrucksweise nach 
sie für ein Werk desselben Dichters halten. Ich finde es wohl begreiflich, daß 
ein Dichter aus der Zeit der Kreuzzüge so hart neben einander demselben 
Helden Worte devoter Frömmigkeit und wilden Kampfesmuths in den Mund 
legen konnte ; wie man aber einem Interpolator zutrauen kann , daß er erst 
durch Einschaltung von drei Strophen der Erzählung gefiißentlich einen christ- 
licheren Anstrich gegeben und dann eine Strophe ganz entgegengesetzter Art 
ciDgeschobon habe, das ist mir nicht recht erfindlich. Daß der Cäsurreim ein 
Kriterium der Unechtheit ist, hat W. noch nicht bewiesen; er ist aber in Str. 
171)3 jedenfalls nur Sache des Zufalls oder, wenn man so will, der Nachlässig- 
keit; (U'nn wenn der Verfasser dieser Strophe ihn mit Absicht angebracht hätte, 
so konnte er sich die Wirkung desselben unmöglich durch die gleichklingenden 
Cäsaren in drei Versen: 1793, 2. 3. 4 vollkommen zerstören. — Außer diesen 
drei Strophen hat W. noch 1791 ausgeworfen, welche Lachmann für echt hielt. 
„Nur in Str. 1792 werden wirklichen Kleidern WafiPenstücke gegenüber gestellt, 
den scidnen Hemden die Panzer, den Mänteln die weiten Schilde; in Str. 1791 
ist von Rosen und Schapeln die Rede*'. Es ist durchaus nirgends gesagt, daß 
nur von wirklichen Kleidern die Rede sein solle; es wird überhaupt der äußere 
Aufzug zu festlichen und zu kriegerischen Gelegenheiten parallelisiert; and diese 



224 UTTERATÜB: ZUR KRTTIK DER NIBELUNGEN. 

Parallele ist in beiden Strophen gleich richtig. Das PositiTe ist die Rüstang, 
deren Haupttheile alle aufgeführt werden^ und diesen gegenüber stehen dann 
die entsprechenden Stücke einer friedlichen Ausrüstung: den Schwertern in der 
Hand die Rosen, den Helmen auf dem Haupte die Schapel, den Panzern, die 
den Leib zunächst bedecken, die Hemden, den Schilden als dem darüber her 
gedeckten die Mäntel. Diese wohlberechnete Parallele zerstört Wilmanns, und 
ohne jeden Grund. Denn Schapel und Rosen bieten keinen Anstoß. Daß schapel 
auch eine männliche Kopfbedeckung ist, lehrt das Wörterbuch. Für die Sitte 
der Ritter, bei Festlichkeiten Rosen in der Hand zu tragen, führt Zamcke im 
mhd. Wb. n 1, 764 b nur unsere Stelle an; und er hat (nach gütiger Mit- 
theilung) keine weitere anzumerken gefunden. Allein die Annahme dieser Sitte, 
welcher nichts im Wege steht , die vielmehr mit dem fast sentimentalen Blu- 
mencultus der Minnelieder zusammenstimmt, läßt sich durch typische Reste, die 
sich bis heute erhalten haben, stützen. Weniger Werth lege ich auf die nicht 
seltenen Bilder von Herren mit einer Blume in der Hand, sei's auf Einzelpor- 
Iraits, sei's wie sie einer Dame die Blume überreichen u. dgl. Aber der Bube 
auf den Spielkarten trägt als Vertreter des jungen Mannes, des knehtes, ganz 
gewöhnlich eine Blume in der Hand ; und noch heute geht , wenigstens in 
Sehwaben, der Bauembursch nicht leicht ohne eine Blume in die Kirche; vor 
allem bei Hochzeiten würde das Weglassen dieses Schmucks von Seite der 
männlichen Theilnehmer in streng am Alten hängenden Gegenden als Yer- 
achtnng guter Sitte gerügt werden; der Bauer wählt aber in solchen Dingen 
nicht nach freiem Geschmack, sondern folgt alter, hier von den höhern Ständen 
auf ihn vererbter Sitte, wie in hundert andern Dingen. — W. fühit viel später 
noch einen weitem Grund gegen unsere Strophe an, der hier noch nicht er- 
ledigt werden kann ; einstweilen fehlt es uns , glaube ich , nicht an positiven 
Gründen für ihre Echtheit. 

Hagen befiehlt 1795 üf dem vr6nen vrithove stehen zu bleiben. 1797 
geht er mit Volker ab, und dennoch antwortet, als 1799 Etzel die bewaffnete 
Schar angeredet hat, 1801 Hagen. Die beiden Helden sind nur abseits ge- 
treten, um Kriemhild zu reizen; dennoch hat dieser Versuch gar keinen Er- 
folg, und weder Etzel noch seine Kämmerer wehreu dieser Flegelhaftigkeit. Um 
dieser verwirrten Erzählung aufzuhelfen, athetiert W. die Strophen 1797. 1804. 
1805. Nur gegen die erste derselben hat er noch den weitem Grund vorge- 
bracht , daß das Wort daz in zwei Versen fünfmal [vielmehr sechsmal] vor- 
komme ; ein Grand , der hinfällig ist , so lange W. noch nicht bewiesen hat, 
daß eine solche UnschÖnheit nur in anderweit verdächtigen, nicht aber in sonst 
anstandslosen Strophen vorkommt; sie kommt aber vor, denn Str. 1727 , die 
in Z. 1. 2. denselben Mangel zeigt, hat W. nicht beanstandet. — W.s Be- 
weisführung ist schief. Volker und Hagen gehen 1797 nicht fort, sondem bloß 
fUr daz wUe münsterj um nahe dem Ausgang desselben ins Gedränge mit Kriem- 
hild und ihrem Gefolge (s. Rud. Hildebrand in der Germania 10, 139 f.) zu 
kommen. Da nun alle Burgunden auf dem Kirchhof stehen, so werden bei ihrer 
großen Zahl Hagen und Volker unmöglich so weit von ihnen entfernt stehen 
können, daß ersterer nicht Etzcls Frage hören könnte. Ja, weil sie sich so auf- 
gestellt haben, daß Kriemhild an ihnen vorbei muß, so wird auch Etzel zuerst 
auf sie stoßen, und warum sollte seine Frage nicht an Hagen gerichtet sein ? 
Neben der Absicht, Kriemhild zu ärgern, welche übrigens gar keinen weiteren 



LITTERATUB: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 225 

Erfolg zu haben braucht ^ als den 1802. 1804 berichteten, erreicht Hagen 
dnrch eein Vorantreten zugleich den Zweck, die Bewaffnung der Burgunden zu 
motivieren; er sagt 1801,4: toir soldenz Ettelen sagen^ womit er sich und sein 
Vortreten gleichsam legitimiert; zugleich ärgert die Lüge in 1801 Kricmhild 
jedenfalls weit mehr, als wenn sie aus Günthers Munde käme; diesem würde 
sie vielleicht widersprechen^ gegenüber von Hagen verschließt ihr der Trotz den 
Mund. Der Dichter hat also wohl gewust, was er berichtete. Gedränge wird 
bei der großen Menge kaum zu vermeiden sein, und mehr als dieses an sich 
wird es Kriemhild ärgern, gerade an ihrem Todfeinde so hart vorbei zu müssen. 
So werden auch weder Etzel noch die Kämmerer besondem Grund zum Ab- 
wehren finden können. — Eine weitere Ausscheidung, die W. erst etwas später 
macht, wird unten erwähnt werden; ich folge ganz seiner Anordnung. 

In der Schilderung des Buhurts (1806 — J834) hat Lachmann ausge- 
schieden: 1808. 1816. 1824 f. 1827 f. 1830. 1832. 1834. Von den zwei 
ersten Strophen ist nachher die Rede. In der Athetese der übrigen schließt 
sich Wilmanns an Lachmann an. Der wesentliche Grund für Lachmanns Athe- 
thcsen war, daß die Tbeilnahme Hagens und der Könige an Volkers Ubermuth 
mit dem Absteigen 1831 nicht vereinbar sei. Ich rede nicht davon, daß ebenso 
gut 1831 ausgeworfen werden konnte, da sich 1830 und 1832 gut zusammen- 
gefügt hätten ; es ist überhaupt kein Widerspruch anzunehmen. Die Burgunden 
werden 1831 wahrscheinlich nicht absteigen, um sich einem drohenden Kampfe 
zu entziehen, sondern im Gegentheii, um diesen bestehen zu können; denn de$ 
marcrdven mdge (1830, 2), die nach Schwertern und Schilden rufen, sind jeden- 
falls nicht beritten; das wären sie wohl nur als Theilnehmer am Buhurt und 
als solche müsten sie schon bewaffnet sein; es sind vielmehr unbewaffnete Zu- 
schauer den Turniers. Sonst sind nur 1832 wegen überlaufender Construction 
und 1834 wegen der Knechte athetiert (s. Lachmann zu 1808), worüber 
Heinrich Fischer a. a. O. S. 137 genügend gehandelt hat*). Denn daß 1830 
der erschlagene Heune auf einmal ein Markgraf genannt wird, wird durch An- 
nahme einer Interpolation nicht erklärlicher. — Wilmanns hat zu Lachmanns 
Gründen keine wesentlichen hinzugefügt. 1825 „fehlt in C ; das soll wohl die 
Strophe noch weiter verdächtigen; daß aber auch C kritische Bedeutung haben 
soll , haben wir noch nie gehört ; bis jetzt hatte W. nur die Vulgata beige- 
zogen. — Sonst sind die athetierten Strophen nichts weiter als überflüssig 
oder störend. — Wiefern 1831 <I6 huop sich von den Hiunen allenthalhen tekal 
voraussetzen soll, daß 1830 noch nicht vorhanden war, wird vielleicht einem 
Andern klarer als mir; dadurch, daß die Verwandten des Gefallenen nach Waffen 
schreien, daß manche vielleicht gehen, solche zu holen, daß überhaupt Alles in 
Aufruhr kommt, eben dadurch erhebt sich allenthalben Schall. Ob 1832 (ähn- 
lich 1958 f.) ein besonderes „Bestreben des Bearbeiters" verräth, „den König 
zu einem tapfern und tätigen Helden zu machen^, wird sehr Geschmackssache 
sein; was aber die Hauptsache betrifft, die Analogie mit 1958 f., so hat W. 
diese Stelle gar nicht untersucht! 



'^) Nor bat er fälschlich das „Hinüberlaufen des Sinnes* ans 1833 in 1834 ge- 
leugnet. Lachmann meinte jedenfalls keinen Constmctionsübergang — er hat ja selbst 
nach 1833 einen Punkt gesetzt — sondern das Hinüberlaufen der directen Rede Etzels 
ans 1833 in 1884, 1. 

GERMANIA. Neao fieihp. XII. (XXIV. Jahrg.) '\^ 



226 LTTTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 

Neben deu genauuteD Atheteseii Lachmanos macht Wilmanns selbst noch 
weitere. 1824, 4. 1827, 4. 1830, 4 erwähoen, daß Etzel mit Kriemhild dem 
Tuinier znschaiit. Da nun aoßer diesen drei nnechtcn Strophen dasselbe Motiv 
in den entbehrlichen Strophen 1807 und 1810 wiederkehrt, so sind anch diese 
beiden Strophen fnr jon ger zu halten. Von einer weiteren Begründung für die 
Unechtheit der beiden Strophen ist kaum die Rede. 1807 soll in Zeile 3. 4 
der Erzählung vorgreifen, da erst 1809 Volker den Buhurt vorschlage. Wenn 
anch das Vorgreifen allein nichts auf sich haben würde (bei 1810 ist bloß die 
Verfrühtheit von Z. 2 angeführt), so braucht man ja 1807, 3. 4 noch gar 
nicht auf den Buhurt selbst zu beziehen. — Die Strophe 1808, die Lachmann 
(s. 0.) verdächtigt hatte, hat W. mit Recht für ursprünglich erklärt. — Es 
findet sich aber die Erwähnung Etzels und Kricmhilds auch 1817. Diese Strophe 
hat W. als echt beibehalten, weil hier bei dem entscheidenden Aufreiten der 
Hennen die Aufmerksamkeit mit Recht auf Etzel gelenkt werde. Ich finde viel- 
mehr, die Erwähnung des Königspaares sei am meisten am Platze zu Beginn 
der ganzen Scene, 1807; womit natürlich gegen die Echtheit von 1817 nichts 
gesagt werden soll. In den vier übrigen Strophen werden beide oder (1830) 
Etzel allein stets in der Schlußzeile erwähnt Wir haben also, wie so häufig, 
einfache Flickverse vor uns , die zwar niemand für sehr schön halten wird, 
weder hier noch sonst , die aber ans der Schwierigkeit ^ die Strophe stets mit 
wesentlichem Inhalt zu füllen, sich leicht erklären. Wird sonst häufig auf die 
Zukunft Bezug genommen, so bildet hier ein stehender Zug der Situation den 
Inhalt dieser Zeilen. Sie zu verwerfen, ist sonst gar kein Qrund. Es will mir 
auch nicht recht denkbar erscheinen, daß in eine so kurze Erzählung derselbe 
Bearbeiter fünfmal dasselbe Motiv eingeschoben haben sollte, das zudem schon 
einmal vorbanden war; das lasse ich aber Wilmanns ausmachen. 

Ferner werden als interpoliert ausgeschieden die Str. 1815. 1816, in 
welehen die Thüringer und die Dänen erwähnt werden: ,die beiden Scharen 
auf die es allein ankommt sind Burgunden und Hennen; die Erwähnung der 
Dänen und Thüringer stört^. Warum, wird so leicht Niemand einsehen. Die 
Burganden treten hier im Buhurt eben denselben gegenüber , gegen die sie 
später kämpfen müssen; nur Rüdiger und Dietrich mit den Ihrigen sind (1811 
bis 1814) nicht Theilnehmcr am Turnier. Für die Ökonomie des Gedichts 
schaden also die beiden Strophen gar nichts. Lachmann hat bloß 1816 athe- 
tiert, weil hier, im Gegensatz zu 1815, nur die Dänen genannt seien; da aber 
in der ersten Zeile auch Imfrit genannt wird , so hat sich der Verfasser von 
1816 die Thüringer jedenfalls anwesend gedacht. Weiter führt W. gegen die 
Strophen an, daß Thüringer und Dänen nachher „plötzlich verschwunden 
seien **. Es wird aber ohnehin nur bis 1819 vom Buhurt selbst erzählt; nach- 
her folgt die Ermordung des Hennen durch Volker, und 1834 f. ist nur ganz 
kurz der allgemeine Aufbruch zum Essen berichtet: hätte dabei etwa der Dichter 
recht peinlich alle Aufgeführten wieder ihre Schlußreverenz machen lassen sollen? 
Femer sollen 1815, 4 und 1816, 4 verfrüht sein: das sind sie (obwohl dieß 
nichts schaden würde) nur dann, wenn man 1810 der buhurt urU deu schcUlen 
umrden beidiu gr&% mit W. auswirft; aber abgesehen davon ist es doch gar 
nicht nothwendig, anzunehmen, daß der Buhurt erst beginnt, wie alle so und 
so viel Tausend auf dem Platze sind! 



UTTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 227 

Außerdem sind 1820 und 1821 „überflüssig, störend und töricht''. 
Die Strophen lassen sich wohl motivieren : Volker hat gemeint , der Bnhurt 
werde in einen Kampf übergehen ; er bekommt es aber genug und räth auf- 
zuhören. In dieser Situation ist der Mord des Hennen , der sonst nur rohen 
Übermuth zeigt, psychologisch gut motiviert: im Arger, daß er so lang in Un- 
gewißheit hat sein müssen, ob es los gehen werde oder nicht, muß es Volkern 
reizen , dem nächsten Besten noch zu guter letzt ein gepiuze zu geben. — 
1820,3. 1821,4 sollen denselben Interpolator verrathen wie 1791,1 [4?]. 1825, 4; 
aber ist denn in diesen Zeilen irgend etwas Anstößiges? — Die Str. 1818, 5 
soll unecht sein, weil sie in A fehlt; da sie gar nichts Anstößiges bietet, aber 
auch durchaus nicht nöthig ist, so kann ihr Schicksal nur durch die Entschei- 
dung der Hss.-Frage, also weder von W. noch hier von mir, entschieden wer- 
den. — Endlich soll 1800 zweifelhaft sein. W. wagt nicht; sie direct als un- 
echt zu bezeichnen, da sie „ohne Anstoß'* ist; nur folge 1801, 1 wirksamer 
auf 1799, 4. Also derselbe Fehler wie mehrmals. Hier aber würde noch dazu 
ein widerlicher Gleichklang der Versausgänge entstehen: gän: {und hat in iemen 
iht) getäny {uns hat niemen niht) getan: gdn\ der, wenn er überliefert wäre, 
vielleicht kritische Bedenken erweckt haben würde. 



Dießmal folgen wir dem Faden der Erzählung und treten ein in die Un- 
tersuchung über die Vorbereitung zum Kampf, Str. 1836 — 1857. 

Rriemhild redet 1841 zu BlÖdel von den tötenden min, die Sifriden sluo- 
gen ; dennoch wendet sich Blödel nicht gegen diese, d. h. Hagen und Qunther, 
sondern gegen Dankwart und die Knechte. Aus diesem Widerspruch folgert 
W., daß 1841 aus einer andern Dichtung herübergenommen sei, in welcher 
Blödel zum Kampf gegen Günther und Hagen bewogen werden sollte , nicht 
gegen Dankwart und die Knechte. Dieses Herübernehmen begreife sich aber 
nicht dadurch , daß der Dichter nur unter dem allgemeinen Eindruck einer 
solchen Dichtung stehe, sondern sei nur dann verständlich, wenn er die Aus- 
drücke der Strophe ^in fertiger Form vorfand und beibehielt*^; „bei einer 
selbsttätigen Gestaltung der Anschauungen , auch wenn sie etwa von wider- 
sprechenden Berichten ausgingen, könnten die Widersprüche nicht so schroff 
aufeinander stoßen.* — Wilmanns hat dabei übersehen, daß Blödel, wie er 
wirklich gegen Dankwart zieht, 1860 und 1862 von Günther und Hagen als 
Siegfrieds Mördern spricht; auch an dieser Stelle widerspricht es einer ängst- 
lichen Logik , wenn er sagt : wan diz körnen daz mfne tnuoz din ende «te 
durch Hagnen dinen hruoder ^ der Sifriden eluoc. Dennoch hat W. 1860 und 
1862 unbeanstandet gelassen. Aber nur eine sehr ängstliche Logik kann in 
unserer Stelle einen „schroffen Widerspruch'' finden. Ich kann nichts Besseres 
thun als Schönbachs treffende Kritik (a. a. O. S. 381) hier wiederholen: »Schä- 
digt denn Blödel die Burgunden nicht, indem er ihnen die Knechte und einige 
Ritter erschlägt? Steht denn 1841: ^Dn sollst mir Günther und Hagen tödten ? 
Es steht nur: Du sollst mir helfen und V. 4 steht: 'Wer mir den Mord Sieg- 
frieds rächen hilft, dem werde ich immer ergeben sein • Blödel ist ein Held 
zweiten Ranges; hatte der Dichter den Schluß im Auge, dann konnte Blödel 
hier nichts Entscheidendes gegen Siegfrieds Mörder thun.'' Jedenfalls war es 
für den Erfolg gleicbgiltig , ob der Dichter ihn die Könige oder das Gesinde 
angreifen ließ; in keinem Falle wurde Kriemhilds Wunsch erfüllt. QV^ ^^x^^^xv- 



UrnSATDK: ZDB KUTIK DEB XIBELUSGBS. 



UMf BImIcI s*9ca die K»»riiitif kioipfea n Iweti , tod vucrcB Diekter 
■iiMwt oder ob er iks m «Bcr Vorlag £ud, Bfit ndi aickt anl Si c j bcriieit 
cfittifht. Die Thidul— fi, €•!». 376, kat die ÜBterredang KiiealifldB «»d 
Biodek Bv soweit, ak Xib. 1841—1842 cBtepricfat. Dann aber wiid Gap. 378 
Irim^ doreb Gold md Hold Kiiembilds bewogen, gegen die Kneebte n 
was er nacb 379 fin. aaeb wiiklicb getban baben maß. Blödci konuit 
ent 381 C gtgtn die Borgmden adbrt gesogen. Wekbe ron beiden Dantel- 
fangen da« Eebte und velebe das Yenrirrfe bat, läßt sieb kanm ^t TöQiger 
Siebcrbeit aagen. Eber tcbeint die DanteUimg im N. L. dk geordnetere m 
«ein« Aber aaeb fitDs nispranglieh Iring gegen die Kneebte zog, ao bat anaer 
Diebtor jedeafüla das tebon in aenier Vorlage gelonden, dafi einer der beiden 
Hfldm Ton Kfiembüd bewogen warde, mit den Knecbtcn tn kämpfen. Wabr- 
aebeinlicber aber iaty dafi das Blodel war; denn im X. L. fiodet «idi in der 
Enibfanif; ron Iring« Kampf (wekbe W. einem andern Dicbter sasebieibt and 
ia wekber sieb immerbio einige Besonderheiten xeigen) dorcbaos keine Spar 
von einer aadem frnbem RoQe des Helden; umgekehrt tritt in der Tlu-Saga 
friag noek einmal aof and zwar weaentliek so wie im X. L. (Cap. 387;^. 

Wir baben gesehen, wie W. in Bezog aaf 1841 Benntzong einer älteren 
QaeUe annimmt ; er findet noeb einige weitere Strophen , die aas derselben 
Qaefle entlehnt sein sollen, aber nut dbenso wenig Grand als oben. In 1843 
bietet Kriemhild Blddehi se wdeU Sflber and Gold and Nodangs Witwe, 1844 
Agt sie die Mark NndangSy daz Umt tmo dem hw'gem^ hinzo. 1845 aber nimmt 
bloft aaf die mUU and das Weib Bezog. Also ist 1844 junger als die anders. 
Diese Strophe ist aber sieher ron demselben YerCMser, der in 1840 bloß die 
Haj^graf^bafi erwähnt hat Da aber 1840 jeden^üs Ton dem Yerfasser des 
ganzen AbschnittB sein mnfi (denn sie bildet den Übergang ron der Verband- 
lang aiit Dietrieh zu der mit Blodel), so folgt daraas, daß dieser YerfiMser wie 
die Str. 1841 (and, als Antwort daraof, 1842), so aaeb 1843 and 1845 
•ebon Torgefonden hat — Diese ganze weittragende Beweisfabrnng b^abt 
lediglich aof dem IfisYerständnis des Wortes miaU» Unter diesem Worte ist 
Alles zasammengefaßty was Kriemhild Blödeln rerspricht; daß 1845 neben 
dem «Hgemetnen dö der kirre Bladü die ndeU vemam noch hinzogefagt ist 
wä dm im durch ir eekeene diu vrowe wol gexam , damit soll nicht die vrowe 
als etwas Besonderes neben die miete gesteUt, sondern bloß dieser Theil der 
mieU als derjenige herrorgehoben werden, der am meisten aof Blodel gewirkt 
habe, wie ja aach 1864 f. Nuodungee brül hervorgehoben wird*^). Wenn 1840 
in der yoraosanknndigang des Folgenden nur die Mark erwähnt, so darf man 
an solche Floskeln nicht den Maßstab der pfinktlichsten Genaoigkeit anlegen. 
— Entweder ganz onverständlich oder sehr unkritisch, Tielmehr das erste jeden- 
hü» mehr oder minder, ist W.s Verfahren hinsichtlich der Str. 1846. 1847. 
,yDie erste bewegt sich dnrchans in den AnschanongeD der Str. 1841; ja hier 
spricht Blodel ganz bestimmt ans es mnos eramen Hagne daz er iu hdt getan. 
Die andere scheint in den Worten wir wuln den vienden in die herberge gdn 



*) Ich kaon leider Dörings AusfUhrongen, ZeitschTift für deatsche Philologie 
t, 48—63, nicht fCir diese Ansicht anftlhren, da sie sich weiter über das Verhältnis 
der Th. 8. zum N. L. rerbreiten, welches ich darchaas nnentschieden lassen will. 
**) Ebenso Rchönbach a. a. O. 381. 



UTTEBATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 229 

•chon aaf den Überfall der Knechte hinzuweisen. '^ Aua diesen Worten würde 
man zunächst schließen, daß W. 1847 dem Verfasser des ganzen Abschnitts 
(der auch, s. u., Blödeis Kampf geschildert hat), 1846 aber seiner Vorlage 
zugewiesen hatte, aus der 1841 herstammt. Statt dessen hat er beide Strophen 
zQsammengenonmien und als „für den Zusammenhang der Dichtung entbehr- 
lich^ ausgeschieden; aus zwei gleich hinfälligen Gründen: 1848, 1. 2. knüpft 
eng an 1845, 3 an (ofiPenbar nur wegen des gemeinsamen Wortes ttrUi)^ und 
1846, 1. 2. hat Cäsurreim, weshalb Lachmaun diese Strophe allein ausgeschie- 
den hatte; allein wie Lachmann selbst andeutet, ließe sich durch Herstellung 
der Form innen (mit A B D J b d) der Cäsurreim entfernen, faUs derselbe wirk- 
lichen Anstoß bieten sollte. Wenn man die beiden Strophen zusammennimmt, 
so bleibt von W.s Standpunkt aus eigentlich zweierlei übrig: da sie wegen der 
Herberge 1847 nicht der Vorlage des Dichters angehören können, so sind sie 
entweder von dem Dichter des Abschnitts selbst oder, falls diesem die Worte 
€z muos eramen Hagne nicht zuzutrauen und Cäsurreime bei ihm sonst nicht 
nachzuweben sind, von einem späteren interpoliert. Ganz klar ist nicht , was 
W. meint; aber es scheint eher das letztere. Es ist jedoch durchaus unnötbig, 
das Schicksal der einen Strophe von dem der andern abhängig zu machen. 
Vielmehr muste W. von seinem Ausgangspunkte aus 1847, an der er lediglich 
nichts aussetzen kann, dem Dichter des Abschnitts vindicieren^ 1846 aber ent- 
weder dem von 1841 etc., oder, falls das der Cäsurreim nicht zuließ, einem 
Interpolator. Aber wie gerade Wilmanns, der aus den supponierten Verschie- 
denheiten der vorhergehenden Strophen so wichtige Schlüsse zieht, diese beiden 
einem Dichter zuschreiben mochte^ kann ich mir nur dadurch erklären, daß 
den Interpolatoren alles das gestattet ist, was sonst Anstoß erregen würde. In 
solche Wirren und Widersprüche hat W. sich verwickelt durch seine hjperkri- 
tische Bemängelung einer tadellosen Erzählung. 

Recht dagegen hat er hinsichtlich der Str. 1849. Der Wortlaut derselben 
paßt keineswegs vollkommen in den Zusammenhang unserer Dichtung. Denn 
Ortlieb bietet hier gar nicht den Anlaß zum Kampfe, und Kriemhild zeigt auch 
durchaus nicht die Absicht, ihren Sohn ermorden zu hissen. Doch bescheidet 
eich W. hier, anzunehmen, daß der Dichter zwar die Anregung zu seiner Er- 
zählung anderswoher erhielt, aber hier nicht wörtlich Stücke aus seiner Quelle 
herübergenommen hat; ja 1849 könnte sogar von einem Interpolator herrühren. 
Ich kann mich mit dieser Mäßigung seiner Kritik nur einverstanden erklären, 
wenn ich gleich für die letztgenannte Annahme keinen Grund sehe: 1849 sieht 
viel eher einem unverstanden stehen gebliebenen Rest älterer Sagengestalt gleich, 
als einem späteren Machwerk; es müste denn der Verfasser der Strophe sein 
Motiv gar nicht aus dem Gedichte) das er interpoliert, sondern aus einer an- 
dern Darstellung geschöpft haben. Das aber verstehe ich nicht, warum hier W. 
mehr Anlaß zu solcher Mäßigung findet als bei 1841 und den benachbarten 
Strophen. Seine Gründe dafür sind sehr hinfallig, und diese Hinfälligkeit mag 
indirect die Echtheit der Erzählung 1841 fiP. erweisen. Daß es sich 1841 ff. 
um einen „ Widerspruch in den tatsächlichen Angaben^, hier nur um einen 
„in der Beurteilung der Tatsachen^ handle, ist nach allem Erörterten un- 
richtig. Umgekehrt ließe sich sagen, daß 1849 ihrem ganzen Tone und Cha- 
rakter nach etwas Fremdartiges unter den umgebenden Strophen hat, was sich 
von 1841 ff. nicht sagen Iftsst. Wunderlich ist, was W« hievon sagt: bei 1841 ff. 



230 LTTTEBATUB: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 

habe das Verhältnis za den umgebenden Strophen gezeigt, daß jene älter sein 
müssen; ,,bei Str. 1849 deutet nichts ^uf dasselbe Verhältnis. Alles was 
Str. 1850 ff. von Oitlieb erzählen, fuhrt viel mehr auf die Verhältnisse nuserer 
Dichtung, als auf die abweichende Sagengestalt, welche die Thidrekssaga bietet.^ 
Eben daraus hätte geschlossen werden können, daß 1849 ein Rest älterer 
Dichtung sei; und nach dem Vorgang von 1841 etc. hätte dieser Schluß für 
W« nichts Unrichtiges haben können. Er hat aber den entgegengesetzten ge- 
zogen , dem ich mich von meinen Resultaten aus fuglich anschließen kann. 
Aber wie sollen wir uns die Elntstehung der Strophe und ihres — um mich 
stark auszudrücken — Widerspruchs zum Folgenden erklären? W. hat die 
entsprechende Stelle der Thidrekssaga (Cap. 379) angefClhrt, in welcher Str. 1849 
ihre Erklärung findet. Der in der Th. S. erhaltene echte Zusammenhang 
erscheint im N. L. in ganz ähnlicher Weise getrübt, wie bei Brünhilds Ver- 
hältnis zu Siegfried oder bei Hagens Schilderung 1672. Phrasen und Motive 
sind, halb oder gar nicht mehr verstanden, noch beibehalten, und daß sich 
gerade eine so emphatische Stelle wie 1849 aus älterer Dichtung in unser 
Lied herübergerettet hat, ist sehr begreiflich. Der Zusammenhang macht aber 
die Verdunklung des Verhältnisses noch verständlicher. Durch die Einschal- 
tung von Blödeis und Dankwarts Kämpfen ist die Scene mit Ortlieb in zwei 
Theile zerrissen. An sich ist diese Einschaltung ein wirksames Mittel , . das 
Spannung erweckt und gut episch retardiert. Aber da nun Hagen in Dank- 
warts Nachricht einen Grund zum Losschlagen gefunden hat, so ist damit der 
Schlag Ortliebs und Kriemhilds Aufreizung des Kindes überflüssig geworden 
und weggefiillen. Daß bei diesem Vorgang 1849 stehen bleiben konnte, dürften 
verwandte Beispiele leicht lehren*). 



Noch weniger als den letzten Abschnitt hat die Kritik den folgenden 

berührt: wie Blödelin erschlagen ward, Str. 1858—1887. Als Interpo- 

tion ist hier nur 1872 entfernt worden, aus nichtssagenden Gründen: Z. 1 
wiederholt den Inhalt von 1871, 2. 3, Z. 3 den von 1871, 4, und Z. 4 ist 
„ein unnützer Hinweis auf die Zukunft.^ Dagegen nimmt W. die Zweifel, die 
er gegen 1865 und 18G8 erhebt, sofort wieder zurück. 1865, 3. 4 ist ^ein 
wunderlicher Einfall**, worin ich dem Kritiker vollständig Recht gebe. Ebenso 
gebe ich ihm aber Recht, wenn er weiter sagt: „doch läßt sich wohl denken, 
daß sie vom Dichter selbst ist. Denn da er eine ältere Dichtung vom Kampf 
Blödeis gegen die Burgunden kannte nnd benutzte^, [was auch ich annehmen 
muß, da ja das Motiv alt überliefert ist] und sehr wohl möglich ist, daß in 
dieser Dichtuug der Todesstreich Blödeis mit denselben Worten begleitet war 
wie in Str. 1864, 8. 4, so mag er das Bedürfnis gefühlt haben, zu erklären, 
woher den Feinden diese Kunde gekommen.** Ich wünschte nur, daß W. auch 



*) Kiegers (Zeitschrift ftir deutsches AUerthum 11, 206—209) geistreicher Versuch 
aus 1849—1857 (uod 1917—1955) den Anfang (und Schluß) eines eigenen Liedes su 
bilden, hat denselben Ausgangspunkt wie meine Entwicklung und wird bei Anhängern 
der Liedertheorie gewiß Anklang finden als die beste in ihrem Sinne findbare Lö- 
sung. Ich denke aber, meine Entwicklung erklärt die Entstehung der Unebenheiten 
ebenso befriedigend. 



LITTERATUB: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 231 

sonst verwandte Betrachtungen angestellt hätte ; sie würden manche Athetese 
überflüssig gemacht haben *). 

In 1868 möchte W. ^eine Übertreibung, wie sie Interpolatoren ge- 
läufig ist^ erkennen; aber er erkennt selbst an, daB der Dichter sich die 
Knechte der Burgunden nicht bewaffnet gedacht hat^ da er 1869, 2 die Heunen 
die gewäf enden nennt; wozu ich (mit Zarncke a. a. O. Sp. 1666) noch bei- 
füge, daB Hagen 1790 ff. nur den Rittern, worunter auch Dankwart, gerathen 
hat sich zu rüsten. 

Ziemlich ebenso conservativ ist W.s Kritik der Erzählung, wie die 

Burgunden mit den Heunen stritten, Str. 1888—1945. Die Strophen 

1892 f. hat Lachmann wegen des Cäsurreims 1893, 1. 2 ausgeschieden. W. 
läßt hier den Cäsurreim nicht als Grund der Athetese gelten, da 1896 den- 
selben auch habe. Der angeführte Reim ist aber unrein^ enhccren : Aouemcsre, 
und W. hätte somit eigentlich keinen Grund, den bisher verpönten Cäsur- 
reim hier gelten zu lassen. Dagegen hat er für die Athetese der beiden 
Strophen sachliche Gründe beigebracht. 1891 dient nach W. zur Begrün- 
dung von 1894: ^niiO} daß Blödel von der Hand eines Helden erschlagen 
liegt," [soll Hagen meinen] „ist wahrlich ein kleiner Schade: hier soll jetzt 
besser gezahlt werden^. Ich frage, wo das steht, und in welchem logischen 
Verhältnis die beiden Theile dieses Hagen in den Mund gelegten Satzes zu 
einander stehen. Aber geradezu verkehrt ist die Behauptung: ^etzt erscheint 
Str. 1891 als eine, wenig passende, höhnische Abweisung Dankwarts*^. Dazu 
würde sie ja eben durch W.s Erklärung, während sie in dem überlieferten 
Zusammenhang das durchaus nicht ist. 1891 sagt Hagen, daß Blödel, von 
eines Helden Hand (ist das höhnisch?) gefallen, nicht zu bedauern sei (vgl. 
2239, 4 VW eines kUneges handen Hg ich hie hirlichen (dl)'^ daran schließt sich 
als genau passender Gegensatz 1892: „aber du, woher bist du so roth? bist 
du verwundet und von wem?^ Die Str. 1892 verlangt auch die folgende; 
und ebenso ist 1894 mit 1893 jedenfalls besser zu verstehen als ohne die- 
selbe; Dankwart antwortet: ich bin nicht verwundet, und deshalb kann Hagen 
ihn bitten: so hUetet uns der tür. — Die Str. 1902 hat W. gegen Lachmann 
aufrecht erhalten, wenigstens die Möglichkeit ihrer Echtheit behauptet — 
Sicher interpoliert aber sei 1908, weil Günther und Gernot je nur in einer 
Strophe gelobt seien und die Lobsprüche jener Strophe übertrieben seien. 
Lachmann hatte statt Giselhiren vorgeschlagen Volkiren. Allein beide ver- 
kennen die Freiheit des Epos, dem gerne der Held, bei dem es eben ver- 
weilt, der allergröste bt. Eine regelmäßige Abzahlung der Strophen aber 
dürfte man im ganzen Abschnitt vei^eblich suchen. 

Den Abschnitt 1917 — 1956 hatte Lachmann als Zusatz bezeichnet. 
Wilmanns läßt 1917 — 1945 von demselben Dichter herstammen wie das Vor- 



*) R. y. Muth, Zeitschrift für deutsche Philologie 8, 490, sucht 1865 zu^ent- 
fernen, weil 1869 Dankwarts Nichtwissen um Blödeis Sendimg beweise und zwei anai 
figTiiiiva (mehelen und- brdUmieU) in der Strophe seien. Das letztere beweist nichts, 
denn es ist sonst von ähnlichen Dingen im N. L. nicht allsu oft die Rede. Die Aus- 
sage über 1859 aber ist nicht beweisbar; denn Dankwart kann so auch sprechen, wenn 
er von dem Sachverhalt weiß. Es ist übrigens klar, daß die Ver^wiektheit der Moti- 
vierung 1865 die ganze Stelle schief macht. 



232 UTTEBATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 

hergehende, während er 1946 — 1964 gar nicht nntersncht. Rieger hatte in der 
Zeitschrift ftlr deotsches Alterthum 11, 208 gegen Lachmann bemeriLt, daß 
1916 kein Liedschlnß sei, da wir über den Aasgang des Kampfes im Saal 
und fiber das Schicksal Etsels und Kriemhilds Nachricht verlangen; dssseibe 
bemerkt mit Recht auch Wilmanns. — Verdftchtig findet er in diesem Ab- 
schnitt vor allem zwei Stellen, die Volkers Tapferkeit hervorheben, was wir 
an sich dem Dichter des Abschnitts selbst ganz wohl zutrauen dfirfen (wir 
werden ihn spfiter den Spielmann noch mehr rühmen boren). Znnftchst sind 
1936 — 1939 interpoliert, wieder einmal aus dem alten Grunde, weil sie als 
Episode sich zwischen 1935 und 1940 schieben. Ein scheinbarerer Grund ist, 
daß Etzel schon 1932 den Saal verlassen hat. Allein man darf in der Ord- 
nmngy wie der Dichter erzählt, doch nicht immer eine chronologische Reihen- 
folge finden wollen; oder soll ich den alten Kohl noch einmal aufwärmen, 
daß der Dichter geoöthigt ist, Gleichzeitiges nach einander zn erwähnen? 
Der Dichter erzählt zuerst in Str. 1932 — 1935, wer alles hinausgegangen 
sei, and dann fügt er 1936 — 1939 eine Episode aus diesem Hinausgehen beL 
Die vier Strophen sind, zumal die letzte, ganz vortrefflich. — Weiter wird 
Volker hervorgehoben 1941—1944. Doch sollen diese Strophen von einem 
andern Verfinsser sein; denn hier komme es «einem Fahrenden, am Schlaß 
seines Vortrages, darauf an, seinen Zuhörern im Bilde zu zeigen, was sie 
einem biedern Spielmann schuldig siud^. Das mag eine Nebenabsicht des 
Dichters gewesen sein, die aber auch Sinn hat, ohne am Schluß seines Wer- 
kes angebracht zu sein. Der Hauptonterschied zwischen diesen und den vorigen 
vier Strophen ist der, daß hier Hagen nnd dort Etzel redet. W. will die 
vier Strophen als echt gelten lassen, wobei er immerhin die Möglichkeit 
offen läßt, daß sie doch jünger wären. 1936—1939 dagegen sollen Werk 
eines Nachahmers sein (»vgl. 1939, 1 und 1944,3. 1941, 4, femer 1938, 3 und 
1883, 3*^, also im ganzen zwei gemeinsame Bilder, beide ohne besonders 
auffslleudcs Gepräge). — Dagegen soll 1918 jedenfalls unecht sein, weil sie 
den Zusammenhang unterbreche; das Motiv 1918, 3 sei geschöpft aus 1926, 1 
[ftbchlich 1924 gedruckt]. Vermissen würde die Strophe niemand, wenn 
sie fehlte. Aber ich glaube, der Ausruf 1918, 4, der so wie er dasteht an- 
vermittelt and ohne Folge ist, erweist eben das Alter der Strophe. Er wird 
ähnlich wie 1849 aus älterer besserer Überlieferung stehen geblieben sein. 
Hagen sagt 1897, 3 nu trinken wir die minne und gelten sküneges w'm. Es lag 
nahe, dieses Bezahlen des Weines selbst als Schenken eines bitteren Getränks 
an bezeichnen, und es mag ein verwandter Ausdruck 1918, 4 in älterer Dich- 
tung an passenderer Stelle gestanden und sich hier an etwas unpassender 
erhalten haben. Jedenfalls weit schwerer begreift sich das, wenn man eine 
Literpolation annimmt. Die „entbehrlichen*' Str. 1919. 1921. 1922. 1930, 
von denen ich keine entbehren möchte, hat W. selbst doch ftLr echt gehalten. 



Die ganze Erzählung von 1787 — 1945, umfEtssend den Kirchgang , den 
Bahurt, das Festmahl, den Kampf in der Herberge und im Saal, die Entfer- 
nung Etzel, Kriemhilds, Dietrichs und Rüdigers, hält W. für das Werk eines 
Dichters, den er, weil Dankwart die Hauptperson in der Erzählung sei, den 
Dankwartsdichter nennt. & entwirft ein lebendig gezeichnetes, charak- 



LITTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 233 

teristisches Bild von den EigeDthümlichkeiten dieses Dichters. Sein Hanpt- 
held ist Dankwart, ihm zunächst Hagen und Volker; die drei Könige treten 
hinter ihnen zurück. — Ich muß das gleich bestreiten. Die Haupthelden 
des ersten Kampftages sind Hagen und Volker, und beide behalten ihre her- 
vorragende Stellung auch am zweiten Tage noch bei; vgl. was ich oben 
wider die Entfernung Hagens durch Wilmanns in der Erzählung von Rüdigers 
Kampf gesagt habe. Wenn Hagen im Verlauf des Kampfes aus seiner Prota- 
gonistenrolle zurück und in eine Reihe mit den Königen tritt, so ist das in 
der Erzählung ganz wohl motiviert. Der Dichter ist Hofmann genug ; um 
(s. 0.) den Königen ihren gebührenden Ehrenplatz als tapferen Helden anzu- 
weisen. — Anders in den Scenen, die dem Kampfe vorangehen. Hagen ist 
von Anfang an der Burgunden böser Geist, der sie in den verderblichen 
Kampf treibt. Die früheren Partien des Gedichts, in denen diese seine Stel- 
lung klarer ist, den Mord Siegfrieds, den Baub des Schatzes, die Ereignisse 
an der Donau, kann ich leider nicht anführen, da W. sie nicht mit unter- 
sucht hat. Allein mögen sie einen Verfasser haben, welchen sie wollen, diese 
Züge sind in der Sage begründet Wir brauchen aber nicht so weit zurück 
zu gehen. Gleich nachher werden wir sehen, daß W. auch die Scene, wie 
er niht gen ir üf atuanty Str. 1696 1745, zu der Dankwartsdichtung rech- 
net. Ist hier Hagen der trotzig den nicht mehr vermeidbaren Kampf her- 
ausfordernde, 80 zeigt er sich ebenso, wenn er den Rath giebt, gewaffnct zu 
gehen, wenn er der Königin den Weg vertritt, wenn er höhnische Worte 
über Ortlieb redet und endlich durch den Mord des Kindes den Kampf im Saal 
eröffnet. Jetzt hat er diese Rolle beendet und tritt hinfort in eine Reihe 
mit den andern Haupthelden. Sein Schicksal ist auch das Volkers, der sich ihm 
1696 f. gesellt hat und an seinen Thaten theilnimmt, so lange nicht der 
allgemeine Kampf sie mit allen Andern vereinigt Als hätte der Dichter ge- 
fühlt, daß der Stoff seiner Dichtung ihm später nicht mehr Gelegenheit geben 
werde, mit besonderem Ruhme auf diesen Helden zurückzukommen, hat er in 
dem Kampf im Saal den verklärenden Schimmer edelsten Heldenthums um 
ihn gebreitet. Dankwarts Hervortreten, das man seine Aristie nennen mag, 
so lange man nicht vergißt, daß die homerischen Aristien etwas anderer Art 
sind'*'), ist durchaus durch den Stoff gefordert und beweist keine besondere 
Vorliebe des Dichters für diesen Helden, welche aus freier Wahl des Dich- 
ters hervorgegangen wäre. Denn Dank wart wird ja sonst so gut wie nicht 
berücksichtigt, nicht nur in andern Theilen des Gedichts, sondern von dem 
^Dankwartsdichter^ selbst. Leicht genug hätte dieser ihn auch außerhalb 
der Partie, die ihn verherrlicht, mit besonderem Ruhm erwähnen können : er 
thut es nicht, vielmehr hat er bloß den Kampf Dankwarts mit Blödel und 
den Seinigen, vor allem sein Durchbrechen nach dem Saale und seine Hut 
der Thüre mit den hellsten Farben gemalt; er beschränkt sich darauf, die 
Partie, wo Dankwart seinem Amt nach auftreten muß, dichterisch auszu- 
schmücken und mit dem Folgenden dramatisch zu verweben. Wie kann man 
demnach sagen, daß Dankwart des Dichters Hauptperson sei? Wenigstens in 



*) Von allen Aristien der Uias ist nur' die Patroklie durch den Stoff gefordert; 
die des Diomedes, Agamemnon und Menelaos könnten ebenso gut gans andere Helden 
haben. Durchaus anders bei Dankwart 



234 LITTEBATUR: ZUB KBTnK DER NIBELUNGEN. 

dem Sinne ist er es jedenfalls nicht^ daß die Vorliebe für seine Figor charak- 
teristisch für den Dichter heißen könnte gegenüber der Ignoriemng derselben 
bei andern Dichtem*). — In Beziehung anf die poetische Form hebt W. 
die große Anschaulichkeit und Lebhaftigkeit der Erzäblaog hervor. Gewiß mit 
Recht ; aber wo hätte der Dichter überhaupt lebhafter und kräftiger schildern 
können als in diesen Scenen? und wie sehr die Schönheit der Schilderung 
▼on dem Gegenstande abhängig ist, wie wenig sie also för sich allein ein 
Ejriterium bilden kann, wird man leicht sehen, wenn man innerhalb der Dank- 
wartsdichtung selbst die interesselose Erzählung vom Kirchgang und Buhurt 
mit den graudioseu Kampfscenen nachher vergleicht. — Nach W.s Ansicht 
gehört der Dichter in die Zeit, ^da der Stil des volkstümlichen Epos seine 
Blüte erreicht hatte". Da wir diesen Stil bloß aus dem N. L. kennen, von 
dem alle andern Epen der Heldensage theils abhängig theils durch entschieden 
jüngeres Gepräge verschieden sind, so kann ich W.s Satz auf sich beruhen 
lassen. Mit dem Stoff dagegen hat sich der Dichter nach W. nicht allzu- 
viel Mühe gemacht. Er hat Strophen aus älterer Dichtung beibehalten, ohne 
sie umzugestalten. Die Behauptung beruht nur auf den Str. 1841 ff., filllt 
also weg; bei 1849 und 1918 glaube ich den Grund gefunden zu haben, 
warum ältere Motive an unpassendem Ort stehen geblieben sind (was aber, 
8. o., auch sonst, außerhalb der Dankwartsdichtung, begegnet). Wie wenig 
sich der Dichter Mühe gegeben habe, soll auch 1836 zeigen, wo das Ver- 
langen Ejriemhilds nicht deutlich ausgedrückt sei: als ob nicht nach 1685 
— 1687 Dietrich ganz wohl wissen könnte, was Ejriemhild will ! Sollen aber 
die angeführten Strophen nicht gelten, weil sie von anderer Hand sein könn- 
ten^ so weiß auch in der Thidrekssaga Dietrich von Kriemhilds Plänen, ehe 
sie ihn um Rache angeht (vgl. Cap. 375 mit 376). Auch um eine ge- 
schickte Lösung war der Dichter nicht eben besorgt: ^Etzel und Kriemhild 
werden gewissermaßen herausgeschmuggelt^. Das ist wahr, und sehr schön 
ist es eben nicht: aber der Dichter wüste sich (vgl. das zu Giselhers Ver- 
lobung Gesagte) dem Stoffe gegenüber nicht anders zu helfen, hätte sich auch 
wohl nicht viel besser helfen können. — Die Frage, warum die Burgunden 
bewaffnet seien (1799 f.), sei ursprünglich in Kriemhilds Mund gelegt gewe- 
sen, wie Str. 1683 und in der Thidrekssaga Cap. 377, und hätte (wie eben- 
falls in der Th. S.) beim Eintritt in den Saal erfolgen sollen. Dann hätte aber 
der Dichter Kirchgang und Bnhurt, die er gemäß der deutschen Sitte seiner 
Zeit beifügte, weglassen müssen. So wie die Erzählung ist, muste Etzel (oder 
Ejriemhild; denn welches von beiden , macht doch nichts aus) schon beim 
Kirchgang fragen, der nothwendig vor dem Festmahl stattfinden muste. Wenn 
man übrigens genauer zusieht, so paßt die Parallele der Th. S. nicht auf 
1799 f., sondern auf 1683 f., sogar mit wörtlichen Anklängen, so daß 1799 f. 
als freie und tadellose Erfindung unseres Dichters — wenn man will, auch 
eines unbekannten Vorgängers — gelten darf**). S. übrigens unten über diesen 
Punkt — Daß der Dichter «im Einzelnen dasselbe Ver£Ethren wie im Ganzen" 



*) Ich komme unten auf Dankwart zurück. 
**) Wenn W. vollends die Namensnennung Etzel 1801, 4 dafür anfuhrt, daß 
ursprünf^Uch Kriemhild die Frag^ende gewesen sei, so ist das ziemlich bodenlos. Auch 
wenn die Namensnennung' des Angeredeten (s. o.) sonst nicht nachweisbar wäre, so 
müste sie hier, wo Hagen fremden Auftrag ausrichtet, anbeanstandet bleiben. 



LITTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 236 

beobachte, kann ich weder bejahen noch vemeinen; so lange W. keine Bei- 
spiele giebt. Es wird aber wohl an dem bisher versuchten Nachweis genü- 
gen, daß die Eigenthümlichkeiten der ^Dankwartsdichtung" zum Theil nicht 
vorhanden, zum andern Theil im Stoffe begründet sind. 

Von diesem Resultat aus könnte ich die von W. aufgeworfene Frage, 
ob 1787 — 1945 als Interpolation anzusehen sei, füglich als gegenstandslos 
bei Seite lassen. Allein W. ist auch hier nicht mit zweifelloser Sicherheit und 
Consequenz verfahren, und es lohnt sich, das zu zeigen. Die Antwort auf 
obige Frage lautet: „Der Schluß der Episode zeigt deutlich, daß der Dichter sein 
Thema nicht frei aus sich heraus entwickeln durfte, er bearbeitete es mit Rück- 
sicht auf eine schon existirende Sagengestaltung ; daß das unsere Dichtung war 
zu bezweifeln, dazu hat man gar keinen Anlaß. Der Dankwartsdichter also 
ist als ein Interpolator der Rüdigersdichtung anzusehen.^ Wenn ich den 
ersten Satz recht verstanden habe , so kann unter „Episode^ nur die ganze 
bis jetzt gefundene Dankwartsdichtung zu verstehen sein; und daß 1945 
kein Schluß einer Dichtung sein kann , ist zuzugeben. Aber außer dem 
Schluß, den ich daraus ziehe, daß die ^Dankwartsdichtung" genannten Ab- 
schnitte nur Theile eines größeren einheitlichen Werkes seien, könnte W. 
den dritten daraus ziehen, daß das Ende der Dankwartsdichtung verloren sei 
(und zwar wohl durch die Contamination verschiedener Sagenberichte). Das 
würde allerdings mit seiner Behauptung streiten, daß 1944 „am Schluß des 
Vortrages** stehe. Aber eben diese Annahme, in 1944 ein Schlußmotiv finden 
zu wollen, streitet aufs härteste mit der Behauptung der Interpolation; denn 
wie konnte der Dichter einen solchen Schlußeffect anbringen wollen, wenn 
sein Werk von ihm selbst zur Einfügung in fremde Dichtung bestimmt war? 

Was die weitere Behauptung betrifft, daß der Dankwartsdichter der In- 
terpolator gerade der Rüdigersdichtung sei, so fehlt dafür jeder Beweis, während 
für die Identität des Verfassers der Rüdigersdichtung doch analoge Motive aus 
den verschiedenen Partien citiert worden waren. Ich könnte also hier nichts 
thun, als das bei jener Gelegenheit gesagte hier mit stäVkerer Betonung 
wiederholen ; wenn nicht der weitere Umstand, daß von den zwischen die ge- 
trennten Stücke der Rüdigersdichtung fallenden Str. 1625 - 2071 erst die 
Str. 1787 — 1945 untersucht sind, also weder Anfang noch Ende (so daß 
wir nicht einmal die Näthe zu sehen bekommen, wo der aufgesetzte Lappen 
an das alte Gewebe anstößt), die Behauptung Ws noch viel willkürlicher 
machte. Ohnehin sind wir mit dem Dankwartsdichter noch nicht zu Ende, 
können also auch noch nicht wissen, ob seine sonstigen Strophen zu W.s 
Behauptung stimmen. 

Denn die Str. 1696—1745, Hagen und Volker vor Kriemhild, sollen 

ebenfaUs dem Pankwartsdichter angehören. Im Gegensatz zu dem Bisherigen 
ist der Kritiker hier ziemlich schonungslos zu Werke gegangen. — 1697, 3. 4. 
1698, 1. 2 sind bloß „überflüssig''. — 1699, 8. 4. 1700, 1. 2 lenken die Auf- 
merksamkeit von Kriemhild, welche 1699, 2 und 1700, 3. 4 erwähnt wird, 
ab ; — wer möchte aber das kräftige alsam Her diu wilden gekaphet wurden an 
vermissen? — 1702 ist „nicht guf : nach dem Anerbieten der Mannen 1702 
sei die fiißfUllige Bitte 1703 nicht mehr nöthig. Ich möchte fast wetten, 
daß von diesem oder jenem modernen Dichter dasselbe erzählt sein könnte, 



236 UTTEBATUB: ZUB KRITIK DER NIBELUNGEN. 

ohne daß ein Mensch Anstoß daran nfthme. Ein wesentlicherer Grund — 
nach W.s Anschauungen — wäre der, daß Kriemhild 1703 ^nicht von neuem 
als Redende bezeichnet wird''; wenn er nur wahr wftre: B. v. Muth, Zeit- 
schrift fär deutsche Philologie 8, 490, hat schon bemerkt, daß 1703, 3 steht 
sprach de$ küneges irtp. — Lachmann hat die Str. 1705 — 1707 ausgeschieden. 
W. begnügt sich mit der Athetese Ton 1705, 4 — 1706, 3, wodurch aller- 
dings die Hauptbedenken Lachmanns aufgehoben wären; denn daß 1707, 4 
„sich in seiner unbestimmten Allgemeinheit wenig zur Einleitung des mißlun- 
genen Versuchs eigne^, läßt sich nur dann aufirecht erhalten, wenn man die 
Unechtheit aller ähnlichen matten Strophenschlüsse beweist. Aber auch die 
Bedenken gegen 1705, 4 — 1706, 3 wiegen nicht schwer. 1705, 4 soll nach 
W. unsinnig sein, „wenn der Hauptgrund der Besorgnis in der Anwesenheit 
Volkers liegt^ Und dennoch soll 1705, 4 — 1706, 3 von einem Verfsaser 
sein, wenn auch von einem Interpolator? Die Unsinnigkeit ist aber nicht so 
arg. Wir haben eine einfache Klimax: mit Hagen werdet ihr so leicht nicht, 
fertig und noch weniger mit Volker; das „und" oder sonstige Verbindung 
fehlt, weil eine neue Strophe beginnt*). „Daß Volker über Hagen erhoben 
wird, dazu sieht man keinen Grund ^; gerade an unserer Stelle läßt es sich 
wohl erklären. Hagen kennen die Hennen, zum Theil noch aus persönlicher 
Bekanntschaft (1734); Kriemhild sagt übertreibend, um zu recht umfassender 
Rüstung zu mahnen: noch stärker als er aber ist der Andere. Ob sie damit 
nach des Dichters Ansicht die Wahrheit sagt oder nicht, wird sehr gleich- 
giltig sein**). Die „matte Wiederholung^ 1705, 4. 1706, 4 wird nicht viel 
bedeuten; man könnte auch „wiederholte dringende Einschärfung^ daf^ sagen. 
Und wen der Cäsurreim 1705, 3. 4 geniert, der lese 1705, 3 mit AB CD 
(nach Bartsch mit allen Hss. ausser J b , welche willen haben) gedingen^ wof^ 
Lachmann ohne jede Noth gedinge gesetzt hat Wenn schließlich W. für den 
Verfasser von 1705, 4—1706, 3 den Dichter der Str. 1936 — 1939 ansieht, 
so liegt in beiden Stellen nicht das mindeste, was für sich schon diese 
Annahme begründen könnte. — 1712. 1713 sind „fast albern^, n^^ ^^ 
Königin Hagen nicht wohl will, weiß doch Volker"; es steht aber 1712, 1 
nicht ob n tu si gehat , sondern mn. Wiefern die Annahme , daß die 
Hennen Brünnen unter ihren Gewändern tragen ^übel zum Vorhergehenden 
stimmt^, kann ich wahrlich nicht entdecken. An und für sich ist jedenfalls 
nichts gegen dieselbe zu sagen; vgl. Thidrekssaga Cap. 373, wo die Bur- 
gunden die Brünnen unter den Röcken tragen. Es ist doch nicht noth- 
wendig, daß Kriemhild ausdrücklich den Rath gibt, die Rüstung unter dem 
Festgewande zu verstecken; vgl. übrigens Zaruckcs Bemerkung in seiner 
Rec. Sp. 1666. Von einer „Besorgnis^ Volkers, welche zum Folgenden 
nicht passen würde, ist in den zwei Strophen nicht die Rede; 1712, 2. 3. 



*) Es wäre interessant, die Mittel der Anknüpfang innerhalb derselben Strophe 
und von einer zur andern einmal gründlich mit einander zu vergleichen. So viel ist 
schon deutlich, daß in letzterem FhIIs die Verbindung nicht selten fehlt, wie auch ganz 
natürlich ist. 

**) Auch Dankwart lügt 1861 : ick vhu ein to6nie kindel, dd Sifrit vlot den Up; 
und wenn man das beanstandet und aus der Stelle vielmehr einen Schloß für die 
Liedertbeorie zieht, so lOgt jedenfalls Hagen 1801, also wird es die tückische Kriem- 
hild auch tbun dürfen. 



LITTERATUR: ZUR KRITIK DER KIBELUNOEN. 237 

1713, 2 ist doch nur ein eines Helden ganz würdiger Rath zur Vorsicht und 
Aufmerksamkeit. Daß 1714 ^hesser auf 1711 folge", bezweifle ich. 1713, 4 
steht zu 1714, 2 in engster Beziehung, und ich bezweifle, ob einem Interpo- 
lator naph dem Maß an Einsicht, das diese Leute bei W. gewöhnlich zeigen^ 
ein so scharfes Erfassen des Richtigen zuzutrauen ist — 1715 — 171*1 sind 
bloß ausgeschieden worden, weil Hagen doch schon, als er sich Volker zum 
Genossen erkor, sich auf seinen sichern Beistand verlassen muste. Ist des- 
halb die Frage hier, im Angesichte der Gefahr^ unerlaubt? W. vermuthet hier 
denselben Interpolator wie in 1712. 1713 und bei den „süßlichen Zusätzen ** 
in Rüdigers Kampf; für das Letztere kann er bloß die Worte nu I6n tu got 
von htmele 1717, 1 und 2136, 1 anfahren. — An 1720 wird die ^Stärke der 
Ausdrücke^ getadelt, in denen ich nichts Besonderes finden kann. 1720, 2 
zeige einen reflectierenden Dichter wie 2087. 2091 : als ob nicht ebenso wie 
dort die Verzweiflung, so hier der höhnische Grimm zu einem allgemeinen 
Satz greifen könnte! — Daß das Gespräch Strophe um Strophe wechselt, hat 
W. erst durch seine Athetesen zu Stand gebracht; — und wenn diese Regel- 
mäßigkeit bei der Unterredung zwischen Hagen und Volker nicht festzu- 
halten ist, so wird sie es auch nicht sein in der zwischen Hagen und Kriem- 
hild, aus welcher W. nur um dieses Grundes willen 1728, 3 — 1729, 2 als 
^ganz müßig" ausgeworfen hat. — Ebenso ist 1731 bloß „ein ablenkender Zu- 
satz müßiger Reflexion^; zwischen 1730, 4 und 1732, 1 ist wieder einmal 
Verbindung durch Gleichlaut in den Worten. — Str. 1733 ist „entbehrlich 
und wegen des starken Ausdrucks in Z. 2 nicht ganz unverdächtig^ ; dieser 
starke Ausdruck ist aber, wie ein Wörterbuch lehren kann, durchaus nicht 
singuIär; übrigens hat W. die atrophe schließlich doch als echt aufgenommen. 
— 1734 — 1736 sind „matt und störend**; ob das erste angesichts von Zeilen 
wie 1736, 2 jemand zugeben wird? Störend aber ist der Zusatz nach W., 
weil die Rede, nachdem 1732 ein Heune erklärt habe, sich nicht mit Hagen, 
1733 ein anderer, sich nicht mit Volker messen zu wollen, nicht wieder 
zu Hagen umkehren dürfe. 1732 ist aber von Hagen mit keiner Silbe die 
Rede, und 1733 soll ja verdächtig sein! Daß 1734. 1735 in ihrem Motiv 
mit 1691 — 1695 gleich sind, beweist uns nichts; von den genannten Strophen 
ist ja noch gar nicht die Rede gewesen. — Die Scene endigte mit 1738, 
vielleicht schon mit 1737; warum, sehen wir nachher. 

Also auch die vorliegende Scene soll von dem Dankwartsdichter ge- 
dichtet sein, weil auch hier Hagen und Volker im Vordergrund stehen, beide 
als Herausfordernde^ weil auch hier dieselbe Lebendigkeit des Dialogs und 
der Darstellung sei und — was näher zu prüfen — dieselbe Sorglosigkeit in 
der Composition. Das Ganze geschieht, während die Könige auf dem Hofe 
stehen und die Absonderung Hagens und Volkers ist nicht motiviert. Also 
dasselbe Motiv, das Lachmann zur Zerstückelung der Lieder 15 — 17 geführt 
hat. Ich verweise deshalb auf die trefPliche Auseinandersetzung bei Heinrich 
Fischer, Nib. Lied etc. S. 131 f. und auf die Bemerkung Zamckes in seiner 
Rec. Sp. 1666. — Wir sollen aber in der Art, wie die Scene eingefügt ist, 
nicht bloß den Dankwartsdichter zu erkennen haben, der sie einfach, ohne 
auf den mislichen Punkt hinzudeuten, einschob, sondern auch den täppischen 
Interpolator, der 1698, 1 recht ausdrücklich auf die Situation hinwies: noch 
liezen st die Herren üf cUm have etdn; womit wir zugleich auch den wahrai 



238 LTTTERATÜR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 

Grund fiir die Atheteae dieser Strophe entdecken. Dieser selbe y,Biedennaim' 
habe nun auch 1739 — 1745 verfaßt. Lachmann hatte 1740. 1741 verworfen, 
weil nach 1738, 3 {puo den känigen hin se hove) die Könige schon zn Hofe 
gegangen seien, was Fischer a. a. 0. 132 aufs beste widerlegt hat. 1739 
soll nach W. nicht an ihrem Platze sein; sie gehöre nach 1737; daß 17B9 
unecht sei, erhelle aus der Verwandtschaft mit 1715—1717 und 1720, 2. 
Dennoch soll die Möglichkeit vorhanden sein, daß 1738 jünger sei als 1739 
und von demselben Interpolator stamme, der auch sonst Völkern hervorzuheben 
beflissen war und in 1737, 4 die La. von dem videlcere eingeschmuggelt hat. — 
Über die Richtigkeit dieser La. will ich nicht weiter reden, da ich einen Inter- 
polator, der mit der genannten Absicht verfahren wäre, nicht anerkenne; wer 
die La. für falsch hält, mag sie weit einfacher mit Lachmann durch Abwei- 
chen des Auges auf 1738, 1 erklären. Aber ist es an sich glaublich, daB 
ein Interpolator in zwei Strophen hinter einander dergestalt verfahren w8re? 
Und welcherlei besondere Hervorhebung Volkers enthält denn 1738? — 
Auch zu der Umstellung von 1738 und 1739, wie ohnehin zu der Athetew 
von 1789, welche sich nur auf die Analogie früherer Strophen gründet, 
ist kein Grund. Die Reflexionen des Dichters unterbrechen nicht sehen 
Zusammengehöriges. — Von demselben Verfasser stammen die syntaktisch 
verbundenen 1740. 1741 und die Strophen 1742 — 1745, wo die bei dem 
Dankwartsdichter „noch nicht^ vorkommenden Imfrit, Hawart und Iring er- 
scheinen. — Von dem Constructionsübergang rede ich nicht mehr. Die Un- 
echtheit von 1815. 1816, wo Thüringer und Dänen und mit Namen Imfirit 
und Hawart erwähnt werden, habe ich zurückgewiesen. Charakteristisch ist 
aber W.s Ausdruck „noch nicht''; gesetzt, die Namen seien bis jetzt in der 
Dankwartsdichtung noch nicht gefunden worden , würde das etwas be- 
weisen? Beim Saalkampf sind sie nicht und vom Buhurt könnten sie ja weg« 
bleiben; dürften sie deshalb hier bei dem feierlichen Empfang nicht zugegen 
sein? Wie eng und mechanisch muß W.s Anschauung von der Entstehung 
unseres Epos und der Kenntnis seiner Fabel sein ! Entweder hätte der Dank- 
wartsdichter die thüringischen und dänischen Helden gar nicht gekannt — aber 
Iring erscheint in der Thidrekssaga *) — oder er hätte sie gekannt, aber nicht 
anbringen wollen, aus welchem mehr oder minder kindischen Gknnde, wissen 
wir nicht; aber mittelalterliche Dichter pflegen ihre Personen alle gebührend 
anzubringen. — Übrigens findet auch hier W. die Strophen nicht richtig ge- 
ordnet: 1744 gehöre hinter 1745, damit die Aufzählung der Heldenpaaie 
nicht unterbrochen werde, und 1743 vor 1742. Das Erstere ist irrelevant 
genug; gegen die letzte Umstellung muß ich protestieren. W. meint, 1748 
würde sehr gut an 1741 anknüpfen {do each man sich gesellen die helde käCM 
unde guot\ — stoie iemen sich gesellet) und 1744 an 1742 (d6 stich man jBtte- 
deg^ren ze hove mit QiselMren gän\ — d6 sach man mit den künegen hin se 



*) Vgl. Hennings treffende Worte a. a 0.69: nln allen übrigen Heldengedichten 
der Zeit, der Klage, dem Biterolf, den sächsichen Liedern finden wir auch eine ver- 
nünftige zosammenhäDgende , im Wesentlichen abgerundete und einheitlich gestaltete 
Sagenkenntnis , einzig die Dichter uDserer Nibelongeu wären unwissend und unkundig. 
Ein Glück nur, daß der eine immer noch etwas mehr wnste als der andere, so daß 
dadurch doch etwas Vollständiges zusammenkam*'. — Wenn das nar nicht eben so gut 
auf Lachmanns Lieder paßte! 



UTTERATÜR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 239 

^0176 gän). In früheren Fällen konnte ich nur behaupten, daß sich ans sol- 
chem Gleichlaut kein Schluß ziehen lasse; hier aber ist derselbe, zumal in 
dem zweiten Beispiel, so häßlich und klappernd, daß er, wäre er überliefert, 
wohl ertragen werden könnte, keinesfalls aber durch kritische Machinationen 
erst hergestellt werden darf*). 

Mit 1746 beginnt wieder ältere Dichtung und zwar, wie wir sehen wer- 
den^ ein Stück der Rüdigersdichtung. Dieser Strophe gieng nach W. 1738 
unmittelbar voraus [oder 1737, falls jene Strophe, s o., für jünger zu halten]. 
,,Der Dankwartsdichter ging darauf aus einzelne Scenen voll auszugestalten; 
Mittelglieder ohne inte ressir enden Inhalt verschmähte er.^ Der Sprung von 1737 
(1738) auf 1746 ist immerhin etwas stark, möchte aber hingehen; nur be- 
weisen W.s Parallelen nicht eben alle für solche Sitte des Dankwartsdichters. 
1786 und 1788 werden nachher behandelt werden; immerhin ist auch von 
1786 auf 1787 ein Sprung, der aber hier mehr in dem Mangel an formeller 
Verbindung besteht, während in unserer Stelle sachlich wesentliches über- 
gangen wäre. 1803 und 1806 hat erst W. zusammengebracht. Zwischen 
1835 und 1836 ist gar kein Sprung; vielmehr dient ja 1836, 1 gerade zur 
Verknüpfung. In 1849 tritt ein unerwarteter Gedanke auf (s. o.) ; aber die 
Erzählung schreitet von 1848 zu 1849 stätig weiter. Nur 1857 und 1858 
zeigen etwas Ahnliches, wie sich an unserer Stelle ergeben würde; aber dort 
ist der Scenenwechsel ganz an seinem Platz und eine Verbindung der Scenen 
nicht denkbar, hier würde eine leicht mögliche (und in 1739 — 1745 wirklich 
vorhandene) Verbindung fehlen. 



Die Untersuchung geht weiter. Ihr nächster Gegenstand ist der Em- 
pfang bei Etzel und die erste Nacht, Str. 1746—1786; wie gesagt, 
wieder ein Stück der Büdigersdichtung. — Hier wechselt auf einmal der Ton; 
Alles ist vergnügt und guter Dinge ; als ob keine Warnung durch Dietrich, 
kein Angriffs versuch auf Hagen vorangegangen wäre. Daraus schließt W., 
daß dieser Abschnitt und die vorhergehenden nicht von demselben Dichter 
sein können. Dabei hat er auf zweierlei nicht geachtet. £inmal kann er 
nur die wenigen Strophen 1746 — 1757 für seine Ansicht gellend machen; 
1758 beginnt gleich wider ein feindseliger Ton; wir werden zwar sehen, daß 
W. 1758 — 1761 auswirft, aber eben bloß wegen dieses Tones. Von den 
12 genannten Strophen aber sind volle sechs durch Beden ausgefüllt, die 
nicht anders als freundschaftlich sein können; denn — das ist der zweite und 
wichtigere Punkt — Etzel weiß von all dem vorgefallenen Geplänkel gai* 
nichts und sicher ebenso wenig von Ejriemhilds Vorhaben. Ob das, wie 1802 
und 1803, ausdrücklich gesagt oder wie hier stillschweigend vorausgesetzt 
wird, weil es aus der ganzen Erzählung folgt, wird nicht viel ausmachen. — 
Es ist also kein Grund, anzunehmen, daß unsere Erzählung eine Dichtung voraus- 
setze, „in der die Burgunden, als sie an Etzels Hof kommen^ noch keine 
Ursache zur Besorgnis hatten." 



*) W. findet auch sonst im N. L. die Strophen nicht immer in ihrer ursprüng- 
lichen Ordnung überliefert und iflhrt dieß an Str. 1330—1838 aas, was loh, ab außer- 
halb meines eigentlichen Gegenstandes fallend, unnntersucht lasse. 



240 LITTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 

Aus der ErzfthluDg selbst wird vieles ansgeschiedeD. — 1748 und 1749 
stören das Ebenmaß der Dichtung, welche den Mannen nicht zwei Strophen 
zutheilen durfte, den Königen nur eine. Daraus würde nur die Unechtheit 
von 1749 folgen; aber 1748 soll durch die Wiederholung von gr6ze wille- 
kamen in 1750, 4 verdächtig sein, was W. aliein gewiß noch für keinen 
Grund gehalten hätte. Ist keine Ursache mehr vorhanden, den Abschnitt vom 
vorhergehenden zu trennen, wo Hagen und Volker im Vordergrund stehen, so 
werden auch die zwei Strophen nicht zu beanstanden sein. Ich mache darauf 
aufoierksam, daß bei Begrüßungen oder Anreden an die Burgunden nicht die 
Könige, sondern Hagen zu reden pflegt; s. 1663. 1676. 1801. 1855. (1956. 
1957.) 2193. 2270 (wo noch dazu Günther ausdrücklich angeredet war) ; eine 
Ausnahme machen nur 1931 (wo aber nur Günther reden kann, denn Hagen 
kann nichts erlauben). 2028. 2114. — Die Str. 1752 ist verworfen, weil sie 
eine mehrmalige Einladung der Burgunden voraussetze wie 1748, 4; worauf 
nachher keine Rücksicht genommen wird. Allein das sind solche leere Be- 
densarten, die man auch im heutigen Gespräch nicht auf die Goldwage legt; 
und vollends W. hat gar keinen Grund, deshalb 1752 zu athetieren, da er 
nirgends sagt, daß der Rüdigersdichter nur von einer Einladung gewust habe. 
— 1754 ist bloß „überflüssig". — Obgleich aber das nach Entfernung dieser 
Strophen übrig bleibende eine vollständige Erzählung bildet, könnte doch, 
meint W», die Bearbeitung manches Alte fortgeschafft haben. 

Daß Kjriemhild bei dem Empfang nicht auftritt, hält W. nicht für ur- 
sprünglich und muthmaßt, daß etwas ähnliches wie Thidrekssaga Cap. 373 
hier gestanden habe. Die einzige Begründung dafür ist, daß Kriemhild in 
der Rüdigersdichtung nicht schon vorher in feindliche Berührung mit den 
Burgunden gekommen sei, folglich jetzt nothwendig eingeführt werden müsse. 
Für den, der unsem Abschnitt nicht von dem vorhergehenden trennt, ftllt 
dieser Schluß ganz weg; über 1675 ff. ist ja noch gar nichts entschieden. 
Wir sagen also einstweilen umgekehrt: weil der Dichter schon vor dem 
Empfang bei Etzel einen solchen von Seiten der Kriemhild erzählt hat, brauchte 
er sie bei ersterem nicht mehr einzuführen. 

In der Schilderung der ersten Nacht flndet W. größere Zusätze; wir 
werden sehen, daß hier die Hand des Dankwartsdichters thätig gewesen sein 
soll. So gleich in 1758 — 1761, die nur wegen der „gereizten Stimmung' 
und des „herausfordernden Wesens^ Hagens und Volkers, „wie es der Dank- 
wartsdichter schildert^, athetiert werden; während diese Stimmung fär uns nach 
dem in 1696—1738 erzählten ganz natürlich ist — Die Str. 1763. 1764 
werden entfernt, weil 1762, 4 schon die Schilderung des Lagers abschließt; 
allein diese Zeile ist ein reiner Flickvers, und in den zwei Strophen selbst 
ist nichts Verdächtiges. — Einen nicht unwichtigen Schluß knüpft W. an die 
(echte) Str. 1765. Es müsse sich etwas Besorgniserregendes zugetragen 
haben, aber nach 1765, 3 „nichts so entschieden Feindseliges, wie wir in 
unserem Nibelungenliede lesen^, sondern etwa dasselbe, was eben aus der 
Thidrekssaga herbeigezogen wurde. Schönbach a. a. 0. 382 hat ganz richtig 
erwidert: „was kann denn Feindseligeres gcf^chtet werden als was Giselher 
in V. 4 fürchtet: seinen und seiner Genossen Tod?^ 1765, 3 mag sich dabei 
auf die freundliche Einladung oder auf den freundlichen Empfang beziehen, 
der Giselheren 1675 zu Theil geworden ist. — Str. 1767 ist überflüssig; nach 



LITTEBATÜR: ZUR KBITK DER KTBELUNGEN. 241 

Z. 2 könnte man annehmen, daß auch Volker zu Bette gehe, während er 
1768 mit Hagen gehen will. Wer darin eine Unebenheit finden will, habeat 
sibi! — Jünger ist auch 1769 wegen ihrer Ähnlichkeit mit 1715 — 1717; 
8. o. — „Wunderlich** ist 1771, daß Volker erst gew&ffnet aus dem Hause 
geht und dann nochmals umkehrt^ seine Geige zu holen. ,|Es liegt auf der 
Hand , daß , wenn es von vom herein im Plan der Dichtung gelegen hätte, 
den Spielmann hier seine Sangeskunst üben zu lassen, die Aufeinanderfolge 
der Ereignisse eine andere geworden wäre." Das ist nun Geschmackssache; ich 
kann mir den Hergang nach dem überlieferten Text recht gut und schön 
denken; ja es will mir fast scheinen, als ob mit Aufgeben der Str. 1771 eine 
cigenthümliche Schönheit verloren ginge. Allein diese Strophe ist mit den 
folgenden aufs engste verbunden. Daher muß W. 1771 — 1774 alle aus- 
werfen, wobei er an den Dankwartsdichter als ihren Verfasser denkt. Ich 
weiß nicht, ob jemand, dem die Nachtscene in ihrer ganzen zauberhaften, un- 
heimlichen Schönheit recht lebhaft vor Augen steht , die vier Strophen 
einem — wenn auch noch so begabten — Bearbeiter zuzuschreiben über sich 
bringen wird; tragen doch die Strophen so viel zu der charakteristischen 
Schönheit der Scene bei, und ihre Stimmung bildet eine wesentliche Ergänzung 
zum unmittelbar Folgenden. Es ist jedenfalls von W. nicht genug gesagt, 
daß die Strophen „an und fär sich recht ansprechend* seien; sie haben bis 
jetzt immer unter den Glanzpunkten des N. L. mitgezählt; und der Grund 
för ihre Ausscheidung ist ärmlich. — Weiter werden 1776 — 1783 entfernt 
Der Hauptgrund dafür ist, daß das Gespräch „nicht so gedrängt*^ sei, „wie 
wir es nach der knappen Anlage der alten Dichtung erwarten müßten **. 
Diese knappe Anlage hat sich in den bisher betrachteten Theilen der Rüdi- 
gersdichtung als ein erst durch grundlose Athetesen hergestellter Zug erwiesen; 
daß aber unser Abschnitt zu der Rüdigersdichtung gehöre, dafär ist bis jetzt 
nicht der Schatten eines Beweises beigebracht worden; daß er älter sein 
müsse als der vorhergehende, würde, wenn es erwiesen wäre, noch nicht die 
Zugehörigkeit gerade zu der Rüdigersdichtung beweisen. Deshalb fällt die 
mehrstrophige Rede in 1778 f.; 1781 f. nicht ins Gewicht, da ich die Aus- 
scheidung von 1748 und 1758 — 1761 oben zurückgewiesen habe. Was aber 
eigentlich hierin zwischen älterer und jüngerer Dichtung ftlr ein Unterschied 
in der Knappheit sein soll, weiß ich nicht; denn zu Str. 1720 hat W. auch 
dem Dankwartsdichter bloß einstrophige Rede vindicieren wollen ! Die übrigen 
Gründe gegen die acht Strophen sind unbedeutend. Der allgemeine Gedanke 
1776, 2 soll an 1720, 2 und 1739 erinnern. Das Hervortreten Volkers vor 
Hagen 1778 sei verdächtig; wenn aber die Hennen dieselben sind, mit denen 
Kriemhild vorher gekommen ist, so begreift sich dasselbe nach 1706 leicht 
und hat auch sonst nichts auf sich, nachdem wir die Ausscheidung anderer 
Strophen, welche Volkers Lob enthalten, als unbegründet erkannt haben. 
Verkehrt ist die Bemerkung: „wenn Hagen erwartet [1781], daß die Heunen 
näher herankommen werden, so wäre es das natürlichste, daß er seine Ge- 
fährten weckt; oder aber die Sorge, daß es einigen Heunen gelingen möchte 
in das Haus zu dringen, hätte ihm ganz fem bleiben müssen.^ Hagen fürchtet 
ja nur, daß, wenn Volker (1780) sich von dem Haus entfernen würde, der- 
selbe allein im Freien durch die Heunen in Noth kommen könnte; dann müste 
er, Hagen, ihm helfen (1781), also sich auch vom Haua «ii^^tqaeii^ ^ns^^ ^%s)^ 

GERMANIA, Nrae Beihe XII. (XXIT. Jahrg.) Vc^ 



242 LtTTGRATÜB: ZUR KETTIK DER NIBELCNOEK. ^H 

könnten leicht einige Hennen in da« Haua eindringen. Wenn sie »hft b«tdp. 
im Bficken ^i, unter der ThSr stehen bleiben, so würde du geiiQgen, dii' 
Hennen absuwebren, nnd dann brauchte mau die Schlafenden nicht au wecken. 
Ist das nicht alles in beater Ordnung? Und wenn der Dichter es nicht in *v 
peinlich logiBcbem Zasammenhang Toi^tragen hut, ist das fQr einen Dichter 
ein Vornuif? — Daß der Gedanke von 1783 spSter nicht verwerthet wird, 
darf nicht auffallen. Wie peinlich w&re es. mfisie der Dichter ap&ter einen 
Streit darfiber anheben lauen, ob die Hennen die Schlafenden habet) übei^ 
falten wollen oder nicht ! Wie advocatenmSßig ! S. anch Schönbach a. a. O. 383. 
In dem nach diesen zahlreichen Aasscheidungen übrig Hleibenden will 
also W. ein Stück der RSdigersdichtnug erkennen , ^das Prototyp fär die 
hBn£g wiederkehrenden Stellen, iu denen Hagen nnd Volker vor der Tör 
des Uansea stehend erwähnt werden". — Diese Rolle hat ihnen der Dichter 
ala Kiemlich stehend zDgewiesen, nnd es ist durchaus nicht noihwendig an- 
suoebmen, daß in einem Fall Original und im andern Copie vorliege. Eine 
genauere Parallele zn anserem Abschnitt findet sich nur in dem nnmlttelbar 
vorhergehenden, 1696 — 1738; nnd xa diesem soll denn aach der Dankwarta- 
dichter dnrcb unsere Scene angeregt worden sein. Diese Annahme ist dann 
fast unvermeidlich, wenn man beide Scenen trennt nnd sie den Verfaaseni 
zuweist, die sie nach W. haben. Aber an sich selbst ist sie eigentlich ver 
kehrt. Im Ganzen wird man wohl kaum anstebeji, der iweiten Scene den 
Vorzug größerer Schönheit zu geben ; aber das that nichts zor Sache, Hehr 
Sagengehalt hat jedenfalls die erste; cf. 172t. 1732. 1725—1730. 1734— 
1736; w&hrend die aweite weit mehr einer freien Erfindung gleich aieht. Es 
wSre also an sich eher Grund, die zweite Scene für eine Nachbildung der 
ersten zu halten. A priori kann ich wohl ala möglich, ja wahrscheinlich 
anerkennen , daß die dreimalige feindselige Begegnung awiachen Hagen nnd 
KriemhUd. bezw. ihren Abgesandten {1675—1684. 1606—1738. 1776 — 17B6) 
in d«r Sage nicht urspränglich ist: ältere Sage mag sich, wie in der Thi- 
drekasaga Cap. 373. 377, mit zweimaliger, die ursprün^iche (soweit Ober- 
haupt die Motive der deutschen Sagen gestalt zurückreichen) mit einmaliger Offen- 
barung dieaer Feindschaft begnügt haben. Aber im Nibelungenliede selbst 
sind diese drei Begegnungen urBprünglich ; denn sie bilden eine bewuate 
Steigerung, die das Werk eines Dichters sein mnS. Zuerst r«det Kriamhild 
mit Hagen ; anf die GewiCheit hin, daG er sich vorgesehen hat, versucht sie 
es mit Waffengewalt, zuerst an Hagen allein (Völkern kann sie einmal mclit 
von ihm trennen) bei Tag und in ihrer persönlichen Gegenwiut. dann heltn- 
Ucb bei Nacht an allen Bu^unden: die Manifestation ihrer Bachsuchl wird 
immer IbaUftcblicber und zugleich hinterlistiger. 

Auch in der Darstcllnng findet W. die Züge des Büdigeradichtera. Der 
„knappe Ausdruck' nnd ^.einfache Stil" beruhen erst auf drn gemacfateii 
Atheteaen. Dagegen trete, sagt W. . zum Untersebied von der Oankwart* 
dicharag Volker in die erste Linie, wie iu 1613 £ naii 3110. Da« ist kein 
Beweisgrund. Der Dichter wollte den 1 
hinter diMen surflcktreten laaaen, daS C /^ 
Seite gelegt kut«. and beide aumal ri^'1' 
len in Parallelv grstellten C 
y «te> renrauiiüTiieb, trenn d«r I 




LITTERATUB: H. OSTHOFF U. K. BRUGBiAN, UNTERSUCHUNGEN ete. 243 

grund ruckte? W. sollte das Moment schon deshalb nicht herbeigezogen haben, 
weil 1809 und gar 1823. 1826, wo Volker noch in ganz anderer Weise die 
Initiative ergreift, dem Dankwartsdichter zugefallen sind ; außerdem steht W. 
hier mit sich selbst im Widerspruch, insofern er soeben 1778 wegen unge- 
bührlicher Herrorhebung Volkers athetiert hat. — Wichtiger ist die Bemerkung: 
V Hagen erscheint als der treu besorgte Hüter seiner Herren ; herausfordernder 
Trotz und über die Grenzen der Natur getriebene Leidenschaft sind ihm hier 
fern. Das stimmt wieder zu jener Stelle der Thidrekssaga [Cap. 373] 

Sigfriden den schnellen und seine Wunden lassen wir nun ruhen' u. s. w. 

Wie contrastiren diese gelassenen fast milden Worte mit dem Bilde Hagens, 
wie es der Dankwartsdichter entwirft, oder wie es in Str. 1678. 1682 uns 
entgegentritt.^ Um zuerst von dieser Parallele zu reden: Wird aus Hagens 
Worten nicht vielmehr der schneidendste Hohn reden ? Und hat W. ganz und 
gar vergessen, daß die genau der Str. 1682 entsprechenden Worte Hagens 
in eben jenem Cap. 873 der Th. S. stehen?! Und von der Th. S. abge- 
sehen: Trotz und herausfordernden Hohn hat in unserer Scene der Dichter 
eben in Volkers Mund gelegt; er mochte es für überflüssig halten, Hagen 
auch hier so auftreten zu lassen. Der „treu besorgte Hüter seiner Herren^ 
ist aber Hagen auch sonst. Ich erwähne die Baiemschlacht (1539 ff.). 
Wessen Werk ist diese? Hier läßt uns W. nach seinem Programm, das erst 
mit 1606 beginnt, im Stiche; und hier ist einer der Fälle, wo, wie ich zu 
Anfang erwähnte, nothwendig die früheren Partien der Dichtung hätten bei- 
gezogen werden müssen. Könnte die Baiemschlacht, in der Dankwart neben 
Hagen auftritt, ja sogar 1554 seinen Bruder errettet, in der der Dialog eine 
so wesentliche Rolle spielt, nach W.s Voraussetzungen nicht auch ein Werk 
des Dankwartsdichters sein? 

Auf das durchgeprüfte Stück der Rüdigersdichtung folgt unmittelbar das 
größere der Dankwartsdichtung bis Str. 1945. Zwischen 1945 und 2072 
folgen der Kampf Irings und der Seinigen, 1965 — 2015, und der Saalbrand, 
2024 — 2071. Was zwischen diesen Scenen liegt, „scheint mehr den Zweck 
zu haben, diese Hauptabsehnitte zu verbinden und in ihrer Bedeutung her- 
vortreten zu lassen **, wird abo als interpoliert anzusehen sein. Einen Beweis 
dafür hat W., wie wir sehen werden, nicht erbracht. 

(Schluß folgt) 

HERMANN FISCHER. 



Hermann OsthofF und Karl Brngman, Morphologische Untersuchungen auf 
dem Gebiete der indogermanischen Sprachen. Erster Theil. Leipzig 1878. 

Die Verfasser, deren in letzter Zeit erschienene Arbeiten schon so viel- 
fach wechselseitigen Ideenaustausch zeigen, haben sich hier zu einem gemein- 
samen Unternehmen vereinigt. Das Band, welches die einzelnen darin von 
ihnen gelieferten Arbeiten zusammenhält, ist die Übereinstimmung in den 
Chrundanschauungen, von denen aus sie eine Beform der indogermanischen 
l^prachwissenschaft anstreben, Anschauungen, um deren theoretische und prak- 
lalieDiirchfahmng sich beide bereits ein bedeutendes Verdienst eT^Q»x\Ms^Va^«cv. 
ifreehen sich in der Vorrede sehr klax und '^«i^t&ibX d»artX^T «^« "^^^ 



244 LITTERATÜR: R 08TH0FP ü. K. BRUGMAN, UNTERSUCHUNGEN etc 

Quintessenz derselben läßt sich etwa in folgende Sätze zasammenfassen. Die 
Sprachwissenschaft hat bisher viel za sehr mit abstracten Formeln gerechnet, 
ohne sich die wirklicl^en Vorgänge bei den sprachlichen Wandelungen klar 
zu machen. Es kommt darauf an, eine Erkenntniss der diesen Wandelungen 
zu Grunde liegenden physischen und psychischen Processe zu gewinnen. Diese 
wird nur erlangt, wenn mau sich entschließt bei den modernen Spracheni- 
wickelungen in die Schule zu gehen, wo uns allein ein ausreichend gesichertes 
und vollständiges Material geboten wird. Die in dieser Schule gewonnenen 
Einsichten sind auf die älteren und ältesten Sprachperioden anzuwenden. Das 
verhängnissvolle Vorurtheil muß aufgegeben werden, als seien diese mit einem 
andern Maßstabe zu messen ^ da doch die leiblichen und geistigen Existenz- 
bedingungen immer die gleichen gewesen sein müssen. Die Richtung der 
Sprachwissenschaft, welche die aus dieser Anschauung sich ergebenden Con- 
sequenzen gezogen hat, die junggrammatische', wie sie die Verf. nach ander- 
weitigem Vorgange bezeichnen, charakterisiert sich durch zwei wichtige me- 
thodische Grundsätze. Erstens: aller Lautwandel, soweit er mechanisch vor 
sich geht, vollzieht sich nach ausnahmslosen Gesetzen. Zweitens: der For- 
menassociation , d. h. der Neubildung von Sprachformen auf dem Wege der 
ABalogie ist för die ältesten Perioden die gleiche ßedeutuDg zuzuerkennen 
wie fÄr die jüngsten. Sie ist als Erklärungsmittel überall da, allerdings auch 
nur da herbeizuziehen, wo die Lautgesetze nicht ausreichen. — Diese von den 
Verf. ausgesprochenen Grundsätze sind auch nach der Überzeugung des Ref. 
Cardinalpunkte, deren unbedingte Anerkennung heute von einem jeden verlang^ 
werden muß, der den Anspruch erhebt, für einen Vertreter der wissenschaft- 
lichen Grammatik zu gelten. Wenn die Verf. die erste Anregung zur Aus- 
bildung ihrer Richtung auf Scherers Buch zur Geschichte der deutschen Sprache 
znrfiekföhren, so haben sie damit gewiß recht. Indessen darf dies nicht so 
verstanden werden, als sei das Verfiihren Scherers bereits das gleiche wie 
das ihrige. Im Gegentheil liegt zwischen beiden noch eine weite Kluft. Es 
fehlt bei jenem noch die Hauptsache, das Axiom von der unbedingten Gül- 
tigkeit der Lautgesetze, wodurch erst die Willkür eines, immerhin vielleicht 
genialen Rathens durch die zwingende Nothwendigkeit methodischer Forschung 
ersetzt wird. Dieses mit allen seinen Consequenzen zuerst klar erkannt und 
praktisch verwerthet zu haben, ist eben gerade hauptsächlich das Verdienst 
der beiden Verf., schon in ihren früheren Arbeiten. 

Die erste Abhandlung von Brugman ist überschrieben Das verbale 
Suffix ä im indogermanischen, die griechischen Passivaoriste und die sogenannte 
äolische Flexion der verba contracta • Die Existenz eines Suffixes d i»t schon 
mehrfach von anderer Seite behauptet. B. zeigt, daß dasselbe in sehr viel 
mehr Fällen anzunehmen ist, als man bisher geahnt hat. Zu dieser Erkennt- 
niss haben ihm seine früheren Beobachtungen über die Vocalabstufung ver- 
helfen. Ans denselben hat sich ergeben , daß es im idg. eine schwächste 
Stufe der Wurzel gibt, die sich durch gänzliche Ausstossung des Grundvocals 
charakterisiert, in Folge wovon die Wurzel in den meisten Fällen nicht mehr 
als eigene Silbe bleibt, sondern zu einer Consonantenverbindnng , ja nicht 
selten zu einem einzelnen Consonanten zusammenschrumpft. Diese Stufe nun 
ist es, an welche das Suffix -d antritt. In der Aufdeckung und Durchfahrung 
dieses Gesetzes liegt der Kernpunkt der Arbeit. B. stellt eine Reihe von 



LITTERATÜB: H. OSTHOPF U. K. BRUGMAN, UNTERSUCHUNGEN etc. 245 

BilduDgen mit den Belegen aus den verschiedenen Sprachf&milien zusammen, 
die er unter folgende 5 Kategorien ordnet: 1. die Wurzel endet auf t\ z. B. 
i'd' von i (richtiger ai) *gehen , ghu-ä- von ghi*- (richtiger ghau-) rufen' ; 
2. die W. besteht aus a 4- Geräuschlaut , z. B. k-d' von oA;- scharf, spitz 
sein ; 3. die W. besteht aus a -f- Nasal oder Liquida, z. B. m-d* von am- 
einsammeln y schöpfen ^ mähen ; 4. die W. beginnt consonantisch und endet 
auf einen Geräuschlaut, z. B. bhs-d- und daraus weiter ps-d- von bhcu- mal- 
men, kauen ; 5. die W. beginnt consonantisch und endet auf Nasal oder Li- 
quida, z. B. pr-d- von par fCillen. Es erhalten so viele Fälle ihre richtige 
Beurtheilung, für die man bisher eine Umstellung der Laute angenommen 
hatte (z. B. ka aus ak)y und manches, was J. Schmidt im zweiten Bande 
seines Vocalismus über die Einwirkung von Liquida auf Vocal aufgestellt hat^ 
ergibt sich als hinfällig. Auch sonst finden manche Schwierigkeiten, nament- 
lich des griechischen eine glückliche Lösung. Dabei werden viele neue ety- 
mologische Combinationen gemacht^ die zum Theil einzeln hingestellt aben- 
teuerlich erscheinen würden, an die kühnsten Phantasien der vorwissenschaft- 
lichen Zeit erinnernd, denen aber die zusammenhängende, streng methodische 
Untersuchung genügende Garantie der Richtigkeit oder mindestens Wahrschein- 
lichkeit gibt. Für das germ. ist allerdings die Ausbeute nicht so ergiebig 
wie namentlich für das griech. Nach einer Seite hin läßt die Untersuchung 
eine Lücke, deren sich übrigens der Verf. vollkommen bewußt ist, vgl. S. 2 
unten. Statt des langen a-Lautes, unter den zunächst alle Fälle zusammen- 
gefaßt sind, wären jedenfalls eigentlich mehrere schon im idg. qualitativ und 
quantitativ verschiedene Laute anzusetzen, die genauer zu unterscheiden erat 
noch eine Aufgabe der weiteren Forschung sein wird. Übrigens kann loh auch 
den Zweifel nicht unterdrücken, ob diese a-Laute wirklich als Suffixe zu be- 
trachten sind und nicht vielmehr zur Wurzel gehören. Ich verweise in dieser 
Hinsicht auf meine Anm. zu Beitr. z. Geschichte d. deutsch. Spr. u. Lit. 
G, 118. Auf den letzten Theil einzugehen, der sich speciell mit griechischer 
Formenentwicklung beschäftigt, ist hier nicht unsere Sache. Von Einzelheiten 
bemerke ich noch^ daß B. das ai in got. vaia, saia mit Holtzmann als t faßt, 
eine Auffassung, der ich mich noch nicht entschliessen kann beizustimmen. 
Die Schwierigkeiten, welche die Schreibungen saijip^ saijands in den Weg 
stellen, werden durch die Anm. nicht in befriedigender Weise gehoben. Und 
dann bleibt es doch immer das nächstliegende das i mit dem westgermani- 
schen j zu identificieren. 

Es folgt eine Abhandlung von Osthoff Formenassociation bei Zahlwörtern 
(92 — 132). Man hat schon früher gelegentlich Beeinflussungen beobachtet, 
welche theils verschiedene; namentlich benachbarte Zahlwörter ; theils Ablei- 
tungen aus einem und demselben Zahlwortstamme auf einander ausüben. 
Der Verf. stellt hier eine ganze Menge derartiger Fälle aus den ältesten wie 
den jüngsten Phasen der indogermanischen Sprachen zusammen, zu deren 
Annahme jetzt die stricte Observanz der Lautgesetze zwingt. Was das ger- 
manische betrifft, so ist folgendes auszuzeichnen: fidvar statt *hvidvor nach 
fimf (S. 94); saihM wie lat. sex aus *8vekß mit Verlust des v nach sibun (96); 
afiries. achtunda gegen got. ahtuda nach tibwnday niugunda (104). Besonders 
hervorzuheben sind die Ausführungen über das b in aibun. 0. zeigt S. 97 ff., 
daß die Grundform der Siebenzahl nicht als ^sapim mit Betonung der letzten Silbe, 



246 UTTERATÜR: B. 08TH0FF ü. K. BRÜGMAN, UNTERSUCHUNGEN eie. 

sondern als *sdptm wie *ndvm^ *ddkm anzusetzen ist Demgemäß müßte man 
nach dem Vemerschen Gesetze *stfun erwarten. Das b ist von der Ordinal- 
aahl mbunda übertragen, die auf eine Grundform ^saptmid- zurückgeht (131). 
Umgekehrt ist taihunda statt des zu erwartenden *tigunda an taihun ange- 
glichen. Dazu bemerke ich, daß die ursprungliche Form der Ordinalzahl noch 
wirklich vorliegt in alts. tegothan (Freck.) neben fekandon (Hei.), afries. tegotha 
neben tiandaj ags. ttogoda neben Uoda, Auch die Erhaltung des auslautenden 
Nasals in «i&tcn, ntun, taihun föhrt 0. mit Recht auf Einwirkung der Ordinal- 
zahlen sibunda etc. zurück (130). Daß aber gar keine andere Einwirkung 
daneben möglich gewesen wäre, möchte ich nicht mit solcher Bestimmtheit 
wie er behaupten. Es läßt sich jedenfalls nicht mit Entschiedenheit bestreiten 
and ist sogar wahrscheinlich^ daß es bereits urgerm. flectierte Formen sihuni 
oder wenigstens tibunim etc. gab, ohne daß wir dieselben darum mit der sla- 
visch-Iitauischen Flexion in Zusammenhang bringen müßten. Die Beispiele 
fiBr Association im germ. lassen sich übrigens noch vermehren. So ist das 
-Oft in alts. elleuan^ ags. eUefan, endleofan, afries. dlefa^ andlofa (-a =^ -an) 
angetreten nach tehan. Altn. dttandi für älteres dtti nach niundi, tiundi. West- 
nord. ß6rdi gegenüber ostnord. fjardi verdankt seine Länge der Angleichung 
an fjMvy vgl. Beitr. z. Gesch. d. deutschen Spr. u. Lit. 6, 28. Auch altn. 
priggja = got. prije beruht wohl auf Anlehnung an tveggja = got. ivaddjt. 
Noch manches andere liesse sich unter diese Kategorie unterbringen. 

Osthoffs Arbeit greift vielfach über ihren eigentlichen Gegenstand hin- 
aus, indem in Anmerkungen und Excursen wichtige Lautverhältnisse der idg. 
Sprachen erörtert werden. Ich hebe daraus hervor das Lautgesetz, wonach 
NasaÜB sonans, sofern sie im idg. betont war, im skr. und griech. nicht a, 
sondern <m gibt (98). Als germanischen Vertreter setzt Osthoff nach dem 
Vorgange Brugmans in an im Gegensatz zu dem un, welches die unbetonte 
Nasalis sonans vertritt Diese Auffassung kann schwerlich gebilligt werden, 
worüber man jetzt Beitr. 6, 238 vergleiche. Wichtig sind femer die Erör- 
terungen über die Vertretung von Nasalis sonans im kelt (eit, em, tn, im, 
S. 105 ff,) und armenischen {an^ S. 114 ff.) vor allem aber die Mittheilung 
einer zunächst von K. Vemer ausgehenden Idee^ wonach die Entstehung des 
arischen c und j auB idg. Ic^ und g^ durch einen folgenden hellen Vocal ver- 
anlaßt wird, als welcher nicht bloß i^ sondern auch Brugmans a| = europ. 
s sich erweist, welcher Laut demnach auch in den asiatischen Sprachen min- 
destens eine dem s nahekommende Aussprache gehabt haben muß (116fi. Anm.). 

Bmgman handelt S. 133 — 186 über die Geschichte verschiedener Per- 
sonalendungen. Er beginnt mit einer energischen Abweisung des bisher üb- 
lichen Verfahrens, welches, von der aprioristiBchen Annahme ausgehend, daß 
die Peraonalendungen aus den uns vorliegenden Stämmen der Personalpro- 
nomina entstanden seien, sich danach die Urformen zurechtlegt, ohne sich 
daran zu stossen, daß man bei der Herleitung der einzelsprachlichen For- 
men mit den sonst geltenden Lautgesetzen in Conflict gerath. Er verlangt 
im Gegensatz dazu, daß man zunächst von allen Theorien über das ursprüng- 
liche Wesen der Personalendungen absehe und zu den überlieferten Formen 
der Einzelsprachen solche Grundformen suche ^ aus denen sich die ersteren 
ungezwungen ableiten lassen. Diese zwanglose Ableitung erweist sich wieder 
nur unter der Voraussetzung als möglich, daß man die mannigfachen Asso- 



LITTEBATUB: H. OSTHOFF U. K. BRUGBIAN, UNTERSUCHUNGEN etc. 247 

ciationen beachtet , denen die PerBonalBiiffize im Laufe ihrer Entwickelung 
ausgesetzt sind. B. schließt sich der Ansicht Scherers an, daß der Unter- 
schied der Verba auf -o von denen auf -^i in Bezug auf den Ausgang der 
1 sg. ind. indogermanisch sei (S. 139 ff.). Er stützt diese Auffassung durch 
genaueres Eingehen auf die Verhältnisse der einzelnen Sprachfamilien. 

S. 187 — 206 wird von Brugman der Gedanke ausgeführt ^ daß die 
arischen Passivbildungen mit Suffix -ya- Denominative von den Futurparticipiis 
auf -ya- sind. 

Den Schluß (20 7 --290) bildet eine Untersuchung von Osthoff Aber den 
gen. pl.y erstens im idg. und zweitens im germ. Im ersten Abschnitte löst 
der Verf. die lautlichen Schwierigkeiten, die sich bei einer Vergleichung der 
Endungen aus den verschiedenen indogermanischen Sprachen ergeben, durch 
folgende Annahme: die Endung ist nicht, wie man bisher angesetzt hat -dm, 
.sondern -am; die danach ursprünglich bestehende Differenz zwischen den 
((-Stämmen und den übrigen ist in den einzelnen Sprachfamilien durch Aus- 
gleichung beseitigt, indem in den meisten (so auch im germanischen) die 
Endung der a-Stämme {-am) den Sieg davongetragen bat, in einigen aber, 
sicher namentlich im slavischen die der consonantischen. Im zweiten Ab* 
schnitte wird die Doppelheit 6~^ im gotischen gen. pl. behandelt Dies gibt 
Veranlassung zu einer Erörterung des gegenseitigen Verhältnisses von anshw- 
tendem 6 und i im allgemeinen und entsprechenden Differenzen in den übrigen 
Dialekten. Der Verf. gelangt zur Aufstellung eines urgermanischen Laut- 
gesetzes, dessen Wirkungen durch mannigfache Ausgleichungen verwischt er- 
scheinen, wonach nasaliertes 6 durch ein vorhergehendes j (i) zu S geworden 
ist. Dies ist jedenfalls ein sehr glücklicher Gedanke. Nur hält "Ret eine 
Modification und Erweiterung des Gesetzes für erforderlich, die er bereits 
Beitr. zur Gesch. d. deutschen Sprache 6, 209 ff. auszuführen versucht hat. 
Danach ist das Gesetz so zu fassen, daß überhaupt jedes lange oder kurze o 
im nrgermanischen durch vorhergehendes j oder » zu e gewandelt ist Be- 
sonders muß noch auf einige eingestreute Anmerkungen aufmerksam gemacht 
werden, in denen über gewisse Lautverhältnisse AufiBchlüsse von grosser Wich- 
tigkeit und Tragweite gegeben werden. S. 227 ff. wird das Lautgesetz auf- 
gestellt, daß im idg. m und n in der Flexion nur nach G«räuschlauten als 
Sonanten, nach Sonorlauten dagegen als Consonanten angetreten sind. Daraus 
erklärt sich im frerm. namentlich die 1 sg. ind. prat des starken Verbums: 
ursprünglich *[§e]8cUttm aber *[he]barmf daraus ^saiu — bar und dann mit Aus- 
gleichung, worauf wohl die schon gleiche 3 sg. mit einwirkte, scU -= bar. 
Ähnlich im acc. sg. fdtu — auh$an etc. 8. 288 ff. wird nachgewiesen, daß in 
den reduplicierten Perfecten von kalda , haita ^ auka etc. der scheinbar man- 
gelnde Ablaut latent enthalten ist, indem nach einem durchgehenden Gesetze 
'iie Stellung vor Doppelconsonans, respective im Diphthongen die Entfaltung 
des Vocals zur Länge (6) verhindert hat. 

Wir scheiden von dem Buche mit dem Wunsche, daß der zweite Theil bald 
nachfolgen möge, worin Osthoff eine Arbeit über den Bau des indogermanischen 
Wortes in Bezug auf den Vocalablaut zu liefern versprochen hat Eine solche 
ist im Augenblick gewiß das dringendste Bedürfniss der indog^ermanischen 
Laut' und Formenlehre. 

FREIBURG i B. 2. Decamber 1878. H. ] 



348 LITTERATUB: J. GROOf, DEUTSCHE BfTTHOLOOIB. 

Deutsche Mythologie von Jacob Grimm. Vierte Ausgabe, besorgt vob 
£. H. Meyer. 3 Bände. 8. Berlin 1875—78. Dümmler. 

Mit dem dritten sehnsuchtsvoll erwarteten Bande ist die vierte Ausgabe 
von Grimms Mythologie abgeschlossen. Bd. 1 und 2 enthalten einen unver- 
änderten Abdruck der zweiten Ausgabe; doch sind die Nachträge derselben 
in den Text eingereiht worden^ ausserdem ist in Klammem durch die Be- 
zeichnung * s. nachtr. auf den zu erwartenden dritten Band verwiesen. Der 
Beichthum der Nachträge ist ein staunenswerther , sie umfassen 873 Seiten. 
Man sieht aus ihnen, daß J. Grimm bis in die letzten Jahre immer noch ge- 
sammelt haty und man fühlt ein schmerzliches Bedauern, daß es ihm nicht ver- 
gönnt war, eine Neubearbeitung seiner Mythologie selbst noch zu vollenden. 
Ein Benutzer seiner Ezcerpte konnte nicht das thun, was der Meister getban 
hätte: diese in organischer Weise in den Text verarbeiten, denselben theil- 
weise auf Grund der Nachträge umgestalten, die oft nur in einer kurzen Be- 
merkung angedeuteten -Gedanken weiter ausfahren ; der Herausgeber mußte sich 
darauf beschränken, die Masse von Citaten und Andeutungen, Gedanken und 
Einfölien« je nach ihrer Beziehung zum Texte des Handexemplars [der Ausgabe 
von 1844] in passende Gruppen zu sondern und durch die blosse Anordnung 
oder auch durch ein paar erläuternde und verknüpfende Worte in einen ver- 
ständlichen Zusammenhang mit einander zu setzen. Auf die Richtigkeit der 
Citate hätte größere Sorgfalt verwendet werden sollen; namentlich sind die 
romanischen mitunter recht übel weggekommen, und der Herausgeber , der 
offenbar vom Altfranzösischen nichts versteht, hätte gut gethan, hier einen 
Sachverständigen zu HUfe zu nehmen. Ich führe beispielsweise S. 12 an. 
Ein noch leicht zu entschuldigender Fehler ist 'Maßm. Erad.' weil jeder hier 
Eracl.^ erkennen wird; schon weniger leicht ist ^ds. 2, 50 zu errathen, was 
'is. (d. h. Laßbergs Liedersaal) sein soll. Viel schlimmer steht es mit den 
firans. Citaten ; ich will auf voir f^r vedr Z. 9 v. u. kein Gewicht legen ; aber 
was soll man zu folgendem Citate sagen: diex la puist cradieu, trat t^etpee 
de Um fuerre «*e« porfen iox juwenterl Berte 31 ; woran sich 2 Zeilen nachher 
anschließt: que» eniraiüesl Mdon 1, 310. Die beiden Citate sind aber so zu 
schreiben: diex la puUl craventerl Berte 31. dieu trai t^etpte de Um fuerre, aes 
porfen tos juaqu'es erUraiüee. M6on 1, 310. J. Grimm hat diesen Unsinn gc- 
vriß nicht verschuldet! So ist S. 352 eome de est traite Z. 15 v. u. de verlesen 
für ele, wie J. Grimm unzweifelhaft richtig geschrieben hat. 

Sehr erwttnscht ist der Wiederabdruck des Anhangs der 1. Ausgabe, 
der in der 2. und 3. keine Aufnahme mehr fand. Der lateinische Segen, der 
auf der letzten Seite in der Anm. citiert wird, ist nach einer Kölner (Darm- 
städter) Hs. des 9. Jahrhs. in Mones Hymnen 1, 367 herausgegeben und jüngst 
von mir (in der Zeitschrift ftlr romanische Philologie 2, 212 ff.) nach seiner 
rhythmischen Seite besprochen worden.' Die von Grimm angeführte Cam- 
bridger Hs. ebenfalls aus dem 9. Jahr, hat das besondere Interesse, daß ihr 
eine angelsächsische Interlinearversion beigegeben ist ; der Name des celtischen 
Dichters, Lathacan in der Kölner Hs., ist hier in Loding entstellt. Für den 
Anhang scheint übrigens J. Grimm nicht weiter gesammelt zu haben; die 
Äusserung bei Haupt 4, 581 , wo er von dem angeschwoUnen Vorrath des 
Aberglaubens und der Segensformeln spricht' bt nidit so zu deuten, als wenn 



LITTERATUB; PH. STRAUCH, ADELHEID LANGMANN. 249 

die Masse des von ihm selbst excerpicrten und gesammelten so angeschwollen 
sei, sondern auf die reiche Litteratur von Sammlungen der Volksüberlieferungen 
zu beziehen, die in den vierziger Jahren anhebt. Gewiß würde dies alles 
vereinigt allein einen starken Band und mehr ausmachen ', es ist das aber wohl 
kaum ein Bedürfniss, da die landschaftlichen Sammlungen jedem Forscher 
leicht zugänglich sind. Wichtiger aber und wünschenswerther wäre der Aus- 
bau des Grimmschen Anhanges dahin , daß alle Segensformeln ans Hand- 
schriften des Mittelalters vereinigt würden, deutsche und lateinische. Dann 
erst würde sich zeigen, wie viel Treue und Stätigkcit diese Formeln in der 
Überlieferung zeigen, wenn man sie mit den heute noch umlaufenden vergleicht. 
Wir haben jüngst an einem Kinderspruch (Germania 23, 343) gesehen , wie 
diese Art von Überlieferung sich treu durch mehr als vier Jahrhunderte er- 
hält; bei den Segcusformeln , bei welchen das Volk noch viel ängstlicher 
darauf hält, daß ja kein Wort anders gesagt oder weggelassen werde, weil 
sonst der Segen unwirksam wird, wird sich diese Treue noch viel mehr heraus- 
stellen. Auch das ist einer der vielen Arbeitsstoffe; an dem eine jüngere 
Kraft sich mit Erfolg versuchen kann. K. BARTSCH. 

Die 0£fenbarangen der Adelheid Langmann, Klosterfrau zu Engelthal. Her- 
ausgegeben von Philipp Strauch. 8. (XLII, 119 S.) Straßburg 1878. 
Trübner, (Quellen und Forschungen XXVI.) 

Die vorliegende Publication reiht sich an die Herausgabe des Büchleins 
von der Gnaden Überlast und an ähnliche x. Theil noch ungedruckte Werke, 
wie die Offenbarungen der Christina Ebnerin, welche Strauch ebenfalls her- 
auszugeben beabsichtigt. Sie alle bilden einen anziehenden Beitrag zur Ge- 
schichte des Geisteslebens im 14. Jahrhundert. Die Visionen der Adelheid 
Langmann sind nur in 2 Handschriften (in Berlin und München) aufbewahrt, 
von denen Strauch die erstere im wesentlichen zu Grunde gelegt hat, indem 
er die Aufzeichnung in M fär eine mehr geglättete und gleichmäßigere ansieht. 
Nur wo B duich M entschieden emendiert wird, hat er sich eine Mischung 
beider Texte erlaubt. Eine fleißige Zusammenstellung des Sprachlichen bildet 
den zweiten Thcil der Einleitung, Anmerkungen, zu denen namentlich Denifie 
beigesteuert hat, schließen sich dem Texte an. Ein paar kleine Bemerkungen 
seien hier angefügt. Wenn es 2, 19 in B heißt Nu hei diseu junge wüwe di 
ywonheü an »r, H alle tage nam nben scharf discipline; was Str. aufnimmt, M 
dagegen hat doM si altag; so ist ersichtlich, daß daz durch Versehen des 
Schreibers in B ausfiel, und M das richtige bewahrt hat. Allerdings braucht 
nicht nothwendig ein Satz mit €laz su folgen, sondern parataktische Form 
wäre erlaubt, aber dann müßte es in B hcissen si nam alle tage, die Trennung 
von 91 und nam zeigt deutlich den Best der hypotaktischen Form. Unter den 
syntaktischen Erscheinungen hätten Ausdrucksweisen wie do antwurt fr unser herre 
im gedanken B, 3. 8 Erwähnung verdient, ainl^etusent 6, 5 kann wegen der 
Form ainlefe nicht Compositum sein, sondern muß in zwei Worte getrennt 
werden. 23, 30 nu unrt unser herre sein trewe ctuch an mir brechen , B, wo M 
prechent, richtig, wie sich aus 24, 6 ergibt. 

Ein kurzes Reimgebet ist in die Prosa eingefiochten 43, 27 ff. Nicht 
unwahrscheinlich ist mir, daß auch 16, 25 zwei Beimseilen aDZunehoMSOL 



250 UTTERATUR: PH. WACKERNAGEL, DA8 DEUTSCHE KIRCHENLIED. 

leid gerne durch mich. 

sich was ich glitten hon durch dich; 
denn diese .Anrede Christi kommt in ganz ähnlicher Fassung auch sonst Tor. 
Auch 22, 1 stellen sich ein paar Reime ein: 

und wil ewiciich dor inn bleihen. 

ich wil dich auch in mein hertze schreiben 
und 34, 1 

ich wil in doch etwaz durch dein willen geben, 

das si mir iht uf heben. 
Das Einflechten gereimter Stellen kennen wir aus den Offenbarnngen 
der Mechtild; in denen der Langmann zeigt es sich nur im Keime und in 
einzelnen Spuren. K. BARTSCH. 

Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahr- 
hunderts. Mit Berücksichtigung der deutschen kirchlichen Liederdich- 
tung im weiteren Sinne und der lateinischen von Hilarius bis 6eoi|; 
Fabricius und Wolfgang Ammonius. Von Philipp Wacker n agcl. 5 Bände. 
Lex. 8. Leipzig 1864—77. B. 6. Tcubner. 

Es war dem greisen Verfasser nicht mehr vergönnt, den Abschluß des 
letzten Bandes seines Lebenswerkes zu t* rieben ; doch war das Manuscript dasa 
vollständig ausgearbeitet, und so liegt denn jetzt das Ganze, eine Frucht 
treuesten und redlichsten Sammler- und Forsch erfleisses, vollendet vor uns. Wa- 
ckemagels Kirchenlied wird auf Generationen hinaus die unentbehrliche Fundgrabe 
bleiben fifir alle, die auf dem Gebiete der älteren kirchlichen Ldederdichtnng 
arbeiten. Wackeraagel hat, wie er schon auf dem Titel andeutet, den Begriff 
des Kirchenliedes auf die kirchliche Liederdichtung ausgedehnt und ebenso 
die lateinische Hymnendichtung aufgenommen. Letzteres wird sicherlich nie- 
mand mißbilligen: schon deshalb weil ein nicht geringer Theil der alten Kir- 
chenlieder auf lateinischen Texten beruht, wird man der Bequemlichkeit wegen 
die lateinischen Originale gern an der Spitze des Werkes sehen, auf welche 
in den folgenden Bänden immer verwiesen ist Bedenklicher ist, auch wenn 
man den Kegriff Kirchenlied nicht allzu enge fassen will, die Erweiterang 
des deutschen Programms. So beginnen die deutschen Texte mit 19 Nummern 
aus Otfned. Das ist kaum su billigen; höchstens hätten diejenigen Stöcke 
an^g^ommen werden können, in denen 0. den Refrain anwendet, die er also 
offenbar zum Singen bestimmt hatte. Auch die massenhafte Aufiiahme von 
Sprüchen der Minnesänger, die über religiöse Dinge handeln , die aber mit 
der Liederdichtang nichts zu thun haben, war unnothig, und es ist dadurch 
der ohnehin so bedeutende Umfang des Werkes ganz unnütz angeschwellt 
worden. Zusätze und Berichtigungen im einzelnen lassen sich in grosser An- 
zahl machen. Die Chronologie und Datierung ist oft seltsam und wenig be- 
gründet Ich kann hier natürlich nicht das ganze Werk durchgehen ; ich be- 
schränke mich daher auf den zweiten Band, welcher das Mittelalter und den 
Anfang des 16. Jahrh. umfaßt. Mit welchem Ghrunde Nr. 45 (2, 44) ins 
12. Jahrh. gesetzt ist, vermag ich nicht einzusehen; die Hss. gehen nicht 
über das 13. Jahrh. zurück und älter ist nach Stil und Kunst, diese Bear- 
beitung des 51. Psalms sicher nicht. Unbenntit und unbekannt geblieben 



LITTERATÜR: PH. WACKERNAGEL, DAS DEUTSCHE KIRCHENLIED. 251 

ist eine Erlauer HaDdachrift des 1 4. Jahrh. , welche im Anzeiger för Kunde 
der deutschen Vorzeit 1856, 101 erwähnt wird. Aach Nr. 46 und ff. werden 
ganz grundlos ins 12. Jahrh. gesetzt. Die Conjectur zu 47, 3, 1 wird schwer- 
lieh Beifall finden. Nr. 51, bei Wackemagel einem alten Drucke um 1470 
entnommen, ist, was W. entgangen, nach einer Nürnberger Handschrift in 
meiner Ausgabe der Erlösung S. LXVlJi in besserem Texte (rgl. die letzte 
Zeile) gedruckt. — Nr. 54, 1 ist natürlich das gynne des alten Druckes in gym- 
me {: stijmme) zu verwandeln, ein Beweis, daß der Drucker ein älteres Ms. 
vor sich hatte, das er nicht verstand. — Nr. 57 war nach derselben Münchener 
Handschrift schon in K. Roths Denkmälern S. 47 gedruckt — Nr. 58 ist über- 
sehen, daß diese Bearbeitung der zehn Gebote sich auch in einer Wiener 
Handschrift findet; W. hat eine Leipziger und eine Münchener benutzt. — 
Von Nr. 428, der Regenbogen beigelegten Veronica, scheint W. nur alte Drucke 
zu kennen; er gibt den Text nach einem von 1497, mit Hülfe der verschiedeneu 
Handschriften und Drucke wird sich ein ungleich besserer Text des nicht 
uninteressanten Gedichtes herstellen und auch endgültig feststellen lassen,* 
ob die Attribution an Regenbogen berechtigt ist oder nicht. — Die aus einer 
Dresdener Hs. des 15. Jahrhs. unter Nr. 430 ff. mitgetheilten Meistergesänge 
gehören sicherlich erst diesem, und nicht dem Anfang des 14. Jahrhs. an, 
in welches sie W. (unmittelbar nach Regenbogen) setzt. — Das Gedicht der 
sSle wirdikeit ist Nr. 452 nach der Münchener Hs. cgm. 142 gegeben; dabei 
aber übersehen, daß das Gedicht auch in der Handschrift von Alberts Ulrich 
steht, wonach es Schmeller 8. VUl hat abdrucken lassen; die Benutzung 
derselben wäre, abgesehen von ihrem höheren Alter, schon wegen der Lücken 
in cgm. 142 nothwendig gewesen. — Das Gedicht S. Bernhards Klage (Nr. 454) 
ist nach meinem Texte (Erlösung S. 225 ff.), der einer Nürnberger Hs. ent- 
nommen war, wieder abgedruckt; die Existenz zweier anderer Handschriften 
(in München und Donaueichingen) ist mithin W. entgangen. — Nr. 456 war 
nach derselben Gießener Hs. schon durch Weigand bei Haupt 6, 480 ff. her- 
ausgegeben worden, was Erwähnung verdient hätte. — Nr. 541 steht nicht nur 
in der Hs. des germanischen Museums, londem auch in der Wiener 2880 
(Hoffmann S. 161) und war darnach durch Kehrein schon 1853 herausgegeben. 
— Nr. 547, vom Mönch von Salzburg, gibt W. nach drei Handschriften, einer 
Wiener und zwei Münchenei ; unbenutzt sind geblieben zwei andere Münchener, 
die W. nicht gekannt zu haben scheint, und vielleicht eine Klostemeuburger, 
die, wie ich glaube, das Lied auch enthält. — Nr. 553. 554, ebenfalls von 
dem Mönch, steht nicht nur in den vier von W. benutzten Texten ^ sondern 
noch in vier weiteren, die ihm entgangen sind. — Ganz besonders auffallend 
ist, daß W. von der Existenz des Bruder Hans und seiner von Minsloff her- 
ausgegebenen, von Bech in dieser Zeitschrift eingehend recensierten Gedichte 
gar keine Ahnung zu haben scheint; denn er druckt 8. 772 ff. die Gedichte 
des Bruder Hans anonym nach einer Kölner Handschrift ab; und selbst die 
Schlußbemerkung zu Nr. 1023 'Hans könnte der Name des Dichters sein 
hat ihn nicht auf den richtigen Weg gewiesen« 

Zu tadeln ist femer, daß W. die Refrains nicht mitdmekt: er verweist 
sie, als wäre es etwas was nicht zum Liede gehört, unter die Schlußbemer- 
kungen. So z. B. Nr. 1217 (wo hinter der ersten Zeile der zweizeiligen 
Strophe Maria, hinter der sKweiten Nun hilf um du Jungfnmo Maria immer 



252 lilTTERATUB: L. BLUME, DBEB DEN IWEIN DES HABTIIANN Y. AÜEL 

m wiederholen war. Wenn man auch nicht bei jeder Strophe den Refirain 
abdrucken lassen wird, so gehört es sich doch, daß wenigstens in der ersten 
und der letzten derselbe in den Text aufgenommen wird. 

Gar nichts in einer Sammlung von Liedern hat Nr. 971 su thun. Denn 
das bt nichts als eine wörtliche Proeaübersetzung des Regina coeli laetare*, 
wie man aus den mangelnden Reimen deutlich ersieht. 

Das Quellen material fOr das deutsche Kirchenlied ist, wie sich beispiels- 
weise aus vorstehenden Bemerkungen ergibt, zwar nicht yollst&ndig, aber 
doch in grosser Fülle von W. zusammengeh&uft. Damit ist freilich die For- 
schung über den Gegenstand keineswegs abgeschlossen^ sie hat im Gegentkeil 
an vielen Punkten erst recht zu beginnen. Die chronologische Anordnung be- 
darf vielfach der Berichtigung, die Texte der Verbesserung. Eine Menge von 
Einzeluntersuchungen lassen sich anknüpfen, z. B. über den Mönch von Salz- 
burg, dessen literarisches Eigenthum schärfer zu prüfen und zu sondern ist. 
Daß Heinrichs von Laufenberg Gedichte , deren Originalhandschriften leider 
1870 untergegangen, durch W. zum weitaus größten TheUe aufbewahrt sind, 
ist kein geringes Verdienst seines Werkes. Ja man möchte wünschen, er h&tte 
von diesem für das Kirchenlied so bedeutsamen Dichter alles abdrucken lassen; 
wir hätten lieber die massenhaften und werthlosen Abdrücke aus v. d. Hagens 
Minnesingern entbehrt. Jüngere Germanisten finden in W.'s Werke reick- 
liehen Stoff zur Arbeit und Forschung, den sie sich hoffentlich nicht ent- 
gehen Ussen. K. BARTSCH. 



9ber den Iwein des Hartmann von Ane. Ein Vortrag von Ludwig Blume, 
Professor am k. k. akademischen Gymnasium in Wien. Wien. Alfired 
Holder 1879. 8. 31 S. 

Der Verf. dieser kleinen aber gedankenreichen Arbeit ist uns bereits 
aus seiner vor ftnf Jahren erschienenen hübschen Studie über 'Das Ideal 
des Helden und des Weibes bei Homer mit Rücksicht auf das deutsche 
Alterthum' (Wien. Alfired Holder 1874) vortheilhaft bekannt. Diesmal ist 
es ein Hauptwe^ des höfischen Epos, der Iwein, den er zum Gregenstande 
einer eingehenden Untersuchung gemacht hat, die für Germanisten wie Ro- 
manisten gleiches Interesse bietet 

Ausgehend von der Beobachtung, daß die methodische Durchforschung 
der ritteriichen Dichtungen nach ihrer culturhistorischen Bedeutung, und zwar 
nicht bloß in Bezug auf das Leben einer Nation, sondern in ihrem universal- 
historischen Zusammenhange, noch kaum begonnen ist, ja daß die einzelnen 
Werke der grossen Dichter selbst mehr auf ihre sprachliche und metrische 
aU auf ihre künstlerische Form und am wenigsten auf ihren Inhalt hin ge- 
prüft* sind, und daß namentlich die sogenannten Artusromane in dieser Hin- 
sicht bisher schlimm wegkamen, legte er sich bezüglich des Iwein die Frage 
vor, ob sich eine grundlegende Idee erkennen lasse, auf welche die ganze 
Composition des Gedichtes Bezng nehme, und wie hienach rücksichtlich seines 
inneren Gehaltes der poetische Werth des Iwein zu bestimmen sei . 

Entgegen der Ansicht Lachmanns , daß der französische Dichter des 
Chevalier au Ijon dem deutschen überall nur den rohen Stoff gegeben habe, 
ist Blume, der selbst eine Arbeit über das Verhältniss Hartmanns zu seiner 



LITTERATUR : L. BLUME, ÜBER DEN IWEIN DES HARTMANN V. AUE. 253 

Quelle in Aussicht stellt, Tielmehr mit GenriDUs der Ubeizeugaog, daß Hartmann 
rücksicblHch des Inhalts, der Idee und Composition des Iwein dem Franzosen 
so gut wie alles verdanke. Was er also von Hartmann sagt, gilt eigentlich 
vielmehr von Chrcstien und jener ist nar deshalb in den Vordergrund gestellt, 
weil die Aufmerksamkeit unserer Literarhistoriker zunächst seinem Werke sich 
zugewendet hat. 

Über die Idee des Iwein sind die Ansichten bekanntlich getheilt. Wäh- 
rend die Mehrzahl der Kritiker eine durchgreifende Idee vermißt, glaubte Benecke 
eine solche in den einleitenden am Schluß des Granzen wiederkehrenden Worten 
von 8€elde und ire, die bei Chrestien fehlen, zu erkennen. Allein diese Worte 
haben, wie auch Blume sieht, mit der Idee des Iwein, wenn eine solche vor- 
handen ist, nichts zu schaffen. Richtiger hat Wackemagel geurtheilt, wenn er 
'die Kunst bewußter Aufstellung und Versöhnung sittlicher Gegensätze nämlich 
der Liebe und des Heldentbumes rühmt. Hierin sieht auch der Verf. den 
Wink, der längst hätte den richtigen Weg zur Erklärung des Iwein sollen 
finden lassen , und diesem Winke folgte er selbst im wesentlichen bei seinem 
Versuche eine leitende grundlegende Idee nachzuweisen. 

Nach Blume ist der eigentliche Vorwurf unseres Gedichtes gegeben, in- 
dem Gawein den Helden aus dem Zustande seligsten Glückes, in den ihn der 
Besitz Laudinens versetzt hat, aufrüttelt und an die Idee mahnt, der sein bis- 
lieriges Leben gewidmet war, die Idee des Ritterthums. Zwischen dieser Idee 
und der Liebe kommt es nun zum Conflicte, zunächst in der Brust des Helden, 
dann aber auch zwischen Iwein und Laudine. Denn während das liebende 
Weib nur Liebe ist, und wie es sieh bedingslos, selbstvergessen hingibt, auch 
den ausschließlichen Besitz des Geliebten erwartet und fordert, hat es für den 
Mann bereits ehe er liebte etwas gegeben, das sein ganzes Wesen in Anspmch 
nahm: die Idee, für die erlebt, die ihm nicht angeboren, sondern anerzogen 
ist^ deren Dienst ihm die heiligste Pflicht geworden, die jedoch das Weib, 
weil es nur Natur ist, nicht begreift und der es sich deshalb, da von dieser 
Seite seinem ausschließlichen Besitze des Geliebten Gefahr droht, feindselig 
und eifersüchtig gegenüber stellt. 

Aber freilich dieser Conflict, der überall eintreten müßte, wo die Liebe 
Gelegenheit findet ihre Rechte uneingeschränkt geltend zu machen, wie in der 
Ehe, wird gemildert durch die Liebe des Weibes selbst Aus Liebe zum 
Manne, gegen seine Empfindung und Einsicht, läßt sich das Weib zu einem 
Compromisse bereit finden, tritt es freiwillig vor der Idee zurück. Aber nicht 
für immer. Nichts empfindet es schwerer als wenn der Mann den festgesetzten 
Zeitpunkt seiner Rückkehr ans der Ideenwelt in die Welt der Liebe versäumt, 
wenn er vergißt zurückzukehren. Dann flammt die Eifersucht auf und kann 
wohl Liebe in Haß wandeln. Darum ist es nicht Laune , sondern tief in der 
weiblichen Natur begründete Empfindlichkeit, wenn Laudine es mit der Iwein 
zur Rückkehr gesetzten Frist so genau nimmt, und da er sie versäumt, mit ihrer 
Drohung unversöhnlichen Hasses Ernst macht und ihm ihre Liebe aufkündet. 

Es ist ein Problem der Ehe, das Blume im Iwein vorgelegt findet. 

Wie aber hat es der Dichter gelöst? Der Kampf für Lunete, der 
Laudinens sichtliche Theilnahme für den Unerkannten weckt, bereitet die Ver- 
söhnung wohl vor, kann sie aber nicht hitrbeifübren. Iwein scheidet unerkannt. 
Erst muß er durch glänzende Tbaten die Berechtigung der Idee« der ec fAsaoL^ 



254 UTTERATUH: L. BLUME, OBER DEN IWEIN DES HABTIIANN V. AÜB. 

Liebe hintangesetxt hat, erweisen and so die Achtung seiner Fnn nea er- 
werben. Wie aber Chrestien schließlich die Versöhnung wirklich hM-beifÜlirt. 
das ist ein Kunstgriff, keine Losung. Dies ist auch offen eingestanden in dem 
Bekenntniss Laudinens, weder freiwillig noch durch Zwang hätte sie sieh lar 
Versöhnung bestimmen lassen, wenn sie nicht der Eid bände. Das Probkn 
bleibt ungelöst, wie Blume meint^ entweder aus höfischer Galanterie wonadi 
das Weib zuletzt recht behalten muß oder aus einem Bestreben, das für die 
französischen Dichter auch der Gegenwart fast als national gelten darf, geist- 
reich zu sein und dabei nicht tiefsinnig. 

Ich habe mich im Vorstehenden bemuht, den Gedankengang des Verf.8 mog^ 
liehst treu und in seinem Zusammenhange erkennbar darzulegen, und mich dabd, 
soweit es nothwendig schien, seiner eigenen Worte bedient. Und ich zweifle nieht, 
daß der Leser, der meiner Darlegung bisher gefolgt ist, mir beistimmen werde, 
wenn ich Blumes Auffassung zum mindesten nachrühme, daß sie geistreich mid 
das Ergebniss ernsten tief eindringenden Denkens und h'ebevoUer VerseDkong 
in den Gegenstand ist. Für den Iwein aber könnten wir uns nur freuen, 
wenn Blumes Auffassung richtig ist; und nicht nur auf das einzelne Gedicht, 
auf die gcsammte höfische Epik und die höfische Gesellschaft des Mittelalters 
würde von da aus ein überraschendes günstiges Licht fallen. Ich für meine 
Person bekenne, nachdem ich Blumes Ausfuhrung wiederholt gelesen und den 
Iwein selbst darauf hin wieder durchgegangen, daß dieser G«danke für mich 
etwas sehr ansprechendes hat. An der philosophischen Formulirung der Idet> 
stoße ich mich nicht. Anders sieht und spricht der Dichter die Idee aus. 
anders der Kritiker. Mag sie jenem vielleicht von vornherein in concreter, sinn- 
lich anschaolicher Gestalt vorschweben, dieser kann bei seinem analjtischai 
und nachconstmirenden Verfahren der Abstraction nicht entrathen, und BegriflBi- 
schärfe bt bei ihm eine wesentliche Tugend. Und sollte er dabei sogar über 
die bewußten Intentionen des Dichters hinausgehen, darin zeigt sich ja bekannt- 
lich jedes echte Kunstwerk in gewissem Sinne unerschöpflich, daß es über den 
niehsten beabsichtigten Gebalt hinaus noch auf ein weiteres hindeutet und daß 
wir bei jeder neuen Betrachtung etwas Neues entdecken. Worauf es ankommt, 
ist, daß der ganze Gang des Gedichtes sich der Idee, welche der Kritiker 
darin finden will, ohne Zwang füge. Und das ist bei Blumes Gedanken in 
allem wesentlichen der Fall, mag man anch über Einzelheiten vielleicht anderer 
Ansicht sein, wie denn ich selbst z. B. über den Kampf mit dem Riesen am 
Morgen vor dem Gottesgericht über Lonete nicht ganz so günstig nrtheile wie 
Blnme. Auch die Parallele mit der der Weltliteratur angehörigen Geschichte 
von der treulosen Witwe und mit der Werbung Annas durch Richard bei 
Shakespeare, welche Blume heranzieht, nm das Verhalten Laudinens gegen Iwein, 
der ihren Gatten erschlagen, zu rechtfertigen, ist zwar zutreffend, ob aber da- 
mit jeder ästhetische Anstoß gehoben ist, darüber Hesse sich doch noch 
streiten. Dies alles aber berührt die Hauptsache nicht, und darum begnüge 
ich mich anch anf die Parallele mit R. Wagners Lohengrin nur hinzuweisen. 
(S. 25 f.) 

Nach einer Richtung aber bleibt die Anerkennung der kleinen Schrift 
sogar nnabhängig davon, ob man ihrem Hauptresnltate zustimmt oder nicht. 
Das ist der ganze Geist, aus dem die Untersuchung unternommen ist und welcher 
sie durchdringt. Wir werden ans wohl hüten aof die arbeitsvolle Zeit, welche 



MISCELLEN. . 255 

die altdentschen DichtungeD TorwiegeDd auf ihre sprachlichen und metrischen 
Eigenthümlichkeiten untersuchte und welche sich begnügte sie in einer der 
ursprünglichen Form möglichst nahe stehenden Gestalt der Nachwelt zu übcr- 
liefern; etwa je geringschätzig und undankbar herabzusehen. Aber wir werden 
auch gut thun uns zu erinnern, daß jede Dichtung zunächst bestimmt ist als 
Kunstwerk aufgefaßt und genossen zu werden ^ und daß alle jene hingebungs- 
volle Arbeit ihrem letzten Zwecke nach doch dem poetischen Verständnisse 
dieser Werke zu dienen hat. Wie weit sie eine Prüfung nach dieser Richtung 
zu bestehen Termögen, ist abzuwarten. Wenn wir auch die Verurtheilnng , die 
so viele von ihnen getroffen, bei erneuter gründlicherer Prüfung lediglich zu 
unterschreiben haben sollten, so ist der Gewinn, welchen die historische Auf- 
fassung jener ganzen Zeit nach den verschiedensten Gesichtspunkten aus solchen 
Studien ziehen müßte, an sich reich und lohnend genug. Und darum wollte 
ich das meine beitragen, daß nicht nur der hübschen Arbeit die verdiente 
Theilnahme werde, sondern daß auch die anregende Wirkung, welche der Verf. 
wünscht; zu seiner Freude nicht aasbleibe. 

PRAG, 23. Februar 1879. H. LAMBEL. 



MISCELLEN. 



Aas Rostocker Handichriften. 

1. 
Dit bet scholtu lesen vor enem ghuden ende. 

Grotet sistu leue here [ihesu criste] 

dor diner leuen moder ere, 

slut up mjn herte unde sin 

unde lat den hillighen gheyst dar in, 
5 de myn leoent so beware 

dat id an der enghele schare 

ane ende vrolik bliue; 

so wan myn sele van desseme lyne 

mot na dineme bode varen, 
10 so motest dn se here bewaren. 

eja here ihü crist^ 

de du en schepper aller dinghe bist, 

ik bidde di dor dinen dot 

unde dor dine groten not, 
15 dat du mj willest gheuen 

en so dan leuent 

dat ik to diner vorderen haut 

mit den rechten jummer werde bekant. 

in den suluen standen 
20 wen da dine wanden 



256 MISCELLEN. 

walt toghen oaer uns armen, 

80 lat di dat vorbarmen 

oft ik gicht hebbe gbedan, 

seten ghan edder atan, 
25 dat wedder dine bolde si: 

dat vorghif leue here my 

unde lat my wesen so gheboren 

dat ik werde myt den rechten ghckoren 

de dines vederliken (1. vader rikc) 
30 scbolen besitten ewicbliken. 

Eya maria maghet rejne, 

sint dy god dar to alleyne 

ut alle der werlt heft ghekoren, 

dat he wolde van di werden gheboren, 
35 Da bist vul odmodicheyt, 

thoghe denne dine barmehartichheyt 

unde wes unser armen trost, 

dat wy van p3men werden lost. 

lat ans des ok gheneten 
40 dat da bist gheheten 

en vroawe boaen allen vroawen. 

ghif my myner sunde rouwen. 

ok so bidde ik di, 

dat myneme leuende si 
45 [salicb] en salich ende io jammer bi. 

in godes namen. Amen. 
Aus der Handschrift IV. 1. 7 (perg. 14. Jahrb.) der Kostocker Univer 
sitätsbibliothek. 

2. 

In hemmele und an erden 
kan nemant recht vrolik werden 
ane de herten reyne: 
de moghen syck vrouwen alleyne, 
5 wente ewicb scolen se schouwen 
Xpm, se syn man effte vroawen. 
selich is de doghentheyt, 
tucht und ere io besteyt. 
wor de lere tnchtich is, 
10 dar is god, des sy ghewys. 

leve is eyn metich (1. mechtich) knith : 
wat se beroret, dat wart trud. 
wyl wy uns hir in leve vorbyndcn, 
so moghe wy uns myt gade vynden. 
15 des helpe uns Cristus dorch synen doet, 
dede uns hefft vorloset uth aller no^t. 
Aus Handschrift IV. 1. 28, vor einer niederdeutschen Auslegung des 
hohen Liedes. K. BARTSCH. 



METRISCHE BEMERKUNGEN. 



I. Zur Alliterationspoesie. 

Seit dem Erscheinen von F. Vetters verdienstvoller Arbeit «Zum 
Muspilli und zur germanischen Alliterationspoesie^ sind 5—6 Jahre 
vergangen ; dieselbe hat auf die seitdem erschienenen metrischen Unter- 
suchungen von K. Hildebrand und Ed. Sievers, von M. Rieger und 
lUchard Hörn*) vielfach anregend eingewirkt; natürlich nicht, ohne im 
Einzelnen Einschränkungen, Widerlegung oder doch Widerspruch zu er- 
fahren. Auch bei mir hat sich im Laufe der letzten Jahre eine Summe von 
Betrachtungen und Überlegungen gesammelt, die im Ganzen und Großen 
den von Vetter eingeschlagenen Weg — vor Allem seine energische 
Opposition gegen die Vierhebungstheorie — nur bestätigen können, in 
Einzelheiten aber — und in nicht ganz unwesentlichen — auf eine etwas 
andere Formulierung mancher metrischen Grundsätze hinauslaufen. 
Der Charakter dieser Neu-Formulierung würde sich kurz als ein Ver- 
folgen der von F. Vetter theils zuerst theils wiederum vertretenen Auf- 
fassung des germanischen Versbaues bis zu ihrer theils unvermeidlichen, 
theils allein genügenden Consequenz bestimmen lassen. Um aber zu 
diesen Consequenzen zu gelangen, muß man aufhören, einerseits die 
Vierhebungstheorie, andererseits den Vers von zwei Hebungen als a 
priori gegeben zu betrachten. Wenn es F. Vetter gelungen ist, die 
Vierhebungstheorie, auf den_Tod zu verwunden, so ist es ihm, meine 
ich, nicht gelungen fUr den Vers von 2 (resp. 3) Hebungen überall 
die wünschenswerthe Beweiskraft beizubringen**). Gleichwohl werden 
gewöhnlich diese Grundfragen nicht weiter emsüich erörtert, man be- 
ruhigt sich bei der scheinbaren oder selbst wirklichen Übereinstimmung 
Mehrerer in solchen Fällen und richtet die Untersuchung mit Vorliebe 
auf Einzelheiten des Systems. Auf diese Weise kann sehr Beachtens- 



*) Vgl. Zachere Zeitschrift ErgSiunmgsb. 1874 (p. 74 fg.); Zeitschrift fOr deut 
sches Alterthnm XIX, 43 fg. ; Zachers Zeitschrift YD, 1 fg. ; Paul V, 164 fg. 
**) Vgl. auch Bieger a. a. O. VII, 1. 
«EBMANU. Nene B«ihe. HL (XXIV. Jahrg.) Yl 



258 E. WILKEN 

werthes geleistet werden; schon die Fülle des zur Besprechung ge- 
brachten metrischen Materiales kann unter Umständen sehr dankens- 
werth sein; abschließend und erschöpfend können aber derartige Unter- 
suchungen solange schwerlich genannt werden, als über die Funda- 
mentalfragen der altgermanischen Metrik noch immer ^ und wie ich 
meine mit Recht, gestritten werden kann. Denn bei einer anderen 
Beleuchtung des ganzen Gebietes erscheint natürlich auch das Ein- 
zelne oft in einem ganz anderen Licht. Sollte es überflüssig sein, 
gerade diese Hauptfragen noch einmal einer kurzen, aber wie ich 
hoffe nicht ungründlichen, Erörterung zu unterziehen? 

^eger ging mit Recht von Snorri's leider sehr gedrängter Be- 
handlung~der Alliteration in Hdttatal C^^7 aus. Aber so gedrängt 
dieselbe ist; so läßt sich gleichwohl Mehr daraus lernen , als bisher 
geschehen zu sein scheint Es genügt nicht, das dort gebotene Ma- 
terial exegetisch zu verwerthen; man muß ebensosehr das dort nicht 
Gesagte beachten, wenn es so wichtig ist, daß es so zu sagen zu 
unserem metrischen ABC gehört. Snorri theilt die Strophe in 4 Vier- 
telstrophen, jede Viertelstrophe in zwei Sätze (oder Zeilen; buchstäb- 
lich Strophen- Worte : visuord), flir jeden Satz werden sechs Silben 
verlangt; fiir den Stabreim wird im zweiten Satze ein Hauptträger 
(Hauptstab), im ersten Satze aber ein doppelter Nebenstab oder zwei 
Stützen (studlar) verlangt. Über den verschiedenen Modus bei voca- 
lischem und consonantischem Stabreim wird noch kurz gehandelt, aber 
mit keinem Worte der Möglichkeit — geschweige denn der Regel — 
gedacht, daß ausser den gereimten Stabwörtem noch andere, neuer- 
f/^^ dings so genannte ^reimlose Stäbe^ vorhanden sein sollten. Dies Be- 
' denken wird auch dadurch, daß Snorri zunächst skaldische Allitera- 
tionspoesie vor Augen hat, in keiner Weise erledigt; dieser strengere 
Kunststil konnte sehr wohl die Forderung von 6 Silben für jeden Satz 
der Strophe, nicht aber die Umgehung des rhythmischen Gesetzes von 
angeblich stets 2 Hebungen veranlassen. Es ist klar, daß Snorri, 
der C. 168 — 171 Beispiele von Fomyrdalag, Bälkarlag, Starkadarlag 
und Ljödahattr bietet, mit Bezugnahme auf seine früheren Angaben, 
fUr dieselben keine wesentlich andere Auffassung kennt als für den 
Dr6ttkv«dr hättr; also den Satz nur in Silben theilt, bei den Silben 
aber (abgesehen von milfylling) nur die Existenz oder Nicht-Existenz 
des Stabreimes in Anschlag bringt und von einer festen Anzahl geho- 
bener Silben in wenigstens theilweiser Unabhängigkeit von den Reim- 
stabsilben sich durchaus Nichts hat träumen lassen. Und doch hätte 
eine Technik, die sogar die früher freigelassene Zahl der Silben eines 



METRISCHE BEMERKUNGEN. 259 

Satzes überhaupt zu fixieren suchte, sicher ein schon bestimmtes Zahl- 
verhältniss der Hebungen nicht fahren gelassen*). 

£s sträubt sich gewiß etwas in uns gegen die schwankende Zahl 
der Hebungen von 1 — 2, ja in den längeren Verszeilen bis 3; wir ver- 
langen (um mit Rieger zu sprechen) ein festes Gerüst neben der zufölligen, 
willkürlichen Umkleidung derselben durch die Senkungen. Richtig ist 
zwar, daß eine Verszeile ohne Hebung überhaupt nicht denkbar ist, 
während die Senkungen bekanntlich in der freieren Allit.-Poesie alle 
fehlen dürfen — aber weiter zu gehen sind wir mit unserer Ordnungs- 
liebe nicht berechtigt. Es liesse sich im Gegentheil sogar behaupten, 
daß die freie Auffassung der Senkungen eine ähnliche der Hebungen 
voraussetze, daß auch hier kein abstractes Zahlenverhältniss gelten 
könne, daß zwei Hebungen in einer Verszeile recht wohl das Gewicht 
einer einzigen in einer andern Zeile beanspruchen dürften, daß schon 
die Formel 2 -{- 1 hierauf hinführe u. dgl. m. — So verzweifelt ich 
auch die Amelungsche Betonung h^lägna g§st (bei Zacher HI, 282) 
als Rettungsmittel für die Lachmannianische Vierhebungstheorie be- 
trachte; das Princip einer musikalisch-rhythmischen Auffassung auch 
der Hebungen muß ich als durchaus richtig anerkennen. Wie wenig 
in der altnordischen und angelsächs. Poesie an und fiir sich die Zwei- 
oder Vierhebungstheorie begründet ist, folgt schon daraus, daß ein so 
gründlicher Kenner derselben wie Rask von zwei langen Silben (statt 
zwei Hebungen) sprach, die sich in der Verszeile des Fornyrdalag finden 
müßte. Diese Ansicht, welche einen noch engeren Anschluß an die 
antike Metrik verräth als die Lachmannsche, bedarf heutzutage wohl 
keiner Widerlegung, unbefangene Betrachtung wird einräumen, daß 
die Forderung von stets 2 Hebungen kaum minder willkürlich ist. 
F. Vetter war S. 19 nahe genug Dasselbe zu sagen, wo es heißt: ge- 
eignet war eine bestimmte Anzahl von Hebungen, um bei einer reicheren 
Gestaltung der Melodie, beim cantus firmus statt des bisherigen Reci- 
tativs u. s. w. Gleichwohl heißt es dann S. 24: wesentlich für die 
alliterirenden Verse sind nur zwei gehobene Silben. Aber warum 
zwei? Ist die Stelle aus dem ags. Phoenix (V. 667 fg.) mit den latein. 
Versen neben den angelsächsischen etwa dafUr entscheidend? Im Gegen- 
theil wäre eine Betonung wie mör^ri nur bei wirklichem Gesänge allen- 
falls denkbar, bei recitativischem Vortrage ist nur mer^ri oder (dem 

*) Vielleicht ist übrigens die Silbenzählang in der Metrik überhaupt das filtere, | 
die Licenz der Volkspoesie jüngeres Princip. Vgl. Scherer zur Qesch. p. 159. / 



260 B- WILKEN 

Stabreime zu Liebe '^) m^reri denkbar, ebenso ist aber auch die Be- 
tonung })ät ye motan her, hafad us älyfed rhythmisch nicht nur voll- 
berechtigt, sondern weit wirksamer und wohltöoender als häfad us 
adyfed, })ät ve motan hä: — welcher Nachdruck liegt denn auf den 
Hilfszeitwort hafad**)? Ich glaube, wer Betonungen wie kdmö tiio^ 
härt6 wis^, p6hh^s pink (Musp. 20—22) ablehnt, wird überhaupt einer 
Heranziehung des Tieftones nicht das Wort reden, und ebensowenig 
gawiirchknne (Wess. 16), ^omkhtig (Hei. 31) lesen dtlrfen. Der 
letzten Kategorie gehören auch die zahlreichen Composita wie Judeono 
liudio, Ebreo-liudi (Hei. 97, 104), ellean-ruoba (Hei. 69) und so manche 
rhythmisch völlig gleich werthige Verbindungen an wie räd burda (71), 
LSvias cunnes, Jacobas nenneas, guodero thiodo (74 — 75) u. s. w. an; 
in allen diesen Fällen wird, wer nur den Versuch macht, statt mit dem 
Auge, vielmehr mit dem Ohre über metrische Fragen zu entscheiden, 
einfach durch rhythmischen Vortrag sich von der Berechtigung der 
hier vorgetragenen Ansicht, die (wie gezeigt) mit derjenigen eines 
Snorri identisch ist, überzeugen können. Allerdings werden hier und 
da einige Worte, die grammatisch betrachtet, nicht völlig bedeutungslos 
sind, sich keiner Hervorhebung durch den Stabreim erfreuen, aber ebenso 
imberechtigt, wie die Forderung einer arithmetisch feststehenden An- 
zahl von Stäben (wenn wir nicht nach der Formel Snorri's 2 -f- 1 gehen, 
dann aber die Silbenzahl überhaupt festsetzen wollen), ist die andere 
Meinung, daß der Stabreim überall mit der logisch-grammatischen Be- 
tonung sich decken müßte. Letztere Ansicht weist im Principe selbst 
Lachmann (kl. Sehr. I, 139) zurück, wenn er im Gegensatze vom 
Endreim^ der dem Inhalte diene, von der Alliteration rühmt: ^sie herrscht 
und hebt das Einzelne mit wunderbarer Kraft hervor, oder wenn er 
(S. 137) nur verlangt, es ist natürlich, daß die Buchstabenreime „wo 
möglich'' auf die bedeutenderen Wörter fallen müssen^. Denn bei 
einem rhythmischen Kunstmittel, wie dem Stabreime, ist es ja von vorn- 
herein gar nicht denkbar, daß dasselbe mit den Interessen der gram- 
matisch-logischen Betonung sich überall ohne Weiteres gedeckt habe. 
Gerade formelhafte und daher füglich wohl als alt zu betrachtende 
Wendungen wie on })äm dage })ysses llfes Be6v. 197 fügen sich nicht 
immer dem grammatischen Principe; im Anfange der frymskv. (1, 3) 
müssen wir stns hamars (um saknadi) gegen die grammat Geltung 



*) Die Anwendang derselben in unserem Falle hat natürlich etwas spielendes 
nnd kfinstliches. 

**) V. 668 wäre anch mötun h6r rhythmisch allenfalls denkbar, aber nicht mOtun 
h4r, wie Vetter ansetzt. 



METRISCHE BEMERKUNGEN. 261 

des Pronomens, ähnlich Vegtamkv. 13, 2 sem ik hugda betonen, wo 
wenigstens kein besonderer Nachdruck auf dem Pronomen ruht. Richtig 
ist nur, daß die germanische Metrik allerdings einen derartigen etwas 
schroffen Widerstreit zwischen logischem und metrischem Accent nicht 
gerade liebt, und denselben nur ausnahmsweise duldet. Wer möchte 
aber leugnen, daß in allen solchen Fällen die Ausgleichung des 
Widerstreites wesentlich durch schwebende Betonung, die dem einen 
Worte ebenso viel nimmt als sie dem andern über das gewöhnliche 
Maß der Prosa zutheilen muß, erleichtert wird, daß eine Betonung wie 
^k hugda fast als angenehme Abwechslung neben dem ek hugda der 
Prosa klingt (auch nhd. läßt sich ja sagen : wie ich dachte) während 
ein ^k hugda eine selbst flir Prosa, wie vielmehr für ein Becitativ un- 
erträglich schwerfällige Betonung wäre? Unter dieser Wucht der Be- 
tonung würde namentlich die (kürzere) ags. und an. Verszeile völlig 
zerdrückt sein, die bekanntlich oft nur 4, bisweilen selbst 3 oder 
2 Silben zeigt, z. B. ä Gimle (Völ. 66, 4), seomodon Gen. 72, fär Noes 
ib. 1323. - Zweisilbige Verse sind z. B. Häv. 75, 1 ; Sigrdr. 37, 4. — 
(Die L. E. citiere ich nach Hild.) 

Allerdings aber werden wir, wie in den Fällen wirklichen Wider- 
streites mit dem Wortaccent einen Ausgleich durch schwebende Be- 
tonung (die eben nur durch Zurücktreten des Wortaccentes in diesen 
Fällen möglich wird), so auch dort, wo grammatisch bedeutsamere 
Worte im Stabreime nicht zur Geltung zu kommen scheinen, an ein 
Verfahren denken dürfen, wie diesem Ubelstande in etwas kunstmäßigerer 
Weise als durch die unbedingte Festhaltung jedes Hochtons auch als 
metrische Hebung abgeholfen werden könnte. Dies Mittel liegt bei 
der ohnehin zur Amplification neigenden epischen Ausdrucksweise nahe 
genug, es beruht in der Voraufnahme oder Wiederholung desselben 
Begriffes, der in einem bestimmten Verse rhythmisch ohne Hervor- 
hebung bleiben mußte, sei es in einem voraufgehenden oder einem fol- 
genden Verse. Dabei kann natürlich von Synonymen nach Belieben 
Anwendung gemacht werden. Als Beispiel fUr die Voraufnahme dienen 
fg. Fälle aus dem Beövulf (426-428): 

Ic |>e nn pk, 
br^o B^orhtdena bfddan ville 
^odor SkyldiDga ftnre bdoe. 

Im letzten Verse bleiben zu Gunsten der rhythmischen Wirkung 
Skyldinga sowie b^ne ungehöben, unbeschadet zugleich des gramma- 
tisch-logischen Gewichts dieser Worte, da für Skyldinga das Synonym 
Beorhtdena schon dem Ohre rhythmisch eingeprägt ist und das be- 



JtOJ) B. WILKKN 

Kriflfticko Monunit von bonc p^leichfalls schon in dem rhythmisch ge- 
hoht^iuui hiililun dos vorhorgohendeu Verses involviert ist. In V. 428 
hntto dor Dichlor dorn Uodauken nur die Nuance „um Eines^ noch 
«uOlKon woUon; um dioa poetisch ausBudrUckeUi war zun&chst der Vers 
Aim« b^no , dann «ur Completierung auch die synonymische Wieder- 
holuuK von hv\^f^\ IU^)rhtdona nöthig. (Qana ähnlich tritt 464 Ar-Skyl- 
diniia als Syaonym «u dem Silddena von 403, um einen Reim zu fAwL 
«u hildf>n*) V^l man mit V. 427 — 28 den ähnlichen Gedanken , wie 
«ir Siitkv« *k« (A 1 ^^ bogognct, so ist das Verfahren dort ganz analog, 
nur ruht d<ur Maclidruck dort auf der «letzten^ Bitte. — Öfter noch 
k^^iniut das oiustwcil«u rhythmisch vemachl&>sigte Wort in einem der 
t^^lTt^d^) V<ur»o tu »«iuom Rochto, so kann madelode 499 ungehoben 
MtvibM) « da AOl <vuband b«adurüno noch deutlicher den B^riff der 
(fifjudlioh j;^4riohl<olcn') Ked« auj^drUckt. Wenn SOG richtig vunne als 
VfNTMcldm^ );ih man kann nämlich das Wort auch mit dOT verbinden 
^> i«: ^{^)<'4))aU$ ;»cbor, daß noben den beiden hier scharf beUmtes 
JVr^WttW'Ä IWvulf XMui Rivca kein andexej^ Wort irgendwie eine rijtii- 
«aix'b^ H<^rv<vrb^kun4: xvnrä^^ ohne den Wohllaut des Ver&es za 
«uVhMUs l>a» in xuium' b<^ndo B^^rnffEHiK^nent wird dann aber 
KVs^PNmWjh bi)iiy^u^b<ttd ui^Mt. Ebenso braucht 546 cejildo»! keäz» 
Tt^^dnai^o Hf^Ktt;'^^^ wvil die ^, äw>w Verse in SynonyiiMai den Ob»- 
vrakttr «^M^ \Vüt»(4ii»M: pN&:^$^:&d «nd xaii i^Ythsui^iwas X&cbdz<Dc:kf ^or- 
l^biv«^ IXuitfi^W V<4^üLtita$äEi Mi:t »c^ uns im Hioazrd, -Lztä luLrisD 

ISaML <^b»i^ Ni>ü; ^«^ w<teii^4^^:n^^SM:»e AinjCiäcasswiZ; Sft^ eipiscbäL Scika» 

^Kti^W^ ^{piriK^^iMftt W^c:;i<*lfntü< ztiniL sitii^i :jl aar Jii> imJt 
4^Sis \\*MOtt^ ;K«^ «-wwtn ^:xr iknMrarMtas iiei4äia£äMiiL k^izaiäi:. -wm aar 
tVi^)!!^ «aWd «ATÜ 5«djir mväk £k wx^Ik^ niiiäs^ Winifsnitümir;.. 

:i»*fr inis^iiiss^o. itts^tm. Vuj> saia. jaitir ikioic!: luoiaL oiiiL irühiirtma ^.i^ 
UMiriiiauv inutuc rj *'ijawb*rj»m- W^wrmic it aar jnirannsr ^«mimamnc 
4u 4a^»«i*4»iaiiuu ^ohitlufriua üc.. irsmic mst niJ f« nsn r'ixuoar 

9i6(M«ittr. "V 4jpf iunui»uii»a0«r «omc:: ^üi^ ioaauisL wm. oia. äsr ä~ 



IfETRISCHE BEMERKUNGEN. 263 

wundete an der Spitze seiner Schaar stand; 4877, daß er Malchus 
hieß; 4878, daß er an der rechten Seite und zwar (4879) am Ohre 
verwundet ward. Während 4880 — 82 die Verwundung dann genauer 
in ihrer äusserlichen Erscheinung schildern , wird im Folgenden noch 
die Wirkung auf die Zuschauer der Scene uns vorgeführt. Die schein- 
bare und (in gewissem Sinne) wirkliche Weitschweifigkeit dieses Ver- 
fahrens zeigt uns nun die Kehrseite jenes von Lachmann gerühmten 
Vorzuges, daß der Stabreim das Einzelne wunderbar hervorhebe, er 
vermag aber zur Zeit immer nur Einzelnes zu urgieren, und muß Eines 
nach dem Andern unter den durch den Versbau gegebenen Bedingungen 
vorführen, wenn er seine Wirkung erweitern will. Dem Vortragenden 
bleibt es dann überlassen; durch ein rascheres Hingleiten über die 
nur aus metrischen Gründen geforderten Verstheile der Ermüdung 
des Hörenden vorzubeugen, ja vielmehr durch jenes raschere Tempo 
ein Colorit unruhiger Erregtheit über die betr. Textstelle zu breiten, 
die unter Umständen (so gerade auch H51. 4874 f.) natürlich oder 
geradezu nothwendig ist. Das raschere Tempo läßt auch die verschie- 
denen, durch den Reim gehobenen, begriflFlich verwandten Worte sich 
wieder näher rücken und erleichtert so auch dem Hörer ihre Ver- 
knüpfung zu einem in der Vorstellung abgeschlossenen Gesammtbilde. 
Anschaulich für das Verfahren der Alliterations-Poesie ist auch der 
neuerdings wiederholt besprochene Hymnus Cädmons in nordhumbr., 
westsächs. und lat. Aufzeichnung. Die letztere ersetzt (vgl. Zupitza 
Zeitschrift für deutsches Alterthum XXH, 221) mehrfach 2 oder 3 Sy- 
nonyma der ags. Fassung durch einen lat. Ausdruck, weil eben nur 
die ags. Alliteration zu jener Amplifikation des Stiles geführt hatte. 

In der abd. Poesie treflFen wir Ähnliches an. In Wess. 6 (Müll.) 
könnte man sich wundem, cot rhythmisch ungehoben zu finden. Er- 
wägt man aber, daß ilmahtico schon als ein Synonym dazu gelten 
kann, manno miltisto desgleichen, so schwindet das Bedenken. Da 
V. 8 cöotliche : cöt rhythmisch gehoben erscheinen , liegt sogar eine 
Feinheit darin, daß V. 6 sich eine andere rhythmische Aufassung 
findet. — Hild. 5 wäre allerdings „suert** wohl besser rhythmisch ge- 
hoben, als gurtun; man muß und kann aber in diesem Falle gürtun 
sih (iro) suert ana als änen Begriff, als ein rhythmisches Compositum 
ansehen, welches dann richtig auf dem ersten Theile betont ist, wenn- 
gleich diese Voranstellung des Verbums vor das Substant. (ohne Stab- 
reim) immerhin dem gewöhnlichen Gesetze metrischer Wortstellung 
(vgl. w. u.) nicht entspricht. — V. 13 könnte man fragen, warum „al 
irmindeot^ in rhythmischer Senkung steht. Das Object des Rennens 



264 £• WILKEN 

ist aber schon im vorhergehenden Verse rhythmisch betont: ik m! de 
ddre wSt; das dort rhythmisch vemachlftssigte wdt kommt V. 13 in 
dem synonymen Ausdrucke chüd (is m^) zu seinem rhythmischen Rechte. 
Auch will der alte Hildebrant offenbar nicht sagen, daß ihm das ginae 
Menschenvolk bekannt sei; al irmindeot steht hier ähnhch abgeschwächt 
wie etwa im Französ. tout le monde. ^ Daß V. 14 (ähnlich 36, 45; 
vgl. auch 7) der Name allein rhythmisch gehoben ist, nicht gimahalta, 
versteht sich so zu sagen von selbst; ich möchte aber nach dem G^ 
brauche unseres Liedes denn doch nicht das im H§L so häufige quad 
he (z. B. 4821) mit M. Rieger ftlr spätere Zuthat erklären , nur bei 
rascherem Wortwechsel (vgl. Hild. 58) scheint der epische Stil die An- 
deutung der jedesmal sprechenden Person als unnöthig oder störend 
zu empfinden. Die VV. 59 — 62 geben schöne Belege ftlr unsere Auf- 
fassung. In V. 59 ist w^l lustit ein rhythmisches Compositum , ähn- 
lich unserem nhd. Subst. Wollust. In V. 60 bleibt gudeä rhythmisch 
gesenkt, weil es das betonte wiges (V. 59) nur formell wiederaufnimmt, 
gehoben wird hier das (eine neue Begriffsnüance darstellende) Adj. 
gimeinün. — Die Worte niuse de mötti glaube ich auch (vgl. Rieger 
Germ. IX, 310) nur als eine etwas entstellte, aber der as. Formel he 
niate ef he moti (Hei. 224) entsprechende Wendung fassen zu dürfen*). 
Ist dies für die rhythmische Auffassung auch anscheinend irrelevant, 
so ist doch in diesem Falle die Betonung mötti doppelt gerechtfertigt, 
man vgl. nhd. „Freue sich wer kinn!* — Das niuse wird dann im 
Folgenden näher ebensowohl grammatisch wie rhythmisch erläutert, 
wo nun wiederum muotti (= mötti) unaccentuirt bleibt, weil es hier 
reines EUlfszeitwort ist. Auch V. 62 ist briinnono bödero mit Recht 
rhythmisch gehoben, weil sowohl die Brttnne als Hauptstück der Beute 
wie namentlich die Aussicht auf die beiderseitige Ausrilstung für den 
Sieger noch besondere Hervorhebung verträgt, während waltan (weil 
nur schwächeres Synonym fQr sih hruomen) billigerweise nur die Cadenz 
ftült. — Musp. 37 bietet mit der Betonung weroltr^htwison eine Aus- 
nahme von meiner, aber auch von der Vetter-Riegerschen Auffassung. 
Offenbar ist das Wort für die regelrechte Betonung weroltrehtw. zu 
\ schwer und lang geworden, wie wir im Nhd. jetzt öfter schon bei 
dreisilbigen Worten zu einer ähnlichen Tonversetzung flüchten, und 
z. B. (im Hannoverschen) Kreishaüptmann für Kreishauptmann sagen. 



^) Daß far mötti im folgenden Vene muotti begegnet, kann bei der schwan* 
kenden Schreibweise des Denkmales (frdt6ro 8, frote 16) nicht aoffaUen, de = the 
as.; ninse snnSchst -= ahd. niose. (So jetzt auch Sievers.) 



BfETBISCHE BEMERKUNGEN. 265 

V. 38 kann „pägan^ mit Recht verklingen, weil der folgende Vers 
auf den Kampf noch deutlicher hinweist. Ebenso wird 46 pivallan 
durch das folgende synonyme sigalds werdan rhythmisch vertreten. 
V. 50 ist Eliases pluot als rhythmisches Compositum zu fassen. Auch 
V. 51 fg. (der himil noch zu V. 53 zu ziehen) ist eine zwar massige, 
aber noch nicht ganz gesunkene Technik zu finden. In Anfang und 
Schluß der Schilderung werden Substantiv und Verbum gleichmässig 
gehoben; in der Mitte entweder nur die Substantiva (^rdu : ahä 52, 
mäno : mittilagart 54) oder zwei begriffiich verwandte Verba (farswil- 
hit sih : swilizöt 53) rhythmisch gehoben , vgl. jedoch noch w. u. — 
Aus Stellen wie H^l. 2593 (wo das zunächst rhythmisch gesenkte erda 
2595 im folgenden Verse synonymisch durch allaro bewo bredöst mit 
rhythmischer Hebung wiederholt wird) oder 3700 fg. läßt sich die kunst- 
massigere, freilich etwas compliciertere Behandlung derartiger Schilde- 
rungen im Hei. erkennen ; wenn 3701 afstät rhythmisch gesenkt bleibt, 
so liegt die Erklärung wohl darin, daß „ni afstdt nigcn^ hier nur den 
in f^Uiad schon rhythmisch accentuierten BegriflF variiert, während 
Musp. 55 st§n ni gist^ntit noch mäno vallit sich in einer andern Lage 
befindet*). Man sieht, wie auch hier der Wechsel der Betonung 
keineswegs auf Willkür beruht. Die herrschende Ansicht (vgl. z.B. Hein- 1 
zej, Über den Stil der altgerman. Poesie p. 4, 5) vermag in der Häufung [ 
der Synonyma lediglich ein pathetisches Moment zu erkennen, fdr j 
sie ist pehhes pina Musp. 22 lediglich ein Schmuck, eine Wiederholung/ 
von hella fiiir in V. 21. Wie anders, wenn wir in 21 h^Ua fuir, in 22 
pehhes pina lesen — da ist nichts Überflüssiges mehr. 

Nicht ganz analog ist das Verhältniss in der an^_AUiterations£oesie. 
Hier hat schon die feststehende Strophenform einen etwas gleich- 
massiger gemessenen Vortrag der einzelnen Verszeilen erfordert, als 
dies bei der stichischen Poesie der Hochdeutschen, Sachsen und Angel- 
sachsen, die ich mir (mit Vetter) nicht gesungen, nur im freieren Re- 
citativ vorgetragen denke, der Fall war. An wirklichen Gesang ist 
zwar nach Dem, was wir über die Vortragsweise der färöischen Lie- 
der, der jetzt ausgestorbenen isländischen Tanzweisen u. s. w. wissen, 
auch bei den Edda-Liedern schwerlich zu denken, immerhin gebietet 
schon die nahe Verwandtschaft zu der silbenzählenden skaldischen 
Poesie hier an eine etwas weniger freie Behandlung der Senkungen 
zu denken, die im Heliand gar nicht selten die Zahl von 8 erreichen, 



*) Auch ersieht man leicht, daß in afstad der Beimstab der nächsten Zeile 
schon vorspielend anklingt, vgl. Vetter 8. 60 %• 



266 ^ WILKEN 

ja überschreiten*). Rein äosserlich pflegt man die Sache so darsu- 
stellen^ daß die an. Alliterationsverse kürzer seien; in der Thai kommt 
namentlich in dem sehr leicht wirksam zu behandebiden Lj6Aahittr 
selten ein grammatisches Begrififswort rhythmisch zu km*z^. Schon 
eher ist dies bei dem (öfter sogen.) kviduhdttr der Fall, obwohl auch 
hier meistens die in rhythmischer Senkung stehenden Silben sich theik 
proklitisch, theils enklitisch oder als rhythmische Composita der Stamm- 
silbe ungezwungen anschliessen. Als ein Beispiel von schon unge* 
wohnlich schwerem Ictus war mir seit Jahren der Schluß von Big. 
sk. 27 auffällig: 

ein veldr Brjmhildr 

ölla boM. 
* * 

Hier kann nämlich der Name Brynh. keineswegs für gleichgiltig 
gerechnet werden, wie viel leichter in rhythmischer Hinsicht wäre: 

einn veldr Aili u. w. 

War der Name Brynh. aber gegeben^ so war es einmal möglich 
nach der mehr sttdgermanischen, aber doch auch im Norden durchaus 
nicht unerhörten Weise der Amplification des Ausdruckes (vgl. z. B. 
Sigkv. 65, 1—4) etwa zu schreiben: 

Brynhildr hefir | Büdia döttir 
Ein um valdit | 611a b^lvi 

oder es muß, da Brynhildr hier schwerlich in rhythmischer Senkung 
stehen darf, in Brynhildr und b^lvi ein zweiter Reimstab angenommen 
werden. Einen solchen bin ich aber (mit R. Hom a. a. O. p. 166) in 
der Regel nur als zufalligen, eher gemiedenen als gesuchten rhyth- 
mischen Schmuck anzuerkennen geneigt. Sobald man nämlich sich 
klar macht, daß der Stabreim dem Verspaare seinen Stempel auf- 
drücken soll, so ist noth wendige Folge, daß in der Regel auch hier 
die homerische Ansicht, daß nur Einer das Regiment fahren soll, am 
Platze ist. Zwei verschiedene Stabreime, die bei Neueren (z. B. W. Jor- 
dan) geradezu beliebt scheinen, geben einerseits dem Verspaare eine 
gewisse, nur hier und da angebrachte sinnliche Weichheit, und ver- 
wirren leicht das rhythmische Gehör, das nur nach äner Richtung hin 
angeregt oder bestimmt zu werden wünscht Daß Snorri, der sogar 
die öftere Wiederholung derselben Reimbuchstaben als nach der Formel 
2+1 fehlerhaft findet, und nur bezg. der vocalischen, so viel leichter 

*) Die Zahl 9 findet sich s. B. 3769 H., wo ich nur wi(he) als Hebang gehen 
lasse. Aber wir sprechen nhd. selbst 11 Senkungen neben einer Hebung unanstössig, 
X. B. : uuvorhergesehenerweise thit ich dies. 

**) Daß ich auf rhythmisch rohe Gedichte wie Harbij. oder einzelne comipte 
Stellen anderer Lieder nicht eingehe, liegt nahe. 



METRISCHE BEMERKUNGEN. 267 

wiederkehrenden, Alliteration als noth wendiges Übel duldet, die An- 
wendung zweier verschiedener Stäbe geradezu perhorresciert haben 
würde, liegt auf der Hand. Wir haben uns aber doch auch vor 
allzu ängstlicher Auffassung derartiger Regeln zu hüten*). — Wo 
der Hauptgrund des Bedenkens gegen den Doppelreim insofern zu- 
rücktritt, als der eine von beiden Stabreimen sich doch als der eigent- 
lich herrschende darstellt, der andere nur als ein Hilfsstab sich daneben 
stellt — und dies kann doch wohl auch von Sigkv. 27 ex. gelten, wo 
auf ein ein sehr starker Ictus fkllt — da ist die Anwendung und zwar 
gerade als Ausnahme neben der Regel gestattet, denn variatio delectat 
wie im Leben so in der Kunst. Allerdings gibt es, glaube ich, noch 
eine andere Möglichkeit, ein logisch gewichtiges Wort ohne Anwendung 
des Stabreimes überhaupt gleichwohl rhythmisch zu accentuieren. Hier 
muß aber zunächst die Bedeutung der Wortstellung im Alliterationsverse 
überhaupt skizziert werden, über die Hildebrand a. a. O. S. 114 fg., 
Sievers S. 47, Rieger S. 18 fg., R. Hom S. 175 im Allgemeinen zu 
ähnlichen Resultaten gelangt sind. Überall zeigt sich dabei freilich 
ein Ausgehen von grammatischen Kategorien, die den alten Epikern 
schwerlich bereits geläufig waren. Es wird daher erlaubt sein^ die- 
selben Resultate unter etwas anderer Beleuchtung vorzuführen**). Am 
meisten kommen fUr den Stabreim Nominalbegriffe in Betracht. Ste- 
hen Subst. und Adj. zusammen, so pflegt (wenn nicht Beide am Stab- 
reim theilnehmen) das Adj. bevorzugt zu werden, d. h. voranzustehen 
und den Stabreim zu tragen. Es bildet sich so ein rhythmisches Com- 
positum, das ganz analog dem grammat. Comp. (z. B. Großknecht) 
behandelt wird. Sogar ein Eigenname kann enklitisch einem voran- 
stehenden Adj. folgen, wie säncta Hierusalcm Cyn. Crist. 50 und sdncta 
Maria ib. 88 zeigt; vgl. franz. Saint- Pierre = St. Peters Dom. Das 
Adj. bringt das unterscheidende Moment hinzu, dies wird logisch und 
meist auch rhythmisch bevorzugt. Solche Adj. dagegen, die häufig 
und ohne besonderen Nachdruck gebraucht mehr als epitheta ornantia 
y' gelten (vgl. Hßrn S. 177), können sich enklitisch dem gehobenen Sub- 

*) Ich kann hier gelegentlich auf die Schrift des durch seine Arbeiten auf dem 
Gebiete der antiken Metrik wohlbekannten W« Brambach: Über die Betonungsweise 
in der deutschen Lyrik (Leipzig Teubner 1871), und lieber auf die ganze Schrift als 
eine einzelne Stelle derselben verweisen, da sie mit aller Feinheit der Beobachtung 
auch jenen freien Blick verbindet, den die sonst so fleissigen metrischen Untersuchungen ] 
von germanistischer Seite so hftufig vermissen lassen. 

**) Ausserdem kann ich meinerseits natürlich von reimlosen Hebungen nicht 
reden, da sich der in rhythmischer Senkung stehende Hochton eines Wortes kaum 
von den übrigen Senkungen unterscheidet 



268 E. WILKEN 

Btantive anschliesseD, einzelne (wie allr^ margr, engl im Altnord., 
Hild. 115) sogar prokiitisch voraofgehen. Zahlworte sind, wenn (wie 
gewöhnlich) die Zahl mit Nachdruck genannt werden soll, vor dem 
Substantiv bevorzugt, Ausnahmen in Fällen wie twenie m&a^ twe wff| 
})ridda Misael hätten von Rieger (S. 20) nicht anstössig genannt werden 
dürfen y der Unterschied der Betonung ist wie in nhd. Wendungen: 
ich wünsche ein Pair (= zwei) Handschuhe — ein paar Rndben spielten 
auf der Strasse; oder: zum dritten und letzten Male — drittens H^o, 
viertens Hafer u. s. w. — Das unbetonte Adj., Zahlw.^ Pronomen vor 
dem Subst. vertritt auf dem Gebiete rhythmischer Composition Das, 
was die tonlosen Präfixe in der gramm. Composition darstellen^ z. B. 
in ahd. unubarwüntan. — Bei der Verbindung zweier Subst geht die 
rhythmische Compos. auf Verbindungen wieSünon Petrus (vgl. Hom 178) 
entsprechend etwa unserem nhd. Hansjäcob unbedenklich ein. — Wo 
genetivische Verbindung zweier Subst. begegnet| ist von Sievers S. 48 
allerdings nach Analogie der grammat. Compos. ein beständiger Vor- 
gang des Genetivs gefordert, wogegen Hom S. 175 sich nicht ganz 
ohne Grund ausspricht^ so wenig der dort eingenommene Standpunkt 
sich übrigens mit dem meinigen deckt'*'). Die von Rieger S. 19 ge- 
gebene Regel glaube ich nun (auf Subst. beschränkt) meinerseits so 
fassen und zugleich erläutern zu können: Verbindungen zweier Sub- 
stantiva^ deren eines im Gen. steht, werden immer nach Analogie der 
grammatischen Compos. behandelt^ aber mit jener Freiheit, die das 
Wesen der rhythmischen Compos. gestattet Es ist daher nicht nur 
gödes Word (== Götteswort), sondern auch w6rd godes (= das Wort 
Gottes), aber wohl nicht word g6des (zu Hei. 2 vgl. jetzt Sievers) ge- 
stattet, weil die Betonung eines C!omp. der Regel nach nur auf dem 
ersten Theile richtig ist. 

Scheinbare Ausnahmen war Rieger um so mehr berechtigt , un- 
berücksichtigt zu lassen^ als man bei einer im Ganzen so freien Dicht- 
weise wie der nicht skaldischen Alliterationspoesie immer auf einzelne 
Nachlässigkeiten gefaßt sein muß. Die Regel zeigt namentlich deut- 
lich, wie schon Vetter S. 47 hervorhob, das ags. Epos in Betonungen 
wie: Beövulf madelode , b^arn Ecg^eöves neben Hünferd mad., EcglA- 
fes beam oder Vigläf mad. Vihstänes sunu (3076), Hrodgär mad., 
h^lm Scyldinga (371)^ die zu constant sind, um irgend einen Zweifel 



*) So richtig Hörn die AdaL grammat. Compos. and rhythmischer Wortfolge im 
Allgemeinen beortheilt, so findet derselbe gleichwohl eine Betonangsrerschiedenheit 
derselben Formel unter dem Einflasse der Alliteration nnglaablich! 



METRISCHE BEMERKUNGEN. 269 

zu gestatten. Freilich weicht meine Auffassung von der Vetters und 
Riegers insofern ab, als ich in b^am Ecg^e6ves nur eine Hebung (auf 
b^am) anerkenne. Logisch ist ja freilich in allen diesen Fällen der 
Eigenname (des Vaters, des Volkes) gewichtiger, und Betonungen wie 
Viglaf mad., Vihstänes s. müssen als die „idealen" (so zu sagen) gelten; 
und daß hier sunu ganz suffix-ähnlich sich verhält, zeigt die neuere 
(namentlich nordische) Sprache in Bildungen wie Petersen, Jörgen- 
sen u. s. w. Nicht immer läßt sich jedoch das Ideal des Einklanges 
rhythmischer und logischer Betonung verwirklichen, nur „gewöhnlich**, 
wie schon Lachmann meinte. Die Ausnahme ist hier insofern auch 
völlig unanstössig, weil es in den betr. Fällen eigentlich nur auf die 
Bezeichnung des Redenden, also die Hervorhebung des Beövulf oder 
Hrodgär ankommt; wo dagegen das Geschlechtsverhältniss als solches 
behandelt wird, ist die rhythmische Betonung des Vatemamens unent- 
behrlich; es heißt 262 fg.: 

vSs miD fäder, fölcum gecjded 
adele ördfrnma itcgpedv h&ten. 

Ebenso kennen wir aus dem Anfange des Gedichtes die Stellung 
des Hrödgär zum Schildungengeschlechte schon genügend, um uns eine 
Betonung wie h^lm Scyldinga (371) nach der rhythmischen Analogie 
von Sigeskyldinga (597) gefallen zu lassen. 

Ist so die Stellung der Nomina im Wesentlichen charakterisiert, 
so läßt sich vom Verbum sagen, daß es im Allgemeinen rhythmisch 
weniger berücksichtigt wird. Eine grosse Anzahl häufig gebrauchter 
Verba, wie (im An.) munu, skulu, mega, (knega), hyggja, ))ykkja, 
vilja, vita, lata, kveda, telja, segja, bafa, vera, verda sind schon von 
Hildebrand (S. 91 fg.) in ihrer den Hilfszeitwörtern ähnlichen, zur 
rhythmischen Proklisis oder Enklisis geneigten Weise charakterisiert 
worden. Auch da, wo hafa grammatisch betrachtet nicht auxiliar steht, 
z. B. Sigrdr. 21 ästräd ))in ek vil 611 hafa (halten, benutzen) ist die 
Betonung des Objectes 611 rhythmisch richtiger und Betonungen wie 
Fäin. 13 Sündrbomar mjpk hygg ek at nomir s^ (mit s^ als Haupt- 
stab) nach RrU werden durch andere Hss. corrigiert Freilich ist 
auch die Betonung s^gi ek, at nomir s@, nicht allzuschön, aber er- 
träglich nach dem betonten nömir 12, 4; Nörna 11, 1. — Auch in Ver- 
bindungen mit Adverbien und Adv. präpositionen ziehen in der Regel 
diese letzteren (wie bei der grammat. Compos.) den Ton auf sich und 
zeigen Dies durch die Alliteration, z. B. w^l lustit Hild. 59, vgl. Sie- 
vers S. 47, 48. — Den Stabreim trägt das Verbum gewöhnlich nur, 
wenn ganz tonlose Enklitika oder noch schwächer betonte ^--^-^rx 



270 E. WILKEN 

daneben in rhythmischer Senkung stehen, vgl. Rieger S. 25. Neben 
Substantiven kann das Verbum am Stabreime partieipieren, z. B. in- 
prfnnant die b^rga Musp. 51, wo dann das Subst. aber wohl etwas 
höheren Ton hat. Besprechung verlangen nur die seltenen Fälle, wo 
das Verbum vor dem Subst. allein durch den Stabreim ausgezeichnet 
wird, die man überdies mit Rieger S. 24 vielleicht theilweise noch auf 
Corruptelen zurückflihren kann. UnanstÖssig aber ist, und vielleicht 
als Gesetz zu betrachten, die rhythmische Präponderanz eines betonten 
Imperativs vor dem ganzen folgenden Verse, was ich aus an. Beispielen 
belege. 

Für unbetonten Imperativ geben die Vaf))r. 20 fg. viele leicht 
verständliche Beispiele: segäu ))at it eina — segdu })at annat (22) u.s.w., 
wie nhd. Sage Erstens u. s. w. — Für betonten Imperativ finden sich 
in der Lokas. (wo unbetonter Str. 1, 1; 10, 1 begegnet) 17 Fälle, die 
das Verhältniss völlig klar legen, davon 16 mit dem Imperativ }>egi 
(Str. 17, 20, 22, 26, 30, 32, 34, 38, 40, 46, 48, 56, 57, 59, 61, 63 
Hild.), der in wenigstens 8 Fällen sicher als rhythmisch gehoben an- 
gesehen werden muß, wonach also die an und für sich controversen, 
ganz analogen, Fälle 17, 1 ; 20, 1 u. w., wo man versucht sein könnte, 
den Accent auf die angeredete Person zu legen, sich dahin erläutern, 
daß auch hier dem Imperativ ))egi der erste Reimstab, und dem P^ro- 
nomen des folgenden Verses (J)ik 17, 2; 30, 2; J)ess 20, 2; })^r 22, 2; 
26, 2; 32, 2) der Hauptstab gebührt, wie auch das jenem ))egi syno- 
nyme hsBttu in 36, 1 den ersten Reimstab trägt. — Andere Fälle von 
betontem Imperativ, wie Helr. Brynh. 14, 8; Hdlfssaga (Bugge) S. 11, 19 
zeigen dasselbe Verhältniss, das also festzustehen scheint und ja auch 
vom logischen Gesichtspunkte aus leicht verständlich ist 

Abgesehen vom Imperativ kommt eine Erhebung des Verbums 
über ein im Verhältniss rhythmischer Compos. zu ihm stehendes Subst 
zwar vor, aber selten. Musp., bekanntlich keineswegs durch sorgfältige 
Technik ausgezeichnet, bietet bei ca. 100 Doppelversen, die mit wenigen 
Ausnahmen (wie z. B. 88) doch alle ein Verbum enthalten, nur etwa 
8—9 Fälle, die einer Erläuterung bedürfen. Gewöhnlich steht das rhyth- 
misch bevorzugte Verbum vor dem Substantiv, so V. 22, 27, 28; das 
Verfahren selbst läßt sich in einigen Fällen durch logische Präpon- 
deranz des Verbums, so V. 27—28 (här^t ze gote, wänit sih kin&dä 
und ähnlich V. 30 after ni wörköta fftr das wohl richtigere dfter ni 
werk.) zwar erläutern, bedingt aber immer eine etwas prosaische Färbung 
des Satzes, wie ausser den angegebenen Fällen auch V. 67 mdrrit daz 
rehta, 71 daz er iz allez kis^§t beweisen , wo die Betonung iz 



METRISCHE BEMERKUNGEN. 271 

ällaz u. w. ungleich poetisch wirksamer wäre*). Einfach unbeholfen 
scheint die Betonung in V. 22 : dar piutit Satanäz (der altisto), doch 
bleibt zu erwägen, ob nicht die rhythmisch gedämpfke Bezeichnung des 
Satans unter Umständen wirksamer sein kann, als die gehobene. Auch 
war der Name bereits V. 8 rhythmisch accentuiert. Verständlicher ist 
V. 58; wo daz pr^ita wasal zusammen als Nominalcomp. anzusehen 
ist. In V. 80 ist Doppel reim geboten^ der aber besser vermieden wäre 

nach der Formel wechant deotä, ze dinge Von V. 98 und 99, 

die in der Überlieferung gelitten haben, sehe ich ab. Besonders merk- 
würdig ist aber der schon oben besprochene Vers 53: muor farswilhit 
sih, swilizot lougju (der himil). Wie Riegers Regel (S. 24), daß das 
Verbum (ob vor oder nachgestellt) dem Subst. im Tone nachsteht, auf 
den Vers: muor farswilhit sih, passen soll^ sehe ich nicht. Fflr mich 
liegt die Sache etwas einfacher, insofern muor (weil ungereimt) über- 
haupt nicht Hebung ist, sondern ebenso wie allaz in V. 71 zum Auf- 
tacte gehören muß. Daß diese Auffassung die betr. Schwierigkeit er- 
leichtert, namentlich wenn man sich über die Natur des Auftacts ver- 
ständigt (vgl. w. u.), liegt nahe ; ich bekenne überdies, daß so sinnlich- 
kräftige Verba wie farswilhit sih, swilizot*'*') auch ohne Schaden der 
poetischen Wirkung vor Subst. bevorzugt werden können, zumal wenn 
dadurch eine angenehme Abwechslung in der rhythmischen Coloratur 
eines längeren Gedichtes erzielt wird. Ich kann nicht umhin, hier 
über meine Auffassung des Auftactes kurz Rechenschaft zu geben; 
derselbe ist verschieden je nach dem Umfange und Tongewichte des 
ganzen Verspaares. — Wer wie ich reimlose Stäbe überhaupt leugnet, 
wird natürlich auch der Annahme Vetters S. 38, daß die je zwei He- 
bungen des Verses um einen reimlosen (dritten) Stab vermehi*t werden 
können, nicht zu folgen vermögen. Das ist ja freilich richtig genug, 
daß in bewegterer Rede, bei lebhaften Schilderungen und dergl., wie Hei. 
4390 fg. etwas längere Verspaare als sonst begegnen, daß die Häu- 
fung derselben in solchen Fällen, wie z. B. 3494 f g , wo die Reue 
des im Alter noch vom Sündenwege Umkehrenden in ergreifender Art 
geschildert wird — während sie vereinzelt theils als Langzeilen, 
theils als Halbzeilen auch sonst (so 3321, 3345 H. u. oft) begegnen, 
wohl eine bewußte Anwendung dieses rhythmischen Mittels beglaubigt; 



*) Diese Bevorzugung des nominalen vor dem verbalen Wortsioffe in der 
Alliterationspoesie erläutert sich z. Tb. durcb die grössere sinnlicbe Fülle und Le- 
bendigkeit, die ersterem im Allgemeinen eignet. Auf eine Ausnahme komme ich sogleich. 
**) Ähnlich situiert wären etwa nhd. es brennt, es blitzt, es donnert, es zischt 
— aber nicht es trieft (Musp. 60) n. Ähnl. 



272 £. WILKEN 

womit wir aber noch lange nicht berechtigt sind, von einer besonderei 
„Kunstform'' zu reden, da sich vielmehr auch im As. und Ags. sehr 
häufig einzelne kürzere Zeilen zwischen den längeren finden. Bei der 
Schilderung des jüngsten Gerichtes V. 4390 fg. herrschen längere 
Verspaare vor, dazwischen aber stehen 4407 ^ 4412 , 4414, 4418 and 
einige Andere, die hoffentlich weder mit drei Hebungen gelesen noch 
emendiert werden sollen. Richtig ist nur, daß während sonst sehr 
häufig das Reimschema 1 -f 1 g^i^^^y bier wohl häufiger 2 4~ 1» g^ 
legentlich auch 2 -|- 2 (so 3064? 4406?) begegnet; ja wenigstens die 
Möglichkeit, daß einmal 3 Reimstäbe einem Verse zufallen, hier im 
Hinblicke auf 3063 eingeräumt werden kann; namentlich aber kann in 
diesen Fällen eher an die Annahme eines zweiten Reimes innerhalb 
der Langzeile gedacht werden*). 

Wer über rhythmische Fragen nicht mit dem Äuget, sondern dem 
Ohr urth<sU_t, wird freilich schon empfinden, das es etwas prekär ist, 
auf die „Länge^ hin einen scharfen Unterschied der Verspaare begründen 
zu wollen. Jenes kürzere Verspaar 4412 (und ähnlich 4414) ist den 
längeren Nachbarzeilen an rhythmischem Gewicht nicht nur völlig ge- 
wachsen, sondern (wenn ich richtig höre) fast überlegen. Wie es län- 
gere Zeilen von sehr leichtem Tongewichte gibt (namentlich bei ein- 
leitenden Bemerkungen, z. B. 1994), so andererseits nicht selten stärker 
accentuierte von sehr massigem Umfange; äusserlich aber ziemlich 
gleiche Verspaare können von ganz verschiedenem Tongewichte sein; 
Sigkr. sk. 27, 5— 8 bietet 4 Verse von je 4 Silben, aber wie verschieden 
stark ist der rhythmische Accent: ek veit görla | hvi gegnir nü || Ein 
veldr Brynhildr | pUu bolvi! — Hier möchte ich fiir das erste, ja nur 
einleitende Verspaar höchstens ein Drittel der Gesammtsumme des 
rhythmischen Tactes ansetzen. Es möchte also gerathener sein, Frei- 
heiten in der Technik, namentlich den Gebrauch des Doppelreims oder 
Steigerung des einfachen Reimschemas auf 2 -|- 2 flir die „stärker be- 
tonten^, nicht flir die „längeren^ Verse in Anspruch zu nehmen, da 
ja auch jenes kurze Verspaar Sig. sk. 27, 7—8 Doppelreim zeigt. Es 
ist aber von selbst gegeben, daß bei stärker betonten Versen, abge- 
sehen von dem Bedürfnisse einer reichlicheren Pause auch der Auftact 
eine andere Rolle zu übernehmen hat; daß wir berechtig sind töt ist **) 
Hiltibrant, H^ribrantes sunu zu lesen, da hier auf Hiltibrant ein viel 



*) Ist es Zafall, daß die Formel s&Uge sind 1308, 1312, 1314 wenigstens einen 
Nebenreim zuläßt, während 1300, 1316, 1320 anf s&Uge der Hanptreim fällt? 
**) Das cnrsiv Gesetzte bezeichnet den Anftact 



IfETRISCHE BEMERKUNGEN. 273 

stärkerer Accent raht als z. B. 45: Hiltibrant gimahalta u. s. w.*) 
— So nun auch Musp. 53: muor /arswilhit sih, swilizöt lougju der 
himil. — Das letztere Beispiel zeigt zugleich, daß bei stärkerem Ictus 
der Langzeile auch eine grössere Fülle der Cadenz gestattet ist, die 
natürlich Alles nach dem Hauptstabe Stehende umfaßt. Dürfen wir 
so, wie ich meine, als eine Aushilfe für den Fall, daß logisch-gram- 
matisch bedeutsame Worte nicht zur rhythmischen Hebung sich eignen, 
die Placierung im ^^verstärkten Auftakte^ oder in der „volleren Cadenz'' 
betrachten — und ersteres Mittel ist um so verständlicher, als das zu 
Anfang einer Zeile stehende Wort nur durch ein absichtlich rasches 
Hingleiten über dasselbe der verdienten Beachtung entzogen werden 
kann, welches Verfahren aber für den „verstärkten Auftakt^ nicht zu- 
lässig, vielmehr ein ruhiges, nur etwas gedämpftes Tempo einzuhalten 
ist, wodurch der betreffende Passus sich dann genugdam markiert — 
so möchte ich wenigstens die Möglichkeit nicht absolut bestreiten, daß 
der alte Stabreimdichter auch zuMlig sich darbietende Mittel anderer 
Art, in rhythmischer Senkung stehende, logisch irgendwie aber beach-' 
tenswerthe Worte, dem Ohre doch auch rhythmisch zu empfehlen, 
gelegentlich angewandt habe. Der richtige Theoretiker wird freilich 
in dem Endreime ein dem Stabreim von jeher feindliches Princip er- 
kennen, ich urtheile anders. Wie in unseren Tagen nicht selten die 
Alliteration dem Endreime sich förderlich zugesellt, z. B. bei Platen, 
wo am wenigsten an unbewußtes Verfahren zu denken ist: 

Nor die LangeweUe nenn ich Zeitverlust und diese kaum, 
Denn sie lehrt, wie lang das Leben, das nns dünkt ein kurzer Traum 

(Verh. Gabel) 

80 ist, für die alte Zeit ein ähnliches aber umgekehrtes Verfahren an- 
zunehmen, nicht von vornherein unzulässig. — Wendungen wie enieo 
ni wönteo (Wess. 5) oder Hälfssaga 11, 16 — 17 (Bugge) 

ktit yatn angom 
011 ky^tt tpnnnm 

mögen hier genügen. Auf an. Gebiete kommt auch die Halb- und 
Ganzassonanz in Fällen wie: ein veldr Brynhildr oUu bplvi Sigkv. 
sk. 27 oder: ok burir bjggja brcsdra tveggja (Vol. 65) in Anschlag« 
Von diesen Mitteln, wozu noch das bereits früher berührte Anklingen 
eines Stabes schon im vorhergehenden, oder das Nachklingen im fol- 



*) So lese ich jetzt aneh HAt. 76 (and 76) 1—8 Deifr fd, dejQä irsendr, d^ 
sjAlfr it sima. — Wessobr. 6 lies mUeo fd wdnteo; wdnteo will aneh Hom S. 191 
betonen. Gerade in diesem Falle ist der st&kere Ictos der LangseUe, an weleb^^ 
Aoftact (und Cadens) partieipiert, gani unverkennbar. 

OERMANU. Nene Beihe HL (XXIV.) Jahrg. "S^ 



274 B. wHiKEN 

genden Verspaare gehört^ wird jedoch der kunstsinnige Voiksdiehtsr 
wohl nur dann, wenn sie so zu sagen von selbst sich darboten , Qe- 
brauch gemacht haben; das Hauptmittei einem rhythmischen Bedürfiiiss 
abzuhelfen bleibt immer die Amplification des Ausdrucks durch Wie- 
deraufnahme von Synonymen. Der dröttkysedrhättr, den man seines 
stfirkeren Tongewichtes halber den „längeren'' Versen der as. und ags. 
Poesie mit Recht an die Seite gesetzt hat, wiewohl er nur über 6 Siiboi 
verftagt, hat dagegen die Anwendung der Assonanz neben der Alliteration 
zum ständigen Usus erhoben. — Kehren wir aber zu dem vorher be- 
handelten verschiedenen Tongewichte der Langzeilen zurtLck, so liegt 
uns die Frage nahe, wie das Tonverhältniss der beiden Hälften einer 
Langzeile sich etwa in der Regel zu einander verhalte? Hildebrand 
hat aas dem gewöhnlichen syntaktischen Baue der Ljödahittr str. nach- 
gewiesen, daß hier der erste Vers höher als der zweite betont zu sein 
pflegt; bez. der kviduhittr-str. ist Derselbe (S. 104) allerdings in zwei- 
feli\der Weise geneigt, für den zweiten Vers ein stärkeres Tongewicht 
anzunehmen, vielleicht mitbestimmt durch den überlieferten Ausdrads 
hoindstafir für den Reimstab des zweiten Verses. Ob dieser Ausdruck 
überhaupt eine Präponderanz vor dem ganzen ersten Verse oder nur 
ein den beiden ersten Hebungen gleichkommendes Gewicht des Tones 
andeuten soll, mag schon fraglich erscheinen^ jedenfalls dürfen wir die 
Regel, wie sie Hildebrand zu fassen versuchte, nicht allzu fest for- 
mulieren und auf eine ziemlich reiche Fülle von Ausnahmen gefaßt 
sein. Für den Liödah. ftlhre ich Häv. 66, 2 und 67, 2 an — in beiden 
Fällen möchte ich wenigstens ein rhythmisches Übergewicht des zweiten 
vor dem ersten Verse erkennen. 

Weit reichlicher aber fliessen die Ausnahmen auf der andern Seite. 
So Vol. 4 (Hild.) 1—2, während 3—4 sich der bez. Regel fügt; in 
manchen Fällen kann Zweifel walten. Soll ich aber nach -dem vor- 
läufigen Eindrucke meiner bez. Leetüre urtbeilen, so haben wir aach 
ftbr Kviduh. dem ersten Verse in der (aber nicht pedantisch zu ver- 
stehenden) Regel den höheren rhythmischen Ton zuzuerkennen, ent- 
sprechend dem das ganze germanische Sprachgebiet durchdringenden 
Principe der absteigenden Betonung. Daß auch Lachmann wenigstens 
1819 (vgl. EL Schriften I^ 137) geneigt war, in dem ersten Stabe den 
Hauptstab zu erkennen; im formellen Anschluß an Olafsons allerdings 
nicht correcte Terminologie (Om Nordens gamle digtek. S. 26) kommt 
doch in Betracht In Str. 7 könnte nur etwa V. 7—8, in Str. 8 (zu 
14 Versen) nur allenfalls V. 3—4 ftbr die rhythmische Präponderanz 
des je zweiten Verses sprechen. — Ein völliges Gleichgewicht beider 



METBISCHE BEHEftKUNGEN. 275 

Verse ist eine andere Art der Ausnahme; diese dtirfte namentlich bei 

Aufzählungen von Eigennamen hier und da vorkommen. 

Eine besondere Beachtung verdient das rhythmische Tongewicht 

des Lj6dahättr bezfiglich der letzten, gewöhnlich etwas längeren Zeile 

der Halbstr. — Daß diese nämlich immer länger sei als je einer der 

andern Verse trifft eben so wenig zu*), wie sich auch nur mit Dietrich 

(bei Haupt lU, 91) sagen läßt: Hauptsache ist nur, daß ein Doppelglied 

mit einem einfachen fühlbar verbunden sei; denn z. B. Häv. 79 Hild. 
]>at er ]>& reynt, 
er ]>ü at rünnm spyrr 
inam regin kminiiiii 

wird nach dieser Regel nicht richtig gelesen werden. Nach dieser und 
der in der Hervarars. so häufige Ebilbstr.: 

G6A er gftU ]>in, 
Gestümbllndi, 
getit er )>eirarl 

halte ich mich jetzt auch nicht mehr befugt, zwei (natürlich gereimte) 
Hebungen für die Schlußzeile des Lj6dah. zu fordern, und lese dem- 
nach auch HAv. 8, 6: innars bijöstum t; 9, 6: innars br. or; 36, 6: 
ännars fletjum ft; 110, 3: ürdar brunni at; 114, 6 e;^arünu at und 
analoge Fälle nur mit je einer Hebung, nicht mit gewaltsamer Urgie- 
rung der nachgesetzten Präposition, die ja formell eine zweite Hebung 
tragen kann. (Der gewöhnlichen Ansicht von 3 Hebungen, gereimt 
oder ungereimt ftlr die Schlußzeile schlägt ausser diesen Beispielen ein 
so völlig correctes Beispiel wie m^ ok missen 60, 6, über das ich noch 
weiter unten handele, den Boden aus, abgesehen von allen principiellen 
Bedenken gegen reimlose Stäbe überhaupt.) So scheint freilich durch- 
aus kein fester Unterschied zwischen den beiden ersten und der Schluß- 
zeile einer Halbstrophe zu sein, und für das Auge besteht hier in der 
That kein derartiger Halt Wer Ghrimn. 9 vor sich hat, wird einräumen, 
daß hier 9, 4 vor 9, 6 rhythmisch bevorzugt zu sein scheint, denn ab- 
gesehen von dem eigentlichen mit 9, 5 gemeinsamen Reimbuchstaben 
sk weist dieser Vers noch einen inneren Reim auf r auf^ während 9, 6 
sich mit einem solchen (auf b) allein begnügt. Wollte man darnach 
nun die ganze Halbstrophe mit allmählich absteigender Betonung lesen, 
so wäre dies vöUig verfehlt. Vielmehr verlangt gerade die Schlußzefle 
der Halbstrophe in diesem Versmaasse stets einen verstärkten Ictus, 



*) Man Tgl. 2. B. mAl ok misseri 60, 6; i hOfi hafk (64, 8 — wo 64, 2 einen 
IXngeren Vera bietet). — Wenn nun allerdings aach so kmse Vene, wie 64, 1; 42, 1 
nnd 43, 1 am Schloß der Halbstrophe nicht begegnen, so bietet doch die Länge 
allein keine sichere Unterscheidimg. 



276 B- WILKEN 

and dieser Umstand ist es, der sie auch bei gleicher oder selbst g^ 
ringerer ,,Lttnge^ (anf welche die meisten Metriker eine so sSitlidie 
Rücksicht nehmen) immer genugsam von ihren Vörgftngem bei ridi- 
tigem Lesen unterscheiden kann, selbst wenn diese über kleine rbytii- 
mische Hilfsmittel (wie den unnöthigen Nebenreim in 9, 4) überdies 
▼erftigen sollten« 

Es dürfte keinen Widerspruch erfahren, wenn ich die Sohloßseik 
der Halbstrophe in Lj. als Zusammenziehung zweier Verse «nsehe, 
wobei man nun zunächst nicht an die uns geläufigste Form der eddi- 
schen Fomyrdalagy immerhin aber an eine yerwandte, wahrscheiiiliek 
etwas kürzere Versart zu denken hat, vgl. Rieger S. 3, doch bedarf 
dies noch weiterer Prüfung. — Aus diesem Umstände erklärt sieh 
nun, daß die Schlußzeile gewöhnlich etwas länger, immer stiiker 
betont ist als die beiden andern, weil sie eigentlich über swei Ven- 
accente zu verflogen hat. Die Länge darf andererseits nicht sn einer 
Zerlegung in zwei Verse auffordern. Einige scheinbar widersprecheiide 
Fälle (so Häv. 129, 6—7; 140, 6—7) sind entweder geradezu ab FeUar 
zu ändern^ oder als Nachlässigkeiten nicht weiter zu urgieren. Hebungen 
sind gewöhnlich zwei, viel seltener nur eine oder drei (Lokas. 18^3 
dtiert Dietrich) vorhanden, wohl nicht Häv. 72, 6. Jener Satz, so richtig 
er hoffentlich ist, darf femer nicht in theoretischer Starrheit an^efiifil 
und dahin interpretiert werden , daß man die bez. Schlußzeile nim 
stets und immer in zwei Elemente noch sondern und sozusagen die 
Probe für die Richtigkeit unseres Satzes machen könnte. Der poeti- 
schen Technik gilt als das Wichtigere vielmehr die rhythmische Wir- 
kung als solche, die Abwechslung zweier leichter betonter und einer 
stärker accentuierten Zeile; daher kann sich die letztere unter um- 
ständen auch mit einem Beimstabe begnügen, wie in der rhythmisch 
durchaus berechtigten Halbstrophe derHervararsaga: die Steigerung des 
Tones liesse sich durch eine fireie Verdeutschung, wie etwa 

Hübseh ist dem Bithsel 

Mein holder Geselle 

Und ich hiibe^) die LOsong — 

dem Ohre noch eindringlicher machen. Begreiflicherwebe ist die Fort- 
fbhrung desselben Reimes bis in die Schlußzeile nur dann rhythmisch 



^) Ich benntie diese Gelegenheit, um darauf hinsnweiBen, daß ähnlich wie be- 
tonter ImperatiY (nebst dem adhortativen ConjnnetiTe) einen starken rhythmischeo 
Accent TertrSgt, dies aneh bei dem IndicaÜy dann der FaQ ist, wenn derselbe die 
Wirklichkeit eines gewtlnscfaten oder gef&rehteten Falles nachdrficklich nrgiert 



BCETBISGHE BEIIEBKUNGEN. 277 

correcty wenn der rhythmische Accent der beiden ersten Verspaare 
milderer Art ist und daher eine noch stärkere Anspannung derselben 
Tonsaite (so zu sagen) erträglich macht; dies zeigt sich auch H&v 
79, 1 — 3. — Viele sonst aoffidlige Freiheiten des Ljödah. erscheinen 
nach unserer Auffassung in milderem Lichte; sie ist ganz auch der- 
jenigen bezüglich der „längeren** Verse im Hll. analog. Wir haben 
hier schließlich noch einige Fragen von allerdings mehr theoretischer 
Natur zu erörtern , deren richtige Beantwortung gleichwohl nicht un- 
fruchtbar fiir die richtige Würdigung der Alliterationspoesie zu bleiben 
braucht. Wie wir uns oben bereits gegen eine Auffassung des hpfud- 
stafr als des absolut rhythmisch bevorzugten Reimstabes — mag dies 
nun Snorri's Auffassung gewesen sein, oder nicht — zu yerwahren 
hatten, so ist ein solches Verfahren auch gegenüber der verfELhrerischen 
Annahme nothwendig, als ob das von Snorri als allein correct ange- 
gebene Verhältniss derBeimstäbe (2:1) zugleich das ursprüngliche sei*). 
Daß fbr die skaldische Technik nicht allein historische, mehr noch 
technische Motive geltend waren, liegt nahe; gegen den Wohlklang des 
bevorzugten Schemas wird Niemand Einspruch erheben können^ wenn- 
gleich eine ununterbrochene Anwendung desselben die gtlnstige Wir- 
kung eher zu schwächen , als zu fordern im Stande ist (vgl. Vetter 
p. 46). Wir finden daher auch (abgesehen von der streng-skaldischen 
Technik) immer ein starkes Bruchtheil Langzeilen nach der Formel 
1 -|- 1 gebaut^ so im HIL von annähernd 6000 Langzeilen 2364 (Hom 
S. 164). — Auch kann ich in dem Umstände, daß unsere ahd. Denk- 
mäler die Formel 1 -j- 1 noch stärker bevorzugen , an und fUr sich 
kein Zeichen des Verfalls erblicken*^). — Nimmt man dagegen 1+1 
als das ursprüngliche Gesetz an, so würde sich die gewöhnliche Bei- 
behaltung desselben im je zweiten Verse dadurch erklären , daß hier 
(zur Bezeichnung des Abschlusses für das ganze Verspaar) eine vollere 



*) So Vetter 8. 46, Hörn 8. 164 fg, — Es eeheint die jetst Yorhemchende 
Ansicht in sein. — Es wird sich zeigen, da5 2 4"^ vielmehr jenes mittlere Schema 
darstellt, das Lachmann in 4 -|- 4 gefunden an haben glaubte. 

**) Vgl. Hom 188 ^. Anch güdea gimeümn habe ich oben schon durch das 
vorhergehende wSges su erllntem gesucht, ebenso niuse de mdtti, wo niuse r 
Imperativ ist wie in: fireue sich, wer kinn. — Anderes bleibt freilich aoff 
folk skeiStantero, hier scheint folk Shnlich abgeschwächt wie sonst vilo, n 
Shnliche adj. AusdrQcke. In XhnL abgeschwächte Betonung steht nhd. ein' 
hfihner. Doch auch altnord. gilt die Begel nicht ungebrochen, s, Bugge 1 
Vn, 896. 



278 ^ WELKEN 

Cadois erwünscht war*), die bei der Formel 2 -f 2 sn 
fiüligeii Verlftngeraiig des je zweiten Verses hAtte fbhren müsaeii. 

Und derselbe Gesichtspunkt, den Vetter S. 46 za GoDsfan der 
Formel 2 + 1 geltend macht^ hat mich stets zu dem entgegengesetztei 
Resultate geführt Ich verweise auf ähnliche Elrscheinaogen bes. des 
Endreimes; wer in dem «schlecht und recht*^ unseres altvoIksdilfaB- 
liehen Ausdruckes, in dem Geld regiert die Welt!, in dem EÜA-wmwek 
der Eindersprache u. AhnL das Verspaar leugnet, der mag es aoeli 
in Fftllen, wie Haus und Hof und so vielen ähnlichen thun. Daß ein 
einsilbiges Wort schon in den ftltesten unserer grösseren literarisdien 
Denkmäler ausreicht , um einen Vers zu bilden, während deyr ft «• 
ÄhnL doch noch in der Eklda begegoet^ erklärt sich ja ohne Weiteras 
daraus, daß sowohl die Vorstellungen sinnlicher Dinge^ als die vsin 
geistigen Begriffe, und die Bezeichnung der verschiedenen Personen u. a. w. 
durch den häufigen Gebrauch in der Weise sich abschwächen, daß 
nun eine etwas grossere Fülle von Wortsilben dazu gehört, am einen 
rhythmischen Tact (Vers) zu ftülen. Denken wir uns z. B. den Iiiiif 
eines Baches geschildert: 

Über Stock und Stoiii 
Entipnuig er spradelnd — 

so ist dies etwa die Ansprache des Erwachsenen, dem die bez. Vor- 
stellungen längst gel&ufig sind. Ein Kind dagegen dedamiert sieher 
eben so richtig: 

Über Stock 
Und Stein 
Entspring 
Er spnidehid — 

und bringt auf diese Weise zwei Verspaare wirklich heraus. Und in 
der feierlichen Bechtssprache sollten Betonungen wie 

bin ddma 

endi bödskepi; and ddU 

unzulässig gewesen sein? Ich halte sie ftlr die ursprünglich einzig 
möglichen I der^i allmähliche Abschwächung mit Rücksichtnahme auf 
die yielen anderen wirklich trivialen Ausdrucke des epischen StUes, 
die zu einem rascheren Hingleiten der Stimme aufforderte , erst das 
Schema 2 -(- 1 zu Wege gebracht hat. 

Ich kann hier nicht umhin , gelegentlich eines äusserlich schein* 
bar analogen 9 innerlich aber ganz verschiedenen Falles zu gedenken. 

^) Für dieselbe sind nicht immer besondere Wortsilben erforderlieh. — Mnsp. 
15 ist das überlieferte: cUr mti fieomon siAh ohne Tadel, weil siikh hier sowohl lant- 
lich, wie begrifflich einen so starken Ictns vertrigt, daß es Air Hebung und Cad 
allein anareicht 



BfETBISCHE BEMEBKUNKEN. 279 

In der Annahme (richtiger Einbildung) vieler Metriker besteht die 
Möglichkeit, ältere Sprachformen den in den Texten begegnenden zu 
substituieren y und die Betonung auf jene älteren , vielfach volleren 
Formen zu beziehen. Man ist ja auf diesem Wege glücklich dahin 
gelangt, sogar von „nicht verwirklichten Hebungen^ im ags. Epos zu 
reden; eine Kühnheit , neben der die Annahme einer Betonung wie 
misseri Häv. 60, 6 unter Hinweis auf missari (von är) noch liebens- 
würdig bescheiden genannt werden müßte, obgleich ich sonst eine ver- 
schiedene Betonung von misseri und gersimi, svaradi*) (abgesehen 
von der gewöhnlich schwächeren Verbalbetonung) ftir ausgeschlossen 
halten muß, solange nicht für jeden einzelnen Fall eine Ausnahme von 
der allgemeinen Regel nachgewiesen ist, daß wohl die Schrift hinter 
den Veränderungen der Aussprache zurückbleibt, nicht aber die alte 
Aussprache verbleibt, wenn die Schrift sich verändert; denn ohne Noth 
wird die schriftliche Fixierung des Lautes nicht angewandelt Aus« 
nahmen gibt es natürlich von dieser so gut, wie von jeder anderen 
Regel: die Wirkungen des p sind in der homerischen Technik noch 
erkennbar, wenn auch das Zeichen mit der Zeit von den Abschreibern 
ausgelassen wurde. Aber für eine rhythmische Form wie misseri müßte 
mindestens die Nothwendigkeit einer derartigen Betonung, nicht die 
blosse Möglichkeit nachgewiesen werden, so dem selbsterfnndenen Ge- 
setze der regelmässig drei Hebungen ftir die Schlußzeile der Halb- 
Strophen im Lj. nachzukommen. Von einer Betonung mfil ök misseri 
will ich hier ganz absehen; bei deutschen Metrikem ist freilich wie bei 
Mythologen eigentlich Alles möglich. Wird eine andere Erklärung ge- 
geben, die sowohl mit den theoretischen Angaben der altnord. Technik 
wie mit dem Stande unserer poetischen Texte sich ungleich besser ver- 
trägt, so dtlrfte jene Betonung k la ultima ratio von jedem besonnenen 
Metriker künftig vermieden werden. Einen Einfluß jener bekannten 
Abschwächung vollerer Endsilben auf die Metrik wird man nur inso- 
fern einräumen dürfen, als auch dies Moment die Zusammendrängung 
einer grossem Silbenzahl in den Rahmen des Verspaares erleichterte. 
Endlich darf hier auch der Frage nicht ausgewichen werden, 
in wie weit der Alliterationspoesie reimlose Verse zustehen. Eine be- 
stimmt ausgesprochene Tendenz (ähnlich wie bei den sogen. Waisen 

*) Das letste Beispiel deutet logleich an, da5 ich auch auf die Quantität der 
Stammsilbe an und für sieh keinerlei (Gewicht legen kann, nnr auf die Stärke des 
Hochtons und den Versaceent. Es kommt mir recht, daß jetzt selbst fllr die End- 
reimdichtung die rhythmische Berechtigung einer Betonung wie sftlida ab prekär er- 
wiesen ist, vgl Sieyers bei Paul und Braune IV, 622 %., und H. Traotmann: Lach- 
manns Betonungsgesetse und Otfrids Yers (Halle 1877). 



280 B. WILKEK 

der Endreimdichtung) habe ich allerdings nicht sicher sa entdeekei 
yermocht; andererseits ist aber doch das Vorkommen (namentlich im 
Ags., vgl. Rieger S. 15) zu häufig, um überall an einen blossen Za- 
fall denken zu dtlrfen. Auch im An. sind derartige Fälle nicht oner- 
hört, wenn auch von der Kritik nach Kräften angefeindet, so Bkr, 
36, 2 = 37, 2; 70, 2. An letzterem Platze gestehe ich der Überliefismng 
keinen genügenden Sinn abzugewinnen, und ähnlich mag ancb Yaf)>r. 
5, 5 ein Fehler stecken; aber in den beiden andern (übereinstimniendeD) 
Stellen der Häv. sehe ich von jeder Änderung ab. Erwägt man nia- 
lichy daß es ja wesentlich nur um die rhythmische Charakterisierong 
des Verspaares sich handelt, so läßt sich in einzelnen Fällen die Formel 
2 4- als für diesen Zweck ausreichend, als eine Variation von 1+1 
ansehen*). Daß unter den ags. Beispielen Riegers die Psalmen am 
reichlichsten vertreten sind, ist wohl nicht bloß aus dem späten Ab- 
fassungsalter zu erläutern; die Psalmendichtung ist nämlich da, wo der 
Parallelismus der Glieder etwas fester hervortritt^ z. B. (in Lntlien 
Version) Ps. 23, 1: Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so 
schreiet meine S^ele, Gott, zu Dir — der Alliterationspoesie ganz ähn- 
lich geartet, jedoch ohne Zwang (tir den Parallelismus der Vorstellungen 
(den Sinnreim, könnte man auch sagen) stets durch Stabreim einen 
formalen Ausdruck zu bieten, und diese freiere, aber nahe verwandte 
Weise konnte leicht auf den ags. Übersetzer reagieren. Überall, wo 
sich die germanische Technik mit dem sogen, grammat. Reime begnügt 
(Hildebr. p. 117 ^^), steht sie der hebräischen so wie so sehr nahe. 

Die hier in kurzen Zügen skizzierte rhythmische Auffassung des 
Alliterationsverses — theilweise schon durch Andere in ähnlicher Weise 
formuliert — läßt neben einer möglichst grossen Freiheit der künst- 
lerischen Auffassung, der es gestattet ist, den Vers von zwei auf mehr 
als zwölf Silben^ von ^iner Hebung bis allenfalls auf drei zu steigern, 
gleichwohl nicht die wirklich wünschenswerthen Beschränkungen , die 
im Interesse der rhythmischen Wirkung selbst liegen, vermissen. Schlägt 
man W. Jordans Nibelungen, eine in formaler Beziehung jeden&Us sehr 

*) Für einige besondere F&lle läßt sich yielleicht darin eine ErkUning findao, 
daß der fehlende Stabreim eine (vorQbergehende oder wirkliehe) Dissonani der Vor- 
stellongen andeutet Ersterer Art Hfty. 36, 2; 37, 2: )>dtt litit sd = so anansehnÜdi 
(der Baa) auch sei, so wenig er auch dem Ideal entsprechen möge, gleichwohl ist 
Jeder in seinem Hanse ein Herr (oder ein ganzer Ifann). — 7iel stärker ist der Dis- 
sonanzcharakter im ags. Satan V. 825, da hyht eigentlich nor von angenehmen Er> 
wartongen üblich ist — Auch yaf}>r. 38, 6 (wo 6—7 wohl zu streichen) drückt in dem 
fehlenden Stabreime (ja nicht Am kom!) yielleicht den Gegensatz des Yanen IQSrSr 
SU den Äsen (TgL Y* 8) absichtlich aus. 



BIETBI8CHE BEMEBKUNOEN. 281 

aDerkennenswerthe Leistung , auf, so hat man sofort Gelegenheit , die 
Wirkung zu constatiereny welche die Nichtbeachtung mancher jetzt 
erkannten rhythmischem Gesetze zur Folge hatte. Sehr häufig begegnet 

1. Erhöhung des Tieftons über den dazu gehörigen Hochton; in 
der alten Technik wohl nur dann anzutreffen, wenn schon die Sprache 
selbst in eine Verlegung des Hochtons gewilligt hatte , so werolträht- 
wisoD Musp. 37 und das von Rieger bemerkte Nordh^^mbron Byrhtn. 266. 
Die unzähligen y leicht zu vermeidenden Verletzungen dieses Gesetzes 
bei Jordan zeigen deutlich die üble Wirkung; so Hildebr.Heimk. 11 Ges. 

Die Hand auf die Stfm. — Als das FelseogestAde 

Wie unnatürlich und unvortheilhaft diese Betonung ist, zeigt am besten 

die entsprechende richtige: 

Befestigte sie den Fisehernachen. (11 Ges.) 

2. Tonerhöhung eines Verbums über das zugehörige Nomen ohne 
besondere Veranlassung: 

Und legte den Finger an ihre Lippen. (11 Ges.) 

Noch viel störender^ wenn das Verbum nur den Werth eines Auxi- 

liars hat: 

Und neigte den NAcken. — So nilunen sie Abschied. (21 Ges. Schluß.) 

Ahnlich auch: 

Verankert ligen. Da5 grOßeste lösend. (11 Ges.) 

3. Nicht ganz so störend, immerhin aber zu tadeln, sind Beto- 
nungen, wie: 

(a) Statt, wie sie geglaubt, sogl^ch nach Drontheim 
{b) Znrfick ra kehren, in anderem Kahne (11 Ges.) 

In (a) ist die Betonung sogUich logisch eorrect^ aber prosaisch statt: 
sogleich nach Drontheim. — In (6) besteht der Stabreim^ wenn man nicht 
undeutsch lesen will, eigentlich nur ftLr das Auge. — Die Betonung: 

Sie hab ihn gekfißt mit so kälten Lippen (28 Ges.) 

ist correct, wogegen die sonst auch begegnende: 

Mit heissen Kfissen ihr KSpfshen .... 

nicht ganz sauber ist — Nicht zu loben ist femer 

4. die Neigung zu unzeitiger Häufung des Stabreims, sei es (bei 
einem Reimstabe) zu der Formel 1 -f- 2 oder 2 -f- 2 oder zur Anwen- 
dung eines Nebenreimes,' z. B.: 

Daß ich meüite, da schwämme ein maüsgroß Mdnschlein (11 Ges.) 
Erlöste vom Selbstschein die lebende Seele. 

Berechtigt mag der weichere Rhythmus dagegen erscheinen in Fällen wie: 

Bfit lieblichen Tönen die Töchter der Luft! 

Völlig unvereinbar endlich mit der« alten Technik erscheint mir die öfter 

begegnende Nöthigung^ ein gar nicht im Stabreim stehendes Wort 

über die Reimstäbe im Ton zu erhöhen: 

Und Verseihnng werth macht — Dir M (so) Tersiehen. 



382 ^ wHjKEN 

Oder sollen hier Und und ist die beiden herrschenden Reimstibe Min? 
— Für die Richtigkeit der neuerdings aufgefundenen Regeln aber liOigt 
(ausser der im Allgemeinen bestätigenden Praxis des Älterthtuns): 

L Die Übereinstimmung mit dem Geiste , welcher die Betonung 
der germanischen Sprachen überhaupt bestimmt 

n. Der berechtigte Unterschied des poetisch-rhetorischen Aecentes 
von dem logisch-prosaischen« 

Ad L Während eine aufmerksame Beobachtung lehrt, daß der* 
selbe Gedanke, welcher das Wesen der grammatischen CompeatioB 
geregelt hat, auch — in erweiterter Anwendung — der rhythmisdien 
Composition zu Ghrunde liegt, spricht die unnöthige Erhöhung 
Tieftons über den vorhergehenden Hochton oder die Annahme 
annähernd gleichstarken Betonuug — in componierten oder nicht oom» 
ponierten Worten — dem Genius der Sprache Hohn und annulliert 

eigentlich wieder die grammatische Composition, was in Fällen wie 

« 

■oido wdrdlfco wördun l&bhodon 

und vielen Andern doch sicher nicht die Absicht des Dichters war, 
wenn auch Vetter S. 53 darin einen Vorzug zu finden scheint. Aber 
auch Beöv. 2515 wäre eine Betonung 

of terdsMe üt gefliced 

ein trauriges Vergnügen, da der Rhythmus die Einheit der Compodtion 
zu erhöhen, nicht zu zerstören suchen muß. Wollte man aber dnrdi 
die Anwendung des Gravis in solchen Fällen sich vor dem Vor- 
wurfe einer Abschwächung des Hochtons schützen wollen, so tan^ dies 
Argument vortrefiFlich ftirs Auge, aber ebenso schlecht Airs Ohr: ent- 
weder ist nämlich der Accent auf der bez. Silbe so schwach, daß er 
einer besonderen Unterscheidung von den tonlosen und unbetonten 
Silben ebensowenig bedari^ wie man diese letzten beiden Gassen (nach 
der z. B. von Zamcke angenommenen Unterscheidung) durch besondere 
Accente auszuzeichnen braucht, oder er ist so stark, daß er der Wir- 
kung des rhythmischan Hauptaccentes schon Eintrag thut, wenn er 
sich diesem auch formell unterordnet Um dies zu verdeutlichen 
braucht man nicht einmal Verse — aber womöglich richtig — zu lesen, 
sondern kann sich schon an die bewegtere, ungebundene Rede halten. 
Ein erzürnter Vater sagt etwa zu seinem Sohne: 

a) leh si^ Dir Dies jetst — 

h) loh hibe Dir Dies schon einmsl gesagt. — 

e) SoU ioh^Dir Dies etwa warn dritten Male sagen? — 

In 6) läßt sich auch die Betonung schon einmal oder sch6n einmal 
denken, welche aber dann Versetzung von „ich habe^ in rhythmische 



METRISCHE BEMEKKUNOEN. 288 

Senkung nicht nur zuläßt, sondern erfordert, wenn das Ohr nickt durch 
einen wunderlichen Doppelaccent*) irritiert oder der Satz statt in Einern 
Athem, vielmehr in zwei Absätzen: 

ich hibe Dir Dm 
schon einmal (gesagt — 

gesprochen werden soll, wodurch er nicht mehr einem Verse, sondern 
einem Verspaare entspricht — Auch e) liesse sich: S611 ich u. s. w. 
(mit zwölfsilbiger Cadenz) oder in zwei Sätzen vortragen. — Da die 
hier als fehlerhaft bekämpfte Betonung von so ttLchtigen Metrikem, 
wie Vetter und Rieger — als Consequenz der Zweihebungtheorie — 
flir richtig gehalten wird, mag hier auch daran noch erinnert werden, 
daß neben der Heranziehung von Tieftönen zu Versaccenten auch in 
Fällen wie eordsele, td gebidanne (Beöv. 2452) u. s. w."^ auf der 
anderen Seite öfter eine Verlegenheit entsteht, wenn man von einer 
grösseren Anzahl scheinbar hebungsftlhiger Silben doch (dem Schema 
zu Liebe) nur zwei sich aneignen darf, was sehr häufig z. B. 2517: 

hyAte h^bnberend hfndeman Aäe 

der Fall ist, warum nicht hämbirend? oder härentd häarda? (2475). 
— Sollten nicht etwa die Vierhebungsmänner Recht behalten oder etwa 
einer DreihebungsAeorie die Zukunft gehören? Schwerlich! Vielmehr 
wird jede Theorie, welche darauf abzielt, ftlr den alliterierenden Vers 
eine bestimmte Anzahl von Hebungen (abgesehen natürlich von der 
skaldischen Technik, auf die ich sogleich noch zurtlckkomme) anzu- 
setzen, in unseren Texten bald vielleicht die gewünschte Zahl, aber 
eben so oft sicher ein Plus oder Minus erhalten, und alle Versuche, dies 
thatsächliche Verhältniss lediglich auf eine Verwirrung und Verirrung 
der Überlieferung zurückzuftlhren, wird der ehrliche Forscher als ver 
gebliche Selbsttäuschung allmählich aufgeben müssen. — In Fällen wie 
Häv. 73, 1 kann man nach logischer Betonung 3 Hebungen nicht ent- 
behren, bei rhythmischer Lesung genügt öine. 

Daß aber auch die skaldische Technik, welche allerdings eine 
feste Anzahl von Hebungen kannte, als unentbehrliches Kennzeichen 
derselben den Stabreim ansah — daß es also, vom Standpunkte der 



*) Ein toloher ist rfaythmiseh mir aUen&Us berechtigt in etwas stirkeren 
Aceentvenen, wie Sigkv. sk« ST, 7^8, wo dsnn ein wirklieher Nebenstahreim ania- 
nehmen ist. Aber in FSllen wie B^y, 1 erkenne ieh ihn nicht 

**) Noch gewaltsamer sind freilich Betonungen, vor denen auch Rieger 8. 81 
nicht zurückschrickt: 6i |>Am ddle Crist 1076, oder: ic mdgeüAe Be6y. 1661, also 
vielleicht auch 6f ^rdsele B^v. 2616. — Da sind wir fireUieh schon mit einem Fasse 
in der Grabe! — Daß ich hier die scheinbare Alliteration der Vocale nur als die von 
Snorri selbst gestattete Freiheit tonloser Worte ansehe, versteht sich von selbst 



284 E* WILKEN 

alten Theorie aus, ebenso ungereimt ist von „reimlosen Stäben* oder 
wie man sonst diese Bastarde poetischer und prosaischer Betonuif 
nennen will; wie es in der Praxis immer ein unfruchtbares BobIIImi 
sein wird, in unseren Texten sie nachzuweisen — dies geht klanr 
noch als aus den oben citierten Worten des Snorri aus denen seiiMS 
Schülers 6Ufr HvitaskÜd hervor, der (Sn. Edda AM U, 148— ISO) 
das Wesen der Alliteration also frisch und fröhlich beschreibt: 

Paromeon er )>at, er m9rg ord hafa einn upphafs-sta^ semhdr: 
Sterkum stilli styrjar y»ni. 

l^essi figüra er mjpk hofd i m^Usnildarlist, er Retorika haitir, ok 
hön er upphaf til kvedandi ])eirar er samanheldr nomenum ■^^^^•^fi 
sem naglar skipi er smidr gorir, ok ferr sundrlaust ella bord fii 
bordi; svä heldr ok ])essi figdra saman kvedendi i skittdskap meA 
st9fum )>eim er studlar heita ok hpfudstafir. In fyrri figiira*) gorir 
fegrd med hlj6dsgreinun i skildskap, svä sem felling skipsborda; en 
)>6 eru fastir vidir saman, )>eir sem negldir eru, at eigi si vel feldir, 
sem kvedendi heizt i hendingarlausum hättum. — OUfr unteracheidei 
also mit Recht an der skaldischen Alliterationsdichtung die nur durch 
äussere Convention zum (dort allerdings sehr beliebten) Schmuck ver- 
wandte Halb- und Ganzassonanz von dem Stabreime, der filr diese 
Dichtart so wesentlich sei, daß die Reimstftbe gewissermassen den 
Nageln gleichen, welche die Planken eines Schiffes zusammenhielten* 
Die ganze Darstellung, sowie das gewählte Beispiel bezeugen, daß er 
von reimlosen Stäben keine Ahnung hat; ihre Annahme ist nicht nnr 
überflüssig, sondern redudert die rhythmische Wirkung der andeni 
Stäbe, da nun die Alliteration nicht mehr als das wesentliche Moment 
für die rhythmische Hebung in der Alliterationspoesie gelten kann, sie 
wird zum zufUligen, wenn auch conventioneilen Schmucke, wie bei 
Oläfr die Assonanz. 

Ad U also über den Unterschied prosaischer und poetischer Be- 
tonung mögen folgende Bemerkungen Allbekanntes, aber wie es scheint 
noch zu wenig Beachtetes, hervorheben« Der poetischen Redeweise 
widerstreibt 1. jede unnöthige Anwendung von Partikeln und nament- 
lich die übliche Umschreibung der Negation durch negative Partikeln; 
sie ersetzt den Gebrauch allein durch Betonung. Statt des prosaischen : 
„Ich will mich dazu entschliessen, denn ich weiß leider keinen andern 

Rath'^, genügt poetisch: 
Idi wfll es Uuuiy 
loh weiß nichts Anderes n« dgL 

*) Gemeint ist die im Vorhergehenden besprochene Assonans. 



IfETBISCHE BEMERKUNGEN. 285 

Auch die Negation wird, wenn sie nicht scheinbar völlig fortfkllti doch 
jedenfalls in poetischer (oder anch nur gehobener nngebundener) Bede 
nicht betont; daß: ich thüe dies nicht! richtiger betont ist, als: ich 
thue dies nicht! wird Jeder filhlen, vielleicht ohne den Grund sich 
angeben zu können (vgl. w. u.) — Wenn hier das Verbum dem blossen 
Formwort, der Partikel u. s. w. gegenüber den Vorrang behauptet, so 
ist es selbst wieder dem Substantivum gewöhnlich in der poetischen 
Betonung untergeordnet, wahrscheinlich, weil wir uns doch die durch 
das Verbum angedeutete Thätigkeit oder Passivität nicht so klar vor 
das Auge der Vorstellung stellen können , wie die (in den älteren 
Sprachen ja überwiegend auf sinnlicher Anschauung beruhenden) No- 
mina. Unter den Nominibus hat wieder das determinierende Eigen- 
schaftswort sehr häufig vor dem Substantivimi den Vorrang, weil es 
gerade die beachtenswerthe Seite nicht nur andeuten , sondern scharf 
hervorheben will: 

Die schönste Jongfiran siteet -- 
Ihr g<Sldnes G^eschmeide blitiet, 
Sie kimmt ihr goldenes Btaa o. s. w. 

Ein ganz ähnliches Verhältniss ist es, wenn das die Bichtung des Ver- 
bums charakterisierende Adverb vor diesem rhythmisch bevorzugt wird : 
tritt leise auf! u. Ähnl. — Nicht auffUlig ist, daß Localadverbien unter 
Umständen einen sehr starken rhythmischen Accent vertragen, so: 

dort 6ben wooderbar, 

WO „wunderbar^! so stolz es klingt , doch eigentlich nur die Cadenz 
des Verses ausftült, während mit „dort öben^ unserem Blick eine 
bestimmte Bichtung angewiesen wird. — Zu beachten ist femer, daß 
Pronomina in der älteren und poetischen Sprache häufig stärker betont 
erscheinen, wie in der Prosa, in einer Weise, die uns jetzt schwerer 
verständlich ist, als die vorher genannten Abweichungen. Betonun- 
gen wie 

on |>lm dige PftMt Ilfes 

oder die von Hügel, Über Otfrids Versbetonung S. 10 fg. als ^kind- 
liche^ Manier bezeichnete Betonung: 

in th^ selben thingon 

behalten ftür unser Sprachgefllhl , indem die demonstrative Bedeutung 
der bez. Pronomina zu sehr abgeschwächt ist, etwas Auffiüliges. Auch 
die mhd. Weise, das Personalpronomen dem jft! und nein! noch hin- 
zuzufügen, und wohl gar im Tone ttber dasselbe zu erhöhen, z. B. 

JQDcfroawe, wdlt ir nemen mieh? 

spneohe ich nü: hfoe, nein lehl (mhd. Wb.) 



286 ^ wHjKEN 

gehört eben der lllteren Sprache eigenthümlich an. — IMe gedachten 
Unterschiede sind aber nnr znm Theil als Unterschiede des llteren 
und modernen Sprachgeftlhls zu betrachten; zum Theil steht noch heute 
der Ausdruck des gewöhnlichen Lebens in bewegteren Momenten auf 
Seiten der älteren, heute noch nicht ganz veralteten Technik. 

Sobald man nftmlich nur beachtet , daß neben der wechaebiden 
Tonstftrke auch eine sehr unterschiedliche Tonftrbung besteht, ao wird 
man sich Betonungen wie: ich Aüe das nicht u. s. w. sehr leicht er* 
liutem, auch an Verwendungen wie Ei ja wohl! im negatiren Sinne 
(Gr. Uly 766) und anderen Wunderlichkeiten nicht weiter ^mAo^ 
nehmen. Soweit wir n&mlich Einsicht in die n^ativen Partikehi habeD| 
sind dieselben ursprfinglich sei es im indefinitiven , oder geradesu üi 
positiven Sinne verwandt, vgl. z. B. jamais! point! an. manngi = goL 
mannahun, nhd. kein = dehein u. dgl. m.*) — Diese Partikeln dienen 
nicht sowohl zur Bezeichnung, als zur Umschreibung der N^ation; 
man hatte sich gewöhnt, die Worte gewöhnlich mit negativem Aocent^ 
zu sprechen, und so wurde ihre Anwendung im positiven Sinne afl- 
mfthlich ungebräuchlich und sie gelten nur ab „negative* Partikdn 
oder Pronomina. Weil aber der negative Accent, nicht die nnr sor 
Bequemlichkeit des lässigen Ausdruckes üblichen Formworte, das We- 
sentliche ist, ist auch eine Betonung Ich thüe das nicht, oder 

vata sindr ne §mr 
ni ffvilar nimir — 
gip Tsr gimmiiga, 
en gtiä hvergi 

die scheinbar den Unterschied von positiv und negativ ganz vernach- 
lässig^ vollberechtigt; es sind eben sandr, saar, svalar unnir, graa mit 
negativem, gap ginnunga. mit positivem Accent zu lesen. Und weil 
eben der negative Accent schon auf gris ruht, in hvergi nur gerade 
so nachklingt, wie der positive von gäp in var, so ist auch «» gria 
hvergi ebenso gut ein rhythmisches Compositum***) wie der vorher- 
gehende Vers ein solches darstellt 



*) Abgesehen Ton dem biB ins Skr. hmaof gehenden ne (na), das aber jeden. 
faUf keine reine Negation ansdrficken kann. 

**) Wem damit eine nnbekannte CkOsae Torgeatellt wird, der denke rieh etwa 
einen in peennilrer Bediingniae Befindliehen animfen: schöne Worte gibts fiberaU, 
aber Geld! Man TgL damit die Betonung in: Geld regiert die Welt 

***) Da5 diese AnflEuanng, an den unter den Neueren namentlich auch Hom 
schon hinneigt, der alten Technik nicht fremd war, beieugt der nicht bloß in Hitt, 
sondern hlufig belegte an. Ausdrack Ylsuord oder bloß ord (s. Vigf. und Mob. a. y.) 

Der Inhalt derselben galt gewissermaasen als din Wort^ und auch di( 



BIETBISCHE BEMEBKUNOEN. 287 

Verwandt aber der negativen ist eine andere Betonüngsweise, die 
ich als retardierenden Accent bezeichnen möchte; sie drückt aus, daß 
die mit dem Worte verknüpfte Vorstellang oder der bez. Begriff nicht 
ohne Weiteres angenommen ^ nicht zur vollen Geltung gelangt sei 
oder wenigstens dieselbe nicht angehindert erreiche. Vergleichen wir z.B. : 

erlegen seiner Liebesqnal 

mit dem Qoetheschen: 

Glück ohne Boli, 
Liebe, bist Dn! 

80 wird für den letzteren Ausruf die Betonung des Wortes Liebe in 
dem vorhergehenden Verse vorgezeichnety sie darf von der in Liebes- 
qual nicht wie Tag und Nacht verschieden sein, muß sich aber in 
jenem Falle schon durch den retardierenden Accent zu der in Qual 
liegenden Begriffsi&rbung abstufen , um nicht eine rhythmische Disso- 
nanz ärgster Art hervorzurufen. Daß auch das einfache: ich liebe! 
mit sehr verschiedenem Accent, mit stark retardierendem z. B. in dem : 

Ich liebe meine Mutter 

des Don Carlos in Schillers Trauerspiel zu sprechen ist, kann man 
von jedem halbwegs geschulten Schauspieler lernen. Nach solchen 
modernen Mustern sind nun aber Verse, wie 

at HAlfir konongr 
hlsBJandi dö (lies Ujbj) 
und: er eigi Uttar» 

lif en dandi (BiXü s. C. XIII) 

zu lesen. Es ist namentlich der letzte Vers nicht ganz leicht zu re- 
citieren, es muß in demselben eine gewisse Lebenssattheit auf lif zum 
Ausdrucke kommen, die das Leben als mindestens ebenso schwer wie 
den Tod ansieht Dem retardierenden Accente gegenüber steht nicht 
nur der positiv -verstärkende, sondern auch eine Betonung, welche 
man ,, triumphierend^ nennen könnte, welche die mit dem Worte ver- 
bundene Vorstellung so zu sagen mit Füssen tritt| z. B. Musp. 15 

dar fdH neoman sinh (so Cod.), 

WO die negativen Coloraturen in der rhTthmischen Senkung erst au 
siuh zum Ausdrucke kommen können, wo nun die Betonung sozusagen 
triumphiert über den Begriff: Krankheit — Als dassisches Beispiel 
ftlr den ^^polemischen Accent*' kann ich an das bekannte: Quos ^o! 



Benennung spricht daftlr , daß ursprfln^oh nur din Beimstab dem Verse snkam. 
Vgl. auch HAv. 140, 4 — 6. Auch die ags. Technik seheint ord als Beseiohnung Ar 
die Versseile verwandt sn haben: vord öder fand Beöv. 871, wo ich swar ord mit 
Orein im ags. Glossar als N. Sing, fssse» aber auf das Beimwort (nebst Enklitids) 
besiehe. 



288 ^ WILKBN 

Vergils erinDern. Hier wird allein durch die Betonung das VerliiltniH^ 
das eventuell zwischen Subject und Object eintreten würde, in einer 
Weise colorierty daß Letzteres schwerlich nach einer genaueren De- 
finition Verlangen trägt Auch unser nhd. Wortwechsel pflegt 
mit einem, wenn auch massig polemischen Accent gesprochen sa 
den, so daß wir ausdrücklich von ^friedlichem Wortwechsel'' redet 
müßten ; wenn wir das ags. «vordum vrixlan^ aufnehmen wollten^ 
Ebenso ist die Wendung „ein Wort gab's andere^ nach unserem nhd. 
Sprachgefühl immer mit polemischer Coloratur zu sprechen, wihrend 
das der grammat Construction noch wohl ganz entsprechende aga. ord 
dder fand**) vielmehr das erwünschte Sichfinden der Beimstäbe mant 
und daher zu möglichst conciliantem Accente auffordert — Die Be- 
achtung der verschiedenen Toncoloratur ermöglicht nicht nur one 
fehlerfreie Betonung von hl&jandi dö mit äner Hebung , sondern lißt 
auch die scheinbare Dissonanz der Vorstellungen viel leichter mk 
auflösen y als dies bei einer Betonung mit zwei (oder gar vierl) He- 
bungen der Fall wäre. Bei „lif en daudi^ muß auf In schon der Ae- 
Cent eine gewisse Todessehnsucht andeuten, die mit dem folgenden 
daudi verschmilzt, dann ist auch dieser Vers ein tadelloses rhydh 
roisches Compositum. 

Die hier kurz skizzierte Auflassung der AUiterationspoeeie wurde 
in ihren Hauptzügen bereits im Winter 1874 — 1875 in einer Vorlesung 
über altd. Metrik entwickelt, seitdem habe ich wiederholt gelegentlidi 
angedeutet, da ß ich nur ^ine Hebung fbr die Yerszeile der AUiteratim s* 
Poesie ftir nöthig hielte. Sollten Andere bereits zu ähnlichen Besaltaten 
gelangt sein*^, so würde es mir recht lieb sein; ftLr mich selbst besteht 
kein Zweifel mehr an der Bichtigkeit der hier entwickelten Auffassung, 
welche sowohl in der Theorie sich völlig consequent bleibt, als aneh 
der skaldischen Kunstauffusung gerecht wird, endlich unseren Terten 
nicht Dur keinerlei Zwang anthnt, sondern einen wirkungsvollen Vor^ 
trag derselben allein ermöglicht Niemab sind wir genöihigt_Vme 
o hne S enkung anzunehm^ — Die Zweöiebungstheorie dagegen hat 

*) Nalilrfioh kmim sich ein polemiAeher Accent nnr dnrch allmihliclMn Usoi 
lestsetien, er beniht in diesem Falle Tielleicht auf einem Vergldoh mit Aosdiüekss 
des Kampfes, TgL das mhd. sperwehseL 

**) ,Wort reihte sich an Wort" fibersetst Grein richtig im ags. S^mehaehstiy 
anders erklirt es Heyne im Gloss. tu Behr. 

*^*) Wenigstens heißt es in der nenen Ausgabe der AnaL Norr. Ton Th. |ISbto 
8. S74: Die Hebungen im Verse des Fomyrdalag sind swei, wenn nicht bloß eisa 
oder drei. — Übrigens erdefat man, daß Mobins anch jetst noch reimlose Hebungen ^' 
annimmt. ~ 



BfETRISCHE BEMERKUNGEN. 289 

auch in ihrer neuen Begründung durch Vetter den Widerspruch der 
Lachmannianer und nicht bloß dieser, sondern auch einiger andern 
Anhänger der Vierhebungsthoorie nicht zu entkräften vermocht; sie 
krankt noch immer an dem irrigen und fast wunderlichen Meinen, das 
Wesentliche (die Zahl der Reimstäbe) einem ziemlich freien Wechsel 
überlassen, das relativ Unwichtigere (zwei grammatische oder logische 
Hochtöne, event. einen Hochton und einen stärkeren Tiefton) fest be- 
stimmen zu wollen. Indem sie damit das grammatisch -logische Princip 
über das rhythmisch-poetische erhebt, verfällt sie dem Fehler, an 
Fragen der Poesie den Maßstab der Prosa zu legen — und da, wie 
ich nachgewiesen zu haben hoffe, die rhythmisch-poetische Betonung 
(abgesehen von einzelnen immerhin verzeihlichen poetischen Freiheiten) 
zugleich die eigentlich auch dem modernen Sprachgefühl nach richtigere 
und logischere ist , so kann sich die Verkennung des poetischen 
Betonungsprincipes auch nicht durch eine wirkliche Rücksichtnahme 
auf Logik herausreden. Ihr einziger Vorzug besteht darin, der prosai- 
schen — d. h. aus Nachlässigkeit ungenauen — Wortbetonung sich 
anzuschliessen und somit sehr bescheidene Anforderungen an die 
Kunst des Vortragenden zu stellen; was man dann aber zu hören 
bekommt, ist nicht Stabreimdichtnng, sondern nur eine Art Reimprosa. 
— Sollte es nicht Zeit werden, zu einer richtigeren Auffassung zurück- 
zukehren? 

Denjenigen aber, welche noch mit Zweifeln gegen die absolute 
Richtigkeit unserer Auffassung zu kämpfen haben, sei zu bedenken 
gegeben, d|iß_un8er System keine Schablone sein will, in die jeder 
Vers ohne Weiteres sich fügen soll und muß. Vielmehr sucht sie nur 
die aUgemeinen Grundsätze für die Versöhnung des rhythmischen und 
des grammatisch -logischen Tonprincipes in der Alliterationspoesie zu 
vermitteln, und ist um so weniger geneigt auf eine über allen Anstoß 
beim Recitieren erhabene Vortragsregel sich steifen zu wollen, als die uns 
vorliegenden alliterierenden Denkmäler offenbar einen Übergang von der 
einfachsten , älteren Weise des Stabreims zu jener complicierteren 
Kunstform bilden, wie sie auf dem altnordischen Gebiete die skaldische 
Technik darstellt Die Entwickelung verhielt sich in den Hauptzügen 
so, daß in der ältesten Zeit nur verwandte, zumeist nominale Bildung 
mit wenigen, praefix- oder suflßxartigen, Partikeln umkleidet das Vers- 
paar dai*stellten, z. B. noch nhd.: 

Tod und Teufel! 

weiterhin aber jjlie Abschwächung des Worttones schon für die Prosa 
die Composition, d. h. eben das Sichbegnügen mehrerer Worte mit 

GERMANIA. Nene Beihe. XII. (XXIY. Jahrg.) \^ 



/ 



290 E- WILKEN 

änem Hocbtone; in weitem Umfange förderte, welcher Vorgang tk 
den Vers sieh in noch weiterem Masse verwirklichen läßt. Wir glanbla 
uns berechtigt, as. word godes ebenso gut wie unser nhd. Oötteswwt 
als rhythmisches Compositum zu fassen , und fanden nur dort eine 
Art von Schwierigkeit, wo disparate oder doch gewöhnlich scharf iints- 
schiedene Begriflfe und Vorstellungen von äinem Versaccente beherrsch 
werden sollen, wie in 

hliejandi dd. 

Daß sich derartige Fälle hier und da ergeben, war eine Folge der 
durch die gewöhnliche Abschwächung des Wortaccents bedingten Hir 
fung mehrerer Worte im Verse; und wenn man nun auch ftlliwift^^» 
sagen könnte , daß nach der Analogie der weit überwiegenden FiHe, 
wo die im Verse zusammenstehenden Worte sich auch begrifflich mtit 
leicht componieren, auch jene scheinbaren Ausnahmen sich rickleB 
müßten y so habe ich doch vielmehr die Möglichkeit zu erweisen ge- 
sucht, durch einen etwas kunstvolleren Vortrag auch derartige Woit- 
verbindungen wie lif en daudi als rhythmische Composition erkemia 
zu lassen. Und wer die von mir oben geforderte Betommg als n 
künstlich bezeichnen möchte, der steht gerade auf dem Standpunkte^ 
von dem aus sich das Verhältniss der prosaischen zur poetischen Be* 
tonung am leichtesten erläutert Allerdings sind wir im Stande mit 

Ich will es thuD, 

Ich weiß nichts Anderes 

durch einen pathetisch-resignierten, negativen Accent von ziemlidier 
Stärke (der eben die Verwendung des Verbs zur rhythmischen Hebung 
rechtfertigt) auf „weiß^ eben so Viel oder Mehr zu sagen, als die 
Prosa mit «Ich will es meinetwegen thun, denn ich weiß ja leider 
wirklich mir nicht anders zu helfen^. Durch noch stärkere Betonung 
von weiß (vgl. mit will; wird in rhythmischer Weise der Causalnezos 
beider Sätze angedeutet; das stärker betonte Glied bildet die natfirliche 
Grundlage für das leichtere. Aber ebenso gewiß wie die Correcthttt 
der rhythmischen Betonung ist andererseits ihre Unbequemlichkeit ftr 
den gewöhnlichen, fortlaufenden Vortrag; diesem ist selbst eine so 
massenhafte Anhäufung von umschreibenden Partikeln und Adverbien, 
wie ich sie in der Paraphrase anwandte, weit mundgerechter als die 
einmalige Verwendung eines gesteigerten und dabei verschieden-nflan- 
cierten Wortaccentes. — Finden wir dies Verfahren wohlverständlieh, 
so dürfen wir noch weniger der Poesie aus ihrem Festhalten an der 
wahröcheinlieh älteren, jedenfalls wirksameren rhythmischen Betonunga- 



METRISCHE BEMERKUNGEN. 291 

weise*) einen Vorwurf machen. — Auch da, wo wir poetische Frei- 
heiten einräumen, sind dieselben doch meistentheils nicht so, daß sie 
eine Unrichtigkeit involvieren. Die Betonung bdam Ecg))eöves oder 
h^lm Scyldinga, die ich oben forderte, mag noch auf Widerspruch 
stossen ; sobald man sich aber klar macht, daß die betreffenden Worte 
für den Sinn in allen Fällen dieser Betonung entbehrlich sind, in 
vernünftiger Prosa (nicht einer ängstlichen Paraphrase) also fortfallen 
müßten, daß sie nur das Versmaß zu füllen bestimmt sind, nur ein 
Ausfüllen der Versmelodie durch einige Worte bezwecken, so wird man 
einräumen, daß hilm Scyldinga = Sigeskyldinga hier keinen Anstoß 
mehr bietet. — Am auflUlligsten bleiben unserem Gefühle vielleicht 
die pronominalen Betonungsweisen wie 

on )>fiin däge )>j^sses lifes, 
wobei möglicherweise die Begriffscorrespondenz oder der Sinnreim von 
„däg" und „lif" (vgl. unser: Licht des Lebens, Licht der Welt) als 
Reim geroeint ist, wenngleich zu dieser Annahme die häufige Verwen- 
dung von ))ysses lifes in der ags. (namentlich geistlichen) Poesie gerade 
nicht ermuntert. Derartige Einzelheiten aber mögen und dürfen immer- 
hin genauerer Prüfung vorbehalten bleiben ; mir kam es hier zunächst 
darauf an, die Hauptfragen der Stabreimtechnik in ein etwas helleres 
Licht zu setzen. 

Noch liegt mir daran zu betonen, daß unsere Alliterationspoesie 
keineswegs den Charakter einer bereits fest abgeschlossenen Kunstform 
zei^t. Jenes allüberall gelegentlich auftauchende sei es Streben nach Ver- 
stärkung der rhythmischen Kunstmittel oder sei es nur Zuiriedensein mit 
gelegentlich unterlaufenden Endreimen, Assonanzen, vor- und nachklin- 
genden Stabreimen, Doppelreimen läßt sich ja in Kürze dahin charakteri- 
sieren, daß für den mit der Zeit wortreicher gewordenen Vers namentlich 
in Fällen etwas stärkerer Betonung der Stabreim sei es als 1 -|- 1, sei es 
auch als 2 4- 1^ gehandhabt nicht immer mehr ausreichend erschien, 
die Herrschaft allein zu behaupten. Die wenigstens ftlr mein Geftlhl 
kunstgemässeste Lösung fand die .skaldiache. Technik., indem sie auf 
jede Steigerung des Stabreims über die Formel 2 + 1 verzichtend**) 



*) Noch wirksamer und nGancenr eicher ist natürlich die Sprache des Auges, 
die ebendarum auch wohl die älteste sein wird. Wen hier die eigene Erfahrung 
nicht belehrt, der mag an Schillers schönes Rüthsel (Par. und Räthsel 6) sich mah- 
nen lassen. 

**) Daß eine vollere Cadenz fllr den zweiten Halbvers erwünscht war, zeigt die 
Häufigkeit von Betonungen wie i'iptekumanne goma-thigg^an n. s. w. neben ganz verein- 
zelten wie: dilr nist neoman siiih. 



292 ^' KEINZ 

▼ielmehr in der Assonanz ein neues Mittel fand, um die innere EiBhät 
des Verspaares auch bei etwas grösserer Wortfiilie sicher xn stdki; 
die Assonanz hat darin einen sozusagen weiblichen, dem nngesehnhB 
Ohre oft kaum merklichen Einfluß zu bewähren unter der Herrsdnft 
des männlich angelegten Stabreimes. Man vgl. mit jenen oben 1ml 
sprochenen Stellen der Hälfssaga (hl»jandi do) oder mit dem scki 
leichteren (Atlakv. 24,1—2): 

er til hjarta skAm 

wo ich die rhythmische Accentfiürbung wohl nicht mehr zu definMRi 
brauche, den Schluß der Kräkumal (Fas. I, 310) 

(28, 9—10) 6s8 mana «air bj6da, 
er at s^Undi daadi. — 
(29) F^samz bins at hetta. 
heim bjöda mSr disir, 
sem fr& Heijans hOlla 

hdfir Odiiin m6r sendar; 

* * 

gladr skal ek öl med asnin 

i Ondvegi drekka, 

lifs em lidnar standir — 

Isejandi*) skal ek deyja! E. WUXES. 



DEUTSCHE NATIVITÄT DES XII. JAHR- 

HUNDERTS. 



Nachstehendes Bruchstück bildet den Inhalt eines Qnaiiblattai» 
das auf dem Hinterdeckel des Clm 19515 der Münchener Bibliothd^ 
aufgeklebt war. Bei der Ablösung hat die Rückseite etwas an Schrift 
verloren; doch ließ sich fast der ganze Text nach einiger Waachmi^ 
mit ziemlicher Sicherheit herstellen. Das Blatt ist in der Mitte von 
oben nach unten, aber ohne Schaden filr die Schrift in 2 Stücke aer- 
schnitten; und mögen unten 1 — 2 Zeilen fehlen^ oben ist die linke Ecke, 
ungefi&hr wie nachstehend zur ersten Seite angegeben, weggeschnitten. 
Die schöne Schrift wird an die Scheide des Xu. und XIII. Jahrhun- 
derts gehören. Die wenigen Längezeichen (auch in lün) stehen in der 
Hs., e hinter d ist auch im Innern der Wörter dem d oben angehXngt; 
bei dem zweimal vorkommenden stcite ist unsicher zu entscheiden, ob 



*) FOr hlspjandi. 



DEUTSCHE NATIVrrÄT DES XII. JAHliHUNDERTS. 293 

stette oder Bteite geschrieben sei, doch lese ich mit ziemlicher Sicherheit 
steite (vgl. vreivel). Der Schreiber hat zweierlei z, das einem h ähn- 
liche nur ausnahmsweise; daftir aber auch c (dieses fast immer in cehen). 

röm Wirt in vier 
ist zu allen dingen gvt 
wirt gvt. vn vrevntliche. d'v mait 
ne vn niht alt. d*r sieche stirbet schiere 
er gilt vi! lange, df tröm wirt war. Dev dri 
cehen te lün. ist von mittem tage gvt. si ist aber niht g^t anzevahen 
ein leglich dinch Gebomz chint wirt manhaft Chvene vn her. vn wirt 
niht alt d*v mait wirt vreiuel vn her. vn stirbet schiere, dr sieche 
wirt schiere gesunt. od'r er stirbet schiere, df tröm erget in siben 
tagen. Dev viercehente lün ist ze allen dingen gvt. Daz gebom chint 
wirt chuen her vn stirbet schiere, d^'v mait wirt ker vn chivsche mit 
mannen, vn stirbet schiere, dr sieche gnist schiere odr er stirbet schiere, 
df tröm erget schiere Dev vumftcehente*). lun ist niht g^t. df alt**) 
wirt niht steite. daz gebom chint wirt g^t vn chivmt in not von isen. 
odf von wazzer. dv mait wirt chivsche vn minnechlich. df sieche stir- 
bet ob er nach zuain tagen niht gsvnt wirt. df tröm schadet 

Rückseite. 

Dev sehscehente^ | sieche wirt. . . ^ | milt vn steite. dv mait wirt. . . ^ | 

dr tröm wirt nach langen ziten vm^ | sibenzehente lün ist allen 

tach gvt. daz geb^(om) | chint wirt vrevntliche charch. lirnich. chvene 
vn I warhaft, dev mait wirt chivsche vn rieh, df sieche | lit lange***), 
df tröm wirt schiere (war?) Dev ahtze | (heute) lün ist ze allen nit 
f ) gvt wan dv chint ze limen zuset zen df gebom sun wirt | sige- 
haft. vmbedrozzcn vü redlich, dv mait wirt | chivsche. vn arbaitsam. 
df sieche wirt gsunt schier | df tröm wirt in cehen tagen war | 
Dev nevntzc | heute lün ist zv allen dingen gvt. daz gebom chint | 
wirt getrev gvt. charch wise. dv mait wirt sam. df sieche wirt schier 
gesunt von erzenie. df tröm | erget in viumf tagen. Dev zvainzigest 
lün ist allen tach gvt si ist aber ze werche unnutze, daz | gebom 
chint wirt charch. dv mait wirt sam. | df sieche serwet lange df tröm 
wirt unnuitze. F. KEINZ. 

*) Das erste t ist nur mehr am Querstrich erkemibar und scheint radiert zu sein. 
**) Zwischen a und t ein Loch; das i nicht sicher. 
***) nndeutlich. 
t) Loch. 



294 K. BARTSCH 

MARGARETENLEGENDE DES Xlf. JAHRHUN 

DERTS. 



In dem kürzlich von der königlichen Bibliothek zu Berlin 
worbenen Codex der Enenkelschen Weltchronik, germ. fol. 927, einer 
Papierhandschrift des fünfzehnten Jahrhunderts, steht auf der Vorder- 
seite von Blatt 235 der nachfolgende Anfang einer unbekannten Mar- 
garetendichtung. Ich verdanke Arnold Schröer eine sorgfkltige Ab- 
schrift derselben. Die Legende ist von anderer^ weit scUechterer 
Hand geschrieben als die Weltchronik. Die ersten drei Zeilen sind 
etwas nach rechts gerückt ^ um dem fehlenden Anfangs-E Raum tu 
lassen. Ich gebe zunächst einen kritisch bereinigten Abdruck , don 
ich die nothwendigen Bemerkungen folgen lasse. 

Hi hebet an sente Margareten buch. 

Ein stat di heizet Antioch 

und 8t@t in Eoichen lande noch, 

da was ein herre gesezzen 

wtse und vormezzen, 
5 edel unde riebe; 

he lebete heidenliche: 

Teodoslus was he genant, 

als uns di schrift tut bekant. 

he was der beiden bischof : 
10 des namen si plegen noch, 

di türisten under in, 

di er ^warten sin. 

der selbe heidenische man 

eine tohter gewan, 
15 di wart Margarete genant. 

c daz megetin du wurde alt, 

du starp sin müter, 

eme zungüte. 

der vater moht daz kint niht bewarn, 
20 he sante ez andercswar 

einer witwen in ein ander stat: 

daz kindichen he zien bat. 



Überschrift Margreten. 3 herre /«AÜ. 4 unde. 5. 6 tti einer Zeile. 

riche fehlt 8 also. 10 namen feliU. 1 1 Dy furstcii under on. 15 Margaret 
J8 Eme zu gute. 20 and'e war. 



MARGARETKNLEOENDE DES XII. JAHRHUNDERTS. 295 

daz tut man noch hüte, 

daz man kuschen lüten 
25 junge megetin bevelit, 

wan daz harte wol zemit, 

daz man di in der jugende 

züt zu solchen tugenden, 

daz si in ubbekeit iht leben, 
30 swanne si di man genemen. 

di wetwe was edel und riebe: 

si enphing di maget gütliche 

und zöch si mit solchen 6ren 

alse si er kint w6re. 

Die Handschrift ist, wie man sieht, von erheblichen Fehlem nicht 
frei. Für die Beschaffenheit der Vorlage bezeichnend ist der Umstand, 
daß zwei Zeilen (5. 6) auf diner Zeile stehen; es scheint daraus her- 
vorzugehen, daß die Vorlage nicht in abgesetzten Versen, sondern 
fortlaufend wie Prosa geschrieben war, wie dies bei Dichtungen des 
12. Jahrhunderts das übliche ist. 

Denn daß wir hier den Anfang einer dritten] Margaretendichtung 
aus dem 12. Jahrhundert vor uns haben, lehrt der Augenschein. Unter 
den 17 erhaltenen Reimpaaren sind neun mit Reimungenauigkeit, wobei 
die vocalische Freiheit in: sin 11 f. nicht mitgerechnet ist. Überschüssiges n 
oder r in klingendem Reime (17 f. 23 f. 27 f. 33 f.) ist in allen Dichtungen 
des 12. Jahrhunderts etwas so gewöhnliches, daß es keine nähere Zeit- 
bestimmung ermitteln hilft. Wichtiger sind die Reime 9 f. 15 f. 25 f. 29 f. 
Reimbindungen wie hischof : noch kommen In Genesis und Exodus, Ro- 
land^ Kaiscrchronik^ Leben Jesu (Fundgr. 1, 190) und Herzog Ernst vor. 
Die Bindung genant : aü hat ihr entsprechendes in Genesis und Exodus, 
Anno, Roland, Alexander, Kaiserchronik, Rother, Wernher vom Nieder- 
rhein, Graf Rudolf Burggraf von Regensburg und dem Mtlnchener Aus- 
fahrtssegen. Dem Reime bevelit : zemit entsprechen ähnliche Reime in 
Genesis und Exodus, Bücher Moses (Diemer), Roland, Kaiserchronik, 
Bruchstück vom jüngsten Gericht, Hartmanns Glaube, Graf Rudolf. 
Endlich begegnen Reime wie ld>en : nemen in Genesis und Exodus, 
Roland, Kaiserchronik, Rother, Leben Jesu, Hartmann. 

Unter allen diesen ist keine Dichtung, welche über die Zeit von 
1170 — 1180 herabgeht; in dies Jahrzehnt also werden wir unser Bruch- 
stück zu setzen haben. Dazu stimmt der sorgfältige Versbau, wie wir 



24 kusch« late. 26 beuilt. 27 äy iöefrowe. 28 csuet. thog^nden. 
29 ubekeyt 30 wao. 34 aU»y er. 



296 K. BARTSCH 

ihn um dieselbe Zeit bei Eilhart antreffen. Die ganze Darstellung 
bekundet einen gebildeten formgewandten Dichter, der sich darin ge- 
fällt Beziehungen auf die Sitten der Gegenwart einzuflechten (10 ff*. 
23 ff.). Seine Heimat haben wir im mittleren Deutschland zu suchen^ 
darauf weist weniger der Reim bewam : war 19 f. (wohl bewaren : toare 
zu schreiben) und Sren : wSre 33 f. als bevelü : zemü 25 f. (Hs. bevät : zemyt), 
da die Abwerfung des h in ersterem Worte nicht oberdeutsch ist (Wein- 
hold, mhd. Gr. 312 f.). Die mitteldeutsche Färbung der Abschrift stimmt 
daher im Ganzen mit der Sprache des Originals überein. 

3 herre habe ich ergänzt, nicht man, weil auch bei Wetzel es 
heißt ein vil ricRer herre und in der Bearbeitung B (Germania 4, 442) 
Theodosius als ein vil edel man bezeichnet wird. 

6 Derselbe Vers begegnet wörtlich in Rudolfs Barlaam 7, 18 und 
das Wort heidenUche ist überhaupt bisher nur aus Barlaam belegt 
Dennoch wäre es voreilig, daraus auf einen Zusammenhang zwischen 
beiden Gedichten zu schliessen. Die Bildung heidenlich als Gegensatz 
zu dem häufigen hristenlich war eine so naheliegende^ daß man sich 
wundem muß sie nicht öfter angewendet zu sehen. 

9 hischof entspricht dem Ausdruck patriarcha der lateinischen 
Legende und mehrerer deutscher Bearbeitungen. Vgl. namentlich 
Wetzel 117 ff. dem hete diu heidenschaft verlihen die herschaft daz er u* 
patriarche wda. 

10 namen habe ich ergänzt des Sinnes wegen; dem Verse hätte 
die Verwandlung von noch in inoch genügt. Denn des kann nicht wohl 
auf den vorausgehenden Satz bezogen werden, sondern der Sinn ist: 
^diesen Namen (Bischof) ftlhren sie noch heutzutage'. 

11 Die Änderung in türisten empfahl Vers und Sinn zugleich; das 
under in wie der nachfolgende conjunctivische Relativsatz wiesen auf einen 
Superlativ, fursten aber in seiner ursprünglichen Bedeutung zu nehmen 
'die ersten' schien mir für jene Zeit gewagt. Auch würde das die Be- 
tonung die noth wendig gemacht haben, zu welcher gar kein Anlaß ist. 
Der Schreiber fand tursten vor, das er wahrscheinlich nicht verstand 
und daher in fursten änderte. 

18 eme zu gute hätte den Sinn 'ihm zum Glück\ d. h. der frühe 
Tod der Mutter war Ursache des himmlischen Glückes, das Margarethe 
durch die Marter zu Theil wurde. Allein viel natürlicher ist es zu- 
nächst die irdischen Leiden zu erwähnen, welche der Tod der Mutter 
für die Tochter veranlaßte. Die Änderung zungHte wird bestätigt durch 
das was andere Bearbeitungen an dieser Stelle haben. In A (Haupt 



KLEINE MITTHEILUNGEN. 297 

1^ 159) heißt es ir muotei' atarp ir fruo: dS gienc ndt der tohter zuo] in B 
(Germania 4, 442) diu muotei* etarp im fruo : dem kinde gie arbeit zuo. 

19 vielleicht en moht daz kint bewäm. 

24 Die Abkürzung kuschs hde kann in k&echem lüte aufgelöst 
werden, und man dürfte geltend machen, daß der sing, lüt nicht in einer 
so jungen Hs. stehen würde, wenn er nicht in der Vorlage stand. Aber 
daz Hut wird immer nur von einer grösseren Menge gebraucht, was hier 
nicht paßt, lüte ist vielmehr nichts als ein Versuch den Reim zu glätten. 

29. Auch die Schreibung ubeketft mit b weist auf eine alte Vorlage. 

K. BARTSCH. 

KLEINE MITTHEILUNGEN. 



8. Verse des XII. Jahrhunderts. 

Frowe tugintriche 

nu tu so tugintliche 

swenne ihc uon dirre werlt uar 

so geruche selb chomen dar 

daz gezemt diner g&te wol 

magd aller gnaden uol. 

In der Münchener Hs. clm. 19463 (Teg. 1463) des 12. Jahrhun- 
derts auf Bl. 35. Catalogus cod. lat. bibl. Monac. II, 3, 248. 

_ K. BARTSCH. 

ZU PARZIVAL IX, 915 £ 



D6 Lueifer ßwr die heUevart 

Mit schar^ ein mensche nach im wart. 

Um meine in dieser Zeitschrift 7, 298 gegebene Auffassung 
obiger Verse, gegen welche sich Sprenger in den Beiträgen z. Runde 
d. ig. Sprachen III, 175 erklärt hat, besser zu stützen, verweise ich 
auf folgende Stellen, in denen mit eehar, analog und synonym dem 
häufigeren mit her ^ ebenso wie bei Wolfram sich gebraucht findet: 
Kaiserchronik ed. Diemer 487, 13 der chunich unt dt eine Riten mit 
8car dar in (= ed. Maßm. 15911); Kindheit Jesu 79, 57 daz volc zoh 
alumbe dar Herhaß unt mit schar; Pfeiffers Altd. Beispiele in Haupts 
Zt. VII , 363 die (vrösche) beruoßen sie (die nahtigale) m it schar (: wx»r) ; 



298 A. NAGELE 

dazu noch das Beispiel aus Biterolf 8756 mit schar besehuUen sie dm 
man, was schon Lexer 11, 662 venseichnet hat. Lachmann hat wohl 
hauptsächlich aus stilistischen Orttnden nach hellevart interpnngiert; 
was er sich aber unter schär gedacht hat, kann wohl Niemand wissen, 
da er es uns zu sagen unterlassen hat^ auch Sprenger nicht. Die Ver- 
muthung des letzteren, daß schär hier eine germanisierte Form des 
altfr. char, chair sei, welches Fleisch, menschliche Natur bezeichnet 
habe, bleibt eine unsichere, so lange nidit andere Nachweise tob dem 
Vorkommen desselben beigebracht werden können. Auch finde ich 
nicht, daß die Präposition mit zur Bezeichnung des Stoffes, aus dem 
etwas gemacht ist, gebraucht werde. Einer solchen Auffassung g^en- 
über würde ohnehin das in dem darauf folgenden Verse stehende liz 
der erden zu auffällig erscheinen. 

ZEITZ, Februar 1879. F. BECH. 



ZUR CHRONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTHERS 

IL 



Die Grundlosigkeit der Annahme, daß Walther am Wiener Hofe 
1200 das Fest der Schwertleite des Herzogs Leopold des Glorreichen 
und 1203 das seiner Vermählung mit Theodora Komnena mit begangen 
habe, habe ich oben (Heft 2) dargethan, wo ich sämmtliche Sprüche 
des ^Wiener Hoftones*^ in die Jahre 1198 und 1199 verlegte. Hier will 
ich den Wiener Aufenthalt Walthers filr die Jahre 1207 — 1209, wie 
ihn Menzel p. 164 annimmt, sowie fbr die Zeit von 1217 — 1220, wie er, 
soviel ich sehe, von den Walther-Forschern wohl durchweg festgehalten 
wird; in Frage stellen. Deshalb werde ich auch irgend einen Spruch 
des ^Wiener Hoftones^ hier nur in so weit heranziehen, als dies etwa 
zur Durchführung des Nachweises für die Richtigkeit der eben gc- 
stellten Behauptung nothwendig sein sollte. Als Grundlage für die 
Anschauung, es habe sich Walther zeitweilig in den Jahren 1217 bis 
1220 am Wiener Hofe aufgehalten, gelten folgende Sprüche des Dich- 
ters: L. 34, 34; 36, 1; 35, 17; 84, 1; 28, 11. Femer hat man noch zu 
weiterer Begründung die Sprüche L. 24, 33; 32, 7; 31, 33 verwenden 
zu können geglaubt*). 



*) Bei Wilm. 83, 131; 83, 141; 83, 161; 63, l; 84, 61; und öl, 1; 83. 121; 
83, 161. Bei WR. 35, 11; S5, 21; 36, 8; 56, 3; 49, 11; und 17, 9; 28, 17; 28, 7. B%\ 
Pf. B. 119, 120, 121. 127 152 ferner 86, 107 und 108. Bji Simr. 62, 61, 63, 72, 79 
and 4, 69, 60. 



ZUR CHRONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTHERS H. 299 

Wenn man L. 31, 33 und 32, 7 mit cinandor vergleicht, so wird 

man eine inhaltliche Verwandtschaft kaum abzuläugnen vermögen. 

Beide Strophen sind gegen die Störer und Beeinträchtiger des höfischen 

SSangcs gerichtet. L. 32, 9 ff. heißt es: 

ich sihe wol^ das man herren guot uud wlbes gruoz 

gewalteclich und ungezogenlich erwerben muoz. 

ainge ich minen höveschen sanc, sd klagent eis Stollen. 

Damit ist zu vergleichen L. 32, 1 ff. : 

ich h&n wol und hofelichen her gesungen: 

mit der hövescheit bin ich nü verdrungen, 

daz nü die unhöveschen ze hove genaemer sint, dann ich. 

daz mich dren solde, daz unIret mich. 

Ferner spricht sich Walther L. 32, 7 in folgender Weise aus : 

Nü ifil ich mich des scharpfen sanges ouch genietcn. 

und L. 31, 33 sagt er: 

In nomine dumne: ich toil beginnen: sprechet amen 
(daz ist guot für ungelücke und fSr des tievels sämen). 

Sollte da kein Zusammenhang sein? Man hat zwar die Behauptung 
aufgestellt, es sei L. 31, 33—32, 6 der Weihespruch für den ganzen 
Ton oder aber fOr einen abgegrenzten Theil der Sprüche dieses Tones 
— allein bewiesen hat man weder hier noch anderwärts, daß wir wirk- 
lich solche einen Ton einweihende Sprüche vorliegend haben. 

Für die gegenwärtige Beweisftlhrung sind nun aber von beson- 
derer Wichtigkeit die Schlußverse der beiden Sprüche, in denen Wal- 
ther sich auf den Herzog von Österreich beruft bei L. 32, 14 ff. : 

ze Osterriche lernt ich singen unde sagen: 

d& wil ich mich aller irat beklagen: 

vind ich an Liupolt höveschen trdst, so ist mir min muot entswollen. 

und L. 32, 5 — 6: 

herzöge üz Osterrfch Liupolt nü sprich : 

dun wendest michs alleine, sd verhöre ich minc zungcn. 

Es handelt sich darum, welcher von beiden Sprüchen dem andern 
zeitlich vorangeht Wackerneil p. 36 setzt L. 31, 33 ff. vor L. 32, 14 ff. 
und an den KämthnerHof. Von dort verdrängt habe sich Walther flehend 
an den Herzog Leopold gewendet (L.32,5 — 6). „Leopold scheint aber mit 
seiner Antwort gezögert zu haben, darum will er sich in L. 32, 7 (Pf. 107, 
S. 59) nun wirklich*) des scharpfen sanges mich genieten und gewaltec- 
lich und ungezogenlich vorgehen. Er kennt jetzt den Führer der 
Gegner am Kärnthner Hofe, es ist der Sänger Stolle'^. Wa- 
ckemell bringt, wie dies vor ihm schon andere Forscher gethan, L. 31, 

*) Was dies nwirklich** eigentlich zu bedeuten hat, ist mir nicht klar. 



300 A. NAGELE 

33 ff. und L. 32, 7 £ in Verbindung mit L. 32, 17 ff. und L. 32, 
27 ff.*), d. h. er läßt alle diese Spräche am Kämthner Hof entstandoi 
sein. Nun ist aber schon zu wiederholten Malen darauf mit Tollem Beeht 
hingewiesen worden, daß inhaltlich zwischen den beiden Bemfiiiigs- 
und den Kämthner-Sprüchen absolut kein Zusammenhang bestehe. 
Man hat nun aber in gewohnter Weise einen solchen Zusammenhangs 
der sich natürlich nicht ergab, künstlich arrangiert, indem man auf 
die Möglichkeit hinwies, daß der bei L. 32, 11 erwähnte Stolle einem 
in der Brixner Oegend ansässigen Geschlechte angehört^ und auf die 
weitere Möglichkeit, daß derselbe eben deshalb ganz leicht an den 
Kämthner Hof gekonmien und dort mit Walther zusammengetroffen 
sein könne**). 

Von einer Möglichkeit bis zur Wahrscheinlichkeit oder gar bis 
zur Gewißheit ist es freilich noch sehr weit, einen Beweis aber, daß 
die beiden Berufungssprüche an den Kämthner Hof gehören, vermag 
nun diese Möglichkeit gewiß nicht zu liefem. Allein der Kämthner 
Aufenthalt Walthers ist überhaupt höchst problematisch, wenn er nioht 
vollends durch die nachstehenden Erörterangen widerlegt wird. 

Die Worte des Dichters bei L. 32, 17 : Ich hdn des Kerendaerm 
gäbe dicke enphangen können nicht als Beleg für diesen Aufenthalt 
beigebracht werden, da Walther des Kämthners Gaben auch ander- 
wärts, nicht nur an seinem Hofe empfangen konnte. Der zweite 
Spruch aber, der sich auf den Kerendaere bezieht L. 32, 27 — 36 spridit 
nun ganz unzweideutig durch seinen Wortlaut selbst gegen diese An- 
nahme. Denn wie sind des Dichters Worte L. 32, 33: ichn weiz^ 
wer mir in dinem hove verkeret minen sanc] ferner L. 32, 34 . . . . t«< 
er niht ze kranc, endlich L. 32, 36 .... ervar uns werz vei'kere mit 
der Ansicht zu vereinen, daß dieser Sprach am Hofe von Kämthen 
entstanden sei? Diese Worte haben doch kaum einen Sinn, wenn sie 
an diesem Hofe entstanden gedacht werden, denn da konnte Walther 
ja selbst sich darüber orientieren, wer denn jene seien, die ihm seinen 
Sang verkehren, da brauchte er sich nicht an den Herzog zu wenden 
mit der Bitte: und ervar titw, werz verkere. Wackemell p. 35 ftihlte 
Übrigens selbst die Unhaltbarkeit seiner Ansicht, es sei dieser Spruch 
am Kämthner Hofe verfaßt; allein anstatt die unerwiesenc Behauptung 
vom Kämthner Aufenthalt des Dichters einfach fallen zu lassen, zieht 
er eine neue Hypothese herein, daß es nämlich den Gegnern Walthers 

*) Es sind dies die beiden auf den rt^ermdaere'^ bezüglichen Sprache. 
**) Ansftihriicher Bericht Aber diese HypotheM bei Wackemell a. a. O. p. 91 lu SS. 



ZUR CHRONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTHERS H. 301 

gelungen sei, ihn aus der Nähe des Herzogs zu verdrängen, 
und da habe dann derselbe „aus der Ferne dem Herzoge über das 
Treiben der hovehellen die Augen zu öffnen gesucht**. Man ersieht 
leicht aus diesem Auskunftsmittel , welch schlechte Auspicien die Er- 
härtung des Kämthner Aufenthaltes Walthers hat. Man müßte aber auch 
noch weiterhin bei dieser Annahme die ganz geschmacklose Ansicht 
festhalten^ daß Walther gegen Fürsten die vertrauliche Anrede mit „Du" 
gebrauchen durfte, eine Ansicht^ die trotz ihrer Oeschmacklosigkeit 
leider noch nie ganz fallen gelassen wurde. Auch Wackemell hält 
daran noch fest a. a. O. 126 ff. und es scheint ihn sein Recensent im 
Lit. Centralblatt 1877, Nr. 34, S. 1143 diesbezüglich wohl mißverstanden 
zu haben*). Endlich erscheint es ganz unerklärlich, wie Walther 
jenen ^ der ihm seinen Gesang verkehre, nicht gekannt haben soll, 
wenn es, wie Wackemell glaubt, der Sänger Stolle gewesen ist. Hat 
denn der so still gesungen, daß ihn Niemand hörte? Dann war er in 
der That kein gefährlicher Mann und Walther hätte dann ganz ruhig 
an dem vermeintlichen Kämthner Hofe weilen können. 

Aus diesen Ausftlhrungen hat sich^ wie ich hoffen darf, wohl mit 
ziemlicher Wahrscheinlichkeit ergeben, daß der Kämthner Aufenthalt 
Walthers nur ein Phantasiebild ist. Wenn ich nun nach Beseitigung 
dieser Hypothese nochmals die Frage aufwerfe, welcher von den beiden 
Berufungs-Sprüchen als der früher gedichtete zu betrachten ist^ so muß 
ich diese Frage dahingehend beantworten , daß dies L. 32, 7 — 16 sei. 
Es geht dies 1. aus dem Inhalt der beiden Sprüche selbst hervor, 
wenn man L. 32, 11: sing ich minen höveaehen sanc^ so Idagent siz 
Stollen mit L. 32, 20 vergleicht: mit dei* hövescheit bin ich nü ver- 
drungen, indem der letztere Ausspruch unzweifelhaft einen Fortschritt 
des Einflusses der unhöfischen Sänger bezeichnet. 2. zeigt sich dies, 
wie bereits oben angedeutet wurde^ in der Zusammenstellung von 
L. 32, 7 mit L. 31, 33 (den Anfangsversen der beiden Sprüche). 3. und 
das ist entschieden Ausschlag gebend deutet L. 32, 15: da {ze Osler- 



*) Ich gedenke übrigens auf die Anredeform in Walthers Sprüchen noch znrflck- 
zukommen. Hier erkläre ich nar, daß ich in Tollster Weise mich der Ansicht Men- 
zels p. 128 anschliesse, daß nämlich die Anrede mit i,Da** nur aus der Feme gestellt 
werden konnte und daß sie dann als poetische Figur betrachtet werden muß. Daß 
darunter ja nicht ^die respectvolle Feme*, wie sie Wackemell a. a. O. annimmt, be- 
griffen werden kann, ist selbstverständlich. Ad absurdum hat sich übrigens die An- 
sicht, es entstamme diese Anredeform einer grösseren Vertraulichkeit zwischen Dichter 
und Fürsten, dadurch selbst geführt, daß sie eine solche Vertraulichkeit auch zwischen 
Walther und Engelbert, dem gewaltigen ßartUn meüler annehmen mußte. 



a02 A. NAGELE 

riehe) toil ich mich allererst beklagen mit solcher Bestimmtheit darauf 
hiiii daß die hier ausgesprochene Berufung die erste sei, daß es wirk- 
lich Wunder nimmt, wie man auf die gegeutheilige Ansicht verEedlen 
konnte. Daß aber die beiden Sprüche nicht am Wiener Hofe selbst 
entstanden seien ^ dafür spricht die Berufung , die ja dann gans 
zwecklos wäre, selbst deutlich genug. 

Ich gehe nun auf L. 35^ 17 ff. über. Dieser Spruch mit der 
„reizenden Idylle*^) in die uns ^der scherzhafte Streit^ zwischen Forst 
und Dichter versetzt, wird fast durchweg, nur Menzel a. a. O. p. 276 
scheint nicht ganz einverstanden zu sein, an den Wiener Hof selbst 
verlegt. Auf all die verschiedenen Deutungen, die dieser Spruch über 
sich ergehen lassen mußte, kann ich mich hier, weil es einerseits sa 
weit führen und andererseits auch ganz zwecklos sein würde, nicht 
einlassen. Ich verweise aber daillr auf die diesbezügliche interessante 
Zusammenstellung bei Menzel p. 273 ff. Daß der Spruch kein harm- 
loser Scherz war spricht sich deutlich aus in L. 35, 20: 

du wünschest underwUent biderbem man, dun weist joch wie, 

weiter L. 35, 23 ff.: 

wie käst dQ. sus getan 

daz »cA dich an dm gemach gewünsdtet hän^ 

und du mich an mtn ungemach'i 

und L. 35, 35—36: 

.... l& stdn: 

wis d& von dan, Id mich 62 in: so leben wir sanfte beide. 

Wie man diese Äusserungen als einen ^»harmlosen Scherz*^ auffassen 
kann, verstehe ich nicht. Es war diese Anschauung wohl nur da- 
durch in Aufiiahme gekonunen, weil man nicht zu denken vermochte, 
daß Walther an Leopolds Hof diesen Spruch, wenn es damit voller 
Ernst sein sollte, dichten konnte. Und in der That ist der Ton, den 
Walther in diesem Spruche anschlägt, so herb, daß schon aus diesem 
Grunde die Annahme ausgeschlossen bleibt, daß er am Wiener Hofe 
verfaßt ist. 

Aber wo ist er dann entstanden? Dort, wo L. 31, 33 ff. und 
32, 7 ff., die beiden Berufungssprüche nämlich, gedichtet wurden. Leo« 
pold hatte auf des Dichters Berufung hin, diesen, dem er 
wohl noch „seiner alten Schuld^ wegen gram war, an- 
muthsvoll in den Wald verwünscht Dies war nun — die 
Fama pflegt bei solchen Anlässen sehr geschäftig zu sein 
— Walther hinterbracht worden, wonach der Sänger zorn- 
müthig den obigen Spruch gegen Leopold schleuderte 



ZUR CHRONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTRER8 II. 303 

Dadurch ist auch der Einwurf Menzels S. 164 beseitigt: „die beiden 
Appellationen hätten gar keinen Sinn^ wenn sie in leerer Luft verhallt 
wären. Sicher hat der Dichter Sorge getragen, daß Leopold seine 
Klagen vernahm und Alles aufgeboten, um seinen Zweck zu erreichen. 
Wäre ihm aber dies nicht gelungen, wie Rieger p. 15 und 28 an- 
nimmt, so dürften wir mit Recht in Walthers Sprüchen eine Andeu- 
tung darüber erwarten^*). Mir scheint^ der Spruch L. 35, 17 ff. gibt 
in der Weise, wie ich ihn verstehe, Andeutung genug hierüber. 

In gleicher Weise, wie L. 35, 17 ff. ist auch L. 24, 33 ff.**) hu- 
moristisch gedeutet worden. Es gehört dieser Spruch in die Reihe 
jener Sprüche, welche von Simrock unter dem Namen des «Wiener 
Hoftones^ zusammengefaßt werden und die ich anderswo, wie ich 
hoffe, mit annehmbaren Gründen in die Jahre 1198 — 99 verweise. 
Hier will ich nur in Kürze meine auf diesen Spruch bezüglichen Er- 
örterungen wieder geben. 

1. Die bereits von Simrock zu 4 hervorgehobene Ähnlichkeit 
zwischen L. 25, 7—8 und L. 25, 32—38, läUt schliessen, daß die bei- 
den Sprüche zeitlich nicht allzusehr von einander getrennt sind, weil 
sonst eine derartige Beziehung kaum erklärlich wäre, besonders dann 
nicht, wenn man genöthigt ist eine Zwischenzeit von 17 — 19 Jahren 
anzunehmen. 

2. Stimme ich allerdings mit Rieger p. 28 überein, daß dieser 
Spruch, wenn er als ernste Klage aufgefaßt würde, nicht nach dem 
Tode Friedrich des Katholischen und zwar unmittelbar und in Folge 
desselben entstanden sein könne, weil Walther bei solchem Anlaß 
ebensowenig persönliches Qefähl fUr den Hingeschiedenen, als allge- 
meines Schicklichkeits-Oeflihl verrathen hätte. Allein ich setze den 
Spruch nicht unmittelbar nach Friedrichs Tod an, sondern verweise 
ihn in eine etwas spätere Zeit, als nämlich in Folge der Einmischung 
Leopolds in den ungarischen Bruderzwist die Kriegsfurie auch nach 
Osterreich verheerend vorgedrungen war, also ins Jahr 1199***). 
Daß bei solchen Verhältnissen der Zustand des Wiener Hofes ein 
äusserst kläglicher war, liegt auf der Hand. 



*) Ich glaabe übrigens, daß man ganz mit demselben Rechte eine Andeutung 
darüber erwarten dürfte, daß es ihm gelangen war ~ doch diese Andentang fehlt und 
zwar aus leicht begpreiflichen Gründen. 

***) Der hof ne Wiene tpraeh se mir etc. 
***) Feßler-Klein : Gesch. von Ungarn Lpz. 18G7. I, 294, 295. Vgl Wilmanns 
in Haupts Zeitschrift XIII, 877 ff. 



904 iL NAGELE 

3. Vermag ich unmöglich in dem Sprache Scherz und Hmnor n 
entdecken, andere haben ihn übrigens auch nur deshalb gefanden, 
weil der Spruch sich so leichter in den unhaltbaren Wiener Aafenthah 
von 1217—1219 einzwängen Keß. 

4. Wie konnte Walther hoffen, daß, wenn der Herzog und der 
größte Theil seiner Edeln auf dem Kreuzzug sich befand^ am Wienar 
Hofe ein glänzendes Leben sein werde. Das wäre doch eine ganz 
unbillige Forderung gewesen. Aus allen diesen Gründen nun kaim 
ich mich der Annahme, der Spruch gehöre zu 1217-— 1219, nicht an- 
sdiliessen*). 

Ich komme nun zum Spruche L. 34, 34 ff. : Die wUe ich wek 
dri hüve 80 lobeRcher manne. Dieser Spruch deutet mit voller Be- 
stimmtheit darauf hin, daß Walther die Verhältnisse dreier Höfe, nini- 
lich des von Aquileja, von Wien und endlich von Mödling ab der- 
artige kannte, daß er bei L. 35, 6 behaupten durfte: mirst nä «cnnft 
daz ich durch handelunge iht verre striche. Was beweist denn aber, 
daß er diesen Spruch gerade am Wiener Hofe gedichtet haben muß ? 
Warum denn nicht an dem von Aquileja, den er ja zuerst nennt? 
Mit dem Patriarchen von Aquileja, Wolfger '^), war Walther schon su 
der Zeit bekannt, da dieser noch Bischof von Passau war, wie ans 
den von J. V. Zingerle herausgegebenen Reiserechnungen Wolfgers 
ersichtlich wird***). Freilich hat Wackemell a. a. O. p. 100 zu 29 ange- 
nommen, um das dem Patriarchen von Aquileja ertheilte Lob er- 
klären zu können, daß Bertold von Andechs im Jahre 1219 zogleich 
mit seinem Verwandten Heinrich von Andechs am babenbergischen 
Hofe geweilt habe, aber dies bleibt eben nur eine durch nichts er- 



*) Es muß fibrigens Wunder nehmen, wie man anf den seltsamen QedankMi 
verfallen konnte, daß Walther, der doch bereits sein sicheres Heim hatte, das gewift 
nicht gar so schlecht gewesen sein wird, als es der „lannige Dichter^ den p/ajffm, 
die die Kreuzzngssteuer sammelten, schildert, sich von dort aufgemacht haben soll, 
nm an den Wiener Hof in sieben , wo doch die Sparsamkeit desselben notorisch sein 
mußte. Daß er es nur that, „um der kleinen, sparsamen GeseUschaft*' mit seinem 
humoristischen Gedichte einen vergnügten Tag su machen, vrill nicht gans einleuchten. 
**) Daß der im Spruche erwähnte Patriarch dessen Nachfolger Berthold Ton 
Andechs sein soll, hat man offenbar nur behauptet, um den Spruch in eine Zeit 
hineinzudrängen, für die man schon einmal, wie dies leider so oft der 
der Fall ist, ein Vorurtheil gefaßt hatte. Es spricht absolut nichts für die 
Annahme, daß es Berthold von Andechs sei, den da der Dichter meint. 

•»*) Winkelmann hat in der Recension dieses Werkes Germania XXTH, S. 236 ff. 
in scharfsinniger Weise die auf Walther beaügliche Stelle auf das Jahr UM ge- 
deutet und zwar mit Gründen, die mich vollständig übeneugt haben. 



ZUR CHRONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTHERS H. 305 

wiesene Annahme, die die andere ebenfalls unbewiesene, daß nämlich 
Walther 1219 am Wiener Hofe sich aufgehalten habe, erhärten sollte. 
Man sieht leicht , auf welch schwanker Grundlage man sich da be- 
findet. Es bat übrigens wohl sehr wenig Sinn, daß Walther deshalb, 
weil der Patriarch von Aquileja in Wien weilte, dessen Hof und zwar 
sogar in erster Linie, gepriesen haben soll. Viel einfacher erklärt 
sich die Sache, wenn wir annehmen, daß der Spruch am Hofe von 
Aquileja verfaßt worden ist. Dort konnte der Dichter auch den 
Wiener Hof , sowie den von Mödling preisen, denn erstens waren 
ihm ja beide aus seinem langjährigen Aufenthalt in Oster- 
reich hinlänglich bekannt und zweitens kennen wir ja 
Walthers Sehnsucht nach dem Wiener Hof — durch das 
diesem so reichlich ertheilte Lob mochte er hoffen, daß 
sein Sehnen Erfüllung finden werde. So ist es auch ganz 
leicht erklärlich, daß der hövesche Sänger den Hof des Patriarchen 
zuerst erwähnt. 

Bezüglich des Spruches L. 84, 1, zu dem ich nun übergehe, ist 
die Annahme eine fast allgemeine, daß derselbe nicht am Wiener, 
sondern an einem andern Hofe und zwar an dem von Thüringen oder 
Kämthen entstanden sei. Da nun aber der letztere durch die obigen 
Ausflihrungen an und fär sich schon ausgeschlossen ist, so bleibt nur 
mehr der Thüringer Hof als Abfassungsort übrig. Darauf weist na- 
mentlich auch der Spruch L. 82, 11 — ^23: Rit ze hove Dietrich. Daß 
dieser Spruch nicht am Wiener Hofe gedichtet sein kann, geht schon 
aus dem Inhalte desselben mit unbezweifelbarer Deutlichkeit hervor. 
Denn wie lassen sich die Worte, wenn man den Wiener Hof als Ort 
der Abfassung festhält, erklären: 

Drt sorge hab ich mir genomen: 
möht ich der einer zende komen, 
und daz dritte hat sich mfn erwert anrehte manegen tac, 

daz ist der wünnecltche hof ze Wiene: 
in hirme unz ich den verdiene. 

Walther begründet auch seine Sehnsucht nach dem Wiener Hofe, in- 
dem er singt: 

Bit er 86 maneger tagende mit so staeter triawe pflac. 

man sach Liapoltes hant da geben, daz si des niht erschrac. 

Es sind diese beiden letzten Verse des Spruches von Wackerneil 
a. a. O. p. 84 zu 23 offenbar ganz falsch aufgefaßt worden, wenn er in 
L. 84, 12 „eine Anspielung auf die Zeit, wo Walther unter Friedrich 
(dem Eatbolischen), am Wiener Hofe lebte, wodurch er Leopold sehr 

GRRMANIA. NenA Reiho Xlf. (X^IY. Jahrg.) 20 



306 A. NAGELE 

fei n(!) jenes innige Verbältniss nahe iegt^ erblickt Es gehören im 

Gegentheil beide Verse auf das innigste zusammen und rühmen die 

staei^ triuwe in des Fürsten Freigebigkeit^ eine Tugend, die Walther 

an Herzog Leopold ja auch dann noch gerühmt hatte al» 

Des farsten milte ds Osterriche 
fröit dem suezen regen gelfche 
beidia Hute und euch daz lant 

und doch dem gemden Sänger des aUes niht enwirt ein tropfe*), 

Wackemell hat nun aber a. a. O. p. 30 entg^en dem gaos 
klaren Wortlaute des Spruches denselben nichts desto weniger am 
Wiener Hof verfEÜ^t sein lassen. Allein diese Ansicht hat ttberhaopt nur 
durch die Behauptung Zingerle's eine Grundlage erhalten, daß Waltbtf 
im November 1203 von Wolfger beschenkt und daß zugleich um die- 
selbe Zeit Leopolds Hochzeitsfest gefeiert worden sei, was den Bischof 
von Passau und Walther von der Vogelweide nach Wien gefiihrt haben 
soll, allein diese Grundlage ist ihr von Winkelmann entschieden ent- 
zogen worden, indem er a. a. O. p. 238 darthut, daß sich die besagte 
Schenkung viel wahrscheinlicher auf das Jahr 1199 als 1203 beziehe, 
indem fbr letzteres nichts, fiir ersteres aber so manches spreche*^ 
Es gehört also auch dieser Spruch nicht an den Wiener Hof selbst — 
nachzuweisen aber, wann und wo er entstanden sein mag, ist für die 
gegenwärtige Erörterung von gar keinem Belang, nur möchte ich ge- 
legentlich darauf hindeuten ^ daß Menzels Ansicht , die er a. a. 0. 
p. 157 ausspricht, es könne der Spruch nicht vor 1217 entstanden sein, 
„da der Dichter unter den drei Sorgen, die ihn nicht ruhen lassen siner 
frowen minne aufzählt, letztere ihm aber im Alter von 50 — 60 Jahren 
keine Sorge mehr gemacht haben könne^, mir nicht durchschlagend 
erscheint, indem Walther bei L. 28, 1 ff. nur wenige Jahre früher singt: 

Von Rdme vogt, von PüIIe künec, I&t iuch erbarmen 

das man mich bi rfcher kanst lAi alsus armen. 

gerne wolde ich, mdhte es stn, bl eigenem fiore erwarmen. 

zät wiech danne suDge von den YOgeUinen, 

von der beide und von den blaomen, als ich wilent sanc! 

swelch aehoene wtp mir denne gaebe ir hahedane y 

der lies ich liljen unde rdsen üz ir wengel schtnen, 

*) Ich verweise fibrifrenR hiebei, mn gerade in diesem Punkte Walther^s ün- 

eigennfitsigkeit nnd edle Denknngsart sn illustrieren auf L. 80^ 27 ff. : 

Ich bin dem Bogenaere holt 
gar dne gäbe und äne 90Ü: 
er ist milte swie kleine ichs geniuse. 
s6 niese in aber ein Pöl&n aide ein Riose 
daa iti alle: dne mtnen Aas. 
**) Die Widerlegung der Zingerle-Zamcke'schen (gegen Winkelmann) Aosicht 
ich in einem der nSchten Hefte folfen. 



ZUR CHRONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTHERS H. 307 

Es spricht aber gegen Menzels Ansicht, die auch von Wacker- 

nell^ weil sie ihm gerade paßt, acceptiert wird (a. a. O. p. 83 zu 23) 

Walthers ganz positive Erklärung bei L. 66, 27 : 

wol vierzec jdr hab ich gesungen oder mi 
von minnen und als ieman sol. 

Es geht eben daraus mit voller Bestimmtheit hervor, daß Walther im 
Alter von 50—60 Jahren noch immer von Minne gesungen, und der 
greise Sänger , als der er uns in diesem Liede entgegentritt, er- 
klärt darin keineswegs, daß er die Absicht habe, den Minnesang auf- 
zugeben. 

Es erübrigen nun noch zwei Sprüche, die auf den Wiener Auf- 
enthalt Walthers gedeutet werden, zu besprechen^ nämlich L. 28, 11 bis 
20 und L. 36, 1 — 10. Der erste gehört dem aus 19 Sprüchen beste- 
henden Ton an, der von Simrock, freilich mit wenig Berechtigung, 
„Köuig Friedrichs Ton^ genannt wurde. Für die chronologische Be- 
stimmung desselben ist es nun nothwendig, einen kurzen Blick auf die 
Chronologie der übrigen Sprüche dieses Tones zu werfen. 

Es kommen dabei, da manche dieser Sprüche ihres ganz allge- 
meinen und auf bestimmte Zeitverhältnisse nicht bezüglichen In- 
haltes wegen, eine chronologische Fixierung naturgemäß ausschliessen, 
nur die folgenden in Betracht: L. 26, 23 ff. (Pf. B. 147; WR. 47, 11; 
W. 84, 11; S. 76); L. 26, 33 (Pf B. 148; WR. 48, 10; W.84, 21 ; S. 77); 
L. 27, 7 (Pf. 151; WR. 49, 1; W. 84, 31; S. 81); L. 28, 1 (Pf. B. 149; 
WR. 47, 1; W. 84, 111; S. 78); L. 28, 31 (Pf. B. 150; WR. 47, 21; 
W. 84, 121; S. 80); L. 29, 4 (Pf. B. 146; WR. 43, 10; W. 84, 91; S. 89); 
L. 29, 15 (Pf. B. 153; WR. 50, 3; W.84, 131; S. 82); L. 29, 25 (Pf. 
B. 142; WR. 44, 5; W. 84, 41; S. 85); L. 29, 35 (Pf. B. 143; WR. 44, 
15; W. XIV, 31 ; S. 86). Femer können auch noch nach der gewöhn- 
lichen Annahme hierherbezogen werden : L. 28, 21 (Pf. B. 139 ; WR. 
42,19; W. 84,51; S.90); L. 30, 29 (Pf. B. 144; WR. 46, 8; W.84, 
101; S. 92). 

Davon weisen nun offenbar auf die Zeit des Übergangs Wal- 
thers vom Dienste Ottos in den Friedrichs L. 26 , 23 ff. L. 26, 
33 ff. L. 29, 4 ff. L. 29, 25 ff. L. 29, 35 ff. Femer auch L. 28, 21 ff. 
und L. 30, 29 ff. Wenn wir nun annehmen, daß die Sprüche des 
von Simrock zubenannten Kaiser Ottentones L. 11, 6 — 13, 4*) in die 

*) Die Sprüche des Tones, den Simrock als den „zweiten Ottenton" beseich- 
nete, gehören nicht in diese Zeit, sondern in eine viel frühere, wie ich noch anderswo 
nachzuweisen gedenke. Nur zwei Gründe seien hier zur ErhSrtong meiner Be- 
hauptung angeführt: 1. Gebraucht Walther bereits schon den „Kaiser OttentotL** 



30g A. NAGELE 

Jahre 1211*) bis 1212**) gehören, so könnte der Bruch Walthen imt 
Otto noch im Jahre 1212 erfolgt sein. Dahin deutet nämlich der Äm- 
dmck bei L. 28,1: Von Rdme vogt^ von Pulle künec Es ist 
dies eine Titulatur, die der heimatlose Sänger wohl nicht nach der 
(ersten) Krönung Friedrichs zam deutschen Könige 9. Deoember 1212 
an die Spitze eines Spruches, in welchem er sich als ein Hilfe flehender 
an König Friedrich wandte, gestellt haben kann. L6A iuch erbarmm 
(so lautet die ruhrende Bitte des von Kaiser Otto schmählich behaa* 
delten Dichters) 

daz man mich bi richer konst Iftt alsus armen. 

gerne wolde ich, mohte et sSn, bf eigenem finre eiwai 'ui e u. 

Ffir diese Zeit hat auch der Hinweis Walthers auf des Königs dgene 
Noth den besten Sinn***): die n^ bedenkent, miUer künee^ daz Mmxr 
n6t zerge. Wir dQrfen kaum zweifeln, daß König Friedrich bald des 
Sängers Bitte erhörte ^ wodurch er eine neue Macht in seinen Dient 
zogy deren Bedeutung uns Thomasin von Zerkläre in seinem welM^em 
Oast klar genug dargelegt hat Dem Jubel über die Erfüllung seines 
so lange vergeblichen Wunsches gibt der Sänger in L. 28, 31 ff. hen- 
innigen Ausdruck. Hier nennt er Friedrich schlechtweg künee, wes- 
halb dieser Spruch, sowie L. 27, 7 wohl in die Zeit nach der entes 
Krönung Friedrichs zu setzen sein wird. 

Der Spruch 29, 15, der einzige, der noch erübrigt, kann unmittd- 
bar nach der zweiten Krönung Friedrichs 25. Juli 1215 frühestens 
entstanden sein, weil da Friedrich, hingerissen von dem feierlicfaeo 
Momente, der ihm die Kaiserkrone und damit das Ziel seiner Wünsche 



Rdgesprachen ^gen den Papst bei L. 11, 6-17; L. 11, 18—29 and L. 12, 30 bb 
13, 4; waram sollte er dann zu weiterer Rfige einen neuen Ton erfanden habesT 
2. Hat man die Sprache L. 34, 4—13 and L. 34, 14-23, wo von den Opf&tUkkm 
die Rede ist, anf das Jahr 1213 bezieben sa mfissen geglaubt, weil die Aafrtell«i| 
solcher Opferstöcke ßn den Kirchen Deutschlands zu diesem Jahre berichtet wird; 
allein wenn man die weitere Bestimmung, daß der Stock 3 Schlösser and die 
Schlüssel dazu ein Priester, ein Laie und ein Ordensgeistlicher habei 
soll, ins Auge faßt, so sieht man leicht, daß dieselbe zur ersten Aafiitellaii^ der 
Stöcke nicht passen will. VgL übrigens Harter, Innoc. ÜL 2. Bd., p. 509. 

*) Auf dieses Jahr scheint sich L. 1 1, 6 zu beziehen, da Otto bereits Not. 1210 
dem Banne verfallen war. Dahin scheint denn auch L. 12, 30 ff. gesetst werdea 
zu müssen. 

**) Darauf weist L. 11, 30 ff., da Otto gleich zu Beginn des Jahres 1212 des 
deutschen Boden betrat. 

***) Mau vgl. die Bemühungen Thumwalds .die Noth** zu erklären in seiner 
^ „Dichter, Kaiser und Papst". Wien 1872, p. 80 zu 13. 



ZUR CHRONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTHERS II. 309 

in nahe Aussicht stellte, das Kreuz nahm. Daß Friedrich aber, als 
dieser Spruch entstand, bereits auf seiner Römerfahrt, wie man be- 
hauptet, begriffen war, ist ein leeres Phantasiegebilde. 

Ich habe somit dargethan, daß diejenigen Sprüche, die die meisten 
Anhaltspunkte für Festsetzung der Zeit, in der sie entstanden sein 
mögen, bieten, grossentheils mit voller Bestimmtheit in die Jahre 1212 
bis 1215 gewiesen werden können und daß, wo dieser Nachweis nicht 
erbracht worden, wenigstens nichts bindert, diese Zeitbegrenzung fest- 
zuhalten und nichts für eine andere Zeit in die Wagschale fällt. Sollte 
nun der Spruch L. 28, 11 ; Pf. B. 152; WR. 49, 11; W. 84, 61; S, 79»), 
um den es sich eben hier handelt, einzig und allein ins Jahr 1219 
gehören ? **) Ich glaube, daß schon dieser eine Grund überzeugen muß, 
daß der bisherige Ansatz dieses Spruches nicht richtig sein könne. 

Ich halte ihn im Gegentheil für einen der ersten, wenn nicht 
überhaupt für den ersten Spruch dieses Tones und glaube, daß er in 
Deutschland verfaßt ist, als Leopold gegen Ende des Jahres 1212 von 
seinem Ereuzzuge nach Spanien zurückkehrte, wo er zu spät gekommen 
war, indem er die Sieger von Tolosa bereits auf der Rückkehr zu 
Calatrava fand, weshalb er sich begnügen mußte, an St Jakobs Orab 
zu Compostella zu beten, die Araber am Minho und Duero zu be- 
drängen und die Ketzer im südlichen Frankreich zu schrecken***). 
Damit hat nun freilich die schöne Hypothese, der auch noch in jüng- 
ster Zeit Thumwald p. 56 beipflichtet, ein unerwartet trauriges Ende 
genommen, daß nämlich Walther an der Spitze einer Wiener Depu- 
tation den aus Palästina heimkehrenden Herzog in Aquiieja mit dem 
obigen Spruche überrascht habe. Die Deputation, diesen mehr mo- 
dernen Begriff, wird man wohl überhaupt fallen lassen müssen, denn 
der Umstand, daß in den Versen 2,3,6,4,7 und 9 des Spruches Walther 
als Sprecher einer Mehrheit erscheint, berechtigt noch nicht dazu, gleich 
auf eine Deputation zu denken, da er uns in ähnlicher Lage öfters 
begegnet, so L. 32, 36; L. 84, 29; L. 84, 34—35; L. 83, 25. 



*) Herzog uz d»terriche, ez iH iu wol ergangen* 
**) Es wird sich überhaupt im Laufe meiner Untersuchiingeu zur Chronologie 
der Sprüche Walthere von der Vogelweide, wie ich hoffe, mit durchschlagendem Er- 
folg, der Nachweis liefern lassen, daß die alte, von Simrock so lange festge- 
haltene Ansicht, daß die Sprüche eines Tones chronologisch ge- 
bunden sind, die allein richtige war. 

***) Leider stand mir zur näheren Bestimmung dieser Verhältnisse weder ein 
Regesten- noch irgend ein Qaellenwerk zur Verfügung, sondern ich mußte mir 
diesen allerdings nebensächlichen Punkt auf Hormayrs theilweise entschieden 
tige Ausführungen, die ich über diese Verhältnisse in seinem Werke vorfinde 
seine Geschicke und seine Denkwürdigkeiten. Wien 1823. 11^ ä^ G4. «\55ia.^iQk« 



310 ^ NAGELE, ZUR CHRONOLOGIE DER SPRÜCHE WALTHEB8 IL 

Ich könnte hiermit schliessen, denn nachdem ich nadigewiesen 
habe^ daß alle Sprüche Walthers , die auf Leopold oder den Wiener 
Hof bezüglich sind, entweder dort bis 1199 oder wenn sie nach diesem 
Jahre entstanden^ fem von Wien verfaßt sind, wird wohl Niemand 
glauben, daß der einzige Spruch , der noch übrig ist, nämlich L. 36, 
1 — 10*) an den Wiener Hof gehört Dennoch will ich auch ihn einst 
Besprechung unterziehen, da ihn Menzel a. a. O. p. 165 auf „aeinen* 
zweiten Wiener Aufenthalt glaubt deuten zu mtlssen. Er seist dea 
Beginn der sparsamen Zeit am Wiener Hofe, von der Walther in dem 
Spruche handelt^ spätestens in den Anfang des Jahres 1206 und ftahrt 
zum Beweise ein Schreiben Innocenz IH. vom 25. Februar des näm- 
lichen Jahres, das an den Herzog Leopold gerichtet ist, an ^ „wcnin 
ihm der Papst mittheilt ^ er habe vernommen , daß der Hersog nA 
entschlossen habe, eine Kreuzfahrt anzutreten, was auch durch die 
Angaben der Melker , Garstner und Klostemeuburger Chroniken ba> 
stätigt werde^. 

Bis hieher stimme ich Menzel vollständig bei. Allein nicht ein- 
verstanden muß ich mich mit der Ausführung, die er etwas fifther 
bringt, erklären, daß „die genaue Bekanntschaft des Dichters mit dem 
Verhalten des Hofes und der Adelskrcise in Wien während jener spar- 
samen Zeit unwiderleglich (!) beweise, daß er selbst 2ieuge davon 
war*^. Soll denn die Sparsamkeit Leopolds und des österreichischen 
Adels zu dem Zwecke eines Ereuzzuges^ nachdem der Plan des Unter- 
nehmens bereits zu Ohren des Papstes gedrungen war, an den deut- 
schen Höfen ein Qeheimniss geblieben sein? Zeigte sich die Sparsam- 
keit Leopolds und des Adels nur am Wiener Hofe und nicht aller- 
wärts? So zuversichtlich darf demnach diese Behauptung, Waltfaor 
müsse Augenzeuge gewesen sein, wohl doch nicht hingestellt werden. 

Was Menzel noch für diesen angeblichen zweiten Wiener Auf- 
enthalt Walthers von der Vogelweide anführt, ist bereits früher schon 
als unrichtig dargethan worden**). ANTON NAGEUB. 



*) D6 LiupoU spart df gote9 vaH, <kf künftig $re etc. 
**) Daß die beiden Sprüche des „Wiener Hoftones% die in dieser Abhandlnng 
keine weitere Besprechong fanden, nSmlich L. 20, 31 ff. : Mir iH vertpaH der Botiden 
tor nnd L. 25, 26 ff.: 06 ieman spreche, der nd lebe in der Zeit von 1198 — 1199 
gehören, glaube ich, wie bereits bemerkt wurde, oben S. 160 ff. nachgewiesen sa 
haben; hier sei nur so viel erwähnt, daß der letztere Spruch nach meiner dort Tor- 
getragenen Ansicht bei den Huldigungsfeierlichkeiten nach der Rftckkehr Lieopolds 
von seiner Belehuuug, also etwa gegen Ende August 1198 entstanden ist. 



A. JEITTELES, ZU DEM BA1BI8CHEN BEäEGMUNOEN'. 311 



ZU DEN 'BAIRISCHEN BESEGNUNGEN'. 



Die von Birlinger S. 74 unter Nr. 3 mitgetheilte Besegnung 
findet sich in etwas veränderter Form auch in einer mit Pfeiffers Arznei- 
buch II (Sitzungsb. d. Wiener k. Akad. d. Wiss. Bd. 42, S. 127 ff.) 
vielfach übereinstimmenden Innsbrucker Pergamenthandsohrift aus dem 
14. Jahrhundert 

(foL 19P) Ad partum mulierum. 

Swenne daz wip ze chemn&ten sol gdn, so sol man disen prief 
schreiben und sol ir den legen üf den buch: de viro vir, virgo de 
virgine, vicit leo de tribu Juda. Maria virgo peperit Christum , EUi- 
zabeth peperit Johannem Baptistam. Adjuro te, infans, per patrem 
et filium et spiritum sanctum , si masculus es aut femina, ut exeas de 
Vulva ista! Exinanite*), exinanite! Als daz chindlin gebom wirt, sd 
solt du vil palde den prief ab loesen. 

In derselben Handschrift, deren weitere Benützung ich mir vor- 
behalte, befinden sich u. a. auch folgende Segensformeln. 

(fol. 197") Ad febres cottidianas. 

Idem. Wellest du des schier puozzen , so nim ainen apfel 

und tail den in driu und 1& si doch alliu an ainander**) haften und gib 
im die drei tage näh ainander ***) ze ezzen nuohter. An ain tail schreip 
den vers: increatus pater; an daz ander tail: inmensus pater; an daz 
dritte: etemus pater. 

(fol. 214*) Contra febres. 

So der mensch daz vieber hat, so sol man im salben die lanchen 
und den ruggen und diu pain mit artagaton und mit marciaton — 
die salben chennent die arz&t wol — und sol danne leken vil wol in 
ainem vazze , so wirt er gesunt. Helf daz niht, so bedeke den men- 
schen in ainem vazze und tuo dar in glüend stain und s» L s^e üf 
die stain habren und leke dar üf mit vil starchem win und lä den 



*) Darnach muß das bei Birlinger miYentllndlicbe Wort (a. a. O. S. 74, 11 
und 38) corrigiert werden. 
*»•) anander. 



312 A. JETTTELES, ZU DEN BAIRISGHEN BESEONUMOEN*. 

toam g^D in den menscben, so er die hitze aller maist müg erllden. 
Helf daz niht, so nim attichen und siud die vaste und mache dar ui 
ain vollebat und b» den menschen vast and vlizichlich in dem bade^) 
mit den attichen und tuo daz drl tag und gib im alle morgen ze 
trinchen harn nüehter, sd wirt im baz. Wil du stn schier bQeEEen, so 
nim ainen apfel und tail in in driii und lä si doch alliu driu an ain- 
ander ^) haften und gib im den apfel ze ezzen dii tag. An ainen 
tail schrip den vers: increatus pater etc.^ an den andren tail: inmen- 
BUS pater etc., an den dritten: etemus pater etc. Helf daz niht, sft 
nim driu porren bleter und schrib an ainz: dextera domini fecit dto; 
an daz ander: dextera domini exal. me; an daz dritte: dextera do- 
mini liberavit me^ und ezze diu bleter dri morgen nüehter. Hdf das 
niht, so schrib an dri obläten: o febrem omni laude colendam; an das 
ander: o languorem sanitatis et gaudii; an die dritte: ascribendam 
nax pax max. Die sol der sieche dri tage nüehter ezzen. Hta 
du der obläten niht, so nim ain rinden ab dem bröt: diu ertsnf ist 
versucht. 

Andere in dieser Us. enthaltene Besegnungen und Zaubermittei, 
gegen Fallsucht, Fieber, Nasenbluten, kommen in wenig verschiedener 
Fassung bei Pfeiffer S. 151, 8. 153, 24. 154, 17 vor, jene Mittel nicht 
gerechnet, die auf blosser Sympathie beruhen. Noch andere %airisehe 
Besegnungen' zu Heilungszwecken stehen bei Pfeiffer a. a. O. 139, 13. 
141, 26. 148, 10. 

Die von Birlinger unter Nr. 13 mitgetheilte Besegnung ist sowohl 
in Pfeiffers Arzneibuch (150, 4 ff.) als in der Innsbrucker Handschrift 
(fol. 196*) in ungleich ausfflhrlicherer Behandlung enthalten. 

INNSBRUCK, 18. Februar 1879. ADALBERT JEITTELES. 



*) uiv bade; niv durch Punkte tlarutiUr getilgt. 
**) anander. 



UTfERATUB: ZUR KRITIK DER NIBELUNOEN. 313 



LTTTERATÜR. 



Zur Kritik der Hibelungen. 

(Schloß.) 

In das EigeDtbum eines neuen Dichters « von dem wir noch nichts ge- 
funden haben, treten wir ein mit der Erefthlang Ton Iringt Tod, Str. 1965 
— 2015. Die Interpolationen sind hier nur genug. Vor Allem sind ein- 
geschoben 1966 f. 1969—1971. 1998 f., alle fiberflüssig und nur angebracht 
mit der Absicht, „Hagen und die Bargunden, noch ehe sie angegriffen werden, 
an der Handlang zu beteiligen''. Peweislos, wie diese Behauptung vorgebracht 
ist, bedarf sie auch keiner Widerlegung^). 

Nur die Wirkungslosigkeit von Hagens höhnenden Worten in 1993 und 
und 1994 hat Wilmanns angeführt. Ich finde darin einen schönen Zug. Iring 
will als durchaus edler, ritterlicher Mann nichts von einem Wortwechsel wissen; 
1996 ff. zeigt er mit der That, daß Hagens Rede ihn gereizt hat, und man 
mag, was freilich nicht nothwendig ist, seine Worte 1996, 3 den UhermUeten 
man auf 1993 f. beziehen. — Weiterhin wird 2005 für interpoliert erklärt, 
weil Iring nicht um des Geldes, sondern um der Ehre willen in den Kampf 
gegangen sei. Wir werden nachher sehen, daß dieser Satz sehr zweifelhaft 
ist; er soll aber richtig sein, so widerstreitet er doch dem Inhalt von 2005 
durchaus nicht: Iring spricht hier nicht von sich^^), sondern warnt die von Du- 
ringen und die von Tenelant, sich nicht durch Kriemhilds Oold in den Kampf 
treiben zu lassen, was ja Etzels eigener Bruder gethan hat. Daß Imfrit und 
Hawart, um Iring zu rächen, ohne Bezahlung in den Kampf gehen, streitet 
auch nicht im geringsten mit 2005; und ebensowenig beweist es etwas gegen 
2012, welche W. ebenfalls athetiert, obwohl er sich hier die gans richtige 
Bemerkung selbst macht, daß in 2012 der Feind Volker spricht. — ^012 
soll aber noch aus einem anderen Grunde verdächtig sein. Da Volker und 
Hagen die Thür hüten, so sei Volkers Commando 2012 befremdlich. Ich 
glaube, es werden nach 2011 doch noch mehr Bnrgunden vor dem Saale sein, 
und Volker kann ganz füglich diesen befehlen, den Weg in den Saal frei zu 
machen. Ob nan dieser Befehl an sich auffallend ist oder nicht, ist gleich- 
giltig. Jedenfalls kommen die Feinde 2013 f. wirklich in das Haus und werden 
darin alle erschlagen. — Str. 2014 greift zurück; 2013, 4 „ist die Erwähnung 
Gemots und Giselhers unmotivirt". W. combiniert daher 2013, 1 a Dd die 
ühermüeten mit 2014, 1 b k6men in daz Ms u. s. f. Beide Argumente haben 
keine Kraft. — Mit 2015 schließt W. die Scene ab. 



*) Lachmann hatte von allen diesen Strophen nur 1971 ausgeschieden; er selbst 
hat die Echtheit der Strophe nur „bezweifelt**, und seine Gründe sind schwach genug ; 
nach 1970 wird auch die Strophe kaum zu entbehren sein. 

**) Ich brauche deshalb meine Zuflucht nicht zu B. v. Muths 
richtiger Bemerkung (Zeitsehrift für deutsche Philologie 8, 491) m nehr 
Nehmen einer Miete überhaupt nicht gegen den Geist der Zeit war. 



314 UTTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 

Wir haben in dieser Scene, wie voraus angedeutet, einen Dichter tot 
uns, dem wir noch nicht begegnet waren, den Iringsdichter. W.s Qrfinde 
haben hier weit mehr Scheinbarkeit als sonst, weil er sich hier genauer in die 
elementaren Dinge der stilistischen Darstellung eingelassen hat; man mag des- 
halb entschuldigen, wenn ich etwas ausfShrlicher werde. 

Der Rüdigersdichtung soll die Scene vor Allem nicht angehören ; dagegoi 
sprechen die geringen Interpolationen. Es hätte aber doch wohl znfiUlig ein Ab- 
schnitt der alten Dichtung existieren können, der die Interpolatoren weniger nr 
Thätigkeit gereizt hätte als andere Sceuen. Femer spricht gegen die Zagehörig- 
keit zur Rüdigersdichtong die Ausführlichkeit der Behandlung eines dfirfkigen 
Stoffes und die üppige Farbengebung. Beides gründet sich auf die Atiietesei 
in der Rüdigersdichtung, besonders das zweite; denn in den Str. 1772 f. 1779. 
2184. 2149 f. darf man auch wohl von kräftigem Colorit reden; anch war in doi 
grinunigen Kampf unserer Scene viel mehr Gelegenheit, grell und glänaeiid n 
malen, als in dem Idyll zu Bcchelaren, dem Festessen und der nnheiBliehai 
Nachtwache oder der düstem Scene von Rüdigers Tod. — Auch die geringe 
Bedeutung der auftretenden Helden, die unsern Dichter vom Rüdigersdicktar 
unterscheiden soll, bietet keinen Anstoß; der Dichter folgt eben der Über- 
lieferung, und Iring kommt ja in der Thidrekssaga vor. — Anch von das 
Dankwartsdichter ist der Iringsdichter verschieden, obwohl er ihm näher «tekt 
Es fehlt ihm das dramatische Element, das den Dankwartsdichter anssttchnek, 
welcher sich meist in Rede und Gegenrede bewegt. Der Iringsdichter hat frgt 
gar keinen Dialog. — Allein dieses Resultat ergibt sich erst aus der Aihe' 
tierung von 1966 f. 1969-- 1971. 1993 f. 2005. 2012, in welchen, aiMnr 
in 2005, inmier Hagen und Volker redend auftreten. Eben diese zwei reden 
bei dem Dankwartsdichter so besonders viel, und der trotzige Inhalt ilutr 
Reden ist hier und dort gleich. Wir haben aber gesehen, daß die genannten 
Strophen ganz grundlos weggeschafft worden sind. Lassen wir sie stehen , so 
kommen in unserer Scene auf 51 Strophen 14 mit directer Rede, also nieht 
ganz Y3, in den Kampfscenen des Dankwartsdichters, die doch allein ver- 
glichen werden dürfen, 1858^1916, auf 59 Strophen 28 oder 29, also niekt 
ganz die Hälfte; das ist wohl ein geringer Unterschied. — Das |,starke Auf- 
tragen der Farben^ ist schon erwähnt; der Dankwartsdichter hat daran übrigens 
auch seinen Theil. Auffallend ist allerdings, was W. als Einzelheit eriHUint| 
daß das Funkensprühen von dem Iringsdichter viermal erwähnt wird (1980, 2. 
1990, 4. 1999, 1. 2. 2009, 3), von dem Dankwartsdichter gar nie. Das Motiv 
ündet sich sonst noch 2212, 4. 2215, 1 (worauf W. an einer späteren Stelle 
zu reden kommt); und in den von W. nicht untersuchten Partien 185, 3« 3. 
1552, 3. Also in einer Kampfscenc viermal, in einer zweimal, in zweien je 
einmal und in dreien gar nicht. Das ist immerhin ein Unterschied ; ob aber 
für sich allein von Bedeutung, fragt sich*). -^ Den Vergleich zwischen Schwert 
und Fiedelbogen hat der Iringsdichter gar nicht. Wir wollen etwas genauer 
zusehen, wie weit das trifft. Volker kommt im Iringslied vor 1969 f. 1977 f. 
2008 f. 2012. Zur Anbringung des Bildes wäre Platz gewesen in (1970.) 
1978. 2008. 2012—2014; also nur 5 — 6 mögliche Stellen. Das Bild kommt 



*) Den viermal (1978. 1980. 198%. %(M%^ f^CkVkttxv«.ViV«i\ Ausdruck mn Un^ be- 
erst später', daher s. u. 



LITTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 315 

überhanpt vor an folgenden Stellen : 1723.1759.1903.1913.1939.1941.1943. 
1944 (ziemlich verschieden ist 2206 f.). Alle diese Stellen enthalten entweder eine 
allgemeine Bezeichnung des Schwerts als Fiedelbogen, oder eine ebenso allgemeine 
Vergleich ung des Kampfes mit dem Saitenspiel. Thells ist das Bild hergenommen 
von den Tönen, den Leichen, die Volker fiedelt^ theils mag man auch an das 
Hinondherzncken des Schwertes denken. So schön und glanzvoll dieses Bild ist, 
so lächerlich wurde es sofort, wenn es der Dichter da verwenden wollte ^ wo 
Volker auf einen bestimmten Gegner losschlägt; hier würde sofort das Tertium 
fehlen. Der Dichter war Dichter genug, das zu empfinden, und hat an allen 
den Stellen, wo er Völkern einem bestimmten Gegner im Kampf gegenüber- 
stellte, das Bild weggelassen: 1826. 1936. 1958. 2214. 2222. Und nun 
zurück zu der Iringsdichtung! 1969 f. konnte das Bild der Fiedel ohne Zwang 
nicht angebracht werden; 1977 f. 2008 f. hat Volker einen bestimmten Gegner 
vor sich; und nur 2012 — 2014 wäre Raum für das Bild gewesen. Der sehr 
scheinbare Unterschied erklärt sich also von selbst. — Aber, kann man weiter 
fragen, warum hat denn der Dichter bei dem Kampf im Saal seine Schilderung 
so allgemein gehalten, daß er das Bild verwerthen konnte, und nachher nicht 
mehr? Im Saale stosscn die Burgunden auf keine namhaften Gegner, alle solche 
treten erst später auf, mit Ausnahme des vorher abgefertigten Blödel. Nur den 
Heunen stehen sie gegenüber, und unter diesen konnte oder wollte der Dichter 
keinen besonders erwähnen. Anders nachher, wo Iring, Irnfrit, Hawart, Rüdiger 
und die aus sonstiger Sage mit Namen bekannten Amelungen auftreten; hier handelt 
es sich um Einzelkämpfe. Natürlich haben — und es ist das auch immer 
erwähnt — alle diese Helden namenloses Gefolge mit sich. Aber der Kampf 
mit diesem wird immer, wie natürlich, ganz kurz berichtet, ebenso der mit den 
dazwischen hinein wider ausgesandten Heunen (2020 — 2022. 2065—2071). 
Nur den ersten allgemeinen Kampf hat der Dichter nicht versäumt ausftlhr- 
licher und mit allen Mitteln poetischer Ausschmückung zu schildern. — Das 
führt uns weiter. Nach W. ist der Iringsdichter arm, er reiht willkürlich und 
ohne jemals einen lebhaften Eindruck zurückzulassen, Zweikampf an Zweikampf, 
nur um alle burgundischen Helden anzubringen. Allein die Kämpfe alle nach 
dem im Saal haben an dieser Armuth mehr oder minder Theil, und der be- 
sondere Charakter des Lringsliedes läßt sich leicht erklären. Iring muste ange- 
bracht werden, da seine Person überliefert war; aber viel von ihm zu sagen 
wüste der Dichter nicht. Es ist also kein Wunder, wenn seine Darstellung 
wenig Interesse darbietet. Irings Kampf ist, im Gegensatze zu dem Dankwarts, 
eine eigentliche Aristie: ohne zwingenden, sachlichen Grund tritt der eine Held 
auf die Bühne und verschwindet, ohne etwas Wesentliches an der Sachlage 
geändert zu haben. Wenn man will, läßt sich also leicht annehmen, daß Irli 
Kampf Gegenstand eines besonderen Liedes gewesen sei. Aus einem soll 
mag der Dichter die etwa vorhandenen besonderen Züge der Scene gesoP 
haben, das planlose Hin- und Herrennen Irings (wenn nicht für dieses die 1 
losigkeit des Dichters einem unbedeutenden Stoff gegenüber mit mehr Recht 
antwortlich gemacht wird), das viermalige Funkensprühen q 
noch finden mag*); obwohl kein zwingender Grund für so 

^) Hennings Vorbringen (a. a. O. 68), daß das Iringslied 
altertümliches und stilvolles, das Dankwartslied em ^^^«raa vfifii 
\ehenäigereD Vortrages ausgerüstetes Lied** sei, luim \^ ^^^^ 
keine Begräadang dafür beigebracht hat, aac^ k^ne Y^^VnsXk'ftim 



31H LITTERATUR: ZUK KRITIK DER NIBELUNGEN. 

huiden ist. — Warum nehme ich aber, könnte ich leicht gefiragt «erdca, 
nicht lieber mit Lachmann hier ein besonderes, noch Torhandenes Lied aa? 
Wir wissen, daß die Nibelungenaage Gegenstand yielfaeher epiacher Behaad- 
long in Deutschland gewesen ist, gewöhnlich wohl in kleineren, einen beatunintai 
Punkt der Sage fixierenden Liedern. Geben wir nun sn, daß im K. Ij. sieh 
da und dort Verschiedenheiten der Au£Rftssnng| der Darstellung, des To«es 
finden — im Ganzen gehen sie doch bei näherer, auf den jeweiligen €kgen* 
stand eingehender Prüfung nahe genug zusammen — so lassen sich diese gar 
leicht erklären durch die verschiedenen Lieder, die der Dichter kannte, wmm 
großen Theil gewiß auswendig wüste. Läge uns ein Stoff, von dem wir wfistflBy 
daß er in Deutschland zuTOr nie bearbeitet worden, in einer Dicbtmig vor, 
die wesentliche Unterschiede zwischen ihren rerschiedenen Theilen zeigte, so 
könnten wir kaum anders , als diese rerschiedenen Theile verschiedenen Yer* 
fasscm zuschreiben. Da wir aber beim N. L. Vielheit der Quellen annehiaai 
dSrfcn, aus denen der Dichter geschöpft hat, so sind wir hier zu der Annäht 
mehrerer Dichter noch nicht genöthigt. Diese Annahme könnte nur gcetüiit 
werden auf fundamentale Verschiedenheiten des Sprachgebrauchs , das Bciiii 
und anderer elementarer Dinge, auf welche der jeweilige Stoff und also 
die jeweilig vorhandene Quelle ohne Einfluß oder doch nur von ganz 
ist: solche Merkmale sind es, an welchen sonst die einzhlnen mhd« Dichter 
ziemlicher Sicherheit unterschieden werden können. Man weise also in dii 
Dingen eingreifende und beträchtliche — denn bis zu einer vhm. hohen Gi 
kann Zufall herrschen — Verschiedenheiten nach^ und man wird der serlegendaa 
Kritik eine sichere Handhabe gegeben haben. Aber dazu sind bis jeiat nar 
dürftige Anläufe gemacht worden; und Bartsch' Satz, daß in allen fonaellea 
Dingen alle Theile des N. L. sich so ziemlich gleich seien, ist bis jetst nicht 
widerlegt worden. Wilmanns zieht, wie wir sahen, nur höchst selten Derartiges 
herbei; es mibte aber, wenn es Beweiskraft haben sollte, durchaus and con- 
sequcnt geschehen. Ich bin aus dem Satze seiner Vorrede (S. IV f.) bis jetzt 
nicht ganz klar geworden: „Beobachtungen des Stils, des grammatischen Qe* 
brauches, des Wortschatzes, des Versbaues sind nutzlich und notwendig, m 
ein lebendiges und treues Bild von der Art eines Dichters zu entwerfen; aber 
man kann eolche Beobachtungen mit Erfolg erst dann anstellen, wenn das Werk 
eines Dichters vorliegt; wenn man kritiklos zusammenraflft , was verschiedenca 
Individuen gehört, sind solche Sammlungen ohne Wert.^ Man rafft eben 
nicht kritiklos zusammen, sondern stellt methodisch neben einander; und daß 
man auf diesem Wege aus dem überlieferten Complex von Werken eines 
Autors mit Glück Fremdes ausscheiden oder aber die Zusammengehörigkeit ge- 
sonderter Stücke beweisen kann, dürfte die Geschichte der classischen und der 
modernen Philologie zeigen. Warum soll also nicht der dritte denkbare Schloß 
erlaubt sein, aus dem Mangel an Verschiedenheiten (inneren und äusseren) 
innerhalb eines überlieferten Gänsen dessen Einheit zu folgern? 

Wilmanns hat einen Anlauf zu derartiger Behandlung genommen, wenn 
er sagt , daß die Reime Hagent : sagene u. ä. von dem Dankwartsdichter ge- 
braucht werden, der als der begabtere weniger Werth auf formelle Glätte gelegt 
habe, nicht aber von dem Iringsdichter. An sich hätte letzterer selbst bei 
pedantischer Peinlichkeit diese Reime, die als klingende bei den höfischen 
Epikern erscheinen, nicht zu vermeiden gebrauch^ falls er nur genau reimte 



LITTERATÜR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 317 

Aber die ganze Behauptung beruht nur auf der Ausscheidung der Str. 1966. 
1993. Der Dankwartsdichter hat, wenn man die interpolierten Strophen mit- 
rechnet, diese Reime 12mal in 209 Strophen (1719. 1726. 1740. 1811. 
1825. 1855. 1862. 1889. 1891. 1896. 1916. 1942), also einen auf je 
35 Reime; der Iringsdichter hat sie in 51 Strophen 2mal, also einen auf je 
51 Keime. Ist das ein erheblicher Unterschied?*) 

Den eigentlichen Beweis für die Verschiedenheit des Dankwarts- und 
Iringsdichters findet aber W. in derThatsache, daß keiner von beiden das Werk des 
andern gekannt habe, da weder der erstere die Thüringer und Dänen noch 
der letztere Dankwart erwähnt. Ich habe für die Ausscheidung Ton 1815 f. 
keinen Grund gefunden. Au£PaIlender ist, daiS beim Saalkampf Thüringer und 
Dänen nicht erscheinen, da doch Dietrich und Rüdiger beim Essen anwe- 
send sind. Ich halte das aber nicht für genügend zur Trennung der beiden 
Abschnitte. Rüdiger und Dietrich entziehen sich absichtlich dem Kampfe; des- 
halb muste ihre vorherige Anwesenheit erwähnt werden. Iring und die Seinigen 
treten erst später handelnd auf; und der Dichter konnte, ohne daß man sie Termißte, 
ihre Anwesenheit oder Abwesenheit unerwähnt lassen. Im Saale konnte er sie 
nicht brauchen; moste er aber deshalb ausdrücklich sagen, daß sie nicht da 
gewesen? Daß er aber gar ihre Abwesenheit begründet hätte, werden wir 
nicht von ihm verlangen wollen. — Dankwart wird überhaupt nach dem Kampf 
in der Herberge und im Saal wenig mehr erwähnt; der Mohr hat seine Arbeit 
gethan. Lachmann hat ja deshalb alle Stellen entfernt, in denen Ton ihm noch 
die Rede ist, und ich komme später auf dieselben su reden. An sich kann 
ich die Nichterwähnung Dankwarts hier nicht auffallend finden. 

Auch darin findet W. einen Unterschied, daß beim Iringsdichter wie in der 
Rüdigersdichtung Hagen und Volker an der Thür stehen, in der Dankwartsdich- 
tung Dankwart und Volker. Ich frage, ob der Dichter sich keine solche Abwechs- 
lupg erlauben darf oder ob vielleicht seine Thätigkeit bloß darin bestehen soll, das 
nämliche traditionelle Leitmotiv zu variieren (oder vielmehr nicht zu variieren; son- 
dern wiederzukäuen) ? In der Dankwartsdichtung ist die Sache zudem naturgemäß 
begründet; denn Dankwart steht da schon an der Thür und muß an derselben 
stehen bleiben. — Etzel ist in der Iringsdichtung gar nicht da, wie in der 
Rüdigersdichtung, wo Rüdiger zum Kampf schreitet; Kriemhild veranlaßt den 
Kampf, sieht aber demselben, wie in der ältesten Dichtung, nicht zu. „Der 
Dankwartsdichter brachte beide in unmittelbare Nähe des KampQ)Iatze8.* Zum 
so und sovielten Mal wider das alte unkritische Verfahren, Verschieden- 
heiten , die im Gegenstand begründet sind , auf die Person des Dichters 
überzutragen! Natürlich ist in der Dankwartsdichtung das Königspaar auf der 
Stätte des Kampfes, der nach der Tradition (cf. die Thidrekssaga) beim Essen 
beginnt; aber der Dankwartsdichter selbst noch hat beide entfernt; und wie 
1958 Etzel sich in den Kampf begeben will, wird er zurückgehalten. Kriem- 
hild ist nach 1961 jedenfalls so nahe, daß sie hören kann, was vorgeht; 
das Sehen wird in dem Gewühl von Kämpfenden nicht immer möglich sein, es 
hat also wohl Sinn, wenn sie 1991, 2 von Hagens Verwundung hört. Etzeln 
brauchte der Dichter nicht; er tritt überhaupt nur noch in den Pausen des 



*) Ich muß auf diese Reime bei anderer Gelegenheit. surüekkommeu. 



318 LITTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELÜNOEN. 

Kampfes anf. Auffallend ist aber in W.s Munde die Behauptung, daß Kriem- 
hild den Kampf veranlasse. Sie hat Iring nirgends ausdrücklich gebeten; daft 
er durch sie veranlaßt werde su kämpfen, kann man nur dann annehmen, wen 
man die Zwischenscene , die dem Kampfe vorausgeht, dazu nimmt. Dann ist 
Irings Rüstung veranlaßt durch Kriemhilds Anerbieten 1962; und das ist sehr 
wahrscheinlich; denn wie Iring nur davon redet, mit Hagen kämpfen an wolleDi 
so hat Kriemhild ihre Belohnung für Hagens Tod ausgesetzt*). Aber wie 
kann W. das annehmen, nachdem er behauptet hat, Iring kämpfe nur um der 
Ehre willen? — Aus 1981 ff. folgert W., daß Giselher des Dichters Ldeblinga- 
held sei; aus andern Strophen könnte man gerade so gut dasselbe für Hagen 
folgern. Daß Volker und Hagen ohne den ,|reckenhaften Ubermuth^ encbeoMn, 
den sie beim Dankwartsdichter zeigen, kann nur durch die Atheteae von 1966. 
1970. 1993 f. 2012 aufrecht erhalten werden. 

Da die Iringsdichtung den Anschauungen der Rüdigersdiebimg nirgends 
widerspricht, so folgt daraus, „daß man ebenso wenig wie bei der Dnoewli- 
dichtung irgend welchen Grund hat zu der Annahme, es sei die besproelMna 
Scene nicht von vom herein dazu bestimmt gewesen ein Teil jener ftltesten 
Dichtung zu werden*. Somit sei der Iringsdichter ein Interpolator der Bftdi- 
gersdiehtung. Zu so vorschnellem Schluß hatte W. eigentlich bei der Dank* 
wartsdichtung noch mehr Anlaß und Begründung als hier. Denn bei j( 
hatte er doch wenigstens gefunden, daß der Mangel eines selbständigen SeUi 
darauf hinweise, daß die Er^Uilung zur Einfügung in ein grösseres Qanaea be* 
stimmt gewesen sei. Das ist hier durchaus nicht der Fall; es ist also fttr W. 
gar kein Grund vorhanden, Lachmanns Annahme eines selbständigen Irings- 
liedes zu verwerfen. 

Wichtig ist aber der aus den bisherigen Annahmen ganz richtig ge- 
zogene, für mich natürlich nicht weiter discutierbare Schluß: ,da die beiden 
Interpolationen ganz unabhängig von einander entstanden sind, so folgt weünr, 
daß unsere Überlieferung eine Contamination zweier verschiedener Bearbeitungen 
desselben Gedichtes ist**. Wir hätten also eine Interpolation Rüd. 4~ Dankw. 
und eine weitere Rüd. 4~ ^^'t ^°" deren Zusammensetzung unser Gedicht ent» 
standen wäre. Wie wir aber bei der Untersuchung von Str. 2072 — 2105 
sahen, hat die Rüdigersdichtung eine dritte Erweiterung erfahren dureh die 
Dietrichsdichtnng. Die Spuren dieser Dichtung und der Folgen ihrer Anschweiasong 
lernen wir in den folgenden Abschnitten kennen. 




Verwickelt ist die Untersuchung über den Bericht von dem Saalbrand, 
Str. 2024 — 2071. Vor Allem fällt hier auf, daß Etzel, an den noch (}emots 
Worte 2033 f. gerichtet sind, in Str. 2035 auf einmal verschwunden ist, ohne 
nur zu antworten; statt seiner treten die Etzden recken und nachher Kriemhild 
auf. Etzel wird auch gegen das Ende des Abschnitts erwähnt, 2061. 2066 
— 2068. 2071; aber diese Stellen sind nach W. alle unecht: 2061 ist über- 
flüssig; 2065, 3 weist schon auf 2069, 1 hin, was noch bezweifelt werdoi 
kann, obwohl es gar nichts auf sich haben würde; 2071 „hat Lachmann schon 



*) Damit ist auch 2005 (s. o.) noch einfacher verständlich; wenn Iring selbst 
am Goldes willen in den Kampf gegangen ist, so ist es ganz natürlich, daß er sagt: 
die pdhe $61 enphähen iwer deheinet kamt. 



LITTERATÜR: ZUR KRITIK DER NIBELUNGEN. 319 

ausgeschieden*', ich fuge bei^ bloß weil sie ^unbedeutend ist und am Ende 
eines der gewiß erst bei der letzten Anordnung beliebten Abschnitte steht*^ 
(Anmerk. S. 255) ; Wilmanns wird die Strophe eher des Constructionsüber- 
ganges wegen yerwerfen, der für Lachmann im 20. Liede kein Grund der 
Unechtheit war. — Aus dem allem schließt W. weiter, daß Etzel nur durch 
Interpolation hereingekommen sein könne und zwar erst nach und in Folge 
der Einschiebung der Dankwartsdichtung, deren Ereignisse nothwendig machten 
ihn zu erwähnen. Gegen diesen zweiten Theil der Folgerung muß ich mich 
entschieden rerwahren. Ich kann mir gar nicht denken, wie irgend eine Dar- 
stellung der Sage Etzeln während der ganzen Katastrophe hätte unerwähnt 
lassen können; in der RUdigersdichtung selbst hat er 1746 ff. die Gäste 
empfangen, und die Ökonomie des Gedichtes rerlangt, daß er bei Gelegenheit 
wider erwähnt werde, wie es in der überlieferten Dichtung der Fall ist. Etwas 
anderes ist die Frage, ob es nicht, wenn sonst erwiesen, denkbar sei, daß der 
Dichter Etzeln gerade in der vorliegenden Scene unerwähnt gelassen hätte. Das 
wäre schon möglich, müste aber begründet sein. Und das ist es nicht genü- 
gend. Über die grundlose Athetese der Str. 2061. 2066—2068. 2071 sage 
ich nichts weiter. Scheinbarer ist die Differenz zwischen 2033 f. und 2035. 
Allein sie läßt sich zurechtlegen. Man mag in den EtzeUn recken den König 
selbst mitfinden; die Möglichkeit dieser Erklärung hat R. Hildebrand in der 
schon angeführten Stelle Germania 10, 189 ff. und Zeitschrift für deutsche Phi- 
lologie 2, 469. 470 f. nahe gelegt. Man kann aber auch das Überspringen 
Yon Etzeln auf seine Recken so erklären, daß Etzel 2085 gewissermassen als 
Unparteiischer in die Mitte gestellt ist zwischen seine Mannen und Kriemhild, 
80 daß er, da diese weiter redet, Terschwindet| ohne rermißt zu werden. 

Aber nicht nur Etzel, sondern auch Kriemhild soll ursprünglich nicht in 
persönliche Berührung mit ihren Brüdern gekommen sein; ganz entsprechend 
der Darstellung in den bis jetzt gefundenen Bruchstücken der Rüdigersdichtung 
und im Iringsliede. In der RUdigersdichtung war für Kriemhild lediglich keine 
Veranlassung, mit ihren Brüdern in Berührung zu treten; und in der Irings- 
dichtung redet 1998 f. Hagen zu ihr; wie schlecht begründet die Ausscheidung 
der beiden Strophen war, haben wir gesehen. Es bandelt sich aber Tor Allem 
darum , zu sehen , ob in unserer Scene selbst ein Grund ist , Kriemhilds An- 
wesenheit als unursprünglich anzusehen. W. findet einen solchen in der Unter- 
handlung Giselhers mit den Hennen 2029 f., „die auffallend wenig zu den 
Anschauungen der umgebenden Strophen stimmt^; warum, gestehe ich nicht 
zu wissen; ich finde es schön, daß neben den Verhandlungen mit Etzel auch 
eine Appellation an seine Mannen, gleichsam an die vox populi stattfindet, da 
diese an Kriemhilds Racheplänen jedenfalls unbetheiligt sind; und in wessen 
Mund wäre diese Appellation besser zu legen gewesen als in den Giselhers? 
Str. 2085, 3 soll ebenfalb auf Kriemhilds Abwesenheit hindeuten, womit 1991^ 2 
▼erglichen wird. Aber dax gehSrte kann wohl heissen „hörte mit eigenen 
Ohren *", was 1991, 2 nicht der Fall ist; es war aber aller Grund, besonders 
zu sagen, daß Kriemhild das 2035^ 1. 2 Gesagte gehört habe; denn die Worte 
der Mannen Etzels sind nicht an sie gerichtet, sondern unter- und durchein- 
ander geredet. Wenn nun in der Scene selbst gar kein Grund liegt, Kriem- 
hild zu entfernen, so fragt sich nur, ob die überlieferte Darstellung mit dem 
Vorhergehenden übereinstimmt. Und das ist der Fall. Kriemhilds Worte 1992 



320 UTTERATUR: ZUR KRITIK DER NIBELUNaEN. 

hat Hagen gehört; sie befindet sich also in solcher Nähe desKampfplataea, daß 
aaf beiden Seiten einander hören kann. Wenn sie in derselben Strophe Iringy der 
leider zuo den 9inen gekommen ist, selbst den Schild abnimmt, so wird nch 
das so am besten erklären, daß sie sich auf der andern Seite des Hofet tm 
Ausgang eines Hauses befindet. Dasselbe kann nach 1957 ff. mit Etsel der 
Fall sein, der ohnehin am naturlichsten bei Kriemhild gedacht wird. 2020 ~ 
2022 findet der Kampf mit den 20000 Hennen sUtt; auch hier hindert nichti» 
das Konigspaar an demselben Orte befindlich zu denken. An denselben Plali 
werden sich beide auch an der Stelle begeben (2164 ff,)^ wo sie wegen der 
langen Stille, die auf Rüdigers Kampf gefolgt ist, unruhig geworden, von Yolkff 
belehrt werden, daß Rudiger gefallen sei**). Hin und her rufen, wie Str. 1957 C 
1993 f. 2166 ff., kann man naturlich über den Hofraum; aber in nnserer Seea^ 
wo die Burgundcn eines vride* gern, bitten sie naturlich ^ dos mam brakU dm 
ktinie zuo in dar, und er kommt auch wirklich mit Kriemhild so ihnen. Des 
ist wohl eine ganz ebene, zufriedenstellende Erzählung. 

Da aber die ganze Darstellung, wie sie einmal ist, auf Etaels and Kiics- 
hildfi persönliche Anwesenheit gebaut ist, so muß es, wie auch W. angibt, wm- 
möglich sein, genau zu ermitteln, was von der alten Dichtung in unserer Er 
Zahlung erhalten ist. Unter „der alten Dichtung*^ ist natürlich die Bndigwr 
dichtung zu verstehen, wie immer; allein daß gerade diese hier m GroBii 
liegen soll, ist durch nichts bewiesen. Wir können aber die Frage Torerst fBgU 
im Anstand lassen. Wilmanns will so viel erkennen, «daß die mite Diehts^g 
einen wesentlich andern Gang nahm^ und „warum die Überarbeitung diät 
Bahn verließt. Hier kann ich nicht umhin, ihm in Einzelnem Recht an gibce, 
ohne seine Consequenzen zu theileii. 

Daß die Burgunden (2033 f.) bitten, man möge sie aus dem Saale Uti. 
mochte ich trotz des t;<yT£pov MQOtiQOv 2033, 3**) weniger bcanstandea, 
obwohl es mit Stellen wie 2012 f., wo sie die Feinde, eben nm sie sichsfw 
zu fcmichten, in den Saal lassen, nicht recht übereinstimmt. Auffiülender sb 
dieser Wunsch, der dem Dichter wohl einmal in die Feder kommen konate, 
ist die Thatsache, daß 2047 die Burgunden in das Hans getrieben werdok 
Mit allem Recht hat W. dagegen daran erinnert, daß doch dieselben bis dahis 
immer siegreich gewesen (ich fuge aus den von ihm nicht berücksichtigtes 
Str. 2020 ff. hinzu, noch soeben mit 20000 Heunen fertig geworden) sind. 
Das ist klar; hier ist eine Verwirrung vorhanden, die Lachmann, der mit 20SS 
ein neues Lied begann, nicht zu entwirren brauchte, die aber W. und noek 
mehr die Verfechter der Einheit des Gedichtes zu entwirren alle Anffoide* 
rung haben. 

Hier muß ich mich aber gleich gegen W.s Versuch wenden, mit der 
Sache fertig zu werden. Wenn die Darstellung unseres Abschnitts mit der dsi 
Dankwarts- und Iringsdicbters nicht übereinstimmt, so braucht deshalb nuNii- 



*) Darf ich, gleichsam als Urtheil von Unparteiischen, hier die DarsteUoi^cs 
der bildenden Künstler anführen, welche, wie Gomelins, Schnorr, Rethel (in der Bea- 
demann-Hübnerischen Prachtausgabe), das Konigspaar den Kämpfen an der Stiege des 
Saals sowie der Vorzeigung von Rüdigers Leichnam aus dem Fenster eines benacb* 
harten Hauses zuschauen lassen? 

**) Vgl. über dasselbe auHser Rieger, Zur Kritik der Nib. 44, und Hofinsns, 
Zur Textkritik der Nib. 82, auch noch Müllenhoff, Zur Geschichte der N. N. 96S. 



LITTERATÜR: ZUR KRITIK DER NIBELUNOEN. 321 

halb des Abschnitts keine Verwirrung zu sein. Nur wäre freilich kaum glaub- 
lich , daß diese beiden Interpolatoren in ein Gedicht, das die Burgunden als 
eingeschlossen darstellte, Abschnitte eingeschoben hätten, welche dieselben durch- 
aus als Sieger schilderten. Aber auf wie schwachen Füssen die Annahme 
steht, daß die beiden Dichter Interpolatoren der Rüdigersdichtung seien, haben 
wir gesehen. Und wenn auch: womit ist bewiesen, daß wir hier Stücke oder 
auch nur Motive der Rüdigersdichtung vor uns haben? Nicht mit dem Schatten 
eines Beweises! Statt nun aber durch die Annahme einer ganz andern Dich- 
tung oder durch die Verwerfung des Verhältnisses zwischen Rüdigers-, Dank- 
warts- und Iringsdichtung sich zu helfen, hilft sich W. auf eine Weise, die 
gar nichts erklärt oder bessert. Er nimmt an, daß der Inhalt von 2045 — 
2048 vor 2033 ff. vorhergieng. Wie die Burgunden das Haus brennen sehen, 
bitten sie hinausgelassen zu werden (2033 f.); die Hennen möchten wohl (2035), 
aber Kriemhild gibt es nicht zu (2036 f.). — Sieht denn W. nicht, daß diese 
Annahme ebenfalls voraussetzt, daß die Hennen im Stand waren, die Burgunden 
in das Haus zurückzudrängen und darin festzuhalten, und zwar einige Zeit? 
Denn mit dem Brande kann es so schnell nicht gehen, daß nicht die stets 
Siegreichen noch im Stande sein sollten, durch die vor dem Hause Stehenden 
durchzubrechen. Es steht also die scheinbar sehr plausibel reconstruierte Dar- 
stellung immer noch im Widerspruch mit der vorhergehenden Erzählung, und 
es fällt damit jedes Motiv für diese Reconstruction weg. 

Kann man also der Erzählung nicht aufhelfen, ausser indem man sie, 
wie Lachmann, vom Vorhergehenden trennt? Ich glaube doch. Mangelhafte 
Benutzung abweichender Quellen hat hier die Verwirrung hereingebracht Der 
Dichter muste, seiner Quelle gemäß, erzählen, daß die Burgunden den Saal 
während des Brandes nicht verlassen haben, und konnte das mit der vorherigen 
Erzählung nicht genügend vermitteln. Er erzählte also, wie satt sie des Kampfes 
gewesen seien (2024 f.), und dachte damit es motivieren zu können, daß sie 
sich in den Saal zurücktreiben Hessen (2047). Aus der zuletzt angeführten 
Strophe geht dieses Suchen nach einer genügenden Motivierung ihrer Ein- 
schliessung deutlich hervor, zumal aus den sonst ganz unerklärlichen Zeilen 
2047, 3. 4; daraus aber wird die Thatsache erhellen, daß der Dichter, der die 
vorherigen Kämpfe schilderte, und derjenige, der den Saalbrand geschildert hat, 
eine Person ist. Auch hier liegt , wie öfters , die Unebenheit in den über- 
lieferten Thatsachen und in der Benutzung verschiedener Quellen. 

Wilmanns will erklären, wie die von ihm reconstruierte Erzählung in 
Verwinting gekommen sei. Er nimmt dabei einen Anlauf zu ganz ähnlicher 
Erklärung, wie ich sie soeben gegeben habe. Wenn man frage, warum der 
Dichter ein so furchtbares Mittel angewandt habe, das doch ohne alle Folgen 
bleibt*), so könnte man, sagt er, antworten, daß der Dichter die Sage schon 
vorgefunden habe und ihr treu gefolgt sei; ähnlich wie in der Thidrekssaga 
könnten verschiedene Berichte benutzt sein, und die unnatürliche Sage wäre aus 
der Vereinigung der widersprechenden Angaben hervorgegangen. Das wäre dem, 
was ich eben zur Erklärung beigebracht habe, ganz ähnlich. ,Im vorliegenden 
Fall aber